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Nordostengland und Borders 2016 – Teil 2

It’s not been such a bad day. In fact, it’s been a good day.“ (Campinggast bei Lower Wensleydale)

Am nächsten Morgen waren wir schon um sieben Uhr wach und stellten fest, dass die Eineinhalb-Stunden-Regel (die Zeit vom Wachwerden bis zum Losfahren) immer noch stimmt. Pünktlich um halb neun saßen wir auf den Leezen und versuchten, den richtigen Weg aus der Stadt zu finden. An einer Ampel kamen wir ins Gespräch mit einem Niederländer, dessen Freundin in York wohnte. Er gab uns eine kurze Wegbeschreibung für eine ruhige Strecke. Das Problem bei Radwegen in Städten ist, dass sie manchmal plötzlich aufhören und man sich dann auf dem Bürgersteig wiederfindet, wo man von indignierten Fußgängern angeblökt wird, aber da muss man wohl durch.

Bald fanden wir den richtigen Weg durch nette Ortschaften wie Tollerton, Helperby und Asenby. Zwischendurch machten wir gelegentlich Pause bei Kirchen, Kühen und Schafen.  Das Wetter war erst sonnig und später etwas bewölkt, was aber gar nicht schlecht war, denn die Gegend wurde immer hügliger.

Bei der A1 mussten wir uns durch ein ziemliches Gewurschtel an Kreiseln kämpfen, um die Autobahn zu überqueren, aber wir schafften es.

Später sollte das ein paarmal nicht  so gut gehen, aber das wussten wir zum Glück noch nicht, so dass wir die Fahrt noch in vollen Zügen genießen konnten. Die Hügel waren ganz gut zu meistern, und ich war recht stolz, dass ich nur selten schieben musste.

Kurz vor Leyburn mussten wir uns dann doch einen richtig steilen Hügel zum Campingplatz hochkämpfen, und zwar beide zu Fuß. Ironischerweise hieß der Campingplatz „Lower Wensleydale“. Wir checkten ein und stellten fest, dass man hier dieselben Duschvorhänge hat wie in York. Die Campinggäste waren nett und stellten Fragen wie: „Where did you start off this morning?“ oder „Heavy load on your bike, are you Dutch?“ Was das eine mit dem anderen zu tun hat, darüber kann man nur mutmaßen.

Der Campingplatz war recht nett, es gab einen Pfau, der gelegentlich sein Gefieder spreizte oder fürchterlichen Krach machte, und diverse andere Wasservögel mit Jungen. Nachdem wir aufgebaut hatten, fuhren wir nach Leyburn, wo wir einkaufen und dann in ein chinesisches Restaurant gingen. Dort hatten sie zwar auch chinesisches Bier auf der Karte, aber ich nahm trotzdem leiber das lokale „Black Sheep“. Nach dem ausgezeichneten Essen bekamen wir noch zwei Glückskekse. Auf Peters Zettel stand „Good news will come to you by mail.“, und mein Spruch lautete: „All your hard work will soon pay off.“ Das wäre sicher nicht schlecht.

Obwohl wir früh schlafen gegangen waren, wurden wir am nächsten Morgen erst um neun Uhr wach. Wir waren wohl nichts mehr gewöhnt, aber egal, wir hatten Urlaub und wollten heute sowieso nicht weiter, sondern die Aysgarth Falls besuchen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns auf den Weg. Wir fuhren über Leyburn vorbei an Bolton Castle, das in der Ferne auf einem Hügel thronte, und der Brunnen in der Ortschaft Caperby war bereits festlich für den Geburtstag der Queen dekoriert. Die Gegend war recht hüglig und es gab tolle Abfahrten, aber es ist auch ein Naturgesetz, dass man kurz danach wieder bergauf strampeln muss. Aber die Yorkshire Dales sind so schön und das Wetter war wunderbar, da nimmt man das ja gerne im Kauf.

Bei den Aysgarth Falls ketteten wir unsere Räder an den Zaun des Informationszentrums und schauten uns zuerst dort um. Bei unserer ersten gemeinsamen Radtour hatte Peter hier ein tolles T-shirt mit Ottern erstanden, aber leider gab es diese nicht mehr. Dass sich in zwanzig Jahren auch so viel verändern muss!

Wir machten einen Spaziergang zu den Upper, Middle und Lower Falls, und es erstaunte mich nicht, dass William Turner sie gemalt hatte. Auch einige Kampfszenen aus „Robin Hood – Prince of Thieves“ waren hier gefilmt worden.

Wir besuchten noch die St. Andrew’s Church und fuhren dann über Swinthwaite und Wensley wieder zurück nach Leyburn. Obwohl die Gegend recht ländlich ist, waren ziemlich viele Autofahrer unterwegs. Die idyllischen Zeiten der Serie „Downton Abbey“, wo sich Sir Robert über zu viel Verkehr beklagte („Five cars parked in the village and three passing“) waren definitiv vorbei.

In Leyburn deckten wir uns mit Vorräten für das Abendessen ein und fuhren dann zurück zum Campingplatz. Gerade als Peter auf die Zeltwiese einbiegen wollte, riss ihm die Kette. Zum Glück war er langsam unterwegs und es passierte weiter nichts. Gemeinsam machten wir uns an die Reparatur und stellten mal wieder fest, dass wir ein gutes Team waren.

Danach legten wir uns in die Sonne und lasen Zeitung. Dort wurden in zahlreichen Leserbriefen die Vor- und Nachteile eines möglichen Brexits debattiert, während der Artikel auf der Titelseite sich mit einer weiteren wichtigen Frage beschäftigte: „Will it rain on the Queen’s birthday?“  Dann verspeisten wir unser Abendessen, während sich dunkle Wolken über uns zusammenklumpten. Gerade, als wir fertig waren, begann es zu regnen, und wir verzogen uns mit unserer Zeitung ins Zelt.

Als der Regen nachgelassen hatte, wurde es Zeit für einen Pubbesuch. Wir folgten dem Trampelpfad zur „Pheasant Inn“, das wohl noch als Wohnzimmer des Dorfs fungierte und vor allem von „Locals“ frequentiert wurde. Während wir unser Bier tranken, hörten wir ihren Gesprächen über das Training von Rennpferden auf unterschiedlichem Untergrund zu und bekamen Fotos von „Douglas the Baby Meerkat“, der wohl in der Gegend berühmt ist, gezeigt.

Auf dem Rückweg machten wir noch einen Abstecher zum Harmby Waterfall, an dem wir am Vortag vorbeigeradelt waren. Da es aber schon recht dunkel war, sahen wir nicht allzuviel davon.

Brexit-Quote des Tages: „I want to keep our punds, ounces, inches, miles and pints and drive on the left. It may be quirky to the one-size-fits-all-brigade, but it’s British.“ (M. Elliot).

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Pieterpad-Nachlese 2016

Vorden – Ommen

Entgegen meinen guten Vorsätzen habe ich es letztes Jahr nicht geschafft, den Pieterpad zu Ende zu wandern. Aber nach dem Erreichen der Mitte war ich im Herbst doch noch drei einzelne Tage unterwegs, nämlich am 30. August, am 16. September und am 1. Dezember, und habe vier Etappen geschafft. Am ersten Tat bin ich gleich zwei Etappen, also ungefähr 28 Kilometer gelaufen. Nicht schlecht, oder?

Schlösser und Landgüter

Vor allem anfangs kommt man an einigen Schlössern und Landgütern vorbei, von denen es eine Menge in dieser Gegend gibt. Die Schulen hatten wieder angefangen, und bei dem herrlichen Wetter waren zahlreiche Schulkinder mit Rädern und Fragebögen unterwegs, um die Gegend zu erkunden. Bei Kasteel Den Bramel hörte ich, wie ein Kind fragte: „Oh, ein Schloss! Wohnt da der König?“ Ein anderes antwortete: „Ganz sicher nicht.“ – „Aber es ist ein Schloss!“ – „Dass es ein Schloss ist, heißt nicht, dass der König ausgerchnet hier wohnt. Es gibt viele Schlösser.“ Tja, wo das Kerlchen recht hat…

den-bramel

Ein ganzes Stück später, bei Huis Verwolde, machte ich einen Umweg, um „de dikke boom“ (den dicken Baum) zu bewundern. Diese monumtentale Eiche wurde wahrscheinlich rund 1500 gepflanzt, und der Stamm hat einen Umfang von 7,60 Metern. Ein ganz schöner Oschi, nicht wahr?

huis-verwoldedikke-boom-2 dikke-boom

Mythos Holterberg und andere Erhebungen

Diesmal führte der Weg über einige Berge – zumindest nennen die Niederländer sie so. Einer davon ist der Holterberg, auf dem ich in meinem ersten Jahr hier – angeblich – auch schon war. Damals machten wir mit einem Freund eine Wanderung von Rijssen nach Nijverdal (oder umgekehrt), und diese führte auch über den Holterberg. Es war eine schöne Waldwanderung, das auf jeden Fall, aber irgendwann waren wir am Zielbahnhof, wo ich etwas enttäuscht fragte: „Und wo ist jetzt der Holterberg, und warum waren wir doch nicht oben?“ Wenn man aus der Gegend von München kommt, hat man bei dem Wort „Berg“ einfach eine andere Vorstellung. Aber nach fast 20 Jahren hier bin ich wohl eingebürgert genug, um auch den Holterberg, der sich immerhin stolze 58 Meter über dem Meeresspiegel erhebt, zu erkennen:

holterberg2 holterberg

Die Aussicht hat schon was.

Später ging ich auch über den Haarlerberg und am letzten Tag über den schon sehr herbstlichen Archemerberg, an dessen Fuß ein großer Findling, der „Dikke Steen“ liegt:

dikkesteen

archemerberg archemerberg2

Geschichte am Weg

Bei Holten lief ich ein Stück auf dem Weltzeitpfad, auf dem sich in regelmäßigen Abständen Pfosten befinden. Jeder steht für ein Jahr, und auf dem befestigten Würfel steht Wissenswertes über dieses Jahr. Dazwischen befinden sich auch andere Objekte, wie hier die Schweinderl, die ich an dem Tag wohl spannender fand als die Geschichtswürfel.

schweinderl

Am Weg in der Nähe von Nijverdal befindet sich das Denkmal des Arbeitslagers Twilhaar, das 1941 gegründet wurde. Arbeitslose Fischer sollten dort Bäume pflanzen. 1942 wurde das Lager von den deutschen Besatzern übernommen und diente als Durchgangslager für jüdische Zwangsarbeiter, bevor sie nach Westerbork und von dort aus in die Vernichtungslager gebracht wurden.

twilhaar twilhaar2

Die beiden Fotos, das eine noch scharf, das andere nicht mehr, sollen eine Warnung vor dem Verblassen der Erinnerung sein.

Begegnungen

Auch diesmal hatte ich wieder jede Menge nette Begegnungen. Einmal fragte eine Frau mich auf der Hinfahrt, als ich meinen Reiseführer studierte, welche Etappe es heute werden würde, und es entspann sich ein angeregtes Gespräch über das Wandern im Allgemeinen und den Pieterpad im Besonderen.

Und einmal kam mir ein Schäfer mit zwei Hunden und einer großen Schafherde entgegen. Da kommst du nicht durch, wie auch die Rennradfahrer feststellen mussten. Ehrlich gesagt gönne ich es ihnen, denn gerade auf den letzten Abschnitten präsentierten sie sich als eine recht ungemütliche Spezies: Immer in Eile, kein Blick für die Umgebung und nicht besonders höflich.

schafherde schafherde2

Mein absolutes Highlight ist aber folgendes: Auf der Etappe zwischen Holten und Hellendoorn war es im Wald mal wieder soweit, ich hatte die Markierungen verloren. Eigentlich logisch, dass das mal wieder passieren musste, es war ja schon viel zu lange gut gegangen.

Ich schlurfte also erst mal einen endlosen Weg entlang und hatte nirgends einen Anhaltspunkt, wo ich nun eigentlich war. Aber irgendwann musste dieser Weg ja mal einen anderen Weg kreuzen, sooo groß ist das alles hier ja auch nicht. Und tatsächlich sah ich nach einer Weile in der Ferne einen Weg und Radfahrer. Also nichts wie hin, dort würde es sicher Schilder geben. An der Kreuzung war gegenüber auch wirklich ein Schild mit der Aufschrift „Eigen weg“, also Privatweg. Das half mir natürlich unheimlich weiter.

Dann kam ein etwa 15jähriges Mädchen auf dem Fahrrad an. Ich fragte sie, ob sie wüsste, wie der breite Weg heißt. Das konnte sie mir leider nicht beantworten, aber die nächste Auskunft, dass in der einen Richtung Holten lag und in der anderen Nijverdal, brachte mich schon weiter. In Holten war ich am Morgen aufgebrochen, also ging ich weiter in Richtung Nijverdal, was wenigstens ungefähr stimmte. Nachdem ich ein paar Minuten gegangen war, kam mir die Radfahrerin wieder entgegen: „Ich habe da vorne für Sie nachgeschaut, wie der Weg heißt. Es ist der Holterweg.“ Wunderbar, der stand auch auf meiner Karte, so dass ich wieder auf die Route finden würde. Ich hätte die Kleine knuddeln können!

Ein Stillleben

An meinem letzten Wandertag des letzen Jahres kam ich auch an der Ferienanlage „Hof van Salland“ vorbei, wo ein Schild mit der Aufschrift  „Broodje Pieterpad“ mich ins Restaurant lockte. Wie man unschwer an meinem liebevoll komponierten Stillleben erkennen kann, war es sehr lecker.

stillleben

Und jetzt juckt es mich in den Füßen, wieder weiter zu gehen. Mal sehen, ob ich mir in Bälde mal wieder einen Tag freischaufeln kann.

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The Borders 2004 – Teil 2

Lang und hüglig ist der Weg nach Edinburgh

 Nachdem wir von Bord gegangen waren, konnte es losgehen. Allerdings kamen wir nicht besonders weit, da Peters Fahrradschloss am Reifen scheuerte und abgeschraubt werden musste. Zum Ausgleich fanden wir jedoch sofort die ersten Schilder des C2C-Radwegs, der uns durch Newcastle bringen sollte. Dieser Radweg war zwar, wie angekündigt, über weite Strecken „traffic-free“, aber auch sehr abenteuerlich. Er führte hinter ziemlich trostlos wirkenden Industriegebieten vorbei mal mehr, mal weniger dicht am Tyne-Ufer entlang über Feld- und Schotterwege, die teilweise auch noch mit Glasscherben garniert und von Zäunen und Gattern unterbrochen waren. Aber immerhin kamen wir so durch die Stadt und schafften es sogar rechtzeitig, die Strecke zu verlassen und auf unsere geplante Route nach Bellingham zu kommen.

Inzwischen hatte es auch zu regnen begonnen, und gelegentliche Schauer sollten uns den ganzen Weg begleiten. Die Strecke führte uns erst am Hadrian’s Wall entlang. Man muss jedoch ziemlich genau hinschauen, um die Reste dieser ehemaligen Grenzbefestigung zu entdecken. In Heddon-on-the-Wall hätte man noch römische Überreste besichtigen können, aber angesichts des Wetters und der Strecke, die noch vor uns lag, verzichteten wir darauf, diese zu suchen.  Wie erwartet war es recht hüglig, und zu allem Überfluss bekam ich auch noch einen Krampf im Oberschenkel, der sich aber zum Glück schnell wieder legte.

Am späten Nachmittag erreichten wir den Campingplatz am Ortseingang von Bellingham. Zusammen mit einem Schwall Regenwasser schwappten wir in die Rezeption, wo man uns fragte, was mit dem Wetter passiert sei, immerhin war doch Sonnenschein angekündigt. Na ja, ein paar Sonnenstrahlen hatten wir unterwegs ja gesehen, man durfte also nicht klagen.

Bellingham selbst ist ein nettes Dorf, das eine ideale Kulisse für einen im Norden Englands angesiedelten Spin-Off der Krimiserie „Midsomer Murders“ abgeben würde. Diese Serie spielt in idyllischen Dörfern, in denen es hinter den Kulissen ganz schön brodelt. Da Barnabys Assistent Troy nach Nordengland versetzt wurde, könnte Bellingham in seinen Zuständigkeitsbereich fallen.

Wie wir hier und auch auf anderen Campingplätzen feststellten, haben es die Briten immer noch nicht so mit Mischbatterien, sie halten an ihren getrennten Hähnen für heißes und kaltes Wasser fest. Heinz Ohff beschreibt dieses Phänomen in seiner „Gebrauchsanweisung für England“ folgendermaßen: „Mischbatterien finden sich selbst in Luxushotels selten. Wenn man sich nicht entweder die Hände verbrühen oder eiskalt waschen will – zudem sind Warm- und Kaltwasserhahn meist so dicht am Beckenrand ange-bracht, dass es unmöglich ist, die Hände darunter zu halten -, muss man den Stöpsel in den Abfluss des Beckens stecken und die gewünschte Wassertemperatur durch den gleichzeitigen oder wechselseitigen Gebrauch beider Hähne herstellen. Beim Waschbecken bedeutet diese Unvollkommenheit natürlich nur eine mäßige Unbequemlichkeit. Schlimmer gestaltet sich das Duschen, denn das heiße und das kalte Wasser vermischen sich erst im Duschkopf, beziehungsweise: es mischt sich nur unvollkommen. Entweder man genießt ein wahres Wechselbad à la Sebastian Kneipp: mal heiß, dann wieder eher kalt, was stets unvorbereitet und in so jähen Übergängen geschieht, dass man nicht mehr ausweichen kann: oder mitten im eiskalten Wasserstrahl befindet sich ein brühheißer (natürlich auch umgekehrt möglich).“  Diese kleinen Unannehmlichkeiten nimmt man aber gerne in Kauf, irgendwie gehört das dazu.

Die Nacht war etwas kühl, und ich war froh, dass ich meinen wärmsten Schlafanzug sowie ein paar dicke, von meiner Oma gestrickte Socken dabei hatte. Am nächsten Morgen schien jedoch die Sonne, und das sollte auch die nächsten paar Tage so bleiben. Wir machten uns auf den Weg nach Norden „durch die schönsten Teile der englisch-schottischen Grenzregion zu den historischen Stätten des Tweed-Tales“, wie es im Reiseführer hieß. Die Etappe führte uns erst durch den Kielder Forest am Kielder Water, einem der größten Stauseen Großbritanniens entlang, und wir bekamen einen Vorgeschmack auf die Hügel dieser Gegend.

Auf dem Weg sahen wir ein Reh, einen Fasan und natürlich jede Menge Schafe und Lämmer.

Außerdem waren recht viele große Lastwagen, die Holz transportierten, unterwegs. Bei einem Gehöft mit dem nicht allzu vielversprechend klingenden Namen Deadwater passierten wir die Grenze und waren in Schottland. Diese Fotos hat wohl jeder, der an dieser Stelle war:

Richtig anstrengend wurde es dann auf dem Stück zwischen Saughtree und Bonchester Bridge. Im Führer las es sich noch recht harmlos: „Auf dieser Straße überqueren Sie die bewaldeten Hügel des Wauchhope Forest“, und auf der Karte sah es auch nicht besonders dramatisch aus. Allerdings sind die Hügel hier sehr langgestreckt, und die Fahrt hinauf schien kein Ende zu nehmen. Es kam uns vor, als ob wir den Col de Pomtiddlipom, oder wie diese Berge bei der Tour de France heißen, bezwingen mussten. Ich kann mich zwar nicht erinnern, dass Jan Ullrich sein Rad dort hinauf geschoben hat, aber das lag sicher daran, dass er sein Gepäck nicht selbst mitschleppen musste. Aber die Aussicht und der blüende Ginster entschädigten uns etwas Für die Mühen, und danach gab es eine herrlich lange Abfahrt, bei der einem richtig schön der Wind um die Ohren pfiff.

Am späten Nachmittag erreichten wir Jedburgh, „eine alte Stadt mit etlichen Häusern im schottischen Treppengiebel-Stil.“ Im Zentrum befinden sich eine Abtei aus dem 12. Jahrhundert, ein Schloss und das Haus, in dem Maria Stuart kurze Zeit gewohnt hat, worauf die Stadt besonders stolz ist. Im Prospekt wird besonders darauf hingewiesen, dass sie gesagt haben soll „Would that I had died in Jedburgh“. Außerdem befindet sich am südlichen Ortsausgang „The last shop in Scotland“.

Ein paar Rennradfahrer musterten uns respektvoll, als wir in die Ortschaft rollten, und fragten: „Have you come over the hill?“

Beim Einkaufen bekamen wir auch erstmals schottische Geldscheine zurück. Es gibt drei schottische Banken, die das Recht haben, Banknoten auszugeben: Die „Bank of Scotland“, die „Royal Bank of Scotland“ und die „Clydesdale Bank“. Diese Banknoten unterscheiden sich nicht nur von denen der „Bank of England“, sondern auch voneinander. Wie soll man da als Tourist noch wissen, welche echt sind? Ich würde mir vielleicht sogar einen Dreißig-Pfund-Schein andrehen lassen, ohne mich groß zu wundern. In England werden die Scheine theoretisch akzeptiert, allerdings habe ich gehört, dass es weiter im Süden praktisch nicht immer der Fall ist. Im Grenzgebiet gibt es da jedoch keine Schwierigkeiten. Die Ein-Pfund-Scheine, die es vor zehr Jahren auch noch gab, haben wir allerdings nicht mehr entdeckt.

Abends gingen wir noch in einem netten Pub essen, probierten die lokalen Biersorten aus und ich gedachte der Voll- und Teilzeit-Creatures, die sich an diesem Tag in Münster trafen – ohne mich. Mit einem guten Essen und ein paar Bierchen im Bauch schafften wir den Anstieg zum Campingplatz auch ohne Probleme. Allerdings ist der Biergenuss nur bedingt hilfreich, da sich bei mir kurz danach immer recht schnell eine gewisse Bettschwere einstellt.

Bei Heinz Ohff entdeckte ich übrigens eine kurze Einführung zum Thema Bier: „Dem deutschen Pils am ähnlichsten ist das Lager, das wenigstens gekühlt serviert wird und eine Andeutung von Schaumbildung aufweist. Die englischen Standardsorten Stout und Bitter, … werden lauwarm und ohne jeden Schaum (der als absolut unfein gilt) ins Glas gefüllt. Wenn Sie nur Beer bestellen, bekommen Sie übrigens nie Lager, sondern waschechtes Ale, das in England nach wie vor eigentliche Bier, das Bier aller Biere! Damen, die sich nach meinen Erfahrungen schwerer an das englische Bier gewöhnen als Männer, sei ein Shandy empfohlen, ein apartes Mischgetränk aus Bier und Limonade. Damit ist wohl bewiesen, was einige schon vermutet haben, die Verfasserin dieses Berichts ist keine Dame! Ich trinke die englischen Biere ausgesprochen gern, vor allem die dunkleren Sorten, und mit Limonade wird nicht gepanscht!

Am nächsten Morgen brachen wir ziemlich früh auf, da wir an diesem Tag unbedingt noch die schottische Hauptstadt erreichen wollten. Unterwegs statteten wir der Dryburgh Abbey, wo Sir Walter Scott begraben liegt, einen Besuch ab, und ich überlegte, ob ich vielleicht doch noch einmal einen Versuch unternehmen sollte, den Roman „Waverley“ zu lesen, ein Unterfangen, das ich während des Studiums, nachdem ich mehrmals den Faden verloren hatte und dann eingeschlafen war, aufgegeben hatte.

Nicht nur an diesem Tag fiel uns auf, dass zahlreiche Leute das schöne Wetter ausnützten und ihre Fensterrahmen und Türen strichen und ihre Dächer reparierten. Auch stellten wir fest, dass es noch ziemlich viele „echte“ rote Telefonzellen in dieser Gegend gibt. Sehr lobenswert.

Danach ging es weiter über Melrose und Galashiels auf die A7, die der kürzeste Weg nach Edinburgh war. Die Straße windet sich gemütlich am Gala Water entlang und die Steigungen halten sich einigermaßen in Grenzen. Auch der Verkehr war nicht allzu schlimm, was wohl vor allem daran lag, dass es Sonntag war.

Gegen Mittag sahen wir den Kirchturm des Dorfes Stow und dachten: „Wo Kirchen sind, sind auch Pubs nicht weit.“ Theoretisch war das auch so, doch das eine Pub existierte nicht mehr, und das andere war nicht geöffnet. Also kein Pub Lunch.

Wir schafften es tatsächlich, den Vorort Musselburgh zu finden, ohne in das Zentrum von Edinburgh zu geraten. Zum Campingplatz mussten wir uns allerdings durchfragen, da wie üblich erst kurz davor ein Schild stand. Es wird behauptet, dass Musselburgh die älteste Rennbahn und den ältesten Golfplatz der britischen Inseln besitzt. Ob es nun stimmt oder nicht, auf jeden Fall wurde der vorhandene Platz sehr effizient ausgenutzt. Der Golfplatz befindet sich nämlich in der Mitte der Anlage, und die Pferde rennen außen herum. Allerdings nehme ich nicht an, dass während der Rennen auch Golf gespielt werden darf.

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Südostengland 2010, Teil 6

Nördlich der Themse

Am nächsten Morgen brachen wir früh auf und fuhren zum Bahnhof. Der Zug stand bereits auf dem richtigen Gleis, war aber noch abgeschlossen. Der Mitarbeiter auf dem Bahnsteig erklärte uns, wo wir einstigen konnten, aber wir mussten erst noch auf den Lokführer warten.

Der kam zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges, wies auf seine volle Kaffeetasse und meinte: „Sorry, there has been a technical problem.“ Wir bugsierten die Räder in den Zug und sicherten sie. Dann zuckelte der „High Speed Service“ gemütlich durch die Lande.

In Gravesend angekommen rollen wir vom Bahnhof hinunter zum Hafen, wo schon eine größere Gruppe wartete, die allerdings nicht nach Tilbury, sondern nach Greenwich wollte. Doch dann kam schon unsere Fähre, voll beladen wie ein Flüchtlingsschiff.

Bei dem Strom, der sich über die Gangway an Land wälzte, wunderten wir uns, wie diese Manschen alle auf dem Boot Platz hatten.  Zurück ans Nordufer wollte außer uns nur noch eine Handvoll Leute. Dies wunderte uns immer weniger, je mehr wir uns Tilbury näherten – ein unglaublich trostloser Hafen und ein ausgedehntes Industriegebiet.

Nach den üblichen Anlaufschwierigkeiten hatten wir es geschafft, das Hafengebiet zu verlassen und befanden uns auf einer Landstraße Richtung Brentwood. Verglichen mit Kent war es flach, und wir kamen gut voran, bis wir plötzlich an der A127, einer vierspurigen Hauptstraße, standen. Laut Karte und Schildern konnte man sie überqueren, und an der Stelle waren die Leitplanken, die den Grünstreifen in der Mitte begrenzten, unterbrochen. Es sah zwar nicht gerade vertrauenserweckend aus, aber eine Alternative gab es in der Nähe nicht. Also hieß es auf eine ausreichend große Lücke im Verkehr warten und dann im Schweinsgalopp auf die andere Seite wetzen. Zum Glück gab es den Mittelstreifen. Danach folgen einige langgestreckte Hügel, die aber ganz gut zu bewältigen waren.

Ein junger Mountainbiker fuhr ein Stück neben mir her und wollte genau wissen, wo wir her kamen, wo wir gewesen waren und wo wir noch hin wollten. Dann erreichten wir Brentwood, wo ich in der Tourist Information nach dem Weg zum Campingplatz fragte. Die freundliche Dame zeigte mir den Weg auf der großen Wandkarte, druckte mir eine ausführliche  Routenbeschreibung aus und erklärte mir den Weg zum nächsten Supermarkt, der fast an der Strecke lag. Dort stürzte Peter sich in das Einkaufsgetümmel und ich wartete bei den Rädern, wobei mir ein älterer Herr eine Weile Gesellschaft leistete.  Anscheinend sind die Leute hier tatsächlich um einiges offener und freundlicher als in Kent. Auch der Campingplatz war schön angelegt, gemütlich und Preisträger des „Loo Award 2007“.

Abends gingen wir in ein chinesisches Restaurant in der Nähe. Vor dem Parkplatz wartete eine Gruppe sehr schick angezogene junge Leute, und gerade kam ein Kleinbus mit einer weiteren Gruppe an. Wir gingen vorsichtig hinein und wurden erst einmal gefragt, ob wir reserviert hatten. Natürlich nicht. Man fand für uns noch einen freien Zweiertisch am Rand, und wir sahen uns um. Das Restaurant war riesig, über all standen Tische für größere Gesellschaften, die unterschiedlich dekoriert waren. In der Mitte gab es eine Tanzfläche und aus den Lautsprechern tönte Gerard Joling. Wo waren wir da bloß hineingeraten?

Wir beobachteten das Treiben und stellten fest, dass hier wohl zahlreiche Junggesellenpartys und sonstige Feste gleichzeitig stattfanden. Uns fiel auf, dass die Damen sehr aufwendig, wenn auch nicht immer geschmackvoll gekleidet waren, während die meisten Herren ein eher lässiges Outfit bevorzugten. Neben uns stand ein runder Tisch für zwölf Personen, an dem eine einzelne Dame noch die letzten Dekorationen vornahm. Dann setzte sie sich hin, bestellte einen Drink und wartete. Inzwischen kam zwar unser sehr leckeres Essen, aber niemand für den Nebentisch. Die Dame telefonierte und wartete weiter. Was war hier wohl los? Stand die Gesellschaft im Stau, oder hatte es ein Missverständnis bei der Zeit gegeben oder war es ein schlechter Scherz? Ich hoffte, dass es nicht die letzte Möglichkeit war und erinnerte mich an ein chinesisches Essen mit Kollegen, bei dem zwei ziemlich lang nicht auftauchten. Die eine saß bei einem Chinesen ähnlichen Namens am anderen Ende der Stadt und die andere hatte zwar die Straße richtig notiert, war aber davon ausgegangen, dass wir uns in der Nachbarstadt treffen wollten. Ob hier etwas Ähnliches der Fall war? Zum Glück trudelten die Leute bald nach und nach ein.

Unsere nächste Tagesetappe begann gemütlich, wir fuhren über Landstraßen und begegneten vor allem Radfahrern und Reitern. Doch bei Chelmsford gerieten wir auf eine Hauptstraße. Dort gab es wenig Platz, aber viel Verkehr, Lärm und Gestank, es war einfach grauenhaft. Schon nach ein paar Kilometern hatte ich Kopfschmerzen. Ich vermute, dass das Jenseits für jeden seine persönliche Hölle bereithält und befürchte, dass meine so aussehen wird. Ich war heilfroh, als wir die Abzweigung nach Danbury erreichten.

Zur Mittagszeit kamen wir in Maldon an, wo wir auf der vor dem Polizeihauptquartier eine Sitzbesichtigung machten und uns einen Imbiss genehmigten.

Dann wollten wir die Stadt wieder verlassen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte: Wir mussten nämlich die Brücke über den Blackwater finden. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die uns immer wieder zur Rückkehr zum Polizeipräsidium zwangen (die Mitarbeiter dort werden sich auch ihren Teil gedacht haben), schafften wir es. Wir folgten ein Stückchen der Sustrans-Radroute und gelangten dann nach Colchester.

Nachdem wir uns einen supersteilen Hügel zur Tourist Information hochgearbeitet hatten, reservierten sie dort für uns einen Zeltplatz und gaben uns eine gute Umgebungskarte mit. Die brauchten wir auch, da der Campingplatz ein ganzes Stück außerhalb der Stadt an der Hauptstraße lag. Er hatte riesige Stellplätze und saubere, wenn auch nicht preisgekrönte Sanitäranlagen. Und dass das Licht ausging, wenn man das warme Wasser andrehte, war wohl Zufall.

Am frühen Abend fuhren wir noch einmal in die Stadt, wo wir oben auf dem Hügel ein schönes Irish Pub fanden. Dort ließen wir den Tag mit einem leckeren Essen und ein paar Bierchen bzw. Irish Cider ausklingen.

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Südostengland 2010, Teil 3

Das Marschland und Eastbourne

Am Morgen brachen wir wieder auf und folgten der Stone Street in Richtung Süden. Wir nahmen an, dass es sich um eine Römerstraße handelte, nicht nur wegen ihres Namens, sondern auch weil  sie fast schnurgerade von Canterbury zu den Romney Marshes führt. Wikipedia bestätigte diese Vermutung. Die Bäume an der Straße bilden hier grüne Bögen, und gelegentlich passierten wir eine Hopfendarre mit ihrer charakteristischen Spitze, die an einen Hexenhut erinnert. Später erfuhren wir, dass diese Gebäude hier „oast houses“ genannt werden, und dass man den „Hexenhut“, der an einer Seite offen ist, drehen kann, um für die bestmögliche Ventilation zu sorgen, während der Hopfen über dem Feuer getrocknet wird. Sowohl Verkehr als auch Steigungen hielten sich in Grenzen, so dass das Radeln ein richtiger Genuss war.

In Lympne mussten wir ein Stück auf einer Hauptstraße fahren. Ein Rennradler fuhr an uns vorbei und rief uns über die Schulter zu: „You guys are tough!“ Gut, dass er uns vorgestern nicht gesehen hatte, aber so eine Bemerkung freut einen natürlich.

An den Linksverkehr hatten wir uns schnell gewöhnt, nur auf freiliegenden Radwegen ertappte ich mich manchmal dabei, bei Gegenverkehr nach rechts ausweichen zu wollen. Die Radwege sind allerdings ein Kapitel für sich. Die Organisation Sustrans, die sich für Radfahrer einsetzt, hat zwar in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet, vor allem, was die Radfernwege angeht, aber auch sie sind natürlich auf die Mithilfe der Grafschaften (counties) und Gemeinden angewiesen. Und deren Ideen sind manchmal etwas seltsam: So kann es vorkommen, dass der Radweg unvermittelt an der verkehrsreichsten Stelle abbricht, oder dass man alle paar hundert Meter die Straßenseite wechseln muss. Dies ist meiner Meinung nach der Verkehrssicherheit nicht wirklich dienlich.

Inzwischen hatten wir die Küste erreicht, dachten wir zumindest. Auf der Karte sah es auch so aus, als ob unsere Straße direkt am Strand entlang führt, aber in der Realität befand sich zwischen dem Weg und dem Strand ein militärisches Übungsgelände, das auf der Karte nicht verzeichnet war, und auf dem gelegentlich geschossen wurde. Das scheint öfter vor zu kommen, denn in ihrem Buch „Slow Coast Home“ beschreibt Josie Dew ein ähnliches Erlebnis.  Doch nach einer Weile hatte der Weg tatsächlich die Küste erreicht. Man konnte das Meer zwar hören und riechen, aber leider nicht sehen, da sich zwischen ihm und uns eine hohe Mauer befand. Bei einer Auffahrt fuhren wir darum auf die Küstenpromenade.

Der Blick über die See war phantastisch, nur leider kam auch der Wind ungebremst von derselben, so dass wir nicht besonders gut voran kamen. Die zahlreichen Baustellen, die wir dort umfahren mussten, taten ein übriges, und so beschlossen wir, als wir das Dorf St. Mary in the Marsh erreicht hatten, die Aussicht wieder gegen die relativ windgeschützte Straße einzutauschen.

Nach einer Weile erreichten wir das Dorf New Romney und bald darauf den Campingplatz Romney Farm. Ich betrat das Café, wo mich die Dame an der Theke nach meiner Reservierung fragte. Da wir diese aber nicht hatten, wurde der Chef herbei telefoniert, der uns „lots of pitches“ anbieten konnte. Auf einem klapprigen Fahrrad fuhr er voraus, um ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen zu suchen. Dies war auch notwendig, denn inzwischen wehte eine ziemlich steife Brise. Wir warfen alle Fahrradtaschen auf das Zelt, damit es nicht davonflog. Der Boden erwies sich als ziemlich hart, aber zum Glück lag auf dem Tisch vor dem Nachbarzelt ein Hammer, den wir uns ausborgten. Wir mussten uns ganz schön anstrengen, um das Zelt fest zu halten, bis es ordentlich mit Heringen verankert war, da sich der Wind sich immer wieder darin verfing und mit aller Kraft daran zerrte. Aber wir schafften es. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Wir fuhren zurück ins Dorf, um einzukaufen. Bei Sainsbury’s  gab es eine Art Dreikomponenten-mahlzeit für zwei Personen. Dabei konnte man für nur fünf Pfund bestimmte Salate, Hauptgerichte und Nachtische miteinander kombinieren. Um diese zu finden, musste man natürlich den gesamten Supermarkt absuchen, eine Art Schnitzeljagd also. Dass die Campingplatzküche sogar über eine Mikrowelle verfügte, vergrößerte die Auswahl.

Auf dem Weg zurück begann es zu tröpfeln, und als Peter mit seinem Duschzeug die Waschräume erreichte, brach ein Platzregen los. Dieser wurde von der Putzfrau mit einem fröhlichen „There you have your shower“ kommentiert.

Als der Regen nachgelassen hatte, schwangen wir uns noch einmal auf die Räder und erkundeten die Umgebung. Wir fuhren durch das pittoreske Dörfchen Lydd bis zur Dungeness Power Station.   Das flache, dünn besiedelte Marschland hatte in der Abenddämmerung etwas Unwirtliches und sogar Unheimliches. In dieser Gegend könnte Charles Dickens‘ kleiner Pip aufgewachsen und dem entflohenen Strafgefangenen Magwitch begegnet sein. Dann trieben uns der Wind und der Hunger zurück zum Campingplatz.

Am nächsten Morgen war es noch immer ziemlich windig. Wir brachen auf und fuhren über Camber nach Rye und passieren unterwegs die Grenze zwischen Kent und East Sussex.  In der kleinen Stadt, die laut unserem Lonely-Planet-Führer „so Olde Englishe it’s almost twee“ ist, wollten wir bei der Tourist Information eine Karte der regionalen Fahrradrouten erwerben, um zu wissen, ob es sich lohnt, den Schildern zu folgen. Leider war das, was sie dort im Angebot hatten, zu lokal für unsere Zwecke. Nach einer kurzen Mittagspause  beschlossen wir, nicht wie geplant über Battle nach Eastbourne zu fahren, sondern weiterhin der Küste zu folgen.

Zwischen Fairlight Cove und Hastings mussten wir uns noch den Battery Hill, eine lange Steigung, hinaufarbeiten. Die Straße war von hohen Bäumen gesäumt, und jedes Mal, wenn man Licht sah und dachte, dass man oben war, erwies es sich als eine Kurve, nach der es fröhlich weiter aufwärts ging. Doch endlich hatten wir es geschafft, und wir sausten hinunter in die Stadt.

Hastings ist nicht nur aufgrund des „Battle of Hastings“ im Jahre 1066 bekannt, sondern rühmt sich auch, die erste der „Cinque Ports“ zu sein. Dabei handelt es sich um einen Bund von ursprünglich fünf Hafenstädten in Kent und Sussex, der wohl schon vor der normannischen Invasion bestand. Außer Hastings gehören Dover, Hythe, New Romney (früher Roniney) und Sandwich zu den Gründungsmitgliedern. Inzwischen umfasst dieser Bund vierzehn Städte, u. a. Lydd, Deal und Rye. Gesehen hatten wir die Schilder an den Ortseingängen natürlich schon früher und sollten auch später immer wieder darauf stoßen.

Auf der Strandpromenade fuhren wir durch die sehr touristische Stadt, vorbei an den typischen Kirmesattraktionen englischer Seebäder, die von Scharen von Touristen frequentiert werden, weiter nach Bexhill. Der Ortsteil machte natürlich seinem Namen alle Ehre. Ich hätte den Hügel allerdings fast geschafft, wäre mir nicht so ein dämlicher Hund in die Quere gekommen. Laut Gatten hätte ich schneller fahren müssen, dann wäre das nicht passiert. Nee, ist klar.

Danach ging es weiter über flache Landwege nach Pevensey, wo sich in der Nähe des Schlosses der Campingplatz „Fairfield Farm“ befand. Da wir nur eine Nacht bleiben wollten, durften wir einchecken.  Als das Zelt stand, telefonierte ich mit Beate aus London, mit der wir uns am Wochenende in Brighton treffen wollten. Leider musste sie uns mitteilen, dass ihr etwas dazwischen gekommen war. Ob sich in diesem Urlaub noch eine Gelegenheit ergeben würde, wollten wir abwarten, da Peter und ich unsere Streckenführung nicht genau voraussagen konnten. Unterwegs hatten wir  auch gehört, dass in Brighton gerade die Pride Week, eine Festivalwoche, stattfand, und wohl alle Übernachtungsmöglichkeiten ausgebucht waren. Außerdem habe ich ein gestörtes Verhältnis zu großen Menschenansammlungen auf begrenztem Platz. Also beschlossen wir, noch einen Tag in Eastbourne zu bleiben und dann nach Norden zum Naherholungsgebiet Bewl Water zu fahren, das wir auf der Karte entdeckt hatten.

Dann gingen wir in ein nettes Pub mit einem Biergarten. Die Bedienung machte mich darauf aufmerksam, dass man hier das Chili auf einem Berg Pommes servierte. Eine interessante Variante, die gar nicht mal schlecht schmeckte. Danach gingen wir wieder zum Campingplatz und schauten einigen Familien beim Cricket zu. Sehr treffsicher waren sie nicht, einmal landete der Ball fast in unserem Zelt, aber sowohl die Spieler als auch die Zuschauer hatten eine Menge Spaß.

Am nächsten Morgen fragten wir an der Rezeption, ob wir noch eine Nacht bleiben durften, aber leider waren sie für dieses Wochenende „fully booked“. Aufgrund der Wirtschaftslage machten verständlicherweise sehr viele Engländer Urlaub im eigenen Land und bevölkerten die Campingplätze. Also mussten wir unser Zelt abbrechen und eine andere Bleibe suchen. Wir fuhren ein paar Kilometer zurück zum Campingplatz St. Norman’s Bay. Dort wurden wir freundlich empfangen, mussten aber mit dem Einchecken warten, bis die ersten Leute abgereist waren. Wir überquerten also die Straße, suchten uns ein nettes Plätzchen am Strand, rollten unsere Isomatten aus, lasen und machten ein Nickerchen in der Sonne. After all, we were at the seaside!

Nach einer Weile war wieder Raum in der Herberge, so dass wir aufbauen konnten. Der Platzwart suchte für uns ein geschütztes Plätzchen, da es im Lauf des Tages wieder sehr windig werden sollte. Irgendwie war das wohl typisch für diese Gegend.  Auch hier wurde Cricket gespielt, diesmal nicht mit einem richtigen Bat, sondern mit einer Bratpfanne.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und wir brachen auf Richtung Beachy Head, eine, eindrucksvollen Kreidefelsen auf der anderen Seite von Eastbourne, den man von St. Normans Bay gut sehen konnte. Dieser Felsen ragt 162 Meter über dem Meeresspiegel auf und bietet nicht nur eine phantastische Aussicht, sondern ist auch ein Anziehungspunkt für potentielle Selbstmörder. Leider war der Wind wirklich wieder ziemlich stark geworden, und auch mein Knie begann zu protestieren, so dass wir in Eastbourne aufgaben.

Wir suchten einen Supermarkt, und ich ging einkaufen, während Peter unsere Räder und Habseligkeiten bewachte. Es bot sich mir ein hochinteressantes Einkaufserlebnis. Der Tesco’s war so groß, dass man sich darin verlaufen konnte, und hatte eine Riesenauswahl. Außerdem war er bevölkert mit Gruppen von Einkäufern, von denen ein großer Teil ziemlich korpulent war. Nun habe ich auch nicht gerade die Figur einer Gazelle, aber hier fühlte ich mich mal wieder richtig schlank! Obwohl die Gänge wirklich sehr breit waren, wurde es doch manchmal schwierig, sich seinen Weg zu bahnen. Wenn eine fünfköpfige wohlbeleibte Familie vor dem Käseregal über das Abendessen debattiert, kommt man nicht vorbei, keine Chance. Da ich wohl auch noch eine der langsamsten Kassiererinnen  des Landes erwischt hatte, dauerte die Expedition ziemlich lange. Peter begann, sich Sorgen zu machen, und der vorfahrende Krankenwagen beruhigte ihn nicht wirklich. Gerade, als er sich hinein begeben wollte, kam ich jedoch wohlbehalten wieder zum Vorschein.

Als wir wieder auf dem Campingplatz waren, begann es zu regnen, und wir verkrochen uns in unser Zelt. Doch dann bekamen wir mit, dass zwei junge Frauen versuchten, ihr Zelt aufzubauen und heftig mit dem Wind zu kämpfen hatten. Wir zogen unsere Regenjacken an und kamen ihnen zur Hilfe. Zu viert schaffen wir es gerade, das Zelt festzuhalten und aufzubauen.

Dann gingen wir schlafen. Wegen der Windböen, die gegen das Zelt peitschten, schlief ich sehr unruhig und wurde von Alpträumen geplagt. An einen davon kann ich mich sogar noch erinnern: Ich unterrichtete gerade gemütlich meine Gruppe Studenten, als plötzlich von allen Seiten Handwerker in Schutzkleidung auftauchten, die überall Löcher bohrten und merkwürdige Stäbe hineinsteckten, die dann mit Kabeln verbunden worden. Auf meine Frage, was das sollte, erklärte man mir, dass das Gebäude am nächsten Tag gesprengt werden sollte und man schon mal dabei war, die Sprengsätze zu verlegen. Meine Studenten und ich rannten hinaus, und aus sicherem Abstand rief ich die Projektleitung an, die antwortete: „Oh, bist du immer noch dort? Dich haben wir total vergessen. Meinst du, du schaffst es noch, unsere Sachen zusammen zu packen und wegzubringen?“ Dann wachte ich auf und stellte erleichtert fest, dass es Morgen war und ich immer noch Urlaub hatte.

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Südostengland 2010, Teil 2

Canterbury Tales

Nachdem wir die Fähre verlassen hatten, hieß es erst einmal den Weg aus dem riesigen Hafen zu finden, vorzugsweise, ohne dabei überfahren zu werden. Wir mussten erst einer roten Linie folgen, dann irgendwo an der Seite durch eine winzige Pforte, dann um einen gigantischen Kreisverkehr herum, bis wir auf dem richtigen Weg waren. Mühsam arbeiten wir uns den langen, steilen Hügel zum Dover Castle hinauf, von wo uns die Route über ruhige Nebenstraßen nach Canterbury bringen sollte.

Eigentlich war die Strecke nicht so lang, aber sehr hügelig. Leider war meine Kondition nicht ganz so gut wie ich optimistisch gehofft hatte, so dass es zwischendurch mal wieder hieß: Wer sein Rad liebt, der schiebt. Und irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich fast nicht mehr weiter konnte – ich hatte nicht mal mehr Pudding, sondern Vla in den Beinen! Inzwischen habe ich gelesen, dass das sogar auf der vorletzten Etappe einer 6000-km-Tour passieren kann, aber auch damals hätte mir dieses Wissen wohl nicht wirklich weiter geholfen. Wir befanden uns mitten in der Pampa, und so langsam wurde es dämmrig. Dummerweise hatten wir nicht daran gedacht, dass wir durch das Zurückstellen der Uhr zwar eine Stunde gewinnen, dass es aber entsprechend früher dunkel wird. Und als wir dann durch ein finsteres Waldstück mussten, in dem unsere einzige Beleuchtung die Fahrradlampen waren, hatte ich doch etwas Muffensausen.

Endlich erreichten wir den Stadtrand von Canterbury, und wir sahen auch sofort ein Schild zum Campingplatz, dem wir folgten. Wir wurden um verschiedene Ecken geleitet, und waren plötzlich wieder in einer recht ländlichen Gegend. Und der Campingplatz wollte und wollte nicht kommen. Wir fragten einen Herrn, der uns sagte, dass es noch einige Meilen bis dorthin war, und dass wir noch über einen „nasty hill“ mussten. Seine Anweisungen klangen sehr nach Bill Brysons „Notes from a Small Island“: „[…] just past the turnoff for Little Puking but before the B6029 mini-roundabout. By the dead sycamore. […] Well, about a quarter of a mile past there, not the first left turning, but the second one, there’s a lane between two hedgerows – they’re mostley hawthorn with a little hazel mixed in. Well, if you follow that road past the reservoir and under the railway bridge, and take a sharp right at the Buggered Ploughman…“ . Nur dass das Pub nicht “Buggered Ploughman”, sondern “The Chequers” hieß.

Da man jetzt auch außerhalb des Waldes fast nichts mehr sah, reichte es mir. Wir bogen von der Hauptstraße in das winzige Dörfchen Nackington ab. Dort klingelten wir an einem Haus, um weitere Erkundigungen ein zu ziehen. Doch die Dame war mit Entfernungen und Zeitangaben etwas überfordert, da sie, wie auch ihre Nachbarn, nur mit dem Auto unterwegs war.

Aber man gestattete uns, das Zelt auf einem Stückchen Wiese neben einem der Häuser aufzustellen, und wir durften auch unsere Wasserflaschen nachfüllen. Hatte ich vor einer Stunde noch von einer erfrischenden Dusche geträumt, war mir inzwischen alles egal, ich wollte nur noch schlafen. Im Schein einer Taschenlampe bauten wir unser Zelt auf. Gut zu wissen, dass wir das auch können, aber ich hoffe doch, dass wir diese Fähigkeit so schnell nicht mehr brauchen. Wir verkrochen uns in unsere Schlafsäcke und schliefen den Schlaf der Erschöpften.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt kroch, landete gerade ein Heißluftballon fast nebenan. Ob das so geplant war?

Nach einem Gespräch mit einer Dorfbewohnerin und einem improvisierten Frühstück machten wir uns auf die Suche nach dem Campingplatz. Tatsächlich war er noch knapp fünf Meilen entfernt, und der „nasty hill“, sowie alles andere, was der Herr vom Vorabend beschrieben hatte, stimmte.

Als wir beim Einchecken gleich bezahlen wollten, war der 20-Pfund-Schein, den wir noch vom letzten Mal hatten, nicht mehr gültig. Komisch, das passiert uns öfter, wenn wir in England sind. Aber bei der Bank kann man die ja problemlos umtauschen. Nachdem wir das Zelt aufgebaut und geduscht hatten, erfuhren wir von einem Nachbarn, dass es noch einen Campingplatz in Zentrumnähe gab. Den hatten wir eigentlich auch gesucht, aber die Schilder hatten uns mal wieder in die Irre geführt.

Auf einer gemütlichen Nebenstraße fuhren wir Richtung Canterbury, aber ein Stück vor der Stadtmitte mussten wir doch auf einer stark befahrenen A-Road weiter. Beim Stadtmuseum parkten wir unsere Räder, beschafften uns bei der Tourist Information einen Stadtplan und gingen erst mal zur Bank und zum Einkaufen. In den großen Supermärkten kann man inzwischen auch mit ausländischen Bankkarten zahlen, so dass man weniger oft nach Geldautomaten suchen muss. Mit unseren Vorräten von Marks und Spencer suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen im Dane Jon’s Garden und stärkten uns für die bevorstehende Stadtbesichtigung. Zumindest bei diesem schönen  Wetter scheint das eine beliebte Art zu sein, die Mittagspause zu verbringen. Auf den Bänken saßen zahlreiche Geschäftsleute und Büroangestellte und verzehrten ihren Imbiss.

Danach besichtigten wir die berühmte Kathedrale, in der die englischen Könige gekrönt werden und wo im Jahre 1170 der Erzbischof Thomas Becket von vier Rittern des Königs Heinrich II  ermordet worden war, da er gegen eine Lösung der weltlichen Rechtsprechung von der kirchlichen war. Drei Jahre nach seinem Tod wurde er heilig gesprochen und seiner Grabstätte wurden wunderbare Kräfte zugesprochen. Bald pilgerten die unterschiedlichsten Leute in Scharen nach Canterbury, eine Tatsache, die von Geoffrey Chaucer sehr anschaulich beschrieben wurde. Beckets Grab wurde auf Geheiß Heinrich VIII zerstört, und an dieser Stelle brennt heute eine Kerze.

Nach der Besichtigung bummelten wir noch etwas durch die Stadt, deren Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern durchaus ihren Charme hat, aber an meine Lieblingsstadt York reicht es doch nicht heran.

Dann fuhren wir auf einer Nebenstraße zurück zum Campingplatz. Leider mussten wir unseren Schleichweg mit recht vielen Autos teilen. Können die nicht auf ihren Hauptstraßen bleiben?

Abends aßen wir im „Chequers“, wo wir von einem Verwandten von Butler James bedient wurden. An der Wand hingen Zeitungsausschnitte und Fotos, denen wir entnahmen, dass im Jahr 2007 die Tour de France dort vorbeigekommen war. Anscheinend sind die Leute noch genialere Kartenleser als wir, und ordentlich links fuhren sie auch nicht! Bei einem Bierchen ließen wir den Tag gemütlich ausklingen.

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