Ostseeradtour 2015 – Teil 5

Auf Regen folgt Sonnenschein (deutsches Sprichwort)

Lübeck – Zierow – Wismar – Bögerende

Am nächsten Morgen war es bewölkt, und einzelne Regentropfen fielen auf das Zeltdach. Wir frühstückten gemütlich und beobachteten diverse Nachbarn beim Aufbruch. Der schwedische Vater, der mit seinen zwei Söhnen schräg gegenüber uns stand, begrüßte uns mit einem fröhlichen „Hejhej!“, was Peter zu der Bemerkung veranlasste: „Im Fernsehen sagen sie das auch immer, und meistens wird kurz danach eine Leiche gefunden.“

Dies blieb uns allerdings erspart, und nachdem wir abgebaut und noch etwas an den Rädern herumgeschraubt hatten, brachen wir auf. Da der Campingplatz westlich vom Stadtzentrum liegt, und wir nach Osten wollten, mussten wir vom Holstentor aus immer geradeaus mitten durch die Stadt mit ihrem Verkehr, dem Kopfsteinpflaster und den Fußgängern, die vor allem dann überhaupt nicht auf den Verkehr achten, wenn sie zu ihrem Auto wollen. Aber bald fuhren wir über die Rehderbrücke in Richtung Schlutup.

Da wir vorgestern ja schon mit Kurt in Travemünde gewesen waren, kürzten wir etwas ab und überquerten die Grenze nicht beim Priwall, sondern bei Schlutup. Nun waren wir also auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, doch wirklich gravierende Unterschiede konnten wir hier nicht entdecken. Wir folgten der Hauptstraße nach Dassow und fuhren ein Stück am Dassower See entlang, wo wir uns wieder über eine wunderschöne Blumenwiese am Seeufer freuten.

DassowerSee

Die Beschilderung war immer noch ein wenig merkwürdig. Eigentlich sollten die zuständigen Beamten oder wer auch immer die Dinger aufstellt, einen ortsunkundigen Radfahrer mitnehmen. Und immer, wenn der „Und jetzt?“ sagt, stellt man einen Wegweiser auf. Immerhin konnten wir erfreut feststellen, dass man mit dem Bau von Radwegen beschäftigt war.

Inzwischen war die Gegend immer ländlicher geworden. Wir machten eine kurze Pause in einem einsamen Bushäuschen, an dem aber immerhin sechsmal am Tag ein Bus vorbeikommt. Dann kamen wir an einer Windmühle und einer netten Kirche vorbei.

unterwegs unterwegs2

Irgendwie merkte man es doch, dass wir jetzt in Ostdeutschland waren, aus irgendwelchen Gründen fühlte sich die Gegend nicht mehr vertraut an. Wir überlegten und kamen zu dem Schluss, dass es wohl einerseits an den weiten Kornfeldern lag, zu denen kein Bauernhof gehört. Man sah auch niemanden dort arbeiten, was aber auch nicht notwendig war, das Getreide reifte gemütlich vor sich hin. Außerdem sehen die Häuser dort auch etwas anders aus, quadratisch, praktisch, gut. Einige dieser wohl klassischen DDR-Häuser waren inzwischen wunderschön saniert, andere jedoch noch nicht.

Weiter ging es am Rand des Lenorenwalds entlang einen Hügel hinauf nach Hohenschönberg. Dieser Ort macht seinem Namen natürlich alle Ehre, und Mecklenburg-Vorpommern ist also genauso wenig flach wie Schleswig-Holstein. Doch dann gab es eine wunderschöne lange Abfahrt bis fast nach Klütz.

unterwegs3

Dann wollte ich endlich wieder ans Meer, und wir bogen ab Richtung Boltenhagen. Der Gatte war allerdings mit meiner Wahl nicht einverstanden, denn “hier ist doch nichts”. Gar nicht wahr, es gibt dort einen netten Hafen, und – noch besser – ein Kiosk mit sehr leckeren, sehr würzigen Fischbrötchen!

boltenhagen boltenhagen2

So gestärkt fuhren wir weiter und fanden tatsächlich die Ostseeroute wieder. Bald waren wir auf dem Weg nach Zierow, unserem heutigen Ziel. Unterwegs kamen wir am “Kuriosen Muschelmuseum” und an einem Laden mit der Aufschrift “Lebensmittel, Nützliches und Schnickschnack” vorbei.

Über eine recht lange Anfahrt vorbei an einem Reiterhof und diversen Ferienhäusern erreichten wir den Campingplatz. In dem gepflegten Blumenbeet vor der Rezeption begrüßte uns eine etwas kitschige Skulptur zweier springender Delfine. Da noch nicht viel los war, durften wir uns einen Platz auf der Familienzeltwiese aussuchen. Natürlich positionierten wir unser Zelt so, dass wir auf das Meer schauen konnten und hofften, dass uns nicht später noch ein Wohnmobil die Aussicht verstellen würde. Und nach diesem eher wolkenverhangenen Tag schien auch wieder die Sonne, was will der Mensch mehr?

Hier waren wir auf einem Campingplatz mit allen Schikanen gelandet: Schwimmbad, Indoorspielplatz, Restaurant, und die Sanitäranlagen waren so groß, dass wir uns fast darin verliefen und, wie es bei Loriot so schön heißt, “sehr sauber”.

Nach unserem abendlichen Restaurantbesuch wollten wir zum Strand, aber es dauerte eine Weile, bis wir den richtigen Ausgang gefunden hatten. Am Wasser setzten wir uns auf eine Bank und beobachteten zwei junge Leute, die auf einer Art Schlauchbooten stehend auf die andere Seite der Bucht stakten. Respekt. Ich hätte es wahrscheinlich nicht mal geschafft, auf so einem kippligen Ding aufzustehen. Als es dann doch etwas kühl wurde, verzogen wir uns in unser Zelt.

zierowstrand zierowstrand2

Am nächsten Morgen schien die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Wir frühstückten ausgiebig mit zwei Tassen Kaffee, denn es war Freitag und unser Ruhetag. Dann fuhren wir nach Wismar. Die Radstrecke war teilweise wunderschön zu fahren, teilweise führte sie über schlaglochreiche Feldwege. Hin und wieder hatten wir eine tolle Aussicht über die Bucht, und zahlreiche Schilder warnten vor den Gefahren der abbröckelnden Steilküste.

Wir kamen an einer Kleingartensiedlung “mit Seeblick”, in diesem Fall Aussicht auf die Werft, vorbei und rollten ins Zentrum. Bei der neuen Kirche parkten wir die Leezen. Diesmal hatten wir keine Premium-Stadtführung, sondern mussten Wismar selbst erkunden. Auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz mit der Wasserkunst begannen wir unseren Rundgang. Dieser Brunnen wurde am Ende des 16.Jahrhunderts vom Utrechter Baumeister Philipp Brandin im Stil der niederländischen Renaissance erbaut und gilt als Wahrzeichen der Stadt.

wismarmarktplatz wismarwasserkunst

Als erstes besichtigten wir die Kirche St. Georgen, die wie so viele Bauwerke im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war. Da man in der ehemaligen DDR andere Prioritäten hatte als Sakralbauten zu renovieren, hatte man erst nach der Wiedervereinigung mit der Restaurierung begonnen. Als jedoch im Januar 1990 ein Orkan den Giebel des nördlichen Querhauses herunterriss, war eindeutig Handlungsbedarf gegeben, und es kamen nach und nach die nötigen Gelder zusammen, um die Kirche zu renovieren. Die wichtigsten Arbeiten waren im Jahr 2010 beendet, und die Kirche wird jetzt als Sakral- und Kulturgebäude genutzt. Während unseres Besuchs wurde gerade die Kulisse für das Stück „Jedermann“ aufgebaut.

wismarstgeoregen2 wismarstgeorgen

Wie die anderen größeren Kirchen in Wismar ist auch St. Georgen ein Beispiel der norddeutschen Backsteingotik, die wir bereits in Kiel und Lübeck bewundern durften. Hier mal ein bisschen mehr darüber: Bereits im 12. Jahrhundert wurden Backsteine als Baumaterial eingesetzt, so dass die ältesten Bauwerke eigentlich zur Backsteinromanik gehören. Der Begriff „Backsteingotik“ wird vor allem für Norddeutschland und die Länder um die Ostsee verwendet, obwohl man Gebäude dieser Art auch in den Niederlanden, Belgien und sogar in England finden kann. Wikipedia schreibt dazu:

„Charakteristisch ist einerseits das überwiegende Fehlen von figurativen Bauplastiken, die mit Backsteinen nicht zu realisieren waren, andererseits die reiche Gliederung durch gemauerte Ornamente und Flächenstrukturierungen durch den Wechsel von roten und glasierten Ziegeln und weiß gekalkten Wandflächen.“

Danach gingen wir zur Marienkirche, von der nur der Turm übrig ist. Das ebenfalls im Krieg schwer beschädigte Kirchenschiff wurde 1960 gesprengt – auch eine Lösung. In den vergangen Jahren wurde der Turm so weit restauriert, dass man ihn für Veranstaltungen nutzen kann, und der Grundriss der ehemaligen Kirche wurde durch niedrige Mauern wieder sichtbar gemacht.

wismarstmarien2 wismarstmarien

Danach besuchten wir die Ausstellung „Bilder einer Stadt“ im Keller des Rathauses. Die Ausstellung bietet einen Einblick in die Stadtgeschichte, aber auch der Ratskeller selbst ist sehenswert. Wir lernten, wie sich Wismar seit dem 13. Jahrhundert von einer Handwerkssiedlung zu einer bedeutenden Hansestadt entwickelte und dann im 30jährigen Krieg schwer verwüstet wurde. Beim Westfälischen Frieden im Jahr 1648 wurde die Stadt den Schweden zugeschlagen, die sie in den nächsten 150 Jahren zu einer mächtigen Festung ausbauten. Viele Namen in der Stadt, wie das Restaurant „Alter Schwede“ oder das „Schwedeneck“ zeugen noch von dieser Zeit. Im 19. Jahrhundert war Wismar eine wichtige Hafenstadt und um die Jahrhundertwende auch eine bedeutende Industriestadt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden große Teile der Stadt durch Bombenangriffe zerstört. Heute steht die größtenteils renovierte Altstadt unter Denkmalschutz.

wismarrathaus wismarratsapotheke

Nach der ganzen Kultur setzen wir uns erst mal auf den Marktplatz und beobachteten die Leute. Wir stellten fest, dass die Tattoos sowohl zahlen- als auch oberflächenmäßig zunahmen, aber das musste nicht unbedingt mit der geografischen Lage zusammenhängen, es konnte auch am schönen Wetter liegen.

Dann gingen wir einkaufen und begaben uns zurück zum Campingplatz, wo wir nach einem selbstfabrizierten Abendessen im Schatten des Gruselbaums noch ein Pfund Erdbeeren verspeisten, Postkarten schrieben und lasen. Als es zu regnen begann, verkrochen wir uns ins Zelt.

gruselbaum

Am nächsten Tag war es so warm, dass ich zum ersten Mal die kurze Hose anziehen konnte. Wir gaben unsere Postkarten an der Rezeption ab und brachen auf. Erst fuhren wir wieder die bekannte Strecke nach Wismar und dort auf einem Radweg um das Zentrum herum. Leider lag dort viel Glas, so dass wir extra vorsichtig fahren mussten. Was ich diesen Halbdackeln wünsche, die die Radwege mit Glas verzieren, habe ich ja an anderer Stelle schon mal geschrieben. Wir mussten durch ein Industriegebiet, und dann gab es Schilder Richtung Insel Poel.

weitesland

Wir fuhren am Salzhaff entlang durch nette Ortschaften und vorbei an weiten Getreide- und Rapsfeldern, deren Sinn und Zweck uns durch Schilder mit der Auschrift “Hier wächst Ihr Sonntagskuchen” oder “Unsere Ölfelder blühen gelb” erklärt wurde. Ein “Haff” ist übrigens ein Brackwasserbereich, der durch eine Nehrung (Landzunge) oder vorgelagerte Inseln vom tieferen Meer getrennt ist. Weiter ostwärts heißt diese Erscheinung “Bodden” und ist wohl typisch für die Ostsee, denn an der Nordsee habe ich so etwas noch nicht entdeckt. Und auch hier konnen wir wieder die für die deutsche und niederländische Nordsee so untypische Steilküste bewundern.

steilküste steilküste2

Wie schon einmal erwähnt ist es auch hier nicht wirklich flach, aber schön zu fahren. Die langen Anstiege sind nicht besonders steil, und bei den Abfahrten muss man nicht einmal bremsen, falls nicht gerade jemand mit Hund im Weg herumdackelt.

Unterwegs sahen wir ein liebevoll bemaltes Transformatorenhäuschen, von denen wir später noch viel mehr entdecken sollten. Bis Rerik fuhren wir noch durchs Landesinnere, und beim Leuchtturm von Bastorf landeten wir wieder an der See.

trafohäuschen leuchtturmbastorf

Inzwischen war es ziemlich warm geworden, und der Ortsname “Kühlungsborn” klang angenehm erfrischend. Wir fuhren durch das Seebad mit seiner schön sanierten Bäderarchitektur und steuerten am Ortsrad einen Supermarkt an. Während Peter einkaufte, kam die Erfrischung in Form eines Regenschauers. Ich stellte mich im Parkhaus unter und kam dort mit zwei ebenfalls radelnden Osnabrückern in Gespräch. Sie waren für ein paar Tage hier und machten von Kühlungsborn aus Radtouren. Dabei hatten sie festgestellt, dass es hier bei weitem nicht so flach war wie im Osnabrücker Land, und dass so ein E-Bike keine schlechte Erfindung ist.

Als der Regen nachgelassen hatte und der Gatte mit den Einkäufen zurückgekehrt war, fuhren wir weiter zum Campingplatz nach Bögerende. Der Zeltbereich dort ist an einem Teich mit vor sich hinquakenden Fröschen. Uglaublich, wieviel Lärm aus so kleinen Tieren rauskommt, aber idyllisch ist es schon.

Der Campingplatz hat absolute Luxusfacilities, erst dachte ich, dass ich mich auf der Suche nach der Dusche in irgendeinen Kur- und Wellnesbereich verlaufen hätte! Ich mache ja nicht oft Fotos vom Sanitärbereich, aber hier musste das wirklich sein.

facilities facilities2

Nachdem wir unsere Klamotten gewaschen hatten, machten wir einen Spaziergang über den Strand nach Bögerende, wo ein neues Feriengebiet entstand: eine Eisdiele, das Fischrestaurant “Zum Fasan”, ein Fahrradverleih und zahlreiche neue Appartements warteten auf den Touristenansturm in der Hauptreisezeit.

Dann kehrten wir wieder zurück auf den Campingplatz und verspeisten unser Abendessen im Restaurant “Deichhus”. Das “Rostocker Dunkel” schmeckte dazu sehr gut. Danach saßen wir noch eine Weile auf der Bank auf der Zeltwiese, wo inzwischen viele Radfahrer eingetrudelt waren, bis es uns zu kühl wurde. Wir verkrochen uns in die Schlafsäcke und schliefen zu den Klängen eines Froschkozerts ein.

Kategorien: 2015 - Ostseeradtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Ostseeradtour 2015 – Teil 5

  1. Bei vielen Radfahrern ist ein Urlaub in Boltenhagen auf Ostseeküstenradwege ziemlich beliebt, denn auf diesen schönen Bildern erkennt man, das an den Radwegen der Ostsee ein einzigartige Biotop für besondere Pflanzen und für Tiere ist. Vor allem die offenen Meeresflächen mit Niedrigwasser sind faszinierend. Besonders der Seltenheitswert zur Insel Poel entlang am Salzhaff mit den ausgedehnten Flachwasserbereichen, die durch Landzungen vom baltischen Meer getrennt sind und durch schmale Meeresarme eine Verbindung zur offenen See haben, sind besonders idyllisch. Wie im Artikel beschrieben: Am Salzhaff entlang durch nette Ortschaften und vorbei an weiten Getreide- und Rapsfelder, hat auch mein Interesse geweckt, im kommenden Sommer eine kleine Radtour zwischen dem Salzhaff und der Wismarer Bucht in Richtung Rerik zu unternehmen.

    • Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar und viel Spaß im Sommer. Die Gegend hat wirklich was.

  2. bockmouth

    Schöner Bericht mal wieder, Petra! Beim Lesen pedaliere ich in Gedanken mit!😉

    bockmouth

  3. Ha! Vor ein paar Tagen achtete ein Fußgänger nicht darauf, dass er, bevor er den Autoverkehr beobachten muss, um über die Straße zu kommen, er erst einmal gucken muss, ob sich kein Radfahrer – in diesem Falle ich – ordnungsgemäß auf dem zwischengelagerten Radweg von hinten nähert. Puuuh, das war knapp.

    Geilo mit dem Beschilderer. Genau so ist das hier auch😀

    Misto, schon zu Ende. Aber es gibt ja noch sehr viele andere Berichte zu lesen.

    • Danke für dein Interesse.🙂 Der nächste Teil ist in Arbeit und geht diese Woche on. Da der nächste Urlaub im Juni ansteht, möchte ich die Ostseereise vorher fertig haben.

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