Ostseeradtour 2015 – Teil 9

Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen. (Aristoteles)

Lietzow und alles drumherum: Schloss Spycker, Königsstuhl, Sassnitz, Kreidefelsen, Bergen

Am nächsten Morgen schliefen wir nach der Frühaufsteherei des Vortages erst mal aus. In der Nacht hatte es wohl ein Gewitter gegeben, aber wir hatten davon mal wieder nichts mitgekriegt.

Nach dem Frühstück fuhren wir los, um die Gegend zu erkunden. Über teilweise richtig schöne Radwege (die gibt es da tatsächlich) fuhren wir erst zum idyllisch am Spyckerschen See gelegenen Schloss Spycker, das bereits im 14. Jahrhundert gebaut worden war. Damals hatte es sogar noch einen Burggraben. Im 17. Jahrhundert wurde es zum Renaissanceschloss umgestaltet und im für Schweden typischen Falunrot gestrichen. Wegen seiner Ecktürme sieht es immer noch aus wie eine mittelalterliche Burg.

spycker spyckersee

Am See entlang ging es weiter über  Glowe, wo sich am Strand zahlreiche Leute in der Sonne aalten, und dann über wunderschöne Alleen nach Lohme, wo wir uns eine Pause nebst Sitzbesichtigung der Ferienhäuser mit Ostseeblick gönnten.

allee strand

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Dann ging es durch den Wals und über Kopfsteinpflaster bergauf zum Königsstuhl, doch dort wimmelte es so von Reisebussen und Touristen, dass wir beschlossen, die Flucht zu ergreifen – Aussicht hin oder her. Da sind wir wohl etwas eigen. Wir fuhren ein weiteres Stück durch den Wald und landeten auf einer Strecke, die nur von den Pendelbussen zum Nationalpark befahren wird. Da dieser Weg nicht gerade breit ist, klebte eine ganze Weile einer dieser Busse hinter mir, bis er eine Möglichkeit zum Überholen fand. Dann erreichten wir die Hauptstraße nach Sassnitz, auf der sich der Verkehr zum Glück in Grenzen hielt. Wir hatten eine tolle, kilometerlange Abfahrt, bis wir am Ortseingang von Sassnitz – wie sollte es auch anders sein – sanft von Kopfsteinpflaster abgebremst wurden.

Im Ort gingen wir einkaufen und gönnten uns auf der Bank vor der Rügentherme einen Imbiss. Dann machte sich Peter auf die Socken, um Reisetabletten zu besorgen, da wir am nächsten Tag mit dem Schiff zu den Kreidefelsen fahren wollten und die Ostsee noch immer gemütlich vor sich hin brodelte. Die Besichtigung von Sassnitz wurde ebenfalls für den nächsten Tag eingeplant.

Dann fuhren wir denselben Weg wie am Vortag zurück zum Campingplatz. Auf unserer Karte war an der Strecke ein Riesengrab eingezeichnet, aber obwohl wir aufpassten wie die Schießhunde, gelang es uns weder an diesem noch am nächsten Tag, es zu finden. Wahrscheinlich ist ein einfach zu groß. Später hörte ich, dass es wohl nicht so einfach ist, die Hünengräber auf Rügen zu finden.

Auch diesmal musste ich auf der Anfahrt zum Campingplatz kapitulieren, aber ich kam schon ein Stück weiter als gestern. Wir brutzelten uns ein Abendessen und rekonstruierten den heutigen Tag. Wenn jemand wissen möchte, wie das aussieht, bitte schön:

Tagebuch

Dann lasen wir in der Zeitung, dass Wind und Wetter uns morgen wohlgesonnen sein würden, und dass die Tour de France gerade durch die kopfsteingepflasterte  „Holle des Nordens“ fuhr. Ach, die waren hier unterwegs? Gut, Rügen liegt nicht in Frankreich, aber letztes Jahr sind sie ja auch durch Yorkshire gegurkt. Wer bei der Truppe wohl fürs Kartenlesen verantwortlich ist?

Im Campingplatzrestaurant tranken wir noch ein Bierchen und verzogen uns dann in unsere Schlafsäcke.

In der Nacht gab es Regen und Gewitter, und morgens wehte wieder ein frisches Lüftchen. Über die 274 m lange, fast freischwingende Fußgänger-Hängebrücke erreichten wir den Hafen von Sassnitz und gingen dort an Bord des Schiffes, das uns zu den Kreidefelsen bringen sollte.

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Während wir den Hafen verließen, erzählte uns der Kapitän einiges über die Stadt, die sich übrigens bis zum 2. Februar 1993 noch mit scharfem s schrieb. Sie geht zurück auf eine alte Ansiedlung der Jungsteinzeit und der Bronzezeit.

Erst verleif die Entwicklung des Ortes wohl eher unspektakulär, man lebt weitgehend vom Fischfang. Im Jahr 1871 wurde die Straße nach Sassnitz ausgebaut, 1891 wurde der Ort von Bergen aus an das Eisenbahnnetz angeschlossen, ab 1878 gab es eine Schiffsverbindung nach Stettin  (Szczecin), 1889 dazu den Hafen in Sassnitz und bald darauf Seeverbindungen nach Rønne auf der dänischen Insel Bornholm, Trelleborg und Memel (Klaipeda). Durch die bessere Anbindung wuchs der Orst recht schnell, die Kreideindustrie und die Fischerei wurden ausgebaut und der Tourismus entwickelte sich.

Im Jahr 1906 wurden das Bauerndorf Crampas, nach dem Fontane einen der Charaktere in „Effi Briest“ benannt hat, und das Fischerdorf Sassnitz zu einer Gemeinde zusammengefasst, und im Jahr 1957 erhielt Sassnitz Stadtrechte. Die Fischerei wurde weiter ausgebaut, aber der Tourismus ging zurück, da die Urlauber die Strände im Norden der Insel bevorzugten.

Auch heute lebt die Stadt größtenteils vom Fischfang und dem Tourismus. Sie ist bekannt für ihre Bäderarchitektur im Kurviertel und als Hafenstadt.

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Der Kapitän, ein Scherzkeks, wies uns auf das Haus des Bürgermeisters, das vom Wasser aus zu sehen war, und forderte uns auf, ihm später einen Besuch abzustatten, der Mann würde sich sicher freuen.

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Dann erreichten wir die Kreidefelsen, die teilweise bis zu 120 m hoch sind. Der bekannteste ist der Königsstuhl, und es wird erzählt, dass derjenige, der ihn vom Strand aus erklimmen kann, zum König von Rügen gekrönt wird. Im letzten Jahr hatten es, laut Kapitän, zwei Jugendliche versucht und mussten von der Feuerwehr aus der Wand befreit werden. Tja, König von Rügen wird man halt nicht einfach so!

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Die Kreidefelsen sind übrigens vor mehr als 50 Millionen Jahren aus kalkhaltigen Schalen, Skeletten und Panzern von Kleinlebewesen entstanden. Allerdings bestehen sie nicht nur aus Kalk, sondern auch aus Sand, Lehm und Mergelgestein. Dennoch ist der Reinheitsgehalt der Jasmunder Kreide besonders hoch. Und sie sehen schon sehr beeindruckend aus, wenn man so daran vorbeischippert.

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Da es immer noch fröhlich wehte, war die See etwas unruhig, und das Wasser spritzte in hohem Bogen an Deck. Wir verzogen uns nach drinnen, und ich schaute leicht neiderfüllte einem jungen Maler zu, der sein Skizzenbuch mit der Ausbeute des heutigen Tages durchblätterte. Toll, wenn man so etwas kann.

Nach ungefähr eineinhalb Stunden kehrten wir wieder in den Hafen zurück, der sich gerade auf die Hafentage vorbereitete. Zahlreiche Budenbesitzer und Schausteller bauten ihre Stände und Fahrgeschäfte auf. Zeit für eine kurze Sitzbesichtigung also.Danach kauften wir in einem Andenkenladen einige Souvenirs und gingen dann zur Promenade, wo wir  ein nettes italienisches Restaurant fanden.

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Nachdem wir uns gestärkt hatten, bummelten wir durch die Altstadt, wo wir von einem kräftigen Regenschauer erwischt wurden. Wir stellten uns unter ein Vordach, bis der Spuk vorbei war.

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Dann kauften wir für das Abendessen ein und fuhren zurück zum Campingplatz. Diesmal schaffte ich die Steigung und war ziemlich stolz auf mich, obwohl ich es schon etwas enttäuschend fand, dass oben niemand mit dem gepunkteten Trikot auf mich wartete. Außerdem stellte mich meine Leistung vor ein Definitionsproblem. Wenn ich schieben muss, ist die Anhöhe ja kein Hügel mehr, sondern ein Berg. Da ich diesmal aber ohne Absteigen hinaufgefahren war, hatte ich dann den Berg zum Hügel degradiert? Ich musste an die Silvesterfolge der Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“ denken, in der Alfred Tetzlaff seiner Frau erklärt, dass Punsch heiß ist und Bowle kalt, worauf sein Schwiegersohn fragt: „Und wenn der Punsch abkühlt, wird er dann automatisch Bowle?“ Manchmal kann das Leben recht kompliziert sein.

Nach dem Abendessen unterhielt ich mich mit einem anderen Radfahrer, der die Störtebeker-Festspiele auf der Naturbühne in Ralswieck besuchen wollte. Ich weiß nicht, ob er es geschafft hat, das Wetter sah jedenfalls nicht besonders gut aus. Er und seine Freunde hatten ihre Tour auf Rügen begonnen und wollten nun weiter ostwärts fahren. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich nicht besonders freuen würden, denn es wehte wieder ein kräftiger Westwind, und ich war froh, dass wir uns für die West-Ost-Variante entschieden hatten, die uns recht wenig Gegenwind beschert hatte.

Am nächsten Morgen war das frische Lüftchen vom Vortag sich zu einer steifen Brise der Stärke 6 angeschwollen. Wir trödelten erst mal beim Frühstück herum und beschlossen dann, in den Nachbarort Bergen zu radeln. Mal sehen, wie weit wir kommen würden.

Das Wasser im Jasmunder Bodden brodelte, und der Wind kam schräg von vorne. Lustig war das nicht. Und die Strecke morgen nach Altefähr würde bestimmt noch schlimmer werden, mit dem Wind größtenteils von vorne und mit voller Bepackung. Also war es Zeit für Plan B, denn wie wir von Pete McCarthy wissen: „It’s important to have a plan B, especially when there is no plan A.“

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Wir parkten die Leezen auf dem Marktplatz an einer geschützten Stelle und gingen dann zum Bahnhof, um uns nach den Zugverbindungen nach Altefähr zu erkundigen. In Lietzow gibt es tatsächlich im Stundentakt einen Zug dorthin, und die Karten konnte man dort am Automaten erwerben. Dann stärkten wir uns in dem netten Restaurant „Puk op’n Balk“, wo es sehr leckere, rustikale Spezialitäten und eine literarische Speisekarte gab.

pukopnbalk

Danach schauten wir uns die Stadt an und erfuhren, dass die dortige Marienkirche mit einer Kirche auf Texel verpartnert ist.

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Nachdem wir wieder einen Regenschauer unter einem Vordach abgewartet hatten, fuhren wir zurück, was diesmal recht flott ging, da wir den Wind schräg im Rücken hatten. Und wieder schaffte ich den Hügel zum Campingplatz, ich werde noch richtig gut!

Wir gingen zur Rezeption, um abzurechnen, da wir ja am nächsten Tag weiterfahren wollten. Der Herr an der Kasse erkundigte sich nach unserem Namen und meinte dann: „Ach so, sie stehen im Wald!“ Wo er recht hat…

Da es unser letzter Tag war, speisten wir im Restaurant und tranken noch ein paar Bierchen – Störtebeker natürlich. Dann gingen wir schlafen.

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Ein Gedanke zu „Ostseeradtour 2015 – Teil 9

  1. Ah, da bin ich ja beruhigt, dass man nicht zwingend einen Plan A braucht 😀

    Sehr toller Bericht und ich bin ein wenig neidisch, dass ihr … ääääh … schon bald wieder unterwegs sein werden (denn diese Tour ist ja im Präteritum 🙂

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