Stolpersteine in Enschede

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Dieses Mal schreibe ich über ein ernsthaftes Thema, das mich schon eine ganze Weile beschäftigt, nämlich die Stolpersteine. Ich schiebe dieses Thema schon gut zwei Jahre vor mir her, denn ich möchte ihm die Aufmerksamkeit widmen, die es verdient. Aber der 9. November, der Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 ist wohl ein guter Moment, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen, so dass es nicht in Vergessenheit gerät.

Die Idee der Stolpersteine stammt von Gunter Demnig. Er lässt diese Gedenksteine auf dem Gehweg vor den Häusern der Menschen anbringen, die von den Nazis deportiert, ermordet, vertrieben oder zum Selbstmord gezwungen worden waren. Er nennt diese Steine Stolpersteine, da man wortwörtlich darüber stolpert und man sich herunterbeugen muss, um die Texte lesen zu können. Und was wohl am Wichtigsten ist, ein Mensch ist erst dann wirklich vergessen, wenn man seinen Namen vergessen hat.  Die Steine werden vor der letzten freiwillig ausgewählten Adresse der Opfer niedergelegt. In den Niederlanden wurden die ersten Steine am 29. November 2007 in Borne gelegt.

Sehr lange tat Gunter Demnig das selbst, aber wegen der großen Nachfrage lässt er sich inzwischen von einem Team unterstützen. Die ersten Steine in einer Gemeinde legt er grundsätzlich selbst, aber in manchen Ortschaften, wie z. B. auch in Enschede, werden sie inzwischen von Straßenarbeitern, die bei der Stadt angestellt sind, gelegt. Diese werden natürlich entsprechend ausgebildet und betreut, so dass sie dies mit dem notwendigen Respekt tun.

stolpersteine

Da der Bürgersteig Eigentum der Gemeinde, also öffentlicher Raum ist, ist es notwendig, die richtigen Genehmigungen anzufordern, wobei die Gemeinde Enschede das Projekt nach Kräften unterstützt. Außerdem ist es notwendig, die Eigentümer der Häuser, vor denen die Steine gelegt werden, und die übrigen Anwohner zu informieren. Dies geschieht durch Gespräche und Informationstreffen für alle Interessieren. Es ist wichtig, dass sie das Projekt mittragen, was meistens auch der Fall ist.

Außerdem wird die Geschichte der Opfer (Juden und Nicht-Juden) erforscht. Ihre Daten (Name, Geburtsdatum, Deportation, Ort und Datum ihres Todes) müssen sorgfältig überprüft werden. Auch versucht man, immer die richtige Bezeichnung zu wählen, wie das Opfer sein Ende gefunden hat (ermordet, hingerichtet, verschwunden etc.). Es geht schließlich um ein sehr sensibles Thema, also ist es wichtig, dass die Information auf dem Stein richtig ist. Dies erfordert genaue Nachforschung in Bevölkerungsregistern und Archiven, und manchmal widersprechen einige Quellen einander.

stolperstein

Auch andere Aspekte spielen eine Rolle: Manchmal gibt es die Häuser dort nicht mehr, oder der Straßenverlauf wurde geändert.  Wo legt man dann den Stein?

Natürlich müssen auch die Hinterbliebenen kontaktiert werden, denn es ist wichtig, dass auch sie hinter der Legung eines Steins stehen.

Vor einer solchen Legung findet in Enschede immer eine Zeremonie statt, zu der die Hinterbliebenen eingeladen werden.  Ich durfte am ersten April 2014 dabei sein und war sehr beeindruckt.

Nach dem Willkommenswort und einer Erklärung zu den Hintergründen der Stolpersteine in Enschede von Bert Cras, Vorsitzender von Levend Verleden Oost-Nederland, und einer Rede des damaligen Bürgermeisters Peter den Oudsten trug einer der Hinterbliebenen das Gedicht „De laatste tocht“ vor.

Ein wichtiger Teil dieser Zeremonie ist es, dass die Namen der Menschen, für die die Steine gelegt werden, genannt werden. Aber es geht hier nicht nur um das Nennen der Namen, es wird auch immer eine kurze Geschichte über den Betreffenden erzählt: Sein oder ihr Hintergrund, Beruf, Familienstand, womit er oder sie sich sonst noch beschäftigt hat und natürlich, was über sein oder ihr Ende bekannt ist.  So wird noch einmal deutlich gemacht, dass es nicht um eine unbestimmte Gruppe geht, sondern dass, wie Bürgermeistern Ten Oudsten sagte, „hinter jedem Namen ein Mensch mit seiner eigenen Freude, Trauer, Familie und Karriere steht“. Hilde Agterbos und Suzanne Spenkelink führten diesen Teil mit Würde und Respekt durch.

Musikalisch wurde die Zeremonie von der Klezmerband Kozmozh umrahmt, und es wurden Gebete und Betrachtungen von Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen ausgesprochen. Rabbi Elijahoe Philipson betete den Kaddisch für die Trauernden. Dies ist nur möglich, wenn ein Minjan, eine Gruppe von minimal zehn im religiösen Sinne erwachsener jüdischer Männer, die also 13 Jahre oder älter sind, anwesend ist.

Margriet Meijling-Togtema, Vertreterin der humanistischen Bewegung, sprach über das Unrecht, das zu groß für Worte ist.  Sie betonte, wie wichtig es ist, dies nicht zu verschweigen und die Namen nicht zu vergessen. Dazu leisten die Stolpersteine einen großen Beitrag.

Die protestantische Pfarrerin Ellen Zonneveld erzählte vom Schicksal des Pfarrers Nanne Zwiep, für den im Thorbeckelaan 20 ein Stein gelegt wurde. Am 19. April 1942 sprach er sich in seiner sonntäglichen Predigt gegen den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung aus. Am nächsten Tag wurde er verhaftet und über Arnhem und Amersfoort ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er am 24. November 1942 starb.

Der katholische Pfarrer André Monninkhof erzählte über Kaplan Regnerus Aloysius de Hosson der Jacobuskirche in Enschede. Er setzte sich für untergetauchte Juden ein und wurde dafür am 31. Oktober 1944 in Gronau erschossen. Sein Stein liegt nun in der Langestraat 51 vor dem Pfarrhaus der Jacobuskirche. Pastor Monninkhof umschrieb es als eine Ehre, jetzt selbst dort wohnen zu dürfen.

pastorie stolpersteinpastorie

Es war eine sehr stimmungsvolle und beeindruckende Zeremonie.

Die Stolpersteine sind jedoch nicht unumstritten. Gegner finden es z. B. nicht gut, dass man praktisch über die Opfer hinwegläuft und so praktisch noch einmal auf ihnen herumtrampelt. Darum dürfen z. B. in München keine Steine gelegt werden.

Ich selbst finde das Konzept gut, denn wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, sieht man sie überall und hält kurz inne bei dem, was damals geschehen ist, auch wenn es nur in Gedanken ist.  Man stolpert, wie Demnig selbst sagt, nicht wörtlich mit seinen Füßen, sondern „mit dem Kopf und mit dem Herzen“.

Ein herzliches Dankeschön an Suzanne Spenkelink und Hilde Agterbos für die Informationen und Ergänzungen.

Weitere Informationen über die Stolpersteine und die Möglichkeiten, dieses Projekt zu unterstützen, finden Sie hier:  www.levendverledenoostnederland.nl.

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Kategorien: Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Stolpersteine in Enschede

  1. bockmouth

    Hallo Petra,
    ein sehr anrührender Artikel über die Stolpersteine! Hier bei mir im Viertel sind auch recht viele zu finden.
    Eventuell hättest du noch anmerken „sollen“, dass Günter Demming auch schon in einer Spielszene in der Lindenstraße einen Stolperstein gepflastert hat.
    Noch gestern habe ich drüber nachgedacht, ob der Mann wirklich alle Gedenksteine alleine verlegt….

    • Vielen Dank für deinen Kommentar und die Ergänzung. An die Szene in der Listra hatte ich gar nicht mehr gedacht – du hast halt doch das bessere Gossengedächtnis.

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