Ostseeradtour 2015 – Teil 8

Wenn ich die Tür aufmache, und der Wind reißt mit die Klinke aus der Hand, dann weiß ich, dass ich wieder zu Hause bin.  (Radfahrer auf Rügen)

Stubbenfelde – Peenemünde – Lietzow

Mitten in der Nacht wurde ich von lauten Geplätscher wach – jemand pinkelte ins Gebüsch. Tja, sowas kriegt man, wenn das Sanitärgebäude geschlossen ist, aus welchen Gründen auch immer. Zum Glück war das Geplätscher nicht ansteckend. Ein paar Stunden später, im Morgengrauen, weckte mich lautes Donnergrollen, aber das Gewitter war nicht sehr stark und zog auch bald weiter, so dass ich schnell wieder einschlief.

Zu einer zivilen Zeit standen wir auf, frühstückten und bauten ab. Wir unterhielten uns noch mit unseren Nachbarn, zwei niederländischen Männern, die beide an Georg „Käthe“ Eschweiler aus der Lindenstraße erinnerten. Sie wollten noch in Stubbenfelde bleiben und mit dem Zug nach Peenemünde fahren, um dort das Historisch-Technische Museum zu besuchen. Peenemünde war auch unser Ziel, da wir am nächsten Tag von dort mit dem Schiff nach Rügen fahren wollen.

Wir fuhren erst an der Hauptstraße an zahlreichen Autos vorbei, die dort gemütlich im Stau standen. Radfahren hat manchmal seine Vorteile. Bei Zinnowitz gab es eine Umleitung, die uns aber nicht allzuweit außenrum  führte, so dass wir bald Peenemünde erreichten. Und es war immer noch sehr heiß – japs!

Auf unserer Karte war ein Campingplatz eingezeichnet, doch wir konnten ihn nicht finden, und Peter meinte, es gäbe ihn nicht mehr. Wir fragten eine Dame in einem Andenkenlanden am Hafen, und sie zeigte uns, dass es einen neuen Platz auf der anderen Seite des Hafenbeckens gab. Man musste irgendwie hinter dem Museumsgelände vorbei und kam dann zu einem Anglerhotel. Erst sahen wir nur Wohnmobile, und Peter war überzeugt, dass es sich um einen Wohnmobilhafen handelte, wo Zelte nicht willkommen waren. Doch ich war erst bereit, das zu glauben, wenn man uns tatsächlich wegschicken würde. Dann könnten wir immer noch nach Karlshagen zurück fahren.

Wir fanden ein Schild, dass wir bei einem Der Boote einchecken konnten, und suchten uns dann ein halbwegs schattiges Plätzchen. Duschen und unsere Klamotten waschen konnten wir im benachbarten Anglerhotel. Wir installierten uns und widmeten uns dann im Schatten unserer Lektüre. Mehr war bei der Hitze wirklich nicht drin. Aber immerhin hatten wir Aussicht.

peenemuendecamping peenemuendecamping2

Später, als es etwas abgekühlt war, fuhren wir wieder auf die andere Hafenseite, um zu erkunden, wo unsere Fähre nach Rügen abfahren würde. Auf einen Besuch des Museums und des U-Boots U-461 verzichteten wir und gingen lieber Pizza essen, natürlich mit Blick auf den Hafen.

peenemuendeuboot peenemuendehafen

Später kam die Fähre an, und es waren tatsächlich nur wenig Leute und zwei Fahrräder darauf. Dieser Zipfel ist für die Adler-Reederei wohl nicht sehr lukrativ, aber wahrscheinlich bedienen sie die Strecke, um dafür zu sorgen, dass es kein anderer macht. Dann kehrten wir zurück zum Campingplatz und schauten uns die netten Ferienhäuser an, die dort gerade gebaut wurden, und genossen den Sonnenuntergang über dem Peenestrom.

peenemuendecamping3 peenemuendecamping4

 sonnenuntergang sonnenuntergang2

Irgendwann wurde es zu dunkel, und wir holten unser Zahnputzzeugs. Bei den Damenduschen traf ich ein ziemliches Chaos an: Zwei Frauen mit gefühlt zehn Kindern hatten den gesamten Nachwuchs in zwei Duschkabinen gesteckt, um Duschmünzen zu sparen. Allerdings hatten sie sich in der Zeit verschätzt, und kaum war die Rasselbande eingeseift, ging das Wasser aus, und mehr Duschmünzen hatten sie nicht. Also mussten die Kids irgendwie an den Waschbecken abgespült werden, was natürlich mit riesigem Geschrei verbunden war. Man kann sich vorstellen, dass ich mir das schadenfrohe Grinsen nicht wirklich verkneifen konnte, ich bin wohl kein besonders netter Mensch. Dann verkroch ich mich in meinen Schlafsack.

In der Nacht regnete es, und aus dem Baum, unter dem wir standen, fiel merkwürdiges Gebrösel auf unser Zelt. Außerdem hörte man aus der Ferne immer wieder Rufe und Musik, was dazu führte, dass ich höchst eigenartig träumte, nämlich von einem Neonazitreffen, dass ausgerechnet auf unserem Campingplatz stattfand.

Da unsere Fähre schon gegen acht Uhr fahren sollte, standen wir früh auf. Es war recht windig, doch wir schafften es, mit Hilfe des Steingrills unser Kaffeewasser zu erhitzen.Wir haben doch alles.

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Nach dem Frühstück bauten wir ab und fuhren zum Hafen, natürlich wieder viel zu früh. Also konnten wir beobachten, wie das Schiff beladen wurde. Dann durften wir an Bord. Die Crewmitglieder waren sehr hilfsbereit beim Verstauen der Räder, und der Caterer meinte bewundernd angesichts unseres Gepäcks: „Und das alles ohne Motor!“

abfahrt peenestrom

Dann ging es los. Erst war die Fahrt noch ruhig, und wir bestellten Kaffee und Kuchen. Doch je weiter wir uns von Peenemünde wegbegaben, umso windiger wurde es, und die See schwappte entsprechend, so dass das Essen gar nicht so einfach war. Dann wollte Peter das Tablett mit dem Geschirr nach unten bringen. Ich fragte noch, ob er Hilfe bräuchte, doch er war sicher, das allein hinzukriegen und ging die Treppe hinunter. Nach wenigen Augenblicken hörte man ein lautes Klirren, das Tassenpfand konnten wir hiermit vergessen.

nachruegen nachruegen2

Nach einer Weile legte die Fähre beim Ostseebad Göhren an, wo eine Menge Leute zustiegen, die zu den Kreidefelsen wollten. Wir gingen auf das windige Oberdeck und beobachteten, wie der Kapitän mit einer Stange die Mütze eines zusteigenden Passagiers aus dem Wasser fischte. Tja, so eine steife Brise hat es in sich. Wir beschlossen, nicht für die Kreidefelsen nachzulösen, sondern diesen Ausflug auf später zu verschieben, da uns irgendwie nicht so ganz wohl war.  Wir sind halt doch Landratten.

Die Fähre legte noch einmal bei Sellin an und dann erreichten wir Binz, wo wir von Bord gingen. Auch diesmal war die Crew uns behilflich, die Räder die steile Landungsbrücke hoch zu bekommen. Oben bewunderten wir erst einmal ausgiebig die Sandskulptur, die dem monumentalen Bauwerk an der Promenade verblüffend ähnlich sah, und schoben dann die Leezen durch die Fußgängerzone, bis wir den Radweg nach Prora fanden.

binz binz2

Der riesige Urlaubskomplex Prora wurde im Dritten Reich gebaut. Hier sollten durch die Organisation „Kraft durch Freude“ 20.000 Menschen gelichzeitig Urlaub machen können. Die Standortwahl ist nicht unlogisch, da die Insel Rügen angeblich die meisten Sonnenstunden im Jahr hat. Heraus kam ein gigantischer Koloss van fünf (ursprünglich waren acht geplant) Gebäuden nebeneinander über eine Länge von 4,5 Kilometer. In der DDR wurden die Gebäude als stalinistische Großkaserne genutzt. Heute befindet sich in einem der Gebäude eine Jugendherberge, und in den anderen werden Ferienwohnungen gebaut.

prora prora2

Wir verschafften uns einen kurzen Überblick über die Anlange. Beeindruckend ist dieses Bauwerk ja schon, aber es hat wirklich den Charme einer Kaserne. Inzwischen hatten unsere Mägen einstimmig beschlossen, dass sie wieder eine Bratwurst vertragen würden. Wie sagte Hildegunst von Mythenmetz doch so schön? „Es ist nicht das Gehirn, das unser Bewusstsein bestimmt. Es ist der Magen.“ (Walter Moers, Die Stadt der Träumenden Bücher). Ich stellte mich am Bratwurststand an, und während ich wartete, wurde ich Zeuge des folgenden Dialogs zwischen dem Wurstbrater und einem Touristen: „Wie komme ich zum Naturerbezentrum?“ – „Meine Güte, da sind Sie ganz falsch! Da müssen Sie zurück zur letzten Kreuzung, und dann den Schildern folgen.“ – „Schilder? Habe ich nicht gesehen.“ Darauf der Wurstbrater: „Wie machen Sie das eigentlich im Ausland, wenn Sie etwas suchen?“ – „Da ist es leichter, egal wo.“ Ich verstand den Touristen voll und ganz, wir hatten schließlich auch schon genug Irrfahrten hinter uns.

Nach unserer Stärkung ging es weiter über Neu Mukran zum Großen Jasmunder Bodden. Gut, das  war ein kleiner Umweg, aber der kürzeste Weg hätte uns laut Karte wieder eine Mountainbikestrecke vom Feinsten beschert, wie sie die Leute hier so lieben. Da nimmt man doch lieber ein paar Extrakilometer in Kauf.

Ein einheimischer Radfahrer gesellte sich zu uns und unterhielt sich mit Peter über das Woher und Wohin. Dabei fragte er auch, wie das Wetter bisher auf unserer Tour gewesen war. Peter erklärte, außer Schnee und Hagel hätten wir so ziemlich alles gehabt: Kühle Temperaturen, Regen, Sonne, Hitze. Darauf der Herr:  „Und vergessen Sie den Wind nicht! Wenn ich die Tür aufmache, und der Wind reißt mit die Klinke aus der Hand, dann weiß ich, dass ich wieder zu Hause bin.“  Da war wohl was dran.

Kurz vor Lietzow fuhren wir ein Stück durch den Wald, und plötzlich, nach einer Kurve, steht man vor dem Jasmunder Bodden! Einfach nur schön, wenn man plötzlich, umrahmt von Bäumen, das Wasser sieht, in dem sich die Sonne spiegelt. Leider können die Fotos diesen Wow-Effekt nur bedingt wiedergeben.

Jasmunderbodden

Der Campingplatz liegt oben auf einer steilen Anhöhe, und ich musste meine Leeze nach oben schieben. Hier greift deutlich die Definition von Rennbiene von @heinzi: „Wenn ich absteigen und mein Rad schieben muss, dann ist es kein Hügel, sondern ein Berg!“ Beim Einchecken dauerte es etwas länger, da gerade ein neuer Mitarbeiter eingearbeitet wurde, aber wir hatten ja Zeit.

Wir durften uns ein Plätzchen im Waldstück am Ende des Platzes aussuchen, wo wir einigermaßen geschützt stehen konnten. Bevor wir aufbauten, war es erst mal wieder Zeit für unser Projekt „Bag Art“: Diesmal versuchten wir, einen Leuchtturm zu bauen. Das Ergebnis überzeugte uns nicht ganz, und die Statik war diesmal auch etwas problematisch, so dass wir schnell zum Fotoapparat greifen mussten, bevor die ganze Pracht einstürzte. Aber Kunst ist eben „vallen en opstaan“, wie man bei uns so schön sagt.

bagartleuchtturm bagartleuchtturm2

Nachdem wir aufgebaut hatten, fuhren wir ins benachbarte Sagard zum Einkaufen. Was erst ein schöner Radweg war, wurde plötzlich wieder eine wunderbare Schlaglochpiste, und wir waren froh, ohne Gepäck unterwegs zu sein.

Nachdem wir bei einem Supermarkt am Ortsrand unsere Einkäufe getätigt hatten, schauten wir uns noch in der Ortschaft um. Doch als wir wieder zurück wollten, hatten wir große Schwierigkeiten, an der richtigen Seite wieder hinaus zu kommen und fuhren mehrmals über kopfsteingepflasterte Straßen im Kreis. Manchen Ortschaften haben das an sich, wie wollen einen einfach nicht loslassen. Am Jasmunder Bodden machten wir Pause und sahen der Sonne zu, wie sie sich langsam auf das Wasser senkte.

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Dann fuhren wir zurück zum Campingplatz, wo wir uns dem Abendessen und der Zeitungslektüre widmeten. Dann wurde es Zeit, sich in die Schlafsäcke zu verkriechen.

Kategorien: 2015 - Ostseeradtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Ostseeradtour 2015 – Teil 8

  1. Genau, mit der Beschilderung haben die es nicht so 🙂 Geiler Bericht mit allen Komponenten, die ich auch erlebt habe.

    Ach menno, ich will sofort wieder los … *seufz* …

  2. SonjaM

    Großartige Tour, ich bin quasi noch Fahrradurlaub-Neuling, aber Eure Reiseberichte machen Lust auf me(e)hr. Respekt, was den Gepäckhaufen angeht. Und das ist wirklich alles am Fahrrad?

    • An zwei Rädern, um genau zu sein. Früher hatte ich nur Hintertaschen, aber durch die Vortaschen verteilt es sich besser.
      Viel Spass bei deinen Radtouren. 👍

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