Beiträge mit dem Schlagwort: Führung

Irgendwas ist immer, auch in der Synagoge

Vor einiger Zeit hatte ich euch ja ein Synagogen-Update versprochen. Bitte schön.

Vor gut drei Wochen hatte ich also meine Feuertaufe, eine Führung für eine deutsche Schulklasse (12 – 13 Jahre), bei der eine Ausbilderin mitging. Das Ganze war eine größere Aktion, vier Gruppen, von denen jeweils zwei gleichzeitig durch das Gebäude geführt werden sollten, während die anderen Kaffee tranken. Meine „Parallelgruppe“ wurde von einer erfahrenen Kollegin geführt, die meinte, dass ich mich einfach an die vorgegebene Reihenfolge der Räume (Klassenzimmer, Kleine Schul, Große Schul) halten sollte, sie würde ihre Pappenheimer um mich herum manövrieren. Das beruhigte mich schon mal.

Allerdings kam der Bus der Schule eine gute halbe Stunde zu spät, so dass ich doch einiges überschnitt und streckenweise ca. 80 Schüler gleichzeitig durch das Gebäude wuselten. Zum Glück hatte ich mich gut vorbereitet und konnte den Schülern (in meiner Gruppe waren nur Jungen) einige Dinge außerhalb der genannten Räume zeigen, wenn wir warten mussten, z. B. die Tische zu den verschiedenen Festen und die Thorarolle in der Vitrine.

Einige der Jungen waren schon einmal in der Synagoge gewesen und wussten einiges über das Gebäude und das Judentum. Und anders als die Gruppe meiner Kollegin waren sie sehr interessiert. Die ersten Fragen waren: „Sind Sie Niederländerin? Sind Sie Jüdin?“

Nach der Führung gab es noch eine Nachbesprechung, und meine Kollegin aus der Lerngruppe und ich dürfen jetzt selbstständig Schulklassen führen. Die erste „große“ Führung für Erwachsene ist auf unseren eigenen Wunsch noch mit Backup. Mit Stolz darf ich vermelden, dass ich jetzt nicht mehr das weiße Namensschild für Azubis, sondern ein blaues habe:

namensschild

Zur Zeit findet in der Synagoge auch die Ausstellung „Getuigen langs het spoorZeitzeugen entlang der Gleise“ statt. Hier sind Interviews mit Zeitzeugen zu sehen, die während des Zweiten Weltkriegs an der Bahnlinie wohnten, über die die Züge vom Durchgangslager Westerbork nach Deutschland und von dort weiter in die Vernichtungslager fuhren. Diese Ausstellung ist Teil des Projekts“Auf dem Weg von Anne Frank – Grenzübergreifend gegen das Vergessen„. Die Interviewten, von denen die meisten damals noch zur Schule gingen, erzählen, was sie über die „Judenzüge“ wussten, wie sie die Post aufsammelten und in den Briefkasten warfen, die die Insassen der Züge aus dem Fenster warfen, und wie sie die Zeit damals erlebt haben. Kopien von einigen dieser Postkarten werden ebenfalls gezeigt.

Für den größten Teil der Ausstellung braucht man Strom (für die Slideshow und die Interviews über Kopfhörer). Und natürlich musste gestern, als ich zum ersten Mal dort als Aufsicht eingeteilt war, der Strom teilweise ausfallen, und der eilends herbeitelefonierte Hausmeister konnte den Fehler nicht finden. Also war improvisieren angesagt. Zum Glück hatte ich mich vorher schon schlau gemacht, und so konnte ich für interessierte Besucher auf jeden Fall in groben Zügen zusammenfassen, was die interviewten Personen zu erzählen hatten. Ein Paar berichtete dann auch am Ausgang, dass das mit dem Stromausfall nicht sooo schlimm sei, eine freundliche Dame hätte ihnen alles erklärt. Immer gerne. 🙂

Als es Zeit zum Abschließen war, funktionierten die Ausstellungsstationen noch immer nicht. Dafür gingen einige Lampen im Klassenzimmer und in der Großen Schul nicht mehr aus. Ich bin ja gespannt, wie es nächsten Sonntag ist.

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Synagogen-Update oder: Kürzere und längere Führungen und diverse Missverständnisse

Obwohl zur Zeit hier der übliche berufliche Jahresendstress herrscht und wir immer noch mit  Renovierungs- und Umzugsaktivitäten beschäftigt sind, wird es mal wieder Zeit für diverse Updates: besagter Umzug, der Pieterpad, vielleicht auch in absehbarer Zeit eine Fortsetzung des Reiseberichts und natürlich die Synagoge.

Als erstes kann ich vermelden, dass wir Teil 2 unserer Gästeführerausbildung mit Anstand zu Ende gebracht haben. Im Rahmen dieses Kurses mussten wir alle für unsere Lerngruppe eine Miniführung von zehn Minuten vorbereiten, die dann von der Gruppe bewertet wurde. Um das Ganze nicht zu einfach zu machen, sollte ich meine Miniführung auf Niederländisch halten und Peter seine auf Deutsch.

 In meinem Fall gab es erst ein ziemliches Missverständnis, mein Thema war die Südostwand. Beim Treffen vor der Themenvergabe hatten wir den Festsaal besprochen, und wenn man dort aus einem der Fenster schaut, sieht man die Südostwand von außen, und in dieser Wand befinden sich zwei Steinplatten aus der Vorgängersynagoge, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu klein geworden war. Ich dachte, dass ich darüber referieren sollte und fragte mich entsetzt, wie ich so meine zehn Minuten vollkriegen sollte. Zu meiner Ehrenrettung sie gesagt, dass ich nicht die Einzige war, die es falsch verstanden hatte. Einer unserer Ausbilder meinte dann, dass wahrscheinlich die Südostwand in der großen Schul  gemeint war, was zum Glück auch stimmte, denn da konnte ich aus dem Vollen schöpfen.

Natürlich hatte ich furchtbares Lampenfieber, denn man geht ja davon aus, dass die Lerngruppe besonders kritisch ist. Aber fast alles ging gut, außer dass ich mich ein paarmal verhaspelte und mein Rechts-Links-Problem mal wieder für Erheiterung sorgte. Auch Peter meisterte sein Thema, die Kirchenratskammer, sehr souverän und bat sogar unsere Lehrerin, doch bitte nicht auf dem Teppich zu stehen, was sie in Zukunft für ihre eigenen Führungen übernehmen möchte. Feedback und Nachbesprechung waren sehr gut und konstruktiv.

Danach hatte jeder von uns noch ein Einzelgespräch mit unseren Ausbildern, in dem wir gefragt wurden, wie wir jetzt weitermachen möchten. Wir einigten uns darauf, dass die „Azubis“ noch bei ein paar Führungen mitgehen und Teile davon übernehmen, so dass es nicht gleich so furchtbar viel ist. Von mir wollte man außerdem noch  wissen, ob ich denn auch Führungen für Schulklassen und eventuell englischsprachige Führungen machen möchte, und vielleicht könnte ich ja noch mal eben Französisch und Russisch lernen…. Im Prinzip möchte ich schon irgendwann die englischen Führungen und die für Schulklassen machen, aber erst mal möchte ich die Materie besser beherrschen, so dass ich mich sicherer fühle.  Soweit die Theorie, aber es kam mal wieder anders.

Aber erst mal wollte ich meiner altbekannten Neigung, alles vor mir her zu schieben und dann in Panik zu geraten, ein Schnippchen schlagen.  Deshalb fragte ich einen Freund, ob er sich als Versuchskarnickel zur Verfügung stellen und sich von mir das Gebäude zeigen lassen würde. Er fand die Idee gut, denn die Synagoge stand bei ihm schon lange auf der berüchtigten „Da-wollte-ich-immer-schon-hin-aber-man-kommt-ja-zu-nix“-Liste. Also musste ich meine Aufzeichnungen in Ordnung bringen, so etwas wie ein Gesamtkonzept entwickeln und eine Aufstellung der hebräischen Inschriften in den diversen Räumen erstellen, denn ich kann das Zeugs ja nicht lesen. Vielleicht hätte ich mir doch eine Kirche aussuchen sollen, lateinische Inschriften haben doch einen höheren Wiedererkennungswert.

Nachdem wir erst diverse terminliche Missverständnisse ausräumen mussten, schafften wir es tatsächlich, zur selben Zeit am selben Ort zu sein, was für so ein Unterfangen ja  nicht verkehrt ist. Eine reguläre Führung dauert eine Stunde und fünfzehn Minuten, und das heißt, dass man irgendwo was weglassen muss. Aber in diesem Fall machte ich das natürlich nicht, wir begannen bei der Außenfassade (Amsterdamer Architekturschule), dann führte ich ihn durch alle Räume, die ich auch betreten darf, und beendete den Rundgang zwei Stunden später auf der Frauenempore.

Für mich war es tatsächlich sehr hilfreich, denn ich weiß jetzt, bei welchen Punkten ich mich sicher fühle, wo ich noch ins Schwimmen gerate, was ich noch mal nachschlagen muss und wo ich straffen kann, wenn es notwendig ist. Und es hat Spaß gemacht, jemandem das Gebäude zu zeigen, der sich für die Mosaiken und Bleiglasfenster begeistern kann und jede Menge Fragen stellt.

Tja, und letzte Woche rief mich eine der Koordinatorinnen an, ob ich im neuen Jahr eine komplette deutschsprachige Führung für eine Schulklasse machen möchte. Meine Ausbilderin denkt, dass ich es schaffe. Sie wird das Ganze auf jeden Fall vorher mit mir durchgehen und außerdem dabei sein, falls ich komplett den Faden verliere. Am 26. Januar ist also meine Feuertaufe. Ein paar positive Gedanken könnten auf jeden Fall nicht schaden.

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Neues aus der Synagoge oder: So entstehen Gerüchte

Wie man vielleicht mitgekriegt hat, bin ich ja vor einiger Zeit in einem Anfall von Größenwahn auf die Idee gekommen, Gästeführerin in unserer Synagoge zu werden. Hier ein kurzes Update:

Vor den Sommerferien haben der Gatte und ich Teil eins des Kurses abgeschlossen, in dem wir einen Überblick über die Räume erhielten und instruiert wurden, was man am Empfang alles beachten muss. Inzwischen hat Teil zwei angefangen, und hier hat man mich eigentlich bei der deutschsprachigen Gruppe eingeteilt, und Peter bei der niederländischsprachigen. Aber, Streber die wir sind, versuchen wir wenn möglich, zu beiden Treffen zu gehen, denn doppelt hält besser. Außerdem schauen wir, so oft es sich zeitlich einrichten lässt, den erfahrenen Kollegen über die Schulter. Im November muss jeder von uns eine „Mini-Führung“ für seine Lerngruppe geben, für die uns – hoffentlich bald – ein Raum zugewiesen wird.

Es gibt Phasen, da denke ich: Das muss gehen, inzwischen habe ich mir doch einiges über das Gebäude, das Judentum und die Geschichte der Juden in unserer Stadt angeeignet. Aber dann denke ich wieder: Hilfeeee, worauf hab ich mich da bloß eingelassen. Was waren auch wieder die Kennzeichen der Amsterdamer Schule, wann genau hat Architekt Karel de Bazel gelebt, und welcher der diversen Menkos hat die Synagoge in Auftrag gegeben? Vor allem die Jahreszahlen sind ein echtes Problem, da muss ich mir noch einen geeigneten Spickzettel basteln.

Vor kurzem hatten wir wieder ein Treffen, und da wurde ich Zeuge, wie mehr oder weniger absurde Gerüchte entstehen können. Diesem Treffen war eine Führung für einen Landfrauenverein vorausgegangen, bei der ich leider nicht anwesend war, aber das „Nachspiel“ hatte genug Unterhaltungswert.

Wir sprachen gerade darüber, wo und wie man am Besten mit der Führung anfängt, als unser Judentums-Experte zu unserem Tisch kam: „Ich habe gerade von einigen aus der Gruppe gehört, dass man die Thorarolle in die Mikwe (das rituelle Bad) taucht, bevor der Name Gottes an den fehlenden Stellen eingetragen wird. Ich schließe nicht aus, dass es irgendwo Gruppen gibt, die so etwas machen, aber ich habe davon bisher noch nie etwas gehört. Leute, denkt dran, wenn ihr nicht ganz sicher seid, dass so etwas stimmt, erzählt es bitte nicht in der Führung.“

Unser Ausbilder, der die Führung gegeben hatte, und die beiden Mitstudentinnen, die dabei gewesen waren, waren völlig perplex. Niemand hatte etwas derartiges behauptet! Nach und nach rekonstruierten sie den Hergang. Was wohl stimmt, und auch bei jeder Führung erzählt wird, ist, dass die Thorarolle, die die fünf Bücher Mose enthält, mit der Hand beschrieben wird, und dass beim Namen Gottes keine Fehler gemacht werden dürfen. Darum werden die Stellen freigelassen, und der Sofer (Schreiber) trägt sie zum Schluss nach. Bevor er das tut, wäscht er sich rituell die Hände. Kurz danach wies der Gästeführer darauf hin, dass unsere Synagoge auch eine Mikwe hat. Wegen der Hitze hatten einige aus dem Publikum nicht ganz aufmerksam zugehört und die Funktion des Tauchbades fröhlich mit dem Schreiben der Thora zusammengeschmissen.

Das kann also auch bei einer Führung passieren.

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Nordostengland und Borders 2016 – Teil 1

Irgendwas ist immer – Nordostengland und die Borders, 5. Juni – 1. Juli 2016

Wie immer begann unser Urlaub schon lange vorher mit dem Schmieden und Verwerfen von Plänen. Mit dem Auto nach Irland und dann einen Wander- und Kultururlaub machen? Nee, Auto ist irgendwie doof, das können wir noch machen, wenn wir zu tattrig zum Radeln sind. Dann Englands Südwesten mit dem Rad, also Stonhenge, Avebury, Glastonbury, Winchester usw.? Na ja, irgendwie ist alles zu nah an London, zu viele Straßen und zu viel Verkehr. Aber irgendwann mussten wir mal Nägel mit Köpfen machen, und so beschlossen wir, dort weiter zu fahren, wo wir vor drei Jahren aufgehört hatten, nämlich in Hull, von dort aus Richtung Edinburgh und über Newcastle wieder zurück zu fahren. Am Anfang ging auch wirklich alles wunderbar, aber schon nach ein paar Tagen kristallisierte sich unser Urlaubsmotto deutlich heraus: „Irgendwas ist immer“.

Frühstücksbrett

… und manchmal geht (bzw. fährt) der Weg sich wie von selbst (Nils Koppruch, “Kirschen”)

Am Sonntag ging es los. Wir mussten zwar erst gegen 19.00 Uhr beim Terminal in Maassluis sein, aber die tiefverwurzelte Angst, die Fähre zu verpassen, ließ uns doch schon am späten Vormittag aufbrechen. Bevor wir losfuhren, musste Peter allerdings erst seinen Fahrradschlüssel suchen, der sich irgendwie ins Schlafzimmer verirrt hatte. Trotzdem kamen wir pünktlich weg.

Wegen Gleisarbeiten konnten wir nicht bis Rotterdam durchfahren, sondern mussten in Utrecht umsteigen. Dabei hätte ich fast eine Vordertasche (die mit dem Übernachtungskram für die Fähre) vergessen, da wir die Räder teilweise abgepackt hatten. Zum Glück hatte der Zug eine Weile Aufenthalt, und eine Radfahrerin, die eingestiegen und unseren Platz eingenommen hatte, rannte mir hinterher und brachte mir die Tasche. Oh Mann, nicht auszudenken, wenn der Zug mit meinem Nachtzeug von dannen gefahren wäre, das wäre schon etwas doof gewesen.

Das Umsteigen in Rotterdam war schon immer eine problemlose Angelegenheit. Früher konnte man gemütlich mit einem uralten scheppernden Lastenaufzug nach oben und unten tuckern, und heute hat man schicke, geräumige Glaslifte. Während wir auf den Zug nach Hoek van Holland warteten, fotografierte Peter mein Rad von unten durch die durchscheinende Decke zwischen Bahnsteig und Untergeschoss.

Rad von unten

Gerade, als sich die Zugtüren schlossen, sprang eine Frau noch in den Zug. Ihr Mann schaffte es allerdings nicht mehr, worüber sie etwas angefressen war. Während sie den Zugbegleiter suchte, um sich zu beschweren, entspannen sich in unserem Wagen sofort angeregte Gespräche, wie lange so ein Zug in solchen Fällen warten muss, wo wir denn hin wollten, und Radfahren im Allgemeinen.

In Maassluis stiegen wir aus und fuhren mit der Fähre über den „Nieuwe Waterweg“ nach Rozenburg, wo wir erst mal bei einer Snackbar etwas zu essen holten. Dann ging es weiter zum Fährterminal. Von gesunder Seeluft war hier allerdings nichts zu merken, dank diverser Raffinerien und Industrieanlagen stank es ziemlich.

Beim Terminal angekommen fotografierte ich erst einmal die „Pride of Rotterdam“, die bereits auf uns wartete. Vor drei Jahren waren wir mit ihrem Schwesterschiff, der „Pride of Hull“, nach Hause gefahren.

Pride of Rotterdam Pride of Rotterdam

Dann konnten wir schon einchecken, mussten aber noch eine Weile warten, bevor wir an Bord durften. In der Schlange standen viele Motorräder und Wohnmobile. Eine Frau nutzte die Wartezeit, um ein Foto von ihrem Mann am Steuer eines solchen zu machen: „Heinz, lach doch mal!“ Dann durften wir nach und nach an Bord, was diesmal recht lange dauerte, da das Sicherheitspersonal alle Fahrzeuge ziemlich genau unter die Lupe nahm und teilweise von einem Drogenhund beschnüffeln ließ. Auch unsere Ausweise wurden genau geprüft.

Dann rollten wir an Bord und wurden mit einigen Motorrädern in einen abgetrennten Bereich gewinkt, wo wir die Räder in aller Ruhe festbinden konnten. Wir gingen die steile Treppe nach oben zu unserer Kabine. Nach dem üblichen Gepfriemel mit der Key-Card gelang es uns, die Tür zu öffnen. Nach einer erfrischenden Dusche (nach mehreren Stunden in dieser Hafenluft fühlt man sich einfach nicht mehr besonders sauber) gingen wir zum Essen.

Mann, war das wieder mal lecker! Fleisch- und Fischspezialitäten, Currygerichte, unzählige Beilagen und dann die Nachtische! Gerade bei letzteren konnte ich mich nicht entscheiden, und da die einzelnen Stücke nicht so groß waren, nahm ich ein Stück Brownie, ein Lemon Meringue und einen Raspberry Cheesecake. Dann war mit allerdings nicht mehr ganz so wohl, vielleicht war einer von ihnen nicht ganz in Ordnung gewesen.

Inzwischen fuhr das Schiff an, und wir gingen auf das Sonnendeck, um uns von der niederländischen Küste zu verabschieden. Bei Hoek van Holland lag ein Schiff der Stena Line, das bald nach Harwich fahren würde, und wir fuhren nach Westen in den Sonnenuntergang.

 Hoek van Holland mit Stena-Line-Fähre Sonnenuntergang

Die frische Luft tat mir ausgesprochen gut. Nach ein paar Irrwegen fanden wir  die Bar, wo wir uns bei einem Bierchen das Entertainment zu Gemüte führten: Eine Sängerin und ein Keyboardspieler, die die üblichen Hits zum Besten gaben. Dann zogen wir uns in unsere Kabine zurück.

Wir schliefen wunderbar, wurden aber schon recht früh von einem Autoalarm geweckt. Dabei waren die Autofahrer ausdrücklich darauf hingewiesen worden, dass man diesen ausschalten sollte, da plötzliche Bewegungen des Schiffs ihn auslösen können. Für die Batterie ist sowas natürlich nicht gut, was mich mit einer gewissen Schadenfreude erfüllte. Wenn man mich aus dem Schlaf reißt, bin ich kein netter Mensch.

Da wir schon wach waren, konnten wir auch gleich aufstehen. Ich überreichte Peter erst sein Geburtstagsgeschenk und wir schlachteten zwei Minitörtchen. Dann gingen wir an Deck, um England zu begrüßen.  Doch die englische Küste, die uns beim letzten Mal mit einem wunderschönen Sonnenuntergang hinter der Humber Bridge verabschiedet hatte, war in dichten Nebel gehüllt. Nachdem wir eine Weile die nicht vorhandene Aussicht bewundert hatten, gingen wir frühstücken, denn für die Fahrt nach York brauchten wir eine vernünftige Grundlage, und was eignet sich besser als ein „Full English Breakfast“?

Dann wurden die Fahrgäste in mehreren Sprachen aufgefordert, sich zu ihren Fahrzeugen zu begeben, und auf ihr Gepäck zu achten. Bei der deutschen Version klang mit einem wunderschönen Rudi-Carell-Akzent durch das Schiff: „Bitte behalten Sie Ihnen Gepäck bei Ihnen.“ Schön, nicht?

Um halb acht ließ man ein paar Autos warten, so dass wir gemütlich von Bord rollen konnten. Wir mussten noch an der Zollstelle vorbei, wo ein junger Beamter mein Foto und mich kritisch beäugte, trotz Fahrradhelm genug Ähnlichkeit feststellte und mich durchwinkte. Durch diverse gelbe Gatter verließen wir den Hafen.

Wir kamen gut durch Hull, und der Linksverkehr fühlte sich schnell wieder vertraut an. Allerdings landeten wir nicht wie geplant auf der Straße nach Cottingham, sondern auf der nach Beverley, aber egal, so hatten wir das nette Städtchen mit der imposanten Kathedrale auch mal wieder gesehen.

Beverley Minster im Nebel

Dann stießen wir auf die Radroute durch die Yorkshire Wolds, und bei Market Weighton fing auch der Nebel an, sich aufzulösen. Geht doch! Bei inzwischen wunderbarem Radlerwetter fuhren wir durch idyllische Dörfer, vorbei an Pubs mit typisch englischen Namen wie „The Rose and Crown“, „The Grey Horse“ etc., über nicht allzu steile Hügel.

Durch die Yorkshire Wolds Pub

Wir waren im „White Rose Country“, wie man unschwer an der weißen Rose auf den Ortsschildern erkennen konnte. I love England! Und das Foto bei der winzigen Ortschaft Melbourne musste natürlich sein.

Melbourne in Yorkshire

Die Meilen verflogen praktisch unter unseren Rädern, und am Nachmittag erreichten wir York. Zur Sicherheit studierten wir, wie wir das ja jedes Mal machen, auf der Umgebungskarte auf dem Marktplatz und fuhren dann Zum Campingplatz am Ufer des Ouse. Alles war sofort wieder vertraut, auch das übliche Gedöns beim Einchecken. Mit Radfahrern, die auf die Zeltwiese wollen, sind sie wohl immer etwas überfordert.

Wir bekamen wieder die Schlüssel zum Sanitärgebäude und zur Hintertür, bauten unser Zelt auf und sprühten es erst mal gründlich mit Imprägnierspray ein. Dann erledigten wir unsere Einkäufe in den Shops ein paar Straßen weiter. Irgendwie ist es schön, wenn man den Campingplatz und die Umgebung schon kennt. Danach ruhten wir uns erst mal aus, denn wir waren ja schon im Morgengrauen von Bord komplimentiert worden.

Später machten wir uns auf den Weg in die Stadt, die von hier aus wunderbar zu Fuß zu erreichen ist.

Brücke über den Ouse

Das Minster findet man ja sofort. Es wird noch immer renoviert, und an einer Seite kann man die Arbeiten der Stone Masons (Steinmetze) bewundern. Auf einigen Steinen sind auch ihre individuellen Zeichen zu sehen. Schon beim letzten Englandbesuch war mir aufgefallen, dass trotz aller Technik der größte Teil einer Kirchenrenovierung das gute alte Handwerk ist. Morgen würden wir sehen, wie weit sie innen inzwischen sind.

Steinmetzarbeiten am Minster Steine mit Steinmetzzeichen

Wir bummelten durch die Shambles, einer Straße mit überhängenden Fachwerkhäusern, in der früher Fleisch verkauft wurde. Der Name leitet sich wohl vom angelsächsischen „fleshammels“ (Schlachtbank) ab. Allerdings gibt es heutzutage keinen Metzgerladen mehr hier. Wir sahen, dass einige Läden wegen der heftigen Überschwemmung im Winter geschlossen hatten. Auf den ersten Blick wirkt es zwar so, als ob die Stadt sich erholt hat, aber ganz so einfach geht das ja nie. Auch unser Campingplatz hatte einiges abbekommen, aber da die Gebäude dort auf Pfählen stehen, hat sich der Schaden in Grenzen gehalten.

Dann besuchten wir das Pub „Snickleway Inn“. Über die York-typischen Bezeichnungen von Straßen, Gassen, Stadttoren usw. sowie die lange und bewegte Geschichte dieser Stadt habe ich mich ja hier bereits ausführlich ausgelassen. Das „Snickleway Inn“ hieß früher „Anglers‘ Arms“ und ist angeblich „the most haunted pub in York“. Zu den zahlreichen Gespenstern gehören eine Katze, die um die Tische streicht, ein kleines Mädchen, das von einer Kutsche überfahren wurde und seitdem hin und wieder auf der Treppe sitzt, eine Frau auf der oberen Galerie und ein Mann in der Passage zwischen dem vorderen und hinteren Teil. Auch scheint irgendwer regelmäßig Chaos im Keller zu verursachen. Das Schild, von dem ich diese Informationen habe, schließt mit folgendem Hinweis: „It is worthy for a visit, although visitations cannot be guaranteed.“ Und auch wir sahen kein Gespenst.

 Snickelway Inn von außen Snickelway Inn von innen

Nach einem leckeren Bierchen gingen wir zurück zum Campingplatz, wo wir traditionsgemäß die „Daily Mail“ lasen. Natürlich war das bevorstehende Referendum Thema Nummer eins, und Alt-Premier John Major hatte sich wohl ziemlich daneben benommen. Das konnte noch interessant werden.

Am nächsten Morgen gingen wir erst zur Tourist Information und zum Minster, um uns nach Führungen zu erkundigen, aus denen wir dann ein Tagesprogramm bastelten.

Wir begannen mit einer Stadtführung, die uns erst am King’s Manor vorbeiführte, das jetzt zur Universität gehört. Dann gingen wir zur alten Stadtmauer, wo wir noch Teile der ursprünglichen römischen Überreste bewundern konnten.

Alte Stadtmauer (römische Überreste) Alte Stadtmauer

Dann gingen wir weiter in die Museum Gardens, wo sich die Ruinen der St. Mary’s Abbey befinden. Sie wurde 1055 erbaut und galt lange als eine der reichsten Abteien im Norden Englands. Wie so viele andere Klöster und Abteien wurde sie im Jahre 1539 unter Heinrich VIII aufgelöst.

St. Mary's Abbey

Dann ging es weiter auf der Stadtmauer, wo wir erfuhren, dass es früher nicht besonders attraktiv war, ein Grundstück an der Mauer zu besitzen, da man dann auch für den Unterhalt derselben verantwortlich war. Die Führung endete in der Minster Area, wo früher das Kirchenrecht galt. Wenn man sich nach einem Vergehen durch das Tor beim National Trust Gift Shop flüchten konnte, wurde man milder bestraft. Wieder was gelernt.

Tor zur Minster Area

Wir hatten noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Führung durch das Minster. Diese nutzten wir für einen sanitären Zwischenstopp und Proviantkauf bei Marks und Spencer. Auf einer Bank verspeisten wir unsere Sandwiches, und dann ging es weiter mit der Kultur.

Die Führung dauerte anstatt einer Stunde eineinhalb Stunden, und wir wurden wieder auf eine Menge Details aufmerksam gemacht. Angeblich befindet sich die Hälfte aller Bleiglasfenster in England hier. Mit der Renovierung des East Window war man inzwischen ein gutes Stück weiter gekommen.

East Window in der Kathedrale

Auch bei dieser Kathedrale gilt wohl das Motto „Irgendwas ist immer“. So stürzte im Jahr 1407 der Hauptturm ein und musste wieder aufgebaut werden, im Jahr 1829 zündete ein gewisser Jonathan Martin die Orgelempore an, da ihm beim Abendgottesdienst ein brummender Ton der Orgel auf die Nerven gegangen war, und 1984 legte ein Blitzschlag das südliche Querschiff in Schutt und Asche.

Unsere Führerin wies uns darauf hin, dass das Muster der  Säulen unten in der Krypta auch bei der Kathedrale in Durham zu finden sei. Das interessierte uns natürlich, denn Durham stand dieses Jahr auch auf unserem Programm.

Säule mit Rautenmuster

Da zur Zeit die „York Minster Mystery Plays“ stattfanden, standen überall Kulissen und Requisiten herum. Das sah zwar sehr interessant aus, aber von unserer Stadtführerin hatten wir gehört, dass es nur noch wenige und entsprechend teure Karten gab. Na ja, wir kriegen auch so genug Kultur mit.

Requisiten für Mysterienspiele - Sterne und zwei Schweinderl

Dann besuchten wir noch das Yorkshire Museum und begaben uns auf eine Zeitreise durch die bewegte Geschichte der Stadt: Kelten, Römer, Angelsachsen, Wikinger, Normannen, der Rosenkrieg und vieles mehr. Das Gebäude, in dem das Museum untergebracht ist, gehört der Philosophical Society und beherbergt auch die Historic Library. Diese kann man besichtigen, die Bücher befinden sich allerdings hinter Gittern. Besser ist das.

York ist einfach eine tolle Stadt, obwohl ich schon sieben oder acht Mal dort war, entdecke und lerne ich immer wieder etwas Neues.

Wir kauften ein und gingen zurück zum Campingplatz. Dort stellten wir fest, dass wir offenbar ungebetenen Besuch gehabt hatten: Irgendein Viech hatte meine Müslipackung umgekippt und den Inhalt im Vorzelt verstreut. Wir retteten, was zu retten war, und verschlossen die Packung sicher in der Vordertasche.

Bei der Zeitungslektüre stellten wir fest, dass das Leave-Camp in Führung lag. Ich kam auf die Idee, jeden Tag ein „Brexit Quote of the Day“ aufzuschreiben. Hier die von heute:

„Now that I’ve heard both sides of the argument on the Referendum my mind is finally made up – I’ll toss a coin.“(Valerie Ashton, London)

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Ostengland 2013 – Teil 11

Mal wieder in York

Als wir gegen acht Uhr wach wurden, war es schon hell und trocken. Eine Stunde später schien die Sonne, also bauten wir das Zelt ab und fuhren los. Über idyllische Landwege ging es durch die Howardian Hills. Die Bezeichnung „Hills“, also Hügel, ist hier vollkommen richtig, wenn man die Definition von Rennbiene anwendet: „Wenn ich absteigen und schieben muss, ist es ein Berg.“ Nun, ich musste nicht schieben.

howardianhills nachyork

Ziel des heutigen Tages war York – einer unserer Lieblingsstädte, die wir schon mehrmals besucht hatten. Das letzte Mal waren wir vor acht Jahren hier gewesen. Wie die Zeit vergeht!

Leider hielt das Wetter nicht ganz, was es am Morgen versprochen hatte. Wir mussten immer wieder das Regenzeug an- und wieder ausziehen. Trotzdem war es eine schöne Strecke. In Sherrif Hutton gönnten wir uns ein Picknick, und dann wurde es deutlich urbaner: Sowohl die Bebauung als auch der Verkehr verdichteten sich.

Vom Norden her rollten wir in die Innenstadt von York, die zum größten Teil Fußgängerzone ist. Und das ist auch gut so, denn zu viel Verkehr würden die engen verwinkelten Gassen auf die Dauer nicht verkraften.

Ohne allzu große Schwierigkeiten fanden wir den Campingplatz am Ufer des Ouse, auf dem wir früher schon einmal gezeltet hatten. Wegen seiner zentralen Lage und der Tatsache, dass man von dort zu Fuß ins Zentrum gehen kann, hatte er uns gut gefallen. Vor der Rezeption stand eine längere Schlange Fahrzeuge, und auch im Inneren des Häuschens ging es turbulent zu. Vier Mitarbeiter des Campingplatzes waren an der Arbeit und wirkten irgendwie überfordert.

Ich stellte mich an und wurde nach kurzer Wartezeit von einem weiblichen Dragoner angebellt: „Have you come back for your pitch number?“ Wieso „back“? Ich erklärte ihr, dass wir gerade angekommen seien und gerne einchecken würden. Daraufhin sollte ich meine Clubkarte vorzeigen und erntete missbilligendes Kopfschütteln, da ich so etwas nicht besaß. Ich antwortete, dass wir nun schon über drei Wochen kreuz und quer durch England gegurkt waren, und noch nie hätte jemand uns nach so etwas gefragt. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Preis für Nichtkarteninhaber etwas höher sei, nämlich 30 Pfund. Mir blieb die Spucke weg. Fast 40 Euronen pro Nacht für ein Zweimannzelt und zwei Räder! Das ging mir doch etwas zu weit, gute Lage hin oder her.

Ich verließ die Rezeption und ging zurück zu Peter und den Leezen. Wir beratschlagten kurz und wollten schon weiterfahren, denn in York gibt es ja noch mehr Campingplätze, wenn auch nicht so zentral. Da kam einer der Herren aus dem Rezeptionsgebäude und rief uns zurück. Man hätte dort gedacht, dass wir zu dem Riesen-Wohnmobil vor der Schranke gehörten, das zwei Räder hintendrauf hatte. Der Preis für uns sei ewas über 18 Pfund pro Nacht. Das klang schon besser, und so folgte ich ihm hinein, erledigte die Formalitäten und erhielt einen Schlüssel für das Sanitärgebäude und die Hintertür des Platzes.

Die nette kleine Zeltwiese am Ende der langen Reihe gekiester Stellplätze war noch so, wie wir sie in Erinnerung hatten, und wir hatten sie für uns alleine. Nach dem Aufbauen gingen wir einkaufen. Wir fanden tatsächlich die Reihe Geschäfte wieder, die wir von unserem letzten Besuch vor acht Jahren noch in Erinnerung hatten. Damals mussten wir unsere Planung fast komplett umschmeißen, da ich mir vor der Abfahrt eine saftige Erkältung zugezogen hatte, die ich erst auskurieren wollte, bevor wir uns in ländlichere Gegenden begaben. Die Drogerie mit den abgefahrenen Sorten Halspastillen (Erdbeer, schwarze Johannisbeere etc.) konnten wir jedoch nicht mehr entdecken.

Auf einem Plakat stand der Aufruf „Support your local shops!“, dem wir auch prompt Folge leisteten: In dem netten kleinen Sainsbury’s deckten wir uns mit Vorräten ein.

Danach bummelten wir in die Innenstadt, wo gerade ein Art Festival stattfand. Über all gab es Musik und Kleinkunst, und es war eine Menge los. Wir ließen uns eine Weile durch die Gassen treiben und wanderten dann gemütlich am Fluss entlang zurück zum Campingplatz. Wir betraten den Platz durch den Hintereingang und waren immer noch die Einzigen auf der Zeltwiese. Wir überlegten, ob wir den Schlüssel nicht einfach behalten und irgendwann heimlich wiederkommen sollten. Nach dem Abendessen gingen wir schlafen, denn wir hatten uns für den nächsten Tag einiges an Kultur vorgenommen.

ouse york

york2

Am nächsten Morgen ging ich nach dem Frühstück zum Abwaschen. In der Spülküche herrschte ziemliches Gedränge: Vier pensionierte Herren standen vor den Waschbecken, in denen sich größere Mengen Geschirr tummelten, gegen die sich mein Topf, zwei Teller, Becher und Löffel eher kümmerlich ausnahmen. Zwei von ihnen trugen kleidsame gelbe beziehungsweise rosa Gummihandschuhe und alle vier fachsimpelten über Teeflecken und Spülmittel. Hochinteressant.

Dann machten wir uns auf die Socken. Da wir nicht zum ersten Mal in York waren, wussten wir schon einiges über die Stadt und ihre bewegte Geschichte, die sich in ihren unterschiedlichen Namen wiederspiegelt: Die Römer nannten sie „Eboracum“, die Angelsachsen „Eoforwic“, und die Wikinger machten später „Jorvik“ daraus. Bei unserem letzten Besuch hatten wir eine Stadtführung durch die sogenannten “Snickelways” gemacht. Dieses Wort hatten wir damals zum ersten Mal gehört, es stammt nämlich von Mark Jones, dem Verfasser des Buches „The Snickelways of York“ und ist aus Teilen Wörter „snicket“ (wohl Yorkshire-Dialekt), „ginnel“ (wohl aus Lancashire) und des englischen Wortes „alleyway“ zusammegesetzt, die alle dasselbe bedeuten, nämlich „Gasse“. Es handelt sich hier um unauffällige, schmale Durchgänge und Querverbindungen verschiedener Straßen zwischen Häuserreihen hindurch, also eigentlich Schleichwege. Wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, sieht man sie überall, nicht nur in York!

Außer Snickelways gibt es in York noch „Gates“, womit aber nicht die Stadttore gemeint sind, sondern die Straßen, nach dem skandinavischen Wort „gata“. Die Tore hingegen heißen „Bars“, vom normannischen „barrière“ abgeleitet, und die Bars heißen auch in York schlicht und ergreifend „Pubs“.

Diesmal wollten wir eine Führung durch das York Minster mitmachen. Es ist die größte gotische Kathedrale in England, und die Bauzeit betrug ungefähr 250 Jahre. Unser Reiseführer „England per Rad“ schreibt darüber: „Aus der langen Bauzeit erklärt sich die eigentümliche Stilmischung, die sämtliche gotischen Formen einschließt, ohne dass sie das Auge des Betrachters zu irritieren vermag. Besonders stolz sind die Kirchenoberen auf die Verglasung, deren Kunstfertigkeit sie in allen Teilen der Kathedrale überprüfen können, besonders im östlichen Bereich, der Marienkapelle, wo das gewaltige Fenster mit dem größten Buntglas der Welt geschmückt ist.“

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Eine alte Dame mit einem Gehstock, eine begnadete Geschichtenerzählerin mit typisch englischem Humor, zeigte uns über eine Stunde lang viele interessante Details, die man von selbst nicht sofort entdeckt. Das Minster heißt ja offiziell „The Cathedral Church of St. Peter“, und entsprechend sind die drei Symbole des heiligen Petrus (Schlüssel, Hahn und Felsen) überall zu finden. Ein Detail in einem Fenster beim Eingang wird auch seine Kreuzigung mit dem Kopf nach unten dargestellt.

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Von dem berühmten East Window, das den Anfang und das Ende der Welt zeigt, war leider nicht allzu viel zu sehen, das es gerade renoviert wurde, doch es gab eine Ausstellung darüber.

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Das Rose Window erinnert an das Ende der Rosenkriege. Die roten und weißen Rosen symbolisieren die Hochzeit von König Heinrich VII. (Haus Lancaster, rote Rose) und Elisabeth von York (weiße Rose). Ein sehr großes Fenster ist dem heiligen Cuthbert von Lindisfarne gewidmet und zeigt sehr detailreich verschiedene Stationen seines Lebens. Unsere Führerin erzählte sehr lebendig, wie der kleine Cuthbert mit den anderen Kindern seines Dorfes spielte. Da er aber damals schon sehr tugendhaft war, fiel sein Gewand beim Handstand nicht nach unten, sondern stand, so will es die Überlieferung, stramm nach oben und bedeckte seine Körpermitte und Beine. Geschichten dieser Art sind einfach das Salz in der Suppe einer guten Führung.

Ein weiteres interessantes Detail befindet sich an der Decke. Eines der Gemälde dort zeigt Maria, die das Jesuskind füttert. Dieses Gemälde entstand in der viktorianischen Zeit, und damals konnte man unmöglich eine Frau zeigen, die ihr Baby stillt. Also muss sich Jesus wohl oder übel mit der Flasche begnügen.

Der Lettner aus dem 15. Jahrhundert, der Hauptschiff und Chor voneinander trennt, stellt die Könige von England (von Wilhelm I. bis Heinrich VI.) dar, die einander sehr ähnlich sehen.

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Immer wieder führen einige Stufen (meistens drei) nach oben oder unten, und unsere Führerin ließ es sich nicht nehmen, uns jedes Mal zur Vorsicht zu mahnen. Dies tat sie nicht, weil sie uns nicht zutraute, drei Stufen zu bewältigen, sondern sie hielt sich nur streng an die „health and safety regulations“, die Regeln der Gesundheitsbehörde, die sie für gründlich übertrieben hielt.

Um 11 Uhr wurde zu einem kurzen Augenblick der Besinnung aufgerufen und das Vaterunser in mehreren Sprachen gesprochen. Dann verabschiedete sich die Dame, und wir gingen ins „Undercroft Museum“, […] „das (wie unser Reiseführer schreibt) in Räumen untergebracht ist, die 1967 gefunden wurden, als zur Sicherung des Gebäudes die Fundamente überprüft werden sollten. Zur Verblüffung der Historiker stießen die Bauarbeiter auf Unterbauten aus der römischen Zeit, die nun den würdigen Rahmen für die Schatzkammer abgeben.“ Außer den Kirchenschätzen befinden sich in diesem Museum noch Modelle der Kathedrale in verschiedenen Stadien, Reste eines römischen Wandfrieses, uralte Gräber und vieles mehr.

Wir hatten diesmal viel mehr gesehen als bei unseren früheren Besuchen, aber ich bin mir sicher, dass wir auch beim nächsten Mal wieder eine Menge Neues entdecken werden.

Dann gingen wir durch die Gassen über den „Monday Market“, der aber laut Schild auch dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags und samstags geöffnet hat, und wo sich die üblichen Verdächtigen versammeln: Lebensmittel, Kleidung, Souvenirs etc.

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Kultur macht ja bekanntlich hungrig, und so wurde es Zeit für einen Imbiss. Diesen gönnten wir uns auf einer Bank bei Clifford’s Tower, wo sich auch zahlreiche Gänse tummelten.

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Dann machten wir einen ausgedehnten Spaziergang auf der Stadtmauer. Auf diese Weise sieht man die Stadt aus einer anderen Perspektive.

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An strategisch wichtigen Stellen sind Plaketten im Boden eingelassen, die angeben, welche Sehenswürdigkeiten in der Nähe sind. Die Plakette „Jewbury“ zum Beispiel auf der Höhe des großen Sainsbury-Supermarkts weist auf den ehemaligen jüdischen Friedhof. Wir erinnerten uns daran, was wir bei unserem letzten Besuch bei einer Stadtrundfahrt gehört hatten: Als der Supermarkt gebaut werden sollte, wurden bei den Bauarbeiten die Überreste des Friedhofs entdeckt. Nach einigem hin und Her, was man damit machen sollte, beschloss man, sie dort wieder zu begraben, einen Rabbi die notwendigen Riten vollziehen zu lassen und den Supermarkt nebst Parkplatz wie geplant darüber zu bauen.

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Die Umrundung des Zentrums auf der Stadtmauer ist ein ganz schöner Spaziergang, und so verließen wir bei St. Olave’s Church die Mauer und machten eine Pause im angrenzenden Park.

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Danach gingen wir zurück zum Campingplatz. Dort stand inzwischen ein anderes Zelt neben unserem, an dessen Spannschnüren Wandersocken auslüfteten. Den Nachbarn bekamen wir jedoch nicht zu sehen. In der Zeitung ging die Soap um Nigella Lawson und ihren nichtsnutzigen Gatten fröhlich weiter. Außerdem wurde für den nächsten Tag gutes Wetter angekündigt, was uns sehr in den Kram passte: Wir wollten nämlich wieder an die Küste und die letzten Tage an der See verbringen.

Kategorien: 2013 - Ostengland | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

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