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Ein neues Abenteuer: Der Trekvogelpad

Ja, ich weiß, ich habe den Pieterpad immer noch nicht beendet, aber es war von der Zeit her immer etwas ungünstig. Jetzt ist es nämlich wieder so weit, dass ich unterwegs übernachten muss, und das will einigermaßen geplant werden. Da es aber ganz ohne Wandern nicht geht, habe ich mit dem 414 Kilometer langen Trekvogelpad (Zugvogelweg) angefangen, der von Bergen aan Zee nach Enschede führt. Allerdings zäume ich auch hier wieder den Gaul von hinten auf und laufe in Gegenrichtung, da es sich das für Tagesausflüge zwischendurch anbietet. Und nach den ersten 90 Kilometern wird es Zeit für einen Bericht.

Tag 1, Enschede – Koekoeksbrug: Why does is always rain on me?

Am 7. März hatte ich unerwartet einen fast freien Tag und wollte mal wieder ein Stück laufen. Also habe ich mit dem Trekvogelpad angefangen, der vom Bahnhof Enschede nach Bergen aan Zee führt. Das erste Stück lief ich also vor allem durch meine eigene Stadt, die ich nun durch die Augen eines Touristen betrachtete.

wegweiser

Die Streckenführung ist ganz geschickt, man geht vor allem durch die etwas netteren Teile der Stadt (den Volkspark, die alte Arbeitersiedlung Pathmos, das Naherholungsgebiet Rutbeek), so dass der ahnungslose Tourist nicht denkt: „Grundgütiger, wo bin ich hier gelandet!“ Versteht mich nicht falsch, ich wohne wirklich gern in Enschede, aber es ist halt kein Amsterdam, Maastricht oder Groningen.

pathmos volkspark2

Das Wetter war am Anfang noch okay, zwar leichter Nieselregen, aber man ist ja nicht aus Zucker, nicht wahr? Beim Rutbeek kam ich an einem Schild mit der Aufschrift „Wij oogsten de zon – Wir ernten die Sonne“ vorbei, das irgendwas mit Sonnenenergie zu tun hat. Gerade in dem Moment fing es auch richtig an zu gießen – the irony of that. Da stand ich also knapp 10 km von zu Hause entfernt im strömenden Regen mitten in der Pampa! Gut, dass ich meinen Regenumhang mithatte.

rutbeek schild

Aber das Naturgebiet Buurserzand ist auch im Regen recht schön, und schließlich gibt es ja kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.

buurserzand2

Trotzdem war ich froh, dass bei der Haltestelle Koekoeksbrug schnell ein Bus kam, der mich nach Haaksbergen brachte.

Tag 2, Koekoeksbrug – Eibergen: Vier Monate später

Am 11 Juli, also fast genau vier Monate später ging es weiter. Ich fuhr mit dem Bus bis kurz vor Haaksbergen und lief das letzte Stück zur Koekoeksbrug. Natürlich spielte mir mein bekanntes Rechts-Links-Problem mal wieder einen Streich, aber der Schaden hielt sich in Grenzen.

Das Wetter war erst etwas bewölkt, aber es klärte sich bald auf. Ich wanderte durch die Naturgebiete Buurserzand und Haaksbergerveen und stellte mal wieder fest: Twente is onmeunig mooi (Twente ist unglaublich schön).

haaksbergerveen  haaksbergerveen2

Auf einer Bank hielt ich ein Schwätzchen mit dem Gegenverkehr, den es hier auch reichlich gibt – die meisten Leute fangen in Bergen aan Zee an. Und das Restaurant bei der Oostendorper Watermolen hatte sogar geöffnet, so dass ich auch mein Essen fotografieren konnte, wie man das halt so macht.

oostendorperwatermolen stillleben

Als ich allerdings weiterging, trübte es sich wieder ein, und kurz vor der Berkel wurde ich von einem kräftigen Regenguss erwischt. Der Trekvogelpad wird auch „der längste Naturwanderweg der Niederlande“ genannt, und das bedeutet wohl, dass man sich grundsätzlich mitten in der Pampa befindet, wenn es gerade mal gießt. Man kann also stehenbleiben und nass werden oder weitergehen und nass werden. Ich entschied mich für letzteres, schlurfte am Berkelufer entlang und fragte mich mal wieder: „Why does it always rain on me?“

berkelimregen

Irgendwann ließ der Spuk jedoch nach, und ich konnte noch vor der Bushaltestelle in Eibergen das Regenzeug wegpacken.

Und einen netten Straßennamen habe ich auch entdeckt: Krakeelsweg.

Tag 3, Eibergen- Ruurlo: Auch am Trekvogelpad gibt es schönes Wetter

Diesmal ging es sogar recht schnell weiter, nämlich am 15. Juli. Zuerst sah es nach einem Pechstag aus, denn obwohl ich pünktlich an der Bushaltestelle war, meldete meine App, dass der Bus schon weg war. Trotzdem beschloss ich, noch ein paar Minuten zu warten, und siehe da, er kam doch noch! Es wäre auch sonst etwas ärgerlich gewesen, denn am Wochenende fährt der Bus nach Eibergen im Stundentakt.

In Eibergen lief ich durch den hübschen Ortskern, wo ich schon auf den ersten Gegenverkehr traf. Dann wurde die Gegend wieder sehr ländlich.

bauernhof waldweg

Im Wanderführer stieß ich auf die Anmerkung, dass die Route eventuell anders geführt werden könne, da dort die neue Bundesstraße N18 gebaut wird. Natürlich hatte ich mal wieder verbummelt, im Internet nach Updates zu schauen, aber das war auch gar nicht nötig. Am Samstag wurde nicht gebaut und ich konnte gemütlich zwischen zwei Bauzäunen hindurch den Markierungen folgen.

bauzaun

Der Weg führte mich durch einen Park, der im klassizistischen Stil angelegt ist und in der Mitte einen sternförmigen Teich, den „Waterster“ (Wasserstern) hat.

waterster slinge

Nach einer Pause am Flüsschen Slinge ging ich weiter bis zum Schloss Ruurlo, dem „Treppenhaus“ aus dem Jugendbuch „De Zevensprong“ (auf Deutsch „Das Geheimnis des siebten Weges“) von Tonke Dragt und der gleichnamigen Fernsehserie. Die älteren Semester unter uns erinnern sich vielleicht. Seit ein paar Wochen beherbergt das Schloss ein Museum mit Werken des Künstlers Carel Willink (1900 – 1983), einem Vertreter des magischen Realismus. Dies werde ich mir auf der nächsten Etappe näher anschauen.

schlossruurlo

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The Borders 2004 – Teil 3

Edinburgh

In den nächsten zwei Tagen besichtigten wir verschiedene Museen und Ausstellungen und fuhren mit dem Bus kreuz und quer durch die Stadt. Auf diese Weise erfuhren wir eine Menge über die Geschichte Schottlands und seiner Hauptstadt.

 Auf dem Campingplatz wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Busse in Edinburgh und Umgebung eine Tageskarte für zwei Pfund gibt, den sogenannten „Day Saver“. So beschlossen wir, nicht mit dem Rad in die Stadt zu fahren, was sich als weise Entscheidung herausstellen sollte. Wie in allen Großstädten gibt es nämlich auch hier recht viel Verkehr, und die Regeln erschlossen sich uns, wenn überhaupt, nur bedingt. Ich hatte meistens den Eindruck, dass jeder in der Gegend herum fährt, latscht oder steht, wie er lustig ist. Vom oberen Deck des Doppeldecker-Busses sahen wir des Öfteren haarsträubende Szenarios, wenn die Busfahrer im Slalom zwischen parkenden Autos und anderen Hindernissen hindurch fuhren. Wie sie es schafften, nirgendwo dagegen zu schrammen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Wenn man Edinburgh zu Fuß erkunden möchte, braucht man eine recht gute Kondition, denn die Stadt ist auf sieben vulkanischen Hügeln erbaut, so dass es ständig bergauf und bergab geht. Die Einheimischen machen das wie nix, aber wir als Flachlandtiroler gerieten auf den langen, steilen Treppen der „Closes“ doch gelegentlich aus der Puste.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zu den Straßen und Gebäuden der Stadt: Es gibt die „Streets“, also die größeren Straßen, die durch die „Closes“ miteinander verbunden sind. Diese sind oft steil und von Treppen versehen und dienen als Abkürzungen. Die Gebäude selbst wurden früher „Lands“ genannt, was in manchen Namen noch zu sehen ist, z. B. in „Gladstone’s Land“ oder „Websters Land“. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Häuser recht hoch gebaut, da Platz schon damals knapp war. Die ärmsten Bewohner der Häuser wohnten ganz oben und ganz unten, und die wohlhabenderen Leute in den mittleren Stockwerken zogen es außerdem vor, nach hinten hinaus zu wohnen, da die Straßen vor den Häusern sehr schmutzig waren. Kein Wunder, schließlich war es üblich, den Eimer, den man zur Verrichtung seiner Notdurft verwendete, mit dem Ruf „Gardyloo!“ (vom französischen „Gardez l’eau!“ – „Vorsicht, Wasser!“) einfach aus dem Fenster zu kippen.

Dies und noch vieles mehr erfuhren wir bei unseren Streifzügen durch die Stadt, den Besuchen des Stadtmuseums und des „People’s Museum“ und bei der Führung durch „Mary King’s Close„, die weiter unten noch ausführlich beschrieben wird.

Auf eine Besichtigung der Burg verzichteten wir, da es im Radführer hieß: „Unter den historischen Gebäuden der Stadt ist das meistbesuchte und zugleich uninteressanteste: die Burg, die architektonisch nichtssagend und zudem mit militärischen Exponaten gefüllt ist.“ Wir beschränkten uns also auf den Burghof und die Aussicht.

Dafür besichtigten wir neben den bereits erwähnten Dingen noch St. Giles Cathedral und die „Tartan Weaving Mill & Exhibition“, eine Weberei, in der man sehen kann, wie die Stoffe für Kilts hergestellt werden. Dort gibt es auch eine Ausstellung über die Geschichte und Entwicklung der „Highland Dresses“. Außerdem fuhren wir auch in das Hafengebiet von  Newhaven und Leith, wo es furchtbar windig war.

Wie überall hat auch in Edinburgh der öffentliche Nahverkehr seine Tücken. Als wir am Abend zurück zum Campingplatz wollten, waren  wir am Levenham Roundabout, ein paar Haltestellen vor unserer, die letzten Fahrgäste im Bus. Dort wurden wir gebeten, den Bus zu verlassen, da dies die Endstation sei. Der Bus würde um den Kreisverkehr herum und dann wieder zurück fahren. Wir stiegen aus und gingen eine Haltestelle weiter. Dort stellten wir fest, dass der nächste Bus in ein paar Minuten kommen sollte, also warteten wir. Als er dann kam, trauten wir unseren Augen nicht! Es war nämlich derselbe Bus, den wir verlassen mussten, mit demselben Fahrer und zum Teil denselben Fahrgästen, die allerdings vor uns ausgestiegen waren. Das sehr junge Paar mit dem kleinen Kind nebst Mc-Donalds-Luftballon hatte sich mir nämlich eingeprägt. Was wir falsch gemacht hatten, oder welches geheimnisvolle Prinzip dieser Begebenheit zugrunde lag, werden wir wohl nie erfahren.

Einmal wurden wir auch des „queue-jumping“ bezichtigt. Selbstverständlich ist uns bekannt, dass man sich an Haltestellen ordentlich anstellt und nicht vordrängelt, aber man möge uns zugute halten, dass unser ungeübtes Auge das ungeordnete Häuflein nicht als Reihe wahrgenommen hatte. Nett fanden wir übrigens die Schilder über den Türen: „You should not get off the bus between two stops. Doing so is both dangerous and illegal.“ Das klingt doch viel schöner als „Aussteigen zwischen den Haltestellen verboten“.

Am nächsten Morgen ging es mir nicht gerade gut. Ob das am chinesischen Essen vom Vorabend lag oder am Cider, den wir von unseren Nachbarn geschenkt bekommen hatten, weiß ich nicht. Auf jeden Fall verbrachte ich einen größeren Teil  der ersten Hälfte des Vormittags auf der Keramik. Gut, dass wir uns ein relativ ruhiges Programm vorgenommen hatten.

Wir begannen mit dem Besuch des Prestongrange Museum, das sich in direkter Nachbarschaft des Campingplatzes befindet. Unser Radführer beschreibt es als „…ungewöhnliches Museum, das den Ursprung der Stadtgeschichte betrifft: Prestonpans ist eine frühindustrielle Stadtgründung, die sich auf Kohle- und Salzförderung stützte. Als Zentrum des Museums ist ein Förderturm (bzw. ein Steingebäude mit Fördereinrichtungen) restauriert worden.“ Wir wurden von einem netten Herrn durch die Anlagen geführt und konnten den Turm mit seiner riesigen Pumpe sowie den Brennofen für Backsteine auch von innen bewundern. Außerdem machte unser Führer uns auch auf die Stellen aufmerksam, an denen sich früher ebenfalls Gebäude befunden hatten, und auf den Hafen, der wieder ausgegraben werden sollte.

Da sich der Zustand meiner Eingeweide inzwischen wieder normalisiert hatte, wagten wir die halbstündige Busfahrt in die Stadt. Dort investierten wir sieben Pfund pro Person für eine Führung durch Mary King’s Close, und das war es auch wirklich wert. Diese „Close“ befand sich dort, wo jetzt die „City Chambers“ sind, die am Ende des 19. Jahrhunderts auf den Fundamenten und Wänden der alten Gebäude errichtet wurden, die praktisch „geköpft“ wurden. Aufgrund der Hanglage sind jedoch Teile der alten „Close“ noch erhalten. Diese wurden restauriert und hergerichtet, so dass man einen Eindruck des Lebens verschiedener Familien zwischen dem 16. und 19. Jahrhunderts erhält.

Der Prospekt kündigte an, dass wir von einer der Figuren, die früher dort gelebt hatten, durch die Gebäude geführt werden sollten. Unser „guide“ war Walter King, ein „foulis cleaner“, dessen Aufgabe es war, die Wohnungen der Pestopfer zu reinigen. Wir wurden durch die verschiedenen Räume geleitet, die nur sehr dürftig beleuchtet waren, und unser Führer erzählte uns von den Lebensumständen damals, der Pest und den Gespenstern, die immer noch durch die „Close“ irren. Da er wunderbar anschaulich erzählte, konnten wir uns da unten gepflegt gruseln, und bei der Beschreibung der Pestsymptome wurde mir ganz anders. Es war wirklich eine gelungene Führung.

Dann besuchten wir noch das „Writers‘ Museum“ in einem wunderschönen alten Gebäude, dass sich vor allem mit Sir Walter Scott, Robert Burns und Robert Louis Stevenson befasst.

Außerdem bummelten wir durch die verschiedenen Geschäfte und beobachteten ein paar Maurer, die hoch oben auf den Burgberg ein Gerüst für Reparaturen an der Burgmauer errichteten. Die Leute sind wirklich schwindelfrei.

Natürlich gibt es in Edinburgh und Umgebung noch viel mehr, aber man muss immer eine Auswahl treffen, und wir hatte eine Menge Dinge dieser faszinierenden Stadt gesehen.

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Ostengland 2013 – Teil 6

Lincolnshire – weites Land, Stadt und Kathedrale

In der Nacht kam der schon lange angekündigte Regen und trommelte gemütlich auf das Zeltdach. Ich kuschelte mich tiefer in meinen Schlafsack und schlief wunderbar. Unser Nachbar allerdings nicht, er erzählte uns am morgen, dass er Ohrenstöpsel gebraucht hatte. Wir unterhielten uns kurz über unsere weiteren Pläne – wir wollten nach Lincoln, er wollte nach Skegness, um die Küste zu erkunden –  dann gingen wir unserer Wege.

Wir fuhren erst wieder durch Boston, vorbei am „Stump“ und der Windmühle Maud Foster. Diese steht am Foster Canal, einem der größten Entwässerungskanäle der Gegend. Im Gegensatz zu den meisten anderen Windmühlen hat sie fünf Flügel und ist sieben Stockwerke hoch. Auch heute ist sie noch in Betrieb und produziert biologisches Mehl.

maudfoster

Außerhalb der Stadt fegte der Wind ungebremst über die Ebene, und manchmal trafen uns ganz schön hinterhältige Böen von der Seite. Wir machten einen kleinen Umweg über die kleine Ortschaft New York, um das Ortsschild zu fotografieren.

newyork

Unsere Mittagspause machten wir diesmal in Woodhall Spa. Dort hatte man im 19. Jahrhundert, als man eigentlich Steinkohle suchte, eine Mineralquelle entdeckt, deren Wasser sehr reich an Jod und Brom ist. Einige kranke Kühe, die davon tranken, wurden wieder gesund, und Woodhall Spa wurde ein Kurort. Wir suchten uns ein Bänkchen gegenüber dem Denkmal für die gefallenen Soldaten des ersten Weltkriegs. Am Morgen hatten wir in der Zeitung gelesen, dass die Engländer ziemliche Schwierigkeiten mit dem bevorstehenden Jubiläum nächstes Jahr haben: Einige Politiker möchten vermeiden, dass es zum „German Bashing“ kommt, während ein Kolumnist meint, dass es keinen Grund gäbe, sich bei den Deutschen einzuschleimen („sucking up to the Germans“). Aber es muss doch noch eine Menge zwischen diesen Extremen geben, oder sehe ich das falsch? Nachdem wir eine Weile erfolglos darüber philosophiert hatten, fuhren wir weiter, vorbei an netten Kirchen, Ruinen und Spaziergängern.

ruine

spaziergänger

In der Nähe befand sich auch ein Übungsgelände der Royal Air Force, und die Flugzeuge gingen uns nach einer Weile gewaltig auf den Senkel. Jetzt kam auch zum ersten Mal auf dieser Reise das Regenzeug zum Einsatz. Irgendwie bewegten wir uns in einem Gebiet, in dem die Schön- und Schlechtwetterfront aufeinander trafen, so dass wir immer wieder einen kräftigen Duscher abbekamen und dann wieder durch fast sonnige Abschnitte radelten. In der Praxis bedeutet dies: Regenjacke an, Regenjacke aus, denn wenn es nicht mehr regnet, fängt man in seinem Regenzeug an, im eigenen Saft zu schmoren.

mitregenzeug

Und dann sahen wir, leider etwas verschwommen, in der Ferne die Kathedrale von Lincoln. Majestätisch thront sie auf einem Hügel mitten in der weiten, leeren Ebene. Bill Bryson beschreibt Stadt und Kathedrale in seinen „Notes from a Small Island“ wie folgt: „I like Lincoln, partly because it is pretty and well preserved but mostely because it seems so agreeably remote. H. V. Morton, in „In Search of England“, likened it to an inland St. Michael’s Mount standing above the great sea of Lincolnshire Plain, and that’s exactly right.“ (S. 194)

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Als wir den Vorort Langworth erreichten, war es gerade mal wieder sonnig. Wir machten uns auf die Suche nach einem Campingplatz und wurden schnell fündig – ein Schild dirigierte uns zu dem Platz “Lakeside”. Peter war sich nicht sicher, ob wir dort mit dem Zelt stehen durften, aber ich hatte ja alles recherchiert. Und siehe da, an dem verschlossenen Tor prangte das Zelt-Symbol. Jetzt mussten wir noch auf das Gelände kommen. Es gab eine Klingel, die wir betätigten, und aus der Sprechanlage quakte es: “What can I do for you?” Na was wohl? Peter antwortete höflich: “We would like to get in.” Langsam glitt das Tor zu Seite und wir rollten hinein zur Rezeption. Diesmal wollten wir zwei Nächte bleiben, um Lincoln zu besichtigen. Der Platzwart gab uns den Tipp, mit dem Bus zu fahren, und die Idee erschien uns gar nicht schlecht. Dann mussten wir uns nicht durch siebzehn Monsterkreisverkehre einen Weg in die Stadt suchen, und die Stahlrösser hatten auch mal einen Ruhetag. Wir bekamen noch ein paar Broschüren und einen Code für das Tor. Auch dieser Campingplatz ist, wie der Name schon andeutet, ein Angelcampingplatz, der wohl vor allem auf Wohnwagengäste eingestellt ist, da die Sanitäranlagen ziemlich klein sind. Da wir aber mal wieder die einzigen Zeltbewohner waren, war das kein Problem.

Gerade, als wir da Zelt aufgebaut und eingerichtet hatten, begann es zu gewittern, und der Himmel öffnete seine Schleusen. Warm und trocken saßen wir im Zelt und studierten das Informationsmaterial, das wir an der Rezeption erhalten hatten. Im Dorf gab es ein Pub und ein chinesisches Restaurant. Das Abendessen war also gesichert – dachten wir.

regen

Als der Regen nachgelassen hatte, machten wir uns zu Fuß auf den Weg ins Dorf. Bei der Bushaltestelle notierten wir die Abfahrtszeiten und gingen dann zum Pub, das nicht weit weg war. Man konnte dort tatsächlich essen, aber nur von Freitag bis Sonntag, und jetzt war Donnerstag. Wir hatten aber keine Lust, bis zum nächsten Tag zu warten, und machten uns auf die Suche nach dem Chinesen. Das war leichter gesagt als getan. In der einen Richtung war nichts zu finden, und in der anderen schien plötzlich das Dorf zu Ende zu sein. Und einen Supermarkt konnten wir auch nirgends entdecken. Wir gingen zurück zum Campingplatz, um die Leezen zu holen. Die zwei Angler, die wir fragten, wussten auch nur so ungefähr Bescheid. Wahrscheinlich fingen sie genug, so dass sie kein Restaurant brauchten.

Wir folgten den Erklärungen der Angler und landeten erst mal in der Pampa. Also wieder zurück und noch einmal die Hauptstraße entlang. Tatsächlich, wo wir das Ende des Dorfes vermutet hatten, war nur eine Lücke in der Bebauung, danach ging es noch ein ganzes Stück weiter. Irgendwie logisch, der Ort heißt ja auch Langworth. Der Chinese befindet sich direkt am Ortsausgang bei den Bahnschienen. Dort ist auch noch ein Campingplatz, und diesen hatte ich mir eigentlich im Internet ausgeguckt. Aber egal, wir standen gut.

Im Restaurant gab es ein gutes und reichhaltiges Büffet, war zur Folge hatte, dass wir mal wieder viel zu viel aßen, denn man muss ja alles probieren, und manche Sachen schmecken so gut, dass man sich noch eine zweite Portion genehmigen muss. Danach rollten wir langsam zurück zum Campingplatz und krochen in unsere Schlafsäcke.

Gegen vier Uhr nachts wurde ich kurz wach, da eine Krähe genau neben meinem Kopf einen Mordsradau machte. Zum Glück flog sie bald weg, und ich konnte weiter schlafen. Wir standen recht spät auf und trödelten erst noch eine Weile herum, bevor wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle machten.

lakeside2 lakeside

Doch erst waren wir zu früh und dann der Bus zu spät, so das wir eine ganze Weile dort spazieren standen. Aber zum Glück warteten außer uns noch ein junges Paar mit Kind und zwei ältere Damen. Dann gibt es zumindest noch Hoffnung, dass man nicht irgendetwas übersehen hat. Endlich kam der Doppeldeckerbus und oben war sogar noch etwas frei. Im oberen Stockwerk eines Doppeldeckers zu reisen ist schon abenteuerlich: Man fühlt das Schwanken des Busses in der Kurve deutlich mehr als unten und man hat ständig das Gefühl, dass das Gefährt sehr nah an allem vorbeischrammt. Außerdem kann man in den ersten Stock der Häuser an der Straße schauen. In der Stadtmitte stiegen wir aus und kamen alsbald an einem Stadtplan-Automaten vorbei. Wir investierten ein Pfund und erstanden einen Plan, in dem die Straßen und Häuser in dreidimensionaler Optik eingezeichnet waren.

Die Stadt Lincoln blickt auf eine lange, bewegte Geschichte zurück. Schon vor der Ankunft der Römer gab es an dieser Stelle eine Siedlung, über deren Bewohner jedoch nichts bekannt ist. Die Römer nannten ihre Siedlung “Lindum Colonia”, was nach und nach zu “Lindon” und später “Lincoln” wurde. Schon früh entwickelte sich die Stadt  aufgrund ihrer günstigen Lage an zwei Hauptstraßen und dem Fluss Witham zu einem regen Handelszentrum. Nach de Römern kamen die Angelsachsen und später die Dänen, deren Einfluss noch in den Straßennamen zu erkennen ist: Hungate, Michaelgate, Westgate etc. Dabei handelt es sich nicht um Tore, sondern um Straßen, denn die Endung “-gate” stammt vom skandinavischen “gata” (Weg, Straße). In York wird das Ganze noch verwirrender, aber ich möchte hier nicht vorgreifen. Später ließ William the Conqueror das Schloss errichten, um die Stadt zu kontrollieren, und im Jahr 1070 ließ Bischof Remigius den Grundstein zur Kathedrale legen. Im Jahr 1141 fand die Schlacht von Lincoln statt, in der König Stephen und Kaiserin Mathilda um den Thron Englands kämpften. Dieser Schlacht wird in Ken Follets Roman “Die Säulen der Erde” sehr eindringlich aus der Perspektive von Prior Philipp beschrieben, der eigentlich nur den Bau der Kathedrale von Kingsbridge fortsetzen möchte und bei seinem Versuch, König Stephen um Hilfe zu bitten, mitten in das Kampfgetümmel gerät.

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Wir wollten als erstes die berühmte Kathedrale besichtigen, die ganz oben auf den “Steep Hill” steht. Dieser Hügel trägt seinen Namen zurecht, er ist wirklich sehr steil! Mühsam schnäufelten wir nach oben, und die zahlreichen Geschäfte boten genug Ablenkung. Eines verkaufte Eis und Getränke und warb dafür mit dem Slogan: “Steep Hill? Thirst Aid available here!”

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Endlich erreichten wir die Kathedrale, deren Türme und Teile der Fassade gerade renoviert wurden.

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Am Eingang erhielten wir einen Prospekt, in dem der Rundgang durch das Gotteshaus wie eine Pilgerreise beschreiben wird, die am Eingang beginnt, dann am Taufbecken, den zwei großen Rosenfenstern und dem Altar sowie einigen anderen Stationen vorbei führt und schließlich am Schrein von St. Hugh, im 12. Jahrhundert Bischof von Lincoln und Namenspatron der Kathedrale, endet.

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Wie immer faszinierten mich besonders die bunten Fenster, die ich stundenlang anschauen könnte.

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In einem der Gänge stand eine Büste eines Steinmetzes, der auf dem Plakat darunter als „Mason Paul“ vorgestellt wurde. Seit 35 Jahren arbeitet er schon an der Kathedrale und leitet auch die derzeitigen Renovierungsarbeiten. Wenn diese fertig sind, soll die Büste in einem der Türme ihren Platz finden. Trotz aller technischer Fortschritte ist die Renovierung einer Kirche weitgehend ehrliches Handwerk, und ich finde es sehr sympathisch, dass Mason Paul einen Ehrenplatz erhalten soll.

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Zum Schluss gingen wir noch durch den Kreuzgang.

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Nach der Besichtigung bewunderten wir die Aussicht auf dem Hügel und gingen dann wieder in die Stadt hinunter. Da es Zeit zum Mittagessen war, gingen wir in einen asiatischen Imbiss, wo sie auch WLAN hatten, so dass wir in unsere Mails schauen konnten. Zum Glück gab es wenig Neues, wir hatten ja schließlich Urlaub. Danach streiften wir noch eine Weile durch die Stadt, wobei uns bestätigt wurde, was wir vor einigen Tagen in der Zeitung gelesen hatten: Wegen der Wirtschaftskrise waren die „Barber Shops“, also Herrenfriseure, wo man sich einen unkomplizierten Wald- und-Wiesenhaarschnitt verpassen lassen kann, wieder groß im Kommen. Schließlich gelangten wir zum Brayford Pool, dem Hafenviertel der Stadt. Früher war es ein Industriegebiet, doch nach einer eingreifenden Renovierung beherbergt es nun zahlreiche Cafés und Restaurants.

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Nachdem wir dort eine Weile auf einer Bank gesessen und Leute und Wasservögel beobachtet hatten, gingen wir zu Marks and Spencer, um für das Abendessen einzukaufen. Wir erreichten den Eingang gerade noch rechtzeitig, bevor ein gewaltiger Regenschauer losprasselte. Als wir unsere Einkäufe erledigt hatten, war es jedoch wieder trocken, und wir nahmen den Bus zurück zum Campingplatz. Natürlich saßen wir wieder oben, und so konnten wir gut beobachten, wie sich bei einer Straßenverengung ein Auto noch schnell vor den Bus drängeln wollte und dabei ein bisschen angedatscht wurde. Aber viel war wohl nicht passiert, denn sowohl Auto als auch Bus fuhren weiter.

Auf dem Campingplatz stellten wir erfreut fest, dass am Teich bei unserem Zelt eine neue, frisch gestrichene Bank stand, auf der wir gemütlich unser Abendessen einnahmen. Danach lasen wir noch Zeitung, doch irgendwann schwirrte etwas zu viel Getier herum, so dass wir uns ins Zelt verkrochen. Zum ersten Mal auf dieser Reise war es warm genug, um ohne Socken schlafen zu gehen.

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