Beiträge mit dem Schlagwort: Reisen

Eine andere Kindheit und Jugend

Vor einigen Jahren, als meine Neffen noch sehr klein waren, hatte meine Schwiegermutter ein paar Kinderbücher vom Dachboden geholt, in denen ich interessiert blätterte. Meine Schwägerin fragte: „Ach, liest du Pinkeltje mal wieder?“ Wieso „mal wieder“? Für mich waren diese Geschichten Neuland. Wieder einmal wurde mir klar, dass ich viele Erinnerungen, die für meine Altersgenossen hier in den Niederlanden Gemeingut sind, nicht teile. An ihrer Stelle stehen andere, die mich für immer mit meinen Freunden aus der alten Heimat verbinden.

Alexandra von buurtaal geht es ähnlich, und da wir ungefähr gleich alt sind und sie im selben Jahr nach Deutschland zog, in dem ich in den Niederlanden ansässig wurde, entstand die Idee,  zu diesem Thema ein Doppelprojekt( die Niederländer haben dafür das schöne Wort „tweeluik“) zu machen. Sie schreibt über ihre Kindheit und Jugend in den Niederlanden, also über das Stück, das mir hier fehlt, und ich schreibe über meine deutsche Kindheit und Jugend, von der Geburt bis zum Ende der Schulzeit mit 18 bzw. 19 Jahren. Da ich noch etwas verfrüht finde,  meine Memoiren zu schreiben, greife ich nur ein paar Aspekte heraus, von denen ich denke, dass sie für deutsche Kinder meiner Generation typisch waren.

Als ich noch klein war…

An meine Kleinkinderzeit erinnere ich mich vor allem bruchstückhaft und anhand von Erzählungen und Fotos. Mein Vater ging anscheinend gern mit mir im Kinderwagen spazieren, was für Männer in dieser Zeit eher untypisch war. Meine Mutter saß mit mir im Garten bei Oma und wir pflückten Blumen. Ich ging gern in die Badewanne, was auch heute noch so ist.

Umständehalber verbrachte ich auch viel Zeit bei meinen Großeltern. Opa las mir die Kinderbuchserie von Gertrud Keussen über die beiden Zwerge Puk und Pat, das arme Einöhrchen (ein Kaninchen, das ein Ohr verloren hatte) und den Raben vom Felsenberg vor. Später kamen auch die Wilhelm-Busch-Klassiker „Max und Moritz“ und (zu Omas Entsetzen) „Die fromme Helene“ hinzu. Außerdem lernte ich von ihm das Zählen, die Uhr, die ersten Buchstaben und – mit weniger Erfolg – das Schuhezubinden. Oma brachte mir das Backen bei, und ich durfte beim Marmeladeeinkochen helfen.

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Anscheinend zeichnete sich mein heutiger Beruf schon früh ab

Der Kindergarten in München war grauenhaft, der in Erding, wo wir später hinzogen, war okay. Dort lernte ich die Pumuckl-Hörspiele von Ellis Kaut kennen und lieben. Nach und  nach bekamen wir die ganze Schallplattensammlung zusammen, die sich jetzt bei meinem Bruder befindet. Schließlich soll meine kleine Nichte ja nicht ohne Pumuckl aufwachsen.

Schulzeit

In Deutschland wird man in der Regel mit sechs Jahren eingeschult. Der erste Schultag ist sehr wichtig, die Zeit des sorglosen Spielens ist vorbei und der Ernst des Lebens beginnt. Um diesen Schritt etwas zu versüßen, erhalten die Kinder eine Schultüte mit Süßigkeiten und anderen Kleinigkeiten, die man in der Schule halt so braucht – Malstifte, Bastelzeugs und dergleichen. An diesem Tag lernte ich auch Silvia kennen, die Jahre später meine beste Freundin wurde. Diese Freundschaft besteht übrigens immer noch! Die Grundschule war für mich ganz in Ordnung, mal abgesehen vom Sportunterricht, der mir schon damals ein Graus war, und der Schriftnote, die mir mit schöner Regelmäßigkeit das Zeugnis versaute.

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Der Ernst des Lebens fängt an

Nach der vierten Klasse – wir waren damals zehn – wechselten wir auf das Gymnasium, wo wir uns gemeinsam bis zum Abitur durchkämpften. Unser „Gymmi“ hatte zwei Zweige im Angebot, den naturwissenschaftlich-mathematischen und den neusprachlichen. Bei mir wurde es letzterer (wundert das jemanden?), was mir die Fremdsprachen Englisch, Latein und Französisch bescherte. In Englisch war ich gut, Latein ging so und ich hielt tapfer bis zum Latinum durch, und mit Französisch konnte ich mich nicht anfreunden. Im Nachhinein war es aber gut, beide Sprachen gehabt zu haben, da sie Voraussetzung für das Anglistik-Studium sind.

In der siebten und achten Klasse fuhr man bei uns im Winter eine Woche ins Skilager, wir waren ja schließlich nah genug an den Alpen. Bei mir funktionierte das Ganze eher nach dem Motto „Runter kommt man immer“, aber nett war es schon. In der Zehnten fuhren wir auf Klassenfahrt nach Berlin (näheres siehe unter „Geteiltes Deutschland“) und in der Elften ging es nach Rom. Das bedeutete natürlich eine Menge Kultur, viel Wein, wenig Schlaf und den absoluten Höhepunkt auf der Rückfahrt: Unser Klassenlehrer schaffte es irgendwie, die Notbremse zu ziehen, so dass wir  mitten in der Nacht mit einem gewaltigen Ruck in den Feldern vor Florenz zum Stehen kamen. Dank der Eloquenz einer anderen Lehrerin, die fließend Italienisch sprach, kam er um eine Geldstrafe herum.

forumromanum

Forum Romanum

Vor einiger Zeit hatten wir zum 25jährigen Jubiläum ein Treffen unseres Abi-Jahrgangs. Natürlich besuchten wir auch das Schulgebäude, das mir jetzt um einiges kleiner vorkam. Interessant war auch, dass sich beim gemeinsamen Abendessen wieder dieselben Gruppen bildeten wie zu Schulzeiten, auch wenn ich einige Leute schon viele Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Geteiltes Deutschland

Bevor ich zu Büchern, Musik und dergleichen komme, erst noch ein Exkurs in die politische Situation. Damals bestand Deutschland noch aus zwei Teilen, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Irgendwo in der Rhön und bei Travemünde hörte für uns Kinder  die Welt auf, und was hinter dem Grenzstreifen mit seinen Wachtürmen, dem „Eisernen Vorhang“ lag, wussten wir nicht genau. Ich habe zwar Verwandtschaft in Thüringen, aber der Kontakt lief vor allem über meine Großeltern und deren Geschwister, die damals gelegentlich zu Besuch kamen. Außerdem erinnere ich mich an die Weihnachtspakete, die wir damals „nach drüben“ schickten, mit Plätzchen, Stollen, Schokolade, Kaffee und anderen Dingen, die damals dort schwer zu bekommen waren. Man musste eine genaue Aufstellung des Inhalts beilegen, und Bücher oder Zeitschriften waren nicht erlaubt. Wir bekamen ebenfalls Pakete zurück, und obwohl die „Ost-Süßigkeiten“  nicht besonders lecker waren, wussten wir die Geste zu schätzen. Gelegentlich schrieben meine Großcousine und ich uns einen Brief, aber das schlief recht schnell ein, da wir beide zu einer gewissen Schreibfaulheit neigten.

Als ich sechzehn war, fuhren wir auf Klassenfahrt in das damals noch geteilte Berlin. Zu diesem Zweck mussten wir uns einen Reisepass zulegen und bekamen genaue Instruktionen, wie wir uns bei den Grenzkontrollen zu verhalten hatten, schließlich waren die ostdeutschen Zollbeamten nicht gerade für ihre höfliche und zuvorkommende Art bekannt. Wir absolvierten das übliche Programm: Stadtrundfahrt, Kurfürstendamm, diverse Museen und ein Tag in Ostberlin.  Im Vorfeld hatte man uns gründlich eingeimpft, was wir zu tun und zu lassen hatten, und nachdem wir am Bahnhof Friedrichstrasse die Grenze passiert hatten, waren wir entsprechend eingeschüchtert. Auch an die geballte Unfreundlichkeit, mit der man uns Wessis dort begegnete, erinnere ich mich noch. Und heute kann ich verstehen, dass unsere Klassenlehrerin damals wohl Blut geschwitzt haben muss und mit uns undiszipliniertem Haufen lieber woanders hingefahren wäre.

Umweltschutz und Friedensbewegung

Sicher hat mich auch das politische Klima der 80er Jahre geprägt. 1982 wurde Helmut Kohl Bundeskanzler, und er sollte den Platz erst sechzehn Jahre später, als ich schon in den Niederlanden wohnte, wieder räumen. Ich brauchte damals eine ganze Weile, um mich daran zu gewöhnen, dass der Bundeskanzler nicht mehr Kohl hieß.

Im selben Jahr (1982) kamen auch die Grünen zum ersten Mal in den deutschen Bundestag, und das Drei-Parteien-System aus CDU/CSU, SPD und FDP war durchbrochen. Themen wie das Waldsterben, die Endlichkeit der fossilen Rohstoffvorräte und der Verdacht, dass Kernenergie wohl doch keine richtig saubere und sichere Lösung ist (was durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 eindrucksvoll bestätigt wurde), erhielten einen Platz auf der politischen Agenda. Auch wir versuchten, mit unseren bescheidenen Mitteln die Erde zu retten: Wir schrieben auf Umweltschutzpapier, boykottierten Plastiktüten, kauften in Umweltläden ein und Autofahren konnten wir ja sowieso noch nicht. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir damals auf dem Gebiet von Umweltschutz weiter waren als heute.

Auch der kalte Krieg und das Wettrüsten waren ständig Thema, was ja auch kein Wunder ist, wenn die Grenze zwischen den beiden Großmächten das Land, in dem man lebt, in zwei Stücke gehackt hat. Das hat natürlich auch Einfluss auch Literatur, Kunst und Musik.

 Das „Bayern-Eins-Trauma“, die Neue Deutsche Welle und sonstiges Musikalisches

Was ich „ganz früher“ an Musik mitgekriegt habe, weiß ich eigentlich nicht mehr so genau, die Schlager der früher 70er gingen irgendwie an mir vorbei, was im Nachhinein vielleicht nicht das Schlechteste war. Aber an den Radiosender „Bayern Eins“, den mein Vater beim sonntäglichen Mittagessen immer hört, erinnere ich mich noch gut – bayerische Volksmusik vom Feinsten! Meine Freundinnen litten genauso darunter wie ich, vermutlich wurde da eine ganze Generation traumatisiert.

Irgendwann fand ich, wie damals wohl fast jeder, Abba toll und hatte einige Alben von ihnen. Anders als die meisten anderen fand ich damals schon Frida besser als Agneta, und vor einigen Jahren wurde mir mal wieder klar, wie schön eigentlich das Lied „When All Is Said And Done“ ist.

Auch die Neue Deutsche Welle (Anfang der 80er) schwappte an mir nicht spurlos vorüber – Trio mit ihrem eintönigen „Da Da Da“, Nena und die 99 Luftballons, Peter Schilling, der völlig losgelöst durch die Gegend schwebte und – nicht wirklich typisch NDW – die Spider Murphy Gang und die Münchner Freiheit. So ganz ohne Lokalpatriotismus geht es halt doch nicht. Und Falcos Lied „Jeanny“ stand ja damals beim Bayerischen Rundfunk auf dem Index, da es die Entführung eines Mädchens aus der Sicht des Täters erzählte. Es wurde im Radio nicht gespielt, stand aber sehr lange auf Platz Eins der Hitparade am Freitagabend. Kein Wunder, jeder wollte das Lied natürlich haben. Auch ich überspielte es mir von einer Freundin (so machte man das damals), zusammen mit der Frank-Zander-Parodie.

Da ja irgendwann bei mir  das Interesse für Friedensbewegung und Umweltschutz erwachte, entwickelten sich auch meine musikalischen Vorlieben in diese Richtung und ich entdeckte die Liedermacher (auf gut Niederländisch „Singer-Songwriter“) Reinhard Mey, Hannes Wader, Konstantin Wecker, Bettina Wegener und andere. In dieser Zeit lernte ich auch ein bisschen Gitarre spielen, aber an Reinhard Meys Zupfmuster (dem sogenannten Mey-Zupfing) bin ich grandios gescheitert. Mir ist heute noch ein Rätsel, wie man das hinkriegt, ohne sich die Finger komplett zu verknoten. Manchmal überlege ich, ob ich meine Gitarre mal wieder vom Speicher holen, entstauben und loslegen sollte, aber ich bezweifle, ob das in diesem Leben noch was wird.

Film und Fernsehen – natürlich auf Deutsch

Während man in den Niederlanden Filme und Fernsehserien (vom Kinderprogramm abgesehen) im Original mit Untertiteln ausstrahlt, wird in Deutschland fast alles nachsynchronisiert. Bei Kinderserien wie „Wickie und die starken Männer“ oder „Biene Maja“ fiel das natürlich nicht weiter auf, aber auch bei den ganzen anderen Serien wie „Bonanza“, „Unsere kleine Farm“ etc. fanden wir es nie merkwürdig, dass man in den tiefsten USA Deutsch spricht. Was denn sonst, wir kannten es ja nicht anders.

Auch in unserem Kleinstadtkino gab es keine Filme im fremdsprachigen Original, dafür musste man nach München fahren, was für ca. 15jährige noch eine ziemliche Expedition war. Aber was tut man nicht alles.

Irgendwann fiel mir natürlich auf, dass gelegentlich ein Sprecher verschiedene Schauspieler synchronisiert, oder dass der Sprecher eines Schauspielers aus irgendwelche Gründen ausgetauscht wird. Und es fing an zu nerven, dass die Dialoge nicht lippensynchron sind.

Als ich mir später alles Mögliche im Original zu Gemüte führte, wunderte ich mich öfter, wie anders die echten Stimmen der Schauspieler oft klingen. Die deutsche Stimme von „Alf“ finde ich immer noch sympathischer als das Original.

 Leseratte

Ich hatte mir ja schon immer gern vorlesen lassen, und sobald ich lesen konnte, waren Bücher mein Ein und Alles. Unzählige Nachmittage verbrachte ich auf dem Wohnzimmersofa oder auf dem Teppich vor der Balkontür meines Zimmers, und zahllose Nächte lag ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, weil ich einfach wissen wollte, wie es weitergeht.  Ottfried Preussler, Astrid Lindgren, Enid Blyton, später Karl May, Michael Ende, mir gefiel vieles.

Eine Zeitlang hatte ich Reitunterricht, und in dieser Phase verschlang ich alles, was irgendwie mit Pferden zu tun hatte, von den typischen Serien „Mädchen mit Pferd“ bis zu Fachbüchern über Pferdehaltung (zu meiner Enttäuschung wollten meine Eltern das Wohnzimmer nicht zu einem Pferdestall umbauen) und einem Wälzer über Pferdekrankheiten, da ich damals noch Tierärztin werden wollte.

Später las ich neben der Pflichtlektüre in der Schule auch viel über die deutsche Vergangenheit, vor allem das Dritte Reich und die Judenverfolgung, Autobiografien und Romane mit sozialpolitischem Hintergrund, Entwicklungshilfe, Jugendliche mit Problemen (z.B. Christiane F.) etc. Damals wollten wir ja noch die Welt retten.

Schon früh entdeckte ich meine Leidenschaft für Krimis und Spukgeschichten, die mich heute noch begleitet. Wundert es jemanden, dass der Schauerroman des 18. und 19. Jahrhunderts später einer meiner Studienschwerpunkte war?

Zu guter Letzt: Reisen und Fernweh

Während meine Schulfreundinnen in den Ferien mit schöner Regelmäßigkeit mit ihren Eltern in den sonnigen Süden (Italien, Spanien, Jugoslawien) oder den hohen Norden (Schweden, Norwegen) gondelten, waren meine Eltern eher heimatverbunden. Das Ausland war ihnen nicht so ganz geheuer, also fuhren wir im Urlaub abwechselnd in die Berge oder an die Nord- oder Ostsee. Meine Liebe zum Meer stammt noch aus der Zeit.

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Urlaub am Meer

Und aus irgendwelchen Gründen zog es mich nach England, vermutlich wegen der Enid-Blyton-Romantik. Nach einem absolut genialen Urlaub mit einer guten Freundin und Namensvetterin in England und Schottland war es klar – dieses Land sollte mich nicht mehr loslassen. Und es war diese Faszination, die mich auf Umwegen in die Niederlande geführt hat – aber das ist eine andere Geschichte.

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Momente einer Reise – musikalisch unterlegt

Auf einem meiner Streifzüge durch die Bloglandschaft stieß ich auf Marcs Blogparade mit dem Thema: Musikalische Erinnerungen – der Sound des Reisens. Ich denke, viele Leute verbinden eine bestimmte Reise mit einem bestimmten Musikstück, das  sie vielleicht auf dieser Reise gehört haben oder das sonst irgendwie passt. Ich möchte dieses Thema aber ein kleines bisschen anders aufziehen.

Meine Leser wissen ja, dass mein Mann und ich meistens mit Fahrrad und Zelt unterwegs sind und dass ich vor Kurzem auch das Wandern entdeckt habe. Und dabei habe ich keinerlei Musikabspielgerät mit, da ich die Klänge meiner Umgebung hören möchte: die brüllenden Vögel, das Rauschen des Meeres, das leise Rascheln des Windes in den Gräsern – das alles möchte ich auf keinen Fall missen. Aber wie kann man dann ein passendes Lied zu einer Reise haben? Ganz einfach, es gibt immer wieder Momente, in denen sich ein bestimmtes Musikstück in meinen Kopf schleicht, weil es gerade so gut passt. Und ein paar typische Momente und die dazugehörige Musik wiederholen sich auf jeder Reise der letzten paar Jahre.

Fangen wir mit dem Anfang an. Dazu gehört Das Lied „Omarm“ der niederländischen Band Bløf. Der Sänger wird vom Fernweh gepackt, kann nichts dagegen machen und bittet die geliebte Person, doch mit ihm zu gehen.

Der Anfang „Hoe ver je gaat heeft met afstand niets te maken, hoogstens met de tijd (Wie weit man geht, hat nichts mit Entfernung zu tun, höchstens mit der Zeit)“  passt perfekt zu unserer Reiseplanung. Wir haben uns schon lange von der Idee verabschiedet, eine ganz bestimmte Strecke zurückzulegen, weil das meistens doch nicht funktioniert. Wir haben eine bestimmte Zeitspanne und dann sehen wir schon, wie weit wir kommen, denn Wind und Wetter tragen ja das Ihrige dazu bei. Damit sind wir bei den letzten Zeilen des Bløf-Liedes: „Hoe recht je staat heeft met zwaarte niets te maken, hoogstens met de Wind. (Wie aufrecht man steht, hat nichts mit der Schwere zu tun, höchstens mit dem Wind)“.

Und zu jeder Reise gehört natürlich auch eine gewisse Portion Schietwetter, nach der ich mich immer besonders freue, wenn sich die Sonne wieder zaghaft zwischen den Wolken hervorwagt. Dann denke ich eigentlich immer an den bekannten Beatles-Song : „Here comes the sun and I  say it’s all right.“ Recht haben sie.

Vor unserer England-Radtour vor zwei Jahren hatten wir mit unserem Chor das Lied „For the Beauty of the Earth“ von John Rutter einstudiert. Dieses Lied summe ich seitdem immer wieder, wenn ich unterwegs bin:

„For the beauty of each hour,
of the day and of the night.
Hill and vale and tree and flower,
sun and moon and stars of night.
Lord of all, to thee we raise
this our joyful hymn of praise.“

Gerade beim langsamen Reisen wird mir immer wieder bewusst, wie schön doch die Welt das Leben sein können.

Auch die längste Reise ist irgendwann einmal zu Ende, und es naht der Moment der Heimkehr. Und so gerne ich unterwegs bin, so gerne komme ich auch wieder nach Hause, denn ich liebe die Stadt, in der ich wohne, und ich fühle mich wohl in meinem Haus, wo der Mitbewohner gemütlich auf dem Sofa sitzt. Dieses Gefühl, nach Hause zu kommen, hat bisher noch niemand besser umgesetzt als Dotan:

„The sound of the wind is whispering in your head.
Can you feel it coming back?
Through the warmth, through the cold, keep running till we’re there.
We’re coming home now, we’re coming home now.“

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Nochmal 52 Bücher (2) – Reisen, Essen, Lesen

Nochmal 52 Bücher

Hier ist das Motto der zweiten Woche: Stell dir vor, du könntest dein Frühstück, dein Mittag- und dein Abendessen auf verschiedenen Kontinenten einnehmen, wohin würdest du reisen, was würdest du essen und welche Bücher würdest du auf die Reise mitnehmen? Ein schönes Motto, das alle meine Vorlieben vereint. Da ich aber hier zwangsläufig mehere Bücher vorstellen muss, von denen ich einige noch nicht mal gelesen habe, werde ich diesmal keine ausführlichen Rezis schreiben. Die kommen dann sicher bei anderen Themen dran – Recycling rules!

Der Beginn der Reise führt mich nach England, genauer gesagt nach York, eine der schönsten Städte, die ich kenne. England ist auf jeden Fall ein eigener Kontinent, denn die Engländer sehen sich ja nicht als Teil Europas, sondern, wie Kishon so schön in seinen Reisegeschichten schrieb, als „Teil von sich selbst und von gar nichts sonst“. Da der Tag ja gerade erst angefangen hat, suche ich ein nettes Pub mit Aussicht auf die Kathedrale und bestelle mir ein „Full English Breakfast“  – mit Darjeeling, Spiegel- oder Rührei, Speck, Würstchen, Champignons und Toast.

Nach York begleitet mich selbstverständlich Bill Bryson mit seinen „Notes From a Small Island“, mein Lieblingsbuch dieses Autors. Dort beschreibt er eine Reise kreuz und quer durch England, zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Was die Geschwindigkeit betrifft, macht das oft nicht viel Unterschied. Mit seinem gewohnten Humor beschreibt er seine Erlebnisse mit Einheimischen und anderen Reisenden und lässt auch eigene Fettnäpfe nicht aus.

Das Mittagessen nehme ich in bisher noch unbekannten Gefilden ein, nämlich in Indonesien. Wo genau weiß ich noch nicht, aber irgendwo kann man sicher eine Reistafel bestellen. Diese wurde von den Niederländern erfunden, angeblich, weil sie sich bei der Speisenvielfalt nicht entscheiden konnten. Dabei möchte ich auch eine literarische Bildungslücke schließen und den Roman „Oeroeg“ (auf deutsch „Der schwarze See“) von Hella S. Haasse lesen, der eben dort spielt und sich mit der niederländischen Kolonialgeschichte beschäftigt.

Nach so einer Reistafel ist man zwar ziemlich vollgefressen, aber das ist egal, zum Kaffeetrinken geht es nach New York. Dort suche ich mir ein Café wie das „Central Perk“ in der Serie „Friends“, wo es diese riesigen Milchkaffeetassen gibt! Und dazu gibt es New York Cheesecake, eine leckere Quarkkuchenspezialität. Dabei lese ich den Krimi „Blut und Lüge“ von Andrew Gross, den ich beim Buchwichteln geschenkt bekommen habe, und das, nach den ersten Seiten zu schließen, in New York spielt.

Dann reise ich weiter nach Italien, wo das Abendessen ja traditionell etwas später serviert wird. In Florenz suche ich mir ein Restaurant auf einem der Hügel, so dass man auf die Stadt herunterschauen kann und gönne mir das komplette Menü, denn Reisen macht hungrig. Ich beginne mit einem Vorspeisenteller, dann nehme ich Penne mit Zucchini-Ricotta-Sauce, als Hauptgericht gibt es etwas mit Fisch und zum Schluss einen Eisbecher. Dazu wird natürlich – der Region entsprechend – Chianti getrunken, und ich proste in Gedanken meiner Freundin aus der alten Heimat zu, mit der ich mich durch dreizehn Jahre Schule gekämpft habe. Unsere gemeinsame Reise danach führte uns unter anderem nach Florenz. Die Freundschaft besteht übrigens noch immer, auch wenn uns inzwischen achthundert Kilometer trennen.

Damit wenigstens im Buch ein paar Kalorien verbrannt und nicht nur eingenommen werden, lese ich mal wieder „Trappen tot Toscane“ von Guus und Nel Schipper, einen Bericht über eine Radreise von den Niederlanden nach Florenz. Die beiden haben sich das Diner dann auf jeden Fall verdient!

Wenn noch mehr solche Themen kommen, wird es nichts mit den Neujahrsvorsätzen, denn es fällt mir ja schon schwer, beim Schreiben nicht in die Tastatur zu sabbern! Aber dem Finger geht es wieder besser, ich kann schon fast wieder vernünftig tippen. 🙂

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52 Bücher (44) – „Cycling Britain“, ein Lonely-Planet-Führer

Nachdem ich beim Monsterprojekt inzwischen mehrere Kilometer hinterherhinke und einiges nachholen muss, werde ich mich heute mal wieder beim aktuellen Thema beteiligen: Reiseführer. Da ich gern reise und auch gern Reisen plane, die dann doch aus irgendwelchen Gründen nicht oder anders durchgezogen werden, liegen bei mir eine ganze Menge davon rum.

Nach einiger Überlegung habe ich mich dafür entschieden, das Buch „Cycling Britain“ (London 2001) aus der Lonely-Planet-Reihe vorzustellen, da wir das tatsächlich in der Praxis erprobt haben. Ein Reisebericht darüber ist bereits on (Südostengland 2010), der Rest wird bei Gelegenheit noch eingestellt.

In diesem Buch werden verschiedene mehrtägige Touren in England, Wales und Schottland vorgestellt, und die Schwierigkeitsgrade gehen von „easy“ über „moderate“ bis „hard“. Allerdings stimmen der Gatte und ich nicht so ganz mit diesen Klassifizierungen überein: Was die Autoren „moderate“ nennen, hat sich für uns als ganz schöne Viecherei herausgestellt. Man merkt doch, dass drei der vier Autoren aus Asutralien stammen. 😉

Die Tour „Northumbria Coast & Castles“ durch das englisch-schottische Grenzland z. B. wird als „easy-moderate“ bezeichnet, führte aber manchmal über ziemlich schwierige Strecken, nicht nur wegen der Hügel, sondern auch wegen des Untergundes. Als richtig „hard“ wird nur der Klassiker „End to End“ von Land’s End nach John o’Groats klassifiziert.

Bevor die Routen vorgestellt werden, gibt es natürlich eine Einfürung über Land und Leute und jede Menge Tipps für den Radfahrer, von Fahrradtypen und Ausstattung über Wartung bis zur Gepäckverteilung. Einiges dürfte inzwischen natürlich überholt sein, aber seit 2009 gibt es wieder eine neue Ausgabe.

Die Routen sind ausführlich beschrieben,  und für jede Tour gibt es Tipps, wann man sie am besten fahren kann und wie man zum Startpunkt hin bzw. vom Endpunkt wieder wegkommt. Außerdem gibt es zahlreiche Tipps für Sehenswürdigkeiten, Übernachtungsmöglichkeiten und Restaurants. Als Ergänzung gibt es Routenskizzen und manchmal auch Höhenprofile.

Beispiel:

Allerdings ist der Norden bei diesen Skizzen oft nicht oben, sondern irgendwo anders, in diesem Fall schräg rechts unten. Dadurch wird das Übertragen der Strecke auf die OS-Karte manchmal etwas mühsam. Die Tagesetappen sind gelegentlich etwas lang, um die 100 km finde ich schon etwas viel, aber man muss sich ja nicht sklavisch daran halten. Dann braucht man halt ein paar Tage länger.

Aber wenn man erst einmal verstanden hat, dass ein „moderate climb“ richtig anstrengend ist und sich die Touren danach aussucht, sieht und erfährt man mit diesem Führer sehr viel über Großbritannien.

Zum Schluss noch ein nettes Zitat über das Radfahren in London, um einen Eindruck des sehr direkten Sprachgebrauchs zu vermittlen: „Expect traffic to be heavy – but drivers usually well mannered – whenever you are on major roads. Always wear a helmet. They’re not compulsory, but London isn’t the place to get sentimental about the breeze in your hair.“  (S. 112) Tja, wo sie recht haben…

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Die Holländer können doch sowieso alle Deutsch

Zu diesem Thema gab es neulich eine interessante Diskussion bei @heinzi, meinem Stammforum.

Eine Userin plant eine Amsterdamreise mit ihren Kindern und möchte sich für sie eine Art Stadtspiel ausdenken, bei dem die Kids mit Zettel und Stift bewaffnet verschiedene Dinge herausfinden sollen. Das hat sie schon mit viel Erfolg in Wien gemacht. Eine Teilnehmerin, die lange in Amsterdam gelebt hat, gab ihr folgenden Rat: „Allerdings bitte ich zu bedenken, dass man im Gegensatz zu Wien in Amsterdam Niederländisch spricht und gerade Amsterdamer recht schnippisch werden können, wenn man sie einfach auf Deutsch anspricht. […] Wenn man am Akzent hört, dass ihr Deutsche seid, wird man bestimmt auf Deutsch umschalten. Es wird nur als extrem unhöflich betrachtet, jemanden gleich auf Deutsch anzusprechen.
Bringe deinen Kindern
bitte – alstublieft (ausgesprochen astublieft)
danke – bedankt
auf Wiedersehen – dag (daaaach)
darf ich Sie etwas fragen/darf ich Sie eben mal stören – mag (mach) ik even (effe) wat vragen (frachen)
bei und man wird entzückt sein.“

Die Userin, die die Frage gestellt hatte, war begeistert und beschloss, gleich mit dem Nachwuchs zu üben. Eine andere sah das jedoch nicht so ganz ein: „Warum eigentlich? Nicht jeder, der Amsterdam besucht, spricht niederländisch oder lernt es einfach dafür. […] Man denkt halt automatisch, daß alle Niederländer auch Deutsch können.“

Den Satz „Die meisten Holländer können doch Deutsch“ hört man ziemlich oft, nicht nur in besagter Forendiskussion. Häufig ist es auch so. Dennoch finde ich, dass man daraus nicht einfach ableiten sollte, dass man sofort auf Deutsch loslegen kann. Es erwartet auch niemand, dass man die Landessprache perfekt können muss, wenn man ins Ausland reist, aber ein paar Floskeln sollte man sich vielleicht doch aneignen. Und wenn man dann, wie ich einmal in Dänemark, zugeben muss, dass man nicht viel mehr als die Frage nach dem Postamt beherrscht, kann man ja immer noch auf Englisch oder sogar auf Deutsch weitermachen.

Manchmal möchte das Gegenüber auch gern Deutsch sprechen, sei es, um zu üben, sei es, um zu zeigen, dass man seine Fremdsprachen gelernt hat. Ich hatte einmal in einer Boutique in meinem besten Niederländisch nach der Waschanleitung für einen Pullover gefragt. Darauf die Verkäuferin: „Können wir vielleicht Deutsch reden? Ich sprech ganz gut Deutsch – glaube ich.“ Das fand ich richtig goldig, und selbstverständlich haben wir uns dann auf Deutsch weiter unterhalten.

Zwei nette Besipiele aus der Dikussion zeigen, dass man es auch in Deutschland schätzt, wenn Touristen zumindest einen Versuch mit der Sprache machen:

„Selber finde ich es auch befremdlich, wenn ich vor meiner Haustür von z.B. Italienern/Spaniern u.ä. in deren Landessprache angeschrien werde. Erstaunt war ich vor einigen Wochen über ein Rudel Japaner. Ich wurde in grammatikalisch korrektem Deutsch mit phantastischer Aussprache nach dem Weg gefragt. Obwohl ich mich sehr bemüht habe, Hochdeutsch zu sprechen (wer mich kennt, weiß, dass das bei mir nicht immer üblich ist), haben die Japaner nichts oder nicht viel verstanden. Auf Englisch gings dann sehr gut. Gefreut hat es mich trotzdem, dass sie zumindest Interesse zeigten und sich Mühe gaben. „

Und:

„Ich habe mal eine Weile in Köln gearbeitet und hatte da wohl häufiger ein „Frag mich doch Gesicht“ aufgesetzt. Wenn mich jemand auf englisch oder einer anderen Sprache angesprochen hat, ohne mich zu fragen ob ich diese Sprache beherrsche, habe ich auch schon mal angesäuert reagiert. Zum Beispiel habe ich auf der Domplatte einem Amerikaner auf die Frage, „ob das der Dom sei“ geantwortet, das sei eine relativ kleine Kirche und der Dom sei viel größer. Wenn mir aber jemand in radebrechendem Deutsch einen „guttehntaag“ gewünscht und „inglisch specken?“ gefragt hat, habe ich immer gerne Auskunft gegeben. Der Versuch, die Tageszeit und ein paar Floskeln in der Landessprache zu können, hat mir schon viele Türen geöffnet. „

Genauso ist es, wie ich auch auf diversen Reisen feststellen durfte. Aber es geht nicht nur um den pragmatischen Aspekt. Wenn man sich ein bisschen in die Fremdsprache vertieft hat und dann in Norwegen lesen kann, dass das Eis „mit Liebe zubereitet“ wurde, schmeckt es einem doch gleich viel besser. Falls ich allerdings mal auf die Idee kommen sollte, nach China zu fahren, dürfte das Ganze schon deutlich schwieriger werden. 😉

Foto (c) by Rike, www.pixelio.de

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