Streifzüge

Er gaat niets boven Groningen – Seehunde, ein Stadtbesuch und Erinnerungen

Gestern waren wir mal wieder in Pieterburen, da wir uns persönlich vom Wohlergehen unseres Seehunds Bjarne überzeugen wollten. Ich hatte uns ordnungsgemäß vorher angemeldet, und der nette Mitarbeiter an der Rezeption wusste Bescheid.

Sobald seine Kollegin ihn ablöste, ging er mit uns zum „Buitenbad“, einem Außenbecken, wo sieben Kegelrobben (grijze zeehonden) friedlich vor sich hin plantschten. Aber welcher davon war Bjarne? Sie sehen sich ja alle recht ähnlich, und das Hochhalten der Adoptionsurkunde half auch nichts – keiner winkte uns begeistert zu.

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Der Mitarbeiter, der uns begleitete, ging nach dem Ausschlussprinzip vor: Die mit einem lila Etikett in der Schwanzflosse konnten es nicht sein, denn die waren letztes Jahr gefunden worden, der eine mit dem roten Etikett, der so elegant am Ufer lag, war es auch nicht, denn der hatte noch eine Wunde an der Schwanzflosse und so weiter. Irgendwann kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass Bjarne der Seehund in der vorderen Ecke sein musste.

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Als „Adoptiveltern“ kriegt man hier eine richtige VIP-Behandlung, man darf zusammen mit einem Mitarbeiter über die Absperrung, und er erklärt einem alles über unseren Seehund. So erfuhren wir, dass Bjarne in dem Monat, den er schon in Pieterburen ist, knapp zehn Kilo zugenommen hat und jetzt also 23 Kilo wiegt. Seine Gesundheit macht gute Fortschritte. Er scheint ein recht eigenwilliger Zeitgenosse mit einem ausgezeichneten Gebiss zu sein, das er uns auch mehrmals zeigte. Seehunde sehen zwar sehr knuddelig aus, aber es bleiben Raubtiere, und wenn einer zuschnappt, dann tut das weh, wie uns versichert wurde.

Da ich mich noch immer in der Smartphone-Lernphase befinde, machte ich einige Fotos mit meinem schicken Gerät und schickte sie gnadenlos an Freunde und Bekannte. Und ich habe sogar rausgekriegt, wie ich die Dinger auf den heimischen PC kriege. Toll, nicht wahr?

Im Kino der Seehundstation wurde passenderweise ein kurzer Film über Kegelrobben gezeigt. Die jungen Kegelrobben werden mitten im Winter geboren und haben ein dickes weißes Fell. Darum können sie auch in ihren ersten Lebenswochen noch nicht ins Wasser, denn das Fell würde sich sofort vollsaugen. Die Mutter säugt ihr Junges also an Land, und nach etwa fünf Wochen, wenn es groß genug ist, wird das weiße Fell durch normales Fell ersetzt. Dann verlässt die Mutter das Junge, und es muss sich allein durchschlagen. Zwischendurch muss die Mutter jedoch selbst mal auf Jagd, und in dieser Zeit ist das Junge dann allein an Land. Wenn Menschen dann zu nah heran kommen, verstößt die Mutter ihr Kind. Wenn es Glück hat, wird es, wie unser Bjarne, gefunden und in der Seehundstation aufgepäppelt, aber es ist natürlich viel besser, die Seehunde in Ruhe zu lassen, so dass es gar nicht notwendig ist.

Nach diesem lehrreichen Besuch fuhren wir nach Groningen, wo Peter seine Studentenzeit verbracht hatte. Wir parkten unser Auto in Beijum hinter Peters ehemaligem Studentenhaus und fuhren mit dem Bus ins Zentrum. Inzwischen ist es Linie 4 und nicht mehr Linie 6 – immer diese Veränderungen!

Groningen war die erste niederländische Stadt, die ich kennengelernt und auch oft besucht hatte, und auf unserem Weg durch die Stadt wurde ich von zahlreichen Erinnerungen eingeholt: So radelte ich einmal allein mit einer Karte bewaffnet von Beijum nach Paddepoel, um einen Freund zu besuchen, der in einer ziemlich hohen Hausnummer wohnte. Von meiner deutschen Geografie ausgehend erwartete ich eine unendlich lange Straße und war erstaunt, dass ich sehr schnell vor meinem Ziel stand, da man hier die Wohnungen in einem Hochhaus einzeln durchnummeriert. Ist ja auch viel praktischer.

Und einmal traf ich mich mit einer Freundin am Grote Markt beim Warenhaus V&D, was mir damals noch gar nichts sagte. Doch sie erklärte mir: „You will find it. Everybody meets at the V&D.“ Dass besagte Warenhauskette vor Kurzem Konkurs angemeldet hat und wohl bald von der Bildfläche verschwunden sein wird, bedeutet irgendwie das Ende einer Ära.

Aber viele Dinge gibt es noch immer: So steht der Martinitoren (d’Olle Grieze), den ich damals im Schweiße meines Angesichts erklommen hatte, immer noch da, wo er hingehört, und auch das Café „Ugly Duck“, wi wir uns gnadenlos an Spareribs überfressen hatten, gibt es noch.

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Diesmal aßen wir keine Spareribs (man wird ja vernünftig), sondern die typisch Groninger Mosterdsoep und Broodjes. Dabei musste ich mal wieder an den herrlichen Dialogausschnitt aus dem Lehrbuch „In de startblokken – Nederlands voor Duitstaligen“ denken: „Dan neem ik ook een voorgerecht. De mosterdsoep is hier altijd erg lekker.“ Da diese Unterrichtsmethode an der Universität Groningen entwickelt wurde, muss so ein Satz natürlich hinein.

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Danach gingen wir durch die Herestraat, die Einkaufsstraße schlechthin, zum Bahnhof. Dieses monumentale Gebäude hat einfach was.

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Zu meiner Groninger Zeit war die Decke in der Bahnhofshalle leider nicht zu sehen, da sie renoviert wurde, aber diesmal konnten wir sie in ihrer ganzen Pracht bewundern. Leute, so muss ein Bahnhof aussehen!

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Mein Verhältnis zu diesem Bahnhof war damals eher ambivalent, denn wie oft war ich hier angekommen, um relativ kurze Zeit später wieder Abschied nehmen zu müssen. Aber jetzt, wo ich meinen Platz hier gefunden habe, freue ich mich darauf, bei meiner Pieterpad-Wanderung in Groningen anzukommen und von dort aus auch wieder nach Hause zu fahren.

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Chiemgauer Streifzüge – Teil 3

Wir hatten gut geschlafen, da es nachts trocken geblieben war. Nach dem Frühstück brachen wir zu einer weiteren Radtour auf. Wir folgten dem Südufer des Chiemsees, von dem wir am Vortag wegen des Schietwetters nicht allzuviel gesehen hatten, und wollten bei Übersee auf den Radweg entlang der Tiroler Ache abbiegen. Wie gesagt – wollten, denn das ging natürlich nicht ohne die üblichen Schwierigkeiten.

Beim Überqueren der Straße in der Nähe von Bernau ging der Radweg sowohl versetzt geradeaus als auch nach links weiter. Ich hatte ein bisschen vor mich hin getrödelt  und nicht aufgepasst, und so kam es, dass Peter links abbog und ich geradeaus weiterfuhr. Schön war es da schon, nur Peter war nirgends zu sehen. Für solche Fälle haben wir die Abmachung, dass wir zurück zu dem Punkt fahren, wo wir uns zuletzt gesehen haben. Peter tat dies auch brav, aber ich fuhr dorthin, wo er meiner Meinung nach hätte sein sollen. So konnte das ja nichts werden. Dank der Tatsache, dass wir beide die Handys dabeihatten, konnten wir bald wieder gemeinsam weiterfahren. So war dieses Gerät, mit dem ich mich bie heute nicht richtig anfreunden konnte, doch mal zu etwas gut.

Das Abbiegen auf den Radweg an der Tiroler Ache klappte natürlich auch nicht, da wir uns in Übersee verfranzten und auf die Hauptstraße nach Grassau gerieten. Dem Gatten war das wurscht, schließlich wollten wir ja dort Mittag essen. Aber ich fahre nicht gern auf Hauptstraßen und bestand darauf, bei der nächsten Gelegenheit links abzubiegen, da wir laut meinem Instinkt dann auf den Fluss stoßen müssten. Peter traute dem zwar nicht ganz, gab aber nach, und als wir an em idyllischen Dörfchen Almau vorbeikamen, wussten wir, dass wir richtig waren.

Und man muss doch zugeben, dass so ein Flussradweg viel schöner ist als eine Hauptstraße:

In Grassau fanden wir einen netten Biergarten zum Mittagessen und schrieben dort auch ein paar Postkarten. Dann fuhren wir durch das Moorgebiet „Kendelmühlfilzen“ wieder zurück.

Wir kamen noch am Bayerischen Moor- und Torfmuseum vorbei, das ich gerne besichtig hätte, doch leider war es an diesem Tag geschlossen.

Am Spätnachmittag hatten wir unsere Runde beendet und brachten die Räder zurück. Die „Dutch-Perfect“-Reifen hatten ihr Versprechen gehalten, wir hatten tatsáchlich keinen Platten gehabt. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie wegen der dickeren Gummischicht auch irgendwie schwerfälliger in der Kurve sind. Vorläufig werden wir erst mal bei den bewährten Schwalbe-Reifen bleiben.

Dann mussten wir Geld abheben, da unser Bargeldvorrat ziemlich geschrumpft war. Doch der erste Automat akzeptierte unsere Karte nicht, der zweite war sowieso schon außer Betrieb. In einer Eisdiele half man uns weiter und nannte uns vier weitere Automaten in der Nähe, von denen auch gleich der erste die gewünschte Summe ausspuckte.

Dann kauften wir noch ein und verbrachten den Abend zeitunglesend auf dem Campingplatz, wo die Schafe nebenan friedlich vor sich hinklökten.

Am nächsten Morgen gab es beim Frühstück geballte Äktschn auf dem Platz. Für ein Wohnwagengespann ein Stück weiter weg war die Kurve zur Ausfahrt zu eng, also wollten sie andersherum, also einmal um den Platz fahren. Dabei schrammten sie beim Abbiegen ein Auto zwei Parzellen von uns entfernt. Bei der Rezeption, wo Peter gerade Semmeln holte, fragten sie hektisch nach den Besitzern, die gerade nicht da waren. Doch kurze Zeit später kamen sie zurück, und der Herr quittierte den Schaden mit einem trockenen „Sauber!“. Man tauschte Personalien und Versicherungsdaten aus, und das Gespann fuhr seines Weges, ohne weitere Schäden anzurichten.

Nach diesem ereignisreichen Frühstück fuhren wir mit dem Auto nach Marquartstein und vorn dort mit der Seilbahn auf die Hochplatte. Vor ein paar Jahren waren wir im Oktober einmal da geswesen und standen an der Bergstation knöcheltief im Schnee. Davon war heute jedoch nichts zu merken, es war sogar ziemlich warm.

Oben wollten wir den Staffenrundweg gehen und dann über die Hefteralm ins Tal wandern. Doch als wir die Abzwigung zur Hefteralm erreichten, war es uns schon zu warm, und es war noch nicht einmal 10 Uhr! Slso beschlossen wir, auf den Rundweg zu verzichten und gleich gemütlich nach unten zu wandern, denn auf einen Hitzschlag hatten wir keine Lust.

Unterwegs hatten wir einen wunderschönen Blick über den Chiemsee und die Umgebung:

Immer wieder begegneten wir Mountainbike-Fahrern, die mit mehr oder weniger roten Köpfen der Berg hochschnauften. Das hatte es, als ich als Kind dort oben war, noch nicht gegeben! Wenn die Leute dann den Weg hinunterbrettern, ist das sicher auch nicht gerade ungefährlich. Ich fahre ja gern Rad, aber so etwas würde ich mir nie freiwillig antun.

Nach einer Weile sah man im Tal die Hefteralm und kehrten dort ein. Die Alm wird zwar nicht mehr von dem netten alten Ehepaar, sondern von ihrer Enkelin bewirtschaftet, aber der Kaiserschmarrn ist immer noch genauso lecker wir früher. Schon deswegen hat sich die Wanderung gelohnt.

Den Rest des Tages, der so turbulent angefangen hatte,  verbrachten wir mit Einkäufen in Prien und dann ganz ruhig mit einem Buch auf dem Campingplatz, und am nächsten Tag wurde es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen.

Unterwegs machten wir in Würzburg Station, wo es in der Nacht ein furchtbares Gewitter gab. Dabei soff unser Zelt endgültig ab. Wenn das Wasser mehrere Millimeter hoch im Innenzelt steht, ist nichts mehr zu retten, und schweren Herzens nahmen wir Abschied von der Behausung, die uns in den letzten acht Jahren bei so manchen Stürmen, Gewittern und sonstigem Schietwetter Schutz geboten hat.  Demnächst werden wir also wieder diverse Outdoor-Geschäfte besuchen und dort „die Rücken-, Seit- und Bauchlage ausprobieren“ (Loriot).

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Chiemgauer Streifzüge – Teil 2

Am nächsten Morgen war es etwas abgekühlt und bewölkt, also ideales Radlerwetter, und wir machten uns auf den Weg, um den Chiemsee zu umrunden, und zwar im Uhrzeigersinn. Trotz Hochsaison waren recht wenig Leute unterwegs, nur eine fünfköpfige Familie überholte uns öfters, wenn wir gerade eine Fotopause machten oder die Karte konsultierten, um uns dann an der nächsten Weggabelung wieder vorbei zu lassen. Vielleicht dachten sie, dass wir uns hier auskannten.  Irgendwann waren sie dann verschwunden.

Der Chiemsee-Rundweg ist gelegentlich etwas kurvenreich, aber schön zu fahren, es gibt sehr nette Stückchen direkt am Ufer entlang, und andere führen etwas weiter vom See weg, so dass man auf die Schilder achten muss. Von manchen Stellen aus hat man einen wunderschönen Blick auf die Alpen (die Gegend heißt nicht umsonst „Malerwinkel“), aber die Gipfel waren an diesem Tag ziemlich umwölkt.

Bis Seebruck blieb es trocken, doch dann begann es zu regnen, und bei Chieming, ziemlich genau auf halber Strecke, hatten wir richtiges Schietwetter. Egal, es war sowieso Zeit für die Mittagspause, also flüchteten wir is erstbeste Restaurant am Weg, wo wir eine Tropfspur zu einem der Tische zogen. Wir bestellten uns etwas mit Fisch, denn schließlich waren wir ja am Chiemsee. Während wir auf das Essen warteten, schauten wir gelegentlich nach draußen, ob es schon Struktur gab, denn dann soll ja laut Wetterfrosch Erwin Kroll der Regen nachlassen. Danach sah es aber vorerst nicht aus.

Die Wirtin erzählte uns, dass man von Chieming aus mit dem Schiff nach Prien fahren kann, aber da müssten wir noch über zwei Stunden warten. Doch als wir unseren leckeren Fisch verspeist hatten, sah es auch schon wieder etwas besser aus, also machten wir uns wieder auf die Socken. Unterwegs wechselten sich leichter und stärkerer Regen ab, und wir mussten öfters durch Pfützen und Schlammlöcher fahren, so dass unsere Räder bald mit einer dicken Schmutzschicht bedeckt waren. Trotzdem genossen wir die Umgebung, die auch bei Regen durchaus ihren Reiz hat.

Als wir Bernau erreichten, wagte sich die Sonne wieder vorsichtig hervor. Und auf den letzten Kilometern begann mein Hinterteil zu protestieren, denn ein ungewohnter Sattel ist ein ungewohnter Sattel ist ein ungewohnter Sattel…

Als wir auf dem Campingplatz ankamen, wurden die Duschen gerade geputzt, so dass wir eine Weile warten mussten. Also beobachteten wir die anderen Leute. Die Niederländer gegenüber waren abgereist, statt dessen stand da eine italienische Gruppe mit so einem Handtaschenhund, der einen Mordsradau machte. In den nächsten Tagen entdeckten wir noch mehr von der Sorte, sie hatten wohl den Jack Russell als Campinghund der Saison abgelöst.

Nach einer Weile hatten wir wieder strahlenden Sonnenschein, in dem unsere Klamotten friedlich vor sich hintrockneten. Die Schlammkruste an den Fahrrädern konnte mit einer „Power-Flaschenbürste“, die Peter im Supermarkt entdeckt und mitgenommen hatte, da sie nur einen Euro kostete, wunderbar gereinigt werden. Außerdem wurden die Fahrradketten gründlich geölt – mit Sonnenblumenöl, da wir kein Kettenöl mit hatten. Bei Hitze stinken die Dinger jetzt bestimmt wie eine ganze Pommesbude.

Nur das Zelt machte uns ein weinig Sorgen, da während des Regengusses an einigen Stellen Wasser durch den Zeltboden ins Innenzelt eingedrungen war. Zum Glück waren die Schlafsäcke trocken geblieben, und Struppie hatte es sowieso vorgezogen, den Tag im Auto zu verbringen.

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Chiemgauer Streifzüge – Teil 1

Da wir in den Sommerferien sowieso in der alten Heimat waren, fuhren wir Mitte August mit dem Auto für ein paar Tage an den Chiemsee. Ich hatte ein paar Campingplätze aufgeschrieben, davon einen in Prien direkt am Seeufer. Diesen steuerten wir als erstes an. Doch obwohl es erst halb 12 war, war die Schlange an der Rezeption recht lang. Wir hofften, dass es sich um Leute handelte, die auschecken wollten, doch schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass das nicht immer der Fall war. Und das bisschen, was man am Eingang vom Platz sehen konnte, gefiel uns nicht besonders. Also schlug ich Peter vor, dass er sich schon mal auf dem Platz umschauen sollte, während ich wartete. Vielleicht war der Rest ja schöner. Doch als er zurückkam, bestätigte er den ersten Eindruck: Voll, winzige Zeltwiese, steiniger Untergrund, und WC-Papier schien es dort auch nicht zu geben.

Also der nächste Platz, wir hatten ja noch genug Alternativen. Beim „Hofbauern“ wurden wir freundlich empfangen und bekamen eine Parzelle zugewiesen. Gut, der Platz lag zwar nicht direkt am Seeufer, aber dafür hatte man genug Platz und moderne Sanitäranlagen *mit* Papier. Und auf der Weise nebenan grasten Schafe.

Nachdem wir das Zelt aufgebaut hatten, machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Da es ein ganz schöner Fußmarsch ins Zentrum war, beschlossen wir, heute noch Fahrräder zu mieten. Beim Femdenverkehrsamt stellten wir erfreut fest, dass es dort zahlreiche Fahrradkarten und eine Liste mit Fahrradvermietern gab. Und die freundliche Dame gab uns auch gleich die Fahrpläne für die Schiffe und den Fahrradbus, der mehrmals am Tag den Chiemsee umrundet, dazu. Gut zu wissen, dass es so etwas gibt.

Der erste Fahrradhändler gegenüber hatte alle Räder für die ganze Woche verliehen udn der zweite beim Bahnhof „könnte vielleicht morgen wieder zwei haben, aber nur vielleicht.“ Man merkte halt doch, dass es Hochsaison war. Da wir noch ein paar Adressen hatten, ließen wir uns nicht entmutigen. Das dritte Fahrradgeschäft lag nicht ganz so zentral, und der Inhaber, eine bayrische Ausgabe von Vatter Thiel aus dem Münster-Tatort, zeigte uns ein paar, die wir ausprobieren konnten. Allerdings hatte er keine Damenfahrräder, aber das war nicht so tragisch. Beim Auf- und Absteigen musste ich halt etwas aufpassen, genauso wie unser Mitbewohner, der es sich nicht nehmen ließ, das Rad zu testen:

Nachdem wir unsere Wahl getroffen hatten, mussten wir noch etwas warten, denn Vatter Thiel war in eine hitzige Diskussion mit einem Interessenten am Telefon verwickelt: „Naa, Sie wiss’n nix, und Sie kennan a nix wiss’n! Sie miass’n scho vorbeikemma und Si des oschaug’n.“ Dann erklärte er uns stolz, dass seine Räder mit absolut pannensicheren Reifen der Marke „Dutch Perfect“ ausgestattet seien, sogar noch besser als die von Schwalbe. Einen Platten würden wir also nicht kriegen. Wir waren gespannt. Da es schon spät am Nachmittag war, mussten wir den heutigen Tag nicht mehr bezahlen.

Auf dem Fahrrad kam sofort das richtige Urlaubsgefühl auf, und so fuhren wir nach dem Einkaufen noch an den See, um den Abend zu genießen.

Am nächsten Morgen wollten wir zum Schloss Hohenaschau, wo meine Eltern mit uns einmal Urlaub gemacht hatten, als wir klein waren. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir ein riesiges Zimmer mit Deckenbemalung hatten und dass die Toilette in einem der kleinen Türmchen untergebracht war. Wenn ich nachts dorthin musste, war ich immer hin und her gerissen zwischen der Hoffnung, einem Gespenst zu begegnen, und der Angst davor. Gesehen habe ich nie eins…

Wir nahmen die Abzweigung nach Urschalling, doch der Weg wurde bald so steil, dass wir beide absteigen mussten. Nun finde ich das normal, so etwas passier tmir dauernd, aber der Gatte schien es als persönliche Beleidigung aufzufassen. In Hittenkirchen beschlossen wir dann, zur Hauptstraße zwischen Bernau und Aschau zu fahren, die hoffentlich etwas flacher war.

Gut, es ging relativ gemäßigt bergauf, war aber doch anstrengend, denn gut 70 Höhenmeter wollen ja schließlich überwunden werden. Nach einer Biegung thronte plötzlich das Schloss auf seinem Felsen vor der Kampenwand, ein Anblick, der die Mühen wieder wett macht.

In Aschau gönnten wir uns erst einmal ein Mittagessen und sahen uns im Ort um:

Dann fuhren wir ein Stück den Schlossberg hoch, doch bald mussten wir die Räder zurücklassen und laufen. Oben hatten wir noch Zeit, das Museum zu besichtigen, und dann wurden wir von Franz für die Schlossbesichtigung in Empfang genommen.Wir gingen erst in den Schlosshof, wo sich im Hintergrund die Kampenwand erhebt.

Dann besichtigten wir die Kapelle und gingen dann durch den Keller, wo einige Kinder aus der Gruppe Franz helfen durften, verschiedene Folterwerkzeuge zu demonstrieren. Dann ging es durch verschiedene, mit viel Stuck verzierte Räume und  das Gartenzimmer, in dem, mangels Platz für einen echten Garten, verschiedene Gärten an die Wände gemalt waren.

Zum Schluss ging es durch den Rittersaal. Vor dieser schweren Tür standen mein Bruder und ich während des Urlaubs oft, doch sie war immer verschlossen. Aber diesmal durften wir leider nicht in den Besuchertrakt.

Danach gingen wir zu unseren Fahrrädern und sausten mit Schwung hinunter nach Bernau, von wo aus wir am Chiemseeufr zurück nach Prien fahren konnten.

Als wir auf dem Campingplatz unseren Aufenthalt verlängern wollten, teilte der Herr an der Rezeption uns mit, dass wir nicht existierten. Na sowas! Nach einer Weile fanden wir des Rätsels Lösung: er hatte sich bei der Eingabe der Daten in den Computer verschrieben. Danch fuhren wir noch zum Eisessen in die Stadt.

In der Nacht wurde ich wach und konnte nicht mehr einschlafen, da es ziemlich heiß und stickig war. Ich fragte Peter, ob er mir nicht mit einem Palmwedel Luft zufächeln wollte. Wollte er aber nicht. Außerdem hatten wir keinen Palmwedel. Irgendwann schlief ich dann doch wieder ein.

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Streifzüge durch Berlin – Teil 3

Da es am Vorabend etwas spät geworden war, ließ ich es am nächsten Morgen etwas ruhiger angehen. Ich begann meinen Spaziergang beim Alexanderplatz und der Weltzeituhr.

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Dann folgte ich den Schildern zum Nicolaiviertel, dem ältesten Viertel Berlins. Auch heute war noch sehr wenig los auf den Straßen, so dass ich in Ruhe einen Rundgang durch das Viertel machen und die interessanten Tafeln zu seiner Geschichte lesen konnte.

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Dann besuchte ich die Nikolaikirche, inzwischen ein Museum zur Stadt- und Kirchengeschichte Berlins und das Knoblauchhaus, ein typisches Biedermaier-Wohnhaus. Danach bummelte ich gemütlich an der Spree entlang und an einer Klosterruine vorbei, bis ich wieder in die Nähe einer U-Bahn-Station kam.

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Ich fuhr zum Gendarmenmarkt, und da mein Magen inzwischen lautstark auf seine Bedürfnisse aufmerksam machte, ging ich ins „Refugium“, wo ich mir Kaffee und Kuchen bestellte und in den Zeitungen blätterte. Als ich las, dass Breiviks Anwälte auf Notwehr plädieren wollten, bekam ich vor lauter Kopfschütteln fast ein Schleudertrauma. Aus Nowehr schießt man also 69 wehrlose Jugendliche über den Haufen, nee, is klar! Als ich das Café verließ, nieselte es gerade, und so ging ich noch in den Deutschen Dom, um die Ausstellung zur Entwicklung der Demokratie in Deutschland anzuschauen.

Danach für ich mit der S-Bahn nach Charlottenburg. Im Einstiegsbereich war ein Mann dabei, sein Fahrrad aufzupumpen, und im Inneren der Bahn spielte jemand Akkordeon. Allerdings konnte ich letzteren erst nicht sehen, so dass ich mich verwundert fragte, was der Radfahrer für eine tolle Luftpumpe hatte.

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Im Schloss Charlottenburg versammelten sich einige Leute zu einer Führung, der ich mich natürlich anschloss. Lebhaft erzählte der Herr von den Zeiten des Königs Friedrich I und dessen Gemahlin Sophie Charlotte, die er als Förderin der Künste bewunderte. Auf ihren Sohn Friedrich Wilhelm I und dessen Sparmaßnahmen war er allerdings weniger gut zu sprechen. Wir besichtigten die prächtig eingerichteten Zimmer und die sehr umfangreiche Porzellan- und Silbersammlung. Danach ging ich noch etwas im Garten spazieren, bis meine Füße protestierten.

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 Als ich den Garten verließ, bog gerade ein gelber Doppeldeckerbus um die Ecke. Mir fiel ein, dass mein Ticket  ja noch gültig war, stieg ein und sackte erschöpft vom vielen Laufen auf einen Sitz. Wie sagte die Kabarettistin Brigitte Kahndorp doch so schön? „Geen idee waar het over gaat, maar ik ben blij dat ik zit. (Keine Ahnung, worum es geht, aber ich bin froh, dass ich sitze.)“

 Am Alexanderplatz, wo ich meinen Streifzug begonnen hatte, stieg ich aus und nahm die U- und S-Bahn zu meiner Pension. dort versorgte ich mich noch mit einer Pizza und verbrachte den restlichen Abend vor dem Fernseher. Im „Polizeiruf 110“ ging es auch passenderweise um Spreewaldgurken.

 Am nächsten Morgen packte ich meine Habseligkeiten zusammen, verließ die Pension und fuhr zum Bahnhof Spandau, wo ich mein Gepäck wegsperrte. Da mein Zug erst am frühen Nachmittag fuhr, hatte ich noch Zeit, um zum Waldfriedhof Heerstraße zu fahren, um Loriot und Ringelnatz meine Aufwartung zu machen. Ich stieg an  der Haltestelle Heerstraße aus, in der irrigen Annahme, dass der Friedhof relativ einfach zu finden sei. Leider fand ich erst mal gar nichts und auch ein Anwohner konnte mir nicht weiterhelfen. Doch eine ältere Dame mit Einkaufstasche erklärte mir den Weg, der mich zu einem Hintereingang des Friedhofs brachte. Später entdeckte ich, dass es einfacher ist, beim Olympiastadion auszusteigen.

 Ein Herr, der auf dem Friedhof arbeitet, erklärte mir, wo Loriots Grab zu finden ist: Etwas unterhalb des Verwaltungsgebäudes, mit Aussicht auf den See. Ich machte mich auf die Socken. Der Waldfriedhof ist ein großer alter Friedhof mit hohen Bäumen. Einerseits ist es sehr stimmungsvoll, andererseits ist es schwer, etwas zu finden, wenn man sich nicht auskennt. Doch bald hatte ich den See gefunden und kurz danach auch – eher zufällig – Loriots Grab. Dort haben zahlreiche Fans gelbe Quietscheentchen und ähnliche Utensilien hinterlassen. Dies hat in der Presse ziemlich Staub aufgewirbelt, da so „die Grabstätte ins Lächerliche gezogen werde“, wie ein Leser der Berliner Zeitung schrieb. Also, ich finde die Enten als Erinnerung an den herrlichen Sketch „Herren im Bad“ („Mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht!“) durchaus passend. Etwas grell vielleicht, aber das sind viele Blumengebinde auch.

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 In derselben Reihe liegt auch der Schauspieler Klaus-Jürgen Wussow. Etwas weiter entfernt ist das Grab des Dichters Joachim Ringelnatz und auch dort finden sich verschiedene „Beigaben“, die an seine Gedichte erinnern, z.B. eine Kachel aus einem Ofen, die Ringelnatz bekanntlich ohne Bedenken seiner Liebsten schenken würde. Ich dachte hier an ein anderes Gedicht: „Die Erde hat ein freundliches Gesicht, so groß, dass man’s von weitem nur erfasst. Komm sage mir…“

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Nicht weit von ihm entfernt ruht der Arzt Willibald Pschyrembel und Verfasser des „Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch“, ein Muss unter den Medizinstudenten. In diesem Nachschlagewerk befindet sich auch ein Eintrag zu Loriots Steinlaus. Damit schloss sich für mich der Kreis, und ich machte mich auf den Weg Richtung Bahnhof.

 Ich hatte sogar noch etwas Zeit für einen kurzen Bummel durch die Spandauer Altstadt, die wirklich goldig ist und zum Wehr.

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Dies ist übrigens kein Briefkasten, sondern ein alter Feuermelder, inzwischen allerdings außer Betrieb:

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Danach kaufte ich noch etwas Verpflegung für die Rückfahrt, hole mein Gepäck und stieg in den Zug. Die Fahrt verlief ohne besondere Vorkommnisse, und als ich bei De Lutte die Grenze passierte, dachte ich: „Home, Sweet Home!“ Es war ein gelungenes Wochenende mit vielen neuen Eindrücken, das sicher mal wiederholt werden kann. Vielleicht fährt der Gatte ja nächstes Mal mit.

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Streifzüge durch Berlin – Teil 2

Langsam schlenderte ich zurück zum Potsdamer Platz. Dort stehen noch ein paar Mauerreste – auch das ist Teil der bewegten Geschichte dieser Stadt.

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Eigentlich wollte ich dem Rat meiner Pensionswirtin folgen und auf das Kollhof-Haus fahren, doch der Spaß war ziemlich teuer. Zwar hatte mir mein Büchlein eine Ermäßigung in Aussicht gestellt, aber die gab es nur auf den Gesamtpreis, wenn man noch ein Poster erwarb. Gut, dann halt nicht. So eine schnelle Aufzugfahrt ist sicher auch nicht gesund.

Dafür gönnte ich mir eine Stadtrundfahrt mit einem Doppeldeckerbus: Das Ticket war zwei Tage gültig und man konnte an vielen interessanten Orten ein- und aussteigen. Ich bekam ein schickes gelbes Ohrstöpsel-Set und nahm auf dem Oberdeck neben einem netten Engländer Platz. Er half mir, das Ding richtig einzustöpseln, und dann ging es los. Andächtig sah ich aus dem Fenster und lauschte den Erklärungen der Dame vom Band. Anfangs irritierte mich ihr Lispeln etwas („Wir erreichen jetht dath Mauermutheum am Checkpoint Charlie…“), aber nach einer Weile hatte ich mich daran gewöhnt.

Wir fuhren an vielen interessanten Plätzen wie dem Gendarmenmarkt, dem Alexanderplatz, der Museumsinsel etc. vorbei, und ich merkte mir einige Dinge für den nächsten Tag vor. Fotos habe ich fast keine gemacht, da es vom Bus aus meistens nichts wird. Ausnahmen sind einige Mauerabschnitte der „East Side Gallery“, die 1990 spontan von Künstlern gestaltet wurden und nun zusammenhängend ausgestellt werden.

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Ach ja, und der Kampf des Busfahrers mit dem Schiebedach, das nicht aufgehen wollte, musste natürlich auch dokumentiert werden.

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Während der Bus gemütlich im Zickzack durch die Stadt öttelte, wurde auch einiges über die Berliner U-Bahn erzählt, die auch während der Teilung  der Stadt unter Ostberlin durchfuhr. Daran erinnerte ich mich noch von unserer Klassenfahrt im Jahr 1985. Die Bahnhöfe unter Ostberlin trugen Namen wie „Stadion der Weltjugend“ und waren schummrig beleuchtet und menschenleer – richtige Geisterbahnhöfe.

Auf dieser Klassenfahrt machten wir auch einen Ausflug nach Ostberlin. Wir bekamen genaue Instruktionen, was wir zu tun und zu lassen hatten, und nachdem wir am Bahnhof Friedrichstrasse die Grenze passiert hatten, waren wir entsprechend eingeschüchtert. Auch an die geballte Unfreundlichkeit, mit der man uns Wessis dort begegnete, erinnere ich mich noch. Und heute kann ich verstehen, dass unsere Klassenleiterin damals wohl Blut geschwitzt haben muss und lieber mit uns woanders hingefahren wäre.

Doch davon ist inzwischen nichts mehr zu merken. Überall wird gebaut, die Stadt ist ständig in Bewegung und wächst wieder zusammen.

Dann wurde es Zeit für das @heinzi-Treffen. Am Kudamm verließ ich den Bus und stürzte mich in den öffentlichen Nahverkehr. Da die U2 wegen Bauarbeiten nicht durchfuhr und der Schienenersatzverkehrsbus nicht zu finden war, musste ich einen Umweg nehmen. Von anderen Städten bin ich es gewöhnt, dass die S-Bahnen meist oben, und die U-Bahnen unten fahren, aber hier ist das nicht so. Alles geht fröhlich durcheinander, und das Umsteigen an größeren Stationen ist immer mit einem längeren Fußmarsch und vielen Treppen rauf und runter verbunden – die Berliner müssen ganz schön fit sein.

Am Zielbahnhof angekommen hieß es nun, das Café zu finden. Das war gar nicht so einfach, da ich mal wieder auf der falschen Seite des Bahnhofs an die Oberfläche kam. Dann war auf dem Umgebungsplan, den ich mir ausgedruckt hatte, eine Straße nicht eingezeichnet, so dass ich etwas aus dem Konzept geriet. Ich hatte zwar zwei Notfallnummern anderer Teilnehmer dabei, aber gerade in dem Moment, als ich anrufen wollte, begannen die Glocken der nahegelegenen Kirche so einen Lärm zu machen, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. So wird das nix mit telefonischen Wegerklärungen. Im einem Laden konnte man mir weiterhelfen, und mit einer knappen halben Stunde Verspätung kam ich beim Treffpunkt an. Und ich war noch nicht einmal die Letzte!

Ich freute mich, diverse alte Bekannte wieder zu sehen und ein paar neue Leute kennen zu lernen. Wir hatten viel Spaß, und selbstverständlich wurde nicht über Abwesende gelästert, sowas macht man schließlich nicht. Angeregt tauschte ich mit Rennbiene Radlererfahrungen aus, und einige ihrer Einschätzungen teile ich volllkommen: „60 km an einem Tag sind gut zu schaffen, aber alles, was darüber hinaus geht, ist harte Arbeit.“ Oder: „Wenn ich absteigen und schieben muss, ist das ein Berg, und kein Hügel!“

Am frühen Abend gingen einige nach Hause und der Rest machte einen kurzen Spaziergang zu einem nahegelegenen libanesischen Restaurant. Das Essen dort war sehr lecker und die Unterhaltung immer noch angeregt, so dass ich erst sehr spät wieder in meiner Pension war. Liebe heinzis, het was gezellig!

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Streifzüge durch Berlin – Teil 1

Letztes Wochenende war ich ein paar Tage in Berlin. Anlass dieser Reise war das @heinzi-Treffen am Samstagnachmittag, und ich beschloss, dies mit einem bisschen Kultur zu kombinieren. Der Gatte fuhr diesmal nicht mit, sondern vertrat mich würdig im Familienkreis.

Am Freitagnachmittag fuhr ich bei grauem und ungemütlichem Wetter los. Die Zugfahrt verlief ruhig, bis in Osnabrück eine Gruppe von ca. acht Personen zustieg. Mit lautem Getöse suchten sie ihre Plätze, verteilten Sekt und unterhielten sich quer durch den Wagen. Auf die Frage einer Mitreisenden, ob es auch etwas leiser ginge, reagierte der mit dem lautesten Organ gesegnete Herr angefressen: „Wir sind ja hier nicht in der Kirche!“ Die Antwort „Stimmt, aber im Bierzelt auch nicht!“ fiel mir leider, wie meistens  in solchen Fällen, erst viel später ein. Zum Glück verzog sich der Herr mit ein paar anderen der Truppe ins Bord-Bistro, wo sie bis kurz vor Berlin andere Mitreisende mit ihrer Anwesenheit erfreuten.

Das Umsteigen klappte problemlos, doch in Wedding verließ ich den Bahnhof auf der falschen Seite, so dass ich durch eine recht ungemütliche Straße voll zweifelhafter Gestalten musste. Meine Pension jedoch befand sich in einer netten Gegend mit einigen Take-Aways und Back-Shops, wie es heutzutage so schön heißt. Um mein leibliches Wohl brauchte ich mir also keine Sorgen zu machen. Die Pension befand sich in mehreren zusammengelegten Altbauwohnungen, und über mein Zimmer konnte ich nicht nölen.

pensionmeinzimmer

Die energische Wirtin erklärte mir das Nötigste und gab mir den Tipp, bei guten Wetter das Kollhoff-Haus am Potsdamer Platz mit dem schnellsten Aufzug Europas zu besuchen: „Dann hamm Se janz Berlin jesehn!“ Ich merkte mir den Tipp vor.

Da das Wetter hier viel besser war als zu Hause, ging ich erst einkaufen, erwarb mein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr und bummelte dann noch durch das Viertel und am Fluss entlang, um die bunten Hauser, die mir schon vom Zug aus aufgefallen waren, aus der Nähe zu betrachten.

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Am nächsten Morgen machte ich mich schon gegen acht Uhr auf die Socken. Am Potsdamer Platz war noch alles zu. Nach kurzer Besichtigungsrunde  fuhr ich also zum Brandenburger Tor. Dort begann die Stadt langsam zu erwachen. Ein paar Straßenkünstler und Stadtführer bereiteten sich auf den Tag vor, zwei Radler mit Gepäck diskutierten, welchen Weg man wohl nehmen müsse und ein paar Reisende mit Koffern standen verloren am Straßenrand.

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Ich schlenderte zum Reichstag, und da ich vor einigen Jahren schon mal auf der Kuppel war, reichte mir diesmal das Betrachten von außen. Dann spazierte ich ein bisschen im Großen Tiergarten herum und ging schließlich zur Tourist Information, um das Büchlein zum Touristenticket zu holen.

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Danach wurde es Zeit, zum Holocaust-Mahnmal zu gehen. Bei meinem letzten Berlin-Besuch war ich nur daran vorbei gefahren, aber diesmal stand es weit oben auf meiner Liste. Wenn man davor steht, kann man noch über das Feld mit den zahlreichen rechteckigen Stelen schauen, und am RAnd blühen sogar Bäume, aber dazwischen gehen die Wege auf und ab, so dass man manchmal außer Stelen und Zwischenräumen nichts mehr sieht. Man fühlt sich richtig verloren zwischen den Betonblöcken.

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Die strenge Struktur setzt sich in unterirdischen Informationszentrum fort: Die Vitrinen und die Infotafeln auf dem Boden haben etwa dieselbe Form und Größe wie die Stelen oben. Im ersten Raum werden Briefe, Notizen und Tagebucheinträge gezeigt, die während der Verfolgung entstanden sind. Im nächsten Raum werden die Schicksale von 15 jüdischen Familien aus unterschiedlichen europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Niederland, Polen, Griechenland etc.) vorgestellt: Wie haben sie gelebt, welche Berufe hatten sie, wohin wurden sie gebracht und wer von ihnen hat überlebt? Diese Ausstellung zeigt, wie vielfältig das europäische Judentum vor dem Holocaust war. Im dritten Raum werden Namen und Lebensdaten verschollener und ermordeter Juden aus ganz Europa vorgelesen, und im vierten Raum anhand von Karten die ganze geografische Ausdehnung gezeigt.

Die Gedenkstätte hat mich sehr beeindruckt, denn hier wird uns wieder vor Augen geführt, was für eine gigantische Vernichtungsmaschinerie der Holocaust war, und wie präzise sie funktionierte. Und das geschieht auf sachliche, informative Weise, ohne Effekthascherei und Gruselzutaten. Dadurch wird es umso beeindruckender. Und die Größe des Monuments ist angesichts der Größe der Verbrechen, an die es erinnern soll, gerechtfertigt. Was ich allerdings ein bisschen schade finde, ist, dass man dieses Mahnmal nur der Gruppe der Juden gewidmet hat, und die anderen Opfergruppen (Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, Kommunisten, Sozialdemokraten und andere, die nicht in das verkorkste Weltbild der Nationalsozialisten passten) außen vorgelassen hat. Aber in Gedanken habe ich sie mit einbezogen.

An einer Wand in der Eingangshalle steht ein Zitat des Chemikers und Schriftstellers Primo Levi: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Nachdenklich kehrte ich an die Oberfläche zurück und setzte meinen Streifzug durch die Hauptstadt fort.

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