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Ostseeradtour 2015 – Teil 7

Set your mind free, it’s the Year of Summer (aus “Year of Summer” von Niels Geusebroek)

Altefähr- Greifswald – Stubbenfelde Świnoujście (Swinemünde)Dargen – Stubbenfelde

In den letzten paar Tagen war es täglich ungefähr zwei Grad wärmer geworden. Unsere Nachbarn vom Campingplatz in Brunsbüttel würden jetzt sicher von angenehmen Temperaturen sprechen, aber wir fanden es inzwischen eine ziemliche Affenhitze. Temperatur ist je bekanntlich Geschmackssache.

Obwohl wir recht früh wach waren, schwitzten wir bereits beim Abbauen. Wir checkten aus und fuhren über den inzwischen vertrauten Kopfsteinpflastersandweg fuhren wir bis zur Brücke und dann über halbwegs gute Wege durch nette Dörfer nach Glewitz.

ostsee sandpiste

Dort nahmen wir die Fähre nach Stahlbrode. Außer uns waren noch einige Schwaben in Trikots der Stuttgarter Volksbank unterwegs, die auch noch Räder der Marke „Kästle“ fuhren. Hanoi, des isch aber jetz scho irgendwie luschdig.

Wir folgten den Wegweisern nach Greifswald, landeten aber bald auf einer Kopfsteinpflasterstecke, die einem alle Füllungen im Gebiss lockerte. Zwischendurch gab es mal ein paar hundert Meter Asphalt zur Erholung, aber dann wurden wir wieder fröhlich durchgeschüttelt. Es war fast so schön wie in dem dänischen Dorf Møgeltønder. Dass die Bundesstraße daneben im besten Zustand war, wirkte nicht gerade frustabbauend. Irgendwann fanden wir, dass es Schluss war mit lustig, und wir beschlossen, trotz der Hitze einen Umweg über Groß Karrendorf zu fahren.

Von der Topografie her erinnert die Gegend etwas an die irische Westküste: Die Dörfer sind so klein, dass man sie kaum als solche erkennt, dafür sind die Entfernungen zwischen ihnen größer. Wir fuhren durch idyllische Ortschaften wie Leist 1 bis 3 und machten irgendwann Pause in einem schattenspendenden Bushäuschen, das wohl vorwiegend von Schülern genutzt wird. Interessiert studierten wir die Inschriften an den Wänden und erfuhren, dass ein gewisser Basti der totale Heckenpenner und Kübi eine Torte ist. Auf dem Hausdach gegenüber thronte ein Storchenpaar in seinem Nest und klapperte friedlich vor sich hin.

Danach folgte wieder eine Rüttelstrecke, bis wir bei Neuenkirchen ein Einkaufszentrum entdeckten. Der Gatte, der mir mal wieder etwas voraus war, bog ab und sah dann aus dem Augenwinkel einen Radfahrer geradeaus weiterfahren. Er dachte, dass ich das wäre und wunderte sich nicht schlecht, als ich kurz danach aus der anderen Richtung zu ihm aufschloss. Wir kauften eine Riesenflasche Saft, die wir sofort vertilgten.

Dann fuhren wir weiter nach Greifswald, wo wir bald die Wolgaster Straße fanden. Wir hofften, dass diese irgendwann in die Wolgaster Landstraße übergehen würde, an der sich unser Campingplatz befinden sollte, der allerdings auf keiner Karte eingezeichnet war. Tatsächlich fanden wir ihn nicht weit von der Klosterruine Eldena entfernt, ein schöner Platz, der sich deutlich noch im Aufbau befand.

campinggreifswald

Wir fuhren zur unbesetzten Rezeption und lasen den Aushang, dass wir uns einen Platz suchen und aufbauen sollten. Als wir uns umsahen, fragte ein junger Mann: „Möchten Sie bleiben?“ Auf unser eifriges Nicken fuhr er fort: „Schatten?“ und zeigte uns dann, wo wir am besten stehen konnten. Wir bauten unser Zelt so auf, dass wir Aussicht auf die Dänische Wieck, eine schöne Bucht im Greifswalder Bodden, hatten. Danach gingen wir  duschen und kauften im nahegelegenen Supermarkt für das Abendessen ein – Brot, Salat, Häppchen und dergleichen, sowie eine Flasche Hugo, das Modegesöff der Saison, mit dem bei unserem Chor auch gerne mal angestoßen wird.

Danach packten wir unser Badezeug und gingen zur Dänischen Wieck. Für das Strandbad muss man zwar Eintritt zahlen, aber auf der anderen Seite des Zauns gibt es einen Naturstrand. Dort versammelte sich nach Feierabend die ganze arbeitende Bevölkerung Greifswalds zum Abkühlen. Hier nahm Peter sein erstes Bad in der Ostsee. Es geht sehr flach ins Meer, so dass wir ein ganzes Stück laufen mussten, aber dann war es sehr erfrischend.

daenischewiek daenischewiek2

Danach ließen wir uns unser Abendessen schmecken, und ich stellte fest, dass sich im Gras zahlreiche abgemähte Brennnesseln befanden. Barfuß sollte man hier besser nicht laufen. Als es zu dunkel zum Lesen wurde, gingen wir schlafen.

Am nächsten Morgen wachte ich mit leichten Kopfschmerzen auf, was sicher am Wetter lag, nicht am Hugo. Aber nach zwei Tassen Kaffee wurde es wieder besser, und wir fuhren nach Greifswald, wo wir die Räder bei der Touristeninformation am Markt parkten und eine Karte besorgten.

greifswaldmarkt greifswaldmarkt2

Dann erkundeten wir die Stadt zu Fuß. Um es gleich vorweg zu nehmen, viel kam dabei nicht herum, da es einfach zu heiß und eigentlich jede Bewegung zu viel war. Aber ein bisschen kann ich doch über die altehrwürdige Universitäts- und Hansestadt berichten.

Greifswald wurde im 12. Jahrhundert  gegründet und gehörte anfangs noch zum Kloster Eldena. Im 13. Jahrhundert wurde die Stadt Mitglied der Hanse, aber leider hatten sie das Problem, dass der Hafen langsam versandete, wodurch die Stadt gegenüber den anderen Hansestädten zurückfiel. Im 30jährigen Krieg machten sowohl die kaiserlichen Truppen als auch die Pest der Stadt schwer zu schaffen. Wie Wismar und Stralsund wurde auch Greifswald nach dem 30jährigen Krieg von Schweden regiert.

Als erstes besichtigten wir den Dom St. Nikolai. Dem heiligen Nikolaus sind in Norddeutschland ziemlich viele Kirchen geweiht, was wohl daran liegt, dass er der Schutzpatron der Seefahrer ist. Während unseres Besuches wurde er gerade renoviert.

greifswaldnicolai greifswaldnicolai2

Dann gingen wir weiter zur Jacobikirche mit ihrer weißen Decke und den roten Backsteinsäulen.

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Aber wie gesagt, besonders aufnahmefähig waren wir heute nicht, und so bummelten wir  auf den  Credner-Anlagen, einem Wall um die Stadt herum, zum Museumshafen, wo wir uns eine nette Bank für eine Sitzbesichtigung suchten.

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Dann machten wir uns auf den Weg zum Marktplatz, um das unvermeidliche Fischbrötchen zu verspeisen, bevor wir uns noch ein paar Gebäude der altehrwürdigen Ernst-Moritz-Arndt-Universität, die im Jahr 1456 gegründet worden war.

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Nach einem kurzen Besuch in der Marienkirche beschlossen wir, dass es viel zu heiß war, um noch mehr zu unternehmen. Wir kauften uns eine Zeitung und einige Dinge zum Abendessen ein und fuhren dann zurück zum Campingplatz. Wir suchten uns ein schattiges Plätzchen und lasen. In der Zeitung stand, dass an diesem Freitag Abend in der Stadt eine „Critical-Mass“-Aktion stattfinden würde. Dabei fahren möglichst viele Radfahrer in einem großen Pulk durch die Stadt, da sie zeigen wollen, dass sie genauso wie die Autofahrer Teil des Straßenverkehrs sind. In Greifswald sind sie rücksichtsvoll genug, um diese Aktion nicht, wie in anderen Städten, in die Hauptverkehrszeit zu legen. Schade, dass wir am Freitag nicht mehr da sein würden, sonst hätte ich da selbstverständlich mitgemischt.

Nach einem kurzen, halbwegs erfrischenden Bad in der Dänischen Wiek war es Zeit zum Abendessen. Es gab unter anderem des Gatten revolutionäre Variante des Heringsbrötchens, an der er sich aber selbst die Zähne ausbeißen durfte.

heringsbroetchen

Dann kam die Platzwärtin zum Abkassieren und auf ein Schwätzchen vorbei. Wir erfuhren, dass es den Platz erst seit Juli 2014 gibt, und dass sie und ihr Mann noch jede Menge Pläne haben. Sie erinnerten uns an Linda und Fergus vom Campingplatz in Norwich, wo wir vor zwei Jahren gewesen waren.

Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Wolgast. Ziemlich schnell wurde es sehr heiß, und ich schwitzte friedlich vor mich hin, während ich über das Kopfsteinpflaster ratterte. Irgendwie war ich nicht amüsiert, das war deutlich nicht mein Tag.

schelchtelaune

Erst fuhren wir die Hauptstraße entlang, dann führte uns die Route über eine Sandpiste, die an den Campingplatz Elbstrand erinnerte, und wo wir uns zu Fuß durchpflügen mussten. Ich hatte den Eindruck dass wer auch immer hier in der Gegend für die Radwege verantwortlich war, uns Radfahrer aus tiefster Seele hassen musste, anders konnte ich mir das nicht erklären. Kurz vor Wolgast erklärte uns ein älterer Herr, dass der Weg bald neu gemacht werden würde (immerhin) und wie man am besten durch Wolgast kommt. Aber immerhin passierten wir unterwegs nette Gebäude.

unterwegs unterwegs2

Wir navigierten durch die Stadt und überquerten dann die Brücke über den Peenestrom auf die Insel Usedom. Dort folgten wir erst der Hauptstraße, und dann führte uns ein Radweg durch den Wald, wo es fröhlich auf und ab ging. Bei der Affenhitze hatte das schon fast Tour-de-France-Qualität. Kurz vor Stubbenfelde stärkten wir uns erst mal mit einem Fischbrötchen und suchten dann den Eingang zum Campingplatz.

An der Rezeption wurden wir von einer Dame in Empfang genommen, die es schaffte, gleichzeitig gelangweilt und überfordert zu wirken. Was für ein Kontrast zu den reizenden jungen Leuten von gestern! Wir bekamen einen Platz auf der Zeltwiese zugewiesen, wo wir uns aber auf gar keinen Fall falsch hinstellen durften, es könnten ja noch mehr von diesen merkwürdigen Leuten mit Zelt kommen.

Als wir die Zeltwiese erreichten, war uns auch klar, warum, auf diesem riesigen Wohnwagenpark hatte man grad mal ein paar schmale Streifen auf einem Plateau zwischen Bäumen für Zelte reserviert. In Millimeterarbeit stellten wir unser Zelt am Rand zwischen drei Bäumen auf, als schon die nächsten Camper kamen. Wir boten an die Fahrräder woanders abzustellen, aber „der Baum bleibt stehen“, wie der Gatte meinte.

milimeterarbeit

Aber das Sanitärgebäude machte wieder eine Menge gut, es scheint in dieser Gegend wohl üblich zu sein, dass sie wahre Wellness-Oasen sind.

Nach einer Dusche gingen wir am Kölpinsee entlang nach Loddin zum Einkaufen. Unterwegs sahen wir wieder ein liebevoll bemaltes Trafohäuschen, wie sie uns auch schon in Stralsund und Greifswald aufgefallen waren.

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trafohaeuschen trafohaeuschen2

Dann gingen wir über eine lange Treppe hinunter zum Strand – auch hier ist die Steilküste wieder beeindruckend. Das Wasser war deutlich kühler als in der Dänischen Wiek, wunderbar erfrischend. Doch dann mussten wir die Treppe wieder hoch und der Erfrischungseffekt war dahin.

usedomstrand usedomstrand2

Auf einer Bank verspeisten wir eine Schale Erdbeeren und beobachteten Möwen und Touristen. Dann gingen wir ins Zelt, wo wir unser Abendessen verspeisten. Die Zeltwiese wurde inzwischen ziemlich voll, und fast neben uns baute ein junges Paar mit einem kleinen Mädchen, das gerade sitzen konnte, ihr Zelt auf. Die Mutter legte der Kleinen die Zeltstangen hin und meinte: „Jetzt hilf mal dem Papa“, worauf die Kleine tatsächlich die Stangen in die Hand nahm. Das Zusammensetzten klappte aber noch nicht so ganz.

Im Biergarten vor dem Restaurant ließen wir den Abend noch ausklingen. Urlaub ist schon schön.

Am nächsten Tag gönnten wir uns erst mal zwei Tassen Kaffee, es war ja schließlich Wochenende. Dann brachen wir auf und fuhren den Radweg vom Campingplatz aus an der Küste entlang in Richtung Kaiserbäder. So werden die drei Seebäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck genannt, und sie sind bekannt für ihre Bäderarchitektur, die fröhlich alle möglichen Stilelemente aus Rennaissance, Barock und Jugendstil kombiniert. Außerdem sind viele der Häuser noch mit Erkern und Türmchen ausgestattet.

bansin

Da wir an diesem Tag eine größere Runde geplant hatten, nahmen wir uns nicht allzuviel Zeit zum Fotografieren, sondern merkten uns diesen Teil von Usedom für einen späteren Zeitpunkt vor. Aber die berühmte Seebrücke von Ahlbeck, Kulisse für die letzten Szenen des Loriot-Films „Pappa ante portas“ („Wir gratuliehieren, Frau Hensel wird heute ahachtzig Jahr…“) musste natürlich aufs Foto.

ahlbeck

In Bansin erkundigten wir uns erst einmal bei einer Verkaufsstelle der Adler-Reederei, ob man denn auf die Fähre nach Rügen auch Fahrräder mitnehmen kann. Bisher hatten wir nämlich nirgendwo zuverlässige Informationen dazu gefunden, nur Aussagen wie „Manchmal, unter bestimmten Umständen, könnte es gehen, aber wir garantieren nichts“. Der nette Herr in seinem Häuschen erklärte uns aber, dass dies kein Problem sei, und somit war die weitere Streckenführung klar: Von Peenemünde aus mit dem Schiff nach Binz.

Da wir schon so nah an der polnischen Grenze waren, wollten wir auch mal kurz ins Nachbarland schnuppern, und so radelten wir weiter zum Grenzübergang und nach Świnoujście (Swinemünde).

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Das erste Stück Radweg in Polen war vom Feinsten, wahrscheinlich ist er so eine Art EU-Vorzeigeprojekt. Aber auch nachher konnte man nicht nölen. Obwohl wir uns im Grenzgebiet befanden, merkte man sofort, dass man im Ausland ist: die Straßen haben merkwürdige Namen, alle offiziellen Schilder sind auf Polnisch, es gibt keinen Euro, aber wohl Bankomaten (ich liebe dieses Wort) und Skleps, also kleine Läden. Wir bummelten ein wenig durch das Zentrum und suchten uns dann eine Bank für eine Sitzbesichtigung. Der Baustil einiger Gebäude in der Innenstadt erinnerte an die Kaiserbäder.

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Wir sahen, dass einige Schilder, die auf touristische Attraktionen hinwiesen, auf Polnisch und Schwedisch waren. Später entdeckte ich, dass man von  hier aus auch mit der Fähre nach Trelleborg fahren kann.

Dann fuhren wir hintenrum Ost nach Garz und von dort aus nach Dargen, wo wir ein nettes Restaurant fanden und erst einmal eine Menge Apfelschorle vernichteten und unsere Wasserflaschen nachfüllten. Es war nämlich wieder sehr warm geworden.

Nach einem leckeren Mittagessen gingen wir ins DDR-Museum. Kühler war es dort nicht, aber die Ausstellung war sehr interessant. Das „Technik- und Zweiradmuseum“ bietet einen guten Einblick in das Leben der ehemaligen DDR, was Wohnungseinrichtung, Geräte etc. anging. Auch kann man zahlreiche Verpackungen von Lebensmitteln bewundern, und das meiste, das damals im Westen vorhanden war, gab es auch in einer Ostvariante (wir erinnern uns an die Spreewaldgurken im Film „Good Bye, Lenin“), aber eben nicht immer, und geschmeckt hat es wohl auch anders.

 Ich musste an die Care-Pakete denken, die wir immer in der Vorweihnachtszeit an unsere Thüringer Verwandtschaft geschickt hatten (Kaffee, Zucker, Plätzchen, Schokolade). Alles in dem Paket musste genauestens dokumentiert werden, und Bücher und Zeitschriften konnte man besser nicht mitschicken, es könnte ja was Verbotenes dabei sein. Im Gegenzug bekamen wir immer Stollen, der lecker war, und Schokolade, die eher merkwürdig schmeckte.

Peter fand vor allem die Autos interessant, man hatte damals tatsächlich nicht nur Trabbis, während ich fasziniert die alten Schreibmaschinen, Saftpressen und andere Dinge betrachtete. Ich entdeckte die Kosmetikserie „Florena“, die es immer noch gibt, und aus der meine derzeitige Lieblingshandcreme ist.

Dann fuhren wir durch das Niedermoorgebiet Thurbruch, vorbei an einer Wasserschöpfmühle. Auf den Wegen war wenig los, die meisten Leute waren wohl am Strand. Recht hatten sie!

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Wir fuhren erst noch an einem Supermarkt vorbei, wo wir uns mit Saft eindeckten, und dann gingen wir ebenfalls Schwimmen. Mei, war des schee!

Danach lasen wir Zeitung. Ein Paar, das auf Usedom zu Besuch gewesen war, äußerte sich begeistert über die Qualität der dortigen Radwege. Diese Einschätzung konnten wir allerdings nicht uneingeschränkt teilen, wir hatten wirklich das ganze Spektrum erlebt – von wunderbar bis schlichtweg katastrophal.

Dann lagen wir noch auf dem Rücken und starrten in die Baumwipfel, wo man kaum einen Hauch spürte, bis es zu dunkel wurde, und verkrochen uns dann in den Schlafsack.

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Ostseeradtour 2015 – Teil 5

Auf Regen folgt Sonnenschein (deutsches Sprichwort)

Lübeck – Zierow – Wismar – Bögerende

Am nächsten Morgen war es bewölkt, und einzelne Regentropfen fielen auf das Zeltdach. Wir frühstückten gemütlich und beobachteten diverse Nachbarn beim Aufbruch. Der schwedische Vater, der mit seinen zwei Söhnen schräg gegenüber uns stand, begrüßte uns mit einem fröhlichen „Hejhej!“, was Peter zu der Bemerkung veranlasste: „Im Fernsehen sagen sie das auch immer, und meistens wird kurz danach eine Leiche gefunden.“

Dies blieb uns allerdings erspart, und nachdem wir abgebaut und noch etwas an den Rädern herumgeschraubt hatten, brachen wir auf. Da der Campingplatz westlich vom Stadtzentrum liegt, und wir nach Osten wollten, mussten wir vom Holstentor aus immer geradeaus mitten durch die Stadt mit ihrem Verkehr, dem Kopfsteinpflaster und den Fußgängern, die vor allem dann überhaupt nicht auf den Verkehr achten, wenn sie zu ihrem Auto wollen. Aber bald fuhren wir über die Rehderbrücke in Richtung Schlutup.

Da wir vorgestern ja schon mit Kurt in Travemünde gewesen waren, kürzten wir etwas ab und überquerten die Grenze nicht beim Priwall, sondern bei Schlutup. Nun waren wir also auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, doch wirklich gravierende Unterschiede konnten wir hier nicht entdecken. Wir folgten der Hauptstraße nach Dassow und fuhren ein Stück am Dassower See entlang, wo wir uns wieder über eine wunderschöne Blumenwiese am Seeufer freuten.

DassowerSee

Die Beschilderung war immer noch ein wenig merkwürdig. Eigentlich sollten die zuständigen Beamten oder wer auch immer die Dinger aufstellt, einen ortsunkundigen Radfahrer mitnehmen. Und immer, wenn der „Und jetzt?“ sagt, stellt man einen Wegweiser auf. Immerhin konnten wir erfreut feststellen, dass man mit dem Bau von Radwegen beschäftigt war.

Inzwischen war die Gegend immer ländlicher geworden. Wir machten eine kurze Pause in einem einsamen Bushäuschen, an dem aber immerhin sechsmal am Tag ein Bus vorbeikommt. Dann kamen wir an einer Windmühle und einer netten Kirche vorbei.

unterwegs unterwegs2

Irgendwie merkte man es doch, dass wir jetzt in Ostdeutschland waren, aus irgendwelchen Gründen fühlte sich die Gegend nicht mehr vertraut an. Wir überlegten und kamen zu dem Schluss, dass es wohl einerseits an den weiten Kornfeldern lag, zu denen kein Bauernhof gehört. Man sah auch niemanden dort arbeiten, was aber auch nicht notwendig war, das Getreide reifte gemütlich vor sich hin. Außerdem sehen die Häuser dort auch etwas anders aus, quadratisch, praktisch, gut. Einige dieser wohl klassischen DDR-Häuser waren inzwischen wunderschön saniert, andere jedoch noch nicht.

Weiter ging es am Rand des Lenorenwalds entlang einen Hügel hinauf nach Hohenschönberg. Dieser Ort macht seinem Namen natürlich alle Ehre, und Mecklenburg-Vorpommern ist also genauso wenig flach wie Schleswig-Holstein. Doch dann gab es eine wunderschöne lange Abfahrt bis fast nach Klütz.

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Dann wollte ich endlich wieder ans Meer, und wir bogen ab Richtung Boltenhagen. Der Gatte war allerdings mit meiner Wahl nicht einverstanden, denn “hier ist doch nichts”. Gar nicht wahr, es gibt dort einen netten Hafen, und – noch besser – ein Kiosk mit sehr leckeren, sehr würzigen Fischbrötchen!

boltenhagen boltenhagen2

So gestärkt fuhren wir weiter und fanden tatsächlich die Ostseeroute wieder. Bald waren wir auf dem Weg nach Zierow, unserem heutigen Ziel. Unterwegs kamen wir am “Kuriosen Muschelmuseum” und an einem Laden mit der Aufschrift “Lebensmittel, Nützliches und Schnickschnack” vorbei.

Über eine recht lange Anfahrt vorbei an einem Reiterhof und diversen Ferienhäusern erreichten wir den Campingplatz. In dem gepflegten Blumenbeet vor der Rezeption begrüßte uns eine etwas kitschige Skulptur zweier springender Delfine. Da noch nicht viel los war, durften wir uns einen Platz auf der Familienzeltwiese aussuchen. Natürlich positionierten wir unser Zelt so, dass wir auf das Meer schauen konnten und hofften, dass uns nicht später noch ein Wohnmobil die Aussicht verstellen würde. Und nach diesem eher wolkenverhangenen Tag schien auch wieder die Sonne, was will der Mensch mehr?

Hier waren wir auf einem Campingplatz mit allen Schikanen gelandet: Schwimmbad, Indoorspielplatz, Restaurant, und die Sanitäranlagen waren so groß, dass wir uns fast darin verliefen und, wie es bei Loriot so schön heißt, “sehr sauber”.

Nach unserem abendlichen Restaurantbesuch wollten wir zum Strand, aber es dauerte eine Weile, bis wir den richtigen Ausgang gefunden hatten. Am Wasser setzten wir uns auf eine Bank und beobachteten zwei junge Leute, die auf einer Art Schlauchbooten stehend auf die andere Seite der Bucht stakten. Respekt. Ich hätte es wahrscheinlich nicht mal geschafft, auf so einem kippligen Ding aufzustehen. Als es dann doch etwas kühl wurde, verzogen wir uns in unser Zelt.

zierowstrand zierowstrand2

Am nächsten Morgen schien die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Wir frühstückten ausgiebig mit zwei Tassen Kaffee, denn es war Freitag und unser Ruhetag. Dann fuhren wir nach Wismar. Die Radstrecke war teilweise wunderschön zu fahren, teilweise führte sie über schlaglochreiche Feldwege. Hin und wieder hatten wir eine tolle Aussicht über die Bucht, und zahlreiche Schilder warnten vor den Gefahren der abbröckelnden Steilküste.

Wir kamen an einer Kleingartensiedlung “mit Seeblick”, in diesem Fall Aussicht auf die Werft, vorbei und rollten ins Zentrum. Bei der neuen Kirche parkten wir die Leezen. Diesmal hatten wir keine Premium-Stadtführung, sondern mussten Wismar selbst erkunden. Auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz mit der Wasserkunst begannen wir unseren Rundgang. Dieser Brunnen wurde am Ende des 16.Jahrhunderts vom Utrechter Baumeister Philipp Brandin im Stil der niederländischen Renaissance erbaut und gilt als Wahrzeichen der Stadt.

wismarmarktplatz wismarwasserkunst

Als erstes besichtigten wir die Kirche St. Georgen, die wie so viele Bauwerke im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war. Da man in der ehemaligen DDR andere Prioritäten hatte als Sakralbauten zu renovieren, hatte man erst nach der Wiedervereinigung mit der Restaurierung begonnen. Als jedoch im Januar 1990 ein Orkan den Giebel des nördlichen Querhauses herunterriss, war eindeutig Handlungsbedarf gegeben, und es kamen nach und nach die nötigen Gelder zusammen, um die Kirche zu renovieren. Die wichtigsten Arbeiten waren im Jahr 2010 beendet, und die Kirche wird jetzt als Sakral- und Kulturgebäude genutzt. Während unseres Besuchs wurde gerade die Kulisse für das Stück „Jedermann“ aufgebaut.

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Wie die anderen größeren Kirchen in Wismar ist auch St. Georgen ein Beispiel der norddeutschen Backsteingotik, die wir bereits in Kiel und Lübeck bewundern durften. Hier mal ein bisschen mehr darüber: Bereits im 12. Jahrhundert wurden Backsteine als Baumaterial eingesetzt, so dass die ältesten Bauwerke eigentlich zur Backsteinromanik gehören. Der Begriff „Backsteingotik“ wird vor allem für Norddeutschland und die Länder um die Ostsee verwendet, obwohl man Gebäude dieser Art auch in den Niederlanden, Belgien und sogar in England finden kann. Wikipedia schreibt dazu:

„Charakteristisch ist einerseits das überwiegende Fehlen von figurativen Bauplastiken, die mit Backsteinen nicht zu realisieren waren, andererseits die reiche Gliederung durch gemauerte Ornamente und Flächenstrukturierungen durch den Wechsel von roten und glasierten Ziegeln und weiß gekalkten Wandflächen.“

Danach gingen wir zur Marienkirche, von der nur der Turm übrig ist. Das ebenfalls im Krieg schwer beschädigte Kirchenschiff wurde 1960 gesprengt – auch eine Lösung. In den vergangen Jahren wurde der Turm so weit restauriert, dass man ihn für Veranstaltungen nutzen kann, und der Grundriss der ehemaligen Kirche wurde durch niedrige Mauern wieder sichtbar gemacht.

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Danach besuchten wir die Ausstellung „Bilder einer Stadt“ im Keller des Rathauses. Die Ausstellung bietet einen Einblick in die Stadtgeschichte, aber auch der Ratskeller selbst ist sehenswert. Wir lernten, wie sich Wismar seit dem 13. Jahrhundert von einer Handwerkssiedlung zu einer bedeutenden Hansestadt entwickelte und dann im 30jährigen Krieg schwer verwüstet wurde. Beim Westfälischen Frieden im Jahr 1648 wurde die Stadt den Schweden zugeschlagen, die sie in den nächsten 150 Jahren zu einer mächtigen Festung ausbauten. Viele Namen in der Stadt, wie das Restaurant „Alter Schwede“ oder das „Schwedeneck“ zeugen noch von dieser Zeit. Im 19. Jahrhundert war Wismar eine wichtige Hafenstadt und um die Jahrhundertwende auch eine bedeutende Industriestadt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden große Teile der Stadt durch Bombenangriffe zerstört. Heute steht die größtenteils renovierte Altstadt unter Denkmalschutz.

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Nach der ganzen Kultur setzen wir uns erst mal auf den Marktplatz und beobachteten die Leute. Wir stellten fest, dass die Tattoos sowohl zahlen- als auch oberflächenmäßig zunahmen, aber das musste nicht unbedingt mit der geografischen Lage zusammenhängen, es konnte auch am schönen Wetter liegen.

Dann gingen wir einkaufen und begaben uns zurück zum Campingplatz, wo wir nach einem selbstfabrizierten Abendessen im Schatten des Gruselbaums noch ein Pfund Erdbeeren verspeisten, Postkarten schrieben und lasen. Als es zu regnen begann, verkrochen wir uns ins Zelt.

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Am nächsten Tag war es so warm, dass ich zum ersten Mal die kurze Hose anziehen konnte. Wir gaben unsere Postkarten an der Rezeption ab und brachen auf. Erst fuhren wir wieder die bekannte Strecke nach Wismar und dort auf einem Radweg um das Zentrum herum. Leider lag dort viel Glas, so dass wir extra vorsichtig fahren mussten. Was ich diesen Halbdackeln wünsche, die die Radwege mit Glas verzieren, habe ich ja an anderer Stelle schon mal geschrieben. Wir mussten durch ein Industriegebiet, und dann gab es Schilder Richtung Insel Poel.

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Wir fuhren am Salzhaff entlang durch nette Ortschaften und vorbei an weiten Getreide- und Rapsfeldern, deren Sinn und Zweck uns durch Schilder mit der Auschrift “Hier wächst Ihr Sonntagskuchen” oder “Unsere Ölfelder blühen gelb” erklärt wurde. Ein “Haff” ist übrigens ein Brackwasserbereich, der durch eine Nehrung (Landzunge) oder vorgelagerte Inseln vom tieferen Meer getrennt ist. Weiter ostwärts heißt diese Erscheinung “Bodden” und ist wohl typisch für die Ostsee, denn an der Nordsee habe ich so etwas noch nicht entdeckt. Und auch hier konnen wir wieder die für die deutsche und niederländische Nordsee so untypische Steilküste bewundern.

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Wie schon einmal erwähnt ist es auch hier nicht wirklich flach, aber schön zu fahren. Die langen Anstiege sind nicht besonders steil, und bei den Abfahrten muss man nicht einmal bremsen, falls nicht gerade jemand mit Hund im Weg herumdackelt.

Unterwegs sahen wir ein liebevoll bemaltes Transformatorenhäuschen, von denen wir später noch viel mehr entdecken sollten. Bis Rerik fuhren wir noch durchs Landesinnere, und beim Leuchtturm von Bastorf landeten wir wieder an der See.

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Inzwischen war es ziemlich warm geworden, und der Ortsname “Kühlungsborn” klang angenehm erfrischend. Wir fuhren durch das Seebad mit seiner schön sanierten Bäderarchitektur und steuerten am Ortsrad einen Supermarkt an. Während Peter einkaufte, kam die Erfrischung in Form eines Regenschauers. Ich stellte mich im Parkhaus unter und kam dort mit zwei ebenfalls radelnden Osnabrückern in Gespräch. Sie waren für ein paar Tage hier und machten von Kühlungsborn aus Radtouren. Dabei hatten sie festgestellt, dass es hier bei weitem nicht so flach war wie im Osnabrücker Land, und dass so ein E-Bike keine schlechte Erfindung ist.

Als der Regen nachgelassen hatte und der Gatte mit den Einkäufen zurückgekehrt war, fuhren wir weiter zum Campingplatz nach Bögerende. Der Zeltbereich dort ist an einem Teich mit vor sich hinquakenden Fröschen. Uglaublich, wieviel Lärm aus so kleinen Tieren rauskommt, aber idyllisch ist es schon.

Der Campingplatz hat absolute Luxusfacilities, erst dachte ich, dass ich mich auf der Suche nach der Dusche in irgendeinen Kur- und Wellnesbereich verlaufen hätte! Ich mache ja nicht oft Fotos vom Sanitärbereich, aber hier musste das wirklich sein.

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Nachdem wir unsere Klamotten gewaschen hatten, machten wir einen Spaziergang über den Strand nach Bögerende, wo ein neues Feriengebiet entstand: eine Eisdiele, das Fischrestaurant “Zum Fasan”, ein Fahrradverleih und zahlreiche neue Appartements warteten auf den Touristenansturm in der Hauptreisezeit.

Dann kehrten wir wieder zurück auf den Campingplatz und verspeisten unser Abendessen im Restaurant “Deichhus”. Das “Rostocker Dunkel” schmeckte dazu sehr gut. Danach saßen wir noch eine Weile auf der Bank auf der Zeltwiese, wo inzwischen viele Radfahrer eingetrudelt waren, bis es uns zu kühl wurde. Wir verkrochen uns in die Schlafsäcke und schliefen zu den Klängen eines Froschkozerts ein.

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Strand6Daagse (Teil 7)

Sechster und letzter Tag: Callantsoog – Den Helder (14 km)

Der letzte Tag unserer Wanderung war gekommen, und die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Zum letzten Mal wachten wir im Zelt, umgeben von hunderten anderer Wanderer, auf und versorgten unsere Wehwehchen. Inzwischen hatte fast jeder hier auf dem Platz irgendwas, und das Wort „pleisterplaats“ (Rastplatz), wie die Etappenziele auf der Website der Stand6daagse genannt werden, ist hier sehr wörtlich zu nehmen (pleister = Pflaster). Doch man trägt seine Pflaster, Tapes und Bandagen mit einem gewissen Stolz, schließlich hat man sie sich schwer erarbeitet.

Zum letzten Mal standen wir in der Schlange für das Frühstück. Dort erfuhren wir, dass man offiziell bis 15 Uhr in Den Helder einlaufen durfte, wo wir das letzte Mal unsere Teilnahmekarte knipsen lassen und ein Andenken abholen konnten. Bis 15 Uhr klang gut, das würde selbst ich mit meinem lädierten Bein hinkriegen. Der Frühstückskaffee war diesmal sehr heiß, da er frisch in Den Helder zubereitet worden war.

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Nach dem Frühstück hieß es zum letzten Mal das Zelt abbauen, verpacken und das Gepäck auf dem großen Haufen zurücklassen. Beim Füllen der Wasserflaschen gab es erst ein Problem, denn ein Scherzkeks hatte den Haupthahn des Waschbeckens auf der Zeltwiese, das ein bisschen an eine Viehtränke erinnerte, zugedreht. Dies war jedoch schnell gelöst, und wir gingen los.

Beim Strandaufgang sahen wir, dass ein Teil der Gruppe nicht zum Strand ging, sondern den Dünenweg nahm. Wir schlossen uns ihnen an – bloß kein Sand! Ich hatte meinen Unterschenkel bandagiert und ein Aspirin genommen, also ging das Laufen einigermaßen, aber man musste es ja nicht übertreiben. Die Dünenvariante ist zwar etwas länger, aber angenehmer und abwechslungsreicher. Zu diesem Schluss kamen immer mehr Teilnehmer, denn bei jedem Strandaufgang gesellten sich wieder einige zu uns.

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Bald kam der Leuchtturm von Den Helder in Sicht und irgendwann wurde er tatsächlich größer. Wir näherten uns dem Ziel. Bei einem Wegweiser, der nur noch eineinhalb Kilometer zum Zielort Huisduinen, wo sich am Strand Pfahl 1 befindet, kam uns eine Joggerin entgegen und rief uns zu: „Gut gemacht, den Rest schafft ihr auch noch!“

leuchtturmdenhelder huisduinen

Gegen Mittag erreichten wir den Strandaufgang bei Pfahl 1, wo ein Fotograf die offiziellen Finishfotos machte. Wir erklärten, dass wir hintenrum gekommen waren und bekamen auch unser Foto.

finishfoto

Dort befindet sich auch ein Gedenkstein für Henk Horstman, der 1959 den Grundstein zu dieser Wanderung legte. Damals wurde sie noch von Norden nach Süden gegangen, doch da es angenehmer ist, die Sonne im Rücken zu haben und der Wind meistens aus dem Süden weht, wurde irgendwann die Richtung geändert. Vom Rückenwind hatten wir dieses Jahr allerdings nichts, der Wind kam immer aus dem Norden. Aber beim Radfahren finde ich das schlimmer.

gedenkstein

Dann gingen wir zum Dorfplatz, wo wunderbar passend das Lied „Het feest kan beginnen, want wij zijn binnen“ aus den Lautsprechern schallte. Wir gingen zum Finishstand, wo man unsere Karten zum letzten Mal knipste, und erhielten ein mit Sand gefülltes Gläschen und eine Getränkemarke, die wir gleich am Bierstand einlösten. Außerdem erstand ich noch ein T-shirt mit der Aufschrift „Enjoy 6 days at the beach“ als Andenken.

Später lasen wir, dass zwei Wanderer sich vom Ziel direkt in die Dorfkirche begeben hatten, um dort zu heiraten. Sie hatten sich vor sechs Jahren bei der Strand6Daagse kennengelernt und waren sie seitdem jedes Jahr gelaufen. Ist das nicht romantisch? *schnüff* Am Tag selbst bekamen wir in all dem Trubel am Ziel jedoch nichts davon mit.

Dann wurde es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Zum letzten Mal warteten wir auf unser Gepäck, und dann brachte uns ein Pendelbus zum Bahnhof von Den Helder. Für diesen Service waren wir sehr dankbar, denn das sind doch noch einige Kilometer. Ohne Probleme oder Verspätungen fuhren wir nach Hause.

Mein rechter Fuß war inzwischen ein unförmiger Klumpen geworden – ganz klar überanstrengt. Doch ich befolgte brav die Anweisungen „Kühlen, schonen, vorläufig nicht joggen (als ob ich das jemals freiwillig machen würde!) und langsam mit Schwimmen und Radfahren wieder aufbauen.“ Inzwischen ist er längst wieder normal groß, wenn auch noch ein bisschen empfindlich, aber sowas zieht sich halt.

Zum Schluss zitiere ich noch die Abschiedsworte der Organisatoren auf unserem letzten Routenzettel: „Im Namen der Organisation danken wir Ihnen für Ihre Teilnahme und wünschen Ihnen eine gute Heimreise. Wir hoffen, dass Sie die sechstägige Wanderung an der Grenze zwischen Land und Wasser genossen haben. Vielleicht bis nächstes Jahr.“

Es war tatsächlich eine Grenzwanderung, und zwar nicht nur zwischen Land und Wasser, sondern auch gelegentlich an der Grenze der Leistungsfähigkeit. Schon bei der Vorbereitung musste ich immer wieder mit dem inneren Schweinehund kämpfen, wenn ich am Wochenende lieber mit einem Buch auf dem Sofa sitzen wollte, anstatt durch die Gegend zu dackeln. Aber wir können mit Stolz auf diese sechs Tage zurückblicken – wir haben es geschafft.

Unser Dank gilt den Organisatoren und den vielen ehrenamtlichen Helfern, die dieses Ereignis so reibungslos wir möglich über die Bühne gehen ließen. Es war wirklich ein tolles Erlebnis! Allerdings werden wir im nächsten Jahr nicht mehr mitlaufen, denn es gibt noch so viele andere Dinge zu tun. Und wir wissen ja jetzt, dass wir es schaffen können.

 andenken

Und jetzt, wo ihr euch tapfer bis ans Ende meiner Ausführungen durchgeschlagen habt, kann ich euch ja verraten, dass es bei buurtaal auch eine Kurzfassung gibt. *grins*

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Strand6Daagse (Teil 5)

Vierter Tag: IJmuiden – Egmond aan Zee (24 km)

 Heute war das Frühstück wieder auf sechs Uhr vorverlegt worden. Doch wir konnten etwas länger schlafen, da wir erst für die Fähre um halb zehn vom Südpier eingeteilt waren und deshalb erst gegen halb neun los mussten. Nicht weit von der Frühstücksausgabe entfernt verkauften unsere Gastgeber frische Pfannkuchen, also reihte ich mich in die Schlange ein. Ich fragte sie, ob sie nicht ein bisschen Show veranstalten könnten, Pfannkuchen werfen und fangen und dergleichen. Das Mädchen hinter dem Plattenkocher meinte schlagfertig: „Pfannkuchen mit Show kostet zwei Euro.“ Die Hamburger gestern und die Pfannkuchen heute sind eine gute Idee: Der Verein bessert seine Kasse auf und die Wanderer fühlen sich wirklich willkommen.

Dann bauten wir in Ruhe unser Zelt ab und machten uns gegen viertel vor acht auf die Socken Richtung Südpier, von wo aus wir mit einem Rundfahrtschiff zum Nordpier gebracht werden sollten. Einer der Organisatoren versuchte, uns aufzuhalten, da wir erst für später eingeteilt waren, und „wenn jeder zu früh da ist, gibt es beim Pier so ein Chaos“. Da wir aber erst noch zum Supermarkt wollten, durften wir passieren. Zwei Leute gingen mit ihrem gesamten Gepäck zur Bushaltestelle, denn „die Beine wollen einfach nicht mehr“. Wir hatten inzwischen auch entdeckt, dass es nicht mehr besser wird, wenn der Wurm in Form von Blasen, offenen Stellen, Muskelschmerzen und dergleichen erst mal drin ist. Da man jeden Tag weiter muss, kann sich der Körper nicht wirklich erholen. Aber uns ging es noch gut, und darüber waren wir sehr froh.

Im Supermarkt deckten wir uns mit Semmeln, Muffins und anderen Kalorienspendern ein, da das Lunchpaket ja bekanntlich nicht reicht. Einige Leute fragten uns interessiert über die Route aus und erzählten uns, dass der Unfall im letzten Jahr gar nicht weit weg von diesem Einkaufszentrum passiert war und auch die Leute in IJmuiden ziemlich erschüttert hatte. Auf unserem heutigen Tageszettel wurden wir extra darauf hingewiesen, dass wir doch bitte den ersten Zebrastreifen benutzen sollten, an dem extra „Schülerlotsen“ für uns bereitstanden.

Bald hatten wir, natürlich wieder zu früh, den Südpier erreicht, und tatsächlich ging es dort recht chaotisch zu. Das lag aber nicht an uns, sondern daran, dass die Überfahrt vor unserem plötzlich voll war und ein paar Leute trotz Ticket nicht mitkonnten. Ihnen war dann ein Platz auf „unserer“ Fähre garantiert worden, doch nun würde sich das Problem wohl weiter nach hinten verlagern, da jeweils 125 Leute auf das Schiff passten und acht Fahrten geplant waren. Wie das Problem gelöst wurde, erfuhren wir allerdings nicht mehr.

ijmuidenhaven

Während wir mal wieder in der Schlange standen, hatten wir genügend Unterhaltung, denn vor uns standen ein paar begnadete Geschichtenerzähler, die ein paar nette Schwänke von vergangenen Wanderungen zum Besten gaben. Bald kam das Schiff und wir setzten zum Nordpier über.

ijmuidenovertocht

Von dort aus war es nur ein kurzes Stück zum Strand, wo der Sand wieder angenehm hart war.

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Als es Zeit war für eine Mittagspause, setzten wir uns in den Schatten bei der Rettungsbrigade Heemskerk. Nach dem Essen wollten wir diverse Pflaster erneuern und fragten, ob wir uns zu diesem Zweck auf ihre Treppe setzen dürften, oder ob wir dann im Weg sitzen würden. Die netten Jungen brachten uns sofort einen Stuhl und fragten, ob wir selbst genug Pflaster dabei hatten oder ob wir noch welche benötigen würden. Wir hatten noch genug, aber wir fanden das Angebot sehr nett. Nachdem wir eine kleine Spende in ihrer Kasse zurückgelassen hatten, gingen wir weiter.

reddingsbrigade

Natürlich wurde der Sand wieder lockerer, und da die Flut kam, wurde das Stück Strand auch immer schmaler. Je mehr wir uns Egmond näherten, um so schwieriger wurde es, sich einen Weg durch all die Badegäste, Handtücher, Liegestühle uns Sandburgen zu bahnen, und das bei dem weichen Sand! Das letzte Stück war echt Schwerstarbeit. Zwei Mädchen kamen uns mit einer Schüssel entgegen, in der appetitlich angerichtete Melonenstücke lagen, ein Euro pro Stück – die Egmonder Jugend ist geschäftstüchtig. Auch wir bedienten uns und genossen die Erfrischung, bei diesen Temperaturen eine wahre Wohltat.

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Dann erreichten wir Pfahl 38 und steuerten als erstes die wohlbekannte Eisdiele an. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung zu Peters Bruder, wo wir einen sanitären Zwischenstopp einlegten (mal wieder etwas anderes als Dixiland) und ein Kaffeepäuschen machten. Wir verabredeten, dass wir in Ruhe unser Zelt aufbauen und dann gegen sechs Uhr zum Abendessen auf der Matte stehen würden.

Diesmal war unser Gepäck schon da, und schnell hatten wir das Zelt aufgebaut. Doch als ich vom Duschen zurückkam, konnte ich das Zelt auf einmal nicht mehr finden, mein T-shirt passte also, wie die Faust aufs Auge. Nachdem ich eine Weile ratlos durch die Gegend geschlurft war, wusste ich, dass ich mich von den zwei Aufgängen zum Vereinsgebäude hatte verwirren lassen. Trotzdem erschien mir das ganze Layout hier irgendwie unlogisch, keine Ahnung, warum.

Wir ließen das heutige Abendessen (Bratwurst mit Blumenkohl und Kartoffeln) ausfallen und machten uns auf den Weg zu Schwager und Schwägerin. Im Supermarkt um die Ecke mussten wir erst unsere Pflastervorräte aufstocken. So viele brauchen wir beim Radfahren nie. Bei unseren Gastgebern gab es Reis mit Krabben und Wokgemüse, eine angenehme Abwechslung. Über den Joghurt zum Nachtisch freuten wir uns besonders, denn den gab es auf den Campingplätzen logischerweise nicht.

Wir unterhielten uns gemütlich bis zum späten Abend, dann wurde es Zeit für uns, um zurück zu gehen. Unsere Gastgeber begleiteten uns zum Sportplatz, da sie auch einmal sehen wollten, wie es dort aussieht. Eigentlich sind Besuche nicht erwünscht, aber vom Eingang gucken dürfte wohl kein Problem sein. Als wir aufbrachen, spürte ich ein leichtes Ziehen im rechten Unterschenkel. Hoffentlich würde sich das bis zum nächsten Tag wieder geben.

Mitten in der Nacht musste ich mal raus. Das ist normalerweise kein Problem, aber auf diesem Platz hatte ich ernsthafte Orientierungsschwierigkeiten. Wie sollte ich im Dunkeln das Zelt wiederfinden? Das Handy mitnehmen und Peter im Notfall anrufen hatte keinen Sinn, denn sein Handy hing noch bei seinem Bruder an der Steckdose. Also weckte ich den Gatten und bat ihn, aus dem Zelt zu kommen und zu winken, wenn ich in einer Viertelstunde noch nicht zurück sein sollte. Unterwegs prägte ich mir einige Orientierungspunkte wie das riesige Familienzelt und einen Laternenpfahl an der Ecke ein und schaffte es tatsächlich, wieder zurück zu finden. Danach schlief ich problemlos bis zum nächsten Morgen.

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Strand6Daagse (Teil 4)

Dritter Tag: Noordwijk – IJmuiden (30 km)

 Da es heute heiß werden sollte, war das Frühstück eine Stunde vorverlegt worden. Sogar wir standen früher als normal auf und stellten uns an. „The same procedure as every day“, wir fingen an, uns an den Rhythmus zu gewöhnen.

Gegen halb acht gingen wir los zum Leuchtturm und von dort wieder an den Strand. Schon bald sahen wir die Hotels von Zandvoort aan Zee, die wie eine Festung an der Küste thronten. Dort würden wir etwas mehr als die Hälfte geschafft haben. Wie gestern und vorgestern am Vormittag war der Sand hart und das Laufen ging problemlos.

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Hin und wieder trafen wir auf Spaziergänger mit Hunden oder eine Gruppe Reiter. Gelegentlich mussten wir ein Stück Nacktbadestrand überqueren, aber zum Glück durften wir das in bekleidetem Zustand tun, sonst wäre das Ganze nämlich sher umständlich und zeitraubend geworden.

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Gegen Mittag erreichten wir Zandvoort und machten uns auf die Suche nach einem Restaurant, denn von dem Lunchpaket alleine wird man nicht satt. In einem Pfannkuchenrestaurant am Anfang der Promenade saßen schon einige Wanderer, und wir gesellten uns dazu. Mit ein paar alkoholfreien Bierchen wurde der Feuchtigkeitshaushalt wieder ausgeglichen, schließlich sollte man bei dieser Wanderung mindestens vier Liter pro Tag trinken. Peter hatte gehört, dass ein Herr wegen eines sonnenbrandartigen Ausschlags am Bein beim Erste-Hilfe-Zelt gewesen war. Dort wurde ihm erklärt, dass dies ein Anzeichen für Flüssigkeitsmangel sei, und dass er unbedingt mehr trinken müsse, da er sonst die nächsten Tage nicht schaffen würde. Das wollten wir auf gar keinen Fall!

Zum Essen gab es dicke, leckere Pfannkuchen mit Speck und Ananas, und so hatten wir die nötige Grundlage für die letzten Kilometer. Anstatt gleich auf den Strand zurück zu gehen, blieben wir bis Bloemendaal auf der Promenade, denn es tat gut, mal wieder auf anderem Untergrund zu gehen. Außerdem konnte man so die Badeurlauber, die sich inzwischen zahlreich eingefunden hatten, umgehen.

zandvoort

Dann gingen wir wieder zurück zum Strand, wo ich eine Weile barfuß durch das Wasser ging, um meine Füße abkühlen und wieder auf Normalgröße schrumpfen zu lassen. In der Ferne sah man inzwischen auch die Hochofen von Corus mit dem dazugehörigen Rauch, das Wahrzeichen von IJmuiden.

Gelegentlich liefen wir ein Stück mit anderen Wanderern, und so verging die Zeit ein bisschen schneller. Die Gespräche gestalteten sich meist wie folgt: „Wie geht es heute?“ – „Ganz gut.“ – „Läufst du zum erstem Mal?“ – „Ja.“ – „Ich zum dritten Mal. Der Sand ist heute gut, nicht wahr?“ – „Ja, sehr gut, kein Vergleich zu gestern Nachmittag.“

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Und so erreichten wir bald IJmuiden, wo wir den Strand wieder verließen. Beim Aufgang fand sich ein kleines Grüppchen, doch im Gegensatz zu gestern und vorgestern war diesmal keiner dabei, der sich auskannte, da dieses Jahr zum ersten Mal das Etappenziel nicht das fünf Kilometer nördlichere Velsen-Noord auf der anderen Seite des Nordseekanals, sondern eben IJmuiden war.

Der Grund für diese Änderung war wohl der Todesfall im letzten Jahr, bei dem ein Wanderer auf dem Weg zur Fähre unter einen Lastwagen gekommen war. Wir konnten uns gut vorstellen, wie so etwas passieren kann: Man muss durch ein Industriegebiet, um zur Fähre zu kommen und hat schon 30 Kilometer hinter sich. Man ist also müde und reagiert nicht mehr so schnell, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Dieser Unfall hatte die Einwohner von IJmuiden und natürlich auch die Wanderer ziemlich geschockt. Logisch, denn auch wenn man ihn nicht persönlich gekannt hatte, war er doch Teil der Gruppe, und vielleicht ist man ja ein Stück zusammen gegangen oder hat irgendwo im Nachbarzelt übernachtet. Auf jeden Fall sollte sich so etwas nicht wiederholen, und so übernachteten wir hier, und für den nächsten Tag wurde für uns eine Extrafähre organisiert, die uns vom Süd- zum Nordpier bringen würde, so dass wir nicht durch das Industriegebiet laufen mussten.

Ein paarmal mussten wir uns zum Sportplatz durchfragen, denn „IJmuiden ist groß“, wie uns eine Dame stolz erklärte. Doch nach einer Weile kamen wir an und wurden von dem Duft gebratener Hamburger und Zwiebeln empfangen. Der Sportverein IJmuiden hieß uns willkommen. Unser Gepäck war allerdings wieder noch nicht da. Wir werden noch richtig gut. Wir setzten uns in den Schatten und unterhielten uns mit anderen Wartenden. Einige beklagten sich, dass manche Leute fürchterlich schnarchten. Aber da diese sich in anderen Zelten befanden, konnte man wohl schlecht etwas dagegen machen. Wir kamen auf die Idee, ein „Snurkveldje“ (Schnarchfeld) einzurichten, für das man dann Leute nominieren konnte. Außerdem philosophierten wir über die verschieden Kombinationen von Zelten und Matratzen. Wie bringt man z. B. eine 50 cm hohe Luftmatratze für zwei Personen in ein winziges Quechua-Zelt? Alles schien hier möglich zu sein. Dann kamen die Lastwagen und wurden mit viel Brimborium ausgeladen.

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Dann ging ich duschen und machte auch gleich einen Termin bei einem der drei mitreisenden Sportmasseure, denn nach der ganzen Latscherei konnte man sich durchaus mal etwas Gutes tun. Auf der Ankündigungstafel stand, dass es heute um 16 Uhr zwei Schweigeminuten für die Insassen der abgestürzten Maschine MH 17 geben würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade in Zelt, aber es war tatsächlich sehr still auf dem Platz. Die Kirchenglocken, die anschließend läuteten, hörte man hier allerdings nicht.

Um 17 Uhr war es Zeit für meinen Massagetermin. Da ich keinen der drei Herren kannte, hatte ich mich einfach bei Ernesto in die Liste eingetragen. Ein freundlicher älterer Herr empfing mich und fragte: „Was kann ich für dich tun?“ – „Ich hätte gern die Beine massiert, wie man das im Fernsehen immer sieht, so bei den Fußballspielern vor der Verlängerung.“ Ich durfte auf der Liege Platz nehmen und dann wurden mir die Beine und Füße gründlich und fachkundig durchgeknetet. Dabei unterhielten wir uns eine Weile, und Ernesto fragte vorsichtig, wo ich denn ursprünglich herkomme, denn für einen Muttersprachler wäre mein Niederländisch nicht schlampig genug. Das ist doch mal ein nettes Kompliment. Nach der Massage hüpfte ich zwar noch nicht wie eine Gazelle durch die Gegend, aber die Beinmuskulatur war deutlich gelockert.

Der Held der Fußkranken war dieses Jahr ein gewisser Jean-Pierre, der in einem Zelt mit belgischer Flagge übernachtete und dort zahlreiche kleinere Verletzungen behandelte. Ich habe ihn nicht persönlich kennengelernt, doch sein Name wurde regelmäßig mit einer gewissen Ehrfurcht ausgesprochen. So hörte Peter, dass eine Frau die Wanderung abbrechen wollte, doch sie wollte sich unbedingt noch von Jean-Pierre verabschieden.

Dann wurde es Zeit zum Abendessen, heute Endivieneintopf mit Rauchwurst und viel Soße. Die Jungen an der Essensausgabe häuften uns einen Berg Eintopf auf den Teller, und bohren mit dem gefüllten Schöpflöffel fachkundig ein Loch, das sie mit derselben fließenden Bewegung mit Soße füllten. Zu ihrer Empörung schlugen wir die Orange allerdings diesmal aus.

In der Schlange vor der Essensausgabe vernahmen wir, dass der Kaffee und die Mahlzeiten in Den Helder zubereitet und mit einem Lastwagen zum jeweiligen Etappenziel gebracht wurden. Sie waren also jeden Tag ein bisschen wärmer. An den ersten zwei Tagen hatten Peter und ich noch fröhlich spekuliert, was es diesmal wohl geben würde, doch die Veteranen verdarben uns bald den Ratespaß: Das Menü ist jedes Jahr dasselbe.

Wir setzten uns auf den wunderbar weichen Rasen, genossen unser Essen und lauschten der Musik aus den Lautsprechern: Heb je even voor mij, Zelfs je naam is mooi, Het is een nacht und vieles andere, niederländisches Kulturgut pur also. Dann gingen wir schlafen, denn morgen würde es sicher wieder anstrengend werden.

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Strand6Daagse (Teil 3)

Zweiter Tag: Wassenaar – Noordwijk (20 km)

 Wieder wurden wir morgens von der Geschäftigkeit um uns herum wach. Wir zogen uns an und fingen an, schon ein bisschen einzupacken, bis es um sieben Uhr Frühstück geben sollte. Ungefähr eine Viertelstunde vorher bildete sich bereits wieder eine Schlange, der wir uns anschlossen. Eines hatten wir bereits gelernt: Wenn sich eine Schlange bildet, reiht man sich am Besten gleich ein, dann verpasst man nichts.

Wir zeigten wieder unsere Karten vor, dann erhielten wir jeder eine gelbe Tüte, in die die erfahrenen freiwilligen Helfer ein Päckchen mit Frühstücksstullen, eines mit Broten für unterwegs, eine Packung Capri-Sonne und einen Informationszettel eintüteten. Obst und Kekse sowie Kaffee konnten wir uns selbst nehmen. Wir setzten uns auf eine Bank und studierten eifrig die Informationen: Erst mal sollte es zum Strand zurück und dann am Wasser entlang bis Pfahl 81.250 und dann zum Sportplatz gehen. Außerdem wurden die für den Kaffee zuständigen Damen, die Nachtwächter und die Gepäckjungens namentlich erwähnt.

Nach dem Frühstück bauten wir das Zelt ab, wobei ich mit dem linken großen Zeh an einen Hering stieß. Mist! In der Unterseite klaffte ein dreieckiger Schnitt, der recht heftig zu bluten begann. Gut, dass ich genug Pflaster, Verband und natürlich Leukoplast mithatte. So konnte ich den Zeh selbst versorgen und brauchte nicht ins Erste-Hilfe-Zelt.

Wir gaben das Gepäck ab und verließen den Campingplatz. Da der Freizeitparkbetrieb noch nicht begonnen hatte, konnten wir den direkten, erstaunlich kurzen Weg zum Ausgang nehmen. Dann gingen wir wieder die vier Kilometer zum Strand zurück. Dieser war erst menschenleer und der Sand war fest, so dass wir gut voran kamen.

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Wie immer nach circa eineinhalb Stunden machte sich mein Magen bemerkbar, und wir setzten uns in den Sand und verputzen einen Teil unseres Lunchpaketes. Bis zum Abendessen würde das Zeugs aber nicht vorhalten! Bei der Gelegenheit wurde auch der Zeh neu verpflastert. Das Barfußlaufen im Sand war wohl heute keine gute Idee.

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Bei Katwijk mussten wir um die Wassersperre herum und dann wurde das Laufen auf dem Sand wieder mühsamer. Wenn mich mein Halbwissen hier nicht täuschte, hatte das mit den Gezeiten zu tun. Wenn sich das Wasser bei Ebbe grade zurückzieht, ist der Sand praktisch „gesättigt“ und richtig schön hart, doch wenn die Flut kommt, ist er trocken und weich, und das anspülende Wasser hilft auch nicht viel. Außerdem war es inzwischen ziemlich warm geworden und Sonne knallte erbarmungslos vom Himmel.

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Am frühen Nachmittag erreichten wir den ersten Strandzugang bei Noordwijk und beschlossen, dort den Strand zu verlassen und durch die Ortschaft zu gehen und etwas Essbares und Schatten zu suchen. Erst schien es nur vornehme Hotels und entsprechende Restaurants mit übersichtlichen Mahlzeiten und indirekt proportionalen Preisen zu geben, doch dann erreichten wir das Zentrum mit verschiedenen Snackbars. Wir verleibten uns eine große Portion Pommes ein und gingen dann im Schatten der Häuser zum Leuchtturm, von wo aus wir eine Wegbeschreibung zum Sportplatz hatten. Wir trafen bald auf andere Wanderer mit gelben Flaggen, und gemeinsam fanden wir den Sportplatz recht schnell.

Dort stellten wir fest, dass unser Gepäck noch nicht da war. Da wir morgens erst gefrühstückt und dann abgebaut hatten, waren unsere Taschen mit der zweiten Ladung transportiert worden. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich tatsächlich mal so flott unterwegs sein würde. Wir füllten unsere Wasserflaschen und setzten uns in den Schatten des Umkleidegebäudes.

Nach etwa einer halben Stunde kamen die Lkws, und das Gepäck wurde von kräftigen jungen Männern ausgeladen, und einzelne Utensilien wie lose Zeltstangen entsprechend kommentiert. Nachdem unsere Taschen aus dem Bauch eines Lkws zum Vorschein gekommen waren, suchten wir uns ein Plätzchen in ausreichender Entfernung zum Vereinsheim auf der einen und Den Dixi-Klos auf der anderen Seite. Als wir gerade mit dem Aufbauen beschäftigt waren, fragte uns ein Fotograf des dortigen Ortsbauernblattes, ob er von uns ein paar Fotos machen dürfte, es sähe so routiniert aus. Na ja, wir haben das ja auch lange genug geübt.

Danach ging es unter die Dusche, die diesmal herrlich warm war. Allerdings stellten wir im Laufe des Nachmittags fest, dass es für so viele Leute recht wenig Toiletten und Waschbecken gab, aber da muss man wohl durch. Irgendwann hieß es nur noch „Ich gehe jetzt nach Dixiland“, wenn man aufs Örtchen musste.

dixiland

Ich fühlte mich etwas steif, aber auch andere klagten über Muskelkater. Da es noch recht früh war, legten wir uns in unser Vorzelt und lasen. Dabei zog sich Peter, dessen untere Extremitäten aus dem Zelt ragten, einen Sonnenbrand an Füßen und Unterschenkeln zu. Später kratzte er sich auch noch an einem Hering. Irgendwie war das nicht so ganz unser Tag. Nach einer Weile gingen wir in die Kantine des Vereinsheims und gönnten uns ein Bierchen.

In der Zwischenzeit hatte sich der Platz gefüllt, und die Zelte standen dicht an dicht, wie auf dem T-shirt mit der Aufschrift „Where‘s my tent?“, das ich vor ein paar Jahren in England erstanden hatte und das ich hier als Abendgarderobe sehr passend fand.

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Dann war es Zeit zum Abendessen. Heute gab es eine Art Kassler mit Karotten, Erbsen und natürlich Kartoffeln, sowie die unvermeidliche Orange. Bei der Essensausgabe kündigte ein Schild an, dass das Frühstück wegen der sehr sommerlichen Temperaturen morgen schon ab sechs statt ab sieben Uhr ausgegeben werden sollte. Vielleicht sollten wir uns dann auch mal etwas früher auf die Socken machen, denn die Etappe nach IJmuiden war wieder 30 Kilometer lang.

Als wir uns später in unsere Schlafsäcke verkrochen, stellten wir fest, dass so ein Fußballfeld die ideale Zeltwiese ist. Man liegt völlig waagrecht, es gibt keinerlei Wurzeln oder Steine, die sich durch die Isomatte hindurch bemerkbar machen, und der Rasen ist wunderbar dick und saftig. Selten habe ich im Zelt so gut geschlafen.

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Strand6Daagse (Teil 2)

Erster Tag: Hoek van Holland – Wassenaar (30 km)

 Um sechs Uhr wurden wir wieder wach: Zahlreiche Nachbarn wühlten sich aus den Schlafsäcken, Zeltstangen klapperten, Menschen unterhielten sich leise. So früh hatten wir zwar nicht aufstehen wollen, aber angesteckt von der allgemeinen Geschäftigkeit beschlossen auch wir, unsere Sache zusammen zu packen und uns auf den Weg zum Startpunkt zu machen.

Nach einem schnellen Frühstück gingen wir zur Rezeption, wo sich schon eine lange Schlange gebildet hatte. Wir erfuhren, dass man sich für zwei Euro pro Person mit einem Sammeltaxi zum „Jagershuis“ bringen lassen konnte. Wir reihten uns ein, denn laufen würden wir ja später noch genug. Die pro Fuhre ungefähr zehn Leute mitkonnten und mehrere Taxis unterwegs waren, ging die Abfertigung recht schnell.

Am Start standen schon vier Lkws, mit denen das Gepäck nach Wassenaar transportiert werden sollte. Wir folgten dem Beispiel der anderen und legten unsere drei wasserdicht verpackten Gepäckstücke, an denen wir weisungsgemäß rote Bänder befestigt hatten, zu den zahlreichen anderen. Dann hieß es wieder Schlange stehen, diesmal vor einem roten Bus. Wir legten unsere ausgefüllten Teilnahmekarten vor und erhielten eine gelbe Flagge, ein ebensolches kleidsames Armband und einen Zettel mit den Informationen zum heutigen Tag. Wir befestigten die Flaggen an unseren Rucksäcken und studierten bei Kaffee und Brötchen, was uns erwartete. Die Route war an sich recht einfach: man geht immer gemütlich am Strand entlang bis Pfahl 92. Dann verlässt man den Strand und geht zum Campingplatz Duinrell. So weit die Theorie.

start

Wir brachen auf, und die ersten Kilometer gingen auch sehr gut, denn der Sand war wunderbar fest. Vor uns sah man ein langes Band aus Wanderern mit flatternden Fähnchen an den Rucksäcken, das sich hinter uns fortsetzte. Einmal löste sich mein Fähnchen vom Rucksack, wurde aber von einer anderen Wanderin wieder eingefangen.

strandwanderer

Doch irgendwann wurde der Sand lockerer und das Gehen schwerer. Dies lag, laut unserer Tagesinfo an den Sandvorspülungen, die in dieser Gegend durchgeführt wurden, um die Küste zu stabilisieren. Bis sich der neue Sand richtig gesetzt hat, dauert es einige Jahre. Wir beschlossen, ein Stück barfuß zu gehen, da man dann besser an der Wasserlinie laufen kann. Das ging auch sehr gut, doch vor lauter Begeisterung übersah ich ein Loch und stand plötzlich ein Stück tiefer und ließ vor Schreck meine Schuhe fallen. Dies brachte mir also eine nasse Hose, nasse Schuhe und diverse Kommentare ein, denn wer den Schaden hat, braucht ja bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen. Sonne und Wind trockneten jedoch alles relativ schnell wieder.

Vor Scheveningen verließen wir und viele andere den Strand und gingen ein Stück über den befestigten Dünenweg. Unter uns pflügten sich einige Strandpuristen immer noch durch den weichen Sand, aber man kann es auch übertreiben. Die Dünen gehören ja schließlich auch irgendwie zum Strand.

duenen duenenweg

Am späten Vormittag erreichten wir eine Reihe von Strandlokalen und versuchten, eine Toilette zu finden, die bereits geöffnet hatte. Dies war gar nicht so einfach, die Strandlokale befanden sich größtenteils noch im Tiefschlaf. Irgendwann schafften wir es jedoch, und dann mussten sowieso kurz weg von der Küste, um den Hafen zu umrunden.

scheveningen scheveningenhafen

Auf der Promenade machten wir Mittagspause, dann folgten wir noch ein Stück dem befestigten Weg zwischen den Strandlokalen. Dieser war jedoch irgendwann zu Ende, und wir mussten wieder durch den Sand. Unterwegs kamen wir immer wieder mit anderen Wanderern ins Gespräch: Einige waren die Strecke schon öfter gelaufen und kannten sich aus, andere gingen, wie wir, zum ersten Mal.

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Laut unseren Instruktionen mussten wir bei Pfahl 92 den Strand verlassen. Pfähle gab es genug, aber sie standen immer so weit weg, dass man sich ein ganzes Stück durch lockeren Sand pflügen müsste, um die Zahlen lesen zu können. Einmal schaute Peter doch nach, wir waren bei Pfahl 96 und 2/3 (oder so ähnlich). Also noch etwa eine Stunde beziehungsweise knapp fünf anstrengende Kilometer Fußmarsch, und die Möwen schienen schon auf die ersten Leute zu warten, die zusammenbrechen würden.

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Endlich erreichten wir besagten Pfahl und enterten erst einmal das dortige Strandlokal, wo wir uns mit Kaffee und Apfelkuchen für die letzten Kilometer stärkten. Und das war auch notwendig, denn diese zogen sich noch ganz schön lange hin. Zum Campingplatz Duinrell waren es noch ungefähr vier Kilometer, die wir in einer kleinen Gruppe gingen. Wir hofften, dass der Anführer sich auskannte und auch tatsächlich dasselbe Ziel hatte. Nicht, dass er erst noch seine Schwiegermutter besuchen will und dann mit fünfzehn erwartungsvollen Leuten vor einen Reihenhaus am Stadtrand steht.

Endlich erreichten wir den Eingang des Campingplatzes und Vergnügungsparks, doch die Marschiererei war damit noch nicht zu Ende. Damit wir den normalen Freizeitparkbetrieb möglichst wenig störten, wurden wir auf Schleichwegen um das Areal geleitet. Inzwischen war ich ziemlich erledigt, und die Organisatoren „were toying with my will to live“, wie Bill Bryson das einmal so schön formuliert hatte. Doch irgendwann war es tatsächlich geschafft, und wir standen vor einem riesigen Gepäckberg. Wie sollten wir hier nur unsere Taschen finden? Doch bald entdeckten wir, dass es drei Unterhaufen gab, einen mit weißen, einen mit blauen und einen mit roten Bändern. So wurden wir doch noch relativ schnell fündig.

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Wir bauten unser Zelt auf und machten uns auf die Suche nach einer Dusche. Im Sanitärgebäude, das am nächsten an unserer Zeltwiese lag, gab es zwar nur kaltes Wasser, aber egal. Auf keinen Fall wollte ich heute noch einen Schritt mehr gehen als unbedingt notwendig.

Nach der recht erfrischenden Dusche rollte ich mich in meinen Schlafsack und machte ein Schläfchen, bis sich wieder eine Schlange formierte. Das Abendessen wurde serviert, und zwar gar nicht weit weg von unserem Zelt. Das war gut, denn inzwischen nieselte es leicht. Wir stellten uns an, zeigten unsere Karten vor und erhielten je einen Plastikteller mit einer Frikadelle, grünen Bohnen und Kartoffeln. Als Nachtisch gab es eine Orange. Dies war wohl das erste Mal, dass wir im Zelt eine warme Mahlzeit einnahmen, während der Regen sanft auf das Zeltdach trommelte.

anstehen abendessen

Gegen halb neun gab es noch Kaffee, und wir konnten die Karten für die Fahrt am Donnerstag über den Nordseekanal bei IJmuiden abholen.Was es damit genau auf sich hat, würden wir später erfahren. Wo vor ein paar Stunden noch der Gepäckhaufen gewesen war, standen nun Zelte. Ein paar Gepäckstücke waren allerdings noch übrig und gaben Rätsel auf, doch blad darauf kamen die Besitzer. Wo sie so lange gewesen waren, erfuhren wir jedoch nicht. Da es inzwischen nicht mehr regnete, setzten wir uns zu zwei Herren auf eine Bank und unterhielten uns. Zwei Leute waren heute bereits ausgefallen, einer war in Hoek van Holland auf der Treppe zum Strand umgeknickt und hatte einen Meniskusriss davongetragen. Nicht schön, sowas.

Nach einer Weile gingen wir schlafen. Morgen sollte es weiter nach Noordwijk gehen.

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Strand6Daagse (Teil 1)

Prolog:

Die Strandzesdaagse (von den Organisatoren Strand6Daagse genannt) ist eine sechstägige Wanderung von Hoek van Holland nach Den Helder, die in der letzten Juliwoche stattfindet. Sie führt, wie der Name schon sagt, in sechs Tagen am Strand entlang, und die Etappenziele sind Wassenaar, Noordwijk, IJmuiden, Egmond aan Zee, Callantsoog und Den Helder. Die Länge der Tagesetappen variiert von 14 bis über 30 Kilometer. Übernachtet wird im Zelt, und das Gepäck wird von einem Etappenziel zum nächsten transportiert. Nach diversen Radurlauben kamen Peter und ich letzen Sommer auf die Idee, dass man diese Wanderung ja einmal mitmachen könnte, einfach nur, um herauszufinden, ob wir das auch können.

 Erst mussten wir natürlich eine der begehrten Teilnahmekarten ergattern. Die Anzahl der Wanderer ist aus organisatorischen Gründen auf 1000 begrenzt, und die Karten sind begehrt. Wir beantragten also ein Formular, das an einem bestimmten Stichtag im November mit der Post verschickt wird. Die ersten 1000 Leute, die das ausfüllte Formular zurückgeschickt und das Startgeld (160 Euro pro Person) überwiesen haben, erhalten eine Karte. Wer zu spät kommt, wird auf eine Warteliste gesetzt. Wie die Geier lauerten wir also an einem Samstag im November vor dem Briefkasten, um die Anmeldung rechtzeitig auszufüllen und am selben Tag zurück zu schicken.

 Zum Glück bekamen wir unsere Zusage sofort, und dann ging es ans Trainieren, denn 30 Kilometer läuft man nicht so aus dem Stand. Also unternahmen wir an den Wochenenden zahlreiche Wanderungen in die Umgebung und lernten so diverse nette Restaurants kennen. Und als wir einmal aufgrund einer falschen Abzweigung ungeplant 30 Kilometer gegangen waren, ohne das Gefühl zu haben, dass man uns durch den Fleischwolf gedreht hatte, nahmen wir an, dass wir uns ausreichend vorbereitet hatten. Da wir jedoch in Twente und nicht am Meer wohnen, hatten wir wenig Gelegenheit, auf Sand zu laufen. Aber so viel würde das wohl nicht ausmachen, dachten wir.

 Zwei Tage vor dem Start fuhren wir bereits nach Hoek van Holland, um Alltag und Arbeit hinter uns zu lassen und uns auf die Nordsee einzustimmen. Wir mussten in Utrecht umsteigen, wo wir die ersten Kilometer machten, da mehrfach das falsche Gleis angesagt wurde und wir jedes Mal wieder durch die Unterführung traben mussten. In Rotterdam trafen wir zwei Damen, die dasselbe Ziel hatten wie wir. Sie waren voriges Jahr schon einmal gelaufen, aber da damals der fünfte Tag von Egmond nach Callantsoog wegen schlechten Wetters ausgefallen war und man die Teilnehmer mit Bussen zum Etappenziel gebracht hatten, wollten sie die Tour diesmal komplett gehen.

 In Hoek van Holland nahmen wegen ihres unhandlichen Gepäcks ein Taxi zum Campingplatz, und so durften wir ihre Wegbeschreibung haben. Ich hatte den Weg zwar nachgeschaut, aber nicht ausgedruckt, da ich dachte, dass es vom Bahnhof schon Schilder zum Campingplatz geben würde. Gab es aber nicht. Als wir auf dem Campingplatz ankamen, erfuhren wir, dass große Teile für die Wanderer der Strand6daagse reserviert waren. Wir bekamen einen netten Eckplatz, und im Laufe der nächsten zwei Tage sollten sich die Zeltwiesen mehr und mehr füllen.

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 Wir begrüßten die Nordsee, wo es zuging wie am Stachus und erkundeten Dorf und Hafen. Letzteren kannten wir ja schon von diversen Englandurlauben, und auch diesmal lag eines der Stena-Line-Schiffe vor Anker, dass bald ohne uns nach Harwich fahren würde.

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 Schnell hatten wir auch das „Jagershuis“ gefunden, wo es am übernächsten Morgen losgehen sollte. Gerade als wir mit dem Abendessen auf einer netten Terrasse fertig waren, begann es zu regnen, und wir sprinteten zurück zum Campingplatz.

 Am nächsten Tag besuchte uns ein Freund aus Rotterdam und wir verbrachten einen netten Ratsch- und Kaffeenachmittag, während immer mehr Teilnehmer anreisten und wir alle möglichen Zelt- und Matratzenkonstuktionen bewundern konnten. Beliebt sind im Moment die Quechua-Zelte, die man einfach hinwirft und festspannt, bei denen sich das Zusammenlegen aber meist als sehr schwierig gestaltet. Als ich beim Zähneputzen war, kamen ein paar Mädchen mit einer riesigen Matratze in den Waschraum. Meine stumme Frage, was sie damit wollten, war schnell beantwortet: Sie suchten eine Steckdose.

 Mitten in der Nacht kamen ein paar Leute vorbei, die schon gut getankt hatten, und machten einen Höllenrabatz. Ein Mädchen rief immer wieder hysterisch: „Pass auf die Schüre auf, hier sind überall Schnüre!“ Dies ist ja der Schrecken eines jeden Campers, dass einem jemand in die Spannschnüre rennt und die ganze Pracht einreißt. Ein Junge trötete: „Hier ist der Weckservice! Es ist sechs Uhr und der Bus steht bereit!“ Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass es erst drei Uhr war. Vielleicht sollte ich den Leuten nachschleichen, um herauszufinden, wo ihr Zelt steht, und dann morgens um sechs Uhr daneben mit einer Gabel über einen Topfboden kratzen. Aber dazu war ich zu faul und schlief bald wieder ein. Ein paar Stunden blieben uns schließlich noch, bevor das Abenteuer beginnen sollte. Bleibt also dran!

hoekvanholland2

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Wet Picture (7) – Wenn bei Egmond die rote Sonne im Meer versinkt…

Ich weiß, einige Leute warten schon auf Teil 2 des Reiseberichts, und es wird auch schon dran gearbeitet. Aber jetzt ist erst mal wieder der zweite Mittwoch im Monat, also Tag des nassen Bildes, ein Projekt, das ich schon eine ganze Weile sträflich vernachlässigt habe.

Und die Fotos sind auch auf eben dieser Radtour aufgenommen, nämlich in Egmond aan Zee, wo wir einen wunderschönen Sonnenuntergang bewundern konnten:

Dieses Zusammenspiel von Wasser, Wolken und Sonne fasziniert mich immer wieder.

Und wie man sieht, waren wir nicht die einzigen, die dieses Schauspiel bewunderten:

Es hat sich also durchaus gelohnt, dass ich den Gatten von Scrabble-Spielen losgeeist und zum Strand geschleppt habe. Die Verwandtschaft wohnt schließlich da und kann immer gucken, wenn sie Lust hat, aber wir haben sowas leider nicht vor der Tür und müssen so einen See-Sonnenuntergang mitnehmen, wenn es geht.

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