Literarisches und Kulturelles

Irgendwas ist immer, auch in der Synagoge

Vor einiger Zeit hatte ich euch ja ein Synagogen-Update versprochen. Bitte schön.

Vor gut drei Wochen hatte ich also meine Feuertaufe, eine Führung für eine deutsche Schulklasse (12 – 13 Jahre), bei der eine Ausbilderin mitging. Das Ganze war eine größere Aktion, vier Gruppen, von denen jeweils zwei gleichzeitig durch das Gebäude geführt werden sollten, während die anderen Kaffee tranken. Meine „Parallelgruppe“ wurde von einer erfahrenen Kollegin geführt, die meinte, dass ich mich einfach an die vorgegebene Reihenfolge der Räume (Klassenzimmer, Kleine Schul, Große Schul) halten sollte, sie würde ihre Pappenheimer um mich herum manövrieren. Das beruhigte mich schon mal.

Allerdings kam der Bus der Schule eine gute halbe Stunde zu spät, so dass ich doch einiges überschnitt und streckenweise ca. 80 Schüler gleichzeitig durch das Gebäude wuselten. Zum Glück hatte ich mich gut vorbereitet und konnte den Schülern (in meiner Gruppe waren nur Jungen) einige Dinge außerhalb der genannten Räume zeigen, wenn wir warten mussten, z. B. die Tische zu den verschiedenen Festen und die Thorarolle in der Vitrine.

Einige der Jungen waren schon einmal in der Synagoge gewesen und wussten einiges über das Gebäude und das Judentum. Und anders als die Gruppe meiner Kollegin waren sie sehr interessiert. Die ersten Fragen waren: „Sind Sie Niederländerin? Sind Sie Jüdin?“

Nach der Führung gab es noch eine Nachbesprechung, und meine Kollegin aus der Lerngruppe und ich dürfen jetzt selbstständig Schulklassen führen. Die erste „große“ Führung für Erwachsene ist auf unseren eigenen Wunsch noch mit Backup. Mit Stolz darf ich vermelden, dass ich jetzt nicht mehr das weiße Namensschild für Azubis, sondern ein blaues habe:

namensschild

Zur Zeit findet in der Synagoge auch die Ausstellung „Getuigen langs het spoorZeitzeugen entlang der Gleise“ statt. Hier sind Interviews mit Zeitzeugen zu sehen, die während des Zweiten Weltkriegs an der Bahnlinie wohnten, über die die Züge vom Durchgangslager Westerbork nach Deutschland und von dort weiter in die Vernichtungslager fuhren. Diese Ausstellung ist Teil des Projekts“Auf dem Weg von Anne Frank – Grenzübergreifend gegen das Vergessen„. Die Interviewten, von denen die meisten damals noch zur Schule gingen, erzählen, was sie über die „Judenzüge“ wussten, wie sie die Post aufsammelten und in den Briefkasten warfen, die die Insassen der Züge aus dem Fenster warfen, und wie sie die Zeit damals erlebt haben. Kopien von einigen dieser Postkarten werden ebenfalls gezeigt.

Für den größten Teil der Ausstellung braucht man Strom (für die Slideshow und die Interviews über Kopfhörer). Und natürlich musste gestern, als ich zum ersten Mal dort als Aufsicht eingeteilt war, der Strom teilweise ausfallen, und der eilends herbeitelefonierte Hausmeister konnte den Fehler nicht finden. Also war improvisieren angesagt. Zum Glück hatte ich mich vorher schon schlau gemacht, und so konnte ich für interessierte Besucher auf jeden Fall in groben Zügen zusammenfassen, was die interviewten Personen zu erzählen hatten. Ein Paar berichtete dann auch am Ausgang, dass das mit dem Stromausfall nicht sooo schlimm sei, eine freundliche Dame hätte ihnen alles erklärt. Immer gerne. 🙂

Als es Zeit zum Abschließen war, funktionierten die Ausstellungsstationen noch immer nicht. Dafür gingen einige Lampen im Klassenzimmer und in der Großen Schul nicht mehr aus. Ich bin ja gespannt, wie es nächsten Sonntag ist.

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Synagogen-Update oder: Kürzere und längere Führungen und diverse Missverständnisse

Obwohl zur Zeit hier der übliche berufliche Jahresendstress herrscht und wir immer noch mit  Renovierungs- und Umzugsaktivitäten beschäftigt sind, wird es mal wieder Zeit für diverse Updates: besagter Umzug, der Pieterpad, vielleicht auch in absehbarer Zeit eine Fortsetzung des Reiseberichts und natürlich die Synagoge.

Als erstes kann ich vermelden, dass wir Teil 2 unserer Gästeführerausbildung mit Anstand zu Ende gebracht haben. Im Rahmen dieses Kurses mussten wir alle für unsere Lerngruppe eine Miniführung von zehn Minuten vorbereiten, die dann von der Gruppe bewertet wurde. Um das Ganze nicht zu einfach zu machen, sollte ich meine Miniführung auf Niederländisch halten und Peter seine auf Deutsch.

 In meinem Fall gab es erst ein ziemliches Missverständnis, mein Thema war die Südostwand. Beim Treffen vor der Themenvergabe hatten wir den Festsaal besprochen, und wenn man dort aus einem der Fenster schaut, sieht man die Südostwand von außen, und in dieser Wand befinden sich zwei Steinplatten aus der Vorgängersynagoge, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu klein geworden war. Ich dachte, dass ich darüber referieren sollte und fragte mich entsetzt, wie ich so meine zehn Minuten vollkriegen sollte. Zu meiner Ehrenrettung sie gesagt, dass ich nicht die Einzige war, die es falsch verstanden hatte. Einer unserer Ausbilder meinte dann, dass wahrscheinlich die Südostwand in der großen Schul  gemeint war, was zum Glück auch stimmte, denn da konnte ich aus dem Vollen schöpfen.

Natürlich hatte ich furchtbares Lampenfieber, denn man geht ja davon aus, dass die Lerngruppe besonders kritisch ist. Aber fast alles ging gut, außer dass ich mich ein paarmal verhaspelte und mein Rechts-Links-Problem mal wieder für Erheiterung sorgte. Auch Peter meisterte sein Thema, die Kirchenratskammer, sehr souverän und bat sogar unsere Lehrerin, doch bitte nicht auf dem Teppich zu stehen, was sie in Zukunft für ihre eigenen Führungen übernehmen möchte. Feedback und Nachbesprechung waren sehr gut und konstruktiv.

Danach hatte jeder von uns noch ein Einzelgespräch mit unseren Ausbildern, in dem wir gefragt wurden, wie wir jetzt weitermachen möchten. Wir einigten uns darauf, dass die „Azubis“ noch bei ein paar Führungen mitgehen und Teile davon übernehmen, so dass es nicht gleich so furchtbar viel ist. Von mir wollte man außerdem noch  wissen, ob ich denn auch Führungen für Schulklassen und eventuell englischsprachige Führungen machen möchte, und vielleicht könnte ich ja noch mal eben Französisch und Russisch lernen…. Im Prinzip möchte ich schon irgendwann die englischen Führungen und die für Schulklassen machen, aber erst mal möchte ich die Materie besser beherrschen, so dass ich mich sicherer fühle.  Soweit die Theorie, aber es kam mal wieder anders.

Aber erst mal wollte ich meiner altbekannten Neigung, alles vor mir her zu schieben und dann in Panik zu geraten, ein Schnippchen schlagen.  Deshalb fragte ich einen Freund, ob er sich als Versuchskarnickel zur Verfügung stellen und sich von mir das Gebäude zeigen lassen würde. Er fand die Idee gut, denn die Synagoge stand bei ihm schon lange auf der berüchtigten „Da-wollte-ich-immer-schon-hin-aber-man-kommt-ja-zu-nix“-Liste. Also musste ich meine Aufzeichnungen in Ordnung bringen, so etwas wie ein Gesamtkonzept entwickeln und eine Aufstellung der hebräischen Inschriften in den diversen Räumen erstellen, denn ich kann das Zeugs ja nicht lesen. Vielleicht hätte ich mir doch eine Kirche aussuchen sollen, lateinische Inschriften haben doch einen höheren Wiedererkennungswert.

Nachdem wir erst diverse terminliche Missverständnisse ausräumen mussten, schafften wir es tatsächlich, zur selben Zeit am selben Ort zu sein, was für so ein Unterfangen ja  nicht verkehrt ist. Eine reguläre Führung dauert eine Stunde und fünfzehn Minuten, und das heißt, dass man irgendwo was weglassen muss. Aber in diesem Fall machte ich das natürlich nicht, wir begannen bei der Außenfassade (Amsterdamer Architekturschule), dann führte ich ihn durch alle Räume, die ich auch betreten darf, und beendete den Rundgang zwei Stunden später auf der Frauenempore.

Für mich war es tatsächlich sehr hilfreich, denn ich weiß jetzt, bei welchen Punkten ich mich sicher fühle, wo ich noch ins Schwimmen gerate, was ich noch mal nachschlagen muss und wo ich straffen kann, wenn es notwendig ist. Und es hat Spaß gemacht, jemandem das Gebäude zu zeigen, der sich für die Mosaiken und Bleiglasfenster begeistern kann und jede Menge Fragen stellt.

Tja, und letzte Woche rief mich eine der Koordinatorinnen an, ob ich im neuen Jahr eine komplette deutschsprachige Führung für eine Schulklasse machen möchte. Meine Ausbilderin denkt, dass ich es schaffe. Sie wird das Ganze auf jeden Fall vorher mit mir durchgehen und außerdem dabei sein, falls ich komplett den Faden verliere. Am 26. Januar ist also meine Feuertaufe. Ein paar positive Gedanken könnten auf jeden Fall nicht schaden.

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Stolpersteine in Enschede

Zur niederländischen Version

Dieses Mal schreibe ich über ein ernsthaftes Thema, das mich schon eine ganze Weile beschäftigt, nämlich die Stolpersteine. Ich schiebe dieses Thema schon gut zwei Jahre vor mir her, denn ich möchte ihm die Aufmerksamkeit widmen, die es verdient. Aber der 9. November, der Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 ist wohl ein guter Moment, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen, so dass es nicht in Vergessenheit gerät.

Die Idee der Stolpersteine stammt von Gunter Demnig. Er lässt diese Gedenksteine auf dem Gehweg vor den Häusern der Menschen anbringen, die von den Nazis deportiert, ermordet, vertrieben oder zum Selbstmord gezwungen worden waren. Er nennt diese Steine Stolpersteine, da man wortwörtlich darüber stolpert und man sich herunterbeugen muss, um die Texte lesen zu können. Und was wohl am Wichtigsten ist, ein Mensch ist erst dann wirklich vergessen, wenn man seinen Namen vergessen hat.  Die Steine werden vor der letzten freiwillig ausgewählten Adresse der Opfer niedergelegt. In den Niederlanden wurden die ersten Steine am 29. November 2007 in Borne gelegt.

Sehr lange tat Gunter Demnig das selbst, aber wegen der großen Nachfrage lässt er sich inzwischen von einem Team unterstützen. Die ersten Steine in einer Gemeinde legt er grundsätzlich selbst, aber in manchen Ortschaften, wie z. B. auch in Enschede, werden sie inzwischen von Straßenarbeitern, die bei der Stadt angestellt sind, gelegt. Diese werden natürlich entsprechend ausgebildet und betreut, so dass sie dies mit dem notwendigen Respekt tun.

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Da der Bürgersteig Eigentum der Gemeinde, also öffentlicher Raum ist, ist es notwendig, die richtigen Genehmigungen anzufordern, wobei die Gemeinde Enschede das Projekt nach Kräften unterstützt. Außerdem ist es notwendig, die Eigentümer der Häuser, vor denen die Steine gelegt werden, und die übrigen Anwohner zu informieren. Dies geschieht durch Gespräche und Informationstreffen für alle Interessieren. Es ist wichtig, dass sie das Projekt mittragen, was meistens auch der Fall ist.

Außerdem wird die Geschichte der Opfer (Juden und Nicht-Juden) erforscht. Ihre Daten (Name, Geburtsdatum, Deportation, Ort und Datum ihres Todes) müssen sorgfältig überprüft werden. Auch versucht man, immer die richtige Bezeichnung zu wählen, wie das Opfer sein Ende gefunden hat (ermordet, hingerichtet, verschwunden etc.). Es geht schließlich um ein sehr sensibles Thema, also ist es wichtig, dass die Information auf dem Stein richtig ist. Dies erfordert genaue Nachforschung in Bevölkerungsregistern und Archiven, und manchmal widersprechen einige Quellen einander.

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Auch andere Aspekte spielen eine Rolle: Manchmal gibt es die Häuser dort nicht mehr, oder der Straßenverlauf wurde geändert.  Wo legt man dann den Stein?

Natürlich müssen auch die Hinterbliebenen kontaktiert werden, denn es ist wichtig, dass auch sie hinter der Legung eines Steins stehen.

Vor einer solchen Legung findet in Enschede immer eine Zeremonie statt, zu der die Hinterbliebenen eingeladen werden.  Ich durfte am ersten April 2014 dabei sein und war sehr beeindruckt.

Nach dem Willkommenswort und einer Erklärung zu den Hintergründen der Stolpersteine in Enschede von Bert Cras, Vorsitzender von Levend Verleden Oost-Nederland, und einer Rede des damaligen Bürgermeisters Peter den Oudsten trug einer der Hinterbliebenen das Gedicht „De laatste tocht“ vor.

Ein wichtiger Teil dieser Zeremonie ist es, dass die Namen der Menschen, für die die Steine gelegt werden, genannt werden. Aber es geht hier nicht nur um das Nennen der Namen, es wird auch immer eine kurze Geschichte über den Betreffenden erzählt: Sein oder ihr Hintergrund, Beruf, Familienstand, womit er oder sie sich sonst noch beschäftigt hat und natürlich, was über sein oder ihr Ende bekannt ist.  So wird noch einmal deutlich gemacht, dass es nicht um eine unbestimmte Gruppe geht, sondern dass, wie Bürgermeistern Ten Oudsten sagte, „hinter jedem Namen ein Mensch mit seiner eigenen Freude, Trauer, Familie und Karriere steht“. Hilde Agterbos und Suzanne Spenkelink führten diesen Teil mit Würde und Respekt durch.

Musikalisch wurde die Zeremonie von der Klezmerband Kozmozh umrahmt, und es wurden Gebete und Betrachtungen von Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen ausgesprochen. Rabbi Elijahoe Philipson betete den Kaddisch für die Trauernden. Dies ist nur möglich, wenn ein Minjan, eine Gruppe von minimal zehn im religiösen Sinne erwachsener jüdischer Männer, die also 13 Jahre oder älter sind, anwesend ist.

Margriet Meijling-Togtema, Vertreterin der humanistischen Bewegung, sprach über das Unrecht, das zu groß für Worte ist.  Sie betonte, wie wichtig es ist, dies nicht zu verschweigen und die Namen nicht zu vergessen. Dazu leisten die Stolpersteine einen großen Beitrag.

Die protestantische Pfarrerin Ellen Zonneveld erzählte vom Schicksal des Pfarrers Nanne Zwiep, für den im Thorbeckelaan 20 ein Stein gelegt wurde. Am 19. April 1942 sprach er sich in seiner sonntäglichen Predigt gegen den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung aus. Am nächsten Tag wurde er verhaftet und über Arnhem und Amersfoort ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er am 24. November 1942 starb.

Der katholische Pfarrer André Monninkhof erzählte über Kaplan Regnerus Aloysius de Hosson der Jacobuskirche in Enschede. Er setzte sich für untergetauchte Juden ein und wurde dafür am 31. Oktober 1944 in Gronau erschossen. Sein Stein liegt nun in der Langestraat 51 vor dem Pfarrhaus der Jacobuskirche. Pastor Monninkhof umschrieb es als eine Ehre, jetzt selbst dort wohnen zu dürfen.

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Es war eine sehr stimmungsvolle und beeindruckende Zeremonie.

Die Stolpersteine sind jedoch nicht unumstritten. Gegner finden es z. B. nicht gut, dass man praktisch über die Opfer hinwegläuft und so praktisch noch einmal auf ihnen herumtrampelt. Darum dürfen z. B. in München keine Steine gelegt werden.

Ich selbst finde das Konzept gut, denn wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, sieht man sie überall und hält kurz inne bei dem, was damals geschehen ist, auch wenn es nur in Gedanken ist.  Man stolpert, wie Demnig selbst sagt, nicht wörtlich mit seinen Füßen, sondern „mit dem Kopf und mit dem Herzen“.

Ein herzliches Dankeschön an Suzanne Spenkelink und Hilde Agterbos für die Informationen und Ergänzungen.

Weitere Informationen über die Stolpersteine und die Möglichkeiten, dieses Projekt zu unterstützen, finden Sie hier:  www.levendverledenoostnederland.nl.

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Neues aus der Synagoge oder: So entstehen Gerüchte

Wie man vielleicht mitgekriegt hat, bin ich ja vor einiger Zeit in einem Anfall von Größenwahn auf die Idee gekommen, Gästeführerin in unserer Synagoge zu werden. Hier ein kurzes Update:

Vor den Sommerferien haben der Gatte und ich Teil eins des Kurses abgeschlossen, in dem wir einen Überblick über die Räume erhielten und instruiert wurden, was man am Empfang alles beachten muss. Inzwischen hat Teil zwei angefangen, und hier hat man mich eigentlich bei der deutschsprachigen Gruppe eingeteilt, und Peter bei der niederländischsprachigen. Aber, Streber die wir sind, versuchen wir wenn möglich, zu beiden Treffen zu gehen, denn doppelt hält besser. Außerdem schauen wir, so oft es sich zeitlich einrichten lässt, den erfahrenen Kollegen über die Schulter. Im November muss jeder von uns eine „Mini-Führung“ für seine Lerngruppe geben, für die uns – hoffentlich bald – ein Raum zugewiesen wird.

Es gibt Phasen, da denke ich: Das muss gehen, inzwischen habe ich mir doch einiges über das Gebäude, das Judentum und die Geschichte der Juden in unserer Stadt angeeignet. Aber dann denke ich wieder: Hilfeeee, worauf hab ich mich da bloß eingelassen. Was waren auch wieder die Kennzeichen der Amsterdamer Schule, wann genau hat Architekt Karel de Bazel gelebt, und welcher der diversen Menkos hat die Synagoge in Auftrag gegeben? Vor allem die Jahreszahlen sind ein echtes Problem, da muss ich mir noch einen geeigneten Spickzettel basteln.

Vor kurzem hatten wir wieder ein Treffen, und da wurde ich Zeuge, wie mehr oder weniger absurde Gerüchte entstehen können. Diesem Treffen war eine Führung für einen Landfrauenverein vorausgegangen, bei der ich leider nicht anwesend war, aber das „Nachspiel“ hatte genug Unterhaltungswert.

Wir sprachen gerade darüber, wo und wie man am Besten mit der Führung anfängt, als unser Judentums-Experte zu unserem Tisch kam: „Ich habe gerade von einigen aus der Gruppe gehört, dass man die Thorarolle in die Mikwe (das rituelle Bad) taucht, bevor der Name Gottes an den fehlenden Stellen eingetragen wird. Ich schließe nicht aus, dass es irgendwo Gruppen gibt, die so etwas machen, aber ich habe davon bisher noch nie etwas gehört. Leute, denkt dran, wenn ihr nicht ganz sicher seid, dass so etwas stimmt, erzählt es bitte nicht in der Führung.“

Unser Ausbilder, der die Führung gegeben hatte, und die beiden Mitstudentinnen, die dabei gewesen waren, waren völlig perplex. Niemand hatte etwas derartiges behauptet! Nach und nach rekonstruierten sie den Hergang. Was wohl stimmt, und auch bei jeder Führung erzählt wird, ist, dass die Thorarolle, die die fünf Bücher Mose enthält, mit der Hand beschrieben wird, und dass beim Namen Gottes keine Fehler gemacht werden dürfen. Darum werden die Stellen freigelassen, und der Sofer (Schreiber) trägt sie zum Schluss nach. Bevor er das tut, wäscht er sich rituell die Hände. Kurz danach wies der Gästeführer darauf hin, dass unsere Synagoge auch eine Mikwe hat. Wegen der Hitze hatten einige aus dem Publikum nicht ganz aufmerksam zugehört und die Funktion des Tauchbades fröhlich mit dem Schreiben der Thora zusammengeschmissen.

Das kann also auch bei einer Führung passieren.

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Bag Art

Aufmerksame Leser haben ja mitgekriegt, dass Peter und ich in den letzten Jahren das Projekt „Bag Art“ entwickelt haben: Kunstwerke aus Fahrrad- und anderen Taschen. Diese habe ich auf einer eigenen Seite zusammengestellt. Falls jemand Lust hat, bei dieser netten Spielerei mitzumachen, immer gerne! Hinterlasst dann einfach einen Kommentar, so dass ich eure Kunstwerken finden kann.

Viel Spaß!

Attente lezers hebben inmiddels zeker gemerkt, dat Peter en ik in den afgelopen jaren het project „Bag Art“ ontwikkelt hebben: Kunstwerken van fiets- en andere tassen. Deze heb ik nu op een aparte pagina samengesteld. Mocht iemand zin hebben, om bij dit leuke spelletje mee te doen, graag. Laat dan gewoon een commentaar achter, zodat ik jullie kunstwerken kan vinden.

Veel plezier!

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Kommt Pfingsten, kommt KunstenLandschap

Manche Dinge sind so sicher wie das Amen in der Kirche: Am Pfingstwochenende findet die Kunstroute statt.

Aufmerksame Leser wissen ja, dass ich seit ein paar Jahren als freiwillige Helferin mitarbeite, und es macht immer noch eine Menge Spaß. Diesmal hatte ich nichts mit der Beschilderung der Route zu tun, wenn sich also jemand verfahren hat, beschwert euch bitte nicht bei mir.

Ich war am Samstag eingeteilt, um beim Aufbau der Installation von Bart Ensing zu helfen. Er hatte eine Menge Äste an Schnüren vorbereietet, die er an einem über den Teich hängenden Ast befestigen wollte. Das sah nach einer Menge Arbeit aus, aber er meinte, wenn er es am Samstag nicht fertig bekommt, macht er am Sonntag weiter und deklariert das Ganze zur Performance.

Aber erst mal musste der Teich einigermaßen sauber gemachte werden, wobei ich mithalf, wenn ich nicht gerade fotografierte.

vijver

Dann wurden vom Baum und vom Wasser aus die Schnüre befestigt. Dies war wahrlich ein Spektakel, dass allerdings nur einigen Eingeweihten vorbehalten blieb.

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Und so sah es aus, als es fertig war (die Leiter, bei der ich mich noch fragte, ob sie Teil des Objekts oder Werkzeug war, wurde nicht mehr gebraucht):

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Irgendwie habe ich einen ziemlichen Respekt vor den Künstlern, die hier mitmachen. Die meisten sind sympathische Leute mit einem gesunden Spieltrieb, aber hier konnte man mal wieder sehen, dass sie auch unheimlich viel Einsatz und Durchsetzungsvermögen haben. Am Montag erfuhr ich, dass das Kunstwerk im Baum hängenbleiben darf, denn dem Besitzer des Landguts, auf dem sich der Weiher befindet, gefällt es.

Am Montag verkaufte ich wieder einmal Karten, aber davor hatten Peter und ich noch Zeit, uns die Higlights anzuschauen. Besonders schön fangen wir die Tänzerin aus Maschendraht, den Ruheplatz für Rehe, die Bank und die verlorenen Handschuhe, die wieder zu neuen Paaren zusammengeführt worden waren:

taenzerin ruheplatz

Bank handschuhe

Und die Spiegelkugeln im Gras luden zum Experimentieren mit der Kamera ein – die alte Form der Selfies zozusagen.

spiegel

Und dieses Kunstwerk im Wald ist einfach so traurig wahr, Pflastersteine sind der Tod der Natur.

steine

Diesmal war nicht nur die Kirche von Lonneker ein Ausstellungsraum, auch unser Beigeordneter für Kultur hatte seinen Garten zur Verfügung gestellt.

kirche hatenboer

Ich war wieder einmal beeindruckt, wie die Künstler es schafften, ihre Werke in die Umgebung einzufügen. Es erfordert wirklich einen etwas anderen Blick auf seine Umgebung, dass man einen Ort sieht und dann auf solche Ideen kommt. Schade nur, dass das Wetter diesmal nicht so gut war, was sicher viele davon abgehalten hat, sich die Route anzuschauen (die heutige Jugend hält ja nix mehr aus). Sie haben auf jeden Fall einiges verpasst!

Nachtrag: Mehr Fotos gibt es hier.

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Die schönste Synagoge der Niederlande oder: Warum der Gatte und ich wieder die Schulbank drücken

Oh Mann, da habe ich mir wieder ein Ei gelegt! Dabei fing alles recht harmlos an, nämlich mit einem Zeitungsartikel, dass sich immer mehr deutschsprachige Besucher für die Synagoge in unserer Stadt interessieren, und dass deswegen Leute gesucht werden, die sich zum Gästeführer ausbilden lassen möchten. Wenn’s weiter nichts ist – Deutsch kann ich. Auch Peter hatte Lust, mitzumachen, und so schrieb ich eine Mail an das Sekretariat der Stiftung um unser Interesse zu bekunden. Ich fragte auch, ob es ein Problem sei, dass wir nicht jüdisch sind.

Kurz darauf rief eine Dame von der Stiftung an und lud uns zu einem Gespräch ein. Dort fühlte man uns ganz schön auf den Zahn. Als erstes mussten wir einen Fragebogen ausfüllen. Darin wurde u.a. gefragt, was wir besonders interessant finden: Die Architektur des Gebäudes, die Geschichte des Judentums in Twente, die jüdische Religion, Kunst, Kultur und Religion im Allgemeinen. Auch wollten sie wissen, was für Arbeiten wir erledigen wollten (Empfang, Führungen, Café und Laden), was wir beruflich machten und besondere Kenntnisse.

Im anschließenden Gespräch kam natürlich auch die Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ (Goethe, Faust I). Ich würde mich wohl am ehesten als Agnostikerin mit protestantischem (lies: evangelischem) Hintergrund bezeichnen. Und es ist mir klar, dass ich hier wieder mit einigen Vorurteilen aufräume, nicht jeder, der in Bayern geboren ist, ist automatisch katholisch. Ich interessiere mich aber durchaus für Religion im Allgemeinen (hatte ich auch angekreuzt) und habe mich erst neulich in die keltische und nordische Mythologie vertieft. Da kann man das Judentum auch noch dazupacken.

Dies war kein Problem, die jüdische Gemeinde ist seit dem zweiten Weltkrieg sehr geschrumpft, und nur wenige freiwillige Helfer der Synagoge sind jüdischen Glaubens.  Wir wurden allerdings wiederholt darauf hingewiesen, dass das Ganze richtig harte Arbeit werden würde, wir müssen ja immerhin eine Menge lernen. Och, das geht schon – dachten wir…

Man schickte uns eine Mail mit den Unterlagen für Gästeführer, und zwar in deutscher als auch in niederländischer Sprache, und wir fingen begeistert mit der Lektüre an, um uns auf die erste Stunde vorzubereiten.

Bevor man uns auf die ahnungslosen Touristen loslässt, kriegen wir eine richtige Ausbildung. In den ersten vier Treffen lernen wir das Gebäude kennen und erfahren alles Nötige für den Empfang. Denn auch wenn wir eigentlich Führungen machen wollen, kann es sein, dass wir mal dort einspringen müssen.

Tja, und für die erste Stunde hatte ich brav alles über die kleine Schul (Tagesschul) gelesen, und es erschien mir auch wunderbar einleuchtend. Aber dann saßen wir im besagten Raum, und die Kursleiterin fragte uns, was wir darüber jetzt wissen. Au weia, lesen geht ja noch, aber das Reproduzieren ist wieder eine ganz andere Sache. Ich bekam richtig Mitleid mit meinen eigenen Kursteilnehmern!

Da die Leute vor mit schon alles über den Heiligen Schrein, die Thora und das Lesepult (die Bima) erzählt hatten, war kaum noch etwas übrig, als ich an der Reihe war. Aber bevor ich mich vollends blamierte, fiel mir zum Glück noch etwas über die Bleiglasfenster ein, auf denen die Ausgangspunkte jüdischen Lebens (Gott fürchten, Wahrheit, Friede und Liebe, Gutes und Gerechtes tun und das Gebet) dargestellt sind. Darunter sind auch noch die Symbole des gelobten Landes: Palme, Wasserstrom, Kornähre, Trauben und gesprengte Ketten als Symbol für die Freiheit. Immerhin etwas, auch wenn es natürlich noch viel mehr gibt.

Diese ganze Zahlensymbolik ist auch unheimlich faszinierend. Die Zahl 18 steht für das Leben, und deshalb ist die große Schul auch jeweils 18 Meter lang und breit und in der Kuppel sogar 18 Meter hoch. 10 steht für die Vollkommenheit (siehe auch die 10 Gebote), 7 für Säuberung und Reinheit, weshalb auch sieben Stufen in die Mikwe, das rituelle Tauchbad, führen. Mehr weiß ich zwar im Moment noch nicht, aber den Rest lerne ich sicher noch irgendwann.

In der nächsten Zeit wird man mich wohl häufiger mit meinen Unterlagen in der Synagoge finden, wo ich versuche, den Text und alles um mich herum in Einklang zu bringen. Gut ist ja, das Peter und ich den Kurs zusammen machen, da können wir uns auch mal gegenseitig abfragen. Ich halte euch auf dem Laufenden.

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Kultur in Gronau: Nachteinblicke

Gestern waren wir mal wieder in kultureller Mission auf der anderen Seite der Grenze unterwegs. In Gronau fand nämlich das Kulturspektakel „Nachteinblicke“ statt. Das Konzept an sich ist schon sehr interessant: Von 19 Uhr bis 1 Uhr finden an dreizehn Veranstaltungsorten in Gronau und Epe kurze Auftritte aller Art statt: Musik, Tanz, Kabarett, Dichterlesungen etc. Jeder Teilnehmer tritt im Laufe des Abends an drei verschiedenen Orten auf.

Die meisten Orte liegen nicht weit auseinander, und nach Epe fährt ein Shuttlebus, so dass man einfach von einem Auftritt zum nächsten wechseln kann. Es ist aber auch möglich, den ganzen Abend an einem Ort zu bleiben, da überall ein vielseitiger Mix an Genres angeboten wird. Und da das Spektakel in der Nacht stattfindet, sind die „locations“ auch noch beleuchtet, was für eine besondere Stimmung sorgt.

Aus dem recht umfangreichen Programm hatten wir im Vorfeld drei Gruppen ausgesucht, die wir unbedingt sehen wollten: Das Saxohponensemble der Musikschule, den Frauenchor „Bella Donna“ und die Barbershop-Formation „Tafelrunde“. Außerdem wollte ich auf jeden Fall in die Bibliothek. Ausgehend von diesen Eckpunkten stellten wir unsere Route zusammen, und der Rest würde sich ergeben.

St. Antonius

Wir starteten also um 19 Uhr in der Antoniuskirche mit dem Orgel-Trompeten-Duo T. Szöcs und A. Sander, die unterschiedliche Musikrichtungen präsentierten. Ich mag die Kombination Orgel und Trompete. Auf Wunsch des Gatten blieben wir noch sitzen, um den Gronauer Männerchor zu hören. Die Herren boten das klassische Männcherchor-Repertoire von Liebe, Herz und Schmerz, aber auch eine schöne Version des Udo-Jürgens-Schlagers „Ein ehrenwertes Haus.

Dann wurde es Zeit, um zur Evangelischen Stadtkirche weiter zu ziehen, wo Ute mit dem Saxophon-Ensemble auftrat. Die neunköpfige Gruppe zeigte, wie vielfältig ein Saxophon sein kann. Sie spielten Klassik, Jazz, bekannte Hits und Gospels, und wir lernten auch noch einiges über die verschiedenen des Saxophons, das übrigens ein Holzblasinstrument ist.

Stadtkirche Stadtkirche2

Danach gingen wir zur Stadtbücherei, wo man schon von weitem das Perkussionsensemble der Musikschule hören konnte. Auch wer nicht wusste, wo die Bücherei ist, konnte sie unmöglich verfehlen. Normalerweise ist eine Bibliothek ja ein Ort der Stille, nur nicht an diesem Abend. Und die Bibliothekarinnen saßen an ihren Ausgabeschaltern, verkauften Getränke und freuten sich über das zahlreiche Publikum.

Bibliothek Bibliothek2

Nach dem Auftritt der Trommler wurde es wieder ruhiger. Der Schriftsteller Alfons Huckebrink aus Münster las einige seiner „Kürzestgeschichten“ vor. Dabei geht es um skurrile Begegnungen in der Bahn, Wortspiele mit Autokennzeichen, Beobachtungen im Museum und die Frage, wem nun eigentlich die Grünphase an der Ampel gehört.

Dann gingen wir wieder zurück zur Stadtkirche, wo nacheinander die Frauenchöre „Klangvoll“ und „Bella Donna“ auftraten. „Klangvoll“ sang bekannte Evergreens, während „Bella Donna“ einige klassische Stücke und eine wunderschöne Version von „Der Mond ist aufgegangen“ zu Gehör brachten. Hier sind wirklich ein paar sehr schöne Stimmen dabei.

Glashaus

Nun wurde es Zeit für einen uns noch unbekannten Veranstaltungsort, das Glashaus, wo wir Reinhold und die „Tafelrunde“ sehen wollten. Das Gebäude gibt es auch erst seit 2013, es kann also vorkommen, dass man es noch nicht kennt. Da es sich aber in der Nähe des rock’n’popmuseums befindet, war es nicht schwer zu finden. Und dort machten wir die Entdeckung des Abends: die Schriftstellerin (und Gymnasiallehrerin) Theresa Sperling aus Nordhorn. Unbelastet von jedem Vorwissen ließ ich ihre Texte auf mich wirken. Ich werde auch jetzt nicht googeln, wie andere sie einordnen, sondern ungefiltert meine Eindrücke und Assoziationen aufschreiben.

Ihre Texte, die voll aus dem Leben gegriffen sind, halten die Mitte zwischen Poesie und Prosa und lassen mich an Textil denken. Rhythmisch, wie ein Schiffchen durch den Webstuhl schießt, bilden sich die Zeilen, und wie das Flüchtlingsmädchen Amilija in einem ihrer Texte webt sie mit Sprache. Die häufig verwendeten Reime geben den Texten eine Struktur, die sich aber ständig ändert, so dass vor meinen geistigen Auge ein subtil changierendes Gewebe entsteht:

„Zu Hause ist es nicht leicht,
ihr neues Zuhause wird der Klassenraum.
Dass die anderen mit ihr spielen wollen,
wird ihr geheimer Zaubertraum,
Ihr noch weitmaschiges Wörternetz
Wirkt wie ein warmer, weicher Flaum,
ein unsichtbarer Sicherheitssaum,
lässt sie sicher sein, dass sie ein Recht darauf hat,
nach vorne zu schauen,
lässt ihre Augen ein gerechtes Land sehen
und in dieses Land vertrauen.“

Und ich glaube, ich bin nicht die einzige, die der Schluss dieses Textes tief berührt zurückgelassen hat:

„Ich weiß nicht wirklich viel,
bin ja nur ein Wirtschaftsflüchtlingskind
und wurde sehr schnell abgeschoben,
aber einige Worte habe ich mir
wie ein Fallnetz unter mein Herz gewoben.
Sie sind das Ende eines langen Fadens,
der dunkelrot ist und nie bricht.
Hier sind meine Worte,
bitte vergessen Sie sie nicht:
Menschen kann man abschieben,
ihre Träume aber nicht.“

Hier ist also wieder Lesestoff für meine Wunschliste, und wenn sie wieder hier in der Nähe liest und es zeitlich passt, möchte ich gerne wieder vorbeischauen.

Nach diesem wirklich tollen Auftritt gab es noch einen etwas leichteren Schluss, nämlich die Barbershop-Formation „Tafelrunde“. Sechs Herren mit viel Spaß am Singen trugen a capella launige Stücke wie „Ich wollt, ich wär ein Huhn“, „Lass mich dein Badewasser schlürfen“ und dergleichen vor.

Glashaus2

Danach war der Abend zu Ende, und wir begaben uns über den dunklen Weg zurück zur Stadt – Mindfulness purst! Das Konzept der kurzen Auftritte und verschiedenen „locations“ ist sehr gelungen, und jeder einzelne Auftritt war wirklich gut. Man kann an verschiedenen Genres schnuppern, und wenn einem etwas nicht so zusagt, kann man gehen, ohne dass es jemand übel nimmt, und es kommt auch bald wieder etwas Neues. Die „Nachteinblicke 2017“ sind auf jeden Fall schon vorgemerkt.

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„Seekrank in München“ von Hallgrímur Helgason

Eigentlich hatte ich vor, dieses Wochenende meine Pieterpad-Wanderung fortzusetzen, aber jetzt sitze ich mit Halsschmerzen und einer Triefnase zu Hause. Toll. Aber ich hatte mich sowieso schon gewundert, dass der Erkältungskelch bisher an mir vorbeigegangen war, und außerdem herrscht gerade Schietwetter vom Feinsten. Also werde ich mein freies langes Wochenende zum Lesen und Schreiben nutzen, was ja nicht verkehrt ist.

seekrankinmuenchen

Zu Weihnachten bekam ich ein Päckchen aus der alten Heimat mit „bayerisch-nordischem Kultugut“, darunter das Buch „Seekrank in München“ (Stuttgart, 2015) des isländischen Schriftstellers Hallgrímur Helgason. Der Klappentext las sich schon mal vielversprechend: „Von einer märchenhaften Insel im Norden kommt ein junger Mann, um in München Malerei zu studieren. Er kennt weder Sprache noch Bier, aber er weiß genau, was er werden möchte: Künstler.“ Etwas merkwürdig fand ich, dass im Impressum der Titel der Originalausgabe unterschlagen wurde, aber Google ist ja mein bester Freund, und hier ist er: „Sjöveíkur i München“.

Der Protagonist, ein junger Isländer, der auch noch Jung heißt, ist ein richtiger Antiheld, der fast nichts auf die Reihe kriegt. In München landet er nur, weil er die Bewerbungsfristen der anderen Hochschulen verbummelt hat. Die Aufnahmeprüfung für die Münchner Kunstakademie hält er für eine reine Formsache und zeichnet einfach irgendwas, während die anderen Kandidaten „an ihren Tischen rackerten, als ginge es um Leben und Tod. […] Der Isländer hatte diesen deutschen Ernst nicht.“ (S. 138) Trotzdem wird er aufgenommen, da die Lehrer finden, dass er Potenzial hat.

Die Stadt München scheint ihm überhaupt nicht gut zu tun, was sich darin zeigt, dass er in Stresssituationen eine merkwürdige, schwarze, lavaartige Substanz erbricht, die unter anderem einen Papierkorb in Brand setzt, Löcher in die Schuhe eines ziemlich arroganten anderen Isländers (der bezeichnenderweise Thor heißt) ätzt und die Kloschüssel seiner Vermieterin ruiniert. Das schwarze Zeugs versaut ihm seine „italienische Reise“, die ja seit Goethe irgendwie zur künstlerischen Bildung gehört, und die zarten Bande mit der netten Italienerin aus der Cafeteria. Und als er bei einem Besuch in Ostberlin im Gefängnis landet, weil er in seiner grenzenlosen Naivität einen Wachturm der Berliner Mauer fotografiert hat, bringt diese merkwürdige Masse ihn in zusätzliche Erklärungsnot.

Selbstverständlich ist in diesem Buch auch viel von (moderner) Kunst und der Frage, was nun eigentlich Kunst ist, die Rede. So überlegt Jung, ob sich aus dieser schwarzen Masse nicht irgendetwas machen ließe, immerhin hätten andere das ja auch schon getan: „Und Manzoni? War wirklich echte Kacke in seinen berühmten Dosen mit ‚Künstlerscheiße“? […] Sollte er den Klumpen nicht doch wieder an sich nehmen? Vielleicht ließe er sich ja für ein Kunstwerk verwenden. Vomito d’artista? Ach nein, das war nicht seine Abteilung.“(S. 79)

Getreu dem Gesetz der Serie (wenn man einmal auf etwas aufmerksam wurde, stolpert man kurz danach wieder darüber) hatte ich vor einige Wochen ein Skript zu diesem Thema Korrektur gelesen, und so konnte ich mich an Stellen wie diesen über einige Aha-Erlebnisse freuen.

Jungs großes Vorbild ist Marcel Duchamp, und vor allem dessen Projekt „Staubsammeln“ fasziniert ihn. „Um die vergängliche Lust im Netz der Zeit zu fangen, ließ der Meister das Glas monatelang unabgedeckt und unberührt im Atelier liegen, unter diesem Schneefall der Ewigkeit, bis die unerfüllte Lust zugedeckt war, dann fegte er den Staub zu bestimmten Formen zusammen. Was für eine Selbstdisziplin, welche Geduld!“ (S. 101) Auf die Gefahr hin, mich hier mal wieder als Ignorant zu outen, möchte ich dem Jungen raten, einfach drei Wochen den Haushalt zu vernachlässigen und sich ins wahre Leben zu stürzen, die Staubhäufchen kommen dann schon von selbst.

Ich finde das Buch vor allem deswegen faszinierend, weil ich ebenfalls in München studiert habe, wenn auch ungefähr zehn Jahre später. Sehr vieles erkenne ich wieder, aber diese Orte aus der Perspektive eines jungen Isländers beschreiben zu sehen, ist schon sehr interessant, z. B. die U-Bahn: „Die U-Bahnhöfe waren ebenfalls größer, in kräftigen Farben gefliest und trotzdem ohne jegliches Flair. Das Design war praktisch und gut gemeint: Wir wollen viel Platz, und alles in hellen Farben! – das Ergebnis fiel gleichwohl deprimierend aus. Unter dem Marienplatz fühlte sich der Fahrgast, als würde er in einer Brotzeitdose aus orangerotem Plastik stecken.“ (S. 41) So unrecht hat er damit nicht.

Sein Besuch des Oktoberfestes, bei dem er von einigen anderen Isländern nach Strich und Faden abgefüllt wird, ist natürlich ziemlich grauenhaft. Klar, die Wies’n war auch damals schon ein lautes, überteuertes Massenbesäufnis, und besser ist es sicher nicht geworden. Einfach herrlich ist hier Jungs Beobachtung beim Pinkeln: „Plötzlich stand ein Mann in Lederhosen neben ihm und ließ seinen Strahl ins Gras jenseits des Zauns plätschern. Jung bemerkte, dass der Kerl nicht einmal den Hosenlatz öffnen musste, sondern einfach unter dem kurzen Hosenbein hervorpinkelte. Ach so, deswegen die kurzen Hosen und darum keine Klos, das war das bayerische Nationaltrikot fürs Biertrinken, speziell entwickelt und sehr praktisch.“ (S. 132)

Den Englischen Garten meidet er, da er gehört hat, dass dort an manchen Plätzen die Leute nackt in der Sonne liegen. Er stellt sich darunter eine Kolonie Althippies vor, die er bekleidet schon peinlich genug findet. Schade eigentlich, denn vielleicht hätte er sich in München wohler gefühlt, wäre er öfter durch den riesigen Park im Herzen der Stadt und die Isarauen spaziert.

Wie sein Protagonist hat auch Hallgrímur Helgason Anfang der 80er Jahre in München Malerei studiert. In einem Interview sagt er über diese Zeit: „Einsamkeit ist das Gefühl, das mir zuerst in den Sinn kommt, wenn ich an meine Zeit in München denke. Ich bin so unschuldig und blauäugig in diese Stadt gekommen. Das Bier, das ich nie zuvor probiert hatte. Ich war vor München noch nie in einem Restaurant oder in einer Kneipe gewesen. Ich konnte praktisch kein Deutsch. Es war schrecklich. München wurde zu meinem Feind.“ Wenn man sich die Einwohnerzahlen im Jahr 1981 betrachtet (München: knapp 1.300.000. Island: 230.000), wundert es einen überhaupt nicht, dass sich sowohl Helgason als auch Jung hoffnungslos verloren vorkommen.

„Seekrank in München“ ist eine ziemlich gnadenlose Abrechnung mit der Stadt, geschrieben mit einer kräftigen Dosis schwarzem Humor, so dass auch ich als Müncher Kindl im Exil mich beim Lesen bestens amüsiert habe.

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Meine Biblothek muss bleiben – der schöne Schein der Demokratie

Noch eben ein kurzes Update für meine interessierten deutschsprachigen Leser: Wie man vielleicht dem vorigen niederländischen Artikel entnehmen konnte, ging die Sache nicht besonders gut aus. Die Koalition im Stadtrat, die mit dem Vorsatz angetreten war, besser auf die Bürger zu hören, erweckte zwar beim Einspruchabend wunderbar den Eindruck, genau das zu tun, und ich gutgläubiger Trottel bin natürlich darauf reingefallen. Tatsächlich aber schalteten sie auf Durchzug und stimmten genauso ab, wie es vorher im stillen Kämmerlein besprochen worden war. Die Bibliothek bekam zwar den Auftrag, weiterhin denselben Service zu bieten wie bisher, aber mit deutlich weniger Mitteln. Man hat vollstes Vertrauen, dass die Leitung das hinkriegt. Toll.

Immerhin wurden einige meiner wohldurchdachten und langgehegten Vorurteile gegenüber diversen politischen Parteien mal wieder bestätigt. Die Partei, die ich gewählt habe, hat uns jedoch nicht im Stich gelassen, konnte aber wenig gegen die Mehrheit ausrichten.

Wie Bibliotheksdirektor Gerard Kocx sagte, ist es nun Zeit, die Wunden zu lecken und nach vorne zu schauen. Aber das ist auch so eine Sache. Wenn die Bibliothek es trotz der Mittelkürzungen schafft, wird sich unser Kulturbeigeordneter stolz in die Brust werfen und verkünden, dass seine Politik goldrichtig war. Wenn sie es nicht schaffen, haben sie es nicht besser verdient. Ich gehe davon aus, dass Direktor und Mitarbeiter unserer Bieb ihr Bestes tun werden, um die Kunden nicht unter dieser Situation leiden zu lassen. Leider werden dieses Pflichtbewusstsein und dieser Idealismus immer mehr von Politikern, Managern und Vorständen ausgenutzt, die es selbst daran immer häufiger fehlen lassen.

Auf Twitter schrieb jemand, dass es doch sehr traurig ist, dass eine sozial Einrichtung wie die Bibliothek nun über Crowdfunding nachdenken muss. Finde ich auch, ich würde lieber die Gehälter diverser Ratsmitglieder über Crowdfunding finanzieren. Wenn es aber tatsächlich notwendig wird, die Bieb auf diese Art zu unterstützen, bin ich sicher dabei. Ich kann zwar nicht die ganze Welt retten, aber hin und wieder einen Seehund und ein kleines Stückchen Bibliothek – das müsste gehen.

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