Beiträge mit dem Schlagwort: Museum

Kunst und Kultur am Trekvogelpad

Tag 4, Ruurlo – Vorden: Kunst und Erinnerungen

Am 23. Juli ging es weiter. Diesmal fuhr ich nicht mit dem Bus, sondern mit der Bahn nach Ruurlo, da die Rückfahrt von Vorden aus ebenfalls mit der Bahn vonstatten gehen sollte, und so hatte ich meine Leeze dann gleich am Bahnhof stehen. Gegen halb 11 kam ich beim Schloss Ruurlo an und schaute mich erst einmal in Ruhe im Park um, da das Museum erst um 11 Uhr öffnete.

Im Moment läuft es unheimlich gut, was zu größeren Parkplatzproblemen führt, da weder die Gemeinde Ruurlo noch der Gründer Hans Melchers mit so einem Ansturm gerechnet hatten. Die Besucher von weiter weg parken also irgendwo am Straßenrand, die Stadt schreibt fröhlich Strafzettel, Melchers ist sauer, weil man sich doch etwas kulanter zeigen könnte, schließlich kommt ja jetzt mal wieder jemand in dieses verschlafene Nest. Als Fußgänger tangierte mich die Soap relativ wenig, ich halte es ja gerne mit Goethe: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen.“ Warum sollte das nicht für ein Museum gelten?

Kurz vor 11 Uhr formierten sich am Eingang zwei Reihen, die Besitzer einer Museumkaart, zu denen ich auch gehöre, und diejenigen, die noch ein Ticket erwerben mussten. Ich bekam ein Heftchen ausgehändigt, verstaute meinen Rucksack und schaute mir dann erst mal den Film an. Man erfuhr ein paar Dinge über die Geschichte des Schlosses, den Multimilliardär Hans Melchers und den Maler Carel Willink. Aber dies alles ist einen eigenen Beitrag wert, den ich wohl schreiben werde, wenn das Wetter wieder schlechter wird.

Jetzt nur so viel: Mit dem Umbau und der Neueinrichtung des Schlosses hat Melchers einen schönen Rahmen für Willinks Gemälde geschaffen und dabei nicht gekleckert, sondern kräftig geklotzt. Die Holzfußböden mit Intarsien und die schweren Tapeten mit Moiréstruktur  bilden zusammen mit den Bildern ein Gesamtkunstwerk, und als solches muss man es eigentlich auch sehen. Die Gemälde selbst sind entweder (Selbst-)porträts, auf denen die Abgebildeten grantig in die Weltgeschichte schauen oder aus verschiedenen Versatzstücken zusammengesetzte Landschaften. Die Titel sind recht eindeutig, z. B. „Tate Gallery verplaatst“ bei einem Bild der berühmten Galerie, die hier mitten in der Pampa steht, oder „Kamel in het park van Versailles“. Warum sollte so ein Kamel nicht auch mal in so einem Park spazieren gehen?

Nach einer guten Stunde hatte ich alles gesehen und wollte meinen Weg fortsetzen. Der Trekvogelpad führt durch den Schlosspark, aber leider war die hintere Pforte abgeschlossen, so dass ich mir einen Weg außenrum suchen musste.

Nach einer Weile hatte ich es geschafft, und unterwegs kam ich auch bei dem berühmten Siebensprung vorbei. Wie in der Geschichte „Das Geheimnis des siebten Weges“ zweigen hier nur sechs Wege ab. Ich lief zur Sicherheit zweimal alle Wege ab, es sind tatsächlich nur sechs.

Dann ging ich weiter nach Vorden, wo ich mich dem Schloss von Rückseite näherte. Ich kam an der 23 Meter hohen Rieseneiche vorbei, deren Stamm 685 Zentimeter umfasst. Kurz danach passierte ich die „Lodewijkslinde“, unter der Ludwig XIV angeblich im Jahr 1672 ein Schläfchen gemacht haben soll. Ich kann mir schlechtere Schlafplätze vorstellen.

 

Kurz danach kam ich wieder zu der Stelle, an der sich der Trekvogelpad und der Pieterpad kreuzen. Vor ziemlich genau elf Monaten war ich hier schon einmal vorbeigekommen. Viel hat sich seitdem ereignet. Nach einem Kaffee mit Kirschkuchen fuhr ich mit dem Zug nach Hause. Da es auf dieser Strecke, die nur etwas mehr als eine Stunde dauert, drei verschiedene Anbieter gibt, musste ich dreimal ein- und auschecken. Auf Twitter machte ich meinem Unmut Luft und bekam sogar eine Antwort von den Nederlandse Spoorwegen.

 

Tag 5, Vorden – Brummen: Uferwege, Rindviecher und eine Überfahrt

Am 28. Juli ging es dann weiter. In Vorden ging ich ein Stückchen über den Pieterpad, diesmal in Gegenrichtung, bis der Trekvogelpad dann abzweigte.  Ich kam an einem Hexenhaus mit Backofen, das mich an Hänsel und Gretel erinnerte, und erreichte Schloss Hackfort, wo es im Park auch einen Kunstwanderweg gibt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine Bank zum Gedenken an jemanden, der hier, praktisch kurz vor seiner Haustür einen Unfall hatte. So etwas ist natürlich nicht schön, und nachdenklich trabte ich weiter.

Nach einer Weile kam ich an einen Uferweg, der am Baakse Beek entlangführt. Laut Wegbeschreibung sollte man ihm einfach bis kurz vor Wichmond folgen können, aber in der Praxis sah das natürlich wieder anders aus. Mittendrin war nämlich ein Stück abgesperrt, weil dort eine Herde Rindviecher graste. Die Absperrung allein wäre nicht so sehr das Problem gewesen, aber vor Rindviechern habe ich ziemlichen Respekt. Ich ging also an der Absperrung entlang bis zur Straße, wo ich erst über einen Zaun klettern und dann zur Erheiterung zweier Radfahrer unter einem Stacheldraht durchkrauchen musste. Dass mir der Spaß wieder ein Extrastückchen bescherte, war ja klar, und so war der Rastplatz an der Wegkreuzung mehr als willkommen.

Bald erreichte ich Bronckhorst, die kleinste Stadt der Niederlande. So ziemlich alle Gebäude dort stehen unter Denkmalschutz, und die Ortschaft ist eine Art lebendes Freilichtmuseum. Entsprechend viele Touristen befinden sich auch dort. Demnächst geht auch unser Synagogenausflug dorthin, und dann werde ich mir in Ruhe das Dickens-Museum und diverse Kunstobjekte anschauen. Heute reichte mir ein Cappuccino mit Apfelkuchen.

Unterwegs hatte schon ein kräftiges Lüftchen geweht, so dass die Wanderung langsamer ging als normal. Und als ich im Wanderführer las, dass die Fähre über die IJssel ab Windstärke 7 nicht mehr fährt, machte ich mir doch etwas Sorgen. Aber schon von weitem konnte ich sehen, dass sie gemütlich hin und hertuckerte. Es gibt wohl auch so etwas wie die gefühlte Windstärke.

Nach der Überfahrt hieß mich ein Schild auf der Veluwe willkommen, laut Wikipedia das größte zusammenhängende Waldgebiet der Niederlande. Dort würde ich sicher noch eine Weile unterwegs sein.

Kurz darauf erreichte ich Brummen, wo die Route sogar fast direkt am Bahnhof vorbeiführt, und machte mich auf den Heimweg.

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Ein neues Abenteuer: Der Trekvogelpad

Ja, ich weiß, ich habe den Pieterpad immer noch nicht beendet, aber es war von der Zeit her immer etwas ungünstig. Jetzt ist es nämlich wieder so weit, dass ich unterwegs übernachten muss, und das will einigermaßen geplant werden. Da es aber ganz ohne Wandern nicht geht, habe ich mit dem 414 Kilometer langen Trekvogelpad (Zugvogelweg) angefangen, der von Bergen aan Zee nach Enschede führt. Allerdings zäume ich auch hier wieder den Gaul von hinten auf und laufe in Gegenrichtung, da es sich das für Tagesausflüge zwischendurch anbietet. Und nach den ersten 90 Kilometern wird es Zeit für einen Bericht.

Tag 1, Enschede – Koekoeksbrug: Why does is always rain on me?

Am 7. März hatte ich unerwartet einen fast freien Tag und wollte mal wieder ein Stück laufen. Also habe ich mit dem Trekvogelpad angefangen, der vom Bahnhof Enschede nach Bergen aan Zee führt. Das erste Stück lief ich also vor allem durch meine eigene Stadt, die ich nun durch die Augen eines Touristen betrachtete.

wegweiser

Die Streckenführung ist ganz geschickt, man geht vor allem durch die etwas netteren Teile der Stadt (den Volkspark, die alte Arbeitersiedlung Pathmos, das Naherholungsgebiet Rutbeek), so dass der ahnungslose Tourist nicht denkt: „Grundgütiger, wo bin ich hier gelandet!“ Versteht mich nicht falsch, ich wohne wirklich gern in Enschede, aber es ist halt kein Amsterdam, Maastricht oder Groningen.

pathmos volkspark2

Das Wetter war am Anfang noch okay, zwar leichter Nieselregen, aber man ist ja nicht aus Zucker, nicht wahr? Beim Rutbeek kam ich an einem Schild mit der Aufschrift „Wij oogsten de zon – Wir ernten die Sonne“ vorbei, das irgendwas mit Sonnenenergie zu tun hat. Gerade in dem Moment fing es auch richtig an zu gießen – the irony of that. Da stand ich also knapp 10 km von zu Hause entfernt im strömenden Regen mitten in der Pampa! Gut, dass ich meinen Regenumhang mithatte.

rutbeek schild

Aber das Naturgebiet Buurserzand ist auch im Regen recht schön, und schließlich gibt es ja kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.

buurserzand2

Trotzdem war ich froh, dass bei der Haltestelle Koekoeksbrug schnell ein Bus kam, der mich nach Haaksbergen brachte.

Tag 2, Koekoeksbrug – Eibergen: Vier Monate später

Am 11 Juli, also fast genau vier Monate später ging es weiter. Ich fuhr mit dem Bus bis kurz vor Haaksbergen und lief das letzte Stück zur Koekoeksbrug. Natürlich spielte mir mein bekanntes Rechts-Links-Problem mal wieder einen Streich, aber der Schaden hielt sich in Grenzen.

Das Wetter war erst etwas bewölkt, aber es klärte sich bald auf. Ich wanderte durch die Naturgebiete Buurserzand und Haaksbergerveen und stellte mal wieder fest: Twente is onmeunig mooi (Twente ist unglaublich schön).

haaksbergerveen  haaksbergerveen2

Auf einer Bank hielt ich ein Schwätzchen mit dem Gegenverkehr, den es hier auch reichlich gibt – die meisten Leute fangen in Bergen aan Zee an. Und das Restaurant bei der Oostendorper Watermolen hatte sogar geöffnet, so dass ich auch mein Essen fotografieren konnte, wie man das halt so macht.

oostendorperwatermolen stillleben

Als ich allerdings weiterging, trübte es sich wieder ein, und kurz vor der Berkel wurde ich von einem kräftigen Regenguss erwischt. Der Trekvogelpad wird auch „der längste Naturwanderweg der Niederlande“ genannt, und das bedeutet wohl, dass man sich grundsätzlich mitten in der Pampa befindet, wenn es gerade mal gießt. Man kann also stehenbleiben und nass werden oder weitergehen und nass werden. Ich entschied mich für letzteres, schlurfte am Berkelufer entlang und fragte mich mal wieder: „Why does it always rain on me?“

berkelimregen

Irgendwann ließ der Spuk jedoch nach, und ich konnte noch vor der Bushaltestelle in Eibergen das Regenzeug wegpacken.

Und einen netten Straßennamen habe ich auch entdeckt: Krakeelsweg.

Tag 3, Eibergen- Ruurlo: Auch am Trekvogelpad gibt es schönes Wetter

Diesmal ging es sogar recht schnell weiter, nämlich am 15. Juli. Zuerst sah es nach einem Pechstag aus, denn obwohl ich pünktlich an der Bushaltestelle war, meldete meine App, dass der Bus schon weg war. Trotzdem beschloss ich, noch ein paar Minuten zu warten, und siehe da, er kam doch noch! Es wäre auch sonst etwas ärgerlich gewesen, denn am Wochenende fährt der Bus nach Eibergen im Stundentakt.

In Eibergen lief ich durch den hübschen Ortskern, wo ich schon auf den ersten Gegenverkehr traf. Dann wurde die Gegend wieder sehr ländlich.

bauernhof waldweg

Im Wanderführer stieß ich auf die Anmerkung, dass die Route eventuell anders geführt werden könne, da dort die neue Bundesstraße N18 gebaut wird. Natürlich hatte ich mal wieder verbummelt, im Internet nach Updates zu schauen, aber das war auch gar nicht nötig. Am Samstag wurde nicht gebaut und ich konnte gemütlich zwischen zwei Bauzäunen hindurch den Markierungen folgen.

bauzaun

Der Weg führte mich durch einen Park, der im klassizistischen Stil angelegt ist und in der Mitte einen sternförmigen Teich, den „Waterster“ (Wasserstern) hat.

waterster slinge

Nach einer Pause am Flüsschen Slinge ging ich weiter bis zum Schloss Ruurlo, dem „Treppenhaus“ aus dem Jugendbuch „De Zevensprong“ (auf Deutsch „Das Geheimnis des siebten Weges“) von Tonke Dragt und der gleichnamigen Fernsehserie. Die älteren Semester unter uns erinnern sich vielleicht. Seit ein paar Wochen beherbergt das Schloss ein Museum mit Werken des Künstlers Carel Willink (1900 – 1983), einem Vertreter des magischen Realismus. Dies werde ich mir auf der nächsten Etappe näher anschauen.

schlossruurlo

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The Borders 2004 – Teil 3

Edinburgh

In den nächsten zwei Tagen besichtigten wir verschiedene Museen und Ausstellungen und fuhren mit dem Bus kreuz und quer durch die Stadt. Auf diese Weise erfuhren wir eine Menge über die Geschichte Schottlands und seiner Hauptstadt.

 Auf dem Campingplatz wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Busse in Edinburgh und Umgebung eine Tageskarte für zwei Pfund gibt, den sogenannten „Day Saver“. So beschlossen wir, nicht mit dem Rad in die Stadt zu fahren, was sich als weise Entscheidung herausstellen sollte. Wie in allen Großstädten gibt es nämlich auch hier recht viel Verkehr, und die Regeln erschlossen sich uns, wenn überhaupt, nur bedingt. Ich hatte meistens den Eindruck, dass jeder in der Gegend herum fährt, latscht oder steht, wie er lustig ist. Vom oberen Deck des Doppeldecker-Busses sahen wir des Öfteren haarsträubende Szenarios, wenn die Busfahrer im Slalom zwischen parkenden Autos und anderen Hindernissen hindurch fuhren. Wie sie es schafften, nirgendwo dagegen zu schrammen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Wenn man Edinburgh zu Fuß erkunden möchte, braucht man eine recht gute Kondition, denn die Stadt ist auf sieben vulkanischen Hügeln erbaut, so dass es ständig bergauf und bergab geht. Die Einheimischen machen das wie nix, aber wir als Flachlandtiroler gerieten auf den langen, steilen Treppen der „Closes“ doch gelegentlich aus der Puste.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zu den Straßen und Gebäuden der Stadt: Es gibt die „Streets“, also die größeren Straßen, die durch die „Closes“ miteinander verbunden sind. Diese sind oft steil und von Treppen versehen und dienen als Abkürzungen. Die Gebäude selbst wurden früher „Lands“ genannt, was in manchen Namen noch zu sehen ist, z. B. in „Gladstone’s Land“ oder „Websters Land“. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Häuser recht hoch gebaut, da Platz schon damals knapp war. Die ärmsten Bewohner der Häuser wohnten ganz oben und ganz unten, und die wohlhabenderen Leute in den mittleren Stockwerken zogen es außerdem vor, nach hinten hinaus zu wohnen, da die Straßen vor den Häusern sehr schmutzig waren. Kein Wunder, schließlich war es üblich, den Eimer, den man zur Verrichtung seiner Notdurft verwendete, mit dem Ruf „Gardyloo!“ (vom französischen „Gardez l’eau!“ – „Vorsicht, Wasser!“) einfach aus dem Fenster zu kippen.

Dies und noch vieles mehr erfuhren wir bei unseren Streifzügen durch die Stadt, den Besuchen des Stadtmuseums und des „People’s Museum“ und bei der Führung durch „Mary King’s Close„, die weiter unten noch ausführlich beschrieben wird.

Auf eine Besichtigung der Burg verzichteten wir, da es im Radführer hieß: „Unter den historischen Gebäuden der Stadt ist das meistbesuchte und zugleich uninteressanteste: die Burg, die architektonisch nichtssagend und zudem mit militärischen Exponaten gefüllt ist.“ Wir beschränkten uns also auf den Burghof und die Aussicht.

Dafür besichtigten wir neben den bereits erwähnten Dingen noch St. Giles Cathedral und die „Tartan Weaving Mill & Exhibition“, eine Weberei, in der man sehen kann, wie die Stoffe für Kilts hergestellt werden. Dort gibt es auch eine Ausstellung über die Geschichte und Entwicklung der „Highland Dresses“. Außerdem fuhren wir auch in das Hafengebiet von  Newhaven und Leith, wo es furchtbar windig war.

Wie überall hat auch in Edinburgh der öffentliche Nahverkehr seine Tücken. Als wir am Abend zurück zum Campingplatz wollten, waren  wir am Levenham Roundabout, ein paar Haltestellen vor unserer, die letzten Fahrgäste im Bus. Dort wurden wir gebeten, den Bus zu verlassen, da dies die Endstation sei. Der Bus würde um den Kreisverkehr herum und dann wieder zurück fahren. Wir stiegen aus und gingen eine Haltestelle weiter. Dort stellten wir fest, dass der nächste Bus in ein paar Minuten kommen sollte, also warteten wir. Als er dann kam, trauten wir unseren Augen nicht! Es war nämlich derselbe Bus, den wir verlassen mussten, mit demselben Fahrer und zum Teil denselben Fahrgästen, die allerdings vor uns ausgestiegen waren. Das sehr junge Paar mit dem kleinen Kind nebst Mc-Donalds-Luftballon hatte sich mir nämlich eingeprägt. Was wir falsch gemacht hatten, oder welches geheimnisvolle Prinzip dieser Begebenheit zugrunde lag, werden wir wohl nie erfahren.

Einmal wurden wir auch des „queue-jumping“ bezichtigt. Selbstverständlich ist uns bekannt, dass man sich an Haltestellen ordentlich anstellt und nicht vordrängelt, aber man möge uns zugute halten, dass unser ungeübtes Auge das ungeordnete Häuflein nicht als Reihe wahrgenommen hatte. Nett fanden wir übrigens die Schilder über den Türen: „You should not get off the bus between two stops. Doing so is both dangerous and illegal.“ Das klingt doch viel schöner als „Aussteigen zwischen den Haltestellen verboten“.

Am nächsten Morgen ging es mir nicht gerade gut. Ob das am chinesischen Essen vom Vorabend lag oder am Cider, den wir von unseren Nachbarn geschenkt bekommen hatten, weiß ich nicht. Auf jeden Fall verbrachte ich einen größeren Teil  der ersten Hälfte des Vormittags auf der Keramik. Gut, dass wir uns ein relativ ruhiges Programm vorgenommen hatten.

Wir begannen mit dem Besuch des Prestongrange Museum, das sich in direkter Nachbarschaft des Campingplatzes befindet. Unser Radführer beschreibt es als „…ungewöhnliches Museum, das den Ursprung der Stadtgeschichte betrifft: Prestonpans ist eine frühindustrielle Stadtgründung, die sich auf Kohle- und Salzförderung stützte. Als Zentrum des Museums ist ein Förderturm (bzw. ein Steingebäude mit Fördereinrichtungen) restauriert worden.“ Wir wurden von einem netten Herrn durch die Anlagen geführt und konnten den Turm mit seiner riesigen Pumpe sowie den Brennofen für Backsteine auch von innen bewundern. Außerdem machte unser Führer uns auch auf die Stellen aufmerksam, an denen sich früher ebenfalls Gebäude befunden hatten, und auf den Hafen, der wieder ausgegraben werden sollte.

Da sich der Zustand meiner Eingeweide inzwischen wieder normalisiert hatte, wagten wir die halbstündige Busfahrt in die Stadt. Dort investierten wir sieben Pfund pro Person für eine Führung durch Mary King’s Close, und das war es auch wirklich wert. Diese „Close“ befand sich dort, wo jetzt die „City Chambers“ sind, die am Ende des 19. Jahrhunderts auf den Fundamenten und Wänden der alten Gebäude errichtet wurden, die praktisch „geköpft“ wurden. Aufgrund der Hanglage sind jedoch Teile der alten „Close“ noch erhalten. Diese wurden restauriert und hergerichtet, so dass man einen Eindruck des Lebens verschiedener Familien zwischen dem 16. und 19. Jahrhunderts erhält.

Der Prospekt kündigte an, dass wir von einer der Figuren, die früher dort gelebt hatten, durch die Gebäude geführt werden sollten. Unser „guide“ war Walter King, ein „foulis cleaner“, dessen Aufgabe es war, die Wohnungen der Pestopfer zu reinigen. Wir wurden durch die verschiedenen Räume geleitet, die nur sehr dürftig beleuchtet waren, und unser Führer erzählte uns von den Lebensumständen damals, der Pest und den Gespenstern, die immer noch durch die „Close“ irren. Da er wunderbar anschaulich erzählte, konnten wir uns da unten gepflegt gruseln, und bei der Beschreibung der Pestsymptome wurde mir ganz anders. Es war wirklich eine gelungene Führung.

Dann besuchten wir noch das „Writers‘ Museum“ in einem wunderschönen alten Gebäude, dass sich vor allem mit Sir Walter Scott, Robert Burns und Robert Louis Stevenson befasst.

Außerdem bummelten wir durch die verschiedenen Geschäfte und beobachteten ein paar Maurer, die hoch oben auf den Burgberg ein Gerüst für Reparaturen an der Burgmauer errichteten. Die Leute sind wirklich schwindelfrei.

Natürlich gibt es in Edinburgh und Umgebung noch viel mehr, aber man muss immer eine Auswahl treffen, und wir hatte eine Menge Dinge dieser faszinierenden Stadt gesehen.

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Ein Nachmittag im Museum

Am Innenstadtring steht – schon sehr lange – das Rijksmuseum Twenthe. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nicht oft dort war, obwohl ich auf Reisen ein begeisterter Museumsbesucher bin. Aber wie es mit den kulturellen Einrichtungen in Wohnortnähe halt so ist – sie laufen ja nicht weg, und man kann ja irgendwann immer noch mal hin…

Doch dieses Jahr trafen zwei niederschmetternde Nachrichten das Museum: Erst sollten die staatlichen Subventionen drastisch gekürzt werden, und dann kam der Kulturrat zu der Schlussfolgerung, dass man es doch auch gleich schließen könne. Grund genug für den neuen Direktor Arnoud Odding, alle Hebel in Bewegung zu setzten, um das Existenzrecht des Museums zu beweisen. Dies führte zu einer gründlichen Umräumaktion, vier neuen Ausstellungen und dem Festival „Herfsttooi 2.0 – Festival van de verbeelding“, das an diesem Wochenende stattfindet. Ein anonymer Sponsor hat es ermöglicht, dass der Eintritt an diesem Wochenende frei ist, doch der Glaskasten für freiwillige Spenden war gestern abend auch schon gut gefüllt.

„Herfsttooi“ bedeutet „Herbstschmuck“ und erinnert an das Blumenschmuckfestival, das in den 60er und 70er Jahren traditionsgemäß im Oktober dort stattfand. Eine Besucherin, die gestern während eines Vortrags neben mir saß, hatte es als Kind noch erlebt und erzählte mir begeistert davon. „Verbeelding“ hat mehrere Bedeutungen, nämlich „Fantasie, Einbildung und Darstellung“, die alle drei passen.

Der Zeitpunkt des Festivals ist leider ein bisschen ungünstig gewählt, da dieses Wochenende auch die immer sehr gut besuchte Military in Boekelo stattfindet. Trotzdem folgten gestern ungefähr 800 Besucher dem Vorbild des Kolumnisten Toon Mesman, der feststellte, dass er auch nächstes Jahr wieder die Wahl zwischen Museum oder Pferdesport haben möchte.

Volgende vier Ausstellungen wurden gestern eröffnet:

Het ideaal als werkelijkheid: Landschaften aus mehreren Jahrhunderten, aus der eigenen Kollektion und aus der des Mauritshuis in Den Haag, das gerade umgebaut wird und seine Werke ausgelagert hat.

De drie smaken van Jop: Hier durfte Jop Ubbens, der Direktor des Auktionshauses Christie’s in Amsterdam, einen Traum verwirklichen und seine eigene Ausstellung zusammenstellen. Dabei spielen seine drei Identitäten – Kunsthistoriker, Auktionator und Privatperson – eine große Rolle.

Rewind: Hier geht es um die Darstellung der Geschichte in historischen Gemälden und und Filmszenen wie z. B. „Troy“ oder „Ben Hur“.

Spelen op de grens van het onmogelijke: Videokunst und interaktive Installationen von Studenten der Kunstakademie. Hier kann man z. B. auf einem Bildschim sehen, wie man von oben aussieht – recht ungewohnt natürlich.

Gestern habe ich es nur geschafft, kurz durchzugehen, da in der „Huiskamer van de verbeelding“, dem Wohnzimmer der Phantasie, ebenfalls eine Menge geboten war. Im Gobelinsaal stehen zahlreiche Sofas und Wohnzimmertische, wo man Platz nehmen und sich Vorträge, Gesangsdarbietungen und Präsentationen zu Gemüte führen kann. Durch das Programm füht Schauspieler Laurens ten Den, der das Publikum willkommen heißt, mit Knabbereien herumgeht und natürlich die Auftritte ankündigt und moderiert.

Auch hier habe ich nicht alles gesehen, aber die Präsentation des Künstlers und Sammlers Pet van der Luijtgaarden z. B. hat mir gut gefallen. Der Mann hat eine Menge Sammelgebielte, von Playmobilfiguren über Eierbecher bis zu Stofftieren und Mützen aller Art. Oft gestaltet er Kunstwerke aus diesen Sammlungen. So gibt es ein Foto von ihm selbst als Gulliver, am Boden festgebunden und umgeben von seinen Playmobilfiguren. Bevor er seinen Vortrag hielt, wurde das Publikum gewarnt, dass er Hals über Kopf abhauen könnte, da er in Kürze Vater würde. Das war nicht notwendig, und ich hoffe natürlich sehr, dass alles gut gegangen ist.

Die Präsentation von Wessel Westerveld, der Geräusch- und Musikinstallationen aus Teilen von Fahrrädern, Nähmaschinen und Zentrifugen bastelt, war mir leider etwas zu theoritisch. Etwas weniger erklären und mehr vorführen wäre hier wohl besser gewesen. Der Auftritt einiger Mitglieder der Reisopera, die ebenfalls drastisch abspecken müssen, hat mir sehr gut gefallen.

Abschluss des gestrigen Tages war die offizielle Eröffnung der neuen Ausstellungen durch den Parteivorsitzenden von D66, Alexander Pechtold, der zwar zusagte, das Museum so gut wie möglich zu unterstützen, aber da seine Partei wohl nicht in die neue Regierung kommt, reicht sein Einfluss wohl nicht weit genug. Aber auch wenn es keine finanzielle Hilfe werden kann, auch moralische Unterstützung kann dem Museum sicher helfen.

Was das Kürzen der Subventionen betrifft, habe ich ein zwiespältiges Gefühl dabei: Einerseits hat die vorige rechtsliberale Regierung gar nicht so Unrecht, wenn sie sagt, dass kulturelle Einrichtungen auch selbst aktiv werden, aus ihrer Komfortzone kommen und neue Dinge ausprobieren sollten, um sich selbst so weit wie möglich zu finanzieren. Was das betrifft, ist Arnoud Odding sicher auf einem guten Weg. Andererseits kann es aber auch nicht sein, dass man diesen Einrichtungen jede Lebensgrundlage entzieht, denn dann wird wahrscheinlich nur noch der kleinste gemeinsame Nenner gesucht werden, und es werden überall allgemein wohlgefällige Dinge wie das „Phantom der Oper“ zu sehen sein. Irgendwo muss es doch einen Mittelweg geben, denn Kunst und Kultur sind keineswegs nur „linke Hobbys“,  wie es das vorige Kabinett durch die Gegend zu tröten pflegte.

Ich habe mir fest vorgenommen, demnächt wieder ins Museum zu gehen und mir die Ausstellungen in aller Ruhe anzuschauen, auch wenn der Eintritt dann nicht frei ist.

Zum Schluss noch eine nette Spielerei, die an diesem Wochenende angeboten wurde: Ich bin Teil eines Gemäldes!

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