Ganz „normaler“ Alltag

Irgendwas ist immer, auch in der Synagoge

Vor einiger Zeit hatte ich euch ja ein Synagogen-Update versprochen. Bitte schön.

Vor gut drei Wochen hatte ich also meine Feuertaufe, eine Führung für eine deutsche Schulklasse (12 – 13 Jahre), bei der eine Ausbilderin mitging. Das Ganze war eine größere Aktion, vier Gruppen, von denen jeweils zwei gleichzeitig durch das Gebäude geführt werden sollten, während die anderen Kaffee tranken. Meine „Parallelgruppe“ wurde von einer erfahrenen Kollegin geführt, die meinte, dass ich mich einfach an die vorgegebene Reihenfolge der Räume (Klassenzimmer, Kleine Schul, Große Schul) halten sollte, sie würde ihre Pappenheimer um mich herum manövrieren. Das beruhigte mich schon mal.

Allerdings kam der Bus der Schule eine gute halbe Stunde zu spät, so dass ich doch einiges überschnitt und streckenweise ca. 80 Schüler gleichzeitig durch das Gebäude wuselten. Zum Glück hatte ich mich gut vorbereitet und konnte den Schülern (in meiner Gruppe waren nur Jungen) einige Dinge außerhalb der genannten Räume zeigen, wenn wir warten mussten, z. B. die Tische zu den verschiedenen Festen und die Thorarolle in der Vitrine.

Einige der Jungen waren schon einmal in der Synagoge gewesen und wussten einiges über das Gebäude und das Judentum. Und anders als die Gruppe meiner Kollegin waren sie sehr interessiert. Die ersten Fragen waren: „Sind Sie Niederländerin? Sind Sie Jüdin?“

Nach der Führung gab es noch eine Nachbesprechung, und meine Kollegin aus der Lerngruppe und ich dürfen jetzt selbstständig Schulklassen führen. Die erste „große“ Führung für Erwachsene ist auf unseren eigenen Wunsch noch mit Backup. Mit Stolz darf ich vermelden, dass ich jetzt nicht mehr das weiße Namensschild für Azubis, sondern ein blaues habe:

namensschild

Zur Zeit findet in der Synagoge auch die Ausstellung „Getuigen langs het spoorZeitzeugen entlang der Gleise“ statt. Hier sind Interviews mit Zeitzeugen zu sehen, die während des Zweiten Weltkriegs an der Bahnlinie wohnten, über die die Züge vom Durchgangslager Westerbork nach Deutschland und von dort weiter in die Vernichtungslager fuhren. Diese Ausstellung ist Teil des Projekts“Auf dem Weg von Anne Frank – Grenzübergreifend gegen das Vergessen„. Die Interviewten, von denen die meisten damals noch zur Schule gingen, erzählen, was sie über die „Judenzüge“ wussten, wie sie die Post aufsammelten und in den Briefkasten warfen, die die Insassen der Züge aus dem Fenster warfen, und wie sie die Zeit damals erlebt haben. Kopien von einigen dieser Postkarten werden ebenfalls gezeigt.

Für den größten Teil der Ausstellung braucht man Strom (für die Slideshow und die Interviews über Kopfhörer). Und natürlich musste gestern, als ich zum ersten Mal dort als Aufsicht eingeteilt war, der Strom teilweise ausfallen, und der eilends herbeitelefonierte Hausmeister konnte den Fehler nicht finden. Also war improvisieren angesagt. Zum Glück hatte ich mich vorher schon schlau gemacht, und so konnte ich für interessierte Besucher auf jeden Fall in groben Zügen zusammenfassen, was die interviewten Personen zu erzählen hatten. Ein Paar berichtete dann auch am Ausgang, dass das mit dem Stromausfall nicht sooo schlimm sei, eine freundliche Dame hätte ihnen alles erklärt. Immer gerne. 🙂

Als es Zeit zum Abschließen war, funktionierten die Ausstellungsstationen noch immer nicht. Dafür gingen einige Lampen im Klassenzimmer und in der Großen Schul nicht mehr aus. Ich bin ja gespannt, wie es nächsten Sonntag ist.

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Land in Sicht – Das Umzugsgedöns nähert sich dem Ende

Nachdem ich die letzten Wochen wegen Renovierung und Umzug etwas in Anspruch genommen war, komme ich jetzt mal wieder dazu, den Grenzwanderer mit neuen Informationen, Geschichten und Schwänken zu füttern. Wird auch Zeit, denn neben diversen Umzugsanekdoten liegen noch eine Pieterpad-Nachlese vom letzten Jahr, ein kurzes Synagogen-Update und die Fortsetzung des Sommer-Reiseberichts an.

Aber erst mal der Umzug: Als erstes musste zwischen Wohnzimmer und Anbau – meinem Unterrichtsraum – eine Trennwand eingezogen werden, in die meine Bücherregale eingepasst wurden. Dann wurden die Bücher teilweise aussortiert, eingepackt und ins neue Domizil verfrachtet. Es ist zwar noch keine Downton-Abbey-Bibliothek, aber es sieht gut aus:

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Zwischen den Jahren grasten wir Baumärkte, Einrichtungshäuser und Spezialgeschäfte ab, um eine Tür und Lampen für den Unterrichtsraum zu finden, da ich ihn nach den Weihnachtsferien in Betrieb nehmen wollte. Die Tür wurde bestellt, aber erst wurden nur die Gläser geliefert, da die Tür selbst noch nicht bei der Transportfirma angekommen war. Aber das war kein Problem, wir hatten auch so genug zu tun.

In der Zeit versuchte ich auch, einen Termin mit einem neuen Kunden zu machen. Er war nicht erreichbar und ich konnte nichts auf die Mailbox quasseln, aber er sah natürlich, dass ich angerufen hatte und rief zurück. Da ich gerade nicht da war, bekam er den Gatten an die Strippe, der von nichts wusste, und es entspann sich folgender Dialog, der schon fast Loriot-Format hatte: „Sie haben mich vorhin angerufen?“ – „Nein, aber vielleicht was das meine Frau?“ – „Keine Ahnung, kann sein.“ – „Haben Sie etwas mit Baumärkten, Transportunternehmen oder Türen zu tun?“ – „Äh – nein…“. Zum Glück konnten wir das Ganze bald klären, und wenn man mitten im Umzug steckt, sehen einem die Leute einiges nach.

Den Neujahrstag haben wir damit verbracht, ca. 30 Quadratmeter Schieferfußboden zu schrubben und zu polieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, aber den Händen tut sowas unheimlich gut. Aber Niveau war letztes Jahr, jetzt reicht’s nur noch für Nivea. *g*

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Dann wurden die Lampen im Unterrichtsraum montiert und die Möbel an ihren Platz gestellt.

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Wie man sieht, haben auch meine Quilts ein neues Zuhause gefunden, was ja auch wichtig ist. Und die Kursteilnehmer sind begeistert – viel mehr Licht und Platz.

In der Zwischenzeit wurde auch die Tür eingesetzt, zwar noch ohne Glas, da eins der Paneele leicht beschädigt ist, aber immerhin. Inzwischen nennen wir den Raum auch „The Library“ und trinken gelegentlich Kaffee dort. „James, please serve our coffee in the library today.“ Klingt doch gut, bloß einen Butler bräuchten wir noch…

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Vor zwei Wochen wurden die Schlafzimmermöbel hierher verfrachtet, und es zeigte sich ein merkwürdiger Effekt: Als ich die Fußbodenleisten abgeschliffen und lackiert hatte, erschien mir der Raum riesig, aber als die Möbel erst mal darin standen, passte es gut, aber mehr auch nicht. Der Schlafzimmerumzug hatte zur Folge, dass wir jeden Abend mit einer Flasche Wein bewaffnet zum Fernsehen ins alte Haus pilgerten, da die Wohnzimmermöbel noch drüben standen. Die Nachbarn werden sich ihren Teil gedacht haben.

In unserem neuen Wohnzimmer hatten wir einen offenen Kamin, aber da wir von den Dingern nicht so überzeugt sind und im alten Haus einen tollen Ofen hatten, bestellten wir einen Einbauofen. Dazu musste die Kaminöffnung etwas erweitert werden, und wir beschlossen in weiser Voraussicht, das erst machen zu lassen, bevor wir die Wohnzimmermöbel platzieren.

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Gestern haben wir endlich das Wohnzimmer umgezogen und sind jetzt nicht mehr „between homes“. Endlich war es soweit:  Downton Abbey im neuen Haus! Der Mitbewohner ist auch froh, dass er jetzt seinen Stammplatz wieder hat.

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Natürlich ist noch nicht alles perfekt, wir müssen uns an die andere Küchenaufstellung gewöhnen, bei der Neukonfiguration des WLAN hat es uns irgendwas zerschossen, so dass der Drucker nicht mehr drahtlos funktioniert und jetzt wegen zu kurzer Schnur etwas dämlich auf dem Schreibtisch steht, diverser Kleinkram muss noch sortiert und eingeräumt werden, Vorhänge braucht’s noch etc.

Aber der Unterrichtsraum – The Library – ist es auf jeden Fall wert und der Rest kommt noch.

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Schöne Feiertage – Fijne feestdagen

Trotz Umzugs- und anderem Gedöns möchte ich euch doch noch, bevor wir uns auf das Käsefondue stürzen,  schöne und geruhsame Feiertage wünschen, was ihr auch in dieser Zeit feiert. Passend dazu noch dieses schöne Bild:

Ondanks gedoe met de verhuizing en andere dingen wil ik jullie toch nog, voordat we aan de kaasfondue gaan, fijne en rustige feestdagen wensen, wat jullie ook vieren. Hier past nog het mooie plaatje bij:

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Synagogen-Update oder: Kürzere und längere Führungen und diverse Missverständnisse

Obwohl zur Zeit hier der übliche berufliche Jahresendstress herrscht und wir immer noch mit  Renovierungs- und Umzugsaktivitäten beschäftigt sind, wird es mal wieder Zeit für diverse Updates: besagter Umzug, der Pieterpad, vielleicht auch in absehbarer Zeit eine Fortsetzung des Reiseberichts und natürlich die Synagoge.

Als erstes kann ich vermelden, dass wir Teil 2 unserer Gästeführerausbildung mit Anstand zu Ende gebracht haben. Im Rahmen dieses Kurses mussten wir alle für unsere Lerngruppe eine Miniführung von zehn Minuten vorbereiten, die dann von der Gruppe bewertet wurde. Um das Ganze nicht zu einfach zu machen, sollte ich meine Miniführung auf Niederländisch halten und Peter seine auf Deutsch.

 In meinem Fall gab es erst ein ziemliches Missverständnis, mein Thema war die Südostwand. Beim Treffen vor der Themenvergabe hatten wir den Festsaal besprochen, und wenn man dort aus einem der Fenster schaut, sieht man die Südostwand von außen, und in dieser Wand befinden sich zwei Steinplatten aus der Vorgängersynagoge, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu klein geworden war. Ich dachte, dass ich darüber referieren sollte und fragte mich entsetzt, wie ich so meine zehn Minuten vollkriegen sollte. Zu meiner Ehrenrettung sie gesagt, dass ich nicht die Einzige war, die es falsch verstanden hatte. Einer unserer Ausbilder meinte dann, dass wahrscheinlich die Südostwand in der großen Schul  gemeint war, was zum Glück auch stimmte, denn da konnte ich aus dem Vollen schöpfen.

Natürlich hatte ich furchtbares Lampenfieber, denn man geht ja davon aus, dass die Lerngruppe besonders kritisch ist. Aber fast alles ging gut, außer dass ich mich ein paarmal verhaspelte und mein Rechts-Links-Problem mal wieder für Erheiterung sorgte. Auch Peter meisterte sein Thema, die Kirchenratskammer, sehr souverän und bat sogar unsere Lehrerin, doch bitte nicht auf dem Teppich zu stehen, was sie in Zukunft für ihre eigenen Führungen übernehmen möchte. Feedback und Nachbesprechung waren sehr gut und konstruktiv.

Danach hatte jeder von uns noch ein Einzelgespräch mit unseren Ausbildern, in dem wir gefragt wurden, wie wir jetzt weitermachen möchten. Wir einigten uns darauf, dass die „Azubis“ noch bei ein paar Führungen mitgehen und Teile davon übernehmen, so dass es nicht gleich so furchtbar viel ist. Von mir wollte man außerdem noch  wissen, ob ich denn auch Führungen für Schulklassen und eventuell englischsprachige Führungen machen möchte, und vielleicht könnte ich ja noch mal eben Französisch und Russisch lernen…. Im Prinzip möchte ich schon irgendwann die englischen Führungen und die für Schulklassen machen, aber erst mal möchte ich die Materie besser beherrschen, so dass ich mich sicherer fühle.  Soweit die Theorie, aber es kam mal wieder anders.

Aber erst mal wollte ich meiner altbekannten Neigung, alles vor mir her zu schieben und dann in Panik zu geraten, ein Schnippchen schlagen.  Deshalb fragte ich einen Freund, ob er sich als Versuchskarnickel zur Verfügung stellen und sich von mir das Gebäude zeigen lassen würde. Er fand die Idee gut, denn die Synagoge stand bei ihm schon lange auf der berüchtigten „Da-wollte-ich-immer-schon-hin-aber-man-kommt-ja-zu-nix“-Liste. Also musste ich meine Aufzeichnungen in Ordnung bringen, so etwas wie ein Gesamtkonzept entwickeln und eine Aufstellung der hebräischen Inschriften in den diversen Räumen erstellen, denn ich kann das Zeugs ja nicht lesen. Vielleicht hätte ich mir doch eine Kirche aussuchen sollen, lateinische Inschriften haben doch einen höheren Wiedererkennungswert.

Nachdem wir erst diverse terminliche Missverständnisse ausräumen mussten, schafften wir es tatsächlich, zur selben Zeit am selben Ort zu sein, was für so ein Unterfangen ja  nicht verkehrt ist. Eine reguläre Führung dauert eine Stunde und fünfzehn Minuten, und das heißt, dass man irgendwo was weglassen muss. Aber in diesem Fall machte ich das natürlich nicht, wir begannen bei der Außenfassade (Amsterdamer Architekturschule), dann führte ich ihn durch alle Räume, die ich auch betreten darf, und beendete den Rundgang zwei Stunden später auf der Frauenempore.

Für mich war es tatsächlich sehr hilfreich, denn ich weiß jetzt, bei welchen Punkten ich mich sicher fühle, wo ich noch ins Schwimmen gerate, was ich noch mal nachschlagen muss und wo ich straffen kann, wenn es notwendig ist. Und es hat Spaß gemacht, jemandem das Gebäude zu zeigen, der sich für die Mosaiken und Bleiglasfenster begeistern kann und jede Menge Fragen stellt.

Tja, und letzte Woche rief mich eine der Koordinatorinnen an, ob ich im neuen Jahr eine komplette deutschsprachige Führung für eine Schulklasse machen möchte. Meine Ausbilderin denkt, dass ich es schaffe. Sie wird das Ganze auf jeden Fall vorher mit mir durchgehen und außerdem dabei sein, falls ich komplett den Faden verliere. Am 26. Januar ist also meine Feuertaufe. Ein paar positive Gedanken könnten auf jeden Fall nicht schaden.

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Eine andere Kindheit und Jugend

Vor einigen Jahren, als meine Neffen noch sehr klein waren, hatte meine Schwiegermutter ein paar Kinderbücher vom Dachboden geholt, in denen ich interessiert blätterte. Meine Schwägerin fragte: „Ach, liest du Pinkeltje mal wieder?“ Wieso „mal wieder“? Für mich waren diese Geschichten Neuland. Wieder einmal wurde mir klar, dass ich viele Erinnerungen, die für meine Altersgenossen hier in den Niederlanden Gemeingut sind, nicht teile. An ihrer Stelle stehen andere, die mich für immer mit meinen Freunden aus der alten Heimat verbinden.

Alexandra von buurtaal geht es ähnlich, und da wir ungefähr gleich alt sind und sie im selben Jahr nach Deutschland zog, in dem ich in den Niederlanden ansässig wurde, entstand die Idee,  zu diesem Thema ein Doppelprojekt( die Niederländer haben dafür das schöne Wort „tweeluik“) zu machen. Sie schreibt über ihre Kindheit und Jugend in den Niederlanden, also über das Stück, das mir hier fehlt, und ich schreibe über meine deutsche Kindheit und Jugend, von der Geburt bis zum Ende der Schulzeit mit 18 bzw. 19 Jahren. Da ich noch etwas verfrüht finde,  meine Memoiren zu schreiben, greife ich nur ein paar Aspekte heraus, von denen ich denke, dass sie für deutsche Kinder meiner Generation typisch waren.

Als ich noch klein war…

An meine Kleinkinderzeit erinnere ich mich vor allem bruchstückhaft und anhand von Erzählungen und Fotos. Mein Vater ging anscheinend gern mit mir im Kinderwagen spazieren, was für Männer in dieser Zeit eher untypisch war. Meine Mutter saß mit mir im Garten bei Oma und wir pflückten Blumen. Ich ging gern in die Badewanne, was auch heute noch so ist.

Umständehalber verbrachte ich auch viel Zeit bei meinen Großeltern. Opa las mir die Kinderbuchserie von Gertrud Keussen über die beiden Zwerge Puk und Pat, das arme Einöhrchen (ein Kaninchen, das ein Ohr verloren hatte) und den Raben vom Felsenberg vor. Später kamen auch die Wilhelm-Busch-Klassiker „Max und Moritz“ und (zu Omas Entsetzen) „Die fromme Helene“ hinzu. Außerdem lernte ich von ihm das Zählen, die Uhr, die ersten Buchstaben und – mit weniger Erfolg – das Schuhezubinden. Oma brachte mir das Backen bei, und ich durfte beim Marmeladeeinkochen helfen.

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Anscheinend zeichnete sich mein heutiger Beruf schon früh ab

Der Kindergarten in München war grauenhaft, der in Erding, wo wir später hinzogen, war okay. Dort lernte ich die Pumuckl-Hörspiele von Ellis Kaut kennen und lieben. Nach und  nach bekamen wir die ganze Schallplattensammlung zusammen, die sich jetzt bei meinem Bruder befindet. Schließlich soll meine kleine Nichte ja nicht ohne Pumuckl aufwachsen.

Schulzeit

In Deutschland wird man in der Regel mit sechs Jahren eingeschult. Der erste Schultag ist sehr wichtig, die Zeit des sorglosen Spielens ist vorbei und der Ernst des Lebens beginnt. Um diesen Schritt etwas zu versüßen, erhalten die Kinder eine Schultüte mit Süßigkeiten und anderen Kleinigkeiten, die man in der Schule halt so braucht – Malstifte, Bastelzeugs und dergleichen. An diesem Tag lernte ich auch Silvia kennen, die Jahre später meine beste Freundin wurde. Diese Freundschaft besteht übrigens immer noch! Die Grundschule war für mich ganz in Ordnung, mal abgesehen vom Sportunterricht, der mir schon damals ein Graus war, und der Schriftnote, die mir mit schöner Regelmäßigkeit das Zeugnis versaute.

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Der Ernst des Lebens fängt an

Nach der vierten Klasse – wir waren damals zehn – wechselten wir auf das Gymnasium, wo wir uns gemeinsam bis zum Abitur durchkämpften. Unser „Gymmi“ hatte zwei Zweige im Angebot, den naturwissenschaftlich-mathematischen und den neusprachlichen. Bei mir wurde es letzterer (wundert das jemanden?), was mir die Fremdsprachen Englisch, Latein und Französisch bescherte. In Englisch war ich gut, Latein ging so und ich hielt tapfer bis zum Latinum durch, und mit Französisch konnte ich mich nicht anfreunden. Im Nachhinein war es aber gut, beide Sprachen gehabt zu haben, da sie Voraussetzung für das Anglistik-Studium sind.

In der siebten und achten Klasse fuhr man bei uns im Winter eine Woche ins Skilager, wir waren ja schließlich nah genug an den Alpen. Bei mir funktionierte das Ganze eher nach dem Motto „Runter kommt man immer“, aber nett war es schon. In der Zehnten fuhren wir auf Klassenfahrt nach Berlin (näheres siehe unter „Geteiltes Deutschland“) und in der Elften ging es nach Rom. Das bedeutete natürlich eine Menge Kultur, viel Wein, wenig Schlaf und den absoluten Höhepunkt auf der Rückfahrt: Unser Klassenlehrer schaffte es irgendwie, die Notbremse zu ziehen, so dass wir  mitten in der Nacht mit einem gewaltigen Ruck in den Feldern vor Florenz zum Stehen kamen. Dank der Eloquenz einer anderen Lehrerin, die fließend Italienisch sprach, kam er um eine Geldstrafe herum.

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Forum Romanum

Vor einiger Zeit hatten wir zum 25jährigen Jubiläum ein Treffen unseres Abi-Jahrgangs. Natürlich besuchten wir auch das Schulgebäude, das mir jetzt um einiges kleiner vorkam. Interessant war auch, dass sich beim gemeinsamen Abendessen wieder dieselben Gruppen bildeten wie zu Schulzeiten, auch wenn ich einige Leute schon viele Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Geteiltes Deutschland

Bevor ich zu Büchern, Musik und dergleichen komme, erst noch ein Exkurs in die politische Situation. Damals bestand Deutschland noch aus zwei Teilen, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Irgendwo in der Rhön und bei Travemünde hörte für uns Kinder  die Welt auf, und was hinter dem Grenzstreifen mit seinen Wachtürmen, dem „Eisernen Vorhang“ lag, wussten wir nicht genau. Ich habe zwar Verwandtschaft in Thüringen, aber der Kontakt lief vor allem über meine Großeltern und deren Geschwister, die damals gelegentlich zu Besuch kamen. Außerdem erinnere ich mich an die Weihnachtspakete, die wir damals „nach drüben“ schickten, mit Plätzchen, Stollen, Schokolade, Kaffee und anderen Dingen, die damals dort schwer zu bekommen waren. Man musste eine genaue Aufstellung des Inhalts beilegen, und Bücher oder Zeitschriften waren nicht erlaubt. Wir bekamen ebenfalls Pakete zurück, und obwohl die „Ost-Süßigkeiten“  nicht besonders lecker waren, wussten wir die Geste zu schätzen. Gelegentlich schrieben meine Großcousine und ich uns einen Brief, aber das schlief recht schnell ein, da wir beide zu einer gewissen Schreibfaulheit neigten.

Als ich sechzehn war, fuhren wir auf Klassenfahrt in das damals noch geteilte Berlin. Zu diesem Zweck mussten wir uns einen Reisepass zulegen und bekamen genaue Instruktionen, wie wir uns bei den Grenzkontrollen zu verhalten hatten, schließlich waren die ostdeutschen Zollbeamten nicht gerade für ihre höfliche und zuvorkommende Art bekannt. Wir absolvierten das übliche Programm: Stadtrundfahrt, Kurfürstendamm, diverse Museen und ein Tag in Ostberlin.  Im Vorfeld hatte man uns gründlich eingeimpft, was wir zu tun und zu lassen hatten, und nachdem wir am Bahnhof Friedrichstrasse die Grenze passiert hatten, waren wir entsprechend eingeschüchtert. Auch an die geballte Unfreundlichkeit, mit der man uns Wessis dort begegnete, erinnere ich mich noch. Und heute kann ich verstehen, dass unsere Klassenlehrerin damals wohl Blut geschwitzt haben muss und mit uns undiszipliniertem Haufen lieber woanders hingefahren wäre.

Umweltschutz und Friedensbewegung

Sicher hat mich auch das politische Klima der 80er Jahre geprägt. 1982 wurde Helmut Kohl Bundeskanzler, und er sollte den Platz erst sechzehn Jahre später, als ich schon in den Niederlanden wohnte, wieder räumen. Ich brauchte damals eine ganze Weile, um mich daran zu gewöhnen, dass der Bundeskanzler nicht mehr Kohl hieß.

Im selben Jahr (1982) kamen auch die Grünen zum ersten Mal in den deutschen Bundestag, und das Drei-Parteien-System aus CDU/CSU, SPD und FDP war durchbrochen. Themen wie das Waldsterben, die Endlichkeit der fossilen Rohstoffvorräte und der Verdacht, dass Kernenergie wohl doch keine richtig saubere und sichere Lösung ist (was durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 eindrucksvoll bestätigt wurde), erhielten einen Platz auf der politischen Agenda. Auch wir versuchten, mit unseren bescheidenen Mitteln die Erde zu retten: Wir schrieben auf Umweltschutzpapier, boykottierten Plastiktüten, kauften in Umweltläden ein und Autofahren konnten wir ja sowieso noch nicht. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir damals auf dem Gebiet von Umweltschutz weiter waren als heute.

Auch der kalte Krieg und das Wettrüsten waren ständig Thema, was ja auch kein Wunder ist, wenn die Grenze zwischen den beiden Großmächten das Land, in dem man lebt, in zwei Stücke gehackt hat. Das hat natürlich auch Einfluss auch Literatur, Kunst und Musik.

 Das „Bayern-Eins-Trauma“, die Neue Deutsche Welle und sonstiges Musikalisches

Was ich „ganz früher“ an Musik mitgekriegt habe, weiß ich eigentlich nicht mehr so genau, die Schlager der früher 70er gingen irgendwie an mir vorbei, was im Nachhinein vielleicht nicht das Schlechteste war. Aber an den Radiosender „Bayern Eins“, den mein Vater beim sonntäglichen Mittagessen immer hört, erinnere ich mich noch gut – bayerische Volksmusik vom Feinsten! Meine Freundinnen litten genauso darunter wie ich, vermutlich wurde da eine ganze Generation traumatisiert.

Irgendwann fand ich, wie damals wohl fast jeder, Abba toll und hatte einige Alben von ihnen. Anders als die meisten anderen fand ich damals schon Frida besser als Agneta, und vor einigen Jahren wurde mir mal wieder klar, wie schön eigentlich das Lied „When All Is Said And Done“ ist.

Auch die Neue Deutsche Welle (Anfang der 80er) schwappte an mir nicht spurlos vorüber – Trio mit ihrem eintönigen „Da Da Da“, Nena und die 99 Luftballons, Peter Schilling, der völlig losgelöst durch die Gegend schwebte und – nicht wirklich typisch NDW – die Spider Murphy Gang und die Münchner Freiheit. So ganz ohne Lokalpatriotismus geht es halt doch nicht. Und Falcos Lied „Jeanny“ stand ja damals beim Bayerischen Rundfunk auf dem Index, da es die Entführung eines Mädchens aus der Sicht des Täters erzählte. Es wurde im Radio nicht gespielt, stand aber sehr lange auf Platz Eins der Hitparade am Freitagabend. Kein Wunder, jeder wollte das Lied natürlich haben. Auch ich überspielte es mir von einer Freundin (so machte man das damals), zusammen mit der Frank-Zander-Parodie.

Da ja irgendwann bei mir  das Interesse für Friedensbewegung und Umweltschutz erwachte, entwickelten sich auch meine musikalischen Vorlieben in diese Richtung und ich entdeckte die Liedermacher (auf gut Niederländisch „Singer-Songwriter“) Reinhard Mey, Hannes Wader, Konstantin Wecker, Bettina Wegener und andere. In dieser Zeit lernte ich auch ein bisschen Gitarre spielen, aber an Reinhard Meys Zupfmuster (dem sogenannten Mey-Zupfing) bin ich grandios gescheitert. Mir ist heute noch ein Rätsel, wie man das hinkriegt, ohne sich die Finger komplett zu verknoten. Manchmal überlege ich, ob ich meine Gitarre mal wieder vom Speicher holen, entstauben und loslegen sollte, aber ich bezweifle, ob das in diesem Leben noch was wird.

Film und Fernsehen – natürlich auf Deutsch

Während man in den Niederlanden Filme und Fernsehserien (vom Kinderprogramm abgesehen) im Original mit Untertiteln ausstrahlt, wird in Deutschland fast alles nachsynchronisiert. Bei Kinderserien wie „Wickie und die starken Männer“ oder „Biene Maja“ fiel das natürlich nicht weiter auf, aber auch bei den ganzen anderen Serien wie „Bonanza“, „Unsere kleine Farm“ etc. fanden wir es nie merkwürdig, dass man in den tiefsten USA Deutsch spricht. Was denn sonst, wir kannten es ja nicht anders.

Auch in unserem Kleinstadtkino gab es keine Filme im fremdsprachigen Original, dafür musste man nach München fahren, was für ca. 15jährige noch eine ziemliche Expedition war. Aber was tut man nicht alles.

Irgendwann fiel mir natürlich auf, dass gelegentlich ein Sprecher verschiedene Schauspieler synchronisiert, oder dass der Sprecher eines Schauspielers aus irgendwelche Gründen ausgetauscht wird. Und es fing an zu nerven, dass die Dialoge nicht lippensynchron sind.

Als ich mir später alles Mögliche im Original zu Gemüte führte, wunderte ich mich öfter, wie anders die echten Stimmen der Schauspieler oft klingen. Die deutsche Stimme von „Alf“ finde ich immer noch sympathischer als das Original.

 Leseratte

Ich hatte mir ja schon immer gern vorlesen lassen, und sobald ich lesen konnte, waren Bücher mein Ein und Alles. Unzählige Nachmittage verbrachte ich auf dem Wohnzimmersofa oder auf dem Teppich vor der Balkontür meines Zimmers, und zahllose Nächte lag ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, weil ich einfach wissen wollte, wie es weitergeht.  Ottfried Preussler, Astrid Lindgren, Enid Blyton, später Karl May, Michael Ende, mir gefiel vieles.

Eine Zeitlang hatte ich Reitunterricht, und in dieser Phase verschlang ich alles, was irgendwie mit Pferden zu tun hatte, von den typischen Serien „Mädchen mit Pferd“ bis zu Fachbüchern über Pferdehaltung (zu meiner Enttäuschung wollten meine Eltern das Wohnzimmer nicht zu einem Pferdestall umbauen) und einem Wälzer über Pferdekrankheiten, da ich damals noch Tierärztin werden wollte.

Später las ich neben der Pflichtlektüre in der Schule auch viel über die deutsche Vergangenheit, vor allem das Dritte Reich und die Judenverfolgung, Autobiografien und Romane mit sozialpolitischem Hintergrund, Entwicklungshilfe, Jugendliche mit Problemen (z.B. Christiane F.) etc. Damals wollten wir ja noch die Welt retten.

Schon früh entdeckte ich meine Leidenschaft für Krimis und Spukgeschichten, die mich heute noch begleitet. Wundert es jemanden, dass der Schauerroman des 18. und 19. Jahrhunderts später einer meiner Studienschwerpunkte war?

Zu guter Letzt: Reisen und Fernweh

Während meine Schulfreundinnen in den Ferien mit schöner Regelmäßigkeit mit ihren Eltern in den sonnigen Süden (Italien, Spanien, Jugoslawien) oder den hohen Norden (Schweden, Norwegen) gondelten, waren meine Eltern eher heimatverbunden. Das Ausland war ihnen nicht so ganz geheuer, also fuhren wir im Urlaub abwechselnd in die Berge oder an die Nord- oder Ostsee. Meine Liebe zum Meer stammt noch aus der Zeit.

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Urlaub am Meer

Und aus irgendwelchen Gründen zog es mich nach England, vermutlich wegen der Enid-Blyton-Romantik. Nach einem absolut genialen Urlaub mit einer guten Freundin und Namensvetterin in England und Schottland war es klar – dieses Land sollte mich nicht mehr loslassen. Und es war diese Faszination, die mich auf Umwegen in die Niederlande geführt hat – aber das ist eine andere Geschichte.

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Lebenszeichen

Es ist ja jetzt schon eine Weile etwas ruhiger hier, und vielleicht hat sich der eine oder andere schon gefragt, wo ich denn abgeblieben bin. Ich kann euch beruhigen, es geht mir gut. Weder wurde ich von Seehunden gefressen, noch habe ich mich dauerhaft auf dem Pieterpad verlaufen oder ist mir die Inspiration ausgegangen. Nein, es ist einfach mal wieder schnöder Zeitmangel aus unterschiedlichen Gründen.

Für den Gästeführerkurs in der Synagoge muss ich einiges lernen, aber die erste Hürde habe ich inzwischen geschafft: Eine 10-Minuten-Führung zu einem Thema (in meinem Fall die Südostwand in der Großen Schul mit dem Heiligen Schrein und einigen interessanten Mosaiken und Bleiglasfenstern), die von unseren Ausbildern und unserer Lerngruppe bewertet wurde. Selbstverständlich bin ich vor Lampenfieber fast gestorben, aber ich habe es geschafft. Das Feedback war gut, und ich hoffe nicht, dass mir demnächst mitgeteilt wird, dass ich mir besser ein anderes Hobby suchen soll. Ich werde aber heute darum bitten, die erste „richtige“ Führung erst im neuen Jahr machen zu dürfen, denn es gibt noch eine andere Sache, die gerade viel Zeit kostet.

Wir haben letzten Montag den Schlüssel zu unserer neuen Bleibe bekommen. Das Haus ist ungefähr 30 – 40 Meter von unserem jetzigen entfernt (je nachdem, bei welcher Tür man hinein möchte), und es hat einen Anbau im Erdgeschoss, den ich als Unterrichtsraum / Büro nutzen möchte.

Neue BleibeUnterrichtsraum

Und wie es halt so ist, muss einiges gemacht werden: Ein paar Sachen umbauen, eine Menge subermachen und streichen usw. Gestern haben wir das Pflaumenbäumchen, das ich von einem ehemaligen Auftraggeber zum Abschied bekommen habe, sowie einige Brombeer- und Himbeersetzlinge in unseren neuen Garten gebracht. Dass man so nah dran wohnt, ist sehr praktisch, da man so auch zwischendurch einigen Kleinkram erledigen kann.

Außerdem kann ich mich zur Zeit nicht über Auftragsmangel beklagen, und das ist auch gut so. Irgendwo muss ja das Geld, das jetzt mit schöner Regelmäßigkeit in den Baumarkt wandert, ja herkommen. Dazu kommt noch mein Berufsblog, das gepflegt werden möchte, und die Website einer Sprachenschule im Norden der Niederlande, für die ich seit Kurzem regelmäßig schreibe, und zwar über alles, was irgendwie mit Sprache, Literatur, Kunst und Kultur zu tun hat. So kriege ich sogar ein bisschen Geld für mein Hobby, aber all das frisst natürlich Zeit, im Moment leider auf Kosten des Grenzwanderers.

Aber keine Angst, es liegen noch ein paar Sachen „auf Halde“, und wenn ich wieder etwas Luft habe, hört ihr wieder öfter von mir. Einige Pleiten, Pech und Pannen bei Renovierung und Umzug wird es mit Sicherheit auch geben. Man liest sich.

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Neues aus der Synagoge oder: So entstehen Gerüchte

Wie man vielleicht mitgekriegt hat, bin ich ja vor einiger Zeit in einem Anfall von Größenwahn auf die Idee gekommen, Gästeführerin in unserer Synagoge zu werden. Hier ein kurzes Update:

Vor den Sommerferien haben der Gatte und ich Teil eins des Kurses abgeschlossen, in dem wir einen Überblick über die Räume erhielten und instruiert wurden, was man am Empfang alles beachten muss. Inzwischen hat Teil zwei angefangen, und hier hat man mich eigentlich bei der deutschsprachigen Gruppe eingeteilt, und Peter bei der niederländischsprachigen. Aber, Streber die wir sind, versuchen wir wenn möglich, zu beiden Treffen zu gehen, denn doppelt hält besser. Außerdem schauen wir, so oft es sich zeitlich einrichten lässt, den erfahrenen Kollegen über die Schulter. Im November muss jeder von uns eine „Mini-Führung“ für seine Lerngruppe geben, für die uns – hoffentlich bald – ein Raum zugewiesen wird.

Es gibt Phasen, da denke ich: Das muss gehen, inzwischen habe ich mir doch einiges über das Gebäude, das Judentum und die Geschichte der Juden in unserer Stadt angeeignet. Aber dann denke ich wieder: Hilfeeee, worauf hab ich mich da bloß eingelassen. Was waren auch wieder die Kennzeichen der Amsterdamer Schule, wann genau hat Architekt Karel de Bazel gelebt, und welcher der diversen Menkos hat die Synagoge in Auftrag gegeben? Vor allem die Jahreszahlen sind ein echtes Problem, da muss ich mir noch einen geeigneten Spickzettel basteln.

Vor kurzem hatten wir wieder ein Treffen, und da wurde ich Zeuge, wie mehr oder weniger absurde Gerüchte entstehen können. Diesem Treffen war eine Führung für einen Landfrauenverein vorausgegangen, bei der ich leider nicht anwesend war, aber das „Nachspiel“ hatte genug Unterhaltungswert.

Wir sprachen gerade darüber, wo und wie man am Besten mit der Führung anfängt, als unser Judentums-Experte zu unserem Tisch kam: „Ich habe gerade von einigen aus der Gruppe gehört, dass man die Thorarolle in die Mikwe (das rituelle Bad) taucht, bevor der Name Gottes an den fehlenden Stellen eingetragen wird. Ich schließe nicht aus, dass es irgendwo Gruppen gibt, die so etwas machen, aber ich habe davon bisher noch nie etwas gehört. Leute, denkt dran, wenn ihr nicht ganz sicher seid, dass so etwas stimmt, erzählt es bitte nicht in der Führung.“

Unser Ausbilder, der die Führung gegeben hatte, und die beiden Mitstudentinnen, die dabei gewesen waren, waren völlig perplex. Niemand hatte etwas derartiges behauptet! Nach und nach rekonstruierten sie den Hergang. Was wohl stimmt, und auch bei jeder Führung erzählt wird, ist, dass die Thorarolle, die die fünf Bücher Mose enthält, mit der Hand beschrieben wird, und dass beim Namen Gottes keine Fehler gemacht werden dürfen. Darum werden die Stellen freigelassen, und der Sofer (Schreiber) trägt sie zum Schluss nach. Bevor er das tut, wäscht er sich rituell die Hände. Kurz danach wies der Gästeführer darauf hin, dass unsere Synagoge auch eine Mikwe hat. Wegen der Hitze hatten einige aus dem Publikum nicht ganz aufmerksam zugehört und die Funktion des Tauchbades fröhlich mit dem Schreiben der Thora zusammengeschmissen.

Das kann also auch bei einer Führung passieren.

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Die schönste Synagoge der Niederlande oder: Warum der Gatte und ich wieder die Schulbank drücken

Oh Mann, da habe ich mir wieder ein Ei gelegt! Dabei fing alles recht harmlos an, nämlich mit einem Zeitungsartikel, dass sich immer mehr deutschsprachige Besucher für die Synagoge in unserer Stadt interessieren, und dass deswegen Leute gesucht werden, die sich zum Gästeführer ausbilden lassen möchten. Wenn’s weiter nichts ist – Deutsch kann ich. Auch Peter hatte Lust, mitzumachen, und so schrieb ich eine Mail an das Sekretariat der Stiftung um unser Interesse zu bekunden. Ich fragte auch, ob es ein Problem sei, dass wir nicht jüdisch sind.

Kurz darauf rief eine Dame von der Stiftung an und lud uns zu einem Gespräch ein. Dort fühlte man uns ganz schön auf den Zahn. Als erstes mussten wir einen Fragebogen ausfüllen. Darin wurde u.a. gefragt, was wir besonders interessant finden: Die Architektur des Gebäudes, die Geschichte des Judentums in Twente, die jüdische Religion, Kunst, Kultur und Religion im Allgemeinen. Auch wollten sie wissen, was für Arbeiten wir erledigen wollten (Empfang, Führungen, Café und Laden), was wir beruflich machten und besondere Kenntnisse.

Im anschließenden Gespräch kam natürlich auch die Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ (Goethe, Faust I). Ich würde mich wohl am ehesten als Agnostikerin mit protestantischem (lies: evangelischem) Hintergrund bezeichnen. Und es ist mir klar, dass ich hier wieder mit einigen Vorurteilen aufräume, nicht jeder, der in Bayern geboren ist, ist automatisch katholisch. Ich interessiere mich aber durchaus für Religion im Allgemeinen (hatte ich auch angekreuzt) und habe mich erst neulich in die keltische und nordische Mythologie vertieft. Da kann man das Judentum auch noch dazupacken.

Dies war kein Problem, die jüdische Gemeinde ist seit dem zweiten Weltkrieg sehr geschrumpft, und nur wenige freiwillige Helfer der Synagoge sind jüdischen Glaubens.  Wir wurden allerdings wiederholt darauf hingewiesen, dass das Ganze richtig harte Arbeit werden würde, wir müssen ja immerhin eine Menge lernen. Och, das geht schon – dachten wir…

Man schickte uns eine Mail mit den Unterlagen für Gästeführer, und zwar in deutscher als auch in niederländischer Sprache, und wir fingen begeistert mit der Lektüre an, um uns auf die erste Stunde vorzubereiten.

Bevor man uns auf die ahnungslosen Touristen loslässt, kriegen wir eine richtige Ausbildung. In den ersten vier Treffen lernen wir das Gebäude kennen und erfahren alles Nötige für den Empfang. Denn auch wenn wir eigentlich Führungen machen wollen, kann es sein, dass wir mal dort einspringen müssen.

Tja, und für die erste Stunde hatte ich brav alles über die kleine Schul (Tagesschul) gelesen, und es erschien mir auch wunderbar einleuchtend. Aber dann saßen wir im besagten Raum, und die Kursleiterin fragte uns, was wir darüber jetzt wissen. Au weia, lesen geht ja noch, aber das Reproduzieren ist wieder eine ganz andere Sache. Ich bekam richtig Mitleid mit meinen eigenen Kursteilnehmern!

Da die Leute vor mit schon alles über den Heiligen Schrein, die Thora und das Lesepult (die Bima) erzählt hatten, war kaum noch etwas übrig, als ich an der Reihe war. Aber bevor ich mich vollends blamierte, fiel mir zum Glück noch etwas über die Bleiglasfenster ein, auf denen die Ausgangspunkte jüdischen Lebens (Gott fürchten, Wahrheit, Friede und Liebe, Gutes und Gerechtes tun und das Gebet) dargestellt sind. Darunter sind auch noch die Symbole des gelobten Landes: Palme, Wasserstrom, Kornähre, Trauben und gesprengte Ketten als Symbol für die Freiheit. Immerhin etwas, auch wenn es natürlich noch viel mehr gibt.

Diese ganze Zahlensymbolik ist auch unheimlich faszinierend. Die Zahl 18 steht für das Leben, und deshalb ist die große Schul auch jeweils 18 Meter lang und breit und in der Kuppel sogar 18 Meter hoch. 10 steht für die Vollkommenheit (siehe auch die 10 Gebote), 7 für Säuberung und Reinheit, weshalb auch sieben Stufen in die Mikwe, das rituelle Tauchbad, führen. Mehr weiß ich zwar im Moment noch nicht, aber den Rest lerne ich sicher noch irgendwann.

In der nächsten Zeit wird man mich wohl häufiger mit meinen Unterlagen in der Synagoge finden, wo ich versuche, den Text und alles um mich herum in Einklang zu bringen. Gut ist ja, das Peter und ich den Kurs zusammen machen, da können wir uns auch mal gegenseitig abfragen. Ich halte euch auf dem Laufenden.

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Bjarnes “Beautiful Day”

Wie liever een deel van het verhaal in het Nederlands wil lezen, kan dit hier doen.

Knapp eine Woche, nachdem wir uns persönlich in Pieterburen von Bjarnes Wohlergehen überzeugt hatten, erhielten wir von Casperien eine Mail, dass unser Seehund wuchs, gedieh und ungefähr acht Kilo pro Woche zunahm. Inzwischen wog er gut 30 Kilo und konnte also am Freitag, den 26. Februar auf Vlieland freigelassen werden. Unsere „Elternzeit“ war also diesmal kürzer als bei Mara und Lewis, aber Hauptsache gesund!

Peter und ich schafften es auch diesmal, alle anstehenden Termine zu verschieben und sagten zu, dass wir kommen würden. Da Peters Mutter nicht weit von Harlingen, wo die Fähren nach Vlieland und Terschelling abfahren, entfernt wohnt, luden wir sie ein, uns zu begleiten. Als ich Casperien fragte, ob dies in Ordnung war, schrieb sie zurück, dass wir ja wohl gemerkt hatten, dass es kein Problem gewesen war und dass sie hoffte, dass wir trotz des stürmischen Wetters eine schöne Freilassung erlebt hatten. Bitte? Hatten wir irgendwie aneinander vorbei kommuniziert und hatten sie Bjarne ohne uns freigelassen? Nachfrage ergab, dass sie etwas verwechselt hatte und dass unser „Beautiful Day“ noch in der Zukunft lag. Grundgütiger, die Leute können einen aber auch erschrecken.

Wie vor zwei Jahren bei Lewis hieß es auch diesmal wieder um fünf Uhr aufstehen. Ich weiß, es gibt Leute, die das täglich machen, aber ich finde sowas barbarisch. Aber gut, was tut man nicht alles für einen Seehund. Auf der Autobahn war wenig Verkehr, und nachdem wir Peters Mutter aufgesammelt hatten, waren wir pünktlich am Hafen von Harlingen, wo wir uns wieder mit André treffen sollten. Dass wir ihn inzwischen kannten, machte das Ganze deutlich relaxter.

Als er auftauchte, schnappte er sich gleich den Gatten, der ihm beim Verladen der drei Seehunden helfen sollte, während Peters Mutter und ich uns ein Plätzchen mit Aussicht suchten.

Verladen verladen2

Nach dem Auslaufen stieß Peter zu uns, und später kam auch André, der uns erzählte, dass er eine sehr kurze Nacht gehabt hatte, da er stundenlang bei Bremen im Stau gestanden war. Später erfuhren wir, dass er seine Zeit zwischen der Arbeit im Robbenzentrum Föhr (Deutschland) und diversen Aktivitäten in den Niederlanden aufteilt.

Pünktlich kamen wir auf Vlieland an und begaben uns zu den Seehunden. Außer den jungen Kegelrobben Bjarne und Hetty wartete auch noch der etwa zweijährige Seehund Rachamim auf seine Freilassung. Obwohl er 70 Kilo auf die Waage brachte, war er für sein Alter immer noch zu leicht, aber weil er in der Seehundstation nicht weiter zunahm und man auch keinerlei Krankheiten entdecken konnte, hatte man beschlossen, ihn frei zu lassen, da er ja nicht ewig in Pieterburen bleiben konnte.

Als wir auf Vlieland angekommen waren, gab es erst ein paar Schwierigkeiten mit dem Tor zum Cardeck, doch die Seehunde verhielten sich verhältnismäßig ruhig. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass man sie nicht irgendwie medizinisch ruhigstellte, da sie ja sofort im Wasser zurechtkommen müssen. Aber anscheinend sind sie Kummer gewöhnt.

cardeck

Dort verfrachtete André die Adoptiveltern in den Bus, und fuhr zusammen mit Peter mit ihm auf dem Trecker mit Anhänger mitfahren durfte.

transport

Beim Badhuys mussten wir den Bus verlassen und auf dem Vliehorsexpress Platz nehmen, der uns an das westlichste Ende der Insel bringen sollte, wo im Sommer die Fähre nach Texel ablegt. Außer uns fuhren noch eine ganze Menge „Zaungäste“ mit, und André rekrutierte erst einmal vier kräftige Mannsbilder, die die Seehunde auf den Vliehorsexpress verfrachteten.

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Dann nutzte er die Gelegenheit, im Aufklärungsarbeit zu leisten und Fragen zu beantworten. Ich glaube, es gibt wenig, was er nicht über das Watt und die Seehunde weiß. So erfuhren wir, dass die Seehunde eher Einzelgänger sind, während die Kegelrobben recht gesellige, soziale Tiere sind.

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Die Fahrt dauerte eine ganze Weile, und vor allem Bjarne wurde langsam unruhig. Als wir endlich angekommen waren, wurden die Kisten wieder herunter gewuchtet und ziemlich nah am Wasser platziert. Dann durften die Adoptiveltern Fotos von vorne machen, während die anderen Gäste hinter einer Linie warten mussten. Da ich beim letzten Mal die Kiste öffnen durfte, übernahm ich diesmal das Fotografieren.

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Auf Andrés Zeichnen wurden die Kisten geöffnet.

freilassen

Rachamim schoss wie eine Rakete auf das Wasser zu und verschwand auf Nimmerwiedersehen in den Fluten.

Rachamim Rachamim2

Hetty und Bjarne ließen sich deutlich mehr Zeit, robbten erst mal gemütlich auf das Wasser zu, begaben sich dann wieder ein Stückchen zurück und Bjarne posierte noch einmal sehr nah vor meiner Kamera.

Bjarne7 Hetty

Dann spielten die beiden noch eine ganze Weile am Strand und gaben gewissermaßen eine Abschiedsvorstellung. Die beiden kurzen Filme hat mir Marleen zur Verfügung gestellt – vielen Dank dafür.

Erst als die meisten Zuschauer sich wieder zum Vliehorsexpress begaben, fanden sie ihren Weg ins Wasser und schwammen in Richtung Texel. Möge es euch gut gehen da draußen! Vielleicht trefft ihr ja Lewis und Mara noch.

Bjarne&Hetty Bjarne&Hetty2

Da ich ohne Handschuhe fotografiert hatte, waren meine Hände inzwischen eiskalt geworden, denn es hatte immer noch nur ein paar Grad über Null. Aber das war es auf jeden Fall wert. Unter kräftigen Gerüttel ging es wieder über den Vliehors zurück zum Badhuys, von wo aus wir zu Fuß ins Dorf gingen. Nach einem guten Essen und Kaffee spazierten wir noch durch das Dorf und am Watt entlang zum Hafen. Vlieland ist im Februar herrlich ruhig, kein Vergleich zu den Sommermonaten.

Dorpsstraat

Dann war es Zeit, um wieder heimwärts zu fahren. Es war ein langer und rundum gelungener Tag mit Sonne, Strand und Seehunden.

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Er gaat niets boven Groningen – Seehunde, ein Stadtbesuch und Erinnerungen

Gestern waren wir mal wieder in Pieterburen, da wir uns persönlich vom Wohlergehen unseres Seehunds Bjarne überzeugen wollten. Ich hatte uns ordnungsgemäß vorher angemeldet, und der nette Mitarbeiter an der Rezeption wusste Bescheid.

Sobald seine Kollegin ihn ablöste, ging er mit uns zum „Buitenbad“, einem Außenbecken, wo sieben Kegelrobben (grijze zeehonden) friedlich vor sich hin plantschten. Aber welcher davon war Bjarne? Sie sehen sich ja alle recht ähnlich, und das Hochhalten der Adoptionsurkunde half auch nichts – keiner winkte uns begeistert zu.

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Der Mitarbeiter, der uns begleitete, ging nach dem Ausschlussprinzip vor: Die mit einem lila Etikett in der Schwanzflosse konnten es nicht sein, denn die waren letztes Jahr gefunden worden, der eine mit dem roten Etikett, der so elegant am Ufer lag, war es auch nicht, denn der hatte noch eine Wunde an der Schwanzflosse und so weiter. Irgendwann kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass Bjarne der Seehund in der vorderen Ecke sein musste.

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Als „Adoptiveltern“ kriegt man hier eine richtige VIP-Behandlung, man darf zusammen mit einem Mitarbeiter über die Absperrung, und er erklärt einem alles über unseren Seehund. So erfuhren wir, dass Bjarne in dem Monat, den er schon in Pieterburen ist, knapp zehn Kilo zugenommen hat und jetzt also 23 Kilo wiegt. Seine Gesundheit macht gute Fortschritte. Er scheint ein recht eigenwilliger Zeitgenosse mit einem ausgezeichneten Gebiss zu sein, das er uns auch mehrmals zeigte. Seehunde sehen zwar sehr knuddelig aus, aber es bleiben Raubtiere, und wenn einer zuschnappt, dann tut das weh, wie uns versichert wurde.

Da ich mich noch immer in der Smartphone-Lernphase befinde, machte ich einige Fotos mit meinem schicken Gerät und schickte sie gnadenlos an Freunde und Bekannte. Und ich habe sogar rausgekriegt, wie ich die Dinger auf den heimischen PC kriege. Toll, nicht wahr?

Im Kino der Seehundstation wurde passenderweise ein kurzer Film über Kegelrobben gezeigt. Die jungen Kegelrobben werden mitten im Winter geboren und haben ein dickes weißes Fell. Darum können sie auch in ihren ersten Lebenswochen noch nicht ins Wasser, denn das Fell würde sich sofort vollsaugen. Die Mutter säugt ihr Junges also an Land, und nach etwa fünf Wochen, wenn es groß genug ist, wird das weiße Fell durch normales Fell ersetzt. Dann verlässt die Mutter das Junge, und es muss sich allein durchschlagen. Zwischendurch muss die Mutter jedoch selbst mal auf Jagd, und in dieser Zeit ist das Junge dann allein an Land. Wenn Menschen dann zu nah heran kommen, verstößt die Mutter ihr Kind. Wenn es Glück hat, wird es, wie unser Bjarne, gefunden und in der Seehundstation aufgepäppelt, aber es ist natürlich viel besser, die Seehunde in Ruhe zu lassen, so dass es gar nicht notwendig ist.

Nach diesem lehrreichen Besuch fuhren wir nach Groningen, wo Peter seine Studentenzeit verbracht hatte. Wir parkten unser Auto in Beijum hinter Peters ehemaligem Studentenhaus und fuhren mit dem Bus ins Zentrum. Inzwischen ist es Linie 4 und nicht mehr Linie 6 – immer diese Veränderungen!

Groningen war die erste niederländische Stadt, die ich kennengelernt und auch oft besucht hatte, und auf unserem Weg durch die Stadt wurde ich von zahlreichen Erinnerungen eingeholt: So radelte ich einmal allein mit einer Karte bewaffnet von Beijum nach Paddepoel, um einen Freund zu besuchen, der in einer ziemlich hohen Hausnummer wohnte. Von meiner deutschen Geografie ausgehend erwartete ich eine unendlich lange Straße und war erstaunt, dass ich sehr schnell vor meinem Ziel stand, da man hier die Wohnungen in einem Hochhaus einzeln durchnummeriert. Ist ja auch viel praktischer.

Und einmal traf ich mich mit einer Freundin am Grote Markt beim Warenhaus V&D, was mir damals noch gar nichts sagte. Doch sie erklärte mir: „You will find it. Everybody meets at the V&D.“ Dass besagte Warenhauskette vor Kurzem Konkurs angemeldet hat und wohl bald von der Bildfläche verschwunden sein wird, bedeutet irgendwie das Ende einer Ära.

Aber viele Dinge gibt es noch immer: So steht der Martinitoren (d’Olle Grieze), den ich damals im Schweiße meines Angesichts erklommen hatte, immer noch da, wo er hingehört, und auch das Café „Ugly Duck“, wi wir uns gnadenlos an Spareribs überfressen hatten, gibt es noch.

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Diesmal aßen wir keine Spareribs (man wird ja vernünftig), sondern die typisch Groninger Mosterdsoep und Broodjes. Dabei musste ich mal wieder an den herrlichen Dialogausschnitt aus dem Lehrbuch „In de startblokken – Nederlands voor Duitstaligen“ denken: „Dan neem ik ook een voorgerecht. De mosterdsoep is hier altijd erg lekker.“ Da diese Unterrichtsmethode an der Universität Groningen entwickelt wurde, muss so ein Satz natürlich hinein.

Groningen

Danach gingen wir durch die Herestraat, die Einkaufsstraße schlechthin, zum Bahnhof. Dieses monumentale Gebäude hat einfach was.

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Zu meiner Groninger Zeit war die Decke in der Bahnhofshalle leider nicht zu sehen, da sie renoviert wurde, aber diesmal konnten wir sie in ihrer ganzen Pracht bewundern. Leute, so muss ein Bahnhof aussehen!

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Mein Verhältnis zu diesem Bahnhof war damals eher ambivalent, denn wie oft war ich hier angekommen, um relativ kurze Zeit später wieder Abschied nehmen zu müssen. Aber jetzt, wo ich meinen Platz hier gefunden habe, freue ich mich darauf, bei meiner Pieterpad-Wanderung in Groningen anzukommen und von dort aus auch wieder nach Hause zu fahren.

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