2013 – Ostengland

Ostengland 2013, Teil 12 (Schluss)

I do like to be beside the seaside…

 Am nächsten Morgen strahlte die Sonne von einem blauen Himmel, der nur mit ein paar malerischen Wattewölkchen garniert war. Nach einem ausgiebigen Frühstück bauten wir ab und Peter brachte den Schlüssel zur Rezeption, wo die Wartenden ihn freundlicherweise vorließen. Als wir unsere Räder beluden, hörten wir die ersten Geräusche aus dem Nachbarzelt. Der Bewohner lebte also.

Inzwischen war es richtig warm geworden, so dass wir in kurzen Hosen und leichten T-shirts aufbrachen. Wir folgten dem Radweg über das Universitätsgelände und landeten auf der berühmten Route 66, die allerdings nicht von Chicago nach Santa Monica führt, sondern von Manchester nach Spurn Head.

route66

In Pocklington gönnten wir uns eine Mittagspause, und dann mussten wir den weiteren Verlauf der Strecke entscheiden, denn laut unserer Karte konnte man den Fluss Hull und einen namenlosen Kanal nur bei Wansford oder weiter südlich bei Beverley überqueren. Es wurde die Wansford-Variante, da uns die andere zu viele Hauptstraßen beschert hätte.

So fuhren wir über die Yorkshire Wolds, eine Hügelkette aus Kreidegestein, die von Hull erst nach Westen verläuft, um dann bei Filey wieder die Küste zu erreichen. Der Name „Wolds“, auch in Zusammensetzungen wie „Cotswolds“ zu finden, geht zurück auf das altenglische „wald“, was auch genau das bedeutet. Anscheinend wurde die Bezeichnung erst für hochgelegenes Waldland verwendet und bleib nach dem Verschwinden der Wälder erhalten.

Erst mussten wir uns (ich mal wieder zu Fuß) einen langen, recht steilen Hügel hocharbeiten, dann ging es langsam bergab in das malerische Dörfchen North Dalton und über schöne Landwege weiter Richtung Küste.

wolds wolds2

Unterwegs kam Peter, der natürlich mal wieder weiter vorne war, ein Herr in einem Kleinbus entgegen und fragte ihn, ob er eine Gruppe Radfahrer in grünen T-shirts gesehen hatte. Peter erinnerte sich, dass irgendwo bei Pocklington einige gewesen waren, und der Herr fuhr weiter. Kurze Zeit später erreichte er mich und rief mit zu: „The gentleman is about five minutes ahead of you.“ Ich entgegnete, dass er es immer etwas eiliger hatte als ich und schon irgendwann warten würde, und schnäufelte weiter meines Weges.

Vor allem das letzte Viertel der Strecke fiel mir schwer, meine Beine wollten nicht mehr so recht. Dann erreichten wir die Ortschaft Beeford. Normalerweise steht auf den Ortsschildern meistens: „Nehter Addlethorpe – Please drive carefully“ oder „Middle Fritham welcomes careful drivers“, doch hier gab es die Variante „Beeford welcomes slow drivers!“ Wunderbar, hier werde ich hinziehen!

Dann erreichten wir Skipsea, einen netten kleinen Ort an der Küste mit einem riesigen Holiday Park und einen gemütlichen Campingplatz auf einem Bauernhof. Diesen steuerten wir an und fanden den Herrn des Hauses beim Heckenschneiden auf einer Leiter. Er begab sich zu uns herunter, und während wir auf seine Frau warteten, wollte er wissen, wo wir heute morgen gestartet wären und meinte dann: „York? You’ve done well then!“ Das hört man doch gerne. Dann fragte er mit verschwörerischem Blinzeln, ob wir bei dem Hügel am Anfang auch schieben mussten. „Ich schon“, gab ich zu. Das müsse er dort auch immer, meinte er darauf. Auch seine Frau empfing uns sehr freundlich und erzählte uns eine Menge über die Sehenswürdigkeiten und Ausflugsmöglichkeiten in dieser Gegend.

Nachdem wir das Zelt aufgebaut hatten, gingen wir an dem Holiday Park vorbei zur Küste. Auf dem Weg kündigte ein großes Schild einen Fish-and-Chips-Shop an, die jedoch schon lange geschlossen hatte. Die äußersten Ränder des Parks machten einen verwahrlosten Eindruck, und wir vermuteten, dass man sie bereits aufgegeben hatte, da auch hier die See dramatisch näher rückte. Wir setzten uns eine Weile auf die Absperrung und schauten über das Meer.

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Dann gingen wir ins Dorf zurück, wo wir auf der Hinfahrt ein nettes Pub gesehen hatten. Bei einem sehr guten Abendessen und etwas viel Bier ließen wir den Tag ausklingen. Als wir wieder ins Freie gingen, war es merklich abgekühlt – die Nacht würde wohl ziemlich kalt werden. Also wurde es wieder Zeit für Socken und Sweatshirt.

Am nächsten Morgen kriegte Peter beim Zähneputzen einen netten Dialog zweier Kinder mit. Ein Junge trödelte auf der Herrentoilette, während seine Schwester draußen auf ihn, beziehungsweise den Schlüssel wartete, denn sie wollte auf das Damenörtli. Da es ihr nicht schnell genug ging, rief sie, dass ihr Bruder sich beeilen sollte. Der zu Peter: „It’s only my stupid sister.“ Sie: „I can hear you!“

Heute war es mal wieder Zeit für einen Ausflug ohne Gepäck. Zwischen Hecken und Blumen fuhren wir durch über Bewholme nach Hornsea, einem netten Seestädtchen mit einer freundlichen Promenade. Natürlich gab es auch hier die unvermeidlichen „Amusenments“ (Spielhallen und dergleichen), aber sie waren nicht so zahlreich, dass es störte.

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Nach einem gemütlichen Bummel über die Promenade gingen wir einkaufen. Im Supermarkt im Zentrum befanden sich die Kopfschmerztabletten im selben Regal wie die Alkoholika. Eigentlich nachvollziehbar, aber ich finde es trotzdem etwas fragwürdig, da so der unvorsichtige Umgang mit Alkohol als etwas völlig Normales dargestellt wird, dessen Folgen durch den Griff zur Schmerztablette sofort behoben sind. Exzesse wie Komasaufen lassen grüßen.

Danach fuhren wir zum Hornsea Mere, dem größten Süßwassersee in Yorkshire. Wie das niederländische „meer“ bezeichnet das englische „mere“ keineswegs die salzige See, sondern ein Süßwasser. Deshalb sind Namen wie „Lake Windermere“ eigentlich doppelt gemoppelt, aber egal. Das Hornsea Mere ist ein hübscher See, an dessen Ufern sich viele wohlgenährte Wasservögel tummelten.

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Wir saßen eine Weile auf einer Bank, bis sich drohend schwarze Wolken am Horizont zusammenballten. Wir fuhren über den kürzesten Weg an der Küste zurück nach Skipsea und erreichten unser Zelt, bevor es zu regnen anfing.

Im Zelt machte ich erst mal ein ausgedehntes Nachmittagsschläfchen, mir war einfach danach. Als der Regen nachgelassen hatte, gingen wir ins Dorf. Bei der Rezeption trafen wir die Tochter des Platzwartes und fragten sie, wieviel Küste nun eigentlich pro Jahr abbröckelt. Sie erzählte uns, dass es im Durchschnitt ungefähr drei Meter pro Jahr sind, und dass die Ursache nicht, wie man vielleicht denkt, Sturmfluten sind, sondern lang anhaltende Regenfälle, durch die der Boden schwer wird und wegbricht. Die Farm ihrer Großeltern gibt es nicht mehr und „we know, it’s getting closer“. Kein Wunder, dass der Campingplatz an der Küste nicht mehr in den Fish-and-Chips-Shop investiert, da dieser wahrscheinlich als nächstes in den Fluten verschwinden wird. Nachdenklich trotteten wir ins Dorf, um den Tag im Pub ausklingen zu lassen.

Heimwärts

Der nächste Tag verlief sehr unspektakulär, da wir uns geistig schon auf dem Heimweg befanden. Bei strahlendem Sonnenschein fuhren wir nach Preston. Unterwegs kamen wir wieder an einem tollen Landhaus und jeder Menge Schafen vorbei.

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Den Campingplatz kannten wir ja schon, doch diesmal sausten dort keine graugewandeten Gestalten durch die Gegend, und die Hühner benahmen sich auch gut. In Hedon erledigten wir unsere letzten Einkäufe: Branston Pickles, Pork Pie und was man sonst noch so nach Hause mitnimmt. In diesem Supermarkt schien irgendein Deo oder Reinigungsmittel ausgelaufen zu sein, denn ich musste die ganze Zeit niesen, bis wir wieder im Freien standen. Am Abend gingen wir ins Nag’s Head, um dort unseren letzte Pubmahlzeit zu genießen.

An unserem letzten Morgen tat England sein Bestes, um uns den Abschied leicht zu machen: Es schüttete wie aus Eimern. Ich wollte ja einfach im Zelt das schlechte Wetter aussitzen, doch Peter wurde unruhig, da er zum Hafen wollte. Seiner Meinung nach hatte es keinen Zweck, auf Besserung zu warten. Also bauten wir gegen Mittag ab und fuhren das relativ kurze Stück zum Hafen. Dort stellten wir die Räder unter das Dach im Eingangsbereich und breiteten das nasse Regenzeugs zum Trocknen darüber.

Die „Pride of Hull“ war schon im Hafen, und gegenüber lag eines ihrer Schwesterschiffe, die „Pride of York“, die nach Zeebrugge fuhr. Im Laufe des Nachmittags trudelten alle möglichen Leute mit Musikinstrumenten, Kostümen und Theaterutensilien ein, die auf ein buntes abendliches Unterhaltungsprogramm hoffen ließen.

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Irgendwann konnten wir dann einchecken und vor der Rampe warten, bis wir an Bord durften. Dort kamen wir mit drei Radlern aus Rotterdam ins Gespräch, die in Lincolnshire (an ihrer Aussprache „Lincolnschaia“ erkannten wir die Experten) ein Ferienhaus gemietet hatten. Auch ihnen hatte es sehr gut gefallen. Wir tauschten angeregt Erfahrungen und Tipps aus, bis wir an Bord durften, wo wir gemeinsam unsere Räder ordentlich vertäuten.

Dann gingen wir nach oben zu unserer Kabine, wo ich mich mal wieder mit dieser dämlichen Key-Card abplagte, doch ich bekam die Tür nicht auf. Ein älteres Paar machte uns darauf aufmerksam, dass ich eben nicht die Key-Card, sondern den Boardingpass in der Hand hatte. Klar, so konnte das auch nichts werden!

Nach einer erfrischenden Dusche gingen wir an Deck. Der Regen hatte endlich nachgelassen. In der Ferne sahen wir die Humber Bridge, über die wir vor zwölf Tagen gefahren waren. Es kam uns viel länger vor, denn in der Zwischenzeit hatten wir so viel erlebt und gesehen.

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Dann enterten wir das Boardrestaurant, wo ein reichhaltiges Buffet auf uns wartete. Der Ober versuchte, uns noch alle möglichen Extras gegen einen Aufpreis anzudrehen, doch wir waren uns sicher, dass die Köstlichkeiten am Buffet reichen würden. Es gab Salate, Fischspezialitäten, warmes und kaltes Fleisch und einige indische Gerichte, die ich natürlich durchprobieren musste. Auch die Nachtischauswahl war gewohnt erstklassig: Eis, Trifle, Pudding und Gebäck. Trotz aller guten Vorsätze hatte ich mich mal wieder gründlich überfressen, und Peter ging es ähnlich.

Wir gingen in die Bar, wo schon eine Band spielte. Wir erkannten einige Leute vom Nachmittag wieder. Es klang nicht schlecht, aber wir hatten den Eindruck, dass sie noch nicht oft zusammen gespielt hatten. Jeder beherrschte seine Partei, und das war es. Auf der Tanzfläche waren einige Damen in engen schwarzen T-shirts, auf denen in knallpink ihre Namen standen: Dirty Diana, Swallowing Shirley, Kinky Kelly, Bouncing Barbara etc. Eines der Mädchen trug zu diesem Outfit noch einen Schleier. Es handelte sich also um eine „Hen Party“, einen Junggesellinnenabschied. An einem der Tische befand sich eine Gruppe junger Männer, von denen einige schon kräftig getankt hatten. Einer von ihnen scharwenzelte um die Damen auf der Tanzfläche herum und betatschte sie, bis ein Kellner eingriff und ihn auf seinen Platz zurückschickte.

Dann ging ein Ruck durch das Schiff: Abfahrt. Wir gingen an Deck und schauten zu, wie das Schiff den Hafen verließ. Hinter der Humber Bridge ging die Sonne unter, und hinter uns befand sich die „Pride of York“.

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Langsam fuhren wir am Spurn Head vorbei auf die offene See. Good bye, England! Wir kommen sicher wieder! Nach einem Absacker in der Bar gingen wir schlafen.

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Wir schliefen sehr gut, und am nächsten Morgen gingen wir erst einmal an Deck. Eines der Stena-Schiffe steuerte Hoek van Holland an, doch wir konnten nicht erkennen, ob es die „Stena Britannica“ war, mit der wir unsere Reise angetreten hatten, oder die „Stena Hollandica“. Aber das war ja nicht so wichtig, eines wie das andere, das ist Qualität.

Wir gingen wieder ins Restaurant, wo wir uns ein ausgiebiges Frühstück mit allem Drum und Dran gönnten, bevor es Zeit wurde, zu den Fahrrädern zu gehen. Beim Aufzug trafen wir die Damen der „Hen Party“, die heute in nautischen Kostümen Amsterdam unsicher machen wollten. Aber die Stadt ist ja Kummer gewöhnt, was „Hen Parties“ betrifft, wie man in David Parks Roman „The Light of Amsterdam“ nachlesen kann:

„But Indians, Shannon. Why Indians?“
„I think, it looks great. Look at your top with all the beading and put your feather on,“Shannon said, handing it to her […]. „In fact try on the whole costume.“
„Should I not keep it, till we get there?“
„Till we get there? We’re travelling like this.“
„We’re getting on the plane dessed like Indians?“
„That’s the whole idea of it – that’s what happens on a hen trip.“
(David Park, „The Light of Amsterdam, London 2012, S. 87 / 88)

 Bei den Fahrrädern stellten wir verwundert fest, dass die Räder der drei Rotterdammer weg waren. Wir hatten sie zwar gestern nicht mehr gesehen, aber auf so einem großen Schiff verläuft sich alles irgendwie, also hatten wir uns nichts weiter dabei gedacht. Aber in Maassluis konnten sie nicht von Bord gegangen sein, denn das Schiff legte gerade erst an. Waren sie doch in Hull geblieben? Wir werden es wohl nie erfahren.

Wir verließen das Schiff und radelten die etwa 14 Kilometer zum Bahnhof von Maassluis. Bei Rozenburg erwischten wir auch sofort die Fähre über die Maas und hofften, dass wir den Direktzug von Rotterdam nach Enschede kriegen würden. Doch leider machten uns diverse Umleitungen einen Strich durch die Rechnung, so dass wir am Bahnhof dem Bummelzug nach Rotterdam hinterher winken konnten. Aber der nächste kam in einer halben Stunde.

In Rotterdam herrschte das totale Chaos. Züge, die nicht fuhren, wurden angezeigt, angezeigte Züge fuhren von anderen Gleisen ab, über andere Strecken oder gleich gar nicht. Bei der Information konnte man uns zum Glück wenigstens sagen, dass wir in Gouda umsteigen mussten. Dort warteten beunruhigend viele Radler auf dem Bahnsteig, aber nicht alle wollten in unsere Richtung, so dass wir gleich mit konnten. Und dann waren wir wieder zu Hause!

Dort stellte ich fest, dass ich unterwegs, trotz Pork Pie und ähnlichem, ein paar Kilo leichter geworden war. Dieser Abwärtstrend hielt sogar noch eine Weile an, und jetzt hoffe ich, mein neues Gewicht halten zu können.

Es war also wieder ein rundum gelungener Urlaub, an den ich auch jetzt, gut ein Jahr später, noch immer gern zurück denke. Wir hatten diesmal genau das richtige Maß an Planung gefunden: Das einzige, was wir wirklich mussten, war am Nachmittag des 28. Juni in Hull sein. Und je nach Kondition und Wetterlage hätten wir die Runde in Yorkshire größer oder eben auch kleiner machen können. Es war also herrlich entspannend und ohne Zeitdruck.

So lange ich mich noch auf ein Fahrrad setzen, ein Zelt aufbauen und morgens wieder aus dem Schlafsack krauchen kann, möchte ich eigentlich gar nicht anders urlauben. Das Tempo ist genau richtig, um die Eindrücke wirklich in sich aufzunehmen, am Abend blickt man stolz auf die Strecke zurück, die man aus eigener Kraft geschafft hat, und man schätzt die kleinen Dinge wieder viel mehr: Wenn sich nach einem Regenschauer die Sonne wieder vorsichtig durch die Wolken wagt, den Duft der Wiesen und Wälder und des Meeres, die Sonnenuntergänge über wunderbarer Landschaft und die Menschen, denen man begegnet.

 Bevor wir losgefahren waren, hatten wir gerade mit unserem Chor das Lied „For the Beauty of the Earth“ von John Rutter einstudiert, und unterwegs musste ich oft an diese Zeilen denken:

„For the beauty of each hour,
of the day and of the night.
Hill and vale and tree and flower,
sun and moon and stars of night.
Lord of all, to thee we raise
this our joyful hymn of praise.“

 Die Welt und das Leben können so schön sein!

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Ostengland 2013 – Teil 11

Mal wieder in York

Als wir gegen acht Uhr wach wurden, war es schon hell und trocken. Eine Stunde später schien die Sonne, also bauten wir das Zelt ab und fuhren los. Über idyllische Landwege ging es durch die Howardian Hills. Die Bezeichnung „Hills“, also Hügel, ist hier vollkommen richtig, wenn man die Definition von Rennbiene anwendet: „Wenn ich absteigen und schieben muss, ist es ein Berg.“ Nun, ich musste nicht schieben.

howardianhills nachyork

Ziel des heutigen Tages war York – einer unserer Lieblingsstädte, die wir schon mehrmals besucht hatten. Das letzte Mal waren wir vor acht Jahren hier gewesen. Wie die Zeit vergeht!

Leider hielt das Wetter nicht ganz, was es am Morgen versprochen hatte. Wir mussten immer wieder das Regenzeug an- und wieder ausziehen. Trotzdem war es eine schöne Strecke. In Sherrif Hutton gönnten wir uns ein Picknick, und dann wurde es deutlich urbaner: Sowohl die Bebauung als auch der Verkehr verdichteten sich.

Vom Norden her rollten wir in die Innenstadt von York, die zum größten Teil Fußgängerzone ist. Und das ist auch gut so, denn zu viel Verkehr würden die engen verwinkelten Gassen auf die Dauer nicht verkraften.

Ohne allzu große Schwierigkeiten fanden wir den Campingplatz am Ufer des Ouse, auf dem wir früher schon einmal gezeltet hatten. Wegen seiner zentralen Lage und der Tatsache, dass man von dort zu Fuß ins Zentrum gehen kann, hatte er uns gut gefallen. Vor der Rezeption stand eine längere Schlange Fahrzeuge, und auch im Inneren des Häuschens ging es turbulent zu. Vier Mitarbeiter des Campingplatzes waren an der Arbeit und wirkten irgendwie überfordert.

Ich stellte mich an und wurde nach kurzer Wartezeit von einem weiblichen Dragoner angebellt: „Have you come back for your pitch number?“ Wieso „back“? Ich erklärte ihr, dass wir gerade angekommen seien und gerne einchecken würden. Daraufhin sollte ich meine Clubkarte vorzeigen und erntete missbilligendes Kopfschütteln, da ich so etwas nicht besaß. Ich antwortete, dass wir nun schon über drei Wochen kreuz und quer durch England gegurkt waren, und noch nie hätte jemand uns nach so etwas gefragt. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Preis für Nichtkarteninhaber etwas höher sei, nämlich 30 Pfund. Mir blieb die Spucke weg. Fast 40 Euronen pro Nacht für ein Zweimannzelt und zwei Räder! Das ging mir doch etwas zu weit, gute Lage hin oder her.

Ich verließ die Rezeption und ging zurück zu Peter und den Leezen. Wir beratschlagten kurz und wollten schon weiterfahren, denn in York gibt es ja noch mehr Campingplätze, wenn auch nicht so zentral. Da kam einer der Herren aus dem Rezeptionsgebäude und rief uns zurück. Man hätte dort gedacht, dass wir zu dem Riesen-Wohnmobil vor der Schranke gehörten, das zwei Räder hintendrauf hatte. Der Preis für uns sei ewas über 18 Pfund pro Nacht. Das klang schon besser, und so folgte ich ihm hinein, erledigte die Formalitäten und erhielt einen Schlüssel für das Sanitärgebäude und die Hintertür des Platzes.

Die nette kleine Zeltwiese am Ende der langen Reihe gekiester Stellplätze war noch so, wie wir sie in Erinnerung hatten, und wir hatten sie für uns alleine. Nach dem Aufbauen gingen wir einkaufen. Wir fanden tatsächlich die Reihe Geschäfte wieder, die wir von unserem letzten Besuch vor acht Jahren noch in Erinnerung hatten. Damals mussten wir unsere Planung fast komplett umschmeißen, da ich mir vor der Abfahrt eine saftige Erkältung zugezogen hatte, die ich erst auskurieren wollte, bevor wir uns in ländlichere Gegenden begaben. Die Drogerie mit den abgefahrenen Sorten Halspastillen (Erdbeer, schwarze Johannisbeere etc.) konnten wir jedoch nicht mehr entdecken.

Auf einem Plakat stand der Aufruf „Support your local shops!“, dem wir auch prompt Folge leisteten: In dem netten kleinen Sainsbury’s deckten wir uns mit Vorräten ein.

Danach bummelten wir in die Innenstadt, wo gerade ein Art Festival stattfand. Über all gab es Musik und Kleinkunst, und es war eine Menge los. Wir ließen uns eine Weile durch die Gassen treiben und wanderten dann gemütlich am Fluss entlang zurück zum Campingplatz. Wir betraten den Platz durch den Hintereingang und waren immer noch die Einzigen auf der Zeltwiese. Wir überlegten, ob wir den Schlüssel nicht einfach behalten und irgendwann heimlich wiederkommen sollten. Nach dem Abendessen gingen wir schlafen, denn wir hatten uns für den nächsten Tag einiges an Kultur vorgenommen.

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Am nächsten Morgen ging ich nach dem Frühstück zum Abwaschen. In der Spülküche herrschte ziemliches Gedränge: Vier pensionierte Herren standen vor den Waschbecken, in denen sich größere Mengen Geschirr tummelten, gegen die sich mein Topf, zwei Teller, Becher und Löffel eher kümmerlich ausnahmen. Zwei von ihnen trugen kleidsame gelbe beziehungsweise rosa Gummihandschuhe und alle vier fachsimpelten über Teeflecken und Spülmittel. Hochinteressant.

Dann machten wir uns auf die Socken. Da wir nicht zum ersten Mal in York waren, wussten wir schon einiges über die Stadt und ihre bewegte Geschichte, die sich in ihren unterschiedlichen Namen wiederspiegelt: Die Römer nannten sie „Eboracum“, die Angelsachsen „Eoforwic“, und die Wikinger machten später „Jorvik“ daraus. Bei unserem letzten Besuch hatten wir eine Stadtführung durch die sogenannten “Snickelways” gemacht. Dieses Wort hatten wir damals zum ersten Mal gehört, es stammt nämlich von Mark Jones, dem Verfasser des Buches „The Snickelways of York“ und ist aus Teilen Wörter „snicket“ (wohl Yorkshire-Dialekt), „ginnel“ (wohl aus Lancashire) und des englischen Wortes „alleyway“ zusammegesetzt, die alle dasselbe bedeuten, nämlich „Gasse“. Es handelt sich hier um unauffällige, schmale Durchgänge und Querverbindungen verschiedener Straßen zwischen Häuserreihen hindurch, also eigentlich Schleichwege. Wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, sieht man sie überall, nicht nur in York!

Außer Snickelways gibt es in York noch „Gates“, womit aber nicht die Stadttore gemeint sind, sondern die Straßen, nach dem skandinavischen Wort „gata“. Die Tore hingegen heißen „Bars“, vom normannischen „barrière“ abgeleitet, und die Bars heißen auch in York schlicht und ergreifend „Pubs“.

Diesmal wollten wir eine Führung durch das York Minster mitmachen. Es ist die größte gotische Kathedrale in England, und die Bauzeit betrug ungefähr 250 Jahre. Unser Reiseführer „England per Rad“ schreibt darüber: „Aus der langen Bauzeit erklärt sich die eigentümliche Stilmischung, die sämtliche gotischen Formen einschließt, ohne dass sie das Auge des Betrachters zu irritieren vermag. Besonders stolz sind die Kirchenoberen auf die Verglasung, deren Kunstfertigkeit sie in allen Teilen der Kathedrale überprüfen können, besonders im östlichen Bereich, der Marienkapelle, wo das gewaltige Fenster mit dem größten Buntglas der Welt geschmückt ist.“

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Eine alte Dame mit einem Gehstock, eine begnadete Geschichtenerzählerin mit typisch englischem Humor, zeigte uns über eine Stunde lang viele interessante Details, die man von selbst nicht sofort entdeckt. Das Minster heißt ja offiziell „The Cathedral Church of St. Peter“, und entsprechend sind die drei Symbole des heiligen Petrus (Schlüssel, Hahn und Felsen) überall zu finden. Ein Detail in einem Fenster beim Eingang wird auch seine Kreuzigung mit dem Kopf nach unten dargestellt.

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Von dem berühmten East Window, das den Anfang und das Ende der Welt zeigt, war leider nicht allzu viel zu sehen, das es gerade renoviert wurde, doch es gab eine Ausstellung darüber.

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Das Rose Window erinnert an das Ende der Rosenkriege. Die roten und weißen Rosen symbolisieren die Hochzeit von König Heinrich VII. (Haus Lancaster, rote Rose) und Elisabeth von York (weiße Rose). Ein sehr großes Fenster ist dem heiligen Cuthbert von Lindisfarne gewidmet und zeigt sehr detailreich verschiedene Stationen seines Lebens. Unsere Führerin erzählte sehr lebendig, wie der kleine Cuthbert mit den anderen Kindern seines Dorfes spielte. Da er aber damals schon sehr tugendhaft war, fiel sein Gewand beim Handstand nicht nach unten, sondern stand, so will es die Überlieferung, stramm nach oben und bedeckte seine Körpermitte und Beine. Geschichten dieser Art sind einfach das Salz in der Suppe einer guten Führung.

Ein weiteres interessantes Detail befindet sich an der Decke. Eines der Gemälde dort zeigt Maria, die das Jesuskind füttert. Dieses Gemälde entstand in der viktorianischen Zeit, und damals konnte man unmöglich eine Frau zeigen, die ihr Baby stillt. Also muss sich Jesus wohl oder übel mit der Flasche begnügen.

Der Lettner aus dem 15. Jahrhundert, der Hauptschiff und Chor voneinander trennt, stellt die Könige von England (von Wilhelm I. bis Heinrich VI.) dar, die einander sehr ähnlich sehen.

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Immer wieder führen einige Stufen (meistens drei) nach oben oder unten, und unsere Führerin ließ es sich nicht nehmen, uns jedes Mal zur Vorsicht zu mahnen. Dies tat sie nicht, weil sie uns nicht zutraute, drei Stufen zu bewältigen, sondern sie hielt sich nur streng an die „health and safety regulations“, die Regeln der Gesundheitsbehörde, die sie für gründlich übertrieben hielt.

Um 11 Uhr wurde zu einem kurzen Augenblick der Besinnung aufgerufen und das Vaterunser in mehreren Sprachen gesprochen. Dann verabschiedete sich die Dame, und wir gingen ins „Undercroft Museum“, […] „das (wie unser Reiseführer schreibt) in Räumen untergebracht ist, die 1967 gefunden wurden, als zur Sicherung des Gebäudes die Fundamente überprüft werden sollten. Zur Verblüffung der Historiker stießen die Bauarbeiter auf Unterbauten aus der römischen Zeit, die nun den würdigen Rahmen für die Schatzkammer abgeben.“ Außer den Kirchenschätzen befinden sich in diesem Museum noch Modelle der Kathedrale in verschiedenen Stadien, Reste eines römischen Wandfrieses, uralte Gräber und vieles mehr.

Wir hatten diesmal viel mehr gesehen als bei unseren früheren Besuchen, aber ich bin mir sicher, dass wir auch beim nächsten Mal wieder eine Menge Neues entdecken werden.

Dann gingen wir durch die Gassen über den „Monday Market“, der aber laut Schild auch dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags und samstags geöffnet hat, und wo sich die üblichen Verdächtigen versammeln: Lebensmittel, Kleidung, Souvenirs etc.

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Kultur macht ja bekanntlich hungrig, und so wurde es Zeit für einen Imbiss. Diesen gönnten wir uns auf einer Bank bei Clifford’s Tower, wo sich auch zahlreiche Gänse tummelten.

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Dann machten wir einen ausgedehnten Spaziergang auf der Stadtmauer. Auf diese Weise sieht man die Stadt aus einer anderen Perspektive.

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An strategisch wichtigen Stellen sind Plaketten im Boden eingelassen, die angeben, welche Sehenswürdigkeiten in der Nähe sind. Die Plakette „Jewbury“ zum Beispiel auf der Höhe des großen Sainsbury-Supermarkts weist auf den ehemaligen jüdischen Friedhof. Wir erinnerten uns daran, was wir bei unserem letzten Besuch bei einer Stadtrundfahrt gehört hatten: Als der Supermarkt gebaut werden sollte, wurden bei den Bauarbeiten die Überreste des Friedhofs entdeckt. Nach einigem hin und Her, was man damit machen sollte, beschloss man, sie dort wieder zu begraben, einen Rabbi die notwendigen Riten vollziehen zu lassen und den Supermarkt nebst Parkplatz wie geplant darüber zu bauen.

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Die Umrundung des Zentrums auf der Stadtmauer ist ein ganz schöner Spaziergang, und so verließen wir bei St. Olave’s Church die Mauer und machten eine Pause im angrenzenden Park.

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Danach gingen wir zurück zum Campingplatz. Dort stand inzwischen ein anderes Zelt neben unserem, an dessen Spannschnüren Wandersocken auslüfteten. Den Nachbarn bekamen wir jedoch nicht zu sehen. In der Zeitung ging die Soap um Nigella Lawson und ihren nichtsnutzigen Gatten fröhlich weiter. Außerdem wurde für den nächsten Tag gutes Wetter angekündigt, was uns sehr in den Kram passte: Wir wollten nämlich wieder an die Küste und die letzten Tage an der See verbringen.

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Ostengland 2013 – Teil 10

Die North York Moors

 In der Nacht hatte der Regen gemütlich auf das Zelt getrommelt, das bis jetzt zum Glück gut dicht hielt. Am Morgen regnete es leider immer noch, so dass wir im Vorzelt frühstückten – ohne Kaffee, da sich das Anzünden des Gaskochers im Zeltinneren nicht empfiehlt. Danach war immer noch keine Struktur in der Wolkendecke zu sehen, also hieß es nass abbauen und einpacken. Richard war weit und breit nirgends zu sehen. Treulose Tomate.

Wir brachen auf und glitschten vorsichtig den steilen Hügel vom Campingplatz zur Hauptstraße hinunter und fuhren zum Bahnhof. Da es bis zur Abfahrt der „North Yorkshire Moors Railway“ noch eine Weile dauerte, deckten wir uns im Supermarkt schon mal mit Verpflegung ein. Dann unterhielten wir uns mit einem Radfahrer aus der Gegend, der mit dem Zug nach Middlesborough und dann nach Norden radeln wollte. Als ich ihm erzählte, wo wir bisher gewesen waren, meinte er: „You‘ve done the easiest part then.“ Sooo deutlich hätte man das jetzt auch nicht formulieren müssen, auch wenn es stimmte. Dann bemerkte er, dass die Leute „vom Kontinent“ meistens mit Ortlieb-Packtaschen unterwegs seien. Richtig, sie sind zwar nicht billig, aber meine Hintertaschen habe ich schon zwölf Jahre, und sie sind immer noch tiptop in Ordnung: Sie sind noch absolut wasserdicht, und auch die Aufhängung ist noch so, wie sie sein soll.

Dann fuhr der Zug ein und die Dampflokomotive („Green Knight“, Baujahr 1956) wurde umgehängt.

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Ein Zugbegleiter in stilvoller Uniform half uns, die Räder ins Innere zu bugsieren, und wir suchten uns einen Fensterplatz in der Nähe unserer Leezen. Dann tuckerte die Bahn am Fluss Esk entlang aus Whitby heraus. Wir warfen noch einen letzten Blick auf die Abbey.

Als wir mit der Planung unseres ersten gemeinsamen Englandurlaubs beschäftigt waren, stieß ich in einem Reiseführer auf eine Beschreibung dieser Eisenbahnstrecke und erklärte zur Erheiterung der Verwandtschaft: „Dann weiß ich schon, wer Bahn fährt.“ Damals waren wir die Strecke in Gegenrichtung, von Pickering nach Whitby, gefahren und ich hatte einer alten Dame im Fahrrad- und Gepäckwagen Gesellschaft geleistet, das ihr Rollstuhl nicht durch die Abteiltür passte. Wir hatten uns sehr angenehm unterhalten.

Diesmal hatte ich einen schönen Sitzplatz am Fenster und genoss die Aussicht auf die dramatischen Hügel, während der Regen gegen die Scheiben schlug. Es war eine gute Entscheidung, mit der Bahn zu fahren.

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Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir Goathland, einen schnuckligen Bahnhof, wo die Abfahrtszeiten noch mit Kreide an eine Tafel geschrieben werden. Später las ich, dass es sich um den Bahnhof von Hogsmeade in den Harry-Potter-Filmen handelt. Schön, nicht?

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Wir fotografierten noch ein paar der steilen Hügel und waren froh, dass wir da nicht drüber mussten.

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Dann erreichten wir die Endstation Pickering. Einer der Schaffner brachte eilfertig eine Rampe, über die wir die Räder problemlos nach draußen befördern konnten. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, aber es war immer noch bewölkt und ungemütlich. Also beschlossen wir, heute nicht mehr allzuweit zu radeln. Zwischendurch kam auch die Sonne wieder vorsichtig hervor.

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In Great Barugh, das nur aus ein paar Gehöften besteht (der Nachbarort Little Barugh ist sogar noch kleiner), fanden wir den netten Campingplatz „Willow Garth“, den Weidengarten. Zum Einchecken mussten wir erst einmal um das Haus in den Garten, wo sich die Familie versammelt hatte, um die vier Sonnenstrahlen des heutigen Tages zu genießen. An der Rezeption konnte man auch Milch, Brot und die Zeitung bestellen, und sie hatten auch Spülmittel, Shampoo, Bratfett und dergleichen in handliche Minifläschchen abgefüllt, die für 50 p verkauft wurden.

Wir suchten uns ein nettes Plätzchen und bauten das nasse Zelt auf. Dann wollte ich duschen, was aber leichter gesagt als getan war. Man brauchte 20 p für drei Minuten Duschen, doch nachdem ich die Münze in den für den Münzeinwurf bestimmten Münzeinwurf geworfen hatte, leuchtete nur der rote Schriftzug „Reset“. Also musste ich mein Zeugs wieder zusammensuchen, mich in mein Handtuch wickeln und in die Nebenkabine umziehen, wo es dann zum Glück funktionierte.

Dann nahm ich diverse Broschüren und Umgebungskarten aus dem Kästchen im Vorraum und ging zurück zum Zelt. Inzwischen schien tatsächlich die Sonne, so dass der Tag doch mehr als vier Sonnenstrahlen aufweisen konnte. Wir studierten das Informationsmaterial und beschlossen, nicht gleich am nächsten Tag nach York weiter zu fahren, sondern das Freilichtmuseum in Hutton-le-Hole zu besuchen und diverse Aussichtspunkte zu erradeln.

Im Lauf des Nachmittags trudelten einige Familien ein – es war wieder Freitag. Wir machten ein Schläfchen, lasen weiter in unseren Kathedralbüchern und brutzelten irgendwann ein Abendessen. Dann verkrochen wir uns in unsere Schlafsäcke und wurden vom Blöken der Schafe in den Schlaf gewiegt. Es lebe das Landleben!

Nachts regnete es wieder, und morgens war es bewölkt, als wir nach Hutton-le-Hole aufbrachen. Erst war es noch schön sanftwellig und irgendwann passierten wir das Schild „North York Moors National Park“. Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn jetzt ging es kräftig bergauf. Wie es sich für einen Samstag gehört, waren auch die Rennradler wieder in Rudeln unterwegs. Wie so oft fiel es uns auf, das manche uns freundlich grüßten, andere aber schienen es für unter ihrer Würde zu halten, sich mit Tourenradlern zu befassen und glotzten stur geradeaus.

Hutton-le-Hole ist ein typisches idyllisches Yorkshire-Dorf mit einer kurzen Dorfstraße mit ein paar Läden, einigen Wohnhäusern und dem Ryedale Folk Museum, wo gerade das „Wonders of Wood Weekend“ stattfand.

Nachdem wir unseren Eintritt bezahlt hatten, wurden wir erst in die Kunstgalerie dirigiert, wo man verschiedene Landschaftsgemälde bewundern konnte. Dann ging es nach draußen durch eine Dorfstraße des frühen 20. Jahrhunderts: Schmied, Bäcker, Dorfladen, Drogerie und natürlich Bauernhöfe mit Haupt- und Nebengebäuden sind dort liebevoll aufgebaut und gestaltet.

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In einigen dieser Gebäude zeigten an diesem Wochenende alle möglichen Handwerker, was man alles aus Holz machen kann. Fasziniert schauten wir einem Drechsler bei der Arbeit zu, ließen uns erklären, wie man einen Bogen herstellt und beobachteten eine Dame beim Stuhlflechten. Ich finde (Kunst-)Handwerk faszinierend und könnte stundenlang zuschauen. Das Stuhlflechten würde ich auch gerne mal selbst ausprobieren.

Außerdem hat das Museum ein rekonstruiertes Rundhaus aus der Eisenzeit, das einen guten Eindruck des Lebens damals vermittelt. Alles spielte sich in einem einzigen Raum ab. Bei diesem Rundhaus gibt es auch ein Labyrinth, das der Gatte natürlich sofort durchwandern musste.

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Doch nicht nur die Vergangenheit spielt im Ryedale Folk Museum eine wichtige Rolle, sondern auch Landwirtschaft und Naturschutz in der Gegenwart. Wir lernten die beiden Minischweinderl Ethel und Maud kennen und sahen verschiedene Arten von Hühnern.

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Auch einen Obstgarten gibt es hier, wo anhand von Fotos der Fruchtzyklus des Apfelbaums erklärt wird, und man wird darauf hingewiesen, wie wichtig die traditionellen Obstgärten für unsere Umwelt sind. Auch gibt es dort eine Wiese mit alten Acker- und Wiesenblumen, die man leider nicht mehr so oft sieht: Kornblumen, Klatschmohn, Schafgarben, Margeriten, Springkraut und viele mehr.

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Doch nicht nur draußen gibt es einiges zu sehen. In einem der alten Gebäude befindet sich die Harrison Collection der Brüder Edward und Richard Harrison, die alles Mögliche aus fünf Jahrhunderten gesammelt hatten: Uhren, Puppen, Bücher, Spielzeug aller Art – es gibt eigentlich kaum etwas, was sie nicht sammelten.

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Mein persönlicher Höhepunkt war allerdings „The Model Village“. In den 50er Jahren begann ein gewisser John Hayton aus Harrogate, dieses Miniaturdorf zu bauen, und es beschäftigte ihn die nächsten 30 Jahre. Nach seinem Tod wurde das Dorf in den Harlow Carr Gardens in Harrogate ausgestellt, bis es im Jahr 2008 nicht mehr ins Konzept passte. Das Ryedal Folk Museum zeigte sich interessiert, doch leider überstanden die zahlreichen Gebäude den Transport nicht besonders gut und mussten erst aufwändig von einigen freiwilligen Helfern restauriert werden, bevor sie ein Jahr später wieder in voller Glorie ausgestellt werden konnten. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an den liebevoll und detailliert gestalteten Gebäuden: Kirche, Schloss, Pub, eine Windmühle und vieles mehr.

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Am Ende unseres Besuchs entdeckte ich noch ein Schmankerl für Alex und ihr Blog „Buurtaal“. Ort hat sie vor einiger Zeit einen Post über die verschiedenen Namen für das stille Örtchen verfasst. Hier gibt es die Nachbildung eines viktorianischen Außenklos. Wasserspülung gab es zu dieser Zeit natürlich noch nicht, und damit es in den Sommermonaten nicht gar so stinkt, pflanzte man einen Fliederstauch daneben, und so heißt das Häuschen passenderweise „Lilac Cottage“ (Fliederhäuschen).

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Es war ein rundum gelungener Besuch. Als wir das Museum verließen, kam mal wieder ein Regenschauer herunter, so dass wir uns unter einen großen Baum stellten und die Gänse auf der Dorfstraße beobachteten.

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Dann fuhren wir weiter, teilweise über Steigungen von 16%, zum Aussichtspunkt Gillmoor. Die Strampelei lohnte sich aber durchaus, die Aussicht ist toll! Dort befindet sich auch eine Bank, und in der Steinmauer daneben eine Tafel mit einem Gebet:

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„Thou who hast given me eyes to see
And love this sight so fair,
Give me a heart to find out thee
And read thee everywhere.“ (J. Keble)

Wer auch immer das Schild dort anbringen ließ, man kann ihm einfach nur Recht geben.

Wie die Aussicht hatten wir uns auch die Abfahrt ins Tal redlich verdient. Wir fuhren ins Dorf Normanby, nicht weit von unserem Campingplatz, wo wir auf den Hinweg ein nettes Pub für unser Abendessen entdeckt hatten. Dort wollte man mir erst nur ein halbes Pint andrehen, aber nach den vorangegangenen Anstrengungen bestand ich – gar nicht ladylike – auf einem ganzen Pint, was von den Leuten am Nebentisch mit einem „good for you“ kommentiert wurde. Geht doch. Nach einer einfachen, aber nahrhaften Mahlzeit fuhren wir zurück zum Campingplatz. Inzwischen hatte es wieder zu regnen angefangen. Einer der Dauercamper sah es philosophisch: „The weather is always like this, one minute sun, one minute rain, and we can’t do anything about it.“

Wir verkrochen uns ins Zelt und widmeten uns unserer Zeitungslektüre. Der Aufreger der Woche war diesmal ein Foto der Autorin und Fernsehköchin Nigella Lawson und ihrem Mann Charles Saatchi in einem Londoner Restaurant. Die beiden sind anscheinend in einen Streit verwickelt, und er würgt sie. Irgendwie stieß mir das Foto ziemlich auf, ich hätte es sympathischer, wenn auch weniger medienwirksam gefunden, wenn der Fotograf anstatt zu knipsen, dem sauberen Herrn erklärt hätte, dass man sich so einfach nicht benimmt. Das Ganze wurde noch eine Weile in der Presse breit getreten, und im Juli ließ Nigella sich scheiden.

Da die Wettervorhersage nicht sehr vielversprechend aussah, wollten am nächsten Morgen spätestens um 11 Uhr beschließen, ob wir noch bleiben oder weiterziehen würden.

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Ostengland 2013 – Teil 9

Weltstadt Whitby

 Am Morgen war es mal wieder bewölkt, doch während des Frühstücks wagte sich die Sonne langsam und vorsichtig hinter den Wolken hervor.

Dieses Mal dauerte es etwas länger als die üblichen zwei Stunden nach dem Aufstehen, bis wir reisefertig waren, denn beim Betrachten unserer gepackten Taschen fand Peter, dass sie Ähnlichkeit mit „standing stones“ hatten, und dass man daraus einen wunderbaren Steinkreis bauen konnte. Also experimentierten wir mit verschiedenen Aufstellungen. Leute, vergesst Stonehenge, und Avebury war gestern! Die Touristenattraktion des 21. Jahrhunderts ist der Hunmanby Bag Circle.

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Dann machten wir uns auf den Weg nach Scarborough, und dreimal dürft ihr raten, welcher Ohrwurm mich an diesem Tag verfolgte. Tipp: Beim Kochen habe ich ihn auch gelegentlich.

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Unterwegs kamen wir an einem „Car Boot Sale“ vorbei, einer Art Flohmarkt, wobei viele der Artikel direkt aus dem Kofferraum der zahlreichen Autos verkauft wurde. Was wir im Vorbeifahren erspähten, weckte in uns nicht den Wunsch, sich das Ganze genauer anzuschauen. Wir hatten selten so viel Ramsch auf einem Haufen gesehen.

Als wir Scarborough erreichten, machten wir uns auf die Suche nach dem Anfang des „Cinder Track“, einer stillgelegten Eisenbahnstrecke, die jetzt ein Radweg ist. Vor knapp zwanzig Jahren waren wir schon einmal das Stück von Whitby bis Ravenscar gefahren, und zu meiner großen Freude hatte ich im Internet entdeckt, dass man den Weg inzwischen bis Scarborough durchgezogen hatte. Soweit ich mich erinnerte, war der Weg recht gut zu fahren und die Steigungen, die es in dieser Gegend in sich haben, hielten sich in Grenzen. Der einzige Nachteil war, dass man von der Schlacke, die als Bodenbelag verwendet wird (daher auch der Name „Cinder Track“), ziemlich schwarze Beine bekam, aber damit kann man ja leben.

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Der Eingang ist nicht gerade leicht zu finden, man muss irgendwie hintenrum über den Parkplatz des Superstore. Dort machten wir auf einer Bank Brotzeit, was zur Folge hatte, dass sich plötzlich sämtliche Hunde Scarboroughs mit ihren Herrchen und Frauchen im Schlepp zu uns gesellten. Auch ein Rudel Kindergartenkinder mit gelben Sicherheitswesten kam vorbei. Ihre Leiter hätten einen Schäferhund, der die Kleinen umkreist, gut gebrauchen können.

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Dann fuhren wir weiter und folgten den Totempfählen, die den „Cinder Track“ markieren. Am Anfang ging es noch wunderbar. Der Weg war zwar geschottert, und immer, wenn er eine Straße kreuzte, musste man mühsam ein Gatter öffnen oder umfahren (die Betonung liegt auf der zweiten Silbe, nicht auf der ersten), aber verglichen mit der Landschaft, durch die der Weg führt, ist er wirklich ziemlich flach.

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Wir kamen an schnuckligen Häuschen, Rapsfeldern und blühenden Ginstersträuchern vorbei und genossen die spektakuläre Aussicht über die Hügel und die Küste.

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Doch leider wurde die Oberfläche immer schlechter, und auf den an den Gattern angebrachten Hinweiszetteln konnte man lesen, dass die starken Regenfälle im Frühjahr den Belag zum größten Teil weggespült hatten. Die Folge waren tiefe Schlaglöcher, die man mit akrobatischem Geschick umfahren musste, und bei Gegenverkehr, von dem es hier eine ganze Menge gab, wurde es manchmal richtig gefährlich.

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Bei Ravenscar entschlossen wir uns dann, den Weg zu verlassen und über die steigungsreiche Hauptstraße weiter nach Whitby zu fahren.

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Es war mal wieder der Wahl zwischen Pest und Cholera, denn die Hügel haben es in sich, und die Autos, die hier unterwegs sind, fahren nicht gerade langsam. Deshalb waren wir froh, als wir die A 171 verlassen und über Sneaton und Ruswarp weiterfahren konnten. Die paar zusätzlichen Kilometer nahmen wir gerne in Kauf. Whitby konnten wir auf jeden Fall nicht verfehlen, denn schon eine ganze Weile sahen wir die alten Abteiruinen ehrfurchtgebietend auf den Klippen thronen.

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Kurz vor Whitby ging es jedoch mal wieder schief, denn bei der Brücke über den Fluss Esk gab es zwei Schilder, die einen Radweg in die Stadt anzeigten, und der Hausherr, der es mal wieder eilig hatte, war nirgendwo zu sehen. Ich fragte einen Radfahrer, der aus einem der Wege kam, ob Peter ihm entgegen gekommen war, doch er verneinte. Also fuhr ich vorsichtig ein Stück den anderen Weg entlang, und Peter, der wohl gemerkt hatte, dass ich nicht mehr da war, war inzwischen auch umgekehrt, und so machten wir uns zusammen auf den Weg in die Stadt, die in Bram Stokers Roman “Dracula” folgendermaßen beschrieben wird:

“This is a lovely place. The little river, the Esk, runs through a deep valley, which broadens out as it comes near the harbour. […] The valley is beautifully green, and it is so steep that when you are on the high land on either side you look right across ist, unless you are near enough to see down. […] Right over the town is the ruin of Whitby Abbey, which was sacked by the Danes […]. (Seite 80)

Und steil ist es hier wirklich, manchmal sogar um die 20%, so dass ich mal wieder zum Schieben verdammt war. Bei einer scharfen Rechtskurve überkamen mich plötzlich Zweifel dass ich mein Rad da herum kriegen würde! Sollte ich jetzt etwa alles abladen und einzeln diesen verflixten Hang hochschleppen? Mit aller Kraft stemmte ich mich dagegen und schaffte die Kurve. Wir sahen ein Schild zu einem Campingplatz, dem wir folgten, und sahen einen Mann mit sehr muskulösen Oberarmen, der einen Kinderwagen nach oben schob. Diese Muskelpakete braucht man hier auch!

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Der Campingplatz befand sich noch im Aufbau, und der Platzwart war auf dem Gerüst eines Ferienhäuschens zu finden. Er rief uns zu, dass wir uns einen Platz aussuchen durften und später abrechnen sollten. Wir suchten uns ein Plätzchen auf der terrassenartig angelegten Wiese und bauten langsam auf. Mann, war ich geschafft.

Als unser Zelt stand, gingen wir den Hügel wieder hinunter ins Zentrum.

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Bei einem Mega-Coop am Bahnhof mit einer riesigen Kühlfront kauften wir ein, allerdings nicht für das heutige Abendessen. Auf dem Weg hatten wir einige Fish-and-Chips-Läden entdeckt, und da wir schon in einer Hafenstadt waren, konnte man sich auch mal wieder so etwas gönnen. In dem Landen überließ ich es Peter, das Essen zu besorgen, denn die Hitze dort drin und der Fisch- und Fritierfettgeruch hätten mich fast aus den Socken gehauen. Im spärlichen Schatten der Hauswand wartete ich und ärgerte mich im Stillen über einen ebenfalls wartenden Autofahrer, der die ganze Zeit den Motor laufen ließ. Ich überlegte, ob ich etwas sagen sollte, aber es erschien mir nicht ratsam, mich mit diesem tätowierten Kleiderschrank am Steuer anzulegen. Also grollte ich nur leise vor mich hin, bis Peter wieder aus dem Laden kam.

Wieder auf dem Campingplatz verspeisten wir mit Aussicht über die Stadt unsere Fish and Chips.

Danach machten wir einen Verdauungsspaziergang zur Abbey. Diese war im 7. Jahrhundert erbaut worden, doch bereits im Jahre 877 wurde sie von den damals noch heidnischen Dänen zerstört. Seit 1995, als wir unseren ersten gemeinsamen Englandradurlaub gemacht hatten, hatte sich dort einiges verändert. Um die Ruinen, die damals noch frei zugänglich waren, zog sich jetzt eine Mauer mit einem Abbey Experience Centre“. Fotgrafieren konnte man die Ruinen aber immer noch kostenlos. Den Campingplatz zwischen Ruinen und Steilküste, auf dem wir damals gestanden hatten, gab es nicht mehr. Dort hatte ich damals nachts immer wieder zur Abbey gespäht, ob die Äbtissin Hilda, die seit dem Überfall der Dänen regelmäßig an einem der Fenster erscheinen soll, oder eines der anderen Gespenster, die sich dort angeblich rumtreiben, zeigen würde, aber nichts war’s. Und diesmal war unser Campingplatz zu weit weg.

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Wir gingen noch ein Stück an der Steilküste spazieren, die auch hier sehr eindrucksvoll ist, und genossen den Blick über das Meer und die Aussicht über die Stadt.

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Auf einer Weide grasten vier Kühe, die sich extra für das Foto nebeneinander aufstellten.

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Dann gingen wir zurück zum Campingplatz, wo sich ein Amselmännchen bei unserem Zelt niedergelassen hatte, und bewunderten den Sonnenuntergang über der Stadt. Dann gingen wir schlafen.

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In der Nacht fing es an zu regnen, und der Regen hielt auch morgens noch an, so dass wir erst mal im Zelt herumtrödelten, lasen und Postkarten schrieben, von denen wir einige schon seit zwei Wochen mitschleppten. Bei unserem späten Frühstück leistete uns das Amselmännchen von gestern Gesellschaft und ließ sich zutraulich auf meinem Fahrradlenker nieder. Wir beschlossen, ihn Richard zu nennen, das passte irgendwie zu ihm.

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Endlich war es trocken genug, dass wir in die Stadt gehen konnten. Wie in Lincoln kann man auch hier 3D-Karten aus dem Automaten ziehen, aber da Whitby eher überschaubar ist, verzichteten wir diesmal darauf. Die Stadt ist nicht nur wegen ihrer Abteiruine einschließlich Gespenster bekannt, sondern auch wegen des Seefahrers James Cook, der hier im Jahre 1768 zu seiner Südseereise aufgebrochen war. Auch seine Schiffe wurden hier gebaut.

Außerdem schrieb Bram Stoker hier seinen Roman „Dracula“ und ließ den Vampir aus Transsylvanien in Whitby an Land gehen. Während des Studiums hatte ich das Buch zwar gelesen, aber erst jetzt erschien mir Whitby als Landeplatz denkbar unlogisch, wenn man mit dem Schiff aus Rumänien kommt. Wäre da ein südenglischer Hafen nicht naheliegender gewesen? Diese Frage ließ mir keine Ruhe, und so nahm ich mir zu Hause noch einmal den Roman vor. Und tatsächlich, das Schiff „Demeter“ war wegen eines Sturms vom Kurs abgekommen, und der Graf hatte unterwegs die Besatzung gnadenlos dezimiert. Als die „Demeter“ den Hafen von Whitby erreicht hatte, waren nur noch der ans Steuer gebundene tote Kapitän und ein schwarzer Hund an Bord. Letzterer sprang an Land und verschwand.

Als erstes gingen wir zum Bahnhof, um Karten für die „North York Moor Railway“, eine Dampfeisenbahn, die durch die raue Heidelandschaft nach Pickering fährt, zu erwerben. Dort wollten wir morgen hin und dann weiter nach York.

Danach bummelten wir durch die Stadt mit ihren schmalen steilen Gassen und besuchten die zahlreichen Geschäfte. Die gefühlten sieben Hügel der Stadt haben es in sich, da die Engländer anscheinend nicht viel von Serpentinen halten und die Straßen möglichst gerade den Berg hinauf legen.

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Im Hafen gingen wir bis zum Ende des Piers, wobei man gut aufpassen musste, wo man hin tritt, denn zwischen den Planken befinden sich breite Spalten, und es geht ziemlich tief runter. Am Anfang des Piers gibt es einige Fish-and-Chips-Läden und auch entsprechen viele Möwen, doch gegen Ende, wo weniger Menschen sind, verteilen sich die Vögel auch wieder. Misstrauisch beäugte ich die Möwen, denn bei meinem ersten Aufenthalt hier hatte mich eine so richtig erwischt – die Ladung landete mitten auf meinem Kopf! Ich hatte mich selten so beschissen gefühlt. Diesmal jedoch blieb mir ein solches Missgeschick erspart und ich konnte die Aussicht über den Hafen und zur Abbey auf dem gegenüberliegenden Hügel genießen.

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Nach einer Weile fing es wieder an zu regnen, und wir gingen zum Supermarkt und danach zurück zum Campingplatz, wo wir den Tag mit Salat, Pork Pie, Birnencider und Zeitungslektüre ausklingen ließen.

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Ostengland 2013 – Teil 8

Zurück an die Küste

Die Morgensonne weckte uns früh, aber weil wir heute ohne Gepäck die Gegend erkunden wollten, konnten wir uns Zeit lassen. Während wir in aller Ruhe frühstückten, begann sich am anderen Ende der Wiese etwas zu regen. Eine graugewandete Gestalt schlurfte an uns vorbei, krächzte „Good morning“ und hängte sich an den Wasserhahn. Dann kroch das Mädchen, das noch immer sein Löwenkostüm trug, aus dem Zelt und rollte sich im Schatten der Hecke zusammen. Wenn man in so einer Haltung auf dem Boden liegt, fühlt man sich wahrlich nicht wohl, wie wir aus Erfahrung wissen. Aber da müssen sie durch – ging uns ja in jungen Jahren auch nicht anders.

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Nach dem Frühstück fuhren wir über die sanften Hügel zur Küste. Wir befanden uns im „White Rose County“, wie man unschwer an der weißen Rose erkennen kann, die hier die Ortsschilder ziert. Sie war das Wappen des „House of York“, das im 15. Jahrhundert erbittert mit dem „House of Lancaster“ um die Thronfolge kämpfte. Auf den Ortsschildern in Lancashire sieht man eine rote Rose, aber diesmal kamen wir nicht so weit nach Westen.

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Unterwegs kamen wir an einem Haus vorbei, in dessen Vorgarten das englische Georgskreuz und die bayrischen Rauten fröhlich Seite an Seite im Wind flatterten. Hier wohnt bestimmt eine „gemischte“ Familie, die ihren Lokalpatriotismus nicht versteckt. Nicht weit weg kündigte passenderweise ein Pub ein „Beer Festival“ für August an.

Bald erreichten wir das malerische Küstenstädtchen Withernsea mit seinem weißen Leuchtturm und der breiten, von viktorianischen Häusern gesäumten Strandpromenade. Dort ließen wir uns auf einer Bank nieder und beobachteten Möwen und Spaziergänger.

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An der Kaimauer befindet sich eine Tafel, die darauf hinweist, dass etwa eine Meile vor der Küste die Kirche St. Mary the Virgin stand, die im 15. Jahrhundert im Meer versank. Ob man auch hier, wie in Dunwich,  in stürmischen Nächten die Glocken hören kann?

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Dann folgten wir einen Küstenweg durch Rapsfelder Richtung Süden. Immer wieder sahen wir auch Windräder, „windfarms“ werden diese Anlagen hier genannt. Bei Easington wurde es dann wieder etwas industrieller.

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Wir folgten einem Pfad zu einer Küstenstelle, von der aus man einen guten Blick auf Spurn Head hat. Auch hier konnte man gut sehen, wie die Küste dramatisch wegbricht. Wieviel das wohl pro Jahr sein mochte? Irgendwen müssten wir hier noch fragen.

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Nach einer Weile schwangen wir uns wieder auf die Leezen und fuhren landeinwärts durch ein Gebiet, das Holderness genannte wird, Richtung Patrington, wo wir unversehens auf den Nullmeridian stießen. Erst war ich etwas verblüfft, denn das Ding ist ja bekanntlich in Greenwich, wo wir vor vielen Jahren auch schon gewesen waren. Aber es ist natürlich logisch, dass er weiter nach Norden (und auch nach Süden) läuft, denn es ist ja schließlich ein Längengrad. Etwa fünf Kilometer nördlich von Withernsea bei Tunstall erreicht er die Nordsee.

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Wir fuhren weiter Richtung Hedon. Das Getreide auf den Feldern reifte friedlich vor sich hin, und am Straßenrand blühte der Klatschmohn – wunderschön!

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Überhaupt könnte man sich zu Hause ein Beispiel an den Hecken und Grünstreifen an den Straßenrändern nehmen. Die Hecken, die die Felder säumen, sorgen nicht nur dafür, dass der Boden nicht weggeweht wird, sondern bieten auch Insekten, Vögeln und anderen Kleintieren ein Zuhause.

In dem malerischen Städtchen Hedon gingen wir einkaufen.

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Dann fuhren wir zurück auf den Campingplatz. Die Zeltwiese war wieder leer, die Truppe in ihren merkwürdigen Overalls war verschwunden. Dafür gackerten die Hühner gemütlich vor sich hin. Als ich an ihnen vorbei zum Toilettengebäude ging, pickte der Hahn nach meinem Knöchel. Da blieb mir erst mal die Spucke weg – das Viech hat mich angefallen!

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Nachdem ich mich von dem Schreck erholt hatte, legten wir uns vor das Zelt und lasen gemütlich die Daily Mail. Der Aufreger des Tages war das Wasserversorgunsunternehmen „Thames Water“ und die Tatsache, dass Direktor Robert Collington den „Order of the Britisch Empire“ erhalten hatte. Man ärgerte sich darüber, dass „Thames Water“ das Leitungsnetz in London nicht sanierte, dafür aber gnadenlos die Wasserpreise erhöhte und dann noch nicht mal Steuern zahlen musste. Seltsam nur – und schade – dass in Großbritannien so wenig Bürger die Petition „Wasser ist ein Menschenrecht“ unterzeichnet haben, die der weiteren Privatisierung von Wasser und den damit verbundenen Ärgerlichkeiten entgegengehen soll.

Später gingen wir ins Pub „Nag’s Head“, wo wir uns ein ausgezeichnetes Abendessen und ein Bierchen schmecken ließen. Danach verkrochen wir uns ins Zelt und schliefen den Schlaf der Gerechten. Was für eine Ruhe herrschte doch heute auf dem Platz!

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Am nächsten morgen war es sonnig, aber ziemlich kalt. Der Wind hatte sich wieder mal gedreht und wehte nun aus Nordosten. Doch als wir abgebaut hatten, war es warm genug, dass wir uns dick mit Sonnencreme einschmierten. Dann ging es los. Man merkte, dass wir jetzt in Yorkshire waren, hier ist es nirgendwo mehr richtig flach.

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Bei Mappleton erreichten wir wieder die Küste und gönnten uns eine kurze Verschnaufpause. Dann ging es nordwärts durch Hornsea nach Bridlington. Kurz vorher mussten wir wieder ein Stück auf einer vielbefahrenen A-Road zurücklegen. Zum Glück sind die Autos hier nicht mehr solche Dreckschleudern wie vor zwanzig Jahren, als ein paar Kilometer A-Road einen mittleren Erstickungsanfall provozierten. Trotzdem waren wir froh, als wir die Hautstraße wieder verlassen und nach Bridlington hineinfahren konnten. Die zahlreiche Ampeln kosteten uns eine Menge Zeit, bis wir endlich auf der Promenade waren, wo es wieder Zeit für eine Pause war.

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Dort lasen wir auf einem Schild, dass hier der „Way of the Roses“ beginnt – oder endet, je nachdem. Diese 170 Meilen (knapp 275 km) lange Radstrecke führt von Bridlington im White Rose County an die Westküste, genauer gesagt nach Morecambe im Red Rose County – womit wir wieder bei den Rosen wären. Wir studierten die Informationen auf dem Schild und stellten fest, dass der Weg hier im Osten noch relativ gut zu fahren ist, doch je weiter man nach Westen kommt, umso härter wird er, da man die Pennines überqueren muss, einen Gebirgszug in nord-südlicher Richtung, der auch „the backbone of England“ genannt wird. Vor acht Jahren waren wir in glühender Hitze dort unterwegs gewesen und hatten uns immer wieder verfahren, da die Schilder irgendwie gar nicht zu unserer Karte passen wollten. Am Ende jeder Etappe hatten wir das dumpfe Gefühl, dass es sicher auch einen kürzeren und weniger anstrengenden Weg gegeben hätte. Diesmal bleiben uns derartige Abenteuer hoffentlich erspart.

Nach einer Weile brachen wir wieder auf. Wegen des Windes schenkten wir uns den Abstecher zum Flamborough Head, aber für den Campingplatz in Bempton war es definitiv noch zu früh, also  fuhren wir über idyllische Wege und sanfte Hügel mit schönen Abfahrten weiter Richtung Norden.

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In dem Dörfchen Hunmanby stockten wir ein einem kleinen Supermarkt unsere Vorräte auf: vernünftiges Müsli, Cider, Salate und dergleichen und fuhren weiter Richtung Filey. Doch als wir den Eingang des Campingplatzes „Orchard Farm“ passierten, hatten wir plötzlich keine Lust mehr und beschlossen, hier zu bleiben, da die Zeltwiese bei der Rezeption recht gemütlich aussah. Die Übernachtung war hier auch erstaunlich günstig. Wir durften uns wieder einen Platz aussuchen – es war auch fast alles frei – und sollten die Toiletten und Duschen neben der Rezeption benutzen.

Erst, als wir das Zelt aufgebaut hatten und den Platz erkundeten, stellten wir fest, dass es sich um einen riesigen Holiday Park mit Schwimmbad, Spielplatz und einer Miniatureisenbahn handelte. Aber alles, auch die großen Toilettengebäude, waren noch geschlossen, und die Eisenbahn stand wohl noch im Depot. Außer uns waren nur ein paar Dauercamper und ein Herr nebst Tochter im Wohnmobil da. Es war eindeutig noch Vorsaison.

Nach dem Abendessen setzten wir uns in die Sonne und vertieften uns in unsere Lektüre. Als die Sonne unterging und es kühler wurde, verkrochen wir uns in die Schlafsäcke.

 

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Ostengland 2013 – Teil 7

Über den Humber

 Auch ohne Socken hatte ich gut geschlafen, der Sommer war anscheinend gekommen. Und mit ihm die Dauercamper, die nun mit ihren Vierbeinern den Gassistreifen bevölkerten. Der Ruhetag  jedoch hatte vielleicht den Fahrrädern gut getan, aber mir überhaupt nicht. Ich war völlig aus dem Rhythmus und die Beinpower, falls ich sie denn jemals gehabt hatte, war komplett weg, so dass wir nur langsam vorwärts kamen. Dem Gatten passte es gar nicht, von mir zwangsentschleunigt zu werden, aber da musste er durch. Wir waren ja im Urlaub und nicht auf der Flucht, und irgendwann würden wir schon irgendwo ankommen.

Die Landschaft war immer noch flach, doch die Aussicht war nicht mehr so weiträumig. Wir schürten zwischen zwei hügligeren Gebieten durch nach Norden. Gelegentlich gab es kurze Regenschauer, die jedoch schnell wieder vorbei waren, so dass das Regenzeug kaum benötigt wurde.

lincolnshire3 lincolnshire2 Kurz vor halb eins kamen wir nach Messingham und wollten unsere Einkäufe erledigen. Dabei fuhr uns erst der Schreck in die Glieder, da wir dachten, dass in wenigen Minuten der Supermarkt schließen würde. Doch wir hatten das falsche Schild gelesen, nämlich das mit den Öffnungszeiten des Postschalters, der samstags tatsächlich um halb eins schließt. Der Supermarkt war noch ein paar Stunden geöffnet, so dass wir uns Zeit lassen konnten. Während Peter einkaufen ging, bewachte ich die Räder und studierte die Aushänge am schwarzen Brett. Dort wurde eine Wanderung über die Humberbrücke angekündigt, bei der Geld für einen guten Zweck gesammelt werden sollte. Besagte Brücke stand uns am nächsten Tag auch bevor. Hoffentlich spielte das Wetter mit, denn bei starkem Wind und strömendem Regen war das sicher kein Vergnügen.

Nach einem Imbiss ging es weiter. Zum Glück hatte ich meinen Fahrrhythmus einigermaßen wieder gefunden, denn inzwischen hatten wir die Ebene endgültig verlassen, und es ging fröhlich auf und ab, wie man es von England kennt.

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Wir durchquerten die Ortschaft Flixborough mit ihren Werften und Industrieanlagen und fuhren über eine lange Hügelkette nach Burton-upon-Stather. Dort verfranzten wir uns in einem ausgedehnten Vorortgebiet, bis wir endlich ein Hinweisschild zum Campingplatz fanden, das zum Fluss hinunter wies. Wir sausten einen halsbrecherischen Hang hinunter und erwischten gerade noch die Abzweigung zum Campingplatz. Dann mussten wir über eine frisch geschotterten Parkplatz zur Rezeption, wo ein Zettel hing, dass der Platzwart Richard sich in der Scheune befand, wo er liebevoll einen alten Morgan restaurierte.

Nachdem Peter ihm Bescheid gesagt hatte, kam er mit einer Kaffeetasse in der Hand zur Rezeption. Nachdem wir eingecheckt hatten, zeigte er uns voller Stolz die gepflegten sanitären Anlagen mit Spülküche, Wasch- und Trockenraum sowie Musikberieselung und erzählte, dass er selbst ein begeisterter Radfahrer und Besitzer von fünf Rädern ist.

Nachdem wir das Zelt aufgebaut und unser Abendessen (Pork Pie und Beilagen) verspeist hatten, gingen wir in ein Pub mit dem schönen Namen „Ferry House Inn“, wo man kanadisches Bier in Weizengläsern servierte. Wir holten uns ein Bierchen und setzten uns auf eine Bank am Fluß Trent, wo wir die sich auftürmenden Wolkengebilde beobachteten.

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Nachdem wir unsere Gläser geleert und zurück gebracht hatten, erkundeten wir einen Fußweg am Flussufer. Wir hofften, dass man diesem Weg folgen und so den Monsterhügel ins Dorf umfahren könnte. Doch nach einer kurzen Weile endete der Weg am Hintereingang des Campingplatzes.

Am nächsten Morgen dudelte aus den Lautsprechern im Sanitärblock „Here Comes the Sun“ von den Beatles. Ich beschloss, das als gutes Omen für unsere Humberüberquerung zu nehmen. Als wir losfuhren, winkte Richard uns hinterher und wünschte uns eine gute Reise.

Als erstes mussten wir den Monsterhügel, den wir gestern so schwungvoll hinuntergesaust waren, wieder hinauf. Begleitet vom Klang der Kirchenglocken, das in England ganz anders klingt als zu Hause, kämpften wir uns nach oben. Dann ging es eine Weile sanft auf und ab, wobei wir langsam wieder an Höhe verloren.

Noch war es ruhig auf den Straßen, doch plötzlich kam uns eine ganze Karawane von Minis entgegen. Da fiel uns ein, dass heute Vatertag war, was in England eine größere Sache zu sein scheint. Schon seit unserer Ankunft hatten wir überall bei Pubs und Restaurants Aushänge gesehen, dass man rechtzeitig reservieren sollte. Vielleicht gehörte dieser Mini-Ausflug auch zum Programm.

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Dann hatten wir das Ufer des Humber erreicht und sahen in der Ferne die Brücke, die Lincolnshire mit Yorkshire verbindet.

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Mit einer Mittelspannweite von 1410 Metern ist sie eine der längsten Hängebrücken auf der Welt, und – wenn man diversen Radfahrerwebsites glauben darf – die längste, die man mit dem Rad überqueren kann. Da die Brücke nicht gerade billig war, müssen Autofahrer für eine Strecke 1,50 Pfund bezahlen, doch für Radfahrer und Fußgänger ist die Überquerung umsonst.

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Unser Weg führte allerdings nicht, wie erhofft, gemütlich am Fluss entlang, sondern über ein paar Hügel, bis wir nach einer Weile Barton-upon-Humber erreichten. Ich machte mir ein bisschen Sorgen, ob wir den Radweg auf die Brücke ohne Probleme finden oder plötzlich mitten auf der meist stark befahrenen A 15 landen würden. Doch die Beschilderung war – von einer Abzweigung abgesehen – deutlich genug. Der Rad und Fußgängerweg an der westlichen Seite war aus Witterungsgründen gesperrt, so dass wir auf dem östlichen Streifen mit Aussicht zur Nordsee gen Norden fuhren.

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Es war wirklich beeindruckend. Rechts von uns die weite Flussmündung, links die vorbeifahrenden Autos und über und unter uns gigantische Kabel- und Stahlkonstruktionen, die wohltuend haltbar aussahen.

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Hin und wieder mussten wir uns den Streifen mit Sonntagsspaziergängern, Joggern und anderen Radfahrern teilen, aber viel Verkehr war nicht.

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Am anderen Ufer angekommen fuhren wir ostwärts durch Hessle und das Hafengebiet von Hull und kamen am Victoria Dock vorbei, wo wir in knapp zwei Wochen die Heimreise antreten würden. Doch daran wollte ich noch nicht denken, vor uns lag ja noch eine Menge Urlaub. Langsam wurde es Essenszeit, und an einem der Kreisverkehre erspähten wir einen Lidl. Da Peter zu Hause regelmäßig die Lidl-Reklame studiert und auch regelmäßig dort einkauft, ernannte ich ihn zum Experten und schickte ihn hinein, während ich die Karte und die Straßenschilder studierte. Hull ist sicher eine hübsche Stadt und hat wohl auch einiges zu bieten, doch zum Durchradeln finde ich es zu groß und unübersichtlich. Auf dem Radweg an der Hauptstraße kamen wir wahrscheinlich nur deshalb so gut vorwärts, weil Sonntag war und aus den zahlreichen Hafen- und Fabrikausfahrten, die in die Hauptstraße einmündeten, keine Lastwagen kamen.

Nach einer Weil kam Peter wieder zurück und hatte sogar ein paar Brezeln mitgebracht, die sofort vertilgt wurden. Dann fuhren wir gestärkt weiter. Sobald wir die Stadt verlassen hatten und wieder Richtung Norden unterwegs waren, wurde es wieder sehr ländlich. Wir fuhren durch das Dörfchen Preston, wo ein Campinglatz sein sollte. Doch schon bald waren wir auf halber Strecke zum nächsten Dorf, und außer ein paar verstreuten Bauernhöfen war nichts zu sehen.  Ich konsultierte meine Adressenliste: die Straße stimmte. Aber wenn wir diesen Platz nicht finden sollten, war es nicht tragisch, im nächsten Dorf gab es noch einen. Also schwangen wir uns wieder auf die Räder, fuhren über den nächsten Hügel und standen vor dem gesuchten Campingplatz, ein Bauernhof mit gemütlich gackernden Hühnern und einem Anglerteich.

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Der Platzwart stellte die üblichen Fragen nach unserem Woher und Wohin, aber da er im Gegensatz zu Richard eher kurz angebunden war, fühlten wir uns erst ein bisschen ins Kreuzverhör genommen. Doch nach einer Weile gewöhnten wir uns daran. Wir beschlossen, zwei Nächte zu bleiben und mal wieder unsere Klamotten zu waschen. Zeit wurde es, meine verschwitzte Radkleidung konnte man schon fast hinstellen.

Auf der Zeltwiese standen zwei Zelte, eines davon mit Blümchendekor und der Aufschrift „Hippie Zone“. Wir stellten uns im Geiste schon auf Gitarrenschrammelmusik am Lagerfeuer ein: „This tent is your tent, this tent is my tent…“, aber die Hippies waren schon am Packen.

Unterhaltung hatten wir aber trotzdem genug, denn nach einer Weile hielt ein Auto auf der Zeltwiese, und zwei ungefähr 17jährige Jungen stiegen aus. Sie packten ein Zelt aus und versuchten, es aufzubauen. Schon bald erkannte unser geübtes Auge, dass sie zum ersten Mal ein Zelt aufstellten, das sie auch noch von jemandem geliehen hatten. Eine fatale Kombination, und die zahlreichen Bierdosen, die sie dabei leerten, waren nicht gerade hilfreich. So kam es, dass es hin und wieder zwar halbwegs aufrecht stand, doch sobald einer der beiden die Schnüre nachspannen wollte oder sich ins Innere begab, krachte es wieder zusammen. Sie nahmen es nicht tragisch, lachten laut über ihren Misserfolg und genehmigten sich ein weiteres Bier. Auch die Anweisungen, die sie per Telefon erhielten, waren nicht von Erfolg gekrönt.

Langsam hatten wir uns genug amüsiert und wollen unsere Hilfe anbieten, da kam wieder ein Auto, dem fünf weitere Jugendliche entstiegen, die noch ein Zelt auspackten. Die Herren widmeten sich sofort dem Fußballspielen, das sie eindeutig besser konnten, und die zwei Mädels kümmerten sich um den Zeltaufbau. Und es dauerte nicht lange, da standen beide Zelte wie eine Eins.

Wir hatten inzwischen unsere Wäsche gewaschen und in die Sonne gehängt. Nach dem Abendessen fuhren wir wieder ins Dorf, da wir am Ausgang ein nettes Pub mit dem Namen „The Nag’s Head“ entdeckt hatten. Drinnen duftete es verführerisch nach „Sunday Roast“, dem bei den Engländern beliebten Sonntagsbraten, und ich erkundigte mich gleich an der Theke, ob sie unter der Woche auch Abendessen servieren würden. Darauf kann man sich auf den Britischen Inseln nämlich nicht immer verlassen, wie wir aus Erfahrung wussten. Doch hier hatten wir Glück und beschlossen, morgen dort essen zu gehen.

prestonchurch

Wir setzten uns mit unserem Bierchen in den Garten und beobachteten die Leute, die von Vatertagsausflug heimkehrten. Danach fuhren wir noch eine Runde durch das Dorf mit seiner netten Dorfkirche und ein paar kleinen Läden und kamen an einer Schule vorbei, an deren Tor ein großes Schild verkündete, dass das Gassigehen mit Hunden sowie Golf und andere Ballspiele auf dem Gelände strengstes untersagt sind.

school

Zurück auf dem Campingplatz bot sich uns ein ungeheuerlicher Anblick, und dabei hatte ich doch nur ein Bierchen getrunken. Ich schüttelte den Kopf und schloss die Augen, doch als ich sie wieder öffnete, war das Bild unverändert. Ich fragte Peter: „Sag mal, siehst du auch ein Mädchen im Löwenkostüm und sechs Leute in graurosahellblau gestreiften Overalls auf der Wiese rumrennen?“ – „Ja!“ Erleichtet atmete ich auf: „Dann ist es ja gut! Aber wo haben die bloß solche scheußlichen Teile aufgetrieben, und warum zieht man sowas freiwillig an???“ Darauf wusste Peter auch keine Antwort. Als einer der Jungen zu unserem Zelt kam und schon mal um Verständnis bat, falls es etwas lauter werden sollte, befragten wir ihn zu seinem Outfit. Die Antwort, dass sie gemeinsam Spaß haben und dieselben Sachen tragen wollten, stellte uns zwar nicht wirklich zufrieden, aber gut, jeder, wie er mag.

Es wurde auch tatsächlich etwas lauter, da sie durch die Gegend rannten, über die Hecken sprangen und Unmengen Bier in sich hineinschütteten. Die Platzwärtin kam zu unserem Zelt, um sich zu entschuldigen, bei der Reservierung hatte sie keine Ahnung gehabt, was sie hier erwartete. „Wir sind eigentlich ein ruhiger Platz. Wenn es gar nicht anders geht, könntet ihr euer Zelt ja auf der anderen Wiese aufstellen. Oder wir müssen die Bande heimschicken.“ Wir versicherten ihr, dass wir schon Schlimmeres erlebt hatten und notfalls Taschentücher in die Ohren stopfen konnten. Und so lange die Kids in ihrer Hälfte blieben und nicht etwa auf die Idee kämen, unser Zelt über den Haufen zu rennen, könnten wir mit dem Krach leben. Irgendwann würde ihnen ja die Puste ausgehen.

Tatsächlich war dies auch bald der Fall, oder wir kriegten nicht mehr viel mit, denn wir waren tatsächlich bald eingeschlafen.

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Ostengland 2013 – Teil 6

Lincolnshire – weites Land, Stadt und Kathedrale

In der Nacht kam der schon lange angekündigte Regen und trommelte gemütlich auf das Zeltdach. Ich kuschelte mich tiefer in meinen Schlafsack und schlief wunderbar. Unser Nachbar allerdings nicht, er erzählte uns am morgen, dass er Ohrenstöpsel gebraucht hatte. Wir unterhielten uns kurz über unsere weiteren Pläne – wir wollten nach Lincoln, er wollte nach Skegness, um die Küste zu erkunden –  dann gingen wir unserer Wege.

Wir fuhren erst wieder durch Boston, vorbei am „Stump“ und der Windmühle Maud Foster. Diese steht am Foster Canal, einem der größten Entwässerungskanäle der Gegend. Im Gegensatz zu den meisten anderen Windmühlen hat sie fünf Flügel und ist sieben Stockwerke hoch. Auch heute ist sie noch in Betrieb und produziert biologisches Mehl.

maudfoster

Außerhalb der Stadt fegte der Wind ungebremst über die Ebene, und manchmal trafen uns ganz schön hinterhältige Böen von der Seite. Wir machten einen kleinen Umweg über die kleine Ortschaft New York, um das Ortsschild zu fotografieren.

newyork

Unsere Mittagspause machten wir diesmal in Woodhall Spa. Dort hatte man im 19. Jahrhundert, als man eigentlich Steinkohle suchte, eine Mineralquelle entdeckt, deren Wasser sehr reich an Jod und Brom ist. Einige kranke Kühe, die davon tranken, wurden wieder gesund, und Woodhall Spa wurde ein Kurort. Wir suchten uns ein Bänkchen gegenüber dem Denkmal für die gefallenen Soldaten des ersten Weltkriegs. Am Morgen hatten wir in der Zeitung gelesen, dass die Engländer ziemliche Schwierigkeiten mit dem bevorstehenden Jubiläum nächstes Jahr haben: Einige Politiker möchten vermeiden, dass es zum „German Bashing“ kommt, während ein Kolumnist meint, dass es keinen Grund gäbe, sich bei den Deutschen einzuschleimen („sucking up to the Germans“). Aber es muss doch noch eine Menge zwischen diesen Extremen geben, oder sehe ich das falsch? Nachdem wir eine Weile erfolglos darüber philosophiert hatten, fuhren wir weiter, vorbei an netten Kirchen, Ruinen und Spaziergängern.

ruine

spaziergänger

In der Nähe befand sich auch ein Übungsgelände der Royal Air Force, und die Flugzeuge gingen uns nach einer Weile gewaltig auf den Senkel. Jetzt kam auch zum ersten Mal auf dieser Reise das Regenzeug zum Einsatz. Irgendwie bewegten wir uns in einem Gebiet, in dem die Schön- und Schlechtwetterfront aufeinander trafen, so dass wir immer wieder einen kräftigen Duscher abbekamen und dann wieder durch fast sonnige Abschnitte radelten. In der Praxis bedeutet dies: Regenjacke an, Regenjacke aus, denn wenn es nicht mehr regnet, fängt man in seinem Regenzeug an, im eigenen Saft zu schmoren.

mitregenzeug

Und dann sahen wir, leider etwas verschwommen, in der Ferne die Kathedrale von Lincoln. Majestätisch thront sie auf einem Hügel mitten in der weiten, leeren Ebene. Bill Bryson beschreibt Stadt und Kathedrale in seinen „Notes from a Small Island“ wie folgt: „I like Lincoln, partly because it is pretty and well preserved but mostely because it seems so agreeably remote. H. V. Morton, in „In Search of England“, likened it to an inland St. Michael’s Mount standing above the great sea of Lincolnshire Plain, and that’s exactly right.“ (S. 194)

kathedralelincoln

Als wir den Vorort Langworth erreichten, war es gerade mal wieder sonnig. Wir machten uns auf die Suche nach einem Campingplatz und wurden schnell fündig – ein Schild dirigierte uns zu dem Platz “Lakeside”. Peter war sich nicht sicher, ob wir dort mit dem Zelt stehen durften, aber ich hatte ja alles recherchiert. Und siehe da, an dem verschlossenen Tor prangte das Zelt-Symbol. Jetzt mussten wir noch auf das Gelände kommen. Es gab eine Klingel, die wir betätigten, und aus der Sprechanlage quakte es: “What can I do for you?” Na was wohl? Peter antwortete höflich: “We would like to get in.” Langsam glitt das Tor zu Seite und wir rollten hinein zur Rezeption. Diesmal wollten wir zwei Nächte bleiben, um Lincoln zu besichtigen. Der Platzwart gab uns den Tipp, mit dem Bus zu fahren, und die Idee erschien uns gar nicht schlecht. Dann mussten wir uns nicht durch siebzehn Monsterkreisverkehre einen Weg in die Stadt suchen, und die Stahlrösser hatten auch mal einen Ruhetag. Wir bekamen noch ein paar Broschüren und einen Code für das Tor. Auch dieser Campingplatz ist, wie der Name schon andeutet, ein Angelcampingplatz, der wohl vor allem auf Wohnwagengäste eingestellt ist, da die Sanitäranlagen ziemlich klein sind. Da wir aber mal wieder die einzigen Zeltbewohner waren, war das kein Problem.

Gerade, als wir da Zelt aufgebaut und eingerichtet hatten, begann es zu gewittern, und der Himmel öffnete seine Schleusen. Warm und trocken saßen wir im Zelt und studierten das Informationsmaterial, das wir an der Rezeption erhalten hatten. Im Dorf gab es ein Pub und ein chinesisches Restaurant. Das Abendessen war also gesichert – dachten wir.

regen

Als der Regen nachgelassen hatte, machten wir uns zu Fuß auf den Weg ins Dorf. Bei der Bushaltestelle notierten wir die Abfahrtszeiten und gingen dann zum Pub, das nicht weit weg war. Man konnte dort tatsächlich essen, aber nur von Freitag bis Sonntag, und jetzt war Donnerstag. Wir hatten aber keine Lust, bis zum nächsten Tag zu warten, und machten uns auf die Suche nach dem Chinesen. Das war leichter gesagt als getan. In der einen Richtung war nichts zu finden, und in der anderen schien plötzlich das Dorf zu Ende zu sein. Und einen Supermarkt konnten wir auch nirgends entdecken. Wir gingen zurück zum Campingplatz, um die Leezen zu holen. Die zwei Angler, die wir fragten, wussten auch nur so ungefähr Bescheid. Wahrscheinlich fingen sie genug, so dass sie kein Restaurant brauchten.

Wir folgten den Erklärungen der Angler und landeten erst mal in der Pampa. Also wieder zurück und noch einmal die Hauptstraße entlang. Tatsächlich, wo wir das Ende des Dorfes vermutet hatten, war nur eine Lücke in der Bebauung, danach ging es noch ein ganzes Stück weiter. Irgendwie logisch, der Ort heißt ja auch Langworth. Der Chinese befindet sich direkt am Ortsausgang bei den Bahnschienen. Dort ist auch noch ein Campingplatz, und diesen hatte ich mir eigentlich im Internet ausgeguckt. Aber egal, wir standen gut.

Im Restaurant gab es ein gutes und reichhaltiges Büffet, war zur Folge hatte, dass wir mal wieder viel zu viel aßen, denn man muss ja alles probieren, und manche Sachen schmecken so gut, dass man sich noch eine zweite Portion genehmigen muss. Danach rollten wir langsam zurück zum Campingplatz und krochen in unsere Schlafsäcke.

Gegen vier Uhr nachts wurde ich kurz wach, da eine Krähe genau neben meinem Kopf einen Mordsradau machte. Zum Glück flog sie bald weg, und ich konnte weiter schlafen. Wir standen recht spät auf und trödelten erst noch eine Weile herum, bevor wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle machten.

lakeside2 lakeside

Doch erst waren wir zu früh und dann der Bus zu spät, so das wir eine ganze Weile dort spazieren standen. Aber zum Glück warteten außer uns noch ein junges Paar mit Kind und zwei ältere Damen. Dann gibt es zumindest noch Hoffnung, dass man nicht irgendetwas übersehen hat. Endlich kam der Doppeldeckerbus und oben war sogar noch etwas frei. Im oberen Stockwerk eines Doppeldeckers zu reisen ist schon abenteuerlich: Man fühlt das Schwanken des Busses in der Kurve deutlich mehr als unten und man hat ständig das Gefühl, dass das Gefährt sehr nah an allem vorbeischrammt. Außerdem kann man in den ersten Stock der Häuser an der Straße schauen. In der Stadtmitte stiegen wir aus und kamen alsbald an einem Stadtplan-Automaten vorbei. Wir investierten ein Pfund und erstanden einen Plan, in dem die Straßen und Häuser in dreidimensionaler Optik eingezeichnet waren.

Die Stadt Lincoln blickt auf eine lange, bewegte Geschichte zurück. Schon vor der Ankunft der Römer gab es an dieser Stelle eine Siedlung, über deren Bewohner jedoch nichts bekannt ist. Die Römer nannten ihre Siedlung “Lindum Colonia”, was nach und nach zu “Lindon” und später “Lincoln” wurde. Schon früh entwickelte sich die Stadt  aufgrund ihrer günstigen Lage an zwei Hauptstraßen und dem Fluss Witham zu einem regen Handelszentrum. Nach de Römern kamen die Angelsachsen und später die Dänen, deren Einfluss noch in den Straßennamen zu erkennen ist: Hungate, Michaelgate, Westgate etc. Dabei handelt es sich nicht um Tore, sondern um Straßen, denn die Endung “-gate” stammt vom skandinavischen “gata” (Weg, Straße). In York wird das Ganze noch verwirrender, aber ich möchte hier nicht vorgreifen. Später ließ William the Conqueror das Schloss errichten, um die Stadt zu kontrollieren, und im Jahr 1070 ließ Bischof Remigius den Grundstein zur Kathedrale legen. Im Jahr 1141 fand die Schlacht von Lincoln statt, in der König Stephen und Kaiserin Mathilda um den Thron Englands kämpften. Dieser Schlacht wird in Ken Follets Roman “Die Säulen der Erde” sehr eindringlich aus der Perspektive von Prior Philipp beschrieben, der eigentlich nur den Bau der Kathedrale von Kingsbridge fortsetzen möchte und bei seinem Versuch, König Stephen um Hilfe zu bitten, mitten in das Kampfgetümmel gerät.

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Wir wollten als erstes die berühmte Kathedrale besichtigen, die ganz oben auf den “Steep Hill” steht. Dieser Hügel trägt seinen Namen zurecht, er ist wirklich sehr steil! Mühsam schnäufelten wir nach oben, und die zahlreichen Geschäfte boten genug Ablenkung. Eines verkaufte Eis und Getränke und warb dafür mit dem Slogan: “Steep Hill? Thirst Aid available here!”

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Endlich erreichten wir die Kathedrale, deren Türme und Teile der Fassade gerade renoviert wurden.

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Am Eingang erhielten wir einen Prospekt, in dem der Rundgang durch das Gotteshaus wie eine Pilgerreise beschreiben wird, die am Eingang beginnt, dann am Taufbecken, den zwei großen Rosenfenstern und dem Altar sowie einigen anderen Stationen vorbei führt und schließlich am Schrein von St. Hugh, im 12. Jahrhundert Bischof von Lincoln und Namenspatron der Kathedrale, endet.

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Wie immer faszinierten mich besonders die bunten Fenster, die ich stundenlang anschauen könnte.

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In einem der Gänge stand eine Büste eines Steinmetzes, der auf dem Plakat darunter als „Mason Paul“ vorgestellt wurde. Seit 35 Jahren arbeitet er schon an der Kathedrale und leitet auch die derzeitigen Renovierungsarbeiten. Wenn diese fertig sind, soll die Büste in einem der Türme ihren Platz finden. Trotz aller technischer Fortschritte ist die Renovierung einer Kirche weitgehend ehrliches Handwerk, und ich finde es sehr sympathisch, dass Mason Paul einen Ehrenplatz erhalten soll.

masonpaul

Zum Schluss gingen wir noch durch den Kreuzgang.

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Nach der Besichtigung bewunderten wir die Aussicht auf dem Hügel und gingen dann wieder in die Stadt hinunter. Da es Zeit zum Mittagessen war, gingen wir in einen asiatischen Imbiss, wo sie auch WLAN hatten, so dass wir in unsere Mails schauen konnten. Zum Glück gab es wenig Neues, wir hatten ja schließlich Urlaub. Danach streiften wir noch eine Weile durch die Stadt, wobei uns bestätigt wurde, was wir vor einigen Tagen in der Zeitung gelesen hatten: Wegen der Wirtschaftskrise waren die „Barber Shops“, also Herrenfriseure, wo man sich einen unkomplizierten Wald- und-Wiesenhaarschnitt verpassen lassen kann, wieder groß im Kommen. Schließlich gelangten wir zum Brayford Pool, dem Hafenviertel der Stadt. Früher war es ein Industriegebiet, doch nach einer eingreifenden Renovierung beherbergt es nun zahlreiche Cafés und Restaurants.

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Nachdem wir dort eine Weile auf einer Bank gesessen und Leute und Wasservögel beobachtet hatten, gingen wir zu Marks and Spencer, um für das Abendessen einzukaufen. Wir erreichten den Eingang gerade noch rechtzeitig, bevor ein gewaltiger Regenschauer losprasselte. Als wir unsere Einkäufe erledigt hatten, war es jedoch wieder trocken, und wir nahmen den Bus zurück zum Campingplatz. Natürlich saßen wir wieder oben, und so konnten wir gut beobachten, wie sich bei einer Straßenverengung ein Auto noch schnell vor den Bus drängeln wollte und dabei ein bisschen angedatscht wurde. Aber viel war wohl nicht passiert, denn sowohl Auto als auch Bus fuhren weiter.

Auf dem Campingplatz stellten wir erfreut fest, dass am Teich bei unserem Zelt eine neue, frisch gestrichene Bank stand, auf der wir gemütlich unser Abendessen einnahmen. Danach lasen wir noch Zeitung, doch irgendwann schwirrte etwas zu viel Getier herum, so dass wir uns ins Zelt verkrochen. Zum ersten Mal auf dieser Reise war es warm genug, um ohne Socken schlafen zu gehen.

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Ostengland 2013 – Teil 5

Nordwärts

Dieser Tag begann nicht allzu vielversprechend. Zwar schien beim Aufstehen die Sonne, doch dann zogen sich die Wolken zusammen, und es wurde kalt und ungemütlich. Als ich an der Rezeption die Milch und die Zeitung für das Frühstück abholte, meinte die Platzwärtin, dass es im Lauf des Tages oder spätestens morgen regnen sollte. Das war logisch, denn bis jetzt hatten wir so viel Glück mit dem Wetter gehabt, das musste irgendwann einmal vorbei sein. Aber noch war es ja nicht so weit. Außerdem hatte der Wind sich in der Nacht gedreht und wehte nun aus dem Süden. Das traf sich gut, da wir unsere Reise in nördliche Richtung fortsetzen wollten.

Beim Abbauen und Einpacken hatte ich meine Fleecejacke über mein Rad gehängt. Das hätte ich besser gelassen, denn sie fiel herunter und genau auf die Kette, so dass sie vorne so richtig schön mit Schmiere eingesaut war. Ich nahm mein Handtuch und versuchte, den Schaden zu beheben. Das Resultat überzeugte mich gar nicht, denn jetzt hatte ich eine eingesaute Jacke und ein eingesautes Handtuch. Ich ging zum Waschraum und wusch das Ganze notdürftig heraus, aber ganz schaffte ich es nicht. Na ja, egale Lage, wie Bocki immer sagt.

Wir verließen den Campingplatz und fuhren durch Comberton. Dort stand der größte Teil der Dorfbewohner ordentlich aufgereiht an der Bushaltestelle und wartete auf den Bus nach Cambridge. Anfangs gab es noch ein paar Hügelchen, aber bei St. Ives befanden wir uns wieder in den flachen, von zahlreichen Kanälen durchzogenen Fens. Es sieht hier nicht nur ähnlich aus wie in den Niederlanden, sondern es heißt hier auch „South Holland“.

Mit dem Wind im Rücken kamen wir in der flachen Landschaft schnell voran, und als die Sonne durch die Wolken kam, musste ich an eine Zeile aus dem Ringelnatz-Gedicht „Komm sage mir“ denken: „Die Erde hat ein freundliches Gesicht, so groß, dass man’s von Weitem nur erfasst.“ Unterwegs kamen wir an einem sehr schief stehenden Haus vorbei. Wenn das mal nicht umkippt!

schiefeshaus tuermchen

In der Ortschaft March gingen wir einkaufen, und dann mussten wir uns entscheiden, wie wir den Fluss Nene überqueren wollten: Entweder wir fuhren nach Wisbech, was die Nachteile hatte, dass wir uns durch städtisches Gebiet mit Ampeln und Kreisverkehren wurschteln mussten, und dass wir zu weit nach Osten kämen. Oder wir fuhren ein Stück auf der A 141, auf der es recht viel Verkehr gibt. Da es sich nur um ein paar Kilometer handelte, entschieden wir uns für letzteres – Zähne zusammenbeißen und durch. Zum Glück war der Verkehr nicht so schlimm wie befürchtet und die Autofahrer höflich, trotzdem waren wir froh, als wir nach der Brücke wieder auf eine Nebenstraße abbiegen konnten.  Schon bald passierten wir die Grenze zur Grafschaft Lincolnshire.

Dann ging es die letzten Kilometer zum Campingplatz „Orchard View“ in der Nähe des Dorfes Sutton St. Edmund. Dort sauste Peter sofort in Richtung Toiletten, während ich vor der verschlossenen Rezeption wartete. Nach kurzer Zeit kam der Platzwart in seinem Overall, umgeben von einer herb-frischen Duftwolke.  Er hatte wohl in seinem Aftershave gebadet. Meine Nase begann zu kribbeln. Während wir die Formalitäten erledigten, kam Peter dazu und schaute etwas irritiert.

Der Platzwart erkundigte sich nach der Größe unseres Zelts und bot uns an, es auf dem Stückchen Grün direkt gegenüber der Rezeption aufzustellen, da die Zeltwiese am anderen Ende des Platzes ist. Außer uns war sowieso fast niemand da, also machten wir dankbar von dem Angebot Gebrauch. Eine Nacht sollte 11,50 Pfund kosten, doch als ich das Kleingeld aus dem Geldbeutel kramen wollte, sagte er: „Let’s make it ten!“ Danach fragte auch er uns neugierig über unsere Tour aus, machte uns darauf aufmerksam, dass wir jetzt nicht mehr in Cambridgeshire, sondern bereits in Lincolnshire waren und wünschte uns noch einen schönen Aufenthalt. Als er weg war, fragte Peter: „Will er einen Preis in der Kategorie ‚Best Smelling Camping Warden‘ gewinnen?“

Bei den Sanitäranlagen hatten wir zum ersten Mal „joint taps“, also Wasserhähne mit Mischbatterie. Normalerweise gibt es überall an der einen Seite des Waschbeckens den Heißwasserhahn und an der anderen der Kaltwasserhahn, oft noch mit einem Warnungsschild, dass das heiße Wasser wirklich sehr heiß ist. Aber auch auf den allereinfachsten Campingplätzen gibt es in den WCs immer Seife zum Händewaschen. Auch sind fast immer Trink- und Waschwasser getrennt, und letzteres ist manchmal gechlort. Gelegentlich scheint es hier ziemlich trocken zu sein, denn ein Schild am Trinkwasserhahn wies uns darauf hin, dass wir doch bitte auf Wasserschlachten und Planschbecken verzichten sollten.

wasser

Über dem Campingplatz ballten sich interessante Wolken zusammen, aber der schon seit Tagen angedrohte Regen kam immer noch nicht.

wolken

Nach dem Abendessen lief ich noch um den Campingplatz herum, um den Obstgarten zu finden, dem er den Namen „Orchard View“ verdankt. Aber weit und breit war keiner zu sehen, nur die Sonne ging über dem flachen Land unter.

sonnenunterganglincolnshire

Am nächsten Morgen gegen fünf Uhr wurde ich wach, da der Regen gemütlich auf das Zeltdach trommelte. Doch als es Zeit zum Aufstehen war, hatte er sich schon wieder verzogen, und es war wärmer als am Tag davor. Als wir aufbrachen, wehte eine kräftige Brise. Zum Glück hatten wir den Wind meist im Rücken, aber manchmal kam er aufgrund der Wegführung doch von der Seite, und das war ziemlich anstrengend. Das Land war immer noch sehr weit und flach, und es gab sehr wenig Verkehr, nur gelegentlich trafen sich zwei Traktoren.

traktoren

Bei Spalding überquerten wir den Fluss Welland.

welland

Dann machten wir wieder einen Abstecher in die Vereinigten Staaten, nämlich nach Boston.

boston

Dort fuhren wir über den Marktplatz und kamen an der Kirche „St. Botolph“ mit dem hohen Turm vorbei, der früher als Leuchtturm Dienst tat und den etwas unpassenden Namen „Boston Stump“ (Stumpen) trägt.

bostonstump

Da aus den Angaben unserer Campingplatzliste nicht richtig deutlich wurde, wo genau sich die Zeltplätze hier befinden, fuhren wir zur Tourist Information. Die netten Mitarbeiter überschlugen sich vor Hilfsbereitschaft, erläuterten mir verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten und gaben mir zahlreiche kopierte Kartenausschnitte mit, damit wir auch wirklich problemlos wieder aus der Stadt herausfinden.

Wieder zurück bei den Rädern riss mir ein kräftiger Windstoß die Zettelwirtschaft aus der Hand, und ich durfte hinterher galoppieren – sehr zur Erheiterung des Gatten. Nachdem ich sie wieder eingefangen hatte, folgten wir der Beschreibung nach Fishtoft am Fluss Haven, wo der Campingplatz „The Pilgims‘ Way“ liegt.

haven

Auch dieser Platz gehört zum „Camping And Caravanning Club“, doch auch Nicht-Mitglieder sind hier herzlich willkommen. Wir waren ja schon an einigen „Members-Only“-Plätzen vorbeigekommen, und manche Plätze haben unterschiedliche Preise für Mitglieder und Nicht-Mitglieder, aber hier nicht! Und der Backpacker-Tarif ist mehr als anständig.

Wir kamen gleichzeitig mit einem anderen Radfahrer an und wurden von der Platzwärtin auf die liebevoll angelegte Zeltwiese (oder in ihren Privatgarten?) geführt. Die einzelnen Stellplätze haben hier keine Nummern, sondern Vogelnamen wie „kestrel“ (Turmfalke), „sparrow“ (Spatz), „house martin“ (Mehlschwalbe) oder „song thrush“ (Singdrossel). Wir bauten unser Zelt auf dem windgeschützten Platz „tawny owl“ (Waldkauz) auf.

tawnyowl

Der Campingplatz hat anscheinend in der Hochsaison einiges zu bieten, denn im Sanitärgebäude kündigten zahlreiche Aushänge Aktivitäten wie einen Mittelaltertag für Kinder oder ein Teddybärenpicknick an. Unserem Mitbewohner würde das sicher gefallen.

Wir hielten ein Schwätzchen mit dem anderen Radfahrer, einem Mann von ungefähr Mitte vierzig. Er erzählte uns, dass er in en letzten sechzehn Monaten ununterbrochen seine Mutter versorgt hatte, die man wohl nicht mehr allein lassen kann. Jetzt hatte er für knapp zwei Wochen eine Vertretung gefunden und wollte sich die Ostküste anschauen. Da fühlt es sich wirklich wie purer Luxus an, dass wir vier Wochen Urlaub und gesunde Angehörige haben. Wir wünschten ihm von Herzen ein paar schöne Tage.

Dann schwangen wir uns wieder auf die Räder und fuhren zum „Pilgrim Fathers Memorial“ am Haven. Von hier aus unternahmen die Pilgerväter, die einer separatistischen puritanischen Strömung angehörten, im Jahr 1607 den ersten Versuch, der Verfolgung durch die anglikanische Kirche zu entrinnen und nach Holland zu flüchten. Sie wurden jedoch vom Kapitän des Schiffes verraten und gefangengenommen. Erst ein Jahr später gelang ihnen die Flucht vom Humber aus nach Amsterdam. Sie ließen sich in der Nähe von Leiden nieder, doch im Jahre 1620 entschlossen sie sich aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, auf der Mayflower in die Neue Welt zu fahren und dort ihr Heil suchen. Zum 350sten Jahrestag der Gefangennahme wurde ihnen am Nordufer des Haven ein Denkmal gesetzt.

pilgrimfathers

Bei dem Denkmal war es sehr windig, und der Wasserstand des Haven war so niedrig, dass ich meine Zweifel hatte, dass hier jemals ein Schiff hinkommt. Aber es handelt sich natürlich um en „estuary“ (das Wort gefällt mir viel besser als das deutsche „Flussmündung“), in dem die Gezeiten der Nordsee deutlich spürbar sind. Und an den Markierungen kann man durchaus erkennen, dass hier Schiffe fahren.

wind haven2

Auf dem Rückweg kauften wir bei dem Supermarkt in der Nähe des Campingplatzes noch etwas für das Abendessen ein. Der Besitzer, ebenfalls ein begeisterter Radfahrer, erkannte unsere Fahrradtaschen gleich als solche, und fragte uns über unsere Pläne aus. Nach Lincoln, unserem nächsten Ziel, waren es noch etwa 32 Meilen und „a nice ride“.  Dann brutzelten wir uns in der Laube auf der Zeltwiese etwas zum Essen, lasen Zeitung und rollten uns dann in unsere Schlafsäcke ein. Jetzt waren wir schon zehn Tage unterwegs und hatten unser Regenzeug noch nicht einmal ausgepackt!

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Ostengland 2013 – Teil 4

Durch Cambridgeshire

Am Sonntagmorgen fuhren wir erst ein Stück am Great Ouse entlang. In England gibt es mehrere Flüsse, die den Namen „Ouse“ („uus“ ausgesprochen) in irgendeiner Zusammenstellung tragen, und der Name ist von „usa“, dem keltischen Wort für „Wasser“ abgeleitet. Hier handelt es sich, wie der Name schon sagt, um einen größeren Fluss, der bei King’s Lynn in die Nordsee mündet und einer der wichtigsten Schifffahrtswege der Region East Anglia ist.

greatouse

Die Landschaft ist hier richtig flach, man befindet sich in den sogenannten „Fens“, einer Moorlandschaft, die früher das Überschwemmungsgebiet der Flüsse Ouse, Nene, Witham und Welland bildete. Im 17. Jahrhundert versuchte der niederländische Ingenieur Cornelius Vermuyden mit Hilfe von Windmühlen, die Fens tockenzulegen, war aber nicht sehr erfolgreich.  Erst im 19. Jahrhundert, nachdem die dampfgetriebene Pumpe erfunden worden war, konnte man die Überschwemmungen eindämmen.

Am späten Vormittag erreichten wir das Städtchen Ely mit seiner beeindruckenden Kathedrale. Wir hätten sie gerne besichtigt, da sie auch ein schönes Museum über die bunten Fenster und deren Herstellung hat. Aber wie gesagt, es war Sonntagvormittag, und ein netter Herr am Eingang machte uns darauf aufmerksam, dass gerade Messe war und die Kirche erst nachmittags wieder besichtigt werden konnte. Aber wir durften immerhin einen Blick in das unglaublich hohe und helle Kirchenschiff werfen.

elycathedral

Bis zum Nachmittag warten wollten wir nicht, da des etwas zu lange gedauert hätte. Wir hätten auch nacheinander hineingehen müssen, da wir die Räder mit unseren Habseligkeiten nicht unbewacht stehen lassen wollten. Seit einem Freund von uns das Zelt geklaut worden war, während er in einem Café saß, sind wir da sehr vorsichtig. Außerdem war schlechtes Wetter angesagt, und wir wollten vorher in Cambridge sein. Aber Ely ist auf jeden Fall für später vorgemerkt.

Da sich mein Magen mal wieder zu Wort meldete, was er grundsätzlich zwei Stunden nach dem Aufbruch tut, setzten wir uns auf eine Bank vor der Kathedrale, bestaunten das Bauwerk von außen und nahmen einen Imbiss zu uns. Dabei leisteten uns einige Enten Gesellschaft, die hofften, etwas abzubekommen. Das scheint ihnen oft zu gelingen, denn sie machten einen wohlgenährten Eindruck.

elyente

Dann ging es weiter durch das nette Städtchen in Richtung Süden. Dabei hörten wir regelmäßig lautes Knallen etwas abseits der Straße, es klang wie Schüsse. Wir vermuteten, dass es sich um Tontaubenschießen oder eine ähnlich merkwürdige Freizeitbeschäftigung war, denen die Engländer so gern frönen, oder vielleicht wollten sie Vögel verscheuchen. Jagdsaison ist doch Anfang Juni noch nicht, wenn mich mein Halbwissen auf diesem Gebiet nicht täuscht.

Langsam wurden die Häuser größer und die Vorgärten aufwendiger gestaltet. Wohnten in Norfolk noch mehr Handwerker, die Werkzeugschuppen und Lieferwägen vor den Häusern stehen hatten, so schien es hier reichere Leute mit Zeit zum garteln zu geben. Über gemütliche Nebenstraßen erreichten wir Comberton, wo es wieder hügliger wurde.

cambridgeshire cambridgeshire2

Den Campingplatz, der etwa zehn Kilometer südöstlich von Cambridge liegt, kannten wir schon von einer früheren Reise. Peter war mal wieder schneller, und so unterhielt er sich schon mit der Dame an der Rezeption, als ich um die Ecke geschnäufelt kam: „Nur Sie und ein Zelt?“ – „Nein, meine Frau kommt noch.“ – „Ah! Da ist sie ja!“ Wir checkten ein und konnten für das Frühstück sogar Milch und eine Zeitung bestellen.

Der Platz ist ziemlich groß, und es war ja noch nicht viel los, also durften wir uns wieder ein gemütliches Plätzchen aussuchen. Dar Boden war ziemlich hart, und so ging ich wieder auf Hammersuche. Bei den netten Australiern mit ihrem Wohnmobil im Nachbarfeld wurde ich fündig: Ihr Hammer war sogar noch originalverpackt und wartete darauf, von uns eingeweiht zu werden. Als ich ihn nach dem Aufbauen zurückbrachte, wollten sie alles Mögliche über unsere Fahrräder, das Radeln in Europa, den Rechtverkehr auf dem Kontinent usw. wissen. Sie berichteten, dass es auch Leute gibt, die in Nord-Südrichtung durch Australien radeln, aber wir konnten uns nicht wirklich erklären, wie man das schaffen kann, so dünn besiedelt wie es da stellenweise ist. Und Vorräte kann man ja auf dem Rad nur in begrenzter Menge mitnehmen. Aber von Sydney nach Melbourne geht das durchaus, wurde mir versichert. Vielleicht eine Idee für den nächsten Urlaub? Nach einer Weile verabschiedete ich mich, da ich noch waschen wollte, und sie versprachen, noch vorbei zu kommen und unsere Räder zu bewundern.

Vor der Waschaktion ging ich erst duschen und stellte fest, dass das Himbeerrot meines Gesichts inzwischen ein zartes Milchkaffeebraun geworden war –  wer mein übliches Kaffee-Milchverhältnis kennt, weiß sicher, was gemeint ist. Danach fragte ich Peter, ob auf der Herrentoilette die Fliesen Himmelblau seien. „Ja, warum?“ – „Bei uns sind sie quietschrosa.“

Nach einem improvisierten Abendessen fuhren wir ins Dorf. Das Schild am Ausgang wies uns in mehreren Sprachen darauf hin, dass wir daran denken sollten, links zu fahren.

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Wir wussten, dass es im Dorf ein Pub gibt, und dass es nicht weit von der Dorfkreuzung entfernt ist, aber wir fanden es nicht auf Anhieb. So akkurat ist unsere Erinnerung nach zwölf Jahren doch nicht mehr. Wir fuhren alle vier Straßen ab und entdeckten das Pub in der letzten. Bei einem gemütlichen Bierchen ließen wir den Tag ausklingen.

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Am nächsten Morgen war es kalt, also schliefen wir etwas länger, denn wir wollten sowieso nicht weiter. Nach dem Frühstück ging ich in den Waschraum, deponierte die Kleidungsstücke im Waschbecken und gab einen halben Waschmitteltab dazu. Während ich die Wäsche knetete, walkte und ausspülte, kam eine ältere Dame, um zu kontrollieren, ob der Trockner frei sei. Interessiert fragte sie, wo genau ich in den Niederlanden wohne. Die Stadt sagte ihr nicht allzuviel, also fragte sie nach unserer lokalen Fußballmannschaft, die sie wohl kannte. Sie fährt regelmäßig zu Fußballspielen in die Niederlande, da sie Feyenoord-Fan ist. Ihr Mann bevorzugt allerdings Ajax. Außerdem berichtete sie, dass es letztes Jahr um diese Zeit so stark geregnet hatte, dass der Campingplatz praktisch unter Wasser gestanden hatte. In den Wohnwägen und Wohnmobils ging es gerade noch, aber die Zelte waren gnadenlos abgesoffen. Mir wurde wieder einmal klar, was für ein Glück wir bisher mit dem Wetter gehabt hatten, und ich klopfte auf den Stuhl im Waschraum.

Inzwischen hatte Peter die Regeln des Campingplatzes studiert und eine entdeckt, die wir bisher noch nirgendwo gesehen hatten: Wenn man schon Wäsche draußen aufhängen muss, sollte man das doch bitte diskret machen. Ich hatte einfach eine Schnur zwischen zwei Hecken gespannt – ob das diskret genug war?

wäsche

Dann brachen wir auf nach Cambridge. Das Radwegnetz ist hier gut ausgebaut und ausgeschildert, so dass wir ohne Schwierigkeiten ins Zentrum kamen. Bei unserer morgendlichen Zeitungslektüre hatten wir gelesen, dass eine Studentin einen Ferienjob bei „The Body Shop“ in Cambridge nicht bekommen hatte, da sie nicht Chinesisch sprach. In der Stadt wimmelte es tatsächlich von Chinesen, aber dass die tatsächlich alle im „Body Shop“ einkaufen und in ihrer eigenen Sprache beraten werden möchte, bezweifelte ich doch etwas.

Wir stellten die Räder bei der Tourist Information ab, und ich ging hinein, um mich nach Tipps und Sehenswürdigkeiten zu erkundigen. Ich bekam eine Karte mit einer Stadtwanderung, und die Dame fragte noch ein bisschen nach dem Woher und Wohin und zeigte sich gebührend beeindruckt von unseren Radlerplänen. Wir schlossen die Räder gegenüber der Tourist Information an einen Zaun, wie es hier anscheinend üblich ist, und machten uns auf den Weg, um uns weiterzubilden.

Natürlich trabten wir erst mal in die falsche Straße, aber nach einer Weile waren wir auf dem richtigen Weg und schon bald standen wir vor der St. Bene’t’s Church, der ältesten Kirche der Grafschaft. Die beiden Apostrophe sind übrigens korrekt, der erste steht für die Verkürzung des ursprünglichen Namens St. Benedict, der zweite ist der Genitiv-Apostroph, der im Englischen auch wirklich dorthin gehört. Die Kirche wurde rund 1000 n. Chr. erbaut und ist bekannt für ihren angelsächsischen Turm. Innen ist sie angenehm ruhig und schlicht.

stbenets

Dann gingen wir weiter durch verschiedene enge Gassen und kamen an der Bibliothek vorbei, wo uns ein Schild darauf hinwies, dass man doch bitte leise sein sollte, da die Studenten für ihre Examen büffelten. Aus diesem Grund waren auch die meisten Colleges geschlossen, und wir konnten, zusammen mit zahlreichen anderen Touristen, nur Fotos vom Innenhof des Trinity College, dem größten und reichsten College der Universität, machen.

trinitycollege

trinitycollege2 trinitycollege3

Doch natürlich spazierten wir auch an den zahlreichen anderen Colleges vorbei und amüsierten uns über das Schild, dessen Aufschrift „Keep off the grass!“ man kaum noch lesen konnte, da besagter Rasen schon sehr hoch stand. Das ist zwar sehr unenglisch, aber die Bienen und Schmetterlinge freuen sich sicher über die Blumen!

keepoffthegrass

Dann wanderten wir zum Jesus Green, kauften unterwegs noch einen Imbiss ein (natürlich auch den unvermeidlichen Pork Pie) und suchten uns dort ein nettes Bänkchen. Im Park spielten Schulkinder Fangen und Verstecken. Irgendwann war die Mittagspause vorbei, und die Lehrer trieben ihre Schäflein wieder zusammen und sammelten die zurückgelassenen Kleidungsstücke ein. Auch wir gingen gestärkt wieder in die Stadt zurück.

Am Fluss Cam war es am späten Vormittag noch sehr ruhig, und die Punts lagen noch an den Kais. Doch als der Tag weiter fortschritt, konnte man von den Brücken aus die Boote beobachten, in denen die Touristen entweder selbst stakten oder staken ließen. Mir als eingefleischter Landratte sind diese kippligen Dinger ja zutiefst suspekt, und so war ich sehr beeindruckt von einem Stadtführer, der das Multitasking perfekt beherrschte: Das Gleichgewicht halten, das Boot mit Hilfe seiner langen Stange vorwärts staken und dabei noch fröhlich auf die Sehenswürdigkeiten hinweisen.

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Wir bummelten noch eine Weile durch enge Gassen und breite Einkaufsstraßen und betrachteten die verschiedenen, oft monumentalen Gebäuden, aber auch netten Fachwerkhäusern.

engegassen monumentalesgebaude

fachwerkhäuser

Besonders interessant ist die Kirche „Holy Sepulchre“, eine von fünf Rundkirchen, die es in England gibt. Sie wurde im 12. Jahrhundert vom Tempelritterorden erbaut.

holysepulchre

Doch nach einer Weile hatten wir genug von den Menschenmassen. Bei Marks & Spencer kauften wir Paella und Birnencider für das Abendessen. Dann schwangen wir uns auf die Räder und fuhren in das malerische Dörfchen Grantchester.

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grantchester

Der fünfte Roman der Inspector-Lynley-Reihe von Elizabeth George, „For the Sake of Elena“, spielt in Cambridge und auch teilweise in Grantchester. Während die Autorin das St. Stephen’s Collge frei erfunden und zwischen das Trinity College und Trinity Hall gequetscht hat, gibt es die ehemalige Schule, in der die Malerin Sarah Gordon lebt, wirklich.

Als wir wieder auf dem Campingplatz waren, hing meine Wäsche immer noch zwischen den Hecken und war inzwischen trocken. Anscheinend hatte ich sie diskret genug aufgehängt. Wir ließen uns unsere Paella und den Birnencider schmecken und lasen Zeitung. Dann ging, nach einem eher bewölkten Tag, die Sonne über den weiten Feldern von Cambridgeshire unter.

sonnenuntergang

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Ostengland 2013 – Teil 3

Die North Norfolk Coast

Am Morgen weckte uns strahlender Sonnenschein. Wie immer hatten wir zwei Stunden nach dem Aufstehen alles eingepackt, und nach einem Schwätzchen mit Linda fuhren wir los. Da Peter gestern schon so gut aus Norwich herausgefunden hatte, war ich mir sicher, dass er uns auch um die Stadt herum dirigieren konnte. Während ich hinter ihm herfuhr, summte ich leise „I will follow him…“ aus dem Film „Sister Act“ vor mich hin. Und tatsächlich ging alles gut, und bald waren wir wieder auf den bevorzugten gemütlichen Nebenstraßen, vorbei an den für diese Gegend typischen robusten Kirchen und Reetdachhäusern.

flachesland reetdachhaus

kirche

An das Linksfahren hatten wir uns inzwischen wieder gewöhnt. Aber wenn ein Auto mit gesetzten Blinker links  in einer Seitenstraße stand, erwarteten wir immer noch instinktiv, dass er auf unsere Spur hinüberziehen würde, was aber natürlich nicht der Fall war. Auch zeitunglesende Leute oder Hunde auf dem Sitz links vorne brachten uns gelegentlich noch aus dem Konzept.

Die Hügel, die es in und um Norwich durchaus in sich haben, wurden flacher. Doch je mehr wir uns der Küste näherten, wurden die Steigungen wieder merkbarer, das Land faltet sich zur See hin auf. Bei dem Seebad Cromer erreichten wir das Meer, das freundlich blau im Sonnenschein glänzte.

meerbeicromer

Dann ging es weiter nach Westen. Da wir praktisch links abgebogen waren, hatten wir jetzt fast Rückenwind und kamen flott voran. Wir folgten der A149, die an der Küste entlang führt. Normalerweise versuchen wir ja die Hauptstraßen zu meiden, aber hier war wenig Verkehr. Im Juli und August, wenn auch in England Sommerferien sind, ist das wahrscheinlich anders, dann werden die Autos wohl von King’s Lynn bis Great Yarmouth Stoßstange an Stoßtange spazieren stehen. Aber jetzt genossen wir die flache Strecke mit Meerblick.

In dem netten Städtchen Sheringham unterbrachen wir die Fahrt, um die nötigen Einkäufe zu erledigen, denn man braucht ja unterwegs die Kalorien.

sheringham

Bei einer Pause am Straßenrand mit Aussicht über den Golfplatz nahmen wir diese in Form von leckeren Blaubeermuffins zu uns. Wieviele Golfbälle bei diesem Platz wohl im Wasser versenkt werden? Bei Weybourne kamen wir an einer Windmühle vorbei und fühlten uns wie zu Hause.

windmeuhleweybourne

Bei Cley-next-the Sea mussten wir die Küstenstrecke verlassen, da ich dort einen Campingplatz in der Nähe des Naturgebiets Blakeney Point ausgesucht hatte. Doch was mussten wir sehen, als wir davor standen? Ein Schild mit der Aufschrift „The Camping and Caravanning Club – Members only!“ Davon war auf ihrer Website nicht die Rede gewesen! Natürlich sind wir keine Mitglieder irgendwelcher Campingclubs, denn vierzig Pfund sind eine Menge Geld, und so lange es Alternativen gibt, legen wir das doch besser in Pork Pie und Cider an. Wir beschlossen, zurück an die Küste und weiter westwärts zu fahren, bis wir etwas Passendes finden würden. Es war ja noch nicht besonders spät, und Wind und Wetter waren mit uns.

Nach etwa zehn Kilometern sahen wir am Ende des Dörfchens Stiffkey einen Wegweiser zu einem Campingplatz. Vor der Rezeption stand ein Eiswagen, der uns unterwegs überholt hatte. Sofort kramte ich meinen Geldbeutel heraus, und wir gönnten uns ein leckeres Vanilleeis (ich) bzw. Erdbeereis (Gatte). Damit war auch das Angebot des Eismannes ausgeschöpft.  Der Platzwart kam aus der Rezeption und fragte, wo wir heute Morgen losgefahren waren, und er und der Eismann zeigten sich gebührend beeindruckt: „Blimey, all the way from Norwich!“ Da freut man sich doch!

Er gab uns genaue Anweisungen, wo wir unser Zelt aufstellen durften – ein schattiges, windgeschütztes Plätzchen mit Morgensonne. Auf meine Frage, ob man Duschmünzen benötigte, antwortete seine Frau, dass wir nur auf den Knopf drücken mussten, und er ergänzte, dass es sogar 24 Stunden am Tag warmes Wasser gebe, wir bräuchten uns also nicht zu beeilen. Das war ja fast so schön wie vor Jahren in Bregenz, wo wir die indignierte Antwort bekamen: „Wo denken’S hi? Mir san angschloss’n ans modernste Sanitärsystem von Österreich, Sie drehen am Hahn und Sie ham Wasser!“

Dann musste erst mal mein Rad verpflastert werden, das ich während einer Pause irgendwo ungeschickt angelehnt hatte, so dass die Schaumstoffverkleidung am Lenker einen Riss hatte. Doch er konnte mit Leukoplast schnell repariert werden, und es hält auch jetzt noch.  Das Zeugs ist einfach gut!

Inzwischen war deutlich zu merken, dass es Freitag war, immer mehr Familien rückten an, um das schöne Wochenende an der See zu verbringen. Neben uns bauten zwei Männer mit ihren Söhnen, die noch die Schuluniform anhatten, drei Zelte auf – zwei zum Übernachten und ein Küchenzelt. Rhythmisch hämmerten die beiden Jungen die Heringe in den harten Boden. Auch wir mussten uns  bei einer anderen Familie einen Hammer leihen, und hier ging auch der erste (und einzige) Hering dieses Urlaubs kaputt. Bei meinen Beobachtungen stellte ich fest, dass mein Schlafanzug völlig dem Dresscode dieses Platzes entsprechen würde, aber ich fand es dafür noch etwas früh.

Nach getaner Arbeit und einem improvisierten Abendessen machten wir noch einen Spaziergang in das Naturgebiet „Salt Marshes“, das direkt hinter dem Campingplatz beginnt.

saltmarshes

Zwischen den Marshes und dem Platz verläuft auch der „Norfolk Coastal Path“, ein Küstenwanderweg von Hunstanton nach Cromer.

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Bei Ebbe zieht sich das Wasser sehr weit zurück, aber es gibt zahlreiche „creeks“, also Prielen, die fast immer mit Waser gefüllt sind. Dort hausen zahlreiche Wasservögel, so dass diese Gegend gerne von „Bird Watchern“ besucht wird.

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Man kann recht weit hinausgehen, aber natürlich muss man sich gut mit den Gezeiten auskennen und rechtzeitig umkehren, damit die Flut einem nicht den Weg abschneidet. Als Unkundige gingen wir nur ein Stück hinaus und behielten auch die anderen Spaziergänger, die sich hoffentlich besser auskannten, im Auge.

Dann machten wir es uns vor dem Zelt mit unserer Lektüre gemütlich. Jeder von uns hatte einen der dicken Kathedralenwälzer von Ken Follet dabei, „The Pillars of the Earth“ und „World Without End“, und wir achteten darauf, dass wir immer ungefähr gleich weit waren, so dass wir problemlos tauschen konnten, wenn wir durch waren. Seit wir uns mit dieser Lektüre beschäftigt haben, besichtigen wir Kathedralen mit noch mehr Interesse und Respekt als bisher. Als es dunkel wurde, verkrochen wir uns in die Schlafsäcke.

Am nächsten Morgen waren wir schon früh wach. Es war bewölkt und richtig kalt, und wir machten, dass wir in die Gänge kamen.  Beim Zeltabbauen riss ich mir an einem Hering den rechten Zeigefinger auf. Jetzt waren meine Leeze und ich an der gleichen Seite verpflastert. Als wir reisefertig waren, erwachte der Platz gerade langsam zum Leben.

Erst war auf der Hauptstraße noch angenehm wenig Verkehr und der Wind war mit uns. Doch je mehr wir uns King’s Lynn näherten, umso mehr Autos waren unterwegs, so dass wir bei Hunstanton doch wieder auf eine Nebenstraße auswichen. In Dersingham wurde es mal wieder Zeit für eine Pause, und Peter ging in den Supermarkt, während ich die Räder bewachte. Eine alte Dame musterte mein Fahrrad und fragte: „Is this your bike?“ Als ich dies bejahte, rief sie: „It’s wonderful!“ Die Dame hat Sachverstand und Geschmack, ich bin ja damit auch sehr zufrieden.

Als wir weiterfuhren, stießen wir wieder einmal auf den Nordseeradweg, der wir bis Sandringham House, dem Landsitz der Queen, folgten. Ich muss schon sagen, die Queen wohnt sehr schick!

sandringham

Wir brauchten eine ganze Weile, bis wir das ummauerte Grundstück passiert hatten. Anscheinend fand dort auch eine Art Wehrübung statt, denn es standen einige Soldaten in der Gegend herum, von denen einige so jung aussahen, das sich sie erst für eine etwas militaristische Pfadfindergruppe hielt. Weiter ging es an blühenden Rhododendren vorbei nach King’s Lynn.

rhododendron

Die Nordseeroute führte uns am Zentrum vorbei durch einen Park, an dessen Eingang man sich durch ein merkwürdiges Tor quetschen musste.

torkingslynn

Es waren noch zahlreiche andere Radfahrer und Spaziergänger unterwegs, doch die waren wohl Kummer mit Tourenradlern gewöhnt, denn hier führt ja auch der NSCR durch. Da es kein Schild nach North Runcton gab, wo wir eigentlich zelten wollten, fuhren wir weiter durch die inzwischen brettlebnene Landschaft nach Downham Market, wo es ebenfalls einen Campingplatz geben sollte. Am Ortsrand sahen wir an einer Tankstelle eine Hundewaschanlage. Ob das den Hunden wirklich so viel Spaß macht, wie uns die Aufkleber suggerieren sollen?

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Wir folgten den Schildern zur Tourist Information, um nach dem Campingplatz zu fragen. Doch diese hatte schon geschlossen. Davor hingen zwar zwei Karten, aber die eine zeigte nur das Zentrum, und die andere ein paar obskure Wanderwege. Was für eine Service-Dienstleistungswüste! Ich kann ja verstehen, dass man an einem Samstagnachmittag um drei Uhr nach Hause möchte, aber kann man dann nicht wenigstes eine gute Umgebungskarte mit Übernachtungsmöglichkeiten aufhängen? Woanders geht das doch auch? Da fällt mir ein, ich wollte ja da noch hinschreiben.

Aufs Geratewohl fuhren wir wieder aus der Stadt, und siehe da – ein Schild direkt am Eingang zum Everglades-Campingplatz, allerdings mit dem Zusatz „The Camping and Caravanning Club – Members Only“. Na toll! Trotzdem schauten wir uns das Gelände an, das nur aus einem Fischteich bestand, an dem ein paar unfreundliche Angler saßen. Es gab keine Rezeption, und so etwas wie ein Toilettengebäude konnten wir auch nicht entdecken. Außerdem war alles sehr ungepflegt und heruntergekommen. Das konnte es ja wohl nicht sein! Wir machten kehrt und fuhren wieder in die Stadt zurück. Dort sahen wir an einem Kreisverkehr ein Schild, das uns auf die Ausfallstraße nach Denver (nicht in den USA!) schickte, wo wir dann auch bald den Platz „West Hall Farm Holidays Lakeside“ fanden. Der sah schon viel besser aus, ein nettes Rezeptionsgebäude und ein gepflegter Fischteich begrüßten uns.

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Auch von den Platzwarten wurden wir freundlich empfangen und durften uns ein Plätzchen auf der Zeltwiese aussuchen. Da es Wochenende war, war ein Teil der Weise schon von Familien besetzt, die Zelt- und Wagenburgen gebaut hatten und den Grill vorheizten, auf dem wohl bald der Ertrag aus dem Fischteich verspeist werden sollte. Wir verzogen uns ans andere Ende der Wiese und bauten unser Zelt im Schutz der Hecke auf. Erst als es schon stand, merkten wir, dass ein Golfplatz an die Zeltwiese grenzte und ein Loch recht nah bei unserem Zelt war. Eine Gruppe Golfer versammelte sich dort und versuchte, den Ball einzulochen. Sie schafften es, ohne dass er über den Zaun und uns gegen die Rübe flog. Nicht schlecht.

Das Sanitärgebäude war ordentlich, und hier brauchte man zum Duschen eine Pfundmünze für ungefähr zehn Minuten. Peter hatte beim Duschen eine nette Szene mitgekriegt. Ein Vater wollte sein Kind duschen, das sich bitter beklagte, weil das Wasser so kalt war. Ein anderer Herr, der sich gerade rasierte, gab Anweisungen: „Left is hot, right is cold.“ Doch das Drehen nach links schien nicht zu helfen, also fragte er: „Have you put a pound coin in?“ „What?!?“ Das muss einem ja auch gesagt werden.

Nach einem gemütlichen Abendessen mit verschiedenen Salaten, Häppchen und Birnencider gingen wir schlafen.

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