The Borders 2004 – Teil 2

Lang und hüglig ist der Weg nach Edinburgh

 Nachdem wir von Bord gegangen waren, konnte es losgehen. Allerdings kamen wir nicht besonders weit, da Peters Fahrradschloss am Reifen scheuerte und abgeschraubt werden musste. Zum Ausgleich fanden wir jedoch sofort die ersten Schilder des C2C-Radwegs, der uns durch Newcastle bringen sollte. Dieser Radweg war zwar, wie angekündigt, über weite Strecken „traffic-free“, aber auch sehr abenteuerlich. Er führte hinter ziemlich trostlos wirkenden Industriegebieten vorbei mal mehr, mal weniger dicht am Tyne-Ufer entlang über Feld- und Schotterwege, die teilweise auch noch mit Glasscherben garniert und von Zäunen und Gattern unterbrochen waren. Aber immerhin kamen wir so durch die Stadt und schafften es sogar rechtzeitig, die Strecke zu verlassen und auf unsere geplante Route nach Bellingham zu kommen.

Inzwischen hatte es auch zu regnen begonnen, und gelegentliche Schauer sollten uns den ganzen Weg begleiten. Die Strecke führte uns erst am Hadrian’s Wall entlang. Man muss jedoch ziemlich genau hinschauen, um die Reste dieser ehemaligen Grenzbefestigung zu entdecken. In Heddon-on-the-Wall hätte man noch römische Überreste besichtigen können, aber angesichts des Wetters und der Strecke, die noch vor uns lag, verzichteten wir darauf, diese zu suchen.  Wie erwartet war es recht hüglig, und zu allem Überfluss bekam ich auch noch einen Krampf im Oberschenkel, der sich aber zum Glück schnell wieder legte.

Am späten Nachmittag erreichten wir den Campingplatz am Ortseingang von Bellingham. Zusammen mit einem Schwall Regenwasser schwappten wir in die Rezeption, wo man uns fragte, was mit dem Wetter passiert sei, immerhin war doch Sonnenschein angekündigt. Na ja, ein paar Sonnenstrahlen hatten wir unterwegs ja gesehen, man durfte also nicht klagen.

Bellingham selbst ist ein nettes Dorf, das eine ideale Kulisse für einen im Norden Englands angesiedelten Spin-Off der Krimiserie „Midsomer Murders“ abgeben würde. Diese Serie spielt in idyllischen Dörfern, in denen es hinter den Kulissen ganz schön brodelt. Da Barnabys Assistent Troy nach Nordengland versetzt wurde, könnte Bellingham in seinen Zuständigkeitsbereich fallen.

Wie wir hier und auch auf anderen Campingplätzen feststellten, haben es die Briten immer noch nicht so mit Mischbatterien, sie halten an ihren getrennten Hähnen für heißes und kaltes Wasser fest. Heinz Ohff beschreibt dieses Phänomen in seiner „Gebrauchsanweisung für England“ folgendermaßen: „Mischbatterien finden sich selbst in Luxushotels selten. Wenn man sich nicht entweder die Hände verbrühen oder eiskalt waschen will – zudem sind Warm- und Kaltwasserhahn meist so dicht am Beckenrand ange-bracht, dass es unmöglich ist, die Hände darunter zu halten -, muss man den Stöpsel in den Abfluss des Beckens stecken und die gewünschte Wassertemperatur durch den gleichzeitigen oder wechselseitigen Gebrauch beider Hähne herstellen. Beim Waschbecken bedeutet diese Unvollkommenheit natürlich nur eine mäßige Unbequemlichkeit. Schlimmer gestaltet sich das Duschen, denn das heiße und das kalte Wasser vermischen sich erst im Duschkopf, beziehungsweise: es mischt sich nur unvollkommen. Entweder man genießt ein wahres Wechselbad à la Sebastian Kneipp: mal heiß, dann wieder eher kalt, was stets unvorbereitet und in so jähen Übergängen geschieht, dass man nicht mehr ausweichen kann: oder mitten im eiskalten Wasserstrahl befindet sich ein brühheißer (natürlich auch umgekehrt möglich).“  Diese kleinen Unannehmlichkeiten nimmt man aber gerne in Kauf, irgendwie gehört das dazu.

Die Nacht war etwas kühl, und ich war froh, dass ich meinen wärmsten Schlafanzug sowie ein paar dicke, von meiner Oma gestrickte Socken dabei hatte. Am nächsten Morgen schien jedoch die Sonne, und das sollte auch die nächsten paar Tage so bleiben. Wir machten uns auf den Weg nach Norden „durch die schönsten Teile der englisch-schottischen Grenzregion zu den historischen Stätten des Tweed-Tales“, wie es im Reiseführer hieß. Die Etappe führte uns erst durch den Kielder Forest am Kielder Water, einem der größten Stauseen Großbritanniens entlang, und wir bekamen einen Vorgeschmack auf die Hügel dieser Gegend.

Auf dem Weg sahen wir ein Reh, einen Fasan und natürlich jede Menge Schafe und Lämmer.

Außerdem waren recht viele große Lastwagen, die Holz transportierten, unterwegs. Bei einem Gehöft mit dem nicht allzu vielversprechend klingenden Namen Deadwater passierten wir die Grenze und waren in Schottland. Diese Fotos hat wohl jeder, der an dieser Stelle war:

Richtig anstrengend wurde es dann auf dem Stück zwischen Saughtree und Bonchester Bridge. Im Führer las es sich noch recht harmlos: „Auf dieser Straße überqueren Sie die bewaldeten Hügel des Wauchhope Forest“, und auf der Karte sah es auch nicht besonders dramatisch aus. Allerdings sind die Hügel hier sehr langgestreckt, und die Fahrt hinauf schien kein Ende zu nehmen. Es kam uns vor, als ob wir den Col de Pomtiddlipom, oder wie diese Berge bei der Tour de France heißen, bezwingen mussten. Ich kann mich zwar nicht erinnern, dass Jan Ullrich sein Rad dort hinauf geschoben hat, aber das lag sicher daran, dass er sein Gepäck nicht selbst mitschleppen musste. Aber die Aussicht und der blüende Ginster entschädigten uns etwas Für die Mühen, und danach gab es eine herrlich lange Abfahrt, bei der einem richtig schön der Wind um die Ohren pfiff.

Am späten Nachmittag erreichten wir Jedburgh, „eine alte Stadt mit etlichen Häusern im schottischen Treppengiebel-Stil.“ Im Zentrum befinden sich eine Abtei aus dem 12. Jahrhundert, ein Schloss und das Haus, in dem Maria Stuart kurze Zeit gewohnt hat, worauf die Stadt besonders stolz ist. Im Prospekt wird besonders darauf hingewiesen, dass sie gesagt haben soll „Would that I had died in Jedburgh“. Außerdem befindet sich am südlichen Ortsausgang „The last shop in Scotland“.

Ein paar Rennradfahrer musterten uns respektvoll, als wir in die Ortschaft rollten, und fragten: „Have you come over the hill?“

Beim Einkaufen bekamen wir auch erstmals schottische Geldscheine zurück. Es gibt drei schottische Banken, die das Recht haben, Banknoten auszugeben: Die „Bank of Scotland“, die „Royal Bank of Scotland“ und die „Clydesdale Bank“. Diese Banknoten unterscheiden sich nicht nur von denen der „Bank of England“, sondern auch voneinander. Wie soll man da als Tourist noch wissen, welche echt sind? Ich würde mir vielleicht sogar einen Dreißig-Pfund-Schein andrehen lassen, ohne mich groß zu wundern. In England werden die Scheine theoretisch akzeptiert, allerdings habe ich gehört, dass es weiter im Süden praktisch nicht immer der Fall ist. Im Grenzgebiet gibt es da jedoch keine Schwierigkeiten. Die Ein-Pfund-Scheine, die es vor zehr Jahren auch noch gab, haben wir allerdings nicht mehr entdeckt.

Abends gingen wir noch in einem netten Pub essen, probierten die lokalen Biersorten aus und ich gedachte der Voll- und Teilzeit-Creatures, die sich an diesem Tag in Münster trafen – ohne mich. Mit einem guten Essen und ein paar Bierchen im Bauch schafften wir den Anstieg zum Campingplatz auch ohne Probleme. Allerdings ist der Biergenuss nur bedingt hilfreich, da sich bei mir kurz danach immer recht schnell eine gewisse Bettschwere einstellt.

Bei Heinz Ohff entdeckte ich übrigens eine kurze Einführung zum Thema Bier: „Dem deutschen Pils am ähnlichsten ist das Lager, das wenigstens gekühlt serviert wird und eine Andeutung von Schaumbildung aufweist. Die englischen Standardsorten Stout und Bitter, … werden lauwarm und ohne jeden Schaum (der als absolut unfein gilt) ins Glas gefüllt. Wenn Sie nur Beer bestellen, bekommen Sie übrigens nie Lager, sondern waschechtes Ale, das in England nach wie vor eigentliche Bier, das Bier aller Biere! Damen, die sich nach meinen Erfahrungen schwerer an das englische Bier gewöhnen als Männer, sei ein Shandy empfohlen, ein apartes Mischgetränk aus Bier und Limonade. Damit ist wohl bewiesen, was einige schon vermutet haben, die Verfasserin dieses Berichts ist keine Dame! Ich trinke die englischen Biere ausgesprochen gern, vor allem die dunkleren Sorten, und mit Limonade wird nicht gepanscht!

Am nächsten Morgen brachen wir ziemlich früh auf, da wir an diesem Tag unbedingt noch die schottische Hauptstadt erreichen wollten. Unterwegs statteten wir der Dryburgh Abbey, wo Sir Walter Scott begraben liegt, einen Besuch ab, und ich überlegte, ob ich vielleicht doch noch einmal einen Versuch unternehmen sollte, den Roman „Waverley“ zu lesen, ein Unterfangen, das ich während des Studiums, nachdem ich mehrmals den Faden verloren hatte und dann eingeschlafen war, aufgegeben hatte.

Nicht nur an diesem Tag fiel uns auf, dass zahlreiche Leute das schöne Wetter ausnützten und ihre Fensterrahmen und Türen strichen und ihre Dächer reparierten. Auch stellten wir fest, dass es noch ziemlich viele „echte“ rote Telefonzellen in dieser Gegend gibt. Sehr lobenswert.

Danach ging es weiter über Melrose und Galashiels auf die A7, die der kürzeste Weg nach Edinburgh war. Die Straße windet sich gemütlich am Gala Water entlang und die Steigungen halten sich einigermaßen in Grenzen. Auch der Verkehr war nicht allzu schlimm, was wohl vor allem daran lag, dass es Sonntag war.

Gegen Mittag sahen wir den Kirchturm des Dorfes Stow und dachten: „Wo Kirchen sind, sind auch Pubs nicht weit.“ Theoretisch war das auch so, doch das eine Pub existierte nicht mehr, und das andere war nicht geöffnet. Also kein Pub Lunch.

Wir schafften es tatsächlich, den Vorort Musselburgh zu finden, ohne in das Zentrum von Edinburgh zu geraten. Zum Campingplatz mussten wir uns allerdings durchfragen, da wie üblich erst kurz davor ein Schild stand. Es wird behauptet, dass Musselburgh die älteste Rennbahn und den ältesten Golfplatz der britischen Inseln besitzt. Ob es nun stimmt oder nicht, auf jeden Fall wurde der vorhandene Platz sehr effizient ausgenutzt. Der Golfplatz befindet sich nämlich in der Mitte der Anlage, und die Pferde rennen außen herum. Allerdings nehme ich nicht an, dass während der Rennen auch Golf gespielt werden darf.

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