Beiträge mit dem Schlagwort: Bahnfahrt

Back to normal…

Na ja, ganz in Ordnung ist der Fuß zwar noch nicht, das heißt, ich hüpfe noch nicht durch die Gegend wie eine Gazelle, aber es wird. Heute morgen stellte ich fest, dass es wieder deutlich besser geht, wenn man einfach die Treppe in den ersten Stock rauf und runter geht, ohne dreimal zu überlegen, ob man das, was man oben will, nicht auch später noch machen kan, weil es einfach zu anstrengend ist.

Seit meinem letzten Post hat sich einiges getan, und ich habe eine Menge Dinge zum ersten Mal nach der OP wieder machen können. Jetzt muss ich an die Schwiegermutter der Comicfigur Andy Capp denken, die nur zwei Gesprächsthemen hat: „Before her operation“ und „Since her operation“, aber heute darf ich das. 😉

Ein größerer Wendepunkt war, als ich das Bein wieder voll belasten und mich endlich wieder ohne Krücken fortbewegen konnte. Vieles wird doch wieder einfacher, wenn man die Hände frei hat, oder wie ein Freund es formulierte: „Das ist bestimmt ein Gefühl wie eine Wiedergeburt, was! Da kannst du richtig aufblühen und einen Tee aufbrühen mit gewohnten Bewegungen.“ Genauso ist es.

Irgendwann hatte ich dann meine erste Führung in der Synagoge, und inzwischen kenne ich ja die Stellen, wo man sich diskret anlehnen kann. Die Frauenempore durfte die Gruppe dann selbst erkunden.

Dann fuhr ich mit unserem Chor zum Katholikentag nach Münster, wo wir u.a. zusammen mit über 4000 anderen Sängern das „Halleluja“ von Händel schmetterten. Es war schon recht anstrengend, und wenn es irgendwie ging, wollte ich vor allem einfach nur da sitzen. Zum Glück hatte mir eine Freundin einen Campinghocker geliehen. Es ergab sich sogar noch die Gelegenheit für einen kleinen Plausch mit einem Freund aus Münster, der mich trotz des Reisengewühls irgendwie orten konnte. Schee wars.

Dann stand ein Besuch in der alten Heimat an – Klassentreffen und Familie. Für die Bahnfahrt nahm ich, auch auf Anraten meines Physiotherapeuten, die Krücken noch mit. So konnte ich eine rollkofferfreie Zone um mich herum keieren, die Leute passen besser auf oder bieten Hilfe an, und jeder versteht, dass ich noch mit in den Lift muss.

Meine kleine Nichte (fast 2,5 Jahre) wollte natürlich genau wissen, was es mit den Krücken auf sich hat, die normalerweise nicht bei Oma im Wohnzimmer stehen. Also habe ich ihr das Ganze erklärt. Das hat sie wohl ziemlich beschäftigt, denn zwei Stunden später setzte sie sich zu mir auf die Eckbank und meinte ernsthaft: „Tante Petra hingefallen. Fuß kaputt. Heilt wieder.“ Wenn sie das sagt…

Sie scheint recht zu haben, denn inzwischen habe ich auch meine Wanderungen wieder aufgenommen. Im Moment gehe ich den „Overijssels Havezatenpad“ von Oldenzaal nach Steenwijk, und zwar in Etappen von 5 bis 7,5 Kilometer. Das geht schon ganz gut und das Tempo wird auch wieder etwas schneller. Die Wanderungen habe ich wirklich vermisst!

Nur Auto fahre ich noch nicht. Der Arzt meinte zwar, dass ich es wieder darf, aber so ganz traue ich der Geschichte noch nicht. Ich werde wohl demnächst, wenn die halbe Stadt im Urlaub ist, vorsichtig wieder anfangen.

Und hier ist noch ein Stückchen Havezatenpad:

havezatenpad-bruggetje

 

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Träwelling wis Deutsche Bahn nach Bremerhaven und zurück (mit Tatort-Exkurs)

Ausdauernde und aufmerksame Mitleser wissen ja, dass ich mal mehr, mal weniger eifrig im Heinzi-Forum schreibe. Da es dieses Forum schon eine ganze Weile gibt, bleib es natürrlich auch nicht aus, dass ich diverse Mitschreiber und -schreiberinnen schon persönlich kennengelernt habe. Es sind auf diese Weise auch einige Freundschaften entstanden.

Letztes Wochenende war Mädelswochenende in Bremerhaven angesagt, und zwar mit Moony, Nono und Tinka. Da in der Woche davor der Sturm Herwart über Norddeutschland gefegt war, hatte die Bahn mit Salznebel zu kämpfen, ein Phämomen, das mitr bis dahin unbekannt war, das aber für Spannungsüberschläge und Kurzschlüsse bei den Oberleitungen sorgte. Ab Bremen war also Schienenersatzverkehr angesagt.

Kein Problem, als ich zu Hause in den Zug stieg, saß Nono schon wohlbehalten im Bus von Bremen nach Bremerhaven. Doch bei mir war schon in Münster der Wurm drin, mein Intercity fuhr verspätet auf einem anderen Gleis ab, und den Wagen, in dem sich mein reservierter Sitzplatz befinden sollte, war gar nicht mit von der Partie. Zum Glück stieg ich beim Fahrradabteil ein, in dem kein Fahrrad war, aber dafür jede Menge Platz und freie Klappstühle. Hürde eins war geschafft.

Zwischendurch schaute ich immer wieder auf die Bahnwebsite, wie ich denn von Bremen aus weiterkommen würde. Die Informationen änderten sich im Zehn-Minuten-Takt, und eine war absurder als die andere. Mal fuhr der Zug ganz normal, dann wieder nicht, dan gab es einen Bus bis Oldenbüttel, aber erst in zwei Stunden etc. Also machte ich mich in Bremen erst mal auf den Weg zum Informationsschalter. Dort stand eine längere Schlage, aber ich entdeckte schnell den Aushang, der mich informierte, dass jede Stunde ein Bus nach Bremerhaven fahren würde, und zwar von Bussteig J. Warum kann die Bahn sowas nicht auf ihre Website schreiben? Viele Leute hätten eine ruhigere Reise, denke ich. Und ich erwischte sogar den Expressbus, der ohne Zwischenstopp nach Bremerhaven fuhr, wo der Rest der Truppe schon auf mich wartete.

Nachdem wir uns bei unserer Gastgeberin häuslich eingerichtet hatten, ging es erst einmal zu Alis Snack-Café Sunshine. Das Essen und der Wein waren unheimlich lecker, und die Portionen sind wirklich etwas für den kleinen Hunger zwischendurch. Auch der Weißwein war gut eingeschenkt, und in die Auberginencreme hätte ich mich reinsetzen können.

lamm

Besonders toll war aber Alis herzliche Art, man hat den Eindruck, dass er für jeden Gast höchstpersönlich kocht.

Man kann sich vorstellen, dass der Abend lang wurde, und so ließen wir es auch am nächsten Morgen gemütlich angehen. Nach einem ausgedehnten Frühstück mit viel Kaffee ging es erst einmal ins Shopping-Center Mediterraneo, das seinem Namen alle Ehre macht. Eis geht bei diesem Flair natürlich immer.

mediterraneo mediterraneo2

Danach wurde es maritimer, wir gingen zum Hafen und besichtigten das Segelschiff „Seute Deern“.

seutedeern

seutedeern2

Aber wechselhaft sind des Geschickes Mächte, da steuert man erst so ein Schiff quasi durch die Weltmeere, und dann kackt einem eine Möwe auf den Kopp. Das Viech hat drei von uns erwischt – ganze Arbeit also. Der Schaden ließ sich aber beheben und es ging weiter zum Auswandererhaus.

auswandererhaus

Dort war ich zwar schon einmal gewesen, aber man kann immer wieder dorthin gehen. An der Kasse erhält man die Namen eines Auswanderers und eines Einwanderers, und man muss auf Spurensuche gehen, was aus diesen Personen geworden ist. Ich folgte diesmal einem Dienstmädchen, das in den Vereinigten Staaten ihr Glück suchte, und einer Elsässerin, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland kam. Aber dies ist einen eigenen Post wert.

Gespeist wurde diesmal im Seamen’s Club, und danach gingen wir auf einen Absacker zu Ali.

Am nächsten Morgen war die große Frage, wann Nono und ich in Bremen sein mussten. Mit viel Mühe entdeckten wir auf der Website der Nordwestbahn die nötigen Informationen, und Moony und Tinka warteten zur Sicherheit am Bahnhof, bis wir im Bus saßen, der dann auch bald abfuhr. Am Bremer Hauptbahnhof trennten sich unsere Wege, Nono wollte noch ins Überseemuseum, und ich suchten meinen Zug. Wegen Gleisarbeiten fuhr er ohne Zwischenstopp nach Dortmund. Das war zwar bei der Buchung schon bekannt, aber ich hatte es übersehen. Aber egal. Aus irgendwelchen Gründen hatte man den Zug aus altem Wagenmaterial zusammengstoppelt, und ich landete in einem Interregio-Wagen mit viel Platz für Beine und Gepäck. Auch die Fenster konnte man aufmachen – Nostalgie purst!

interregio

In Dortmund gab es wegen Gleisarbeiten zwischen Lünen und Bork denselben Schienenersatzverkehr wie letzte Woche – it’s Groundhog Day! Aber trotz allem kam ich wie geplant zu Hause an. Nono hatte diesmal weniger Glück, ihr wurde aufgrund einer technischen Störung eine einstündige Verspätung beschert. Aber auch sie schaffte es pünktlich zum Tatort.

Als ich dem Gatten erzählte, dass Moony genau an der Grenze zwischen Bremen und Niedersachsen befindet, inspitierte uns das zu folgender Tatort-Idee: Wie in „The Bridge“ wird genau auf der Bundesland-Grenze eine Leiche gefunden, und es kommt zum üblichen Kompetenzgerangel zwischen Inga Lürsen aus Bremen und Charlotte Lindholm vom LKA Niedersachsen. Gleichzeitig findet in Bremerhaven ein größeres Heinzitreffen statt, und in Tatortnähe wird eine Gruppe vollgefressener, angeheiterter Leute aufgegriffen. Sie sind unterschiedlichen Alters, kommen aus verschiedenen Städten und haben auch unterschiedliche Berufe, was Inga Lürsen zu der Bemerkung veranlasst: „Die müssen doch irgendetwas gemeinsam haben! Stedefreund, finden Sie es heraus!“

Auf jeden Fall war es ein tolles Wochenende, und Bremerhaven ist sicher noch ein paar Besuche wert. Mädels, schee war’s!

bremerhaven

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Ostseeradtour 2015 – Teil 10 / Schluss (Zeit wird’s)

Through the warmth, through the cold, keep running till we’re there.
We’re coming home now, we’re coming home now.
(aus „Home“ von Dotan)

Altefähr – Stralsund – Gronau – Enschede

Und wieder waren die letzten Tage angebrochen, an denen man im Geiste schon fast wieder zu Hause ist. Eine gewisse Wehmut wegen des bevorstehenden Urlaubsendes mischst sich mit der Vorfreude auf die vertrauten vier Wände.

Als wir am nächsten Morgen wach wurden, war es trocken, und auch der Wind hatte nachgelassen. Wir überlegten, doch nach Altefähr zu radeln, doch als wir abgebaut hatten und zum letzten Mal die Anhöhe hinunter sausten, Stellten wir fest, dass der erste Eindruck täuschte. Es war zwar nicht mehr ganz so dramatisch wie am Vortag, aber der Jasmunder Bodden war immer noch recht aufgewühlt.

bahnundbodden

Also fuhren wir zum Bahnhof, wo uns ein Aushang darauf aufmerksam machte, dass wir die Karten im Zug erwerben konnten. Die Fahrt verlief ohne Probleme, aber in Altefähr mussten wir mit den vollbepackten Leezen eine Treppe hinunter. Da kommt doch mal wieder Freude auf!

Über den altbekannte Kopfsteinpflaster-Sandweg ging es zum Campingplatz, wo wir vor zehn Tagen reserviert hatten. Diese Zeit kam uns wie eine Ewigkeit vor, so viel hatten wir gesehen und erlebt. Wir bauten unser Zelt diesmal in einer windgeschützten Ecke auf und gingen dann am Sund spazieren, wo wir kräftig durchgepustet wurden.

stralsundskyline stralsundskyline2

Dann widmeten wir uns unseren Büchern, bis der Kiosk mit den leckeren Flammkuchen geöffnet hatte. Mit einer Flasche Weißwein ließen wir unseren letzten Urlaubsabend ausklingen.

Am nächsten Morgen waren wir schon früh wach, und wie es sich für einen Abreisetag gehört, strahlte die Sonne vom Himmel, und der Wind regte sich kaum. Wir legten die Bodenplanen in die Sonne und sahen ihnen während des Frühstücks beim Trocknen zu. Dann bauten wir ab.

Gemütlich fuhren wir über den Strelasund nach Stralsund und zum Bahnhof, wo wir natürlich wieder viel zu früh waren. Wir kauften uns einen Zeitung und Kaffee und setzten uns an einen der netten Tische dort. Wir lasen und beobachteten Leute, bis es Zeit wurde, zu unserem Gleis zu gehen.

Im Gegensatz zur Hinfahrt war die Wagenreihung diesmal korrekt, doch als wir mit unseren Leezen ins Fahrradabteil wollten, gab es Platz Nummer 148, den ich reserviert hatte, nicht. Irgendwas ist ja immer! Dafür war ein anderer Platz nicht reserviert, den ich dann okkupierte. Die Schaffnerin nahm ihre Aufgabe sehr ernst, und wir hatten das beruhigende Gefühl, dass sie in einem Notfall unsere Räder mit Leib und Leben bewachen würde.

Wir unterhielten uns mit einer Radlergruppe aus Heidelberg, die die Mecklenburger Seenplatte erkundet hatte. Am Vortag waren sie noch in Wolgast gewesen und hatten sich dort wegen Wind und Wetter ebenfalls für den Zug entschieden.

In Rostock hatte der Zug eine halbe Stunde planmäßigen Aufenthalt, und wir dachten, dass die Bahn doch eine kurze Stadtrundfahrt in so einem Golfwagerl organisieren könnte, um die Wartezeit zu überbrücken. Aber es gab auch so genug Unterhaltung: Auf den Bahnsteigen sahen wir bunt gekleidete Leute und hörten, dass diese zum Schlagermove nach Hamburg wollten. Mal wieder ein Beweis, dass wir wohl älter werden, wir hatten keine Ahnung, was das ist. Aber Google ist ja mein bester Freund, und ich fand Folgendes: „Der „Schlagermove“ Hamburg ist das selbsternannte „Festival der Liebe“ und feiert jährlich in der Hansestadt den Karneval des Nordens mit bunt-bizarren Kostümen, schrägen Brillen und natürlich viel, viel Schlagermusik. Mittlerweile sind bei der Veranstaltung rund 45 Party-Trucks unterwegs, die rund 500.000 Besucher bespaßen.“ Also, ich glaube nicht, dass ich da unbedingt hinmuss.

Eine fünfköpfige Familie stieg mit ihren Rädern zu, und wie wir wollten sie bis Münster. Die kleinere der beiden Töchter stürmte auf einen Tisch bei uns auf der anderen Seite es Ganges los und trötete: „Ich hab ’nen Tihisch!“, und als alle saßen, ging es sofort weiter: „Wann fahren wir endlich los?“ Da hatte sie zweifellos recht.

Dann ging es tatsächlich weiter, und wir erfuhren, dass die Familie in der Umgebung von Rostock unterwegs gewesen war. Allerdings war bei der Hinfahrt ihr reservierter Intercity wegen defekter Klimaanlage ausgefallen, so dass sich ihre Route erst mal aus Nahverkehrszughopping und ungeplanten Radstrecken zusammen setzte. Senk ju for träweling wis Deutsche Bahn.

Wir kamen planmäßig in Münster an, wo wir knapp 10 Minuten zum Umsteigen hatten. Wir halfen uns gegenseitig beim Ausladen der Räder und des Gepäcks, als das kleine Mädchen plötzlich Angst bekam, dass ihre Eltern, die draußen mit dem Aufpacken beschäftigt waren, sie im Zug zurück lassen würden. Ich hob sie aus dem Zug und setzte sie beim Rest der Familie ab. Dann gingen wir zum Aufzug.

Peter und ich hatten nicht vor, uns abzuhetzen, trotzdem erwischten wir unseren Anschlusszug noch und konnten uns zu den Fahrrädern, die dort bereits standen, dazuquetschen. Für die Familie, die nach Steinfurt wollte, war jedoch beim besten Willen kein Platz mehr, doch die Mutter hatte den Kindern schon im Vorfeld versprochen, dass sie in so einem Fall Eis essen gehen würden. So war die Stunde Wartezeit für sie hoffentlich nicht zu schlimm.

In Gronau stiegen wir aus und radelten die letzten Kilometer nach Hause. Und – oh Wunder – als wir die Grenze passierten, schien die Sonne. Normalerweise werde ich, wenn ich von einem längeren Deutschlandaufenthalt zurück komme, mit Regen empfangen.

Es war wieder eine tolle Reise mit vielen Erinnerungen und neuen Eindrücken. Und wir haben einige Orte entdeckt, die wir sicher irgendwann noch näher erkunden werden, z. B. die Halbinsel Darß-Zingst und auf jeden Fall Rügen, da wir davon ja höchstens ein Viertel gesehen haben.

Und wo gefällt es mir nun besser, an der Nordsee, oder an der Ostsee? Die beiden Meere sind so unterschiedlich, dass ich es eigentlich nicht sagen kann. Die Nordsee mit ihren ausgeprägten Gezeiten ist auf jeden Fall dramatischer, aber die gewundene Küstenlinie der Ostsee mit ihren zahlreichen Halbinseln, Buchten, Wieken und Bodden hat auch etwas. Auf jeden Fall werde ich das Meer immer lieben und es wird mich immer wieder dorthin ziehen, egal ob an die Nord- oder Ostsee.

Und bald stehen ja wieder neue Abenteuer an, zur Abwechslung mal wieder England und ein bisschen Schottland, natürlich mit dem Rad, wie auch sonst?

ruegen

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Südostengland 2010, Teil 6

Nördlich der Themse

Am nächsten Morgen brachen wir früh auf und fuhren zum Bahnhof. Der Zug stand bereits auf dem richtigen Gleis, war aber noch abgeschlossen. Der Mitarbeiter auf dem Bahnsteig erklärte uns, wo wir einstigen konnten, aber wir mussten erst noch auf den Lokführer warten.

Der kam zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges, wies auf seine volle Kaffeetasse und meinte: „Sorry, there has been a technical problem.“ Wir bugsierten die Räder in den Zug und sicherten sie. Dann zuckelte der „High Speed Service“ gemütlich durch die Lande.

In Gravesend angekommen rollen wir vom Bahnhof hinunter zum Hafen, wo schon eine größere Gruppe wartete, die allerdings nicht nach Tilbury, sondern nach Greenwich wollte. Doch dann kam schon unsere Fähre, voll beladen wie ein Flüchtlingsschiff.

Bei dem Strom, der sich über die Gangway an Land wälzte, wunderten wir uns, wie diese Manschen alle auf dem Boot Platz hatten.  Zurück ans Nordufer wollte außer uns nur noch eine Handvoll Leute. Dies wunderte uns immer weniger, je mehr wir uns Tilbury näherten – ein unglaublich trostloser Hafen und ein ausgedehntes Industriegebiet.

Nach den üblichen Anlaufschwierigkeiten hatten wir es geschafft, das Hafengebiet zu verlassen und befanden uns auf einer Landstraße Richtung Brentwood. Verglichen mit Kent war es flach, und wir kamen gut voran, bis wir plötzlich an der A127, einer vierspurigen Hauptstraße, standen. Laut Karte und Schildern konnte man sie überqueren, und an der Stelle waren die Leitplanken, die den Grünstreifen in der Mitte begrenzten, unterbrochen. Es sah zwar nicht gerade vertrauenserweckend aus, aber eine Alternative gab es in der Nähe nicht. Also hieß es auf eine ausreichend große Lücke im Verkehr warten und dann im Schweinsgalopp auf die andere Seite wetzen. Zum Glück gab es den Mittelstreifen. Danach folgen einige langgestreckte Hügel, die aber ganz gut zu bewältigen waren.

Ein junger Mountainbiker fuhr ein Stück neben mir her und wollte genau wissen, wo wir her kamen, wo wir gewesen waren und wo wir noch hin wollten. Dann erreichten wir Brentwood, wo ich in der Tourist Information nach dem Weg zum Campingplatz fragte. Die freundliche Dame zeigte mir den Weg auf der großen Wandkarte, druckte mir eine ausführliche  Routenbeschreibung aus und erklärte mir den Weg zum nächsten Supermarkt, der fast an der Strecke lag. Dort stürzte Peter sich in das Einkaufsgetümmel und ich wartete bei den Rädern, wobei mir ein älterer Herr eine Weile Gesellschaft leistete.  Anscheinend sind die Leute hier tatsächlich um einiges offener und freundlicher als in Kent. Auch der Campingplatz war schön angelegt, gemütlich und Preisträger des „Loo Award 2007“.

Abends gingen wir in ein chinesisches Restaurant in der Nähe. Vor dem Parkplatz wartete eine Gruppe sehr schick angezogene junge Leute, und gerade kam ein Kleinbus mit einer weiteren Gruppe an. Wir gingen vorsichtig hinein und wurden erst einmal gefragt, ob wir reserviert hatten. Natürlich nicht. Man fand für uns noch einen freien Zweiertisch am Rand, und wir sahen uns um. Das Restaurant war riesig, über all standen Tische für größere Gesellschaften, die unterschiedlich dekoriert waren. In der Mitte gab es eine Tanzfläche und aus den Lautsprechern tönte Gerard Joling. Wo waren wir da bloß hineingeraten?

Wir beobachteten das Treiben und stellten fest, dass hier wohl zahlreiche Junggesellenpartys und sonstige Feste gleichzeitig stattfanden. Uns fiel auf, dass die Damen sehr aufwendig, wenn auch nicht immer geschmackvoll gekleidet waren, während die meisten Herren ein eher lässiges Outfit bevorzugten. Neben uns stand ein runder Tisch für zwölf Personen, an dem eine einzelne Dame noch die letzten Dekorationen vornahm. Dann setzte sie sich hin, bestellte einen Drink und wartete. Inzwischen kam zwar unser sehr leckeres Essen, aber niemand für den Nebentisch. Die Dame telefonierte und wartete weiter. Was war hier wohl los? Stand die Gesellschaft im Stau, oder hatte es ein Missverständnis bei der Zeit gegeben oder war es ein schlechter Scherz? Ich hoffte, dass es nicht die letzte Möglichkeit war und erinnerte mich an ein chinesisches Essen mit Kollegen, bei dem zwei ziemlich lang nicht auftauchten. Die eine saß bei einem Chinesen ähnlichen Namens am anderen Ende der Stadt und die andere hatte zwar die Straße richtig notiert, war aber davon ausgegangen, dass wir uns in der Nachbarstadt treffen wollten. Ob hier etwas Ähnliches der Fall war? Zum Glück trudelten die Leute bald nach und nach ein.

Unsere nächste Tagesetappe begann gemütlich, wir fuhren über Landstraßen und begegneten vor allem Radfahrern und Reitern. Doch bei Chelmsford gerieten wir auf eine Hauptstraße. Dort gab es wenig Platz, aber viel Verkehr, Lärm und Gestank, es war einfach grauenhaft. Schon nach ein paar Kilometern hatte ich Kopfschmerzen. Ich vermute, dass das Jenseits für jeden seine persönliche Hölle bereithält und befürchte, dass meine so aussehen wird. Ich war heilfroh, als wir die Abzweigung nach Danbury erreichten.

Zur Mittagszeit kamen wir in Maldon an, wo wir auf der vor dem Polizeihauptquartier eine Sitzbesichtigung machten und uns einen Imbiss genehmigten.

Dann wollten wir die Stadt wieder verlassen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte: Wir mussten nämlich die Brücke über den Blackwater finden. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die uns immer wieder zur Rückkehr zum Polizeipräsidium zwangen (die Mitarbeiter dort werden sich auch ihren Teil gedacht haben), schafften wir es. Wir folgten ein Stückchen der Sustrans-Radroute und gelangten dann nach Colchester.

Nachdem wir uns einen supersteilen Hügel zur Tourist Information hochgearbeitet hatten, reservierten sie dort für uns einen Zeltplatz und gaben uns eine gute Umgebungskarte mit. Die brauchten wir auch, da der Campingplatz ein ganzes Stück außerhalb der Stadt an der Hauptstraße lag. Er hatte riesige Stellplätze und saubere, wenn auch nicht preisgekrönte Sanitäranlagen. Und dass das Licht ausging, wenn man das warme Wasser andrehte, war wohl Zufall.

Am frühen Abend fuhren wir noch einmal in die Stadt, wo wir oben auf dem Hügel ein schönes Irish Pub fanden. Dort ließen wir den Tag mit einem leckeren Essen und ein paar Bierchen bzw. Irish Cider ausklingen.

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