Die schönste Synagoge der Niederlande oder: Warum der Gatte und ich wieder die Schulbank drücken

Oh Mann, da habe ich mir wieder ein Ei gelegt! Dabei fing alles recht harmlos an, nämlich mit einem Zeitungsartikel, dass sich immer mehr deutschsprachige Besucher für die Synagoge in unserer Stadt interessieren, und dass deswegen Leute gesucht werden, die sich zum Gästeführer ausbilden lassen möchten. Wenn’s weiter nichts ist – Deutsch kann ich. Auch Peter hatte Lust, mitzumachen, und so schrieb ich eine Mail an das Sekretariat der Stiftung um unser Interesse zu bekunden. Ich fragte auch, ob es ein Problem sei, dass wir nicht jüdisch sind.

Kurz darauf rief eine Dame von der Stiftung an und lud uns zu einem Gespräch ein. Dort fühlte man uns ganz schön auf den Zahn. Als erstes mussten wir einen Fragebogen ausfüllen. Darin wurde u.a. gefragt, was wir besonders interessant finden: Die Architektur des Gebäudes, die Geschichte des Judentums in Twente, die jüdische Religion, Kunst, Kultur und Religion im Allgemeinen. Auch wollten sie wissen, was für Arbeiten wir erledigen wollten (Empfang, Führungen, Café und Laden), was wir beruflich machten und besondere Kenntnisse.

Im anschließenden Gespräch kam natürlich auch die Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ (Goethe, Faust I). Ich würde mich wohl am ehesten als Agnostikerin mit protestantischem (lies: evangelischem) Hintergrund bezeichnen. Und es ist mir klar, dass ich hier wieder mit einigen Vorurteilen aufräume, nicht jeder, der in Bayern geboren ist, ist automatisch katholisch. Ich interessiere mich aber durchaus für Religion im Allgemeinen (hatte ich auch angekreuzt) und habe mich erst neulich in die keltische und nordische Mythologie vertieft. Da kann man das Judentum auch noch dazupacken.

Dies war kein Problem, die jüdische Gemeinde ist seit dem zweiten Weltkrieg sehr geschrumpft, und nur wenige freiwillige Helfer der Synagoge sind jüdischen Glaubens.  Wir wurden allerdings wiederholt darauf hingewiesen, dass das Ganze richtig harte Arbeit werden würde, wir müssen ja immerhin eine Menge lernen. Och, das geht schon – dachten wir…

Man schickte uns eine Mail mit den Unterlagen für Gästeführer, und zwar in deutscher als auch in niederländischer Sprache, und wir fingen begeistert mit der Lektüre an, um uns auf die erste Stunde vorzubereiten.

Bevor man uns auf die ahnungslosen Touristen loslässt, kriegen wir eine richtige Ausbildung. In den ersten vier Treffen lernen wir das Gebäude kennen und erfahren alles Nötige für den Empfang. Denn auch wenn wir eigentlich Führungen machen wollen, kann es sein, dass wir mal dort einspringen müssen.

Tja, und für die erste Stunde hatte ich brav alles über die kleine Schul (Tagesschul) gelesen, und es erschien mir auch wunderbar einleuchtend. Aber dann saßen wir im besagten Raum, und die Kursleiterin fragte uns, was wir darüber jetzt wissen. Au weia, lesen geht ja noch, aber das Reproduzieren ist wieder eine ganz andere Sache. Ich bekam richtig Mitleid mit meinen eigenen Kursteilnehmern!

Da die Leute vor mit schon alles über den Heiligen Schrein, die Thora und das Lesepult (die Bima) erzählt hatten, war kaum noch etwas übrig, als ich an der Reihe war. Aber bevor ich mich vollends blamierte, fiel mir zum Glück noch etwas über die Bleiglasfenster ein, auf denen die Ausgangspunkte jüdischen Lebens (Gott fürchten, Wahrheit, Friede und Liebe, Gutes und Gerechtes tun und das Gebet) dargestellt sind. Darunter sind auch noch die Symbole des gelobten Landes: Palme, Wasserstrom, Kornähre, Trauben und gesprengte Ketten als Symbol für die Freiheit. Immerhin etwas, auch wenn es natürlich noch viel mehr gibt.

Diese ganze Zahlensymbolik ist auch unheimlich faszinierend. Die Zahl 18 steht für das Leben, und deshalb ist die große Schul auch jeweils 18 Meter lang und breit und in der Kuppel sogar 18 Meter hoch. 10 steht für die Vollkommenheit (siehe auch die 10 Gebote), 7 für Säuberung und Reinheit, weshalb auch sieben Stufen in die Mikwe, das rituelle Tauchbad, führen. Mehr weiß ich zwar im Moment noch nicht, aber den Rest lerne ich sicher noch irgendwann.

In der nächsten Zeit wird man mich wohl häufiger mit meinen Unterlagen in der Synagoge finden, wo ich versuche, den Text und alles um mich herum in Einklang zu bringen. Gut ist ja, das Peter und ich den Kurs zusammen machen, da können wir uns auch mal gegenseitig abfragen. Ich halte euch auf dem Laufenden.

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2 Gedanken zu „Die schönste Synagoge der Niederlande oder: Warum der Gatte und ich wieder die Schulbank drücken

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