The Borders 2004 – Teil 5

Zurück nach Newcastle mit wenig „Coast,“ aber ein paar „Castles“

 Mit dem schönen Wetter der letzten Tage schien es wohl vorbei zu sein. Als wir am Morgen aufbrachen, war es zwar trocken, aber bewölkt. Wir hatten zwar beschlossen, nicht auf der „Coast & Castles Route“ weiter zu fahren, aber um vom Campingplatz weg zu kommen, mussten wir doch noch über Feldwege nach Beal. Unterwegs mussten wir eine „Private Railway Crossing“ überqueren. Dabei handelte es sich um einen Bahnübergang, der grundsätzlich geschlossen ist.   Auf einem Schild wird genau erklärt, dass man erst beide Gatter öffnen muss, dann schnell mit Sack und Pack über die Gleise, wobei man ständig in beiden Richtungen nach Zügen Ausschau halten muss. Danach müssen beide Gatter wieder geschlossen werden. Das Offenlassen derselben ist ein teurer Spaß, ein paar hundert Pfund Strafe sind schon drin, wenn man erwischt wird.

Bei Beal machten wir einen kurzen Abstecher zum Damm nach Lindisfarne, den man zwar nicht mehr überqueren konnte, aber so hätten wir die Insel wenigstens aus der Ferne gesehen – dachten wir. Da aber inzwischen ein sanfter Nieselregen oder „Drizzle“, wie die Briten das nennen, eingesetzt hatte, konnten wir sie bestenfalls noch erahnen.

coast

Während wir über gemütliche Landstraßen nach Alnwick fuhren, wurde der Regen immer stärker. Gut, dass die Etappe nicht so lang war und dass wir von der Küstenroute abgewichen waren. Bei gutem Wetter wäre der Blick über die Hügel sicher wunderbar gewesen, aber auch so bekam man einen Eindruck von der Schönheit dieser Gegend. Auch wurde meine Stimmung durch die Ortsnamen, die wir unterwegs entdeckten, etwas aufgehellt: Chillingham, Harehope, West Ditchburn und andere. Bill Bryson mit seiner Begeisterung für britische Ortsnamen hätte seine helle Freude an dieser Gegend gehabt.

In Eglingham machten wir in einem Pub Mittagspause. Dort versuchte ich, meine Schuhe und Socken unter dem Händetrockner ansatzweise trocken zu blasen. Wie Peter trockene Socken anziehen wollte ich nicht, da die wohl sowieso gleich wieder nass geworden wären, und dann bleiben auf die Dauer nicht mehr viele übrig.

In Alnwick fuhren wir am Schloss vorbei in das nette, aber sehr volle  Stadtzentrum, und Peter erkundigte sich  bei der Tourist Information nach dem Campingplatz. Ein weiser Entschluss, denn einfach so hätten wir ihn nie gefunden, da er sich auf dem hinteren Feld des Rugbyclubs befindet. Als wir dort ankamen, standen eine Menge Wohnwagen, Busse und Lastwagen auf dem Parkplatz und das Clubhaus war verwaist. Was nun? Nachdem wir zweimal das Gebäude umrundet hatten, kam ein junger Mann aus einem der Wohnwagen und erklärte uns, dass wir bis ans Ende der Wiese gehen sollten und dort unser Zelt aufstellen konnten. Anmelden sollten wir uns später in der Bar. Die ganzen Fahrzeuge auf dem Parkplatz waren von einer Fernsehcrew, die hier „some television drama“ filmten.

Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und wir machten uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Nicht weit vom Rugbyclub entfernt ist der alte Bahnhof, in dem sich jetzt „Barter Books“ befindet, einer der größten Second-Hand-Buchläden Großbritanniens, in dem auch Modelleisenbahnfans auf ihre Kosten kommen, da im vorderen Teil eine solche über den Regalen ihre Runden dreht. Die Autoren, nach denen ich suchte (unter anderem Bill Bryson, Tony Hawks und natürlich Phil Rickman) waren leider entweder gar nicht oder nur mit Büchern, die ich schon habe, vertreten, aber ich hätte trotzdem stundenlang wühlen können.

Nachdem ich doch noch fündig geworden war, gingen wir zum Schloss, um dort festzustellen, dass wir zu spät dran waren. Angesichts der £ 9,50 Eintritt waren wir darüber aber nicht besonders unglücklich, obwohl dort Teile von „Harry Potter“ und „Robin Hood, Prince of Thieves“ gefilmt worden waren. Immerhin konnten wir von außen doch noch ein paar Blicke auf das Gebäude erhaschen.

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Den inzwischen sonnigen Rest des Tages verbrachten wir auf dem Campingplatz, wo meine Schuhe und Socken friedlich vor sich hin trockneten,  und in der Bar des Rugbyclubs, wo wir leider nicht fürs Fernsehen entdeckt wurden.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, und wir machten uns auf den Weg nach Ashington, dem letzten Campingplatz vor Newcastle. Unterwegs kamen wir an „Mowick’s Ice Cream Parlour“ vorbei. Diese Eisdiele, die zu einem Bauernhof gehört und, wie eine Plakette stolz verkündete, mit EU-Subventionen errichtet worden war, befindet sich praktisch „in the middle of nowhere“. Trotzdem ging es schon eine Viertelstunde nachdem sie geöffnet hatten, zu wie am Stachus. Das liebevoll zubereitete Eis ist aber auch ausgezeichnet.

Dann kamen wir mal wieder an einem Schloss vorbei, nämlich Warkworth Castle, das eindrucksvoll auf einem Hügel thront.

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In Acklington suchten wir ein Schild nach Chevington, aber das einzige, das in südliche Richtung wies, trug die Aufschrift  „HM (Her Majesty’s) Prison“. Dies klang nach einer Einbahnstraße, und so machten wir unfreiwillig einen Umweg, an dessen Ende wir bei eben diesem Gefängnis landeten und feststellten, dass der Weg doch der richtige gewesen wäre.

In Ashington wurden wir gleich um die Stadt herum zum Campingplatz dirigiert, der gesteckt voll war, da viele Familien das lange Wochenende ausgenützt hatten. Entsprechend ging es dort rund. Eine Familie hatte ein „Mini Quad“ oder wie das heißt, mitgebracht, so eine Art motorisierter Rasenmäher, aber zum Glück ohne Schneidwerk, mit dem die Kids fröhlich ihre Runden drehten.  Das konnte ja heiter werden.

So schlimm, wie wir befürchtet hatten, wurde es jedoch nicht. Überhaupt waren bisher alle Campingplätze sehr schön und aufgrund der Jahreszeit noch nicht allzu voll gewesen, und bei den meisten Besuchern hatte es sich um ältere englische Paare gehandelt. Eines davon hatte sich als „birdwatchers“ vorgestellt. Peter meinte dazu: „Die sagen das, als ob es sich  um eine Gruppe Auserwählter handelt. Und warum eigentlich ‚birds‘? Niemand sagt doch ‚We are hedgehog watchers‘, oder?“

Als wir ins Stadtzentrum fuhren, mussten wir erst durch einen dieser endlosen Vororte mit unzähligen „Drives“, „Courts“ und „Closes“, deren Häuser alle irgendwie gleich aussahen. Am Anfang der Fußgängerzone stand auf einer Plakette: „Ashington – the biggest former mining village in the world“. Aha. Bill Bryson schreibt in seinen „Notes from a Small Island“ über die Stadt: „Ashington was nothing like I expected it to be. In the photographs from David’s book it appeared to be a straggly, overgrown village, surrounded by filthy waste heaps and layered with smoke from three local pits, a place of muddy lanes hunched under a perpetual wash of sooty drizzle, but what I found instead was a modern, busy community swimming in clean, clear air.“ Unter der Woche mag das stimmen, aber an einem regnerischen Sonntagnachmittag ist wohl jede englische Kleinstadt deprimierend.  Wir suchten Schutz auf einer überdachten Bank, und als der Regen nachließ, sahen wir uns kurz im Zentrum um, in dem wir allerdings nichts interessantes entdeckten. Dann mussten wir unseren Weg durch die endlose Vorstadt zum Campingplatz zurück finden. Ich hätte das wohl im Leben nicht hingekriegt, aber Peter schaffte es! Wozu so ein Geographiestudium doch gut ist.

Die letzten 20 Kilometer nach Newcastle waren kein Problem, der Verkehr hielt sich aufgrund des Feiertags in Grenzen und mit der Beschilderung funktionierte auch alles bestens, bis auf das letzte Stück natürlich. So landeten wir erst zu weit östlich und sahen bereits die Tynemouth Priory vor uns, aber dann fanden wir den Fährhafen doch. Da wir noch Zeit hatten, erkundeten wir die Royal Quay Shopping Mall, wo ich diesmal keinen Pullover, sondern ein Paar Schuhe kaufte.

Dann setzten wir uns am Hafen in die Sonne und beobachteten die Leute, die nach und nach eintrudelten. Besonders auffällig war ein Paar aus Oldenburg, das einen MG Cabrio fuhr. Die beiden waren anscheinend zum Erwerb eines weiteren Fahrzeugs in Großbritannien gewesen, denn ein Lkw brachte einen weiteren, sehr eleganten MG zum Terminal, wo die beiden ihn in Empfang nahmen.

Nach einer Weile konnten wir einchecken, und die Fahrzeugschlange bewegte sich langsam Richtung Schiff. Doch plötzlich blieb der neue MG stehen und verweigerte jeden weiteren Dienst. Ein paar Motorradfahrer aus dem Achterhoek probierten es mit Anschieben, aber ohne Erfolg. Der Fahrer stieg aus, während seine Freundin mit ihrem Wagen am Rand wartete, ging zu einem anderen Auto weiter hinten in der Schlange und kam dann mit einem Benzinkanister wieder zurück. Da kauft man ein Auto für was weiß ich wieviel tausend Euro, und dann ist das Teil noch nicht mal vollgetankt. Unter Applaus der anderen Wartenden rollten die beiden dann auf das Schiff.

Der erste Teil der Rückfahrt verlief ähnlich wie die Hinfahrt: Abendessen, Showprogramm und dergleichen. Auf die Tabletten verzichteten wir diesmal und tranken stattdessen ein paar Bierchen, was auch bestens funktionierte. Dann gingen wir schlafen.

Nachts gegen drei Uhr wurden wir von einem fürchterlichen Lärm geweckt: Ein wahrlich nicht mehr nüchterner Engländer versuchte, zuerst erfolglos, seine Kabinentür aufzubekommen. Als er es endlich geschafft hatte, wollte ich mich umdrehen und weiter schlafen, da ertönte plötzlich laute Musik. Das ging mir doch etwas weit, und so tappte ich in den Gang, um den Urheber des Lärms darauf aufmerksam zu machen, dass man das vier Kabinen weiter noch hören konnte. Er war ziemlich leicht zu finden, da seine Tür noch sperrangelweit offen war. Kein Wunder, wie Peter später meinte, schließlich hatte er sich so viel Mühe gegeben, sie auf zu bekommen. Auf meine Bitte, seinen Discman, den er an einen Laptop angeschlossen hatte, etwas leiser zu drehen, glotzte er mich ziemlich indigniert an und fragte, wieso zum Teufel, ob ich denn etwa schlafen wolle. Ist das so ein abwegiges Anliegen, nachts um drei? Einer der Sicherheitskräfte, der dazu kam, brachte ihn dann dazu, die Musik leise zu drehen, und wir konnten weiter schlafen.

Am nächsten Morgen ging es uns auch ohne Tabletten bestens. Pünktlich kamen wir in IJmuiden an und radelten, über gepflegte Radwege auf der rechten Seite, nach Driehuis, wo wir den Zug gerade noch erwischten. In Amsterdam entdeckten wir diesmal die Rolltreppe, was die Operation doch etwas vereinfachte und erreichten problemlos den Intercity nach Enschede.

Und dann waren wir, nach zwölf erlebnisreichen Tagen, wieder zu Hause. Wir kamen zu dem Schluss, dass die Monate Mai und Juni eine gute Zeit sind, um Großbritannien zu besuchen, da die Chancen auf schönes Wetter schon recht gut sind. Außerdem sind dann  noch nicht so viele Leute unterwegs, und auf den Campingplätzen trifft man vor allem Briten.

Der nächste Britannien-Urlaub kommt bestimmt, denn dort gibt es noch so viel zu entdecken und, im wahrsten Sinne des Wortes, zu erfahren.

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