Ostseeradtour 2015 – Teil 3

Here Comes the Sun… (Beatles)

Kiel – Weißenhäuser Strand – Fehmarn

Am Morgen nieselte es gemütlich vor sich hin, doch nach einer Weile kam vorsichtig die Sonne zwischen den Wolken hervor, so dass wir trocken abbauen konnten. Natürlich waren wir wieder viel zu früh am Fähranleger und saßen in der Sonne, bis es Zeit war, auf den Steg zu fahren. Dieser ragt weit ins Wasser hinein und schwankt wie ein betrunkener Gartenzwerg. Eigentlich braucht man gar kein Schiff mehr, um seekrank zu werden.

warten Foerdefaehre

Nach einer Weile kam die Fähre, und wir gingen an Bord. Die Fähre ist echt eine tolle Einrichtung, man spart sich eine Menge Verkehrsgedöns, wenn man in die Innenstadt will, und eine Menge Zeit, wenn man wie wir ans andere Ufer möchte. Und genug Platz für die Fahrräder gibt es auch. Während wir gemütlich nach Laboe tuckerten, verließen zahlreiche Segelschiffe den Hafen: Die Kieler Woche hatte begonnen, und das mit absolutem Premiumwetter!

kielerwoche kielerwoche2

In Laboe rollten wir von der Fähre und vorbei am Marine-Ehrenmal, das wir bisher aus der Ferne bewundert hatten in Richtung Osten. Es gab die üblichen Strandkorbverleihs, Imbissbuden und Schilder, die auf Veranstaltungen hinwiesen. Für diesen Nachmittag wurde zu einem „Tanztee mit Fischbrötchen“ geladen. Eine Weile führte der Weg direkt am Strand entlang, und wir kamen am Hotel California vorbei und sogar durch Brasilien.

brasilien hotelcalifornia

In den Seebädern ist der Weg meist wunderbar asphaltiert, im Naturschutzgebiet Schmoel geht es eher offroad durch den Wald, so bleibt es abwechslungsreich. Bei Hohenfelde verließen wir den Weg am Wasser und suchten einen Supermarkt. Der Ort macht seinem Namen alle Ehre, man muss eine ganze Weile bergauf, um ihn zu erreichen. So viel zum Thema „Schleswig-Holstein ist flach“. Nach unserem Imbiss führte uns die Route landeinwärts über sanfte Hügel und durch Felder und bei Behrensdorf erreichten wir wieder die Küste. Bei Hohwacht konnten wir wählen zwischen dem flacheren Weg landeinwärts und der Steilküste bei Sehlendorf. Wir entschieden uns für letzteres, und der Panoramablick lohnte sich wirklich. Wir standen unter Bäumen an der Treppe, und unter uns spülten die Ostseewellen an den Strand. Auf der anderen Seite konnten wir über den Sehlendorfer Binnensee schauen.

sehlendorf Sehlendorf2

Sehlendorf3

Wir fuhren weiter und erreichten nach einer Weile den Weißenhäuser Strand. Hier hatte ich im Alter von neun oder zehn Jahren das erste Mal Bekanntschaft mit dem Meer gemacht, das ich bisher nur aus Büchern gekannt hatte. Später kam dann auch die Nordsee dazu. Zu diesen Urlauben waren wir im Morgengrauen aufgebrochen, um schon einen Teil der ca. 1000 km geschafft zu haben, bevor es richtig warm wurde. Außerdem hegten unsere Eltern die Hoffnung, dass mein Bruder und ich den ersten Teil der Reise verschlafen würden – meist vergeblich. Unsere geplagten Eltern konnten die Hörspiele, mit denen wir uns die Zeit vertrieben (Pumuckl, Hanni und Nanni, Die drei ??? usw.) sicher irgendwann auswendig mitbeten. Aber es war schön im Norden, und die Liebe zum Meer ist geblieben.

windflüchter

Als wir an einem Campingplatz vorbeikamen, beschlossen wir, dass es für heute genug war. Durch einen Hintereingang fuhren wir auf das Gelände und suchten nach der Rezeption. Diese befand sich nicht, wie gedacht, im Laden, sondern etwas weiter weg in Richtung Straße, dieser Campingplatz mit dem Namen Triangel war größer als erwartet. Am Sanitärblock erklären nette Schilder die Funktionen der einzelnen Räume, und auf dem Platz bei der Rezeption befindet sich eine Telefonzelle, in der jetzt ein Bücherregal steht. Diese Tauschregale nennt man bei uns „Hatenboertjes“, nach dem Kulturbeigeordneten unserer Stadt, auf dessen Mist die unsäglichen Mittelkürzungen für die Bibliothek gewachsen sind.

Camping Camping2

Wir stellten fest, dass es mal wieder Mittagsruhe war, und nahmen im Strandkorb an der Rezeption Platz. Ein anderes Paar klingelte den Platzwart heraus, der uns schon einen Platz zuwies. Einchecken konnten wir dann später. Wir bauten auf und gingen zum Laden, wo sie frische Erdbeeren hatten. Wir nahmen eine Schale davon mit und verspeisten sie genüsslich am Strand. Bei dieser Gelegenheit testete ich auch die Wassertemperatur – eindeutig noch etwas sehr kalt, aber wie wir inzwischen wissen, ist Temperatur ja Geschmackssache.

strandaufgang wassertest

Dann war es Zeit für das Abendessen. Da es etwas windig wurde, beschlossen wir, uns ins Restaurant zu setzen. Allerdings hatte ich meine Brille im Zelt vergessen und jetzt die Wahl, entweder supercool mit Sonnenbrille oder halbblind ohne da zu sitzen. Erst ließ ich die Sonnenbrille auf, um die Karte lesen zu können, danach nahm ich sie ab und sah alles angenehm verschwommen. Hat auch was für sich. Nach dem Essen lasen wir noch eine Weile und gingen dann schlafen.

Am nächsten Morgen kamen wir recht spät weg, denn es war wieder bewölkt und kühl, und bei so einem Wetter kommt man nur schwer in die Pötte. Außerdem rasselte mein Fahrrad, und es dauerte eine Weile, bis Peter den Schaden gefunden und zumindest teilweise behoben hatte.

leezenreparatur

Dann kam auch wieder die Sonne zwischen den Wolken hervor, und im Lauf des Tages wurde das Wetter wunderbar. Erst fuhren wir in Richtung Oldenburg und dann durch das sanfthüglige Binnenland nach Großenbrode. Auf einer Bank machten mal wieder Pause und genossen den Ausblick über das Kornfeld mit Mohnblumen und Kamille und auf die Fehmarnsundbrücke, die auch „der längste Kleiderbügel der Welt“ genannt wird. Mit ihren 963 Metern ist sie nicht ganz so lang wie die Humber Bridge, die wir vor zwei Jahren überquert hatten, aber immerhin.

blumenpracht2 blumenpracht

fehmarnsundbruecke

Dann fuhren wir weiter und fanden die Pforte zum geh- und Radweg auf der Sundbrücke. Nun konnte ich meinem Repertoire nach der Erasmusbrücke in Rotterdam und der Humber Bridge eine weitere spektakuläre Brücke hinzufügen. Natürlich blieb ich mal wieder mit einer der Taschen hängen, was Peter zu der Bemerkung „Do stop playing with that door!“ veranlasste. Der Radweg auf der Brücke ist nur auf einer Seite und ziemlich schmal, und die Leitplanke, die ihn vom Autoverkehr trennt, ist etwas sehr niedrig. Trotzdem gefiel mir die Überfahrt auf die Insel, und dank der frühen Jahreszeit hatten wir wenig Gegenverkehr.

fehmarnsundbruecke2 fehmarnsundbruecke3

Auf der Insel angekommen bogen wir rechts ab und steuerten den Campingplatz am Strukkamphuk an. Da wir nur eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, konnten wir noch vor der Mittagsruhe einchecken. Wir suchten uns ein Plätzchen im Windschatten eines Wohnmobils, dessen Besitzer uns über das Woher und Wohin ausfragten. Sie gaben uns den Tipp, zum Duschen das Familienbad zu benutzen, da die anderen Duschen im Moment gereinigt wurden. Hier konnte ich auch endlich die ganzen Samen aus meiner Wäsche entfernen, die sich bei einem sanitären Zwischenstopp darin verfangen und mich auf der Fahrt fröhlich gepiekst hatten. Blöde Gräser!

Dann machten wir uns auf den Weg, um die Insel zu erkunden. Von früheren Urlauben in Schleswig-Holstein erinnerte ich mich, dass alle Straßen dort nach Puttgarden führen, doch für die Radwege trifft dies nicht zu. Wir konsultierten eine Umgebungskarte und bastelten uns eine Strecke zur anderen Seite der Insel zusammen. Dann fuhren wir los.

Mit ihren 185 Quadratkilometern und 78 Kilometern Küstenlinie ist Fehmarn nach Rügen und Usedom die drittgrößte deutsche Ostseeinsel. Früher bildeten die Städte Burg, Landkirchen und Westfehmarn zusammen das Amt Fehmarn, seit 2003 ist die ganze Insel „Stadt Fehmarn“. Zuerst fuhren wir über gemütliche Nebenstraßen nach Landkirchen mit seiner beeindruckenden Backsteinkirche St. Petri.

petrikirche

Dann ging es weiter nach Puttgarden, von wo aus die Fähre über den Fehmarnbelt nach Dänemark fährt. Zusammen mit der Brücke, die die Insel mit dem deutschen Festland verbindet, bildet diese Fährverbindung die sogenannte Vogelfluglinie. Inzwischen ist ein Tunnel für Auto- und Bahnverkehr unter dem Fehmarnbelt in Planung, der 2021 fertig sein soll. Natürlich erwartet sich die Wirtschaft in beiden Ländern einen Boost aufgrund der schnelleren Transportmöglichkeiten. Die Bewohner von Fehmarn und der Seebäder auf dem Festland sehen das Ganze nicht so optimistisch, da die Insel für das zu erwartende Verkehrsaufkommen zu klein ist und der Straßenbau die ländliche Idylle und den Erholungswert zerstören würde. Auch die Seebäder würden massiv unter der zunehmenden Frequenz der Güterzüge und Lastwagen leiden. Das kann ich sehr gut verstehen, Wirtschaftswachstum ist schließlich auch nicht alles. Außerdem sind mit diese Megatunnel unter dem Meer unheimlich – den Channel Tunnel habe ich bisher auch gemieden.

In Puttgarden waren wir vor einigen Jahren schon einmal gewesen, als wir mit dem Auto über Dänemark und Schweden nach Norwegen gereist waren. Wir schauten uns kurz den Hafen an und entdeckten dann einen Stand, wo es die letzten leckeren Fischbrötchen vor Dänemark gibt. Sie hielten tatsächlich, was das Schild versprach.

puttgarden2 puttgarden

Dann fuhren wir nach Burg, dem Zentrum der Insel. Kurz nach dem Ortseingang mussten wir absteigen und erreichten über eine kleine Straße mit netten Geschäften die Breite Straße mit ihren charakteristischen Backsteingebäuden. Die beiden markantesten sind wohl das Rathaus und die Nikolaikirche. Dort parkten wir unsere Räder und gönnten uns ein Eis. Wir bummelten die Straße entlang und besorgten uns bei einem Bäcker, der auch sonntags geöffnet hat, noch ein paar Brötchen.

burg3 burg4

Danach fuhren wir zum Burger Binnensee, wo sich der Hafen von Burg, „Dat Nye Deep“ genannt, befindet. Von dort aus nahmen wir den Uferweg unter der Brücke durch zurück zum Campingplatz.

burgbinnensee

Inzwischen war es Zeit zum Abendessen geworden und wir kehrten im Biergarten des Platzes ein. Am Nebentisch saß eine Gruppe von Dänen, die sich beim Bezahlen mit den Euros etwas schwer taten. Na ja, ich muss mich ja auch jedes Mal wieder an die dänischen Münzen mit und ohne Loch gewöhnen.

Nach einer leckeren Ofenkartoffel und einem Bierchen machten wir noch einen Spaziergang zum Strand und dem etwas kurz geratenen Leuchtturm von Strukkamphuk. Hier konnte man tatsächlich die Sonne im Meer versinken sehen, was ja an der Ostsee nicht überall möglich ist.

sonnenuntergang sonnenuntergang2

leuchtturm

Nach einer Weile gingen wir wieder zurück zum Zelt, da es inzwischen etwas kühl wurde. Dort entdeckten wir ein paar Karnickel, das sich anscheinend hinter den Vorderreifen unserer Leezen sehr wohl fühlten.

karnickel

Wir störten sie nicht weiter und verkrochen uns in unsere Schlafsäcke. Heute war Mittsommer, und ich schlief noch immer mit dicken Socken. Aber egal, so lange es tagsüber nicht allzu kalt ist, passt es schon, und Temperatur ist ja bekanntlich Geschmackssache.

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Kategorien: 2015 - Ostseeradtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Ostseeradtour 2015 – Teil 3

  1. Die Brötchen hielten, was das Schild versprach. Dass es das letzte Fischbrötchen vor der Grenze war oder das Leckerste? 😀

  2. Pingback: Eine andere Kindheit und Jugend | Grenzwanderer

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