Beiträge mit dem Schlagwort: Stromausfall

Irgendwas ist immer, auch in der Synagoge

Vor einiger Zeit hatte ich euch ja ein Synagogen-Update versprochen. Bitte schön.

Vor gut drei Wochen hatte ich also meine Feuertaufe, eine Führung für eine deutsche Schulklasse (12 – 13 Jahre), bei der eine Ausbilderin mitging. Das Ganze war eine größere Aktion, vier Gruppen, von denen jeweils zwei gleichzeitig durch das Gebäude geführt werden sollten, während die anderen Kaffee tranken. Meine „Parallelgruppe“ wurde von einer erfahrenen Kollegin geführt, die meinte, dass ich mich einfach an die vorgegebene Reihenfolge der Räume (Klassenzimmer, Kleine Schul, Große Schul) halten sollte, sie würde ihre Pappenheimer um mich herum manövrieren. Das beruhigte mich schon mal.

Allerdings kam der Bus der Schule eine gute halbe Stunde zu spät, so dass ich doch einiges überschnitt und streckenweise ca. 80 Schüler gleichzeitig durch das Gebäude wuselten. Zum Glück hatte ich mich gut vorbereitet und konnte den Schülern (in meiner Gruppe waren nur Jungen) einige Dinge außerhalb der genannten Räume zeigen, wenn wir warten mussten, z. B. die Tische zu den verschiedenen Festen und die Thorarolle in der Vitrine.

Einige der Jungen waren schon einmal in der Synagoge gewesen und wussten einiges über das Gebäude und das Judentum. Und anders als die Gruppe meiner Kollegin waren sie sehr interessiert. Die ersten Fragen waren: „Sind Sie Niederländerin? Sind Sie Jüdin?“

Nach der Führung gab es noch eine Nachbesprechung, und meine Kollegin aus der Lerngruppe und ich dürfen jetzt selbstständig Schulklassen führen. Die erste „große“ Führung für Erwachsene ist auf unseren eigenen Wunsch noch mit Backup. Mit Stolz darf ich vermelden, dass ich jetzt nicht mehr das weiße Namensschild für Azubis, sondern ein blaues habe:

namensschild

Zur Zeit findet in der Synagoge auch die Ausstellung „Getuigen langs het spoorZeitzeugen entlang der Gleise“ statt. Hier sind Interviews mit Zeitzeugen zu sehen, die während des Zweiten Weltkriegs an der Bahnlinie wohnten, über die die Züge vom Durchgangslager Westerbork nach Deutschland und von dort weiter in die Vernichtungslager fuhren. Diese Ausstellung ist Teil des Projekts“Auf dem Weg von Anne Frank – Grenzübergreifend gegen das Vergessen„. Die Interviewten, von denen die meisten damals noch zur Schule gingen, erzählen, was sie über die „Judenzüge“ wussten, wie sie die Post aufsammelten und in den Briefkasten warfen, die die Insassen der Züge aus dem Fenster warfen, und wie sie die Zeit damals erlebt haben. Kopien von einigen dieser Postkarten werden ebenfalls gezeigt.

Für den größten Teil der Ausstellung braucht man Strom (für die Slideshow und die Interviews über Kopfhörer). Und natürlich musste gestern, als ich zum ersten Mal dort als Aufsicht eingeteilt war, der Strom teilweise ausfallen, und der eilends herbeitelefonierte Hausmeister konnte den Fehler nicht finden. Also war improvisieren angesagt. Zum Glück hatte ich mich vorher schon schlau gemacht, und so konnte ich für interessierte Besucher auf jeden Fall in groben Zügen zusammenfassen, was die interviewten Personen zu erzählen hatten. Ein Paar berichtete dann auch am Ausgang, dass das mit dem Stromausfall nicht sooo schlimm sei, eine freundliche Dame hätte ihnen alles erklärt. Immer gerne. 🙂

Als es Zeit zum Abschließen war, funktionierten die Ausstellungsstationen noch immer nicht. Dafür gingen einige Lampen im Klassenzimmer und in der Großen Schul nicht mehr aus. Ich bin ja gespannt, wie es nächsten Sonntag ist.

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Wir tappen im Dunkeln

Es war ein bewölkter Samstagnachmittag. Ich hatte es mir gerade mit meinem Buch im Wohnzimmer gemütlich gemacht, als gegen halb vier plötzlich die Leselampe ausging. Und nicht nur die, auch die Heizung, das Radio, den Kühlschrank und einiges mehr. Nur die alte Großvateruhr an der Wand tickte noch, denn die braucht ja keinen Strom.

Glücklicherweise ist es um halb drei noch einigermaßen hell, so dass man Kerzen, Taschenlampen und dergleichen suchen kann, ohne sich den Hals zu brechen. Wir machten ein gemütliches Feuer im Ofen, den wir vor einiger Zeit eben aus diesem Grund hatten einbauen lassen. Und vor ein paar Jahren hatte der Gatte mal ein Radio gekauft, das nicht mal eine Batterie braucht, sondern bei dem man immer wieder mal kurbeln muss, und dann läuft es eine Weile. So konnten wir doch informiert bleiben.

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Im Laufe der nächsten Stunden erfuhren wir, dass im Umspannwerk bei uns in der Nähe Feuer ausgebrochen war, und dass ca. 22.000 Haushalte im Norden und Osten der Stadt keinen Strom hatten. In der Stadt funktionierten zahlreiche Ampeln nicht mehr, und die Feuerwehr musste immer wieder ausrücken, um Leute aus Liften zu befreien. Ich weiß schon, warum ich diese Dinger meide.

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(Das Foto des Umspannwerks habe ich erst heute gemacht. Dafür, dass das Gebäude innen komplett ausgebrannt ist, haben sie das doch beachtlich schnell wieder hingekriegt. Hut ab!)

Anscheinend verlief die Grenze genau durch die Innenstadt – in zahlreichen Geschäften und Restaurants ging gar nichts mehr, während andere von der Situation profitierten. Der Inhaber eines Schuhgeschäfts erzählte, dass er erst nichts von dem Stromausfall mitgekriegt und sich nur über die ungewöhnlich zahlreiche Kundschaft gefreut hatte. Erst als er seinen Laden schließen wollte, fiel ihm auf, dass die großen Warenhäuser dunkel und verlassen waren. Einem Juwelier hingegen blieb nichts anderes übrig, als in seinem Laden zu bleiben, da er weder die Rollläden schließen noch den Alarm einschalten konnte.

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Nach etwas zwei Stunden waren etwa 1700 Haushalte „umgeleitet“ worden und hatten wieder Strom. Dies betraf vor allem einige Alten- und Pflegeheime. Andere Heime hatten jedoch nicht so viel Glück, dort musste das Personal eine extra Schicht einlegen, da natürlich die Lage entsprechend unruhig war. Die elektronischen Türen funktionierten nicht mehr, so dass jeder freie Bahn hatte. Das Krankenhaus, von dem ich nicht weiß, ob es betroffen war, verfügt ja zum Glück über einen eigenen Generator.

Nach einer Weile wurde es dunkel in der Straße, und damit meine ich richtig dunkel, denn die paar Kerzen, die man in den Fenstern sah, richteten nicht allzuviel aus. Und es war sehr still. Wir stellten eine Kerze ins Fenster, so dass die Nachbarn sehen konnten, dass wir da waren, falls jemand etwas braucht, und gingen gelegentlich vor die Tür. Doch alles schien soweit gut zu sein.

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Im Wohnzimmer hatten wir auch eine Laterne aufgehängt, die normalerweise im Garten hängt, und zusammen mit zahlreichen Kerzen war es halbwegs hell. Der Mensch ist ja wirklich ein Gewohnheitstier, denn jedes Mal, wenn wir mit der Taschenlampe bewaffnet in einen anderen Raum tappten, betätigten wir trotzdem den Lichtschalter, auch wenn es nichts half. Ein paar mal schlichen wir auch beide mit der Taschenlampe durchs Haus und erschraken gebührend, wenn wir uns über den Weg liefen. Wir würden ein schönes Einbrecherduo abgeben!

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Nachdem wir eine Weile Scrabble beim Kerzenschein gespielt hatten, bekamen wir Hunger und überlegten, wie man den Kühlschrank strategisch leeressen konnte: Als erstes musste der Fisch dran glauben, dann noch ein Rest Eis. Das war zwar gegen meine guten Vorsätze, aber doch irgendwie für einen guten Zweck. Der Gasherd funktionierte problemlos, also hatte Peter den Campingkocher ganz umsonst rausgekramt. Wir beschlossen, zum Essen lieber Weißwein zu trinken, da es dann nicht so schlimm ist, wenn man etwas verschüttet. Die Idee war nicht schlecht, denn als ich gerade beim Einschenken war, lief der Gatte natürlich mit der Taschenlampe weg.

Unser Radiosender hielt uns den ganzen Nachmittag gut auf dem Laufenden: Nach einer Weile war das Feuer gelöscht, aber die Techniker konnten wegen der Rauchentwicklung noch nicht hinein. Man sendete Interviews mit dem Direktor des Netzbetreibers, der persönlich vor Ort war, mit dem Bürgermeister, der ja keine Gelegenheit auslässt, um in den Medien zu erscheinen, und einigen Passanten, die alles nicht so schlimm fanden.

Doch um neun Uhr waren die Leute vom Radio anscheinend nach Hause gegangen, denn man bekam nur noch die Standardmeldungen der landesweiten Nachrichten zu hören, die sich in den nächsten Stunden auch nicht änderten. Das ist schon etwas schwach, ein vernünftiger Journalist bleibt bei sowas doch dran! Und die Musikauswahl hätte man auch entsprechend gestalten können, fiel uns ein. Wir trugen ein paar Lieder zusammen, die man bei so einer Gelegenheit spielen könnte:

– Where were you when the lights went out aus dem gleichnamigen Film mit Doris Day
– Guus Meeuwis, Brabant (wegen der Zeile: En dan denk ik aan Brabant, want daar brandt nog licht)
– Elton John, Candle in the Wind
– Eurithmics, When Tomorrow Comes
– Katrina and the Waves, Love Shine a Light
– Dire Straits, Money for Nothing (weil die ganzen Geräte doch nicht funktionieren)
– Juliane Werding, Geh nicht in die Stadt heut Nacht
– Beatles, Here Comes the Sun
– Rob de Nijs, Zet een kaars voor je raam
– Nena und Markus, Kleine Taschenlampe, brenn
– Sting, Moon over Bourbon Street
– Reinhard Mey, Gute Nacht, Freunde
– Simon and Garfunkel, Sound of Silence

Selbstverständlich gibt es noch viel mehr, und Vorschläge können auch gerne in den Kommentaren hinterlassen werden. 😉

Nach elf Uhr gingen wir schlafen. Um halb zwei wurden wir plötzlich von dem Stromradio geweckt, dass recht laut vor sich hin krächzte. Außerdem brannte das Licht im Flur. Tatsächlich, der Strom war wieder da! Nach einer Kontrollrunde durchs Haus schnappte ich mir mein Buch, um meine üblichen fünf Minuten zu lesen, denn sonst kann ich nicht einschlafen.

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