Beiträge mit dem Schlagwort: Regen

Mit der „Dackelhütte“ auf dem Pieterpad

Coevorden – Rolde

Nach einigen Tagesausflügen auf dem Trekvogelpad wurde es mal wieder Zeit, auf dem Pieterpad weiter zu gehen. Drei Tage lang wanderte ich durch Drenthe von Coevorden bis Rolde. Übernachtet habe ich diesmal in einem netten kleinen Einmannzelt, meiner Dackelhütte, und auch diesmal habe ich wieder einiges erlebt.

„Leeres Land“

Der Pieterpadführer umschreibt die Gegend wie folgt: „Zwischen Rolde und Sleen gehen Sie durch ein „leeres Land“; hier wohnen nur wenige Menschen. Vor gar nicht einmal so langer Zeit gab es hier ausgedehnte Heidefelder. Nun stehen hier Wälder, abgewechselt mit kleinen Heidefeldern und Moortümpeln.“

heidefeld moortümpel

Und das stimmt auch, hier gibt es wirklich eine Menge Gegend. Die Ortschaft Schoonloo het keinen Supermarkt, und auf den 24 km zwischen Sleen und Schoonloo gibt es auch keine Einkehrmöglichkeit, außer man nimmt einen Umweg übr Schoonoord in Kauf. Also muss man genug Semmeln und andere Notvorräte mitnehmen. Vor allem die nicht-vorhandene Einkehrmöglichkeit kam in fast jedem Gespräch mit dem Gegenverkehr zur Sprache, man bestätigte sich gegnseitig, dass es tatsächlich nichts gibt. Vielleicht sollte man auf der Hälfte einen Imbiss eröffnen und den dann „Café Halfweg“ nennen.

Aber schön war es schon, mit den langen Alleen, gemütlichen Bänken und netten Bauernhöfen.

rucksack bauernhof

Auf der Pieterpad-Website wurd vor zutraulichen Hochlandrindern gewarnt, die anscheinend öfter von Touristen gefüttert wurden, aber die wollen nur spielen. Warum beruhigte mich das nicht wirklich? Die Rinder selbst habe ich allerdings nicht gesehen, nur ihre beachtlichen Hinterlassenschaften.

 

Wind und Wetter

Wie angekündigt war das Wetter an diesem Wochenende ziemlich durchwachsen. Am Freitag war es noch schön, bis ich den Campingplatz erreichte, doch am Samstag bekam ich einige kräftige Regenschauer ab. Zum Glück hielten mein Cape und die Regenhaut des Rucksacks mich und meine Sachen einigermaßen trocken. Und irgendwann war der Spuk dann auch wieder vorbei.

Die morgendlichen Schauer, wenn ich abbauen und weitergehen wollte, fand ich erst etwas „inconvenient“, aber man wird erfinderisch. Auf dem ersten Campingplatz hatten sie eine offene Scheune und auf dem zweiten einen Aufenthaltsraum, wo ich meine Sachen hinschleppte, um sie dann im Stehen (siehe unten) und trocken zu verstauen.

Sehenswertes unterwegs

Auch diesmal gab es unterwegs wieder viel zu sehen, z. B. den jüdischen Friedhof bei Dalerveen, der lange nicht nicht in Gebrauch war, bis 2003 wieder jemand dort begraben wurde.

friedhof friedhof2

Interessant ist auch der Galgenberg nördlich von Sleen, ein prähistorischer Grabhügel, wo im Mittelalter die zum Tode Verurteilten aufgehängt wurden.

galgenberg

Doch auch die Natur hat einiges zu bieten, wie z. B. riesige Ameisenhaufen und ebensolche Pilze. Allerdings weiß ich nicht, ob man die essen kann, ich kann nur Fliegenpilze eindeutig identifizieren.

ameisenhaufen pilze

Übernachten in der Dackelhütte

Zum Geburtstag bekam ich ein kleines, aber feines Einmannzelt geschenkt, das ich auch tatsächlich allein aufbauen kann. Selbstverständlich habe ich das bei uns im Garten geübt und auch die Rücken-, Seit- und Bauchlage ausprobiert.

Natürlich war ich ganz schön gespannt, wie es mir damit gehen würde. Vielleicht lag ich ja die ganze Nacht bibbernd und zähneklappernd in meinem Schlafsack, weil ich zu viel Stephen King gelesen habe. Man würde sehen.  Aufgebaut und eingerichtet war das Zelt jedenfalls recht gemütlich, und die Campingplatzhühner fanden es wohl auch interessant.

dackelhütte dackelhütte2

Ich habe wunderbar geschlafen und  wurde von keinerlei Stephen-King-Phantasien heimgesucht.  Und dicht gehalten hat das Zelt auch, also alles bestens. Da es aber recht klein ist, sind Dinge wie Kleidungswechsel oder sich in den Schlafsack wurschteln Bauchmuskelübungen vom Feinsten. Und auf dem ersten Campingplatz stand ich direkt neben dem Wasserhahn, was ich erst nicht gesehen hatte. Und natürlich musste gegen zehn Uhr abends die Hälfte der Ceampinggäste ihre Wasservorräte nachfüllen. Na, schönen Dank auch. Note to self: Das nächste Mal den zugewiesenen Platz kritischer unter die Lupe nehmen.

Lost in the forest

Wie bereits erwähnt führt die Strecke zu einem größeren Teil durch den Wald, und wer meinen Weg bisher mitverfolgt hat, weiß, dass das nicht immer gut geht. Auch diesmal kam ich zwischen Schoonloo und Rolde vom Weg ab.

wald

Aber die Wälder in den Niederlanden sind nicht so groß, selbst in Drenthe nicht, also hat auch Plan B wieder geklappt: Geradeaus laufen, bis man auf eine Straße stößt, und dann sehen, wie weit ich von der geplanten Strecke abgewichen bin und was ich dann mache. Diesmal war ich aber ziemlich weit von der Strecke abgekommen, also beschloss ich, den direkten Weg nach Rolde zu gehen. An diesem Wochenende hatte ich genug Wald gesehen.

So landete ich dann bei der Bushaltestelle am Rand von Rolde. Meine App hatte mir schon mitgeteilt, dass an diesem Tag der Bus nicht ins Zentrum fahren würde, warum auch immer. Also beschloss ich, gleich hier einzusteigen und nach Hause zu fahren. Das Zentrum von Rolde und die zwei Hünengräber müssen bis zum nächsten Mal warten. Sie werden dann sicher noch da sein.

Lichtblicke

Auch hier auf dem Weg war es glegentlich etwas anstengend, immerhin schleppte ich ungefähr zehn Kilo mehr mit als sonst. Und auch das Wetter am zweiten Tag machte mir gelegentlich etwas zu schaffen.

Aber dann sieht man wieder ein Schild, dass es nur noch 900 m bis zum Campingplatz oder 94 km nach Pieterburen sind, und dann geht es einem gleich wieder besser.

eswird2

Zwei Zitate scheinen jedenfalls auf meine Wanderungen zuzitreffen:
„It’s important to have a plan B, especially when there is no plan A.“ (Pete McCarthy, McCarthy’s Bar)
„We walked the trail, Bryson. We walked the bloody trail.“ (Bill Bryson, A Walk in the Woods)

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Ein neues Abenteuer: Der Trekvogelpad

Ja, ich weiß, ich habe den Pieterpad immer noch nicht beendet, aber es war von der Zeit her immer etwas ungünstig. Jetzt ist es nämlich wieder so weit, dass ich unterwegs übernachten muss, und das will einigermaßen geplant werden. Da es aber ganz ohne Wandern nicht geht, habe ich mit dem 414 Kilometer langen Trekvogelpad (Zugvogelweg) angefangen, der von Bergen aan Zee nach Enschede führt. Allerdings zäume ich auch hier wieder den Gaul von hinten auf und laufe in Gegenrichtung, da es sich das für Tagesausflüge zwischendurch anbietet. Und nach den ersten 90 Kilometern wird es Zeit für einen Bericht.

Tag 1: Why does is always rain on me?

Am 7. März hatte ich unerwartet einen fast freien Tag und wollte mal wieder ein Stück laufen. Also habe ich mit dem Trekvogelpad angefangen, der vom Bahnhof Enschede nach Bergen aan Zee führt. Das erste Stück lief ich also vor allem durch meine eigene Stadt, die ich nun durch die Augen eines Touristen betrachtete.

wegweiser

Die Streckenführung ist ganz geschickt, man geht vor allem durch die etwas netteren Teile der Stadt (den Volkspark, die alte Arbeitersiedlung Pathmos, das Naherholungsgebiet Rutbeek), so dass der ahnungslose Tourist nicht denkt: „Grundgütiger, wo bin ich hier gelandet!“ Versteht mich nicht falsch, ich wohne wirklich gern in Enschede, aber es ist halt kein Amsterdam, Maastricht oder Groningen.

pathmos volkspark2

Das Wetter war am Anfang noch okay, zwar leichter Nieselregen, aber man ist ja nicht aus Zucker, nicht wahr? Beim Rutbeek kam ich an einem Schild mit der Aufschrift „Wij oogsten de zon – Wir ernten die Sonne“ vorbei, das irgendwas mit Sonnenenergie zu tun hat. Gerade in dem Moment fing es auch richtig an zu gießen – the irony of that. Da stand ich also knapp 10 km von zu Hause entfernt im strömenden Regen mitten in der Pampa! Gut, dass ich meinen Regenumhang mithatte.

rutbeek schild

Aber das Naturgebiet Buurserzand ist auch im Regen recht schön, und schließlich gibt es ja kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.

buurserzand2

Trotzdem war ich froh, dass bei der Haltestelle Koekoeksbrug schnell ein Bus kam, der mich nach Haaksbergen brachte.

Tag 2: Vier Monate später

Am 11 Juli, also fast genau vier Monate später ging es weiter. Ich fuhr mit dem Bus bis kurz vor Haaksbergen und lief das letzte Stück zur Koekoeksbrug. Natürlich spielte mir mein bekanntes Rechts-Links-Problem mal wieder einen Streich, aber der Schaden hielt sich in Grenzen.

Das Wetter war erst etwas bewölkt, aber es klärte sich bald auf. Ich wanderte durch die Naturgebiete Buurserzand und Haaksbergerveen und stellte mal wieder fest: Twente is onmeunig mooi (Twente ist unglaublich schön).

haaksbergerveen  haaksbergerveen2

Auf einer Bank hielt ich ein Schwätzchen mit dem Gegenverkehr, den es hier auch reichlich gibt – die meisten Leute fangen in Bergen aan Zee an. Und das Restaurant bei der Oostendorper Watermolen hatte sogar geöffnet, so dass ich auch mein Essen fotografieren konnte, wie man das halt so macht.

oostendorperwatermolen stillleben

Als ich allerdings weiterging, trübte es sich wieder ein, und kurz vor der Berkel wurde ich von einem kräftigen Regenguss erwischt. Der Trekvogelpad wird auch „der längste Naturwanderweg der Niederlande“ genannt, und das bedeutet wohl, dass man sich grundsätzlich mitten in der Pampa befindet, wenn es gerade mal gießt. Man kann also stehenbleiben und nass werden oder weitergehen und nass werden. Ich entschied mich für letzteres, schlurfte am Berkelufer entlang und fragte mich mal wieder: „Why does it always rain on me?“

berkelimregen

Irgendwann ließ der Spuk jedoch nach, und ich konnte noch vor der Bushaltestelle in Eibergen das Regenzeug wegpacken.

Und einen netten Straßennamen habe ich auch entdeckt: Krakeelsweg.

Tag 3: Auch am Trekvogelpad gibt es schönes Wetter

Diesmal ging es sogar recht schnell weiter, nämlich am 15. Juli. Zuerst sah es nach einem Pechstag aus, denn obwohl ich pünktlich an der Bushaltestelle war, meldete meine App, dass der Bus schon weg war. Trotzdem beschloss ich, noch ein paar Minuten zu warten, und siehe da, er kam doch noch! Es wäre auch sonst etwas ärgerlich gewesen, denn am Wochenende fährt der Bus nach Eibergen im Stundentakt.

In Eibergen lief ich durch den hübschen Ortskern, wo ich schon auf den ersten Gegenverkehr traf. Dann wurde die Gegend wieder sehr ländlich.

bauernhof waldweg

Im Wanderführer stieß ich auf die Anmerkung, dass die Route eventuell anders geführt werden könne, da dort die neue Bundesstraße N18 gebaut wird. Natürlich hatte ich mal wieder verbummelt, im Internet nach Updates zu schauen, aber das war auch gar nicht nötig. Am Samstag wurde nicht gebaut und ich konnte gemütlich zwischen zwei Bauzäunen hindurch den Markierungen folgen.

bauzaun

Der Weg führte mich durch einen Park, der im klassizistischen Stil angelegt ist und in der Mitte einen sternförmigen Teich, den „Waterster“ (Wasserstern) hat.

waterster slinge

Nach einer Pause am Flüsschen Slinge ging ich weiter bis zum Schloss Ruurlo, dem „Treppenhaus“ aus dem Jugendbuch „De Zevensprong“ (auf Deutsch „Das Geheimnis des siebten Weges“) von Tonke Dragt und der gleichnamigen Fernsehserie. Die älteren Semester unter uns erinnern sich vielleicht. Seit ein paar Wochen beherbergt das Schloss ein Museum mit Werken des Künstlers Carel Willink (1900 – 1983), einem Vertreter des magischen Realismus. Dies werde ich mir auf der nächsten Etappe näher anschauen.

schlossruurlo

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The Borders 2004 – Teil 5

Zurück nach Newcastle mit wenig „Coast,“ aber ein paar „Castles“

 Mit dem schönen Wetter der letzten Tage schien es wohl vorbei zu sein. Als wir am Morgen aufbrachen, war es zwar trocken, aber bewölkt. Wir hatten zwar beschlossen, nicht auf der „Coast & Castles Route“ weiter zu fahren, aber um vom Campingplatz weg zu kommen, mussten wir doch noch über Feldwege nach Beal. Unterwegs mussten wir eine „Private Railway Crossing“ überqueren. Dabei handelte es sich um einen Bahnübergang, der grundsätzlich geschlossen ist.   Auf einem Schild wird genau erklärt, dass man erst beide Gatter öffnen muss, dann schnell mit Sack und Pack über die Gleise, wobei man ständig in beiden Richtungen nach Zügen Ausschau halten muss. Danach müssen beide Gatter wieder geschlossen werden. Das Offenlassen derselben ist ein teurer Spaß, ein paar hundert Pfund Strafe sind schon drin, wenn man erwischt wird.

Bei Beal machten wir einen kurzen Abstecher zum Damm nach Lindisfarne, den man zwar nicht mehr überqueren konnte, aber so hätten wir die Insel wenigstens aus der Ferne gesehen – dachten wir. Da aber inzwischen ein sanfter Nieselregen oder „Drizzle“, wie die Briten das nennen, eingesetzt hatte, konnten wir sie bestenfalls noch erahnen.

coast

Während wir über gemütliche Landstraßen nach Alnwick fuhren, wurde der Regen immer stärker. Gut, dass die Etappe nicht so lang war und dass wir von der Küstenroute abgewichen waren. Bei gutem Wetter wäre der Blick über die Hügel sicher wunderbar gewesen, aber auch so bekam man einen Eindruck von der Schönheit dieser Gegend. Auch wurde meine Stimmung durch die Ortsnamen, die wir unterwegs entdeckten, etwas aufgehellt: Chillingham, Harehope, West Ditchburn und andere. Bill Bryson mit seiner Begeisterung für britische Ortsnamen hätte seine helle Freude an dieser Gegend gehabt.

In Eglingham machten wir in einem Pub Mittagspause. Dort versuchte ich, meine Schuhe und Socken unter dem Händetrockner ansatzweise trocken zu blasen. Wie Peter trockene Socken anziehen wollte ich nicht, da die wohl sowieso gleich wieder nass geworden wären, und dann bleiben auf die Dauer nicht mehr viele übrig.

In Alnwick fuhren wir am Schloss vorbei in das nette, aber sehr volle  Stadtzentrum, und Peter erkundigte sich  bei der Tourist Information nach dem Campingplatz. Ein weiser Entschluss, denn einfach so hätten wir ihn nie gefunden, da er sich auf dem hinteren Feld des Rugbyclubs befindet. Als wir dort ankamen, standen eine Menge Wohnwagen, Busse und Lastwagen auf dem Parkplatz und das Clubhaus war verwaist. Was nun? Nachdem wir zweimal das Gebäude umrundet hatten, kam ein junger Mann aus einem der Wohnwagen und erklärte uns, dass wir bis ans Ende der Wiese gehen sollten und dort unser Zelt aufstellen konnten. Anmelden sollten wir uns später in der Bar. Die ganzen Fahrzeuge auf dem Parkplatz waren von einer Fernsehcrew, die hier „some television drama“ filmten.

Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und wir machten uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Nicht weit vom Rugbyclub entfernt ist der alte Bahnhof, in dem sich jetzt „Barter Books“ befindet, einer der größten Second-Hand-Buchläden Großbritanniens, in dem auch Modelleisenbahnfans auf ihre Kosten kommen, da im vorderen Teil eine solche über den Regalen ihre Runden dreht. Die Autoren, nach denen ich suchte (unter anderem Bill Bryson, Tony Hawks und natürlich Phil Rickman) waren leider entweder gar nicht oder nur mit Büchern, die ich schon habe, vertreten, aber ich hätte trotzdem stundenlang wühlen können.

Nachdem ich doch noch fündig geworden war, gingen wir zum Schloss, um dort festzustellen, dass wir zu spät dran waren. Angesichts der £ 9,50 Eintritt waren wir darüber aber nicht besonders unglücklich, obwohl dort Teile von „Harry Potter“ und „Robin Hood, Prince of Thieves“ gefilmt worden waren. Immerhin konnten wir von außen doch noch ein paar Blicke auf das Gebäude erhaschen.

alnwickcastle alnwickcastle2

Den inzwischen sonnigen Rest des Tages verbrachten wir auf dem Campingplatz, wo meine Schuhe und Socken friedlich vor sich hin trockneten,  und in der Bar des Rugbyclubs, wo wir leider nicht fürs Fernsehen entdeckt wurden.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, und wir machten uns auf den Weg nach Ashington, dem letzten Campingplatz vor Newcastle. Unterwegs kamen wir an „Mowick’s Ice Cream Parlour“ vorbei. Diese Eisdiele, die zu einem Bauernhof gehört und, wie eine Plakette stolz verkündete, mit EU-Subventionen errichtet worden war, befindet sich praktisch „in the middle of nowhere“. Trotzdem ging es schon eine Viertelstunde nachdem sie geöffnet hatten, zu wie am Stachus. Das liebevoll zubereitete Eis ist aber auch ausgezeichnet.

Dann kamen wir mal wieder an einem Schloss vorbei, nämlich Warkworth Castle, das eindrucksvoll auf einem Hügel thront.

castle

In Acklington suchten wir ein Schild nach Chevington, aber das einzige, das in südliche Richtung wies, trug die Aufschrift  „HM (Her Majesty’s) Prison“. Dies klang nach einer Einbahnstraße, und so machten wir unfreiwillig einen Umweg, an dessen Ende wir bei eben diesem Gefängnis landeten und feststellten, dass der Weg doch der richtige gewesen wäre.

In Ashington wurden wir gleich um die Stadt herum zum Campingplatz dirigiert, der gesteckt voll war, da viele Familien das lange Wochenende ausgenützt hatten. Entsprechend ging es dort rund. Eine Familie hatte ein „Mini Quad“ oder wie das heißt, mitgebracht, so eine Art motorisierter Rasenmäher, aber zum Glück ohne Schneidwerk, mit dem die Kids fröhlich ihre Runden drehten.  Das konnte ja heiter werden.

So schlimm, wie wir befürchtet hatten, wurde es jedoch nicht. Überhaupt waren bisher alle Campingplätze sehr schön und aufgrund der Jahreszeit noch nicht allzu voll gewesen, und bei den meisten Besuchern hatte es sich um ältere englische Paare gehandelt. Eines davon hatte sich als „birdwatchers“ vorgestellt. Peter meinte dazu: „Die sagen das, als ob es sich  um eine Gruppe Auserwählter handelt. Und warum eigentlich ‚birds‘? Niemand sagt doch ‚We are hedgehog watchers‘, oder?“

Als wir ins Stadtzentrum fuhren, mussten wir erst durch einen dieser endlosen Vororte mit unzähligen „Drives“, „Courts“ und „Closes“, deren Häuser alle irgendwie gleich aussahen. Am Anfang der Fußgängerzone stand auf einer Plakette: „Ashington – the biggest former mining village in the world“. Aha. Bill Bryson schreibt in seinen „Notes from a Small Island“ über die Stadt: „Ashington was nothing like I expected it to be. In the photographs from David’s book it appeared to be a straggly, overgrown village, surrounded by filthy waste heaps and layered with smoke from three local pits, a place of muddy lanes hunched under a perpetual wash of sooty drizzle, but what I found instead was a modern, busy community swimming in clean, clear air.“ Unter der Woche mag das stimmen, aber an einem regnerischen Sonntagnachmittag ist wohl jede englische Kleinstadt deprimierend.  Wir suchten Schutz auf einer überdachten Bank, und als der Regen nachließ, sahen wir uns kurz im Zentrum um, in dem wir allerdings nichts interessantes entdeckten. Dann mussten wir unseren Weg durch die endlose Vorstadt zum Campingplatz zurück finden. Ich hätte das wohl im Leben nicht hingekriegt, aber Peter schaffte es! Wozu so ein Geographiestudium doch gut ist.

Die letzten 20 Kilometer nach Newcastle waren kein Problem, der Verkehr hielt sich aufgrund des Feiertags in Grenzen und mit der Beschilderung funktionierte auch alles bestens, bis auf das letzte Stück natürlich. So landeten wir erst zu weit östlich und sahen bereits die Tynemouth Priory vor uns, aber dann fanden wir den Fährhafen doch. Da wir noch Zeit hatten, erkundeten wir die Royal Quay Shopping Mall, wo ich diesmal keinen Pullover, sondern ein Paar Schuhe kaufte.

Dann setzten wir uns am Hafen in die Sonne und beobachteten die Leute, die nach und nach eintrudelten. Besonders auffällig war ein Paar aus Oldenburg, das einen MG Cabrio fuhr. Die beiden waren anscheinend zum Erwerb eines weiteren Fahrzeugs in Großbritannien gewesen, denn ein Lkw brachte einen weiteren, sehr eleganten MG zum Terminal, wo die beiden ihn in Empfang nahmen.

Nach einer Weile konnten wir einchecken, und die Fahrzeugschlange bewegte sich langsam Richtung Schiff. Doch plötzlich blieb der neue MG stehen und verweigerte jeden weiteren Dienst. Ein paar Motorradfahrer aus dem Achterhoek probierten es mit Anschieben, aber ohne Erfolg. Der Fahrer stieg aus, während seine Freundin mit ihrem Wagen am Rand wartete, ging zu einem anderen Auto weiter hinten in der Schlange und kam dann mit einem Benzinkanister wieder zurück. Da kauft man ein Auto für was weiß ich wieviel tausend Euro, und dann ist das Teil noch nicht mal vollgetankt. Unter Applaus der anderen Wartenden rollten die beiden dann auf das Schiff.

Der erste Teil der Rückfahrt verlief ähnlich wie die Hinfahrt: Abendessen, Showprogramm und dergleichen. Auf die Tabletten verzichteten wir diesmal und tranken stattdessen ein paar Bierchen, was auch bestens funktionierte. Dann gingen wir schlafen.

Nachts gegen drei Uhr wurden wir von einem fürchterlichen Lärm geweckt: Ein wahrlich nicht mehr nüchterner Engländer versuchte, zuerst erfolglos, seine Kabinentür aufzubekommen. Als er es endlich geschafft hatte, wollte ich mich umdrehen und weiter schlafen, da ertönte plötzlich laute Musik. Das ging mir doch etwas weit, und so tappte ich in den Gang, um den Urheber des Lärms darauf aufmerksam zu machen, dass man das vier Kabinen weiter noch hören konnte. Er war ziemlich leicht zu finden, da seine Tür noch sperrangelweit offen war. Kein Wunder, wie Peter später meinte, schließlich hatte er sich so viel Mühe gegeben, sie auf zu bekommen. Auf meine Bitte, seinen Discman, den er an einen Laptop angeschlossen hatte, etwas leiser zu drehen, glotzte er mich ziemlich indigniert an und fragte, wieso zum Teufel, ob ich denn etwa schlafen wolle. Ist das so ein abwegiges Anliegen, nachts um drei? Einer der Sicherheitskräfte, der dazu kam, brachte ihn dann dazu, die Musik leise zu drehen, und wir konnten weiter schlafen.

Am nächsten Morgen ging es uns auch ohne Tabletten bestens. Pünktlich kamen wir in IJmuiden an und radelten, über gepflegte Radwege auf der rechten Seite, nach Driehuis, wo wir den Zug gerade noch erwischten. In Amsterdam entdeckten wir diesmal die Rolltreppe, was die Operation doch etwas vereinfachte und erreichten problemlos den Intercity nach Enschede.

Und dann waren wir, nach zwölf erlebnisreichen Tagen, wieder zu Hause. Wir kamen zu dem Schluss, dass die Monate Mai und Juni eine gute Zeit sind, um Großbritannien zu besuchen, da die Chancen auf schönes Wetter schon recht gut sind. Außerdem sind dann  noch nicht so viele Leute unterwegs, und auf den Campingplätzen trifft man vor allem Briten.

Der nächste Britannien-Urlaub kommt bestimmt, denn dort gibt es noch so viel zu entdecken und, im wahrsten Sinne des Wortes, zu erfahren.

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Strand6Daagse (Teil 6)

Fünfter Tag: Egmond aan Zee – Callantaoog (27 km)

 Für den heutigen Tag hatte der Wetterbericht Regen angekündigt, also mussten wir besonders darauf achten, dass unser Gepäck wasserdicht verpackt war. Wenn man nämlich Pech hat, liegt es eine ganze Weile im strömenden Regen spazieren. Die Regenkleidung hatten wir sowieso im Marschgepäck, da mussten wir nicht viel ändern.

wetterbericht

Auf dem Weg zum Strand gingen wir noch einmal bei Peters Bruder vorbei, um sein inzwischen wieder aufgeladenes Handy abzuholen. Der gestern noch so volle Strand war kaum wieder zu erkennen: Das Wasser hatte sich zurückgezogen und die Badegäste lagen noch gemütlich in den Federn.

Bis Bergen aan Zee ging das Laufen noch gut, doch dann meldete sich mein rechter Unterschenkel wieder lautstark zu Wort, bei jedem Schritt zog es schmerzhaft im Schienbein. Da der Strand zur See hin abfällt, und da wir nach Norden gingen, liefen wir mit dem rechten Bein immer ein bisschen höher als mit dem linken, und dies nahm mir mein rechtes Bein inzwischen übel. Von anderen Wanderern hörten übrigens von ähnlichen Problemen oder auch von schmerzenden Knien und Hüften. Der Wetterbericht schien übrigens Recht zu behalten, denn der Himmel war nicht mehr blau und mit netten Wattewölkchen garniert, sondern grau und verhangen. Auch die Nordsee sah nicht mehr so freundlich und einladen aus wie an den letzten Tagen.

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Bei Schoorl kam uns ein Herr in einem T-shirt der Vierdaagse von Nijmegen entgegen. Auf einem Tablett hatte er Lakritze, Bonbons und Salzstangen, die er uns anbot, wobei er jedem von uns noch viel Erfolg wünschte. Bei solchen netten Gesten verbeißt man sich den Schmerz und schafft wieder ein Stück.

Dann erreichten wir die Hondsbossche Zeewering bei Petten, einen der dicksten Seedeiche von Westeuropa. Hier hatte im Mittelalter eine Sturmflut ein Stück der Dünen herausgerissen, das später durch einen Deich ersetzt wurde. Inzwischen gilt dieser Deich als nicht mehr sicher genug und wird im Moment mit Sandvorspülungen verstärkt.

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Bevor wir um die Bauarbeiten herumgingen, stärkten wir uns in einem Strandcafé mit Kaffee und Apfelkuchen. Dann ging es weiter auf dem Deich.

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Ich hatte gehofft, dass es meinem Bein besser gehen würde, wenn wir nicht mehr auf Sand laufen, aber leider war das nicht der Fall. Eine andere Wanderin gab mir den Rat, es mit einem Aspirin zu versuchen. Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen, für mich gehören Aspirin und Paracetamol zu Kopfschmerzen. Aber klar, Schmerzen sind Schmerzen, vielleicht half es ja. Und tatsächlich ging es nach einer Weile besser.

Als wir Petten erreichten, beschlossen wir, nicht auf den Strand zurück zu gehen, da sich die Sandvorspülungen nicht besonders gut auf die Trittfestigkeit des Sandes auswirken. Von einem Kurzurlaub im Frühjahr kannten wir die Gegend ein bisschen und wussten, dass man nach einem Stück durch die Dünen auf die Hauptstraße nach Callantsoog mit einem freiliegenden Rad- und Fußweg kommt. Ein anderes Paar folgte unserem Beispiel, da sie ebenfalls keinen Sand mehr sehen konnten.

wegweiser

Bei einem Supermarkt besorgten wir uns ein paar Muffins, die wir sofort auf der Bank davor vertilgten. Dann begann es zu regnen, also Regenzeug an und weiter. Ein paar Kilometer vor Callantsoog überholte uns eine Autofahrerin, ließ das Fenster hinunter und rief uns zu, dass wir durchhalten sollten, denn es sei nicht mehr weit. Klar, die meisten Einheimischen kennen die Stand6Daagse und wissen, wo wir hinmüssen. Je nach Wohnort kriegen sie sicher ein unterschiedliches Bild von der Wanderung: Sind die Wanderer bei Wassenaar und Noordwijk noch gut aufgelegt und schwungvoll unterwegs, so werden sie, je weiter sie nach Norden kommen, erschöpfter und leiden stumm vor sich hin.

Irgendwann erreichten wir das Zentrum von Callantsoog, wo wir auf weitere nasse Wanderer stießen. Gemeinsam machten wir uns auf die Suche nach dem Sportplatz, wobei wir aufpassen mussten, dass der Regen nicht unsere Wegbeschreibung unleserlich machte. Bald hatten wir den Platz erreicht und mussten nur noch unser Gepäck finden. Mein Rucksack war tatsächlich nicht mehr trocken, gut, dass ich den Inhalt in Plastiktüten verpackt hatte.

Zwischendurch ließ der Regen nach, so dass wir wenigstens vernünftig aufbauen konnten. Nach einer warmen Dusche ging es mir auch wieder besser, und ich beschloss, noch einen Termin bei Ernesto zu machen. Der war allerdings heute nicht da, und seine beiden Kollegen waren fast ausgebucht. Da aber zwei Leute abgesagt hatten, hatte Wim gegen acht Uhr abends für mich noch eine Lücke.

Dann kam unser letztes Abendessen. Da es Freitag war, gab es zum Abendessen Fisch mit Remouladensauce, aber nicht mit gedünstetem Kohlrabi, sondern mit Karotten und Kartoffeln. Zur Feier des Tages bekam auch jeder ein Glas Weißwein. Wie am ersten Abend wurde die Mahlzeit im Zelt verspeist, und meine Wanderschuhe waren gut als Halter für die Weingläser zu gebrauchen.

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Nach dem Essen hatte ich meinen Massagetermin. Während Wim mir die Beine durchknetete, erzählte er, dass eine Menge Leute ziemlich erledigt waren. Sie hatten zwar das Wandern trainiert, aber was sie laut Wim nicht trainiert hatten, war das Aufbauen des Zeltes, das Schlafen im Zelt und die langen Partys im Sportlerheim. Nun, daran konnte es bei uns nicht liegen: In unserem gesetzten Alter lässt man die Partys doch eher aus, im Zelt schlafen sind wir gewöhnt und wenn wir etwas können, dann ist es des Zeltaufbauen. Da sich mein Unterschenkel warm anfühlte, bekam ich noch eine kühlende Salbe darauf, doch Wim meinte, dass ich den letzten Tag noch schaffen würde. Und das hatte ich auch vor, und wenn ich mich bis zur Halskrause mit Aspirin dopen musste!

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Ostengland 2013 – Teil 10

Die North York Moors

 In der Nacht hatte der Regen gemütlich auf das Zelt getrommelt, das bis jetzt zum Glück gut dicht hielt. Am Morgen regnete es leider immer noch, so dass wir im Vorzelt frühstückten – ohne Kaffee, da sich das Anzünden des Gaskochers im Zeltinneren nicht empfiehlt. Danach war immer noch keine Struktur in der Wolkendecke zu sehen, also hieß es nass abbauen und einpacken. Richard war weit und breit nirgends zu sehen. Treulose Tomate.

Wir brachen auf und glitschten vorsichtig den steilen Hügel vom Campingplatz zur Hauptstraße hinunter und fuhren zum Bahnhof. Da es bis zur Abfahrt der „North Yorkshire Moors Railway“ noch eine Weile dauerte, deckten wir uns im Supermarkt schon mal mit Verpflegung ein. Dann unterhielten wir uns mit einem Radfahrer aus der Gegend, der mit dem Zug nach Middlesborough und dann nach Norden radeln wollte. Als ich ihm erzählte, wo wir bisher gewesen waren, meinte er: „You‘ve done the easiest part then.“ Sooo deutlich hätte man das jetzt auch nicht formulieren müssen, auch wenn es stimmte. Dann bemerkte er, dass die Leute „vom Kontinent“ meistens mit Ortlieb-Packtaschen unterwegs seien. Richtig, sie sind zwar nicht billig, aber meine Hintertaschen habe ich schon zwölf Jahre, und sie sind immer noch tiptop in Ordnung: Sie sind noch absolut wasserdicht, und auch die Aufhängung ist noch so, wie sie sein soll.

Dann fuhr der Zug ein und die Dampflokomotive („Green Knight“, Baujahr 1956) wurde umgehängt.

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Ein Zugbegleiter in stilvoller Uniform half uns, die Räder ins Innere zu bugsieren, und wir suchten uns einen Fensterplatz in der Nähe unserer Leezen. Dann tuckerte die Bahn am Fluss Esk entlang aus Whitby heraus. Wir warfen noch einen letzten Blick auf die Abbey.

Als wir mit der Planung unseres ersten gemeinsamen Englandurlaubs beschäftigt waren, stieß ich in einem Reiseführer auf eine Beschreibung dieser Eisenbahnstrecke und erklärte zur Erheiterung der Verwandtschaft: „Dann weiß ich schon, wer Bahn fährt.“ Damals waren wir die Strecke in Gegenrichtung, von Pickering nach Whitby, gefahren und ich hatte einer alten Dame im Fahrrad- und Gepäckwagen Gesellschaft geleistet, das ihr Rollstuhl nicht durch die Abteiltür passte. Wir hatten uns sehr angenehm unterhalten.

Diesmal hatte ich einen schönen Sitzplatz am Fenster und genoss die Aussicht auf die dramatischen Hügel, während der Regen gegen die Scheiben schlug. Es war eine gute Entscheidung, mit der Bahn zu fahren.

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Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir Goathland, einen schnuckligen Bahnhof, wo die Abfahrtszeiten noch mit Kreide an eine Tafel geschrieben werden. Später las ich, dass es sich um den Bahnhof von Hogsmeade in den Harry-Potter-Filmen handelt. Schön, nicht?

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Wir fotografierten noch ein paar der steilen Hügel und waren froh, dass wir da nicht drüber mussten.

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Dann erreichten wir die Endstation Pickering. Einer der Schaffner brachte eilfertig eine Rampe, über die wir die Räder problemlos nach draußen befördern konnten. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, aber es war immer noch bewölkt und ungemütlich. Also beschlossen wir, heute nicht mehr allzuweit zu radeln. Zwischendurch kam auch die Sonne wieder vorsichtig hervor.

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In Great Barugh, das nur aus ein paar Gehöften besteht (der Nachbarort Little Barugh ist sogar noch kleiner), fanden wir den netten Campingplatz „Willow Garth“, den Weidengarten. Zum Einchecken mussten wir erst einmal um das Haus in den Garten, wo sich die Familie versammelt hatte, um die vier Sonnenstrahlen des heutigen Tages zu genießen. An der Rezeption konnte man auch Milch, Brot und die Zeitung bestellen, und sie hatten auch Spülmittel, Shampoo, Bratfett und dergleichen in handliche Minifläschchen abgefüllt, die für 50 p verkauft wurden.

Wir suchten uns ein nettes Plätzchen und bauten das nasse Zelt auf. Dann wollte ich duschen, was aber leichter gesagt als getan war. Man brauchte 20 p für drei Minuten Duschen, doch nachdem ich die Münze in den für den Münzeinwurf bestimmten Münzeinwurf geworfen hatte, leuchtete nur der rote Schriftzug „Reset“. Also musste ich mein Zeugs wieder zusammensuchen, mich in mein Handtuch wickeln und in die Nebenkabine umziehen, wo es dann zum Glück funktionierte.

Dann nahm ich diverse Broschüren und Umgebungskarten aus dem Kästchen im Vorraum und ging zurück zum Zelt. Inzwischen schien tatsächlich die Sonne, so dass der Tag doch mehr als vier Sonnenstrahlen aufweisen konnte. Wir studierten das Informationsmaterial und beschlossen, nicht gleich am nächsten Tag nach York weiter zu fahren, sondern das Freilichtmuseum in Hutton-le-Hole zu besuchen und diverse Aussichtspunkte zu erradeln.

Im Lauf des Nachmittags trudelten einige Familien ein – es war wieder Freitag. Wir machten ein Schläfchen, lasen weiter in unseren Kathedralbüchern und brutzelten irgendwann ein Abendessen. Dann verkrochen wir uns in unsere Schlafsäcke und wurden vom Blöken der Schafe in den Schlaf gewiegt. Es lebe das Landleben!

Nachts regnete es wieder, und morgens war es bewölkt, als wir nach Hutton-le-Hole aufbrachen. Erst war es noch schön sanftwellig und irgendwann passierten wir das Schild „North York Moors National Park“. Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn jetzt ging es kräftig bergauf. Wie es sich für einen Samstag gehört, waren auch die Rennradler wieder in Rudeln unterwegs. Wie so oft fiel es uns auf, das manche uns freundlich grüßten, andere aber schienen es für unter ihrer Würde zu halten, sich mit Tourenradlern zu befassen und glotzten stur geradeaus.

Hutton-le-Hole ist ein typisches idyllisches Yorkshire-Dorf mit einer kurzen Dorfstraße mit ein paar Läden, einigen Wohnhäusern und dem Ryedale Folk Museum, wo gerade das „Wonders of Wood Weekend“ stattfand.

Nachdem wir unseren Eintritt bezahlt hatten, wurden wir erst in die Kunstgalerie dirigiert, wo man verschiedene Landschaftsgemälde bewundern konnte. Dann ging es nach draußen durch eine Dorfstraße des frühen 20. Jahrhunderts: Schmied, Bäcker, Dorfladen, Drogerie und natürlich Bauernhöfe mit Haupt- und Nebengebäuden sind dort liebevoll aufgebaut und gestaltet.

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In einigen dieser Gebäude zeigten an diesem Wochenende alle möglichen Handwerker, was man alles aus Holz machen kann. Fasziniert schauten wir einem Drechsler bei der Arbeit zu, ließen uns erklären, wie man einen Bogen herstellt und beobachteten eine Dame beim Stuhlflechten. Ich finde (Kunst-)Handwerk faszinierend und könnte stundenlang zuschauen. Das Stuhlflechten würde ich auch gerne mal selbst ausprobieren.

Außerdem hat das Museum ein rekonstruiertes Rundhaus aus der Eisenzeit, das einen guten Eindruck des Lebens damals vermittelt. Alles spielte sich in einem einzigen Raum ab. Bei diesem Rundhaus gibt es auch ein Labyrinth, das der Gatte natürlich sofort durchwandern musste.

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Doch nicht nur die Vergangenheit spielt im Ryedale Folk Museum eine wichtige Rolle, sondern auch Landwirtschaft und Naturschutz in der Gegenwart. Wir lernten die beiden Minischweinderl Ethel und Maud kennen und sahen verschiedene Arten von Hühnern.

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Auch einen Obstgarten gibt es hier, wo anhand von Fotos der Fruchtzyklus des Apfelbaums erklärt wird, und man wird darauf hingewiesen, wie wichtig die traditionellen Obstgärten für unsere Umwelt sind. Auch gibt es dort eine Wiese mit alten Acker- und Wiesenblumen, die man leider nicht mehr so oft sieht: Kornblumen, Klatschmohn, Schafgarben, Margeriten, Springkraut und viele mehr.

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Doch nicht nur draußen gibt es einiges zu sehen. In einem der alten Gebäude befindet sich die Harrison Collection der Brüder Edward und Richard Harrison, die alles Mögliche aus fünf Jahrhunderten gesammelt hatten: Uhren, Puppen, Bücher, Spielzeug aller Art – es gibt eigentlich kaum etwas, was sie nicht sammelten.

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Mein persönlicher Höhepunkt war allerdings „The Model Village“. In den 50er Jahren begann ein gewisser John Hayton aus Harrogate, dieses Miniaturdorf zu bauen, und es beschäftigte ihn die nächsten 30 Jahre. Nach seinem Tod wurde das Dorf in den Harlow Carr Gardens in Harrogate ausgestellt, bis es im Jahr 2008 nicht mehr ins Konzept passte. Das Ryedal Folk Museum zeigte sich interessiert, doch leider überstanden die zahlreichen Gebäude den Transport nicht besonders gut und mussten erst aufwändig von einigen freiwilligen Helfern restauriert werden, bevor sie ein Jahr später wieder in voller Glorie ausgestellt werden konnten. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an den liebevoll und detailliert gestalteten Gebäuden: Kirche, Schloss, Pub, eine Windmühle und vieles mehr.

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Am Ende unseres Besuchs entdeckte ich noch ein Schmankerl für Alex und ihr Blog „Buurtaal“. Ort hat sie vor einiger Zeit einen Post über die verschiedenen Namen für das stille Örtchen verfasst. Hier gibt es die Nachbildung eines viktorianischen Außenklos. Wasserspülung gab es zu dieser Zeit natürlich noch nicht, und damit es in den Sommermonaten nicht gar so stinkt, pflanzte man einen Fliederstauch daneben, und so heißt das Häuschen passenderweise „Lilac Cottage“ (Fliederhäuschen).

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Es war ein rundum gelungener Besuch. Als wir das Museum verließen, kam mal wieder ein Regenschauer herunter, so dass wir uns unter einen großen Baum stellten und die Gänse auf der Dorfstraße beobachteten.

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Dann fuhren wir weiter, teilweise über Steigungen von 16%, zum Aussichtspunkt Gillmoor. Die Strampelei lohnte sich aber durchaus, die Aussicht ist toll! Dort befindet sich auch eine Bank, und in der Steinmauer daneben eine Tafel mit einem Gebet:

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„Thou who hast given me eyes to see
And love this sight so fair,
Give me a heart to find out thee
And read thee everywhere.“ (J. Keble)

Wer auch immer das Schild dort anbringen ließ, man kann ihm einfach nur Recht geben.

Wie die Aussicht hatten wir uns auch die Abfahrt ins Tal redlich verdient. Wir fuhren ins Dorf Normanby, nicht weit von unserem Campingplatz, wo wir auf den Hinweg ein nettes Pub für unser Abendessen entdeckt hatten. Dort wollte man mir erst nur ein halbes Pint andrehen, aber nach den vorangegangenen Anstrengungen bestand ich – gar nicht ladylike – auf einem ganzen Pint, was von den Leuten am Nebentisch mit einem „good for you“ kommentiert wurde. Geht doch. Nach einer einfachen, aber nahrhaften Mahlzeit fuhren wir zurück zum Campingplatz. Inzwischen hatte es wieder zu regnen angefangen. Einer der Dauercamper sah es philosophisch: „The weather is always like this, one minute sun, one minute rain, and we can’t do anything about it.“

Wir verkrochen uns ins Zelt und widmeten uns unserer Zeitungslektüre. Der Aufreger der Woche war diesmal ein Foto der Autorin und Fernsehköchin Nigella Lawson und ihrem Mann Charles Saatchi in einem Londoner Restaurant. Die beiden sind anscheinend in einen Streit verwickelt, und er würgt sie. Irgendwie stieß mir das Foto ziemlich auf, ich hätte es sympathischer, wenn auch weniger medienwirksam gefunden, wenn der Fotograf anstatt zu knipsen, dem sauberen Herrn erklärt hätte, dass man sich so einfach nicht benimmt. Das Ganze wurde noch eine Weile in der Presse breit getreten, und im Juli ließ Nigella sich scheiden.

Da die Wettervorhersage nicht sehr vielversprechend aussah, wollten am nächsten Morgen spätestens um 11 Uhr beschließen, ob wir noch bleiben oder weiterziehen würden.

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Ostengland 2013 – Teil 6

Lincolnshire – weites Land, Stadt und Kathedrale

In der Nacht kam der schon lange angekündigte Regen und trommelte gemütlich auf das Zeltdach. Ich kuschelte mich tiefer in meinen Schlafsack und schlief wunderbar. Unser Nachbar allerdings nicht, er erzählte uns am morgen, dass er Ohrenstöpsel gebraucht hatte. Wir unterhielten uns kurz über unsere weiteren Pläne – wir wollten nach Lincoln, er wollte nach Skegness, um die Küste zu erkunden –  dann gingen wir unserer Wege.

Wir fuhren erst wieder durch Boston, vorbei am „Stump“ und der Windmühle Maud Foster. Diese steht am Foster Canal, einem der größten Entwässerungskanäle der Gegend. Im Gegensatz zu den meisten anderen Windmühlen hat sie fünf Flügel und ist sieben Stockwerke hoch. Auch heute ist sie noch in Betrieb und produziert biologisches Mehl.

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Außerhalb der Stadt fegte der Wind ungebremst über die Ebene, und manchmal trafen uns ganz schön hinterhältige Böen von der Seite. Wir machten einen kleinen Umweg über die kleine Ortschaft New York, um das Ortsschild zu fotografieren.

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Unsere Mittagspause machten wir diesmal in Woodhall Spa. Dort hatte man im 19. Jahrhundert, als man eigentlich Steinkohle suchte, eine Mineralquelle entdeckt, deren Wasser sehr reich an Jod und Brom ist. Einige kranke Kühe, die davon tranken, wurden wieder gesund, und Woodhall Spa wurde ein Kurort. Wir suchten uns ein Bänkchen gegenüber dem Denkmal für die gefallenen Soldaten des ersten Weltkriegs. Am Morgen hatten wir in der Zeitung gelesen, dass die Engländer ziemliche Schwierigkeiten mit dem bevorstehenden Jubiläum nächstes Jahr haben: Einige Politiker möchten vermeiden, dass es zum „German Bashing“ kommt, während ein Kolumnist meint, dass es keinen Grund gäbe, sich bei den Deutschen einzuschleimen („sucking up to the Germans“). Aber es muss doch noch eine Menge zwischen diesen Extremen geben, oder sehe ich das falsch? Nachdem wir eine Weile erfolglos darüber philosophiert hatten, fuhren wir weiter, vorbei an netten Kirchen, Ruinen und Spaziergängern.

ruine

spaziergänger

In der Nähe befand sich auch ein Übungsgelände der Royal Air Force, und die Flugzeuge gingen uns nach einer Weile gewaltig auf den Senkel. Jetzt kam auch zum ersten Mal auf dieser Reise das Regenzeug zum Einsatz. Irgendwie bewegten wir uns in einem Gebiet, in dem die Schön- und Schlechtwetterfront aufeinander trafen, so dass wir immer wieder einen kräftigen Duscher abbekamen und dann wieder durch fast sonnige Abschnitte radelten. In der Praxis bedeutet dies: Regenjacke an, Regenjacke aus, denn wenn es nicht mehr regnet, fängt man in seinem Regenzeug an, im eigenen Saft zu schmoren.

mitregenzeug

Und dann sahen wir, leider etwas verschwommen, in der Ferne die Kathedrale von Lincoln. Majestätisch thront sie auf einem Hügel mitten in der weiten, leeren Ebene. Bill Bryson beschreibt Stadt und Kathedrale in seinen „Notes from a Small Island“ wie folgt: „I like Lincoln, partly because it is pretty and well preserved but mostely because it seems so agreeably remote. H. V. Morton, in „In Search of England“, likened it to an inland St. Michael’s Mount standing above the great sea of Lincolnshire Plain, and that’s exactly right.“ (S. 194)

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Als wir den Vorort Langworth erreichten, war es gerade mal wieder sonnig. Wir machten uns auf die Suche nach einem Campingplatz und wurden schnell fündig – ein Schild dirigierte uns zu dem Platz “Lakeside”. Peter war sich nicht sicher, ob wir dort mit dem Zelt stehen durften, aber ich hatte ja alles recherchiert. Und siehe da, an dem verschlossenen Tor prangte das Zelt-Symbol. Jetzt mussten wir noch auf das Gelände kommen. Es gab eine Klingel, die wir betätigten, und aus der Sprechanlage quakte es: “What can I do for you?” Na was wohl? Peter antwortete höflich: “We would like to get in.” Langsam glitt das Tor zu Seite und wir rollten hinein zur Rezeption. Diesmal wollten wir zwei Nächte bleiben, um Lincoln zu besichtigen. Der Platzwart gab uns den Tipp, mit dem Bus zu fahren, und die Idee erschien uns gar nicht schlecht. Dann mussten wir uns nicht durch siebzehn Monsterkreisverkehre einen Weg in die Stadt suchen, und die Stahlrösser hatten auch mal einen Ruhetag. Wir bekamen noch ein paar Broschüren und einen Code für das Tor. Auch dieser Campingplatz ist, wie der Name schon andeutet, ein Angelcampingplatz, der wohl vor allem auf Wohnwagengäste eingestellt ist, da die Sanitäranlagen ziemlich klein sind. Da wir aber mal wieder die einzigen Zeltbewohner waren, war das kein Problem.

Gerade, als wir da Zelt aufgebaut und eingerichtet hatten, begann es zu gewittern, und der Himmel öffnete seine Schleusen. Warm und trocken saßen wir im Zelt und studierten das Informationsmaterial, das wir an der Rezeption erhalten hatten. Im Dorf gab es ein Pub und ein chinesisches Restaurant. Das Abendessen war also gesichert – dachten wir.

regen

Als der Regen nachgelassen hatte, machten wir uns zu Fuß auf den Weg ins Dorf. Bei der Bushaltestelle notierten wir die Abfahrtszeiten und gingen dann zum Pub, das nicht weit weg war. Man konnte dort tatsächlich essen, aber nur von Freitag bis Sonntag, und jetzt war Donnerstag. Wir hatten aber keine Lust, bis zum nächsten Tag zu warten, und machten uns auf die Suche nach dem Chinesen. Das war leichter gesagt als getan. In der einen Richtung war nichts zu finden, und in der anderen schien plötzlich das Dorf zu Ende zu sein. Und einen Supermarkt konnten wir auch nirgends entdecken. Wir gingen zurück zum Campingplatz, um die Leezen zu holen. Die zwei Angler, die wir fragten, wussten auch nur so ungefähr Bescheid. Wahrscheinlich fingen sie genug, so dass sie kein Restaurant brauchten.

Wir folgten den Erklärungen der Angler und landeten erst mal in der Pampa. Also wieder zurück und noch einmal die Hauptstraße entlang. Tatsächlich, wo wir das Ende des Dorfes vermutet hatten, war nur eine Lücke in der Bebauung, danach ging es noch ein ganzes Stück weiter. Irgendwie logisch, der Ort heißt ja auch Langworth. Der Chinese befindet sich direkt am Ortsausgang bei den Bahnschienen. Dort ist auch noch ein Campingplatz, und diesen hatte ich mir eigentlich im Internet ausgeguckt. Aber egal, wir standen gut.

Im Restaurant gab es ein gutes und reichhaltiges Büffet, war zur Folge hatte, dass wir mal wieder viel zu viel aßen, denn man muss ja alles probieren, und manche Sachen schmecken so gut, dass man sich noch eine zweite Portion genehmigen muss. Danach rollten wir langsam zurück zum Campingplatz und krochen in unsere Schlafsäcke.

Gegen vier Uhr nachts wurde ich kurz wach, da eine Krähe genau neben meinem Kopf einen Mordsradau machte. Zum Glück flog sie bald weg, und ich konnte weiter schlafen. Wir standen recht spät auf und trödelten erst noch eine Weile herum, bevor wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle machten.

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Doch erst waren wir zu früh und dann der Bus zu spät, so das wir eine ganze Weile dort spazieren standen. Aber zum Glück warteten außer uns noch ein junges Paar mit Kind und zwei ältere Damen. Dann gibt es zumindest noch Hoffnung, dass man nicht irgendetwas übersehen hat. Endlich kam der Doppeldeckerbus und oben war sogar noch etwas frei. Im oberen Stockwerk eines Doppeldeckers zu reisen ist schon abenteuerlich: Man fühlt das Schwanken des Busses in der Kurve deutlich mehr als unten und man hat ständig das Gefühl, dass das Gefährt sehr nah an allem vorbeischrammt. Außerdem kann man in den ersten Stock der Häuser an der Straße schauen. In der Stadtmitte stiegen wir aus und kamen alsbald an einem Stadtplan-Automaten vorbei. Wir investierten ein Pfund und erstanden einen Plan, in dem die Straßen und Häuser in dreidimensionaler Optik eingezeichnet waren.

Die Stadt Lincoln blickt auf eine lange, bewegte Geschichte zurück. Schon vor der Ankunft der Römer gab es an dieser Stelle eine Siedlung, über deren Bewohner jedoch nichts bekannt ist. Die Römer nannten ihre Siedlung “Lindum Colonia”, was nach und nach zu “Lindon” und später “Lincoln” wurde. Schon früh entwickelte sich die Stadt  aufgrund ihrer günstigen Lage an zwei Hauptstraßen und dem Fluss Witham zu einem regen Handelszentrum. Nach de Römern kamen die Angelsachsen und später die Dänen, deren Einfluss noch in den Straßennamen zu erkennen ist: Hungate, Michaelgate, Westgate etc. Dabei handelt es sich nicht um Tore, sondern um Straßen, denn die Endung “-gate” stammt vom skandinavischen “gata” (Weg, Straße). In York wird das Ganze noch verwirrender, aber ich möchte hier nicht vorgreifen. Später ließ William the Conqueror das Schloss errichten, um die Stadt zu kontrollieren, und im Jahr 1070 ließ Bischof Remigius den Grundstein zur Kathedrale legen. Im Jahr 1141 fand die Schlacht von Lincoln statt, in der König Stephen und Kaiserin Mathilda um den Thron Englands kämpften. Dieser Schlacht wird in Ken Follets Roman “Die Säulen der Erde” sehr eindringlich aus der Perspektive von Prior Philipp beschrieben, der eigentlich nur den Bau der Kathedrale von Kingsbridge fortsetzen möchte und bei seinem Versuch, König Stephen um Hilfe zu bitten, mitten in das Kampfgetümmel gerät.

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Wir wollten als erstes die berühmte Kathedrale besichtigen, die ganz oben auf den “Steep Hill” steht. Dieser Hügel trägt seinen Namen zurecht, er ist wirklich sehr steil! Mühsam schnäufelten wir nach oben, und die zahlreichen Geschäfte boten genug Ablenkung. Eines verkaufte Eis und Getränke und warb dafür mit dem Slogan: “Steep Hill? Thirst Aid available here!”

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Endlich erreichten wir die Kathedrale, deren Türme und Teile der Fassade gerade renoviert wurden.

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Am Eingang erhielten wir einen Prospekt, in dem der Rundgang durch das Gotteshaus wie eine Pilgerreise beschreiben wird, die am Eingang beginnt, dann am Taufbecken, den zwei großen Rosenfenstern und dem Altar sowie einigen anderen Stationen vorbei führt und schließlich am Schrein von St. Hugh, im 12. Jahrhundert Bischof von Lincoln und Namenspatron der Kathedrale, endet.

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Wie immer faszinierten mich besonders die bunten Fenster, die ich stundenlang anschauen könnte.

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In einem der Gänge stand eine Büste eines Steinmetzes, der auf dem Plakat darunter als „Mason Paul“ vorgestellt wurde. Seit 35 Jahren arbeitet er schon an der Kathedrale und leitet auch die derzeitigen Renovierungsarbeiten. Wenn diese fertig sind, soll die Büste in einem der Türme ihren Platz finden. Trotz aller technischer Fortschritte ist die Renovierung einer Kirche weitgehend ehrliches Handwerk, und ich finde es sehr sympathisch, dass Mason Paul einen Ehrenplatz erhalten soll.

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Zum Schluss gingen wir noch durch den Kreuzgang.

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Nach der Besichtigung bewunderten wir die Aussicht auf dem Hügel und gingen dann wieder in die Stadt hinunter. Da es Zeit zum Mittagessen war, gingen wir in einen asiatischen Imbiss, wo sie auch WLAN hatten, so dass wir in unsere Mails schauen konnten. Zum Glück gab es wenig Neues, wir hatten ja schließlich Urlaub. Danach streiften wir noch eine Weile durch die Stadt, wobei uns bestätigt wurde, was wir vor einigen Tagen in der Zeitung gelesen hatten: Wegen der Wirtschaftskrise waren die „Barber Shops“, also Herrenfriseure, wo man sich einen unkomplizierten Wald- und-Wiesenhaarschnitt verpassen lassen kann, wieder groß im Kommen. Schließlich gelangten wir zum Brayford Pool, dem Hafenviertel der Stadt. Früher war es ein Industriegebiet, doch nach einer eingreifenden Renovierung beherbergt es nun zahlreiche Cafés und Restaurants.

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Nachdem wir dort eine Weile auf einer Bank gesessen und Leute und Wasservögel beobachtet hatten, gingen wir zu Marks and Spencer, um für das Abendessen einzukaufen. Wir erreichten den Eingang gerade noch rechtzeitig, bevor ein gewaltiger Regenschauer losprasselte. Als wir unsere Einkäufe erledigt hatten, war es jedoch wieder trocken, und wir nahmen den Bus zurück zum Campingplatz. Natürlich saßen wir wieder oben, und so konnten wir gut beobachten, wie sich bei einer Straßenverengung ein Auto noch schnell vor den Bus drängeln wollte und dabei ein bisschen angedatscht wurde. Aber viel war wohl nicht passiert, denn sowohl Auto als auch Bus fuhren weiter.

Auf dem Campingplatz stellten wir erfreut fest, dass am Teich bei unserem Zelt eine neue, frisch gestrichene Bank stand, auf der wir gemütlich unser Abendessen einnahmen. Danach lasen wir noch Zeitung, doch irgendwann schwirrte etwas zu viel Getier herum, so dass wir uns ins Zelt verkrochen. Zum ersten Mal auf dieser Reise war es warm genug, um ohne Socken schlafen zu gehen.

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Wet Picture (10) – Schwanensee

Und wieder ist es Zeit für das „Wet Picture“ und die Geschichte dazu:

Früher befand sich auf dieser Wiese die Berufsschule für technische Berufe und dergleichen. Wenn man beim Einkaufen nicht an die Pausenzeiten dachte, musste man etwas mehr Zeit mitbringen, da dann an der Kasse lange Schülerreihen standen, die alle ihre zwei Semmeln und eine Cola bezahlen wollten.

Vor ungefähr drei Jahren wurde in der Nachbarstadt ein größeres, moderneres Schulhaus gebaut, und die Schüler zogen um. Das Gebäude hier stand eine Weile leer, die Wände wurden mit Graffiti verziert und mehr und mehr Fensterscheiben gingen zu Bruch. Dann wurde es abgerissen, die Schuttberge abgetragen und Rasen eingesät. Die Bäume blieben stehen.

Nach den heftigen Regenfällen der letzten Wochen lief das Wasser nicht mehr richtig ab, und es bildeten sich mehrere Riesenpfützen auf der Wiese. Und seit knapp drei Wochen wohnt hier ein Schwanenpärchen:

Anfangs habe ich mich nicht so recht getraut, diese wunderschönen Tiere aus der Nähe zu fotografieren, doch sie ließen sich durch meine Anwesenheit nicht stören:

Die meiste Zeit sind sie eifrig mit der Nahrungssuche beschäftigt:

Am Wochenende war die Wiese schon wieder etwas trockener, doch Fleur und Mink, wie wir sie inzwischen in Anlehnung an die angrenzenden Straßen getauft haben,  scheinen sich wohl zu fühlen, sie suchen noch immer ihre Pfützen:

Gestern abend berichtete mein Mann, dass schon wieder einige Kinder auf  der Wiese Fußball gespielt hatten: Sie hatten die trockene Hälfte, die Schwäne die nasse, und sie schienen einander nicht zu stören.

Ich bin neugierig, wie lange Fleur und Mink  noch hier bleiben. Im Moment schauen wir jeden Tag mindestens einmal vorbei, wie es ihnen geht.

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Wet Picture (5) – Grau!

Im Moment ist es bei uns vor allem eins: grau! Herr Blöhmeier im Loriot-Sketch „Eheberatung“ beschreibt es so: „Ein Grau, dass ein bisschen ins Grüne geht. Es könnte auch etwas ins Bläuliche gehen. Oder ins Bräunliche. Aber im Ganzen grau.“ Genau so ist es zur Zeit.

Und wenn sich dann noch Regen hinzu gesellt, ist die Aussicht aus meinem Arbeitszimmer so:

Vor allem, wenn ich mich dann noch auf die Socken machen muss, gefällt mir das gar nicht.

Aber es kommen auch wieder sonnigere und buntere Zeiten. Ich freu mich drauf!

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Wet Picture (1) – Regenguss in Remagen

Als ich mich  mal wieder gemütlich durch verschiedene Blogs spazierte, stieß ich auf folgendes Fotoprojekt von Barbara (für weitere Informationen bitte auf den Button klicken):

Bei diesem Projekt kann man jeden zweiten Mittwoch im Monat ein Foto posten, auf dem es nass zugeht und den Link dann in Barbaras Blog bei den Kommentaren einstellen. Beginn war der 14. September 2011, ich bin also mal wieder etwas spät  dran, aber egal, ich versuch’s mal.

Es war im August 2009, als wir mal wieder mit Rad und Zelt unterwegs waren, diesmal am Rhein und anderen Flüssen entlang nach Süddeutschland. Wir hatten uns bereits auf dem Campingplatz installiert und waren Essen gegangen, auf dieser netten Terrasse am Rheinufer. Die Pizza war lecker, der Abend angenehm warm. Als wir beim Bezahlen waren, fing es an zu tröpfeln, und Kellner und Gäste brachten sich selbst und das Essen in Sicherheit.  Auch wir schafften es gerade noch, unter ein Vordach zu flüchten, als der Himmel seine Schleusen öffnete. Bewaffnet mit einem Mega-Regenschirm sammelt der Kellner hier die letzten Utensilien ein. Die Fahrräder (zwischen den Tischen und dem Rheinufer) stehen leider im Regen.

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***) Tentwissel, onweer, zeehonden en kunst

Dan was het tijd, om Egmond te verlaten, ook al hadden we niet echt zin en treuzelden bij het ontbijt. Maar om tien uur vertrokken we dan toch met lichte motregen. Deze werd in de loop van de ochtend steeds sterker, maar gelukkig hadden we den wind mee. Bij Schoorl was de weg afgesloten, zodat we een behoorlijk stuk buitenom moesten. Maar gelukkig hadden we de wind mee.
Toen we Den Oever bereikt hadden, was de regen gestopt, en we deden droge kleren aan, om over de Afluitdijk te fietsen. Een paar jaar geleden hebben we dat bij regen gedaan, en daar is echt geen lol aan, je kunt nergens schuilen. Maar nu was het droog en voor de wind ging het nogal vlot.
In Witmarsum kwamen we bijna gelijktijdig met andere fietsers aan, zodat de buren in hun stacaravans ervan overtuigd waren, dat we bij elkaar hoorden. Natuurlijk wisselden we uitgebreid ervaringen uit.
Helaas waren ook de nieuwe tentstokken bijna stuk, zodat ik op maandag met de trein terug naar huis ging, om onze oude tent op te halen. De oude tent is weliswaar war zwaarder en de ruimteverdeling is minder goed, maar de stokken hebben al een paar stormen doorstaan! Peter repareerde inmiddels onze fietsen en deed een paar klusjes bij zijn moeder. Zij waste en streek ondertussen zijn broek, die onder de kettingvet zat.
Ons huis staat nog, en onze buren hebben nu een huis gevonden, waar ze ook hun bijen kunnen onderbrengen. Binnenkort zullen ze verhuizen. We zullen ze missen, maar we gunnen het hun van harte.
In de bus naar het station was een moeder met een meisje van ongeveer drie. Het kind wilde niet in de buggy blijven zitten en maakte een hoop lawaai. Ik moest natuurlijk aan de bekende condoom-reclame denken. De jonge buschauffeur was zo van zijn stuk gebracht, dat hij bijna een halte miste. Misschien wordt hij binnekort vader?
Bij het opzetten van de tent vonden wi in de binnentent nog een paar sokken van Peter, die er blijkbaar al bijna drie jaar liggen. Toch wel een nominatie, vind ik. De andere tent leiten we bij Peters ouders achter.
De volgende dag was het snikheet en eigenlijk te benauwd om te fietsen, dus hielden we het in Ternaard voor gezien. ’s Avonds kwam dan eindelijk het aangekondigde onweer, en dat was geen kleintje!  De tent bleef mooi overeind en droog.
Dan fiesten we naar Pieterburen, om de zeehondenopvang te bezoeken. Daar worden gewonde zeehonden of kleintjes die hun moeder kwijtgeraakt zijn, zgn. huilers, onderzocht, verzorgd en later weer vrijgelaten. Uit de resultaten van het onderzoek worden tevens weer conclusies over de algehele toestand van de waddenzee getrokken. Er wordt weleens gezegd, dat je de zeehonden eigenlijk niet moet opvangen, maar de natuur zijn gang moet laten gaan. Maar als je echt van natuur wilt spreken, zou je ook bebouwing, industrie, scheepvaart en visserij aan en in het wad moeten verbieden, want die brengen de zeehonden tenslotte in de problemen!
Terug op de camping bezocht ik noch de beeldentuin daarnaast. De eigenaar en kunstenaar gaf me een rondleiding. Zijn beelden en schiderijen zijn in een prachtige tuin geïntegreerd. Ik mocht ook foto’s nemen en ze in mijn blog zetten. Naast de schilderijen in zijn atelier hangt ook een kalender, waarin hij opschrijft, hoeveel slakken hij per dag vernietigt heeft – het leed van de tuinman.

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