„Seekrank in München“ von Hallgrímur Helgason

Eigentlich hatte ich vor, dieses Wochenende meine Pieterpad-Wanderung fortzusetzen, aber jetzt sitze ich mit Halsschmerzen und einer Triefnase zu Hause. Toll. Aber ich hatte mich sowieso schon gewundert, dass der Erkältungskelch bisher an mir vorbeigegangen war, und außerdem herrscht gerade Schietwetter vom Feinsten. Also werde ich mein freies langes Wochenende zum Lesen und Schreiben nutzen, was ja nicht verkehrt ist.

seekrankinmuenchen

Zu Weihnachten bekam ich ein Päckchen aus der alten Heimat mit „bayerisch-nordischem Kultugut“, darunter das Buch „Seekrank in München“ (Stuttgart, 2015) des isländischen Schriftstellers Hallgrímur Helgason. Der Klappentext las sich schon mal vielversprechend: „Von einer märchenhaften Insel im Norden kommt ein junger Mann, um in München Malerei zu studieren. Er kennt weder Sprache noch Bier, aber er weiß genau, was er werden möchte: Künstler.“ Etwas merkwürdig fand ich, dass im Impressum der Titel der Originalausgabe unterschlagen wurde, aber Google ist ja mein bester Freund, und hier ist er: „Sjöveíkur i München“.

Der Protagonist, ein junger Isländer, der auch noch Jung heißt, ist ein richtiger Antiheld, der fast nichts auf die Reihe kriegt. In München landet er nur, weil er die Bewerbungsfristen der anderen Hochschulen verbummelt hat. Die Aufnahmeprüfung für die Münchner Kunstakademie hält er für eine reine Formsache und zeichnet einfach irgendwas, während die anderen Kandidaten „an ihren Tischen rackerten, als ginge es um Leben und Tod. […] Der Isländer hatte diesen deutschen Ernst nicht.“ (S. 138) Trotzdem wird er aufgenommen, da die Lehrer finden, dass er Potenzial hat.

Die Stadt München scheint ihm überhaupt nicht gut zu tun, was sich darin zeigt, dass er in Stresssituationen eine merkwürdige, schwarze, lavaartige Substanz erbricht, die unter anderem einen Papierkorb in Brand setzt, Löcher in die Schuhe eines ziemlich arroganten anderen Isländers (der bezeichnenderweise Thor heißt) ätzt und die Kloschüssel seiner Vermieterin ruiniert. Das schwarze Zeugs versaut ihm seine „italienische Reise“, die ja seit Goethe irgendwie zur künstlerischen Bildung gehört, und die zarten Bande mit der netten Italienerin aus der Cafeteria. Und als er bei einem Besuch in Ostberlin im Gefängnis landet, weil er in seiner grenzenlosen Naivität einen Wachturm der Berliner Mauer fotografiert hat, bringt diese merkwürdige Masse ihn in zusätzliche Erklärungsnot.

Selbstverständlich ist in diesem Buch auch viel von (moderner) Kunst und der Frage, was nun eigentlich Kunst ist, die Rede. So überlegt Jung, ob sich aus dieser schwarzen Masse nicht irgendetwas machen ließe, immerhin hätten andere das ja auch schon getan: „Und Manzoni? War wirklich echte Kacke in seinen berühmten Dosen mit ‚Künstlerscheiße“? […] Sollte er den Klumpen nicht doch wieder an sich nehmen? Vielleicht ließe er sich ja für ein Kunstwerk verwenden. Vomito d’artista? Ach nein, das war nicht seine Abteilung.“(S. 79)

Getreu dem Gesetz der Serie (wenn man einmal auf etwas aufmerksam wurde, stolpert man kurz danach wieder darüber) hatte ich vor einige Wochen ein Skript zu diesem Thema Korrektur gelesen, und so konnte ich mich an Stellen wie diesen über einige Aha-Erlebnisse freuen.

Jungs großes Vorbild ist Marcel Duchamp, und vor allem dessen Projekt „Staubsammeln“ fasziniert ihn. „Um die vergängliche Lust im Netz der Zeit zu fangen, ließ der Meister das Glas monatelang unabgedeckt und unberührt im Atelier liegen, unter diesem Schneefall der Ewigkeit, bis die unerfüllte Lust zugedeckt war, dann fegte er den Staub zu bestimmten Formen zusammen. Was für eine Selbstdisziplin, welche Geduld!“ (S. 101) Auf die Gefahr hin, mich hier mal wieder als Ignorant zu outen, möchte ich dem Jungen raten, einfach drei Wochen den Haushalt zu vernachlässigen und sich ins wahre Leben zu stürzen, die Staubhäufchen kommen dann schon von selbst.

Ich finde das Buch vor allem deswegen faszinierend, weil ich ebenfalls in München studiert habe, wenn auch ungefähr zehn Jahre später. Sehr vieles erkenne ich wieder, aber diese Orte aus der Perspektive eines jungen Isländers beschreiben zu sehen, ist schon sehr interessant, z. B. die U-Bahn: „Die U-Bahnhöfe waren ebenfalls größer, in kräftigen Farben gefliest und trotzdem ohne jegliches Flair. Das Design war praktisch und gut gemeint: Wir wollen viel Platz, und alles in hellen Farben! – das Ergebnis fiel gleichwohl deprimierend aus. Unter dem Marienplatz fühlte sich der Fahrgast, als würde er in einer Brotzeitdose aus orangerotem Plastik stecken.“ (S. 41) So unrecht hat er damit nicht.

Sein Besuch des Oktoberfestes, bei dem er von einigen anderen Isländern nach Strich und Faden abgefüllt wird, ist natürlich ziemlich grauenhaft. Klar, die Wies’n war auch damals schon ein lautes, überteuertes Massenbesäufnis, und besser ist es sicher nicht geworden. Einfach herrlich ist hier Jungs Beobachtung beim Pinkeln: „Plötzlich stand ein Mann in Lederhosen neben ihm und ließ seinen Strahl ins Gras jenseits des Zauns plätschern. Jung bemerkte, dass der Kerl nicht einmal den Hosenlatz öffnen musste, sondern einfach unter dem kurzen Hosenbein hervorpinkelte. Ach so, deswegen die kurzen Hosen und darum keine Klos, das war das bayerische Nationaltrikot fürs Biertrinken, speziell entwickelt und sehr praktisch.“ (S. 132)

Den Englischen Garten meidet er, da er gehört hat, dass dort an manchen Plätzen die Leute nackt in der Sonne liegen. Er stellt sich darunter eine Kolonie Althippies vor, die er bekleidet schon peinlich genug findet. Schade eigentlich, denn vielleicht hätte er sich in München wohler gefühlt, wäre er öfter durch den riesigen Park im Herzen der Stadt und die Isarauen spaziert.

Wie sein Protagonist hat auch Hallgrímur Helgason Anfang der 80er Jahre in München Malerei studiert. In einem Interview sagt er über diese Zeit: „Einsamkeit ist das Gefühl, das mir zuerst in den Sinn kommt, wenn ich an meine Zeit in München denke. Ich bin so unschuldig und blauäugig in diese Stadt gekommen. Das Bier, das ich nie zuvor probiert hatte. Ich war vor München noch nie in einem Restaurant oder in einer Kneipe gewesen. Ich konnte praktisch kein Deutsch. Es war schrecklich. München wurde zu meinem Feind.“ Wenn man sich die Einwohnerzahlen im Jahr 1981 betrachtet (München: knapp 1.300.000. Island: 230.000), wundert es einen überhaupt nicht, dass sich sowohl Helgason als auch Jung hoffnungslos verloren vorkommen.

„Seekrank in München“ ist eine ziemlich gnadenlose Abrechnung mit der Stadt, geschrieben mit einer kräftigen Dosis schwarzem Humor, so dass auch ich als Müncher Kindl im Exil mich beim Lesen bestens amüsiert habe.

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