2010 – Südostengland

Südostengland 2010 – Teil 8

Ausklang

Nun waren die letzten paar Tage angebrochen, in denen man schon irgendwie in Richtung Heimat unterwegs ist. Wir fuhren wieder nach Felixstowe, um mit der Fußgängerfähre nach Harwich überzusetzen.

Die Fähre legte unten am Strand an, und es war eine ziemliche Viecherei, die vollbepackten Räder durch den Sand ans Wasser zu schieben. Da die Fähre aber nur zwölf Passagiere fasste und ein paar Eltern mit Kindern natürlich zusammen hinüber wollten, konnten wir leider nicht mit. Aber der Schipper sagte uns einen Platz für die nächste Überfahrt in zwei Stunden zu. Kein Problem, wir hatten ja Zeit, und das Wetter war auch wunderbar.

Wir suchten uns ein schönes Plätzchen im benachbarten Naturgebiet, wo wir die Gewächse studierten, lasen und Fish and Chips verspeisten. Dann sahen wir uns noch ein bisschen im Ort um, bevor es Zeit wurde, sich wieder zur Anlegestelle zu begeben.

Diesmal durften wir zwar mit, aber dafür erwischte es ein paar andere Leute, die warten mussten. Einer von ihnen der richtig sauer war, rief dem Schipper zu: „We are not completely happy at the moment.“ Herrlich, dieses englische Understatement.

Die Überfahrt nach Harwich war etwas wellig, aber sehr nett. Wir unterhielten uns mit dem Fährmann, der öfters mal zum Segeln in die Niederlande fährt. Als wir angelegt hatten und aussteigen wollten, standen zwei Frauen, die mal gucken wollten, was sich hier so tut, natürlich genau an der einzigen Stelle, an der jeder vorbei musste und wir die Räder vom Schiff auf den Steg heben mussten. Irgendwie haben manche Leute einen Instinkt für sowas. Als Ausgleich half mir ein netter Herr, mein Rad die steile Rampe vom Steg zum Festland hoch zu schieben.

Bei kräftigem Gegenwind fuhren wir durch Harwich über diverse Hügel nach Bradfield, genossen aber trotzdem die Aussicht über die Stourmündung.

Dort befindet sich hinter einem Pub mit dem einladenden Namen „Strangers‘ Home“ ein Campingplatz. Diesen kannten wir schon von einer früheren Reise, aber inzwischen hatte man den Platz um einiges vergrößert.

Beim Einchecken kam ich mit einer Engländerin aus Ipswich ins Gespräch, die zusammen mit ihrem Freund nach Hoek van Holland und von dort aus am Rhein entlang nach Frankreich wollte. Einen Teil des Rheinradwegs sind wir ja auch schon gefahren, und ich konnte ihr die Route wärmstens empfehlen. Abends aßen wir im Pub, saßen dann noch mit einem Bierchen draußen im Garten und beobachteten die Kinder, die auf der Hüpfburg spielten. Dann gingen wir schlafen.

Gegen fünf Uhr morgens wurde ich aufgrund eines dringenden Bedürfnisses wach und schlurfte verschlafen vom Zelt zur Toilette. Unterwegs  kam mir ein männliches Wesen mittleren Alters entgegen. Dieses trug nur eine winzige Unterhose, über der sich ein imposanter Bauch wölbte. Und der Typ hatte tatsächlich die Hand in der Unterhose und kraulte hingebungsvoll sein Gemächt. Ich blinzelte verdutzt, brummelte etwas wie „A very good morning to you“ und machte, dass ich weiterkam. Manche Dinge will man lieber nicht mitkriegen, und schon gar nicht so früh am Morgen.

Das Schiff nach Harwich fuhr erst abends, und so hatten wir noch viel Zeit zum Erledigen der Einkäufe: Minced Meat für eine Kollegin, Branston Pickles und diverse andere Dinge. Den Rest des Tages verbrachten wir in einem netten Park. Wieder beobachteten wir, was uns schon des Öfteren auf dieser Reise aufgefallen war: Erstens sind im Moment Tattoos wohl sehr beliebt, ich hatte den Eindruck, dass mehr als die Hälfte aller Leute unter fünfzig mindestens eine gut sichtbare Tätowierung trägt. Das zweite ist, dass die Eltern im Durchschnitt viel jünger sind als bei uns. Bei vielen kinderwagenschiebenden Paaren fragte ich mich, ob sie denn überhaupt schon mit der Schule fertig waren.

Dann fuhren wir zum  Hafen. Wie immer waren wir viel zu früh, da wir etwas Schiss haben, dass im letzten Moment etwas schiefgeht und wir die Fähre verpassen. In der Warteschlange unterhielten wir uns mit einigen anderen Radlern. Eine Familie war in der Nähe von Cambridge unterwegs gewesen, und ein Vater-Sohn-Gespann hatte die Scottish Borders erkundet.

Dann durften wir an Bord. Unten im Bauch des Schiffes gab es hypermoderne Fahrradständer, bei denen man das Rad am Lenker aufhängen und einklinken konnte, so dass es richtig stabil hing. Leider waren die Aufhängungen für einen ganz bestimmten Typ Lenker konzipiert, den keiner von den anwesenden Radlern hatte. Einfach an eine Stange lehnen und festbinden wir früher konnte man die Stahlrösser nicht mehr. Also wurde alles improvisiert mit Tauen, Expandern und ähnlichem befestigt. I was not completely happy at that moment.

Nach einigem Suchen fanden wir unsere Kabine, deren Tür mit einer KeyCard in Millimeterarbeit geöffnet werden musste – genau das richtige für einen Grobmotoriker wie mich. Aber die Dusche und die Betten waren super. Nach einem Spaziergang an Deck und einem Bierchen gingen wir schlafen. Morgens waren wir unter den ersten im Frühstücksraum, wo wir uns mit einem „Full English Breakfast“ auf den Tag vorbereiteten. Durch das Fenster sah man die heranrückende niederländische Küste, nicht so spektakulär wie die Kreidefelsen von Dover, aber angenehm vertraut.

Vom Hafen aus ging es dann zum Bahnhof, wo uns der erste Zug nach Rotterdam vor der Nase wegfuhr, weil ich erst wieder mit der Chipkarte rumfriemeln musste. Aber da der nächste bald kam, war das kein Drama. Ein paar Plätze weiter saß dann eine amerikanische Familie. Der Vater las konzentriert in der Bibel und die etwa 25-jährige Tochter widmete sich der Zubereitung eines Imbisses für ihre Mutter und sich selbst. Aus einem großen Joghurtbecher wurde die Hälfte in eine Plastikschüssel gekippt. Dann öffnete die Tochter ihren Rucksack, und zum Vorschein kamen eine Menge Plastiktüten, in denen sich handliche Tupperware-Behälter befanden. Aus dem ersten Behälter wurde etwas Müsli in die Schüssel und den Joghurtbecher gekippt, dann wurde mit einer praktischen Löffel-Messer-Kombination eine Banane geschlachtet und die Hälfte davon verteilt. Mit einem Taschenmesser wurde ein dünner Schnitz von einem Apfel geschnitten, aus einem Behälter kamen Trauben zum Vorschein, dann wurde ein weiteres Näpfchen geöffnet, etwa siebzehn Heidelbeeren abgezählt und als Krönung kamen noch ein paar Haselnüsse darauf. Der bibellesende Vater wurde mit einem einfachen Apfel abgespeist. So ging die Zeit bis Rotterdam schnell vorbei.

Die weiteren Umstiege klappten problemlos, doch zwischen Apeldoorn und Deventer gab es wieder eine Verspätung. Diesmal spazierte jemand auf den Gleisen herum und musste erst von der Polizei und dem psychiatrischen Dienst aufgesammelt werden, bevor es weitergehen konnte. Zum Glück war niemand zu Schaden gekommen.

Am späten Nachmittag erreichten wir wohlbehalten unser Zuhause, wo Struppie, ein Blumenstrauß der Nachbarn und ein Riesenstapel Post auf uns warteten. Der Urlaub war zwar komplett anders verlaufen als ich es mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Wir hatten eigentlich der Südküste folgen wollen (in meinem Größenwahn hatte ich sogar an die Isle of Wight und den New Forest gedacht), aber schön war es trotzdem. Wer die Strecke auf der Karte betrachtet, wird sie wahrscheinlich für komplett unlogisch halten, aber der Weg ist ja schließlich das Ziel. Und so schön Kent und East Sussex sind, für einen Radurlaub bietet sich die Gegend nicht so sehr an, da wirklich alles auf den Autoverkehr ausgerichtet ist und man mit Zelt lang nicht auf allen Plätzen willkommen ist. Aber Essex und Suffolk machten das auf jeden Fall wieder wett – dort fühlt sich der Radler noch wohl! Und wie heißt es so schön?

There’ll always be an England
While there’s a country lane,
Wherever there’s a cottage small
Beside a field of grain.


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Südostengland 2010 – Teil 7

Zeit für Kultur – Colchester und Ipswich

Der nächste Tag, bewölkt und windig, stand wieder mal im Zeichen der Kultur und des Schaufensterbummelns. Wir parkten die Räder beim Schloss und besuchten als erstes den Campingladen. Passende Stöcke gab es zwar nicht, aber dafür nette, reduzierte T-shirts. Die Ladenkette „Jumpers“, wo ich mir bei mehreren Englandurlauben einen Pullover gekauft habe, schien es aber nicht mehr zu geben – schade.

Dann besuchten wir das „Castle Museum“, das uns ausführlich über die Geschichte Colchesters informierte, die bis in die Bronzezeit zurückgeht, als die erste Siedlung am Fluss Colne errichtet wurde. Im Jahr 43 gründeten die Römer die Siedlung Camulodonium, die 19 Jahre später im Druidenaufstand unter der Führung der keltischen Königin Boudicca zusammen mit Verulamium (St. Albans) und Londidium (London) erobert und  zerstört wurde. Letztendlich siegten jedoch die Römer und bleiben weitere 350 Jahre im Land. Das Schloss selbst geht zurück auf die Normannen und ist noch heute das Wahrzeichen der Stadt.

Im Museum gab es neben den üblichen römischen Scherben und dergleichen einen Film über Königin Boudicca mit einem Gebärdendolmetscher, eine Ausstellung über die Hexenprozesse im 17. Jahrhundert mit ausführlichen Darstellungen der üblichen Foltermethoden (für kleine Kinder und Leute mit schwachen Nerven nicht geeignet) und die Nachbildung eines Gefängnisses, wo man auch das Ächzen der Gefangenen hörte. Doch auch die Kinder kamen nicht zu kurz, sie konnten ausprobieren, wie man sich eine römische Toga umwickelt (gar nicht so einfach!), eine Schlossmauer aus Schaumgummisteinen bauen und überall gab es Touchscreens, wo man etwas Interaktives machen kann.

Als wir alles gesehen hatten, genehmigten wir uns erst mal einen Lunch im Schlosspark und besuchten dann das Hollytrees Museum. Dieses Haus im georgianischen Stil beherbergt eine große Sammlung von Spielzeug und Alltagsobjekten und vermittelt einen guten Eindruck des Lebens im frühen 20. Jahrhundert.  Zu den Höhepunkten gehören ein Puppenhaus, das ein exaktes Modell des Hollytrees Museum ist, und ein bootförmiger Kinderwagen aus dem 19. Jahrhundert.  Außerdem gab es eine Ausstellung über englische Pfadfinderinnen und einen Film zu einem Projekt der Gesellschaft für Gebärdensprache (Sign Language). Dieser zeigte, wie Kinder das Lied „Twinkle, twinkle, little star“ mit Gebärden unterlegten, so dass ein richtiges Gesamtkunstwerk entstand.

Natürlich mussten wir auch das „Dutch Quarter“ besuchen, das Ende des 16. Jahrhunderts von vertriebenen calvinistischen Webern und Textilhandwerkern aus den Niederlanden und Flandern erbaut worden war. Es ist wie zu Hause, wenn man lange genug sucht, hat alles irgendwie mit Textil zu tun.

Danach stöberten wir noch in verschiedenen Buchhandlungen und anderen Geschäften, bevor wir uns wieder auf den Weg zum Campingplatz machten.

Am nächsten Tag nieselte es leicht, aber laut Wettervorhersage sollte es bald besser werden. Wir brachen früh auf und fuhren um Colchester herum nach Norden, um nicht im Berufsverkehr den steilen Hügel hinauf zu müssen. Wir radelten über Nebenstraßen durch einige nette Dörfer, vorbei an der Mündung des Stour und Flatford, wo John Constable gelebt und gemalt hatte.

Da der Nieselregen inzwischen nachgelassen hatte, suchten wir nicht den dortigen Campingplatz auf, den wir von einem früheren Besuch kannten, sondern fuhren weiter. Wir passierten das Alton Water Reservoir und erreichten schließlich den Fluss Orwell, über den eine gewaltige Brücke ans andere Ufer nach Ipswich führte. Leider gab es von unserer gemütlichen Landstraße keine Auffahrt zu dieser Brücke, und wir mussten ein Stück außen herum radeln, um über den Fluss zu kommen.

Wieder steuerten wir als erstes die Tourist Information im Zentrum an. Dort musste ich eine Weile warten, da man sich für jeden Gast viel Zeit nahm – auch für mich! Die Dame suchte in einem Verzeichnis ein paar Campingplätze und rief den ersten an. Dieser war ziemlich teuer, da dort die Preise für alle Stellplätze gleich waren, ob man mit einem riesigen Wohnwagen oder einem Einmannzelt kam. Sie telefonierte weiter, und beim nächsten Platz kostete die Übernachtung weniger als die Hälfte. Es gab allerdings keinen Stromanschluss für Zelte, aber sie hatten Duschen, erklärte sie mir. Wunderbar, mehr wollten wir ja gar nicht. Wieder erhielt ich einen Umgebungsplan, diesmal mit den örtlichen Radrouten, und dann fragte sie mich vorsichtig: „What do you do with your bikes at night? Do you lock them?“ Ich erklärte ihr, dass wir sie in der Tat ab- und, wenn möglich an einen Pfosten anschließen würden. Dann ging ich wieder hinaus.

Draußen gönnten wir uns, inzwischen bei strahlendem Sonnenschein, noch eine Sitzbesichtigung und einen Imbiss, dann machten wir uns auf die Suche nach dem Campingplatz. Nachdem wir es geschafft hatten, uns an einer Baustelle vorbei auf die richtige Ausfallstraße zu schlängeln, war es nicht mehr schwer, diesen zu finden. Er lag auch wieder in der Nähe einer Hauptstraße und gehörte zu einem Obstbauernhof mit Treibhäusern und einer liebevoll angelegten Wiese, wo schon einige Zelte standen.

Als wir ankamen, war dort erst einmal niemand zu finden, bei dem wir einchecken konnten, nur eine andere Camperin suchte ihr Handy. Nach einer Weile kam ein junger Mann australischem Akzent, zeigte uns unseren Stellplatz und gab uns die Zugangscodes für die Waschräume. Bezahlen konnten wir dann bei einer Kollegin, die später vorbeikommen würde – no problem! Er empfahl uns ein Pub in der Nähe, wo sie „do a decent carvery.“ Diesen Ausdruck hatten wir zwar schon öfter gehört, konnten uns aber bisher wenig darunter vorstellen. Zeit also, dies zu ändern.

Im Pub wurden wir erst einmal eingewiesen: Wir mussten mit unserem Teller an einer Theke vorbei, an der mit riesigen Messern von einem großen Braten zeremoniell  dünne Scheiben Fleisch abgeschnitten wurden. Man hatte die Wahl zwischen Rind, Schwein und Pute, dazu gab es die sogenannten „trimmings“, nämlich ein Würstchen und ein Yorkshire Pudding. Dann konnte man sich am Buffet mit Beilagen aller Art bedienen: Kartoffelbrei, geröstete Kartoffeln, verschiedene Gemüsesorten und mehrere Soßen. Es war „delicous and nutricious“, wie Basil Fawlty so schön sagte, und vollgefressen kehrten wir wieder auf den Campingplatz zurück.

Die nächsten Tage waren wieder der Kultur,  dem Einkaufen und dem Erkunden der näheren Umgebung gewidmet. Wir fuhren zum Hafen und suchten einen Platz für unsere Fahrräder. Ein riesiges modernes Gebäude, halbrund und mit viel Beton und Glas, beherrschte erst einmal die Szene. Ein Schild wies aus, dass es sich um das „Waterfront Building“ handelte, das zur Universität gehörte. Nicht schlecht! Auch sonst ist der Hafen von vielen Hochhäusern umgeben, und einige der alten Speicher wurden gerade umgebaut und modernisiert. Trotzdem hat er eine sehr gemütliche Ausstrahlung, hier könnte man durchaus wohnen.

Wir sahen uns das recht überschaubare Zentrum mit interessanten alten Gebäuden an und bummelten durch zahlreiche Geschäfte.

Dann besichtigten wir Christchurch Mansion, ein imposantes Herrenhaus in einem weitläufigen Park. Das Haus ist von der Architektur her schon sehr interessant, da die verschiedenen Flügel in der viktorianischen und georgianischen Periode erbaut wurden. Außerdem beherbergt es zahlreiche verschiedene Sammlungen: Puppenhäuser, Gemälde (vor allem von Constable und Gainsborough), Porzellan, Spielzeug und andere Dinge. Wir schlossen uns einer Führung durch das Gebäude an, die sehr ausführlich war. Auch gab es wieder Aktivitäten für Kinder, so durften sie in der Gemäldegalerie malen und basteln. Sehr passend.

Auf dem Weg zum Campingplatz kamen wir noch an einem Homebase-Baumarkt vorbei. Natürlich  mussten wir dort Erkundigungen einziehen, was in England gerade modern ist. Die Tapeten gefielen mir nicht so besonders, zu viel Lila, bordeaux und dergleichen.

Am nächsten Tag war Superwetter, und wir erkundeten die Umgebung. Erst fuhren wir nach Felixstowe, wo wir entdeckten, dass man von dort mit einer Fußgängerfähre nach Harwich kann. Dies erschien uns sehr praktisch, da wir dann nicht wieder um die Mündungen der Flüsse Orwell und Colne mussten. Dann machten wir einen ausgedehnten Strandspaziergang, wobei wir die üblichen Fahrgeschäfte, Strandkörbe und Buden passierten, die zu einem typischen Seebad gehören.

Als unsere Füße zu protestieren anfingen, schwangen wir uns wieder auf die Räder und fuhren durch idyllische Dörfer, vorbei an Schweinen, die draußen – grasten ist nicht das richtige Wort, denke ich – im Schlamm wühlten oder ein Schläfchen machte.

Dann kamen wir an einer grauenhaft stinkenden Mülldeponie vorbei, und gerade, als es etwas besser wurde, stellten wir fest, dass wir uns in eine Sackgasse manövriert hatten. Also Nase zu und durch den Gestank zurück!

Den Rest des Tages verbrachten wir mit gemütlichem Zeitunglesen vor unserem Zelt. Wie immer verfolgte ich mit Begeisterung die Leserbriefe, da diese einen Eindruck vermitteln, was die Bewohner des Landes wirklich beschäftigt. Zur Zeit sorgten vor allem Tony Blairs Autobiografie und seine Rolle im Irakkrieg für Aufregung und Empörung. Die Tatsache, dass er einen Teil der Einkünfte  für eine Organisation zur Unterstützung schwerverwundeter Veteranen spenden wollte, machte es nicht besser. „Hätte er unsere Jungs nicht dorthin geschickt, wäre das gar nicht nötig“ lautete der Tenor der Beiträge. Doch auch die bereits erwähnten Teddybären beschäftigten noch immer die Gemüter. Viele Leser outeten sich, ebenfalls einen Bären o. ä. mit auf Reisen zu nehmen. Wir fanden das nicht weiter seltsam, schließlich darf Struppie ja auch mit, wenn wir mit dem Auto unterwegs sind. Mit dem Rad ist es leider etwas unpraktisch.

Der Tag endete wieder mit einem schönen Sonnenuntergang.

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Südostengland 2010, Teil 6

Nördlich der Themse

Am nächsten Morgen brachen wir früh auf und fuhren zum Bahnhof. Der Zug stand bereits auf dem richtigen Gleis, war aber noch abgeschlossen. Der Mitarbeiter auf dem Bahnsteig erklärte uns, wo wir einstigen konnten, aber wir mussten erst noch auf den Lokführer warten.

Der kam zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges, wies auf seine volle Kaffeetasse und meinte: „Sorry, there has been a technical problem.“ Wir bugsierten die Räder in den Zug und sicherten sie. Dann zuckelte der „High Speed Service“ gemütlich durch die Lande.

In Gravesend angekommen rollen wir vom Bahnhof hinunter zum Hafen, wo schon eine größere Gruppe wartete, die allerdings nicht nach Tilbury, sondern nach Greenwich wollte. Doch dann kam schon unsere Fähre, voll beladen wie ein Flüchtlingsschiff.

Bei dem Strom, der sich über die Gangway an Land wälzte, wunderten wir uns, wie diese Manschen alle auf dem Boot Platz hatten.  Zurück ans Nordufer wollte außer uns nur noch eine Handvoll Leute. Dies wunderte uns immer weniger, je mehr wir uns Tilbury näherten – ein unglaublich trostloser Hafen und ein ausgedehntes Industriegebiet.

Nach den üblichen Anlaufschwierigkeiten hatten wir es geschafft, das Hafengebiet zu verlassen und befanden uns auf einer Landstraße Richtung Brentwood. Verglichen mit Kent war es flach, und wir kamen gut voran, bis wir plötzlich an der A127, einer vierspurigen Hauptstraße, standen. Laut Karte und Schildern konnte man sie überqueren, und an der Stelle waren die Leitplanken, die den Grünstreifen in der Mitte begrenzten, unterbrochen. Es sah zwar nicht gerade vertrauenserweckend aus, aber eine Alternative gab es in der Nähe nicht. Also hieß es auf eine ausreichend große Lücke im Verkehr warten und dann im Schweinsgalopp auf die andere Seite wetzen. Zum Glück gab es den Mittelstreifen. Danach folgen einige langgestreckte Hügel, die aber ganz gut zu bewältigen waren.

Ein junger Mountainbiker fuhr ein Stück neben mir her und wollte genau wissen, wo wir her kamen, wo wir gewesen waren und wo wir noch hin wollten. Dann erreichten wir Brentwood, wo ich in der Tourist Information nach dem Weg zum Campingplatz fragte. Die freundliche Dame zeigte mir den Weg auf der großen Wandkarte, druckte mir eine ausführliche  Routenbeschreibung aus und erklärte mir den Weg zum nächsten Supermarkt, der fast an der Strecke lag. Dort stürzte Peter sich in das Einkaufsgetümmel und ich wartete bei den Rädern, wobei mir ein älterer Herr eine Weile Gesellschaft leistete.  Anscheinend sind die Leute hier tatsächlich um einiges offener und freundlicher als in Kent. Auch der Campingplatz war schön angelegt, gemütlich und Preisträger des „Loo Award 2007“.

Abends gingen wir in ein chinesisches Restaurant in der Nähe. Vor dem Parkplatz wartete eine Gruppe sehr schick angezogene junge Leute, und gerade kam ein Kleinbus mit einer weiteren Gruppe an. Wir gingen vorsichtig hinein und wurden erst einmal gefragt, ob wir reserviert hatten. Natürlich nicht. Man fand für uns noch einen freien Zweiertisch am Rand, und wir sahen uns um. Das Restaurant war riesig, über all standen Tische für größere Gesellschaften, die unterschiedlich dekoriert waren. In der Mitte gab es eine Tanzfläche und aus den Lautsprechern tönte Gerard Joling. Wo waren wir da bloß hineingeraten?

Wir beobachteten das Treiben und stellten fest, dass hier wohl zahlreiche Junggesellenpartys und sonstige Feste gleichzeitig stattfanden. Uns fiel auf, dass die Damen sehr aufwendig, wenn auch nicht immer geschmackvoll gekleidet waren, während die meisten Herren ein eher lässiges Outfit bevorzugten. Neben uns stand ein runder Tisch für zwölf Personen, an dem eine einzelne Dame noch die letzten Dekorationen vornahm. Dann setzte sie sich hin, bestellte einen Drink und wartete. Inzwischen kam zwar unser sehr leckeres Essen, aber niemand für den Nebentisch. Die Dame telefonierte und wartete weiter. Was war hier wohl los? Stand die Gesellschaft im Stau, oder hatte es ein Missverständnis bei der Zeit gegeben oder war es ein schlechter Scherz? Ich hoffte, dass es nicht die letzte Möglichkeit war und erinnerte mich an ein chinesisches Essen mit Kollegen, bei dem zwei ziemlich lang nicht auftauchten. Die eine saß bei einem Chinesen ähnlichen Namens am anderen Ende der Stadt und die andere hatte zwar die Straße richtig notiert, war aber davon ausgegangen, dass wir uns in der Nachbarstadt treffen wollten. Ob hier etwas Ähnliches der Fall war? Zum Glück trudelten die Leute bald nach und nach ein.

Unsere nächste Tagesetappe begann gemütlich, wir fuhren über Landstraßen und begegneten vor allem Radfahrern und Reitern. Doch bei Chelmsford gerieten wir auf eine Hauptstraße. Dort gab es wenig Platz, aber viel Verkehr, Lärm und Gestank, es war einfach grauenhaft. Schon nach ein paar Kilometern hatte ich Kopfschmerzen. Ich vermute, dass das Jenseits für jeden seine persönliche Hölle bereithält und befürchte, dass meine so aussehen wird. Ich war heilfroh, als wir die Abzweigung nach Danbury erreichten.

Zur Mittagszeit kamen wir in Maldon an, wo wir auf der vor dem Polizeihauptquartier eine Sitzbesichtigung machten und uns einen Imbiss genehmigten.

Dann wollten wir die Stadt wieder verlassen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte: Wir mussten nämlich die Brücke über den Blackwater finden. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die uns immer wieder zur Rückkehr zum Polizeipräsidium zwangen (die Mitarbeiter dort werden sich auch ihren Teil gedacht haben), schafften wir es. Wir folgten ein Stückchen der Sustrans-Radroute und gelangten dann nach Colchester.

Nachdem wir uns einen supersteilen Hügel zur Tourist Information hochgearbeitet hatten, reservierten sie dort für uns einen Zeltplatz und gaben uns eine gute Umgebungskarte mit. Die brauchten wir auch, da der Campingplatz ein ganzes Stück außerhalb der Stadt an der Hauptstraße lag. Er hatte riesige Stellplätze und saubere, wenn auch nicht preisgekrönte Sanitäranlagen. Und dass das Licht ausging, wenn man das warme Wasser andrehte, war wohl Zufall.

Am frühen Abend fuhren wir noch einmal in die Stadt, wo wir oben auf dem Hügel ein schönes Irish Pub fanden. Dort ließen wir den Tag mit einem leckeren Essen und ein paar Bierchen bzw. Irish Cider ausklingen.

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Südostengland 2010, Teil 5

Ashford, Sandwich und Faversham

Als ich am nächsten Morgen zum Waschraum trabte, hatten irgendwelche Witzbolde selbigen mit Wasser und Klopapier überflutet. Leute gibt’s!

Nach dem Frühstück brachen wir auf und fuhren durch einige idyllische Dörfer, in denen leider viel Verkehr war. Die Straßen dort sind sehr schmal, und da jeder so nah wie möglich beim Supermarkt oder Postamt parken will, stehen sich alle gegenseitig im Weg herum, und auch mit dem Rad kommt man schwer durch. Dafür kamen wir zur Mittagszeit an einem Obststand vorbei, wo wir erst mal Pause machten und Kirschen kauften, die wir auch dort am Wegrand verspeisten. Sie waren sehr lecker!

Dann ging es an Kornfeldern und Obstplantagen vorbei weiter Richtung Ashford. Uns fiel auf, dass es in dieser Gegend wenig Schilder mit Meilenangaben gab, und wenn sie mal vorhanden waren, handelte es sich wohl eher um grobe Schätzungen. Mit der Beschilderung ist es manchmal sowieso so eine Sache: Man kommt zu einem Kreisverkehr, an dem Schilder in verschiedene Richtungen zeigen. Man sucht also auf der Karte, welcher der vier bis fünf Ortsnamen denn am Besten passt, und verfolgt seinen Weg bis zum nächsten Kreisverkehr, wo wieder vier bis fünf komplett andere Namen stehen und die Suche von vorne beginnt.

Unser Tagesziel Ashford, eine Stadt mit über 100.000 Einwohnern, wurde eine Weile durchgehend angegeben, doch  ungefähr fünf Kilometer vor Erreichen der Stadtgrenze verschwand sie von allen Schildern, so dass wir mal wieder die Wahl zwischen Nether Addlethorpe, Middle Fritham und dergleichen hatten.

Der Campingplatz lag etwas außerhalb und war sehr schön – tiptop ausgestattete Waschräume und eine Küche mit einem Kräutergarten davor, bei dem man sich bedienen konnte. Nicht umsonst gehört er zu den „Best of Britain Five Star Holiday Parks“.  Bei allen Kräutersorten steckten kleine Schilder in der Erde, die dem unwissenden Laien erklärten, um was für ein Gewächs es sich handelt, wofür es gut ist und wozu es gut schmeckt.

Nachdem wir aufgebaut hatten, machten wir uns auf die Socken nach Ashford. Wir kamen an dem riesigen Bahnhof vorbei, an dem alle Züge halten, die durch den Eurotunnel fahren – sehr beeindruckend. Von dort aus wollten uns sämtliche Schilder zu einem Outlet-Centre schicken, das Stadtzentrum jedoch war so schwer zu finden, dass wir uns schon langsam fragten, ob man als Nicht-Ashforder dort überhaupt erwünscht war. Wahrscheinlich ist das Outlet-Centre auch tatsächlich der touristische Höhepunkt, die Stadtmitte gibt jedenfalls nicht allzuviel her, wenn man von der Kirche und den paar Häusern daneben mal absieht.

Auf dem Rückweg deckten wir uns bei Tesco’s mit Lebensmitteln ein. Nach dem Abendessen unterhielten wir uns gemütlich mit unseren niederländischen Nachbarn, als plötzlich aus einem anderen Nachbarzelt  wüstes Gebrüll ertönte. Der Zeltbewohner telefonierte in einem unverständlichen molvanischen Dialekt. Wir wunderten uns, dass er bei der Lautstärke überhaupt ein Telefon benötigte. Unsere Nachbarin rief ihm in einer Art Überlebensitalienisch zu, dass er  doch etwas leiser sein sollte, und tatsächlich – es half.

Dann folgte einer dieser verregneten Tage, wie es sie in jedem Urlaub gibt. Wir bleiben bis zum Nachmittag im Zelt und lasen Zeitung. Wir erfuhren, dass Premierminister Cameron ebenfalls urlaubte und von Nick Clegg vertreten wurde, und dass überraschend viele Leute ihre Teddybären und andere Stofftiere mit auf Geschäftsreise nahmen. Uns wunderte dies überhaupt nicht, nur die Anzahl der vergessenen Bären befremdete uns etwas.

Am nächsten Tag schien wieder die Sonne, so dass wir uns auf die Socken Richtung Sandwich machen konnten. Die Strecke führte uns über sanfte Hügel und „narrow country lanes“ durch schnuckelige Dörfer wie Coldred, „Kent’s Best Kept Village 2006“. Inzwischen war es richtig heiß geworden, und unsere Wasservorräte gingen zur Neige. Da leider kein Pub offen hatte, fragte ich einen netten älteren Herrn, ob ich die Wasserflaschen nachfüllen durfte. Nachdem ich ausgiebig seinen liebevoll angelegten Vorgarten bewundert hatte, ging es weiter.

Der Campingplatz von Sandwich war überraschend einfach zu finden. Wir bauten das Zelt auf, amüsierten uns über unsere Nachbarn, den Kennzeichen nach aus Hildesheim, die sich anhörten wie Alfred und Else Tetzlaff, und schnappten uns eine der herumstehenden Bänke.

Dann gingen wir zu Fuß ins Zentrum. Da ich schon den ganzen Tag geschwitzt hatte und der Wind mit die Haare ständig in die Augen wehte, ging ich zum nächstbesten Frisör, wo meine schulterlangen Zotteln einer bockikompatiblen Kurzhaarfrisur wichen.

Zufrieden setzten wir unseren Erkundungsspaziergang durch das nette Städtchen mit seinem gemütlichen kleinen Binnenhafen und einem netten Pub.

Auf dem Rückweg erklärte uns ein Herr, warum hier die ganze Straße aufgerissen wurde: Man ersetzte endlich die Gasleitungen, nachdem es jahrelang in der Straße nach Gas gerochen hatte.

Auf dem Campingplatz stellten wir fest, dass es dort Bankräuber gab, „unser“ Bänkchen war verschwunden. Also musste ich mich zum Postkartenschreiben auf den Boden setzen, was der Lesbarkeit nicht unbedingt zugute kam. Aber der gute Wille zählt. Der Tag endete mit einem wunderschönen Sonnenuntergang und einem ebenso phantastischen Sternenhimmel. Urlaub ist was Schönes!

Am nächsten Morgenhatten wir beim Einpacken mal wieder eine Menge Publikum, da sich die meisten Leute nur schwer vostellen können, wie man den ganzen Krempel in acht Fahrradtaschen und zwei Säcken unterbringen kann.

Leider kamen etwas verspätet weg, da eine meiner Bremsen etwas blockierte. Doch zum Glück konnte Peter den Schaden beheben.  Wir  kamen wieder an Canterbury vorbei, fuhren aber diesmal nicht in die Stadt. Wir überquerten die Stone Street leider etwas weiter südlich als geplant, aber da es wunderbares Radlerwetter war (leicht bewölkt mit ein paar Regentropfen), waren diese zusätzlichen Kilometer kein Drama. In einem Pub machten wir Mittagspause, und am späten Nachmittag erreichten wir den Campingplatz in Painter’s Forstal, der natürlich auf einer steilen Anhöhe lag, so dass wir das letzte Stück doch noch schieben mussten.

Erst wollten sie uns dort nur für eine Nacht unterbringen, da sie viele Reservierungen für das Wochenende hatten. Außerdem betrug der vorschriftsmäßige Abstand zwischen den Zelten sechs Meter, wie uns die Platzwärtin erklärte, so dass es nicht so einfach war, die Leute entsprechend zu verteilen. Aber nach einiger Rechnerei und der Bitte an unsere Nachbarn, ihr Auto an einer anderen Stelle zu parken, konnten wir doch zwei Nächte bleiben.

Beim Zeltaufstellen passierte uns dann ein Malheur:  Als wir wie üblich die Enden der Stangen in die dafür vorgesehenen Löcher stecke wollten, hörten wir ein garstiges Knirschen  – die Stange war in der Mitte durchgebrochen. Das konnte also auch passieren. Zum ersten Mal benötigten wir das kleine Reparaturröhrchen, das wir über die Stange schoben und mit Leukoplast fixierten. Diese Leukoplastbandage musste ein paar Monate später in unserem Campingladen zu Hause mit einem scharfen Messer entfernt werden, das Zeugs hält wirklich gut.

Da gerade an den Wochenenden alles ausgebucht schien, wollten wir in Rochester einen Platz für Freitag reservieren. Ich rief bei dem ersten Campingplatz an, wo eine Dame mir indigniert erklärte, dass sie keine Zelte mehr akzeptierten. Auf meine Frage, ob ein anderer Campingplatz in der Nähe das wohl täte, sagte sie: „Oh, I really can’t help you there!“ und knallte den Hörer auf. Peter rief auf dem anderen Platz an, und die Reaktion war:  „A tent!? You must have dialled the wrong number.“ Ist es wirklich so seltsam, dass man mit einem Zelt auf einem Campingplatz stehen möchte?

Nun ja, wenn man uns dort nicht haben wollte, wurde es Zeit für Plan B: wir konsultierten die Karte und kamen zu der Schlussfolgerung, dass wir am Besten mit dem Zug nach Gravesend fahren konnten, dort die Fähre über die Themse nach Tilbury nehmen und in Essex weiterradeln konnten, wo man hoffentlich etwas radlerfreundlicher war.

Inzwischen waren die Bewohner der Zeltgruppe gegenüber zurückgekommen, zwei Mütter mit ein paar kleinen Kindern. Zu diesen gesellten sich noch Drillinge vom anderen Ende des Platzes, drei etwa vierzehnjährige Jungen, die aussahen wie die Weasley-Zwillinge aus „Harry Potter“. Der einzige Unterschied war, dass sie im Dreierpack noch lebhafter waren. Wir machten uns auf die Socken, spazierten eine Runde durch das Dorf, das aus ein paar Häusern, einer kaputten Telefonzelle bestand und einem Pub bestand, wo wir uns ein leckeres Bierchen genehmigten. Ein Paar, das an unserem Tisch saß, empfahl uns eine Besichtigung von Sheperd Neame, die älteste Brauerei Englands. Tja, die älteste der Welt ist Weihenstephan – ätsch!

Am Morgen fuhren wir nach Faversham, wo Peter erst einmal in einem Haushaltswarengeschäft, in dem es auch Campingartikel gab, verschwand, um eine neue Zeltstange zu organisieren. Während ich draußen bei den Rädern wartete, sprach mich ein wohlbeleibter Herr an, der meinen gebogenen Fahrradlenker so schön fand. In seiner aktiven Zeit, als er, wie er selbst sagte, noch schlanker und fitter war, gab es noch nicht so schöne „handlebars“. Passende Zeltstangen hatten sie in dem Geschäft nicht, aber der Laden daneben verkaufte Briefmarken – zumindest verkündete dies ein Aufkleber im Schaufenster. Marken für das Ausland hatten sie jedoch nicht, und auf meinen Hinweis auf den Aufkleber sagte man mir: „Yes, we do sell stamps, but not for the continent.“ Aha.

Die Brauereiführung war leider auch ausgebucht, und so fuhren wir erst einmal zum Bahnhof, um Karten für unsere morgige Bahnfahrt zu kaufen. Die Züge fuhren im Stundentakt, und die Fahrradmitnahme war kein Problem. Sehr gut. Auf dem Weg zum Supermarkt, wo wir unsere Räder parken wollten, wurden wir von einem abbiegenden Autofahrer fast über den Haufen gefahren, aber zum Glück konnten alle Beteiligten rechtzeitig bremsen.

Dann besichtigten wir das Fleur de Lis Heritage Museum in einem Fachwerkhaus, das zur Straße hin nicht besonders groß aussieht, sich aber nach hinten über ein paar Nebengebäude erstreckt. In diesem Museum gibt es die verschiedensten Dinge zu sehen:  Ausstellungsstücke und einen Film zu den Schiesspulverfabriken in der Gegend, Schaukästen zur Stadtgeschichte seit der Eisenzeit, ein viktorianisches Klassenzimmer und im ersten Stock verschiedene viktorianische Geschäfte: Ein Tante-Emma-Laden, en Bäcker, ein Barbier mit einem Buch voller abenteuerlicher Rezepte gegen Haarausfall und ähnliche Leiden und vieles mehr. Eine nette Dame führte uns durch die Räume und erklärte uns alles. Danach kaufte ich im Tourist Office meine Briefmarken, aber auch dort schien man mit Marken für den Kontinent etwas überfordert zu sein.

Nach einem Imbiss besichtigten wir die moderne Karmeliterkirche St Jude’s Shrine. Das Gebäude, in dem sich die Kirche seit 1926 befindet, war erst eine Schule für Kinder der Quäker und später ein Kino. Entsprechend verwinkelt ist das Gebäude auch. Auf unserem Rundgang durch die verschiedenen Räume gerieten wir in eine Küche, in der neben den üblichen Utensilien auch ein Plastikkanister voll Wasser stand, auf dem ein Aufkleber mit der Aufschrift „Holy Water“ prangte. Sehr pragmatisch, aber irgendwie nimmt es  dem Weihwasser doch die Aura des Geheimnisvollen.

Wir bummelten noch etwas durch die Stadt mit ihren verwinkelten Gassen, erledigten unsere Einkaufe und fuhren dann bei Regen zurück zum Campingplatz. Die Familie mit den Drillingen war inzwischen abgereist, dafür versuchte eine deutsche Familie, für diese Nacht hier unter zu kommen, was nach einigem Hin und Her auch gelang. Die Familie, die aus Niedersachsen kam, hatte die Hügel hier doch etwas unterschätzt, zumindest sagte die Mutter: „Ich dachte, wir sind in England und nicht in den Alpen.“

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Südostengland 2010, Teil 4

Grenzwanderungen zwischen Kent und East Sussex

Der Wind hatte nachgelassen, aber es war noch etwas bewölkt. Wir  verließen St. Norman‘s Bay und radelten teils über Hauptstraßen, teils über idyllische Landwege nach Norden, wobei wir wieder einmal die South Downs überqueren mussten. Unser Lonely-Planet-Führer stellt die interessante Frage „Why ‚Downs‘, when they are up?” und beantwortet sie auch gleich selbst. Das Wort „Downs“, das abgerundete, mit Gras bewachsene Kalkhügel bezeichnet, hat hier nämlich nichts mit dem englischen Wort für „hinunter“ zu tun, sondern kommt von dem altenglischen Wort „dun“, das „Hügel“ bedeutet und seinerseits wieder von dem altsächsischen Wort „duna“ abstammt. Ich vermute, dass auch das Wort „Düne“ sich irgendwie davon ableitet. Auf jeden Fall muss man bei diesen Downs kräftig in die Pedale treten und freut sich über eine gute Gangschaltung.

Nach einer Weile  erreichten wir  die Ortschaft Battle, wo 1066 die berühmte Schlacht von Hastings stattgefunden hatte, in der König Harold von William the Conqueror besiegt wurde. Der Altar der Abteikirche steht angeblich an genau der Stelle, an der Harold sein Leben ließ. Da wir aber noch ein ziemliches Stück vor uns hatten, begnügten wir uns mit einer Sitzbesichtigung (dieses Wort habe ich nach der Lektüre von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ in meinen Sprachschatz aufgenommen).

In Battle scheint man jedoch der Ansicht zu sein, das jeder, der diese Stadt betritt, sie so schön findet, dass er nie wieder weg will – zumindest waren die Straßen aus der Ortschaft so spärlich beschildert, dass wir eine extra Runde drehen mussten, bis wir  auf dem Weg nach Bodiam Castle waren. Wir passierten das märchenhafte Wasserschloss, das auch zahlreiche Reisebusse anlockte und fuhren weiter Richtung Norden.

Irgendwo unterwegs passierten wir auch wieder die Grenze zwischen East Sussex und Kent. Wir folgten einem schmalen Waldweg und hatten gelegentlich eine wunderschöne Aussicht auf den See. Nach einer geraumen Weile erreichten wir die stark befahrene Hauptstraße und entschieden uns dafür, nach rechts zu fahren, da auf unserer Karte ein Campingplatz eingezeichnet war. Dieser Platz („tents only“), der zu einem Motel gehört, lag direkt an der Hauptstraße, war aber groß genug, dass der Verkehr nicht wirklich störte. Nach den zahlreichen Auf-und Abbauaktionen beschlossen wir, zwei Nächte zu bleiben, da die Gegend ja wirklich sehr schön war. Die anfängliche Bewölkung war inzwischen auch strahlendem Sonnenschein gewichen.

Zu unserer Verwunderung hingen an allen Bäumen Schilder, dass man diese nicht umsägen und verfeuern durfte. Anscheinend gibt es tatsächlich Leute, die so etwas machten.

Einige Campinggäste hatten auch bereits beeindruckende Feuerchen entfacht und begannen zu grillen. Wir suchten uns ein Plätzchen in ausreichender Entfernung und bauten unser Zelt auf.

Als ich später zur Dusche ging, schaute ich mir das Gelände an. Die Motel-Anlage sah einfach, aber gepflegt aus, der Sanitärbereich des Campingplatzes war allerdings ein wahres Abenteuer. Dusche und Toiletten befanden sich in einem Bauwagen, dessen Boden nicht mehr ganz stabil war. Als ich die Duschkabine betrat, knirscht es bedrohlich, und in einer Ecke sackte der Boden ein Stück weg. Dann hatte ich den richtigen Punkt gefunden, auf dem man stabil stehen konnte, und drehte den Wasserhahn auf. Ein ziemlich heißer Strahl schoss hervor, doch wegspringen war wegen des Wackelbodens nicht zu empfehlen. Vorsichtig bewegte ich mich zur Seite und drehte am Thermostat. Verflixt, war das plötzlich kalt! Sebastian Kneipp hätte sicher seine wahre Freude an dieser Anlage gehabt. Doch nach einer Weile hatte heraus, wie man den Boiler richtig einstellen musste. Die Klospülung war ebenfalls eine Konstruktion, die  sehr viel Fingerspitzengefühl erforderte.

Zum Abendessen fuhren wir ins nächste Dorf, wo es ein gutes Pub gab, und überquerten dabei wieder die Grenze nach Sussex. Das Pub war tatsächlich sehr gemütlich und das Essen gut. Und da es schon relativ spät war, schafften wir es, die Straße recht flott zu überqueren. Dies ist bei weitem nicht immer der Fall, wie wir am nächsten Tag feststellen sollten.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und wir wollten erst an den See. Unterwegs fiel uns auf, dass eine ganze Menge Minis unterwegs waren, auch auf dem Waldweg zum See. Kurz bevor wir das Ufer erreichten, stießen wir auf eine Absperrung, wo man uns erklärte, dass am Seeufer eine Mini-Show stattfand, die zehn Pfund Eintritt pro Person kostete. Und es gab auch keine andere Möglichkeit, zum See zu kommen. Eigentlich finde ich die Minis wirklich nett, vor allem die in er Farbe Oxford Green, aber zwanzig Pfund sind eine Menge Geld, und sooo interessant sind sie auch nicht.

Also fuhren wir zurück und folgen der Hauptstraße nach Lamberhurst. Dieses Dorf liegt auf einem steilen Hügel und besteht nur aus ein paar Straßen, einer Kirche und einer Schule.

Es würde die ideale Kulisse für eine folge der Krimiserie „Midsomer Murders“ abgeben. An der Kreuzung der zwei Hauptstraßen hing ein Umgebungsplan, den wir konsultierten.

Wir beschlossen, Scotney Castle zu besichtigen, das in der Nähe lag. Und das lohnte sich wirklich! Der alte Teil des Schlosses geht bis ins 14. Jahrhundert zurück und wurde später immer wieder erweitert. Heute ist er nur noch eine Ruine, die allerdings sehr geschickt in die Gestaltung der Gärten integriert wurde. Neben dem noch erhaltenen Treppenhaus gibt es auch einige Priesterverstecke.

Das neue Herrenhaus wurde im 18. Jahrhundert erbaut. Bis ca. 2005 wurde das Schloss sogar noch von der Familie Hussey bewohnt, und das konnte man auch an der Einrichtung sehen.

Auch die weitläufige Gartenanlage mit alten Bäumen und einem „Quarry Garden“ in einem ehemaligen Steinbruch ist wunderschön.

Wir verbrachten einen großen Teil des Nachmittags dort.

Als wir zurückfahren wollten, war der Parkplatz brechend voll, und einige Autofahrer drehten wohl schon eine Weile ihre Runden und warteten auf eine Parklücke. Eine Frau sprach uns hoffnungsvoll an, ob sie unseren Platz haben könnte, doch wir mussten sie leider enttäuschen – zwei Räder brauchen nun mal viel weniger Platz als ein Auto. Beim Verlassen des Parks kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass Kent mit Recht der „Garden of England“ genannt wird: Alles Schöne und Sehenswerte ist eingezäunt.

Abends wollen wir in einem Wegrestaurant der Kette „Little Chef“ essen gehen. Das war allerdings nicht so einfach, da wir fast nicht über die Straße kamen. Für einen Sonntagabend war da ganz schön was los. Endlich erbarmte sich ein Lastwagenfahrer und blieb gnadenlos stehen. Hinter ihm bildete sich schon eine etwas längere Schlange, doch er wollte nicht weiter fahren. Nach einer Weile hatte auch ein Autofahrer aus der Gegenrichtung die Situation richtig eingeschätzt und hielt an. So kamen wir endlich über die Straße.

Im Restaurant wurden wir an einen Tisch gebeten, und ein eifriger junger Kellner nahm unsere Bestellung entgegen. Er hatte wohl eine leichte geistige Behinderung und vergaß oder verwechselte gelegentlich etwas. Aber einer seiner Kollegen behielt ihn im Auge, um notfalls einzugreifen. Und der Kellner verrichtete seine Arbeit mit großer Begeisterung, so dass man ihm kleine Fehler einfach nicht übel nehmen konnte. Und dass er mir statt dem bestellen „Hot Chocolade Pudding“ einen „Sticky Toffee Pudding“ brachte, hätte ich ohne Nachfrage des Kollegen wohl gar nicht bemerkt, mit den ganzen Feinheiten der englischen Nachtische kenne ich mich nicht so gut aus. Lecker war er auf jeden Fall, egal, was es war.

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Südostengland 2010, Teil 3

Das Marschland und Eastbourne

Am Morgen brachen wir wieder auf und folgten der Stone Street in Richtung Süden. Wir nahmen an, dass es sich um eine Römerstraße handelte, nicht nur wegen ihres Namens, sondern auch weil  sie fast schnurgerade von Canterbury zu den Romney Marshes führt. Wikipedia bestätigte diese Vermutung. Die Bäume an der Straße bilden hier grüne Bögen, und gelegentlich passierten wir eine Hopfendarre mit ihrer charakteristischen Spitze, die an einen Hexenhut erinnert. Später erfuhren wir, dass diese Gebäude hier „oast houses“ genannt werden, und dass man den „Hexenhut“, der an einer Seite offen ist, drehen kann, um für die bestmögliche Ventilation zu sorgen, während der Hopfen über dem Feuer getrocknet wird. Sowohl Verkehr als auch Steigungen hielten sich in Grenzen, so dass das Radeln ein richtiger Genuss war.

In Lympne mussten wir ein Stück auf einer Hauptstraße fahren. Ein Rennradler fuhr an uns vorbei und rief uns über die Schulter zu: „You guys are tough!“ Gut, dass er uns vorgestern nicht gesehen hatte, aber so eine Bemerkung freut einen natürlich.

An den Linksverkehr hatten wir uns schnell gewöhnt, nur auf freiliegenden Radwegen ertappte ich mich manchmal dabei, bei Gegenverkehr nach rechts ausweichen zu wollen. Die Radwege sind allerdings ein Kapitel für sich. Die Organisation Sustrans, die sich für Radfahrer einsetzt, hat zwar in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet, vor allem, was die Radfernwege angeht, aber auch sie sind natürlich auf die Mithilfe der Grafschaften (counties) und Gemeinden angewiesen. Und deren Ideen sind manchmal etwas seltsam: So kann es vorkommen, dass der Radweg unvermittelt an der verkehrsreichsten Stelle abbricht, oder dass man alle paar hundert Meter die Straßenseite wechseln muss. Dies ist meiner Meinung nach der Verkehrssicherheit nicht wirklich dienlich.

Inzwischen hatten wir die Küste erreicht, dachten wir zumindest. Auf der Karte sah es auch so aus, als ob unsere Straße direkt am Strand entlang führt, aber in der Realität befand sich zwischen dem Weg und dem Strand ein militärisches Übungsgelände, das auf der Karte nicht verzeichnet war, und auf dem gelegentlich geschossen wurde. Das scheint öfter vor zu kommen, denn in ihrem Buch „Slow Coast Home“ beschreibt Josie Dew ein ähnliches Erlebnis.  Doch nach einer Weile hatte der Weg tatsächlich die Küste erreicht. Man konnte das Meer zwar hören und riechen, aber leider nicht sehen, da sich zwischen ihm und uns eine hohe Mauer befand. Bei einer Auffahrt fuhren wir darum auf die Küstenpromenade.

Der Blick über die See war phantastisch, nur leider kam auch der Wind ungebremst von derselben, so dass wir nicht besonders gut voran kamen. Die zahlreichen Baustellen, die wir dort umfahren mussten, taten ein übriges, und so beschlossen wir, als wir das Dorf St. Mary in the Marsh erreicht hatten, die Aussicht wieder gegen die relativ windgeschützte Straße einzutauschen.

Nach einer Weile erreichten wir das Dorf New Romney und bald darauf den Campingplatz Romney Farm. Ich betrat das Café, wo mich die Dame an der Theke nach meiner Reservierung fragte. Da wir diese aber nicht hatten, wurde der Chef herbei telefoniert, der uns „lots of pitches“ anbieten konnte. Auf einem klapprigen Fahrrad fuhr er voraus, um ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen zu suchen. Dies war auch notwendig, denn inzwischen wehte eine ziemlich steife Brise. Wir warfen alle Fahrradtaschen auf das Zelt, damit es nicht davonflog. Der Boden erwies sich als ziemlich hart, aber zum Glück lag auf dem Tisch vor dem Nachbarzelt ein Hammer, den wir uns ausborgten. Wir mussten uns ganz schön anstrengen, um das Zelt fest zu halten, bis es ordentlich mit Heringen verankert war, da sich der Wind sich immer wieder darin verfing und mit aller Kraft daran zerrte. Aber wir schafften es. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Wir fuhren zurück ins Dorf, um einzukaufen. Bei Sainsbury’s  gab es eine Art Dreikomponenten-mahlzeit für zwei Personen. Dabei konnte man für nur fünf Pfund bestimmte Salate, Hauptgerichte und Nachtische miteinander kombinieren. Um diese zu finden, musste man natürlich den gesamten Supermarkt absuchen, eine Art Schnitzeljagd also. Dass die Campingplatzküche sogar über eine Mikrowelle verfügte, vergrößerte die Auswahl.

Auf dem Weg zurück begann es zu tröpfeln, und als Peter mit seinem Duschzeug die Waschräume erreichte, brach ein Platzregen los. Dieser wurde von der Putzfrau mit einem fröhlichen „There you have your shower“ kommentiert.

Als der Regen nachgelassen hatte, schwangen wir uns noch einmal auf die Räder und erkundeten die Umgebung. Wir fuhren durch das pittoreske Dörfchen Lydd bis zur Dungeness Power Station.   Das flache, dünn besiedelte Marschland hatte in der Abenddämmerung etwas Unwirtliches und sogar Unheimliches. In dieser Gegend könnte Charles Dickens‘ kleiner Pip aufgewachsen und dem entflohenen Strafgefangenen Magwitch begegnet sein. Dann trieben uns der Wind und der Hunger zurück zum Campingplatz.

Am nächsten Morgen war es noch immer ziemlich windig. Wir brachen auf und fuhren über Camber nach Rye und passieren unterwegs die Grenze zwischen Kent und East Sussex.  In der kleinen Stadt, die laut unserem Lonely-Planet-Führer „so Olde Englishe it’s almost twee“ ist, wollten wir bei der Tourist Information eine Karte der regionalen Fahrradrouten erwerben, um zu wissen, ob es sich lohnt, den Schildern zu folgen. Leider war das, was sie dort im Angebot hatten, zu lokal für unsere Zwecke. Nach einer kurzen Mittagspause  beschlossen wir, nicht wie geplant über Battle nach Eastbourne zu fahren, sondern weiterhin der Küste zu folgen.

Zwischen Fairlight Cove und Hastings mussten wir uns noch den Battery Hill, eine lange Steigung, hinaufarbeiten. Die Straße war von hohen Bäumen gesäumt, und jedes Mal, wenn man Licht sah und dachte, dass man oben war, erwies es sich als eine Kurve, nach der es fröhlich weiter aufwärts ging. Doch endlich hatten wir es geschafft, und wir sausten hinunter in die Stadt.

Hastings ist nicht nur aufgrund des „Battle of Hastings“ im Jahre 1066 bekannt, sondern rühmt sich auch, die erste der „Cinque Ports“ zu sein. Dabei handelt es sich um einen Bund von ursprünglich fünf Hafenstädten in Kent und Sussex, der wohl schon vor der normannischen Invasion bestand. Außer Hastings gehören Dover, Hythe, New Romney (früher Roniney) und Sandwich zu den Gründungsmitgliedern. Inzwischen umfasst dieser Bund vierzehn Städte, u. a. Lydd, Deal und Rye. Gesehen hatten wir die Schilder an den Ortseingängen natürlich schon früher und sollten auch später immer wieder darauf stoßen.

Auf der Strandpromenade fuhren wir durch die sehr touristische Stadt, vorbei an den typischen Kirmesattraktionen englischer Seebäder, die von Scharen von Touristen frequentiert werden, weiter nach Bexhill. Der Ortsteil machte natürlich seinem Namen alle Ehre. Ich hätte den Hügel allerdings fast geschafft, wäre mir nicht so ein dämlicher Hund in die Quere gekommen. Laut Gatten hätte ich schneller fahren müssen, dann wäre das nicht passiert. Nee, ist klar.

Danach ging es weiter über flache Landwege nach Pevensey, wo sich in der Nähe des Schlosses der Campingplatz „Fairfield Farm“ befand. Da wir nur eine Nacht bleiben wollten, durften wir einchecken.  Als das Zelt stand, telefonierte ich mit Beate aus London, mit der wir uns am Wochenende in Brighton treffen wollten. Leider musste sie uns mitteilen, dass ihr etwas dazwischen gekommen war. Ob sich in diesem Urlaub noch eine Gelegenheit ergeben würde, wollten wir abwarten, da Peter und ich unsere Streckenführung nicht genau voraussagen konnten. Unterwegs hatten wir  auch gehört, dass in Brighton gerade die Pride Week, eine Festivalwoche, stattfand, und wohl alle Übernachtungsmöglichkeiten ausgebucht waren. Außerdem habe ich ein gestörtes Verhältnis zu großen Menschenansammlungen auf begrenztem Platz. Also beschlossen wir, noch einen Tag in Eastbourne zu bleiben und dann nach Norden zum Naherholungsgebiet Bewl Water zu fahren, das wir auf der Karte entdeckt hatten.

Dann gingen wir in ein nettes Pub mit einem Biergarten. Die Bedienung machte mich darauf aufmerksam, dass man hier das Chili auf einem Berg Pommes servierte. Eine interessante Variante, die gar nicht mal schlecht schmeckte. Danach gingen wir wieder zum Campingplatz und schauten einigen Familien beim Cricket zu. Sehr treffsicher waren sie nicht, einmal landete der Ball fast in unserem Zelt, aber sowohl die Spieler als auch die Zuschauer hatten eine Menge Spaß.

Am nächsten Morgen fragten wir an der Rezeption, ob wir noch eine Nacht bleiben durften, aber leider waren sie für dieses Wochenende „fully booked“. Aufgrund der Wirtschaftslage machten verständlicherweise sehr viele Engländer Urlaub im eigenen Land und bevölkerten die Campingplätze. Also mussten wir unser Zelt abbrechen und eine andere Bleibe suchen. Wir fuhren ein paar Kilometer zurück zum Campingplatz St. Norman’s Bay. Dort wurden wir freundlich empfangen, mussten aber mit dem Einchecken warten, bis die ersten Leute abgereist waren. Wir überquerten also die Straße, suchten uns ein nettes Plätzchen am Strand, rollten unsere Isomatten aus, lasen und machten ein Nickerchen in der Sonne. After all, we were at the seaside!

Nach einer Weile war wieder Raum in der Herberge, so dass wir aufbauen konnten. Der Platzwart suchte für uns ein geschütztes Plätzchen, da es im Lauf des Tages wieder sehr windig werden sollte. Irgendwie war das wohl typisch für diese Gegend.  Auch hier wurde Cricket gespielt, diesmal nicht mit einem richtigen Bat, sondern mit einer Bratpfanne.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und wir brachen auf Richtung Beachy Head, eine, eindrucksvollen Kreidefelsen auf der anderen Seite von Eastbourne, den man von St. Normans Bay gut sehen konnte. Dieser Felsen ragt 162 Meter über dem Meeresspiegel auf und bietet nicht nur eine phantastische Aussicht, sondern ist auch ein Anziehungspunkt für potentielle Selbstmörder. Leider war der Wind wirklich wieder ziemlich stark geworden, und auch mein Knie begann zu protestieren, so dass wir in Eastbourne aufgaben.

Wir suchten einen Supermarkt, und ich ging einkaufen, während Peter unsere Räder und Habseligkeiten bewachte. Es bot sich mir ein hochinteressantes Einkaufserlebnis. Der Tesco’s war so groß, dass man sich darin verlaufen konnte, und hatte eine Riesenauswahl. Außerdem war er bevölkert mit Gruppen von Einkäufern, von denen ein großer Teil ziemlich korpulent war. Nun habe ich auch nicht gerade die Figur einer Gazelle, aber hier fühlte ich mich mal wieder richtig schlank! Obwohl die Gänge wirklich sehr breit waren, wurde es doch manchmal schwierig, sich seinen Weg zu bahnen. Wenn eine fünfköpfige wohlbeleibte Familie vor dem Käseregal über das Abendessen debattiert, kommt man nicht vorbei, keine Chance. Da ich wohl auch noch eine der langsamsten Kassiererinnen  des Landes erwischt hatte, dauerte die Expedition ziemlich lange. Peter begann, sich Sorgen zu machen, und der vorfahrende Krankenwagen beruhigte ihn nicht wirklich. Gerade, als er sich hinein begeben wollte, kam ich jedoch wohlbehalten wieder zum Vorschein.

Als wir wieder auf dem Campingplatz waren, begann es zu regnen, und wir verkrochen uns in unser Zelt. Doch dann bekamen wir mit, dass zwei junge Frauen versuchten, ihr Zelt aufzubauen und heftig mit dem Wind zu kämpfen hatten. Wir zogen unsere Regenjacken an und kamen ihnen zur Hilfe. Zu viert schaffen wir es gerade, das Zelt festzuhalten und aufzubauen.

Dann gingen wir schlafen. Wegen der Windböen, die gegen das Zelt peitschten, schlief ich sehr unruhig und wurde von Alpträumen geplagt. An einen davon kann ich mich sogar noch erinnern: Ich unterrichtete gerade gemütlich meine Gruppe Studenten, als plötzlich von allen Seiten Handwerker in Schutzkleidung auftauchten, die überall Löcher bohrten und merkwürdige Stäbe hineinsteckten, die dann mit Kabeln verbunden worden. Auf meine Frage, was das sollte, erklärte man mir, dass das Gebäude am nächsten Tag gesprengt werden sollte und man schon mal dabei war, die Sprengsätze zu verlegen. Meine Studenten und ich rannten hinaus, und aus sicherem Abstand rief ich die Projektleitung an, die antwortete: „Oh, bist du immer noch dort? Dich haben wir total vergessen. Meinst du, du schaffst es noch, unsere Sachen zusammen zu packen und wegzubringen?“ Dann wachte ich auf und stellte erleichtert fest, dass es Morgen war und ich immer noch Urlaub hatte.

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Südostengland 2010, Teil 2

Canterbury Tales

Nachdem wir die Fähre verlassen hatten, hieß es erst einmal den Weg aus dem riesigen Hafen zu finden, vorzugsweise, ohne dabei überfahren zu werden. Wir mussten erst einer roten Linie folgen, dann irgendwo an der Seite durch eine winzige Pforte, dann um einen gigantischen Kreisverkehr herum, bis wir auf dem richtigen Weg waren. Mühsam arbeiten wir uns den langen, steilen Hügel zum Dover Castle hinauf, von wo uns die Route über ruhige Nebenstraßen nach Canterbury bringen sollte.

Eigentlich war die Strecke nicht so lang, aber sehr hügelig. Leider war meine Kondition nicht ganz so gut wie ich optimistisch gehofft hatte, so dass es zwischendurch mal wieder hieß: Wer sein Rad liebt, der schiebt. Und irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich fast nicht mehr weiter konnte – ich hatte nicht mal mehr Pudding, sondern Vla in den Beinen! Inzwischen habe ich gelesen, dass das sogar auf der vorletzten Etappe einer 6000-km-Tour passieren kann, aber auch damals hätte mir dieses Wissen wohl nicht wirklich weiter geholfen. Wir befanden uns mitten in der Pampa, und so langsam wurde es dämmrig. Dummerweise hatten wir nicht daran gedacht, dass wir durch das Zurückstellen der Uhr zwar eine Stunde gewinnen, dass es aber entsprechend früher dunkel wird. Und als wir dann durch ein finsteres Waldstück mussten, in dem unsere einzige Beleuchtung die Fahrradlampen waren, hatte ich doch etwas Muffensausen.

Endlich erreichten wir den Stadtrand von Canterbury, und wir sahen auch sofort ein Schild zum Campingplatz, dem wir folgten. Wir wurden um verschiedene Ecken geleitet, und waren plötzlich wieder in einer recht ländlichen Gegend. Und der Campingplatz wollte und wollte nicht kommen. Wir fragten einen Herrn, der uns sagte, dass es noch einige Meilen bis dorthin war, und dass wir noch über einen „nasty hill“ mussten. Seine Anweisungen klangen sehr nach Bill Brysons „Notes from a Small Island“: „[…] just past the turnoff for Little Puking but before the B6029 mini-roundabout. By the dead sycamore. […] Well, about a quarter of a mile past there, not the first left turning, but the second one, there’s a lane between two hedgerows – they’re mostley hawthorn with a little hazel mixed in. Well, if you follow that road past the reservoir and under the railway bridge, and take a sharp right at the Buggered Ploughman…“ . Nur dass das Pub nicht “Buggered Ploughman”, sondern “The Chequers” hieß.

Da man jetzt auch außerhalb des Waldes fast nichts mehr sah, reichte es mir. Wir bogen von der Hauptstraße in das winzige Dörfchen Nackington ab. Dort klingelten wir an einem Haus, um weitere Erkundigungen ein zu ziehen. Doch die Dame war mit Entfernungen und Zeitangaben etwas überfordert, da sie, wie auch ihre Nachbarn, nur mit dem Auto unterwegs war.

Aber man gestattete uns, das Zelt auf einem Stückchen Wiese neben einem der Häuser aufzustellen, und wir durften auch unsere Wasserflaschen nachfüllen. Hatte ich vor einer Stunde noch von einer erfrischenden Dusche geträumt, war mir inzwischen alles egal, ich wollte nur noch schlafen. Im Schein einer Taschenlampe bauten wir unser Zelt auf. Gut zu wissen, dass wir das auch können, aber ich hoffe doch, dass wir diese Fähigkeit so schnell nicht mehr brauchen. Wir verkrochen uns in unsere Schlafsäcke und schliefen den Schlaf der Erschöpften.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt kroch, landete gerade ein Heißluftballon fast nebenan. Ob das so geplant war?

Nach einem Gespräch mit einer Dorfbewohnerin und einem improvisierten Frühstück machten wir uns auf die Suche nach dem Campingplatz. Tatsächlich war er noch knapp fünf Meilen entfernt, und der „nasty hill“, sowie alles andere, was der Herr vom Vorabend beschrieben hatte, stimmte.

Als wir beim Einchecken gleich bezahlen wollten, war der 20-Pfund-Schein, den wir noch vom letzten Mal hatten, nicht mehr gültig. Komisch, das passiert uns öfter, wenn wir in England sind. Aber bei der Bank kann man die ja problemlos umtauschen. Nachdem wir das Zelt aufgebaut und geduscht hatten, erfuhren wir von einem Nachbarn, dass es noch einen Campingplatz in Zentrumnähe gab. Den hatten wir eigentlich auch gesucht, aber die Schilder hatten uns mal wieder in die Irre geführt.

Auf einer gemütlichen Nebenstraße fuhren wir Richtung Canterbury, aber ein Stück vor der Stadtmitte mussten wir doch auf einer stark befahrenen A-Road weiter. Beim Stadtmuseum parkten wir unsere Räder, beschafften uns bei der Tourist Information einen Stadtplan und gingen erst mal zur Bank und zum Einkaufen. In den großen Supermärkten kann man inzwischen auch mit ausländischen Bankkarten zahlen, so dass man weniger oft nach Geldautomaten suchen muss. Mit unseren Vorräten von Marks und Spencer suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen im Dane Jon’s Garden und stärkten uns für die bevorstehende Stadtbesichtigung. Zumindest bei diesem schönen  Wetter scheint das eine beliebte Art zu sein, die Mittagspause zu verbringen. Auf den Bänken saßen zahlreiche Geschäftsleute und Büroangestellte und verzehrten ihren Imbiss.

Danach besichtigten wir die berühmte Kathedrale, in der die englischen Könige gekrönt werden und wo im Jahre 1170 der Erzbischof Thomas Becket von vier Rittern des Königs Heinrich II  ermordet worden war, da er gegen eine Lösung der weltlichen Rechtsprechung von der kirchlichen war. Drei Jahre nach seinem Tod wurde er heilig gesprochen und seiner Grabstätte wurden wunderbare Kräfte zugesprochen. Bald pilgerten die unterschiedlichsten Leute in Scharen nach Canterbury, eine Tatsache, die von Geoffrey Chaucer sehr anschaulich beschrieben wurde. Beckets Grab wurde auf Geheiß Heinrich VIII zerstört, und an dieser Stelle brennt heute eine Kerze.

Nach der Besichtigung bummelten wir noch etwas durch die Stadt, deren Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern durchaus ihren Charme hat, aber an meine Lieblingsstadt York reicht es doch nicht heran.

Dann fuhren wir auf einer Nebenstraße zurück zum Campingplatz. Leider mussten wir unseren Schleichweg mit recht vielen Autos teilen. Können die nicht auf ihren Hauptstraßen bleiben?

Abends aßen wir im „Chequers“, wo wir von einem Verwandten von Butler James bedient wurden. An der Wand hingen Zeitungsausschnitte und Fotos, denen wir entnahmen, dass im Jahr 2007 die Tour de France dort vorbeigekommen war. Anscheinend sind die Leute noch genialere Kartenleser als wir, und ordentlich links fuhren sie auch nicht! Bei einem Bierchen ließen wir den Tag gemütlich ausklingen.

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Südostengland 2010, Teil 1

Südostengland: 1. – 22. August 2010
Der Weg ist das Ziel

Der Sommerkurs war wieder geschafft, alle Examen korrigiert und die Listen abgegeben, und so konnten wir uns am frühen Morgen auf den Weg nach Großbritannien machen. Hin wollten wir mit der Fähre von Dunkerque (oder Duinkerken oder Dünkirchen) nach Dover, zurück von Harwich nach Hoek van Holland. Es sollte meine erste längere Tour mit meinem neuen Rad und Vortaschen auf sogenannten Lowridern werden. Wenn man plötzlich zwei Taschen mehr zur Verfügung hat, gerät man natürlich in Versuchung, mehr einzupacken, aber das wurde mir nicht gestattet, schließlich merkt man jedes zusätzliche Kilo.

Bei der Vorbereitung halfen uns wieder einmal die Bücher „England per Rad“ vom Kettler-Verlag und der „Lonely Planet“-Führer „Cycling Britain“, zusammen mit der OS-Karte für Südostengland.

Vier Länder in zwei Tagen

Am Vormittag machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Bis Rotterdam ging alles problemlos, und auch das Umsteigen dort war wie immer recht einfach. Trotz Umbauarbeiten am Bahnhof gab es noch den riesigen Lastenaufzug, der sich ächzend von Stockwerk zu Stockwerk arbeitete.
Unser Anschlusszug nach Vlissingen hielt plötzlich auf halber Strecke. Der Zugführer dachte, dass er ein Tier angefahren hatte, und die Zugbegleiterin stieg aus, um den Streckenabschnitt zu kontrollieren. Sie konnten jedoch nichts finden. Hoffentlich war es nur falscher Alarm.
So erreichten wir mit einer halben Stunde Verspätung Vlissingen und nahmen von dort die Fähre „MS Prinses Maxima“ über die Westerschelde nach Breskens. Unterwegs trafen wir die „MS Prins Willem Alexander“, die in Gegenrichtung unterwegs war. Ich musste an die beiden Königskinder denken, die nicht zueinander kommen konnten.

Als die Fähre am gegenüberliegenden Ufer angelegt hatte, rannten wie üblich alle erst mal wie aufgescheuchte Hühner durcheinander. Nachdem sich das Ganze etwas sortiert hatte, machten wir uns mit kräftigem Gegenwind auf den Weg nach Knokke. Die Hauptstraße dieses belgischen Seebades war für mich der reinste Albtraum: In der Mitte ein Grünstreifen und die Spuren auf beiden Seiten gerade mal breit genug für ein Auto. Die Autofahrer saßen den Radfahrern die ganze Zeit im Nacken, und jeder war genervt. Auf den Gehweg ausweichen konnte man auch nicht, denn der war voll von Strand- und Casinobesuchern. Das hätten sich unsere Stadtväter mal anschauen sollen, bevor sie in einem Stadtteil einen ähnlichen Murks veranstalten.
Vor lauter Stress verpassten wir die Abzweigung zum Campingplatz, was wir erst merkten, als wir schon fast in Heist waren. Dort gab es aber auch einen, wo wir freundlich empfangen wurden. Als das Zelt stand, suchten wir uns ein nettes Lokal am Stand und aßen leckeren Fisch, wie sich das an der Küste gehört, und an den netten Singsang und das „zachte g“ der Belgier gewöhnt man sich auch schnell.
Am nächsten Morgen wurden wir um sechs Uhr von einem gewaltigen Radau geweckt. Anscheinend waren einige Zeltplatzbesucher gerade erst von ihrem nächtlichen Treiben zurück gekehrt. Ich war kurz versucht, nachzuschauen, wo ihr Zelt wohnt, so dass wir uns eine Stunde später rächen konnten, aber ich war noch zu müde. Außerdem regnete es. Dann stellte ich fest, dass mein rechter Daumen dicker als sonst und blau war, ich nehme an, dass ich ihn beim Zeltaufbauen gequetscht hatte. Er tat zwar nicht sehr weh, störte aber bei allem.
Als es wieder trocken war, fuhren wir zur nächsten Kartenverkaufsstelle der Kusttram, einer Straßenbahn entlang der belgischen Küste, mit der wir bis zur Endstation De Panne wollten. Von dort sind es nur noch ungefähr dreißig Kilometer bis zum französischen Dunkerque, um dort die Fähre nach Dover zu nehmen. Obwohl auf der Website der Kusttram stand, dass man Fahrräder mitnehmen darf, waren wir etwas unsicher, ob es mit der ganzen Bepackung möglich war. Aber als wir dem Kartenverkäufer erzählten, was wir vorhatten, war er ganz stolz, dass wir uns mit „seiner“ Straßenbahn auf den Weg nach England machten.

In etwa zweieinhalb Stunden fuhren wir die belgische Küste entlang, vorbei an Hotelburgen, die teilweise den Charme von Parkhäusern hatten, gemütlichen alten Städtchen und jeder Menge Dünen.


In De Panne war es dann vorbei mit der Gemütlichkeit, wir mussten selbst wieder in die Pedale treten. Da der Kartenausdruck aus dem Internet nicht ganz deutlich war, fuhren wir eine ganze Weile auf der falschen Seite des Kanals, bis der Weg plötzlich endete. Danach verfranzten wir uns noch in Dunkerque selbst, da die Schilder zum Hafen uns immer auf die Autobahn schicken wollten. Dies bescherte uns einen ziemlichen Zeitverlust, so dass wir, als wir endlich in den Hafen einrollten, der Fähre noch beim Ablegen zuschauen konnten. Aber wir hatten ja nichts reserviert, und die nächste ging in zwei Stunden.
Wir vertrieben uns die Zeit mit einem Buch und einen Imbiss, bis wir um 16 Uhr zusammen mit einigen anderen Radfahrern an Bord durften. Die ruhige und angenehme Überfahrt dauerte etwa zwei Stunden, und nach einer Weile tauchten vor uns die imposanten Kreidefelsen von Dover auf. Leider konnte man nicht nach draußen, so dass man das Schauspiel durch die Panoramascheibe fotografieren musste, was der Qualität der Fotos nicht zugute kam.

Aber egal, wir waren in England, dem vierten Land unserer zweitägigen Anreise.

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