2003 – Irland

Irland 2003, Teil 5

Die Seen von  Connemara

Doch als wir am Morgen wach wurden, kämpfte sich die Sonne zaghaft zwischen den Wolken durch und die Vögel brüllten in voller Lautstärke. Also nichts wie weiter, so lange es anhält. Ich hatte Lust, wie Joeys Nachbar in der Fernsehserie „Friends“ lauthals „Morning is here, sunshine’s here“ zu schmettern, aber ich widerstand der Versuchung, da ich sonst wohl von einer Horde aufgebrachter Franzosen gelyncht worden wäre. So unpassend wäre das eigentlich nicht gewesen, da die Lynchjustiz schließlich in Galway zum ersten Mal praktiziert worden war.

In Galway selbst hatte, wie wir später erfuhren, das schöne Wetter nicht lange angehalten, die Stadt hatte mit Überschwemmungen zu kämpfen. Aber wir hatten einen schönen Tag vor uns. Wir schafften es tatsächlich, aus der Stadt herauszukommen, ohne uns zu verfahren. Gelegentlich erwischten wir zwar bei mehrspurigen Kreiseln die falsche Spur, aber die Autofahrer ließen uns immer vorbei.

Die Strecke führe uns stellenweise am Loch Corrib entlang. Bis Maam Cross hielt sich die Anstrengung in Grenzen, da wir größtenteils auf einer Hauptstraße fuhren, die aber zum Glück nicht allzu stark befahren war. Die Aussicht war wunderschön, im Norden die durch Wasserläufe verbundenen Corrib-Seen und im Süden die Berge Connemaras. Ab Maam Cross prophezeite unser Buch „einige schweißtreibende Steigungen“, und es hatte recht.

Auf einem Rastplatz hinter Cornamona direkt am Ufer des Lough Corrib trafen wir zwei Hamburger Radfahrer, die von Westport kamen und Richtung Süden fuhren. Sie waren mit dem Bus über England nach Irland gekommen, die Fahrräder wurden in einem Anhänger befördert. Obwohl die Fahrt über 20 Stunden dauerte und der Bus nicht sehr komfortabel war, dachten wir, dass das für das nächste Mal eine ganz gute Möglichkeit wäre, da man Räder und Gepäck nicht aus der Hand geben muss.

Der ganze Stolz des Dorfes Cong ist die Tatsache, dass hier 1951/52 der John-Ford-Film „The Quiet Man“ (deutscher Titel „Der Sieger“) mit John Wayne und Maureen O’Hara gedreht wurde. Pete McCarthy wundert sich darüber, dass  dies noch immer so ist „… surely you can only live off ‚The Quiet Man‘ for so long. Perhaps it was different twenty or thirty years ago, but I’m sure that most of the visitors coming here now hadn’t even heard of the wretched movie until they read about it in the guidebook.“

Zumindest was uns betrifft, hat er absolut recht. Die Verwaltung der Jugendherberge und des dazugehörigen Campingplatzes hat dieses Problem inzwischen gelöst und  zeigt dieses Video jeden Abend um 21 Uhr. Auch wir schlossen die Bildungslücke und hatten eine Menge Spaß, da der Film wirklich kein Klischee auslässt. So steht z. B. der Held an der Bar, und im Hintergrund beginnen einige der Herren, volkstümliche Musik zu machen, und auch die obligatorische Dorfprügelei darf nicht fehlen. Auf die angebotene Führung zu den „locations“ verzichteten wir aber dankend und widmeten uns den anderen Sehenswürdigkeiten.

Die kurioseste ist sicher der „Dry Canal“, eine 6 km lange Verbindung zwischen Lough Corrib und Lough Mask, der im 19. Jahrhundert gegraben wurde. Allerdings war der Boden keineswegs für den Kanalbau geeignet, wie Pete McCarthy erläutert: „After five years‘ digging, water was released into the canal, and immediately disappeared, because it had been dug on porous limestone. What a hilarious Irish joke this would be, were it not for the fact that the engineer in charge of the project was British. Sorry, English.“

Außerdem besuchten wir den Park von Ashford Castle, eines der besten und wahrscheinlich auch teuersten Hotels des Landes. Ein kleiner Teil des Schlosses reicht wahrscheinlich bis ins Mittelalter zurück, das meiste wurde jedoch im 19. Jahrhundert gebaut. Damals war es modern, das Mittelalter in verkitschter Version wieder aufleben zu lassen, und das sieht man dem Schloss auch deutlich an: Überall Türmchen, Zinnen und Mauervorsprünge. Die Hotelgäste haben aber viele Freizeit-möglichkeiten: Reiten, Golf spielen, Bootsfahrten und Falken fliegen lassen.

Eigentlich wollten wir einen ausgedehnten Spaziergang durch den Park machen, da wir fünf Euro losgeworden waren, um überhaupt hinein zu kommen, aber leider fing es wieder zu nieseln an, und allzu viele Unterstellmöglichkeiten gibt es da nicht. Also gingen wir in Richtung Ausgang und landeten bei den Ruinen der Abbey.

Nach einer kurzen Besichtigung derselben und einem Rundgang durch das Dorf selbst gingen wir wieder zum Campingplatz. Unterwegs wurden wir doch noch von einem wolkenbruchartigen Regenguss erwischt.

Als es gegen Abend etwas trockener wurde, wollte Peter noch einmal ins Dorf fahren. Auf meine Frage, warum, tat er furchtbar geheimnisvoll, und da ich ja absolut nicht neugierig bin, fragte ich auch nicht weiter nach.

Am nächsten Morgen war das Wetter wieder schön, wie es sich für einen Geburtstag gehört. Nun erfuhr ich auch, was Peter im Dorf zu erledigen hatte: Er hatte mir eine Schokoladentorte besorgt. Das Hauptgeschenk, einen Römertopf, hatte er natürlich nicht mitgeschleppt, und das war auch gut so, da es sicher mit dem anderen Gepäck ins Nirvana verschwunden wäre. Wir frühstückten gemütlich und beobachteten die natürlich auch hier anwesende und die Duschen belagernde französische Jugendgruppe beim Aufbruch.

Dann machten auch wir uns auf die Socken zu einem Tagesausflug um den Lough Mask. Westlich des Sees führt die Strecke größtenteils direkt am Ufer entlang. Das Stück wird im Reiseführer als „Connemara vom Feinsten“ bezeichnet: „Seen mit hineingesprenkelten Inseln, üppige Vegetation im Süden, nach Norden hin zunehmend karg mit näherrückenden Bergen garniert.“ Natürlich gab es wieder recht anstrengende Steigungen, aber dafür auch eine herrliche Aussicht ohne Nebel und allzu tiefhängende Wolken.

Östlich von Lough Mask führt die Strecke leider des Öfteren vom Ufer weg und ist nicht ganz so attraktiv, aber auch weniger anstrengend. Wir kamen auch an der Pferderennbahn von Ballinarobe vorbei und überlegten, ob wir uns die Rennen anschauen sollten. Allerdings fingen sie erst am Spätnachmittag an, was über zwei Stunden Wartezeit und wahrscheinlich eine Heimfahrt im Dunkeln und im Regen durch unbekanntes Gebiet bedeutet hätte. Der hohe Eintrittspreis gab dann den Ausschlag und leicht grummelnd verzichtete ich auf einen Nachmittag auf der Rennbahn. Aber dafür gingen wir, als wir wieder in Cong waren, in ein Pub, in dem sie ausgezeichneten frischen Lachs aus dem Lough Corrib  hatten.

Dort setzten sich, da das Pub sehr voll war, zwei Franzosen an unseren Tisch. Ihr Englisch war wohl in einem ähnlichen Zustand wie mein Französisch, da sie vor dem Aufgeben ihrer Bestellung erst eifrig im Wörterbuch blätterten um dann auf unsere Teller zu zeigen: „This, please.“ Als der Lachs gebracht wurde, wollten sie noch zusätzliche Butter bestellen. Wieder wurde eifrig das Wörterbuch konsultiert, und ihre Freude war groß, als sie selbige auch sofort bekamen.

In der Nacht regnete es wieder ziemlich stark. Beim Versuch, das Gepäck im Vorzelt etwas zusammen zu schieben und die Plane so zu drapieren, dass  alles trocken stand, fasste ich in eine Schnecke. Mich schüttelte es vor Grausen. Ich stellte mir vor, wie Massen von diesen Viechern am Innenzelt hochkrochen und fragte mich, wie ich jemals wieder schlafen sollte. Irgendwann schaffte ich es dann doch, einzuschlafen.

Westport und der heilige Berg oder: Schuster, bleib bei deinen Leisten

Am Morgen beim Zeltabbau entdeckten wir noch mehr Schnecken unter der Plane. Fasziniert beobachtete ich, wie sie sich, dem Sonnenlicht ausgesetzt, in den Schatten der Hecke begaben. So langsam, wie immer behauptet wird, sich die gar nicht.

Dann machten wir uns auf nach Westport, allerdings nicht über Leenane, wie im Führer vorgeschlagen, da wir einen Teil der Strecke (mit den schweißtreibenden Steigungen) schon kannten, sondern über Ballinarobe und Partry. Zuerst ging es recht flott, doch als wir hinter Partry Richtung Nordwesten fuhren, hatten wir ziemlichen Gegenwind und kamen nur langsam voran. Als Ausgleich hatten wir fast die ganze Zeit die Kuppe des Croagh Patrick, Irlands heiligem Berg, im Blick. Der Weg zum Gipfel ist auch noch aus großer Entfernung deutlich zu sehen.

Als wir in die Stadt hineinrollten, sahen wir links den Bahnhof und schräg gegenüber eine Jugendherberge mit Campingplatz. Da wir in drei Tagen mit dem Zug nach Dublin wollten, war das absolut genial. Wir durften dort sogar Küche, Duschen und Aufenthaltsräume der Jugendherberge mitbenutzen. Dort trafen wir Mario aus der Schweiz wieder, und wir unterhielten uns ausgiebig über unsere Erfahrungen.

Abends erkundeten wir  das Stadtzentrum von Westport. Es ist ein hübsches Städtchen mit einem achteckigen Marktplatz, dem sogenannten Octagon (ja, echt), Straßen mit netten Geschäften und der Mall am Carrowbeg River mit Linden und Bänken. Natürlich gibt es auch eine Reihe netter Pubs.

Vor dem Schlafengehen entdeckten wir auf der Zeltwiese noch einen Fußball, mit dem wir noch  eine Weile spielten. Vor allem Peter wollte nicht aufhören: „Noch fünf Minuten!“ Dann versteckten wir Kindsköpfe den Ball in Marios Vorzelt.

Am nächsten Morgen wollten wir auf den Croagh Patrick, Irlands heiligen Berg. Wir fuhren am Westport Bay entlang zum Parkplatz in Murrisk. Der Himmel war recht bewölkt, aber wir blieben optimistisch. Erst kamen wir an einem Schild vorbei, auf dem ausführlich erklärt wurde, wie eine „richtige“ Wallfahrt auszusehen habe. Genau weiß ich es nicht mehr, aber man muss an drei verschiedenen Stationen am Fuß und auf dem Gipfel des Berges diverse Vaterunsers und Ave Marias beten, es klang recht aufwendig.

Wir machten uns auf den Weg nach oben. Erst ging es noch prima und die Aussicht über den Westport Bay war auch recht schön. Doch mit der Zeit wurde der Weg steiler und steiniger, diese Art von Geröll, die unter einem wegrutscht und die ich nicht besonders liebe. Aber wir taten unser Bestes und gingen weiter. Inzwischen war auch Nebel aufgekommen, und sowohl Gipfel als auch Westport Bay waren nicht mehr zu sehen. Dann begann es zu tröpfeln.  Und als der Weg noch steiler wurde und es uns beide auch noch auf den Allerwertesten setzte, beschlossen wir, dass es genug sei und kehrten um. Wir hatten keine Ahnung, wie weit es noch bis zum Gipfel gewesen wäre, und ich wollte es auch nicht wissen.

Wir kamen heil unten an und ruhten uns erst mal am Kiosk aus. Wir beschlossen, in Zukunft bei unseren Leisten, sprich auf Radwegen zu bleiben. Mario, der bis zum Gipfel gegangen war, stieß später zu uns erzählte uns, dass man nicht allzuviel gesehen hatte.

Auf dem Rückweg besichtigten wir die Ruinen der Murrisk Abbey und das Great Famine Monument.  Mehr unternahmen wir an diesem Tag nicht mehr, da es zu regnen begonnen hatte.

Der Regen hielt den ganzen nächsten Tag über an, so dass wir auf unseren  geplanten Ausflug nach Newport, wo sich die Eisenbahnbrücke befindet, über die Heinrich Böll seinerzeit nach Achill Island gefahren war, verzichteten. Dafür grasten wir alle Andenken- und Buchläden in Westport ab, und ich erstand das Buch „McCarthy’s Bar, A Journey of Discovery in Ireland“ von Pete McCarthy, aus dem ich einiges in diesem Bericht zitiert habe. Das Buch kann ich jedem Irland-Fan wärmstens empfehlen. Den Rest des Tages verbrachten wir in der Jugendherberge beim Tischtennis- und Billardspielen.

Heimkehr

Obwohl es noch nicht unser letzter Tag war, ging es doch so langsam Richtung Heimat. Wir wollten gegen Mittag mit dem Zug nach Dublin, die letzte Nacht in Swords verbringen und dann zurück nach Holland fliegen.

Wie am Vortag schüttete es aus Eimern, und wir mussten einen trockenen Moment abpassen, um das Zelt abbauen zu können. Dann warteten wir im Aufenthaltsraum der Jugendherberge, bis es Zeit war, zum Bahnhof zu gehen, der zum Glück nicht weit weg war. Dort stellten wir zu unserer Erheiterung fest, dass der Bahnhof schon mehrmals die Auszeichnung „Station of the Year“ auf verschiedenen Gebieten (Gebäude, Blumenschmuck etc.) gewonnen hatte. Pro Tag kommen dort ganze drei Züge an und fahren auch wieder ab, aber immerhin, man gibt sich Mühe.

Die gut dreieinhalbstündige Zugfahrt verlief ziemlich ereignislos. Wir lasen, schauten aus dem Fenster und ich versuchte, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es Richtung Heimat ging. Wenn man sich aber beim Anblick eines Brombeerstrauchs fragt, wie weit die Brombeeren im eigenen Garten inzwischen sind, oder wenn man jemanden bei der Rosenpflege sieht und dabei an seine eigenen Kletterrosen denkt, ist es wohl langsam Zeit, nach Hause zu fahren. Vier Wochen sind auch eine lange Zeit, in der wir viel erlebt haben. Nicht alles lief wie geplant, wir haben manches nicht gesehen, was wir gerne angeschaut hätten, aber wir haben auch vieles gesehen, was nicht geplant war.

In Dublin regnete es nicht, und für uns stellte sich die Herausforderung, ohne detaillierten Stadtplan aus der Stadt heraus zu kommen. Mit Hilfe der  Karte im Baedeker und unseres schlauen Buches fuhren wir durch den Stadtteil Ballymun nach Norden. Die Route verlief über eine ruhige Nebenstraße hinter dem Flughafen entlang, und bald erreichten wir Swords.

Jim empfing uns sehr herzlich, gab uns unser Innenzelt zurück und brachte uns zu einem Nachbarn, da die Gäste, die „unser“ Zimmer hatten, länger bleiben wollten. Dort machten wir uns erst mal frisch und gingen dann auf ein Abschiedsbierchen ins Dorf. Am nächsten Morgen genossen wir ein letztes „Full Irish Breakfast“. Die Dame des Hauses war hin und weg von meiner Bräune, die sich auch wirklich sehen lassen konnte.

Natürlich waren wir viel zu früh am Flughafen. Peter fragte an einem First-Class-Schalter, wo wir einchecken sollten, und da gerade wenig los war,  durften wir dazwischen. Das Mädel hatte allerdings genug Gelegenheit, ihre Freundlichkeit zu bereuen, da das Herrichten der Fahrräder wieder einige Zeit in Anspruch nahm und wir die Frage nach der Anzahl der Gepäckstücke nicht sofort beantworten konnten. Auch mussten hier andere Dinge beachtet werden als auf Schiphol. Wir mussten das Vorderrad ausbauen und bekamen jeder einen Plastiksack, in den wir das Rad nebst allen abmontierten Teilen packen sollten.

Endlich war das erledigt, alles war eingecheckt und das große Warten begann. Als es dann soweit war und das Handgepäck kontrolliert wurde, mussten wir zu unserem Entsetzten feststellen, dass wir in der Hektik vergessen hatten, das Taschenmesser im Hauptgepäck zu versenken, und es wurde konfisziert. Als ob man mit dem Ding noch irgendetwas außer Obst schneiden oder Brote schmieren hätte anstellen können. Vom Fliegen habe ich jedenfalls vorläufig die Nase voll.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir Schiphol. Dort fiel uns erst richtig auf, wie groß dieser Flughafen ist. Mussten wir in Dublin nur um zwei Ecken, um zur Gepäckhalle zu kommen, war hier doch ein längerer Spaziergang notwendig. Und wieder begann das große Warten. Aber – oh Wunder – diesmal war alles angekommen. Trotzdem wird es wohl sehr lange dauern, bis wir beim Anblick der Förderbänder nicht mehr dieses Frustgefühl haben werden.

Als wir die Räder zusammengesetzt hatten, gingen wir noch beim „Lost Luggage Office“ vorbei, um uns zu erkundigen, ob die fehlende Tasche vielleicht noch hier herumschwirrte. Aber dort konnten sie uns auch nicht weiter helfen. Ein Blick in den Computer teilte der freundlichen Dame zwar mit, dass  die Tasche irgendwann mal gesichtet worden war, aber danach war sie wohl wieder in den unendlichen Weiten des Systems verschwunden.

Da uns der Zug vor der Nase weggefahren war, gönnten wir uns erst mal etwas zu essen. Dann fuhren wir quer durch das Land nach Hause. Als wir auf dem Bahnsteig standen, fing es an zu regnen. Es regnet fast  immer, wenn ich aus dem Ausland zurück in die Niederlande komme, warum, weiß ich nicht. Der irische Regen war mir allerdings „freundlicher“ vorgekommen: kleinere Tropfen, die aus geringerer Höhe fallen. Aber das kann natürlich auch Einbildung sein.

Zu Hause warteten die Berge von Post auf uns, die sich in vierwöchiger Abwesenheit ansammeln, außerdem ein Willkommensblumenstrauß unserer Nachbarn, die sich in der Zeit um unser Haus gekümmert hatten. Home, sweet home! Es war ein toller Urlaub gewesen, aber es war auch schön, wieder zu Hause zu sein.

Und so schließe ich meinen Bericht nicht mit dem oft strapazierten Heinrich-Böll-Zitat, sondern mit einem Auszug aus dem „Gebet für Touristen“, das ich in einem Andenkenladen gesehen hatte:

„Grant us strength to visit the museums,
the cathedrals, the palaces and the castles
listed as a „must“ in the guidebooks.

And if by chance we skip a historic monument
to take a nap after lunch,
have mercy on us for our flesh is weak.“

Nachtrag: Das Gepäck haben wir leider nie wieder gesehen, aber einige Monate später erhielten wir immerhin einen akzeptablen Betrag von unserer Reiseversicherung.

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Irland 2003, Teil 4

Inishmore

Am Sonntagmorgen fuhren wir nach Inishmore, der größten der Aran Islands.

Pünktlich waren wir im Hafen, doch die Fähre war ein paar hundert Meter vom Pier entfernt und kam nicht näher. Leute von der Küstenwache ließen ein kleines Motorboot zu Wasser. Seltsam, das Ganze. Nach einer Weile kam jemand und erklärte uns, dass der Wasserstand zu niedrig sei und die Fähre deshalb nicht an den Pier heranfahren konnte. Die Passagiere sollten mit Motorbooten an Bord gebracht werden. Wir erhielten Anweisungen, die Fahrräder abzupacken und an den Rand zu stellen, da diese als letztes befördert würden. Dann wurden Schwimmwesten ausgeteilt, was aber eine reine Formsache war. Trotzdem wurde mir etwas mulmig, da ich mir gut vorstellen konnte, beim Einsteigen in das Motorboot ins Wasser zu fallen. Die Leute von der Küstenwache, die uns beim Einsteigen behilflich waren, hatten die Sache aber bestens im Griff und los ging’s durch ziemlich hohe Wellen und aufschäumendes Wasser zur Fähre, die den netten Namen „Happy Hooker“ trug.  Dies löste bei uns erst mal einen Lachanfall aus. Erst später, im Souvenirshop von Inishmore, entdeckten wir, dass „hooker“ auch eine Bezeichnung für ein Fischerboot ist und nicht nur „Nutte“ bedeutet. Wieder was gelernt.

Wir waren unter den ersten an Bord der Fähre, und ich suchte mir einen Platz, von dem aus ich die weiteren „Transportarbeiten“ gut beobachten konnte. Endlich kamen auch die Fahrräder, die in einem großen unordentlichen Knäul im Boot lagen. Es vergingen noch einige bange Minuten, da mein Rad sehr dicht an der Reling des Motorbootes lag als eines der letzten an Bord gehoben wurde. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass es zur Halbzeit unserer Reise auf dem Grund des Atlantiks landete. Aber alles ging gut und die Fähre fuhr los.

Da die Wellen hoch waren und es sich um eine kleine Fähre handelte, verlief die Überfahrt nicht gerade ruhig. War am Anfang die Stimmung an Bord noch fröhlich, da das Ganze doch recht abenteuerlich war, wurde es bald immer stiller. Auch Peter wurde etwas von der Seekrankheit geplagt. Meine Versuche, ihn abzulenken und aufzumuntern, stießen aber seltsamerweise nicht gerade auf Begeisterung, so dass ich mich wieder an meinen „Aussichtsplatz“ an der Reling verzog, aber nicht, um Fische zu füttern.

Nach knapp eineinhalb Stunden legten wir in Kilronan an und konnten direkt von der Fähre an Land gehen, worüber viele Fahrgäste, ich eingeschlossen,  sehr erleichtert waren. Viel länger hätte die Fahrt nicht mehr dauern dürfen. Bei der Tourist Information konnten wir nicht nur unser Gepäck abgeben, sondern entdeckten auch, dass es in Kilronan einen Geldautomaten gibt. Zu unserer großen Freude funktionierte er, so dass unsere Geldsorgen behoben waren. Als wir auch noch einen Campingplatz entdeckten, beschlossen wir, gleich zwei Tage auf der Insel zu bleiben.

Der Campingplatz war zwar nur eine Wiese mit einem Klohäuschen und einer Dusche, allerdings gab es kein warmes Wasser. Aber für zwei Tage geht das schon. Der Bauer, dem die Wiese gehört, ist ein fröhlicher, ziemlich rundlicher Herr. Er wohnt auf einem Hügel, von dem aus er den Platz gut überblicken kann, und jedesmal, wenn ein neues Zelt aufgebaut wird, fährt er mit dem Auto hinunter, um zu kassieren. Da der Platz der einzige auf der Insel ist, läuft er recht gut, und wir dachten, dass der Mann sicher gertenschlank wäre, wenn er jedesmal runter laufen würde.

Hier machte ich die gleiche Erfahrung wie bei Jugendherbergen. Je einfacher die Einrichtung, umso netter die Leute und umso besser die Stimmung. Ein zusätzlicher Pluspunkt war, dass es nur Radtouristen und Wanderer gab, so dass die Gespräche ganz anders sind als auf „normalen“ Campingplätzen. Nett waren auch die Kühe auf den umliegenden Weiden, die abends laut zu muhen anfingen. Peter kann das sehr gut nachahmen und schaffte es tatsächlich, dass ein Mädchen aus dem Nachbarzelt kam und sich erstaunt umschaute, da das Muhen aus einer Richtung kam, in der gar keine Kühe waren. Wir haben uns schlapp gelacht.

Mit den Rädern ist es recht einfach, die Insel zu erkunden, wenn man erst mal die ganzen Reisegruppen hinter sich gelassen hat. In Kilronan gibt es eine Fahrradvermietung, die großen Anklang findet, da man sein Auto nicht mit auf die Insel nehmen kann. Die besagten Reisegruppen bestehen vor allem aus Franzosen, Amerikanern und, neu für uns,  Italienern. Da sie offensichtlich zu Hause nicht Rad fahren, außerhalb ihrer Busse nie wirklich mit dem Linksverkehr in Berührung gekommen sind und sich im Rudel unverwundbar fühlen, sind sie etwas anstrengend. Aber zum Glück verläuft sich alles, sobald man Kilronan verlassen hat, und montags ist es auf der Insel sowieso sehr ruhig im Vergleich zum Wochenende.

Wir besichtigten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Inishmore, unter anderem das Steinfort Dún Aengus, die Seven Churches und eine Bienenkorbhütte in Trockenbauweise, wie man sie auch auf Skellig Michael findet. Ihr Eingang ist so niedrig, dass Peter sie auf allen Vieren verlassen musste.

Außerdem fiel uns auf, dass es sehr viele Ruinen von Wohnhäusern gibt. Nur die Mauern stehen noch, Dach und Fenster fehlen. Bei manchen Leuten steht so eine Ruine einfach im Garten hinter oder neben einem relativ modernen Wohnhaus. Die ganze Insel macht den Eindruck vergangener Größe, es wirkt gelegentlich etwas traurig. Außerdem wurden natürlich die Souvenirläden abgeklappert und wir erstanden günstig, da im Doppelpack,  zwei Aran-Sweater. Das scheint sich langsam zu einer Tradition zu entwickeln, bei Radurlauben auf den Britischen Inseln habe ich bisher noch jedesmal einen Pullover gekauft.

Dass wir nach Rossaveel fahren wollten, hatten wir schon beschlossen. Aber wir mussten auch eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen sollte: Die Küste entlang Richtung Clifden oder nach Galway? Da die Campingplätze an der Küste von Connemara nicht sehr dicht gesät waren und ich außerdem Galway noch sehen wollte, beschlossen wir, dorthin und später ins Landesinnere an den Seen entlang zu fahren. Alles ist leider auch in vier Wochen nicht möglich.

Spiddal, Galway und der große Regen

Am Dienstag verließen wir Inishmore mit der 12-Uhr-Fähre, die allerdings schon um kurz nach 11 Uhr ablegte. Gut, dass wir schon im Hafen waren, da wir noch Schiffe beobachten wollten. Es kamen zwar so viele Leute an, dass wir uns wunderten, dass sie auf das Schiff passten, aber Richtung Rossaveel waren höchstens 20 Passagiere an Bord.

Im Hafen von Rossaveel ließen wir uns den Weg nach Spiddal erklären. Im Grunde ist das nicht so schwer, aber an der ersten Kreuzung fehlten mal wieder sie Schilder, so dass die Chancen, gleich am Anfang falsch zu fahren, nicht gering sind. Außerdem ging es mal wieder durch gälisches Sprachgebiet. Nach der Ruhe und Idylle auf Inishmore fiel es mir schwer, mich wieder an den Autoverkehr zu gewöhnen, der zunahm, je mehr man sich Spiddal näherte.

Spiddal selbst war auch nicht gerade der Brüller. Es ist ein Feriendorf, das fast nur aus einer vollgeparkten Hauptstraße besteht und vor allem für Angler interessant ist. Trotzdem beschlossen wir, dort zu übernachten, da der Campingplatz beinahe am Weg lag.

Allerdings waren die Wege auf dem Campingplatz für Radfahrer lebensgefährlich: enge Kurven und Kies, der unter den Reifen wegrutschte. Im Campingführer wurde dieser Platz als „gaelic speaking camping site“ angepriesen, aber zum Glück sprachen die Leute da trotzdem Englisch. Trotzdem schafften wir es, irgendetwas falsch zu verstehen, und stellten unser Zelt an so ziemlich der einzigen Stelle auf, an der wir nicht stehen durften. Dies trug uns einen Rüffel der Platzwärtin ein und wir mussten umziehen. Außerdem hatten wir, da es im Laden im Dorf keine irische Zeitung mehr gab, eine englische gekauft, was den vorbeikommenden Platzwart zu dem Hinweis veranlasste, dass „man so etwas nicht tut“. Au weia, hier hatten wir wohl verschissen. Gut, dass wir nur eine Nacht bleiben wollten.

Als wir im Dorf essen gehen wollten, wurden wir von einer aushängenden Speisekarte mit vergleichsweise günstigen Menüs angelockt. Als wir im Restaurant Platz nahmen, wurde uns allerdings eine Karte mit wesentlich höheren Preisen ausgehändigt. Auf unsere Nachfrage erklärte die Kellnerin, dass die niedrigen Preise nur bis 16 Uhr gültig seien, danach gäbe es aber auch größere Portionen. Aber um gut 5 Euro mehr pro Mahlzeit zu rechtfertigen, müssten die Portionen schon gigantisch sein. Höflich wiesen wir darauf hin, dass wir vor 16 Uhr gekommen waren und es nicht unsere Schuld sei, dass die Bedienung erst fünf Minuten nach vier zu unserem Tisch gekommen war. Widerstrebend bot sie daraufhin an, dass wir noch zum Nachmittagspreis essen durften.

Während wir auf das Essen warteten, schauten wir uns um und stellten fest, dass mehrere Kellner eifrig dabei waren, die Tische vornehmer zu decken, mit Weingläsern und gefalteten Servietten. Das Gleiche hatten wir auch schon in Kilrush beobachtet, und wir schlossen daraus, dass die Servietten sozusagen den Abendtarif ankündigten. Das Essen war übrigens sehr gut und die Portionen auch so groß genug.

Nach einer durchregneten Nacht fuhren wir weiter nach Galway, der Hauptstadt der gleichnamigen  Grafschaft, die zusammen mit dem Vorort Salthill die größte Stadt Westirlands ist. Das merkten wir auch, da wir uns ziemlich schnell in einem Gewurschtel von Straßen und Roundabouts verfranzten. Um den Campingplatz zu finden, mussten wir erst in die Innenstadt, wo wir eine genaue Wegbeschreibung erhielten. Wenn man sich erst mal durch die Vorstadtsiedlungen durchgekämpft hat, ist das Stadtzentrum recht nett.

Nachdem wir den Campingplatz gefunden und unser  Zelt aufgebaut hatten, fuhren wir noch einmal in das Stadtzentrum. Dort konnten wir im Rahmen des Galway Arts Festival Straßenmusik und -theater bewundern, unter anderem einen sehr guten Marionettenspieler. Er konnte seine Puppe so natürlich bewegen, dass man fast vergaß, dass sie an Fäden hing. Die Puppe war übrigens nicht besonders nett, da sie die Zuschauer gegen das Schienbein kickte oder versuchte, den Damen unter den Rock zu schauen. Wenn es einen selbst nicht trifft, ist es natürlich sehr komisch.

Außerdem besichtigten wir noch die Fußgängerzone,  die St. Nicholas Church und das Eyre Street Shopping Centre. Dort gefiel mir besonders, dass man einen Teil der alten Stadtmauer restauriert und in eine moderne Einkaufspassage integriert hatte.

Da es wieder zu regnen angefangen hatte und auch nicht so aussah, als ob es bald wieder aufhören würde, fuhren wir zum Campingplatz zurück und verbrachten den Abend im Zelt. Seltsamerweise hatten sie bei der Wiese für Zelte nur jeweils eine Dusche und Toilette für Männlein und Weiblein. Als ich zum Zähneputzen dorthin ging, waren da schon, wie sollte es auch anders sein, einige Französinnen, die sich wegen des  Regens wohl langweilten und sich lautstark durch die Klo- und Duschentür unterhielten. Ich war ganz überrascht, wie viel ich verstand oder zumindest glaubte, zu verstehen, da es mit meinem Französisch nicht mehr sehr weit her ist.

Die ganze Nacht über regnete es, und auch am nächsten Tag hörte es nicht auf. Als es zwischendurch kurz nachließ, fuhren wir wieder in die Innenstadt und besichtigten die Universität und die Kathedrale. Dann begann es wieder zu schütten und wir flüchteten ins Shopping Centre zum Mittagessen. Da mir der Lesestoff ausgegangen war, erstand ich bei den Second-Hand-Büchern einen Krimi über einen ermordeten Professor einer Dubliner Universität. Dann wollten wir ins Stadtmuseum, doch die hatten noch Mittagspause. Da es inzwischen wie aus Eimern schüttete, standen wir gut eine halbe Stunde unter der Brücke neben dem Museum, bis es endlich öffnete. Es war klein und übersichtlich und zeigte verschiedenes zur Stadtgeschichte von Galway. Außerdem hing an der Wand ein Gedicht, verfasst von einem amerikanischen Paar, über das Gespenst des Museums, dem ich aber leider nicht begegnete.

Dann begaben wir uns zum Campingplatz. Der Regen wurde immer stärker, und wir fanden uns schon damit ab, dass wir noch einen Tag bleiben mussten. Wenn man schon im Regenmantel vom Zelt zum Klo muss, ist es wirklich nicht möglich, weiter zu fahren, schon gar nicht die knapp 80 km nach Cong, die wir uns vorgenommen hatten.

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Irland 2003, Teil 3

Tralee und Kilrush

Am nächsten Morgen war die Küche wieder von Franzosen belagert, die nicht nur mit ihrem Frühstück, sondern auch mit der Zubereitung ihrer Verpflegung für ihren Ausflug beschäftigt waren. Einer aus der Gruppe grinste uns an uns sprach aus, was wir gerade dachten: „Se French are olways eatíng“, und hatte damit natürlich alle Lacher auf seiner Seite.

Das Wetter war immer noch nicht besser, und auch der Herbergsvater konnte uns nichts Erfreulicheres mitteilen, außer: „We must take it as it comes.“ Wir beschlossen, nach Tralee weiter zu fahren, anstatt besseres Wetter abzuwarten. Dann hätten wir doch zumindest mehr Dinge nicht gesehen.

Im Nieselregen fuhren wir an die Nordküste der Dingle-Halbinsel, und ohne Zwischenfälle erreichten wir gegen Mittag Tralee. Plötzlich brach die Sonne zwischen den Wolken durch, und nach kurzer Zeit waren diese weitgehend verschwunden. Es herrschte strahlender Sonnenschein.

Der Campingplatz war leicht zu finden, und wir hängten als erstes die Wäsche auf, die wir in der Jugendherberge nicht ganz trocken bekommen hatten. Vom Platzwart erfuhren wir auch, dass es in Kilrush einen Campingplatz gibt, der aber nicht im Campingführer steht. Wieder eine Sorge weniger, bei Regen ist eine allzu lange Strecke nämlich nicht besonders lustig.

Dann erkundeten wir Tralee, ein nettes Städtchen. Wir besichtigten die St. John’s Church und bummelten durch die Innenstadt, wo uns das Schaufenster eines Spirituosenhändlers besonders auffiel, da es mit Erdinger Weißbier und den dazu passenden Accessoires dekoriert war. Dies musste natürlich fotografiert werden. Bei einem Picknick im Park genossen wir dann den strahlenden Sonnenschein in vollen Zügen.

Am nächsten Morgen ging es weiter nach Norden. Im großen und Ganzen war die Strecke recht unspektakulär. Allerdings  begegneten wir nicht nur Schafen auf dem Weg, sondern auch Hunden, und dies ist nicht immer angenehm, wie der Radführer beschreibt: „In Irland gibt es unzählige, teils streunende  bellende Vierbeiner, deren liebstes Vergnügen das Ankläffen von Radlerbeinen ist. Vor allem die Bauern- und Dorfköter pflegen wild japsend aus Einfahrten und Hecken zu schießen und den Fahrradfahrer ein Stück des Weges zu begleiten, sprich ihn zu jagen. Kann der einzelne Radtourist diesem Schicksal meist noch wegen der verzögerten Reaktion der Hunde entgehen, ist für nachfolgende Teilnehmer einer Gruppe das Schicksal unabwendbar. Da helfen nur gute Nerven und Weiterfahren. Absteigen und Beruhigungs- oder Verscheuchungsversuche sind erfahrungsgemäß sinnlos.“ Gelegentlich hilft ein scharfes „Hei!“, bei dem der Hund kurz innehält. Diese Schrecksekunde kann man dann zur Flucht nutzen. Meist verlieren die Hunde recht schnell die Geduld und lassen sich abschütteln. Aber man erschrickt doch jedesmal, wenn so ein Köter aus einer Einfahrt rennt.

Kurz vor Tarbert, wo wir die Fähre über den Shannon nehmen wollten, machten wir einen Abstecher zur Lislaughtin Abbey. Von diesem Kloster sind nur noch die Mauern und Torbögen erhalten, und im Inneren befindet sich ein Friedhof. Vorsichtig gingen wir durch das Gemäuer, und es war nicht einfach, nicht auf ein Grab zu treten.

In Tarbert ging es auf  die Fähre nach Kilimer. Auf diese Weise spart man sich den Umweg über Limerick, wo man eigentlich auch nicht hin zu wollen hat. Zumindest wurde mir bei meinem ersten Irlandbesuch davon abgeraten, und auch der Reiseführer empfiehlt es nicht wirklich. Nicht auszuschließen, dass nach dem Erfolg von „Angela’s Ashes“ die Stadt mehr Touristen anzieht, aber wir ließen es trotzdem nicht drauf ankommen.   Laut Reiseführer verkehrt die Shannonfähre stündlich und fährt in Tarbert zur halben Stunde ab. In der Hochsaison setzen sie jedoch zwei Schiffe ein, so dass wir sofort mitkonnten.

Nach einer knappen halben Stunde erreichten wir das andere Ufer des Shannon und waren auch bald in Kilrush. Als wir uns dem Campingplatz näherten, beschlich uns ein ungutes Gefühl, da wir nur Wohnwägen sahen. Hoffentlich nicht wieder so einer, wo man nicht zelten darf. Doch als wir der älteren Dame am Empfang mitteilten, dass wir gerne unser Zelt hier aufstellen würden, meinte sie, dass wir hier genau richtig wären, doch dafür wäre der Chef zuständig. Und schon ging sie mit uns im Schlepp über den nicht allzu großen Platz und rief dabei lauthals: „Eric! Eeeriiic!“. Doch besagter Eric ließ sich nicht  blicken. Wir fragten vorsichtig, ob es wirklich kein Problem wäre, dass wir hier zelten. Nein, absolut nicht, aber wir müssten auf den geheimnisvollen Eric warten. „Eeeeeriiic!!!“ Endlich kam ein schon etwas tattriger Herr aus einem der Wohnwägen. Er hatte wohl ein Nachmittagsschläfchen gemacht und, um nicht gestört zu werden, sein Hörgerät abgeschaltet. Er wies uns unseren Platz an und wir bauten das Zelt auf.

Danach erkundeten wir Kilrush, ein nettes kleines Städtchen mit farbenfrohen Häusern und einem alten Hafen.

Im Stadtzentrum wurde gerade bei einem Pub das Heineken-Schild gegen ein neues (leider auch Heineken) ausgetauscht. Es war  uns schon öfter aufgefallen, dass bei den Pubs neben Guinness die Heineken-Brauerei überproportional vertreten ist, eine Entwicklung, die ich nicht besonders gut finde. Das liegt nicht an meinem Wohnort und damit verbundenem Lokalpatriotismus, ich bin schon immer mehr für regionale und vielfältige Bierkultur gewesen.

In einem Pub gingen wir gemütlich essen und erwischten gerade noch die preisgünstigere Mittagskarte. Während wir noch beim Essen saßen, wurden die Tische bereits mit Weingläsern und liebevoll gefalteten Servietten gedeckt.

Bei der Tourist Information erkundigten wir uns nach weiteren Campingmöglichkeiten in der Gegend, um weiter planen zu können, doch alles, was nicht im Campingführer steht, wird anscheinend nach Kräften ignoriert. Die Dame sagte uns zwar, dass es im Ort einen Campingplatz gebe, fügte aber naserümpfend hinzu, dass der „not approved“ sei. Dies deckte sich mit unserem Eindruck, dass Eric nur noch das Notwendigste tat und darum auch Wohnwägen mit festen Gästen bevorzugte, aber immerhin durften wir dort stehen.

Wieder auf dem Campingplatz suchte Peter die Toilette auf. Als er wieder zurück kam, berichtete er, dass sich dort ein Schwalbennest befand. Vorsichtig schlichen wir in das Gebäude und versteckten uns in einer Waschkabine, um die Schwalbeneltern nicht zu erschrecken. Der Gedanke, dass ein Mann die Toilette aufsuchen und mich fragen könnte, was ich täte, hatte etwas Erheiterndes. Schließlich ist meine logische Antwort „Birdwatching“ in britischen Krimis immer eine beliebte Ausrede für Spanner und Erpresser, die an unwahrscheinlichen Plätzen mit ihrem Fernglas erwischt werden.

Abends machten wir noch einen Spaziergang ans Ufer der Shannon-Mündung, von wo aus man Scattery Island sehen konnte.

Höhepunkte im doppelten Sinne: Die Cliffs of Moher und der Burren

Am Donnerstag fuhren wir von Kilrush nach Doolin. Am Morgen regnete es noch etwas, aber sonst war es bewölkt bis sonnig. Vor unserem Aufbruch lernten wir Mario aus Luzern kennen, der ebenfalls mit dem Rad unterwegs war. Allerdings hatte er seine Reise in den Wicklow Mountains begonnen. Na ja, als Schweizer muss man das können. Unsere Wege sollten sich  im Verlauf unseres Urlaubs noch drei weitere Male kreuzen (im wahrsten Sinne des Wortes, da er immer dann die Küstenstrecken fuhr, wenn wir ins Landesinnere gingen und umgekehrt), nämlich auf Inishmore, in Westport und zuletzt auf dem Flughafen. Interessanterweise kam sein Fahrrad beim Hinflug mit Verspätung an, so dass er, ähnlich wie wir, zwei Tage zum Warten in Dublin verdammt war. Aber bei ihm kam es immerhin an!

Die Strecke führte uns teilweise an der Küste entlang. In dem pittoresken Dorf Quilty machten wir beim Hafen Pause und amüsierten uns über eine englische Reisegruppe, die zwei Hunde zu füttern versuchte, doch diese wollten einfach nur im Schatten liegen und ihre Ruhe haben.

Unser schlaues Buch wollte uns auch über die Cliffs of Moher dirigieren, aber da es in der Beschreibung hieß: „(Die Etappe)  führt durch das Fischerdorf Liscannor in einer recht steilen und rund 5 km langen Steigung hinauf zu den Cliffs of Moher. Auch nach dem Cliffs-Parkplatz geht es noch 1 km weiter bergan. …. Die Straße (nach Doolin) ist extrem steil und hat sehr enge Kurven. Bremsenkontrolle ist also angesagt.“, beschlossen wir, uns die Cliffs lieber am nächsten Tag ohne Gepäck anzutun.

Doolin ist ein kleines Fischerdorf, das hauptsächlich aus ein paar Souvenirläden und Pubs besteht. Der Rest sind vor allem Hotels und B&B’s. Ohne den Tourismus würde der Ort wahrscheinlich nicht mehr existieren. Der Baedeker schreibt folgendes: „Bekannt ist Doolin aber vor allem wegen seiner Pubs, in denen man in den Sommerabenden allabendlich irische Volksmusik zu hören ist. Manche Touristen kommen von weit her, um an den Folkmusic Sessions teilzunehmen.“ Das ist noch milde ausgedrückt, sie werden busweise angekarrt, so dass das Gus O’Connor’s abends gesteckt voll ist. Aber das tut dem Können der Musikanten keinen Abbruch. Manchmal haben sie es allerdings nicht einfach, z. B. wenn eine Gruppe in einer anderen Ecke begleitet von Gitarrenschrammelmusik lauthals „Country Roads“ und ähnliches schmettert.

Mit der Livemusik, die wir gelegentlich erleben konnten, ist es sowieso so eine Sache: Leider fangen sie meistens recht spät an, so ab 22 Uhr. Wenn man für den nächsten Tag dann eine Etappe von ca. 70 km vor hat, ist das nicht gerade ideal.  Aber nett  ist es meistens schon.

Wie bereits gesagt begaben wir uns am nächsten Tag zu den Cliffs of Moher und stellten fest, dass der Reiseführer nicht übertrieben hatte. Es war wirklich recht anstrengend, aber dafür ist die Aussicht atemberaubend. Auf dem Parkplatz und um den O’Brien’s Tower sehr viele Leute waren, folgten wir dem Rat des Baedeker und gingen in Richtung Hag’s Head, wo der Rummel bald nachließ. Allerdings mussten ein paar Jugendliche auf dem Bauch möglichst nah an den Rand der Klippen robben und sich auch noch gegenseitig anstoßen. Zum Glück passierte nichts, wir hätten es beide nicht so toll gefunden, mitten in unserem Urlaub Zeugen eines Sturzes von den Klippen zu werden. Aber Deppen gibt’s halt überall.

Am nächsten Tag erkundeten wir den Burren. Wir fuhren von Doolin an der Küste entlang nach Norden zum Black Head und nach Ballyvaughan. Es war fantastisch, auf der linken Seiten das Meer und auf der rechten Seite die Berge des Slieve Elva. Einer von Cromwells Soldaten sagte über den Burren: ”There is not a tree on which to hang a man, or enough water to drown him, or enough soil to bury him.“ Ganz unrecht hatte er damit nicht,  es ist eine karge und steinige Landschaft. Zwischen den Steinen, wo sich genügend Humus halten kann, gibt es jedoch sehr viele seltene Pflanzen.

Von Ballyvaughan fuhren wir an verschiedenen Schlossruinen, megalithischen Dolmen und Steinforts nach Caherconnell. Die Forts und Dolmen sind aber zwischen den Steinen des Burren nicht gerade einfach zu entdecken.  Auf einer einsamen Straße ging es dann über die Hochfläche des Burren weiter nach Kilfenora. Außer ein paar verirrten Touristen und einem Bauern mit seinem Sohn begegneten wir auf diesem Stück niemandem. Es war herrlich.

Während des Radelns träumte ich davon, in diese Gegend zu ziehen und eine Jugendherberge mit Campingplatz nur für Wanderer und Radfahrer zu eröffnen. Allerdings müsste ich dafür erst mal die Sofortrente der ARD-Fernsehlotterie (5000 Euro pro Monat bis an mein Lebensende) gewinnen, sonst dürfte das Ganze etwas schwierig zu finanzieren sein. Ein paar Tage später entdeckten wir in der Zeitung ein Schloss, das zum Verkauf stand, mit einigen Hektar Grund sowie einem geheimen Eingang zu einem Kerker, also genau richtig für mein Vorhaben. Leider war Peter von der Idee nicht besonders angetan und ließ sich nicht überreden, das Schloss zu kaufen.

In Kilfenora, einem nette kleinen Städtchen, wollten wir unsere Bargeldvorräte aufstocken. Leider konnten wir keine Bank und keinen Geldautomaten finden. Die nette Dame in einem Souvenirshop erklärte uns, dass die nächste Bank in Ennistimon oder Lisdoonvarna sei. Letzteres lag auf unserer Route. Lisdoonvarna ist der einzige Kurort Irlands, und im Herbst finden vor allem Veranstaltungen für Partnersuchende statt, für die bereits eifrig geworben wurde. In so einem Ort sollte es doch eigentlich einen Geldautomaten geben.

Es gab auch einen einzigen, und der war kaputt. Just our luck! Wir machten Kassensturz und stellten fest, dass unsere Bargeldvorräte reichten, um von Doolin nach Inishmore, der größten der Aran Islands, zu fahren, am Abend die Fähre nach Rossaveel zu nehmen und von dort aus so schnell wie möglich Richtung Galway zu fahren, wo wir unser Bargeldproblem sicher beheben konnten.

So kehrten wir nach einem Tag im Burren, einer wirklich faszinierenden Landschaft,  nach Doolin zurück. Ein paar Tage später entdeckte ich in der Irish Times einen Artikel, in dem Reporterin Rosita Boland die Lieblingsplätze ihrer Jugend wieder aufsucht, nämlich den Burren und die Cliffs of Moher. Sie bedauert die zunehmende Kommerzialisierung, die sich auch in der Tatsache manifestierte, dass es inzwischen 1,50 Euro kostet, um auf den O’Brien’s Tower zu steigen, womit sie nicht gerechnet hatte, da es in ihrer Kindheit noch kostenlos war. Aber ihr Artikel endet trotzdem optimistisch: „I knew this bit of the journey would be unpleasantly different to my memories and it was, but somehow it didn’t matter. You only have to walk away a bit to be alone. The light is still the same. The Burren still contains secrets. The Atlantic is still impressively unforgiving. The wind still roars there and will always roar there.“


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Irland 2003, Teil 2

Irrwege durch Killarney und seine Umgebung

Nach unserem Abstecher ins Boyne-Tal fuhren wir am Freitag mit dem Zug nach Killarney. Das Umsteigen in Dublin war etwas schwierig, da wir von der Connolly Station zur Heuston Station fahren mussten und die Straßen der irischen Hauptstadt zu jeder Tageszeit verstopft sind. Aber wir schafften es, ohne überfahren zu werden. Die Zugschaffner sind auch sehr gerne beim Verladen der Räder in den Gepäckwagen behilflich, das bin ich von zu Hause nicht gerade gewöhnt.

In Killarney wartete erst mal eine große Enttäuschung auf mich. Wie McCarthy in seinem Buch „McCarthy’s Bar – A Journey of Discovery in Ireland“ bemerkt, war es zu Thackerays Zeiten schon häßlich: „‚A hideous row of houses informed us that we were at Killarney‘, observes Thackeray, and you know what? He wasn’t wrong. ‚Killarney Looking Good‘, says the sign, but, whichever direction you approach from … you are greeted by rows and rows of B&Bs.“ Ich hatte es von meinem Besuch vor elf Jahren als recht schnuckliges Städtchen in Erinnerung, aber inzwischen ist es vom Tourismus völlig überrollt worden. Am Ufer des Lough Leane erstrecken sich die Hotels fast bis zu den Ruinen der Muckross Abbey. Meine Eltern hatten mich zwar gewarnt, aber so schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt. Andererseits ist Killarney mit seiner guten Verkehrsanbindung ein geeigneter Ausgangspunkt für Ausflüge.

Am Abend fuhren wir ein Stück am Seeufer entlang und gingen dann in die Stadt, wo es allerdings rappelvoll und die Restaurants sauteuer waren. Man kann sich vorstellen, dass unsere Stimmung nicht besonders gut war.

Am nächsten Tag  besorgten wir uns erst mal einen aktuellen Campingführer, da wir eine Wiederholung der Sucherei an der Ostküste vermeiden wollten. Dann ging es weiter auf der Straße der Erinnerung. Wie damals wollte ich durch das Gap of Dunloe und um den Lough Leane radeln. Und wieder wunderte ich mich. Wie hatte ich es damals geschafft, nur mit einer „Touristenkarte“ bei der Beschilderung dort alles zu finden? Die Fahrt über das Gap war sehr anstrengend, aber das hatte ich auch so in Erinnerung. Allerdings waren auch hier mehr Menschen unterwegs, und die Kutscher der Jaunting Cars (einspännige Pferdewagen) waren nicht mehr so freundlich. Aber was soll’s.

Gelegentlich war es so steil, dass wir schieben mussten. Gerade in einem solchen Moment sprach mich eine Frau an: „I don’t think I could do this on a bike.“ Schnaufend antwortete ich: „Apparently I can’t either“, was für lautes Gelächter bei allen in Hörweite sorgte. Aber dafür ging es mit Schwung hinunter zum Ufer des Upper Lake. Dort hatten wir allerdings ein Problem mit der Beschilderung und merkten viel zu spät, dass wir auf einem Wanderweg gelandet waren, der sich als immer ungeeigneter zum Radfahren herausstellte. Da wir aber schon recht weit waren, wollten wir nicht umkehren und kämpften uns mühsam über Steine und durch Gewächse mit und ohne Dornen. Zwei Wanderer erklärten uns, dass der Weg auf die Straße nach Kenmare führte und dass es nicht mehr allzu weit sei. Trotzdem wurde Peter von einer gewissen Niedergeschlagenheit befallen und meinte, dass Irland wohl doch kein Radlerland wäre, da recht wenig Radfahrer zu sehen seien. Doch ich war sicher, dass dies daran lag, dass die anderen nicht so dämlich waren, sich auf den Wanderweg zu verirren.

Endlich erreichten wir die Straße und stellten fest, dass wir nicht weit vom Ladies‘ View entfernt waren. Wir hatten eigentlich vorgehabt, noch nach Kenmare zu fahren, doch wegen unserer „Dschungelexpedition“  hatten wir recht viel Zeit verloren und waren auch etwas erledigt. Also beschlossen wir, an den Seen entlang über die Torc Waterfalls und Muckross House zurück nach Killarney zu fahren.

Abends gingen wir wieder in die Stadt, wo wir uns das Straßentheater im Rahmen des Sommerfestes anschauten. Es war eine Gruppe auf Inline-Skates in Barockkostümen, deren Stück vor allem um die Probleme der königlichen Verdauung und die Heilungsversuche des Leibarztes ging. Es war unglaublich derb, aber trotzdem saukomisch.

Die Dingle-Halbinsel, von der wir leider nicht viel sahen

Am Sonntagmorgen verließen wir Killarney und fuhren über eine ruhige Nebenstraße an der Jugendherberge Aghadoe House (wieder ein bekannter Ort) vorbei nordwärts nach Castlemaine. Dort bogen wir ab nach Westen auf die Dingle-Halbinsel. Das Radfahren ging gar nicht schlecht, die Hügel waren erträglich. Und dass gelegentlich Schafe auf der Straße spazieren stehen und nicht aus dem Weg gehen wollen, ist nicht weiter tragisch. Auch die Autofahrer sind meistens sehr nett. Sie sitzen einem auf schmalen Straßen nicht demonstrativ im Nacken und grüßen auch freundlich. Wahrscheinlich denken sie: „Ah, schon wieder zwei Verrückte, die sollte man besser wie ein rohes Ei behandeln.“ Unheimlich wurde es gelegentlich, wenn sie uns überholen wollten und unser Tempo beziehungsweise das des Gegenverkehrs unterschätzten. Das sah oft recht gefährlich aus, ging aber immer gut.

Wir fuhren an der Küste entlang über Inch, wo wir eigentlich Mittagspause machen wollten, aber das Pub war geschlossen. Wahrscheinlich waren die Leute noch in der Kirche.  Ein paar Kilometer weiter in Anascaul entdeckten wir ein Pub namens „The South Pole Inn“, die dem Südpol-Entdeckungsreisenden Tom Crean gewidmet ist. Inzwischen hatte es zu tröpfeln angefangen, und wir beschlossen, hier Pause  zu machen.

Als nach dem Essen der Regen noch nicht aufgehört hatte, erkundigten wir uns nach der Jugendherberge mit Campingplatz, von der wir am Ortseingang ein Schild gesehen hatten. Da wir sowieso auf unserer geplanten Weiterfahrt nach Tralee wieder  über Annascaul  mussten, war es recht sinnvoll, gleich hier zu bleiben und ohne Gepäck einen Tagesausflug nach Dingle zu machen.

Die Jugendherberge war zwar geöffnet, aber der dazugehörige Campingplatz nicht, da es noch zu früh im Jahr war. Aber wir bekamen einen „private room“ mit WC und Dusche und  nutzten die Gelegenheit, ein paar Sachen zu waschen.

Beim Abendessen in der Jugendherbergsküche machten wir, zum ersten Mal auf dieser Reise, mit dem Phänomen „Französische (Jugend-)Gruppen“ Bekanntschaft. Einzeln sind die Leute ja meistens sehr nett, aber sobald sie in Rudeln unterwegs sind, werden sie etwas anstrengend, da sie Meister im Verbreiten von Hektik sind. Es kann natürlich auch sein, dass dies mein subjektives Empfinden ist, da ich die Sprache nie besonders gemocht habe (und in der Schule auch entsprechend schlecht war).  Jedesmal, wenn jemand den Raum betrat und „Bonjour“ in die Runde grüßte, musste ich an den Ausspruch meines Bruders denken: „Geh, schleich di mit deine Baar Schuah!“.

Nach dem Abendessen fuhren wir, da es inzwischen aufgehört hatte zu regnen, zwischen meterhohen Fuchsienhecken, die es dort überall gibt,  zum Lough Anascaul, einem idyllisch gelegenen Bergsee. Danach genehmigten wir uns noch ein Bierchen in Dan Foleys Pub. Ein Foto der farbenfrohen  Fassade ist auch im Baedeker zu bewundern.

Als wir am Morgen aufwachten, war der Himmel zwar noch stark bewölkt, doch die Sonne versuchte zaghaft, durch die Wolkendecke zu dringen. Voller Optimismus, dass es nur besser werden könne, machten wir uns auf den Weg zur Westspitze der Dingle-Halbinsel. Der Weg zwischen Anascaul und Dingle führte recht lang bergauf, aber wir schafften es, ohne schieben zu müssen.

Ungefähr auf halben Weg kamen wir an einem Schild mit der Aufschrift „An Gaeltacht“ vorbei. Wir befanden uns also zum ersten Mal in rein gälischem Sprachgebiet. Was dies bedeutete, sollten wir schon bald merken. Alle Hinweisschilder waren Gälisch, und obwohl wir eine zweisprachige Karte dabei hatten, war es etwas gewöhnungsbedürftig, dass auf den Schildern nicht mehr „Dingle“ oder „Dunquin“ stand, sondern nur noch „An Daingean“ und „Dún Chaoin“. Und dass „Ceann Trá“ Ventry ist, darauf kommt man auch nicht sofort, denke ich.

In Dingle machten wir eine kurze Pause und deckten uns im Supermarkt mit Verpflegung ein. Inzwischen hatten wir das irische Sodabrot zu schätzen gelernt, es schmeckt gut, sättigt und die Verdauung flutscht auch.

Leider hatte sich das Wetter nicht, wie erhofft, gebessert, im Gegenteil, es war sogar noch neblig geworden. Doch wir bleiben optimistisch und machten uns auf den Weg zum Gallarus Oratory, einem Bethaus in Trockenbauweise, dass die Form eines umgedrehten Bootes hat. Wegen der schlechten Sicht hatte ich es aufgegeben, Fotos zu machen und kaufte stattdessen ein paar Postkarten, die zeigten, was wir in dieser Gegend hätten sehen können.

Dann fuhren wir weiter über Ballyferriter und Clogher, wo wir uns in der Töpferei von Louis Mulcahy umsahen und auf neue Ideen für zu Hause kamen, nach Dunquin. Von dort aus hat man normalerweise eine sehr schöne Aussicht über die vorgelagerten Blasket Islands, aber das Wetter war immer noch gegen uns. Also machten wir einen Abstecher ins Blasket Centre, das sich mit dem Leben auf den Inseln beschäftigt. Vor unserem Urlaub hatte ich das Buch „The Islandman“ von Tomás O’Crohán gelesen, allerdings in der deutschen Übersetzung von Heinrich und Annemarie Böll „Die Boote fahren nicht mehr aus“. Dieses Buch beschreibt das harte Leben der letzten permanenten Bewohner der Blasket-Inseln. Im Blasket Centre gibt es eine Menge interessante Informationen über die erstaunlich große Zahl von Schriftstellern, die die Inseln hervorgebracht hatten.

Für die Weiterfahrt empfahl unser Reiseführer folgende Route: „Die Küstenstrecke südlich von Dunquin ist besonders sehenswert. Die Straße schlängelt sich ohne nennenswerte Steigungen zwischen Bergen und Meer an der Küste entlang und biegt am Slea Head ostwärts Richtung Dingle ab. Bei klarem Wetter können von hier aus die Skelligs gesehen werden.“ Da der Nebel noch dicker geworden war und man nur noch wenige Meter weit sehen konnte, verzichteten wir darauf nahmen den direkten Weg von Dunquin nach Ventry, eine schmale Straße, die recht lang bergauf führte. Dies ist eine etwas unheimliche Sache, wenn man fast nichts sieht, da man keine Ahnung hat, wie lange es noch bergauf geht und was entgegen kommen könnte. Und wenn es wieder bergab geht, ist extreme Vorsicht geboten. In Dingle blieben wir noch eine Weile am Hafen sitzen und beobachteten das Treiben.

Auf der Rückfahrt nach Anascaul ging in recht rasantem Tempo bergab. Unten angekommen schauten wir uns erstaunt an und fragten uns, wie wir auf der Hinfahrt diesen Berg hinaufgekommen waren. Wir nahmen an, dass unsere Kondition sich langsam aber sicher verbesserte.


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Irland 2003, Teil 1

Irland: 29. Juni – 25. Juli 2003: Ein Bericht für Irland-Fans und Daheimgebliebene

„In Ireland the inevitable never happens and the unexpected constantly occurs“ (Sir John Pentland Mahaffy). Dieses Motto hatte ich zusammen mit einem meiner früheren Irlandfotos auf T-shirts drucken lassen und meinem Mann Peter eines davon zum Geburtstag geschenkt. Wie wahr der Spruch ist, sollte sich bald herausstellen.

Eigentlich wollten wir nicht nach Swords

Swords ist der am dichtesten am Dubliner Flughafen liegende Ort, und eigentlich wollten wir dort überhaupt nicht hin, sondern zu einem Campingplatz im Südwesten von Dublin, nicht allzuweit weg vom Heuston-Bahnhof. Von dort aus wollten wir so früh wie möglich mit dem Zug nach Killarney und unsere Fahrt entlang der Westküste antreten.

Damit auch wirklich nichts schiefgehen konnte, fuhren wir schon am Sonntag nach Schiphol, da für Montag diverse Bauarbeiten auf der Strecke und damit verbundene Zugverspätungen angekündigt wurden. Nach einer ziemlichen Sucherei fanden wir den Campingplatz in Halfweg in der Nähe des Flughafens. Wieder einmal wunderte ich mich, dass so viele Leute in dieser Gegend wohnen, ich fand es dort recht grauenvoll: Vor allem Industrie und Straßen.

Am Montag kamen wir viel zu früh am Flughafen an und hatten genügend Zeit, die Fahrräder für den Flug herzurichten. Das ganze ist ein furchtbarer Zirkus, da man die Pedale abschrauben der Lenker längs stellen und die Luft aus den Reifen lassen muss. Dann muss das Rad als „oversized baggage“ apart eingecheckt werden. Da man das linke und das rechte Pedal auf keinen Fall verwechseln darf, kamen wir auf die, wie es uns schien, glorreiche Idee, dass ich die beiden linken und Peter die beiden rechten einpacken sollte. Das würden wir uns sicher merken können. Die verschiedenen Fahrradtaschen packten wir in zwei große Säcke, so dass unser Gepäck auf vier Stücke reduziert wurde.

Der Flug selbst verlief ohne weitere Vorkommnisse, doch als wir in Dublin beim Gepäckband standen, kamen zwar die Fahrräder an, aber nur drei von unseren vier Taschen. Die größte, in der sich Peters Fahrradtaschen mit der Hälfte des Zeltes, dem Werkzeug, den rechten Pedalen und seinen Klamotten befand, fehlte. Wir gingen zum Schalter für verlorengegangenes Gepäck, bei dem ein ziemlicher Betrieb herrschte. Man vertröstete uns erst auf den nächsten Flug, da es öfter vorkommt, dass ein Gepäckstück versehentlich zurückbleibt. Doch auch mit dem nächsten Flug zweieinhalb Stunden später kam nichts.

Was tun? Mit zwei linken Pedalen und einem kaputten Ventil kann man nicht radfahren und  in den DART, der in die Innenstadt fährt, darf man keine Räder mitnehmen. Wir gingen zur Tourist Information, wo man erst mal den Kopf schüttelte und sich mühsam ein Grinsen verkniff, uns dann aber ein Bed and Breakfast in Swords besorgte, der einzigen Ortschaft, die vom Flughafen aus zu Fuß in unter einer Stunde zu erreichen ist.

Unser Landlord Jim empfing uns sehr freundlich. Er erzählte, dass bei ihm öfters Leute strandeten, deren Gepäckstücke oder Fahrräder nicht angekommen waren: „There are often problems with bicycles, and it’s always on the Amsterdam flight.“ Irgendwie logisch, wo sollen die verrückten Radfahrer sonst herkommen. Aber bisher wäre alles am nächsten oder übernächsten Tag wieder aufgetaucht, meinte Jim mit unerschütterlichem Optimismus und bot an, für uns am Flughafen anzurufen, er mache das öfter. „We’ll see, what tomorrow brings.“

Diesen Satz oder auch die Variante „We must take ist as it comes“ sollten wir noch oft zu hören bekommen.  Natürlich mussten wir oft an O’Reilly, den unfähigen irischen Maurer aus der Serie „Fawlty Towers“ denken, dessen Standardantwort auf alles war: „If the good Lord wanted us to worry, he would give us things to worry about.“ Irgendwann platzte dem cholerischen Basil Fawlty (John Cleese) der Kragen und er vervollständigte den Satz „If the good Lord…“ – „… is mentioned once more, I shall move you closer to him.“

Um es gleich zu sagen, das Gepäck kam weder am nächsten noch am übernächsten Tag. Die Leute am Flughafen hatten uns gesagt, dass wir auf jeden Fall Geld für zusätzliche Ausgaben zurückfordern konnten, und falls das Gepäck überhaupt nicht mehr auftauchen sollte, würde unsere Reiseversicherung das regeln. So beschlossen wir, uns eine Notausrüstung zusammen zu stellen.

In Swords gibt es einen Fahrradladen und gleich daneben ein Geschäft für Campingausstattung. Die Leute waren alle sehr hilfsbereit, und jeder konnte Geschichten über verlorengegangenes Gepäck erzählen, so dass es uns am Ende wie ein Wunder vorkam, dass überhaupt noch etwas ankommt. Auch hatten wir mehr und mehr den Eindruck, dass das halbe Dorf von gestrandeten Flugpassagieren lebt. Wir entdeckten einen Friseursalon mit einem eindeutig niederländischen Namen und vermuteten, dass die Besitzerin es irgendwann aufgegeben hatte, auf ihre Koffer zu warten, und sich in Swords eine neue Existenz aufgebaut hatte.

Da uns die Leute von der Gepäcksuche baten, mit dem Kauf größerer Dinge noch einen Tag zu warten, fuhren wir mit dem Bus nach Dublin. Erst stöberten wir in verschiedenen Kaufhäusern nach Unterwäsche, T-shirts und Socken. Dann besichtigen wir das Trinity College und das Schloss von außen, da wir für Führungen etwas spät dran waren,  und die  Christchurch Cathedral von innen. Zum Radfahren schien Dublin uns nicht gerade geeignet.

Im Bus nach Swords befanden sich auch zwei Stewardessen von Aer Lingus. Wir überlegten, ob es sinnvoll wäre, sie zu kidnappen und erst wieder frei zu lassen, wenn wir unser Gepäck wieder hatten. Aus verschiedenen Gründen führten wir den Plan nicht aus.

Obwohl Swords ein netter Ort mit einem Schloss ist, hatten wir nicht die Absicht, unsere vier kostbaren Urlaubswochen dort zu verbringen. Am nächsten Morgen riefen wir zum letzten Mal beim Flughafen an und erklärten ihnen, dass Jim das Gepäck in unserer Abwesenheit in Empfang nehmen würde. Sie nahmen es zur Kenntnis und gaben uns den Rat, alle Quittungen aufzuheben, aber das hätten wir sowieso gemacht.

Wir ließen die Fahrräder in Ordnung bringen, kauften ein neues Taschenset und ein Zelt, wobei uns der Fahrradhändler einen Sonderpreis machte, verabredeten mit Jim, dass wir am Tag vor dem Abflug wieder bei ihm übernachten würden und ließen das unbrauchbare Innenzelt in seiner Obhut. Dann ging es los.

Das Boyne-Tal

Eigentlich hatten wir nicht beabsichtigt, ins Boyne-Tal nördlich von Dublin zu fahren, da es sich nicht annähernd in der Nähe unserer geplanten Strecke befand. Da wir aber ein neues Zelt hatten, wollten wir es lieber in der Nähe des Geschäfts testen, damit wir im Notfall schnell reklamieren konnten. Also fuhren wir auf einer Landstraße in Richtung Drogheda, wie es sich gehört auf der linken Seite, keine allzu schwierige Umstellung.

Was die Routenplanung anging, verließen wir uns auf das Buch „Irland per Rad“ vom Kettler-Verlag, da wir mit dieser Reihe in England und Dänemark gute Erfahrungen gemacht hatte. Leider gab es keine aktuellere Ausgabe als die von 1999, aber zumindest, was die Streckenführung betrifft, sollte das nicht so ein Problem sein, vor allem in Kombination mit einer guten Straßenkarte.

Schon bald stellten wir jedoch  fest, dass wir ziemlich naiv an das Unternehmen herangegangen waren.  Wir hatten zwar durchaus einige Erfahrungen mit Radwanderungen im Allgemeinen und England im Besonderen, aber Irland ist doch wieder eine ganz andere Sache. Und natürlich war uns klar, dass Irland viel dünner besiedelt ist als die Niederlande, aber was das in der Praxis bedeutete, sollte uns erst in den nächsten Tagen deutlich werden.

Von England waren wir z. B. gewöhnt, dass jede Ortschaft, so klein sie auch ist, ein Pub hat, in dem sie meistens auch Mittagessen servieren. Auch sind die Ortschaften deutlich zu erkennen, da sich meist am Anfang und am Ende ein liebevoll mit Blumenkübeln dekoriertes Schild mit der Aufschrift „Welcome to Upper Shackleton – Village of the year 1997“ oder etwas in der Art befindet. Hier hingegen sind die Abstände zwischen den Ortschaften und auch den einzelnen Häusern größer, und Ortsschilder sind auch nicht immer vorhanden. So merkten wir oft erst, wenn auf der Straße stand „Slow! School ahead“ oder wir an einem Gebäude mit der Aufschrift „Ballymuffy Post Office“ vorbeikamen, dass wir uns in einem Dorf befanden, wenn wir es überhaupt merkten. Lediglich die größeren Ortschaften, die Gastgeber der 2003 Special Olympics World Games vom 21. bis 29. Juni gewesen waren, hatten noch Schilder mit Aufschriften wie „Drogheda, host town to Costa Rica“ oder „Tralee, host town to El Salvador“. Leider waren auch die Pubs mit „Bar Meals“ viel dünner gesät als in England, eine Tatsache, die eine andere Logistik erforderte. Auch gab es gelegentlich einige lange Steigungen, so dass die Devise galt: „Wer sein Rad liebt, der schiebt“. Aber das war schließlich zu erwarten.

Außerdem machten wir Bekanntschaft mit der Straßenbeschilderung. Sobald es etwas touristischer wird, stehen an den Kreuzungen mindestens drei Pfosten, von dem jeder fünf bis acht Schilder trägt. Auf diesen stehen Hotels, B&B’s, Restaurants, Museen und dergleichen, nur die Schilder, die die Ortschaften anzeigen, gehen oft in diesem Schilderwald unter oder sind gar nicht vorhanden. Wenn es sie denn doch gibt, ist es nicht immer deutlich, ob die Entfernungen in Meilen oder Kilometern angegeben sind. Häufig finden sich die Kilometerangaben auf den neuen Schildern mit der aufgedruckten Schrift, während auf den alten Schildern mit eingeprägter Schrift Meilen stehen. Oft hatten wir aber das Gefühl, dass man die Zahl einfach stehen gelassen und „km“ darüber geschrieben hatte. Wir kamen auf die Idee, analog zum Konzept der „gefühlten Temperatur“ die „gefühlte Entfernung“ einzuführen.

Unser schlaues Buch nannte zwei Campingplätze in der Nähe von Drogheda, doch der eine war inzwischen ein Containerdorf für Asylbewerber, der andere akzeptierte keine Zelte mehr. Im Tourist Office von Drogheda schickte man uns zur Jugendherberge von Slane, die auch Camper aufnimmt. Auf der Karte entdeckten wir einen Schleichweg, der jedoch gesperrt war. Da man aber als Radfahrer meistens durchkommt, versuchten wir es und entdeckten, dass ein Stück weiter die Straße gerade eingeebnet und geteert wurde. Sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden hätten die Arbeiter uns wohl den Kopf gewaschen und uns zurückgeschickt, aber hier wurde der Bagger angehalten und man winkte uns durch. Nett.

In Slane angekommen trugen wir erst mal zur Erheiterung der anderen Camper bei, da wir unser neues Zelt zum ersten Mal aufbauten. Jeder, der das einmal versucht hat, weiß wahrscheinlich, dass es am schwierigsten ist, die etwas umständliche Gebrauchsanweisung zu kapieren und entsprechend umzusetzen. Zum Glück ist es danach wesentlich einfacher.

Die Campinggäste durften die Einrichtungen der Jugendherberge mit benutzen, was einiges, z. B. das Kochen, vereinfacht. Wir unterhielten uns mit anderen Gästen, z. B. ein paar Australiern, die ihre unvermeidliche Veggiemite dabei hatten, und tauschten Erfahrungen aus. Als ich vom dortigen Münztelefon aus meine Eltern anrufen wollte, wurde dieses ewig von einem der Gäste blockiert. Zu allem Überfluss klingelte auch noch sein Handy, so dass er Stereo telefonieren musste und ich einen Lachkrampf bekam.

Am nächsten Tag erkundeten wir das Boynetal. Da unser schlaues Buch darauf hingewiesen hatte, dass man sich die Karten für die Ganggräber Knowth und Newgrange rechtzeitig besorgen muss, da die Führungen schnell ausverkauft sind, fuhren wir erst zum Brugh na Bóinne, dem Palast des Boyne, wo sich auch das Visitor’s Centre befindet und erstanden die begehrten Eintrittskarten für Newgrange. Man erhält einen Sticker mit einer Uhrzeit, zu der man pünktlich an der Bushaltestelle sein muss. Mit dem Bus geht es dann zu dem 5000 Jahre alten  Hügelgrab, wo wir von einem Führer in Empfang genommen wurden.

Erst erhielten wir einige allgemeine Informationen über das Grab, dann wurde die Gruppe geteilt, da nicht alle gleichzeitig ins Innere konnten. Die Leute mit dem roten Sticker durften als erstes hinein, aber ich wurde wieder zurückgeschickt, da mein Sticker nicht rot, sondern dunkelorange war. Wir nutzten die Gelegenheit, ein paar Fotos von dem großen Stein am Eingang mit seinen interessanten Symbolen zu machen. Darauf setzen durfte man sich allerdings nicht.

Dann waren wir an der Reihe. Der Eingang war so niedrig, dass man eine Angestellte des Irish Heritage Service dort postiert hatte, die darauf achten musste, dass niemand sich den Kopf stieß. Durch einen schmalen Gang gelangten wir in eine kreuzförmige Grabkammer, an deren Ende sich ein schmaler Spalt in der Wand befindet, durch den am Tag der Wintersonnenwende kurz nach Sonnenaufgang das Licht einfällt. Da dies nur einmal im Jahr stattfindet, wurde uns eine Simulation vorgeführt, die auch beeindruckend war.

Während der Vorführung stand ich neben einem Mann, der aussah wie Ludwig Haas. Aber als wir wieder draußen waren und ich ihn vorsichtig fragen wollte, ob er es sei und ob er vielleicht etwas dagegen hätte, sich mit Fanmailerin scrooge fotografieren zu lassen, war er leider schon wieder in einem der Busse verschwunden.

Nach einem Picknick fuhren wir weiter durch das Boynetal, an verschiedenen Plätzen der Schlacht von 1690 vorbei, deren Jahrestag vor allem in Nordirland immer wieder für Ärger sorgt. Wir besichtigten den Friedhof des Klosters Monasterboice mit seinem Rundturm und den drei großen Hochkreuzen, den ersten unserer Reise. Als wir zur Mellifont Abbey wollten, fehlte mal wieder an entscheidender Stelle ein Schild und wir fuhren in die falsche Richtung, aber da uns wir rechtzeitig nach dem Weg erkundigten, hielt sich der Schaden in Grenzen.

Dann fuhren wir nach Drogheda und suchten einen Fahrradladen, da das Kabel meiner rechten Gangschaltung nicht mehr besonders stabil aussah. Dort erhielt mein Stahlross auch ein neues Zahnradblatt.

In der Wartezeit gingen wir zum Bahnhof und besorgten unsere Fahrradkarten für Killarney. Für uns selbst brauchten wir keine, da wir Euro-Domino-Ticktes hatten. Danach besichtigten wir noch einer der zwei St. Peter’s Churches von Drogheda, nämlich die katholische. Dort zündete ich vor dem Heiligen Antonius ein Kerzlein an, damit er unserem Gepäck etwas auf die Sprünge hilft. Außerdem befinden sich hier auch die Überreste des heilliggesprochenen Erzbischof von Armanagh, Oliver Plunkett. „Sein einbalsamiertes Haupt bewahrt man als Reliquie in einem Schrein in der Kirche auf“, heißt es im Baedeker. Ich hatte mir aufgrund der Beschreibung eine Art Schrumpfkopf vorgestellt und war etwas enttäuscht, dass besagtes Haupt nur noch mit viel Mühe als solches zu erkennen war.

Dann holten wir mein Fahrrad ab, und um etliche Euro leichter, aber in der Hoffnung, dass jetzt eine Zeitlang Ruhe bezüglich anfallender Reparaturen sein würde,  begaben wir uns zurück nach Slane.

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