Beiträge mit dem Schlagwort: Umzug

Wie schnell doch so ein Jahr vergeht – Jahresrückblick 2017

Vor drei Jahren habe ich damit angefangen, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen und zu schauen, was sich geändert hat, was gleich geblieben ist und was aus den (falls vorhandenen) guten Vorsätzen geworden ist. Und so beantworte ich wieder mal die Fragen der letzten Jahre:

Was war das Beste für Dich an diesem Jahr?
Dass es ein weitgehend gutes, stabiles Jahr ohne dramatische Tiefschläge war.

Hast Du 2017 etwas gemacht, das Du noch nie zuvor gemacht hast?
Eine Menge: Ich habe meine erste selbstständige Führung in unserer Synagoge gemacht, der auch weitere mehr oder weniger gelungene folgten. Und bei jeder Führung lernt man etwas dazu. In knapp zwei Wochen mache ich meine erste Führung durch das ehemalige jüdische Wohnviertel um die Synagoge. Außerdem durfte ich zum ersten Mal an der niederländischen Wahl für die Zweite Kammer teilnehmen und habe natürlich mein Bestes getan, um Geert Wilders und anderen seltsamen Figuren ein gewisses Gegengewicht zu bieten. Und – last but not least – ich habe den Pieterpad erfolgreich beendet. Ich weiß nicht, ob ich es schon mal gesagt habe, aber – I walked the trail!

Hast Du all Deine guten Vorsätze aus dem Vorjahr beherzigt?
Mein guter Vorsatz war nicht gerade einfach: mehr Vertrauen zu mir selbst und in anderen zu haben. Das klappt inzwischen nicht schlecht, und es hat mir sicher geholfen, dass ein beruflicher Schritt sich bis jetzt als richtig herausgestellt hat.

Hast Du gute Vorsätze für das nächste Jahr?
Auf dem eingeschlagenen Weg weiter gehen, das Leben genießen und regelmäßig wandern gehen, z. B. auf dem Trekvogelpad.

Welche Länder hast Du 2017 besucht?
Deutschland und Österreich.

Was möchtest Du 2018 haben, was Du 2017 nicht hattest?
Auch dieses Jahr fehlte mir nicht wirklich etwas, außer vielleicht mehr Zeit und Inspiration zum Schreiben.

Welches Datum aus 2017 wirst du nie vergessen?
Den Tag,  an dem ich den Pieterpad beendete. Es war eine eigenartige Mischung aus Stolz (I walked the trail!) und Wehmut, weil es nach zwei Jahren zu Ende war.

Was war Dein größter Erfolg 2017?
Ich konnte den beruflich eingeschlagenen Weg fortsetzen, ohne baden zu gehen. Und – I walked the trail!

Welches war Dein größter Fehler?
Verschiedene kleine Sachen, aber nichts wirklich großes.

Hast Du eine Krankheit oder eine Verletzung gehabt?
Es ging und geht mir gut, bis auf den Kleinkram, der einen halt gelegentlich heimsucht. Und darüber bin ich froh.

Was war das Beste, was Du gekauft hast?
Mein Einmannzelt, die sogenannte Dackelhütte. Damit ist man beim Wandern doch flexibler und freier.

Wessen Verhalten erschreckt Dich oder macht Dich traurig?
Nicht das Verhalten von irgendjemandem. Aber richtig traurig war und bin ich über den viel zu frühen Tod einer Freundin.

Wofür ging das meiste Geld drauf?
Noch immer für unser neues Domizil und alles, was da so anfällt.

Worüber warst Du so richtig aus dem Häuschen?
Dass ich den Pieterpad beendet habe – I walked the trail!

Welches Lied wird Dich immer an 2017 erinnern?
„Leichtes Gepäck“ von Silbermond. Nicht nur unser eigener Umzug, sondern auch ein paar andere in unserem Familienkreis haben mir vor Augen geführ, wie viel nutzloser Krempel sich doch in so einem Haushalt ansammelt. Und auch das Wandern ist leichter, wenn man nicht zu viel mitschleppt.

Verglichen mit 2016, warst du im Jahr 2017

…glücklicher oder unglücklicher?
Ähnlich wie im letzten Jahr, denke ich.

… reicher oder ärmer?
Auch das ist ungefähr gleich gebleiben.

Wovon hättest Du lieber mehr gemacht?
Mal wieder gebloggt, ich arbeite immer noch an meinem Reisebericht von 2016, und den würde ich gern fertig kriegen, bevor der nächste Urlaub kommt.

Wovon hättest Du lieber weniger gemacht?
Eigentlich nichts, es war gut so.

Wie hast Du Weihnachten verbracht?
Zur Abwechslung mal wieder bei meiner Familie in Süddeutschland.

Hast Du Dich 2017 verliebt?
Nicht neu verliebt, auch das ist konstant geblieben.

Welches war Deine Lieblingssendung im Fernsehen?
Die Serie „Hier zijn de Van Rossems„, insbesondere die Folge über meine Heimatstadt. Allerdings habe ich noch nicht alle Folgen gesehen.

Hast Du jemanden oder etwas hassen gelernt?
Nö, hassen tue ich niemanden. Gelegentlich rege ich mich über jemanden auf, aber wer tut das nicht?

Welches war das beste Buch, das du 2017 gelesen hast?
„Erebos“ von Ursula Poznanski. Auf der Leipziger Buchmesse war ich bei einer Lesung, wo die Autorin aus ihrem Buch „Elanus“ vorlas. Dabei wurde ich neugierig auf ihr Werk, und „Erebos“, bei dem es um ein Computerpiel geht, dass auch in das wirkliche Leben eingreift, hat mich am meisten beeindruckt.

Was war deine größte musikalische Überraschung 2016?
Gab es auch diesmal nicht.

Was hast Du Dir gewünscht und auch bekommen?
Die Dackelhütte und viele interessante Begegnungen, Gespräche und Erfahrungen.

Was hast Du Dir gewünscht und nicht bekommen?
Hier wiederhole ich den Satz vom letzten Jahr: Eigentlich nichts, ich wünsche mir nicht mehr so viel, sondern versuche mich über die Dinge zu freuen, die meinen  Weg kreuzen.

Welches war Dein Lieblingsfilm in diesem Jahr?
Wenn Serien auch zählen, dann alle Folgen von „The Bridge„. Ich bin schon gespannt auf die nächste Staffel.

Was hast Du an Deinem Geburtstag getan und wie alt bist Du geworden?
Auch dieses Jahr bin ich ein Jahr älter geworden und habe meinen Geburtstag recht unspektakulär verbracht: Erst habe ich gearbeitet und abends bei der Chorprobe einen ausgegeben. Essen waren wir dann am Wochenende.

Welche eine Sache hätte Dein Jahr zufriedenstellender gemacht?
Ich hätte die goldigste Nichte von allen gern öfter gesehen, aber das ist halt der Nachteil, wenn man recht weit auseinander wohnt.

Was hielt Dich gesund?
Ich denke, mal wieder Glück und eine einigermaßen gute Konstitution.

Erzähle uns eine wertvolle Lebenslektion, die Du in diesem Jahr gelernt hast!
Es bringt nichts, ständig zurück zu schauen und zu überlegen, was man hätte anders machen können. Es ist wichtiger, nach vorne zu schauen und zu versuchen, ähnliche Fehler zu vermeiden.

Auf was freust Du Dich im Jahr 2018?
Auf den Frühling, neue Wanderungen, Treffen mit netten Leuten, neue Erfahrungen etc.

Bald erklärt uns Alfred Tezlaff ja wieder den Untershcied zwischen Punsch und Bowle und stolpert Butler James über den Tigerkopf. Und ich bedanke mich bei allen regelmäßigen und gelegentlichen Lesern fürs Vorbeischauen und wünsche euch einen gute Rutsch und ein gutes, gesundes und vor allem glückliches Jahr 2018.

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Land in Sicht – Das Umzugsgedöns nähert sich dem Ende

Nachdem ich die letzten Wochen wegen Renovierung und Umzug etwas in Anspruch genommen war, komme ich jetzt mal wieder dazu, den Grenzwanderer mit neuen Informationen, Geschichten und Schwänken zu füttern. Wird auch Zeit, denn neben diversen Umzugsanekdoten liegen noch eine Pieterpad-Nachlese vom letzten Jahr, ein kurzes Synagogen-Update und die Fortsetzung des Sommer-Reiseberichts an.

Aber erst mal der Umzug: Als erstes musste zwischen Wohnzimmer und Anbau – meinem Unterrichtsraum – eine Trennwand eingezogen werden, in die meine Bücherregale eingepasst wurden. Dann wurden die Bücher teilweise aussortiert, eingepackt und ins neue Domizil verfrachtet. Es ist zwar noch keine Downton-Abbey-Bibliothek, aber es sieht gut aus:

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Zwischen den Jahren grasten wir Baumärkte, Einrichtungshäuser und Spezialgeschäfte ab, um eine Tür und Lampen für den Unterrichtsraum zu finden, da ich ihn nach den Weihnachtsferien in Betrieb nehmen wollte. Die Tür wurde bestellt, aber erst wurden nur die Gläser geliefert, da die Tür selbst noch nicht bei der Transportfirma angekommen war. Aber das war kein Problem, wir hatten auch so genug zu tun.

In der Zeit versuchte ich auch, einen Termin mit einem neuen Kunden zu machen. Er war nicht erreichbar und ich konnte nichts auf die Mailbox quasseln, aber er sah natürlich, dass ich angerufen hatte und rief zurück. Da ich gerade nicht da war, bekam er den Gatten an die Strippe, der von nichts wusste, und es entspann sich folgender Dialog, der schon fast Loriot-Format hatte: „Sie haben mich vorhin angerufen?“ – „Nein, aber vielleicht was das meine Frau?“ – „Keine Ahnung, kann sein.“ – „Haben Sie etwas mit Baumärkten, Transportunternehmen oder Türen zu tun?“ – „Äh – nein…“. Zum Glück konnten wir das Ganze bald klären, und wenn man mitten im Umzug steckt, sehen einem die Leute einiges nach.

Den Neujahrstag haben wir damit verbracht, ca. 30 Quadratmeter Schieferfußboden zu schrubben und zu polieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, aber den Händen tut sowas unheimlich gut. Aber Niveau war letztes Jahr, jetzt reicht’s nur noch für Nivea. *g*

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Dann wurden die Lampen im Unterrichtsraum montiert und die Möbel an ihren Platz gestellt.

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Wie man sieht, haben auch meine Quilts ein neues Zuhause gefunden, was ja auch wichtig ist. Und die Kursteilnehmer sind begeistert – viel mehr Licht und Platz.

In der Zwischenzeit wurde auch die Tür eingesetzt, zwar noch ohne Glas, da eins der Paneele leicht beschädigt ist, aber immerhin. Inzwischen nennen wir den Raum auch „The Library“ und trinken gelegentlich Kaffee dort. „James, please serve our coffee in the library today.“ Klingt doch gut, bloß einen Butler bräuchten wir noch…

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Vor zwei Wochen wurden die Schlafzimmermöbel hierher verfrachtet, und es zeigte sich ein merkwürdiger Effekt: Als ich die Fußbodenleisten abgeschliffen und lackiert hatte, erschien mir der Raum riesig, aber als die Möbel erst mal darin standen, passte es gut, aber mehr auch nicht. Der Schlafzimmerumzug hatte zur Folge, dass wir jeden Abend mit einer Flasche Wein bewaffnet zum Fernsehen ins alte Haus pilgerten, da die Wohnzimmermöbel noch drüben standen. Die Nachbarn werden sich ihren Teil gedacht haben.

In unserem neuen Wohnzimmer hatten wir einen offenen Kamin, aber da wir von den Dingern nicht so überzeugt sind und im alten Haus einen tollen Ofen hatten, bestellten wir einen Einbauofen. Dazu musste die Kaminöffnung etwas erweitert werden, und wir beschlossen in weiser Voraussicht, das erst machen zu lassen, bevor wir die Wohnzimmermöbel platzieren.

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Gestern haben wir endlich das Wohnzimmer umgezogen und sind jetzt nicht mehr „between homes“. Endlich war es soweit:  Downton Abbey im neuen Haus! Der Mitbewohner ist auch froh, dass er jetzt seinen Stammplatz wieder hat.

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Natürlich ist noch nicht alles perfekt, wir müssen uns an die andere Küchenaufstellung gewöhnen, bei der Neukonfiguration des WLAN hat es uns irgendwas zerschossen, so dass der Drucker nicht mehr drahtlos funktioniert und jetzt wegen zu kurzer Schnur etwas dämlich auf dem Schreibtisch steht, diverser Kleinkram muss noch sortiert und eingeräumt werden, Vorhänge braucht’s noch etc.

Aber der Unterrichtsraum – The Library – ist es auf jeden Fall wert und der Rest kommt noch.

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Lebenszeichen

Es ist ja jetzt schon eine Weile etwas ruhiger hier, und vielleicht hat sich der eine oder andere schon gefragt, wo ich denn abgeblieben bin. Ich kann euch beruhigen, es geht mir gut. Weder wurde ich von Seehunden gefressen, noch habe ich mich dauerhaft auf dem Pieterpad verlaufen oder ist mir die Inspiration ausgegangen. Nein, es ist einfach mal wieder schnöder Zeitmangel aus unterschiedlichen Gründen.

Für den Gästeführerkurs in der Synagoge muss ich einiges lernen, aber die erste Hürde habe ich inzwischen geschafft: Eine 10-Minuten-Führung zu einem Thema (in meinem Fall die Südostwand in der Großen Schul mit dem Heiligen Schrein und einigen interessanten Mosaiken und Bleiglasfenstern), die von unseren Ausbildern und unserer Lerngruppe bewertet wurde. Selbstverständlich bin ich vor Lampenfieber fast gestorben, aber ich habe es geschafft. Das Feedback war gut, und ich hoffe nicht, dass mir demnächst mitgeteilt wird, dass ich mir besser ein anderes Hobby suchen soll. Ich werde aber heute darum bitten, die erste „richtige“ Führung erst im neuen Jahr machen zu dürfen, denn es gibt noch eine andere Sache, die gerade viel Zeit kostet.

Wir haben letzten Montag den Schlüssel zu unserer neuen Bleibe bekommen. Das Haus ist ungefähr 30 – 40 Meter von unserem jetzigen entfernt (je nachdem, bei welcher Tür man hinein möchte), und es hat einen Anbau im Erdgeschoss, den ich als Unterrichtsraum / Büro nutzen möchte.

Neue BleibeUnterrichtsraum

Und wie es halt so ist, muss einiges gemacht werden: Ein paar Sachen umbauen, eine Menge subermachen und streichen usw. Gestern haben wir das Pflaumenbäumchen, das ich von einem ehemaligen Auftraggeber zum Abschied bekommen habe, sowie einige Brombeer- und Himbeersetzlinge in unseren neuen Garten gebracht. Dass man so nah dran wohnt, ist sehr praktisch, da man so auch zwischendurch einigen Kleinkram erledigen kann.

Außerdem kann ich mich zur Zeit nicht über Auftragsmangel beklagen, und das ist auch gut so. Irgendwo muss ja das Geld, das jetzt mit schöner Regelmäßigkeit in den Baumarkt wandert, ja herkommen. Dazu kommt noch mein Berufsblog, das gepflegt werden möchte, und die Website einer Sprachenschule im Norden der Niederlande, für die ich seit Kurzem regelmäßig schreibe, und zwar über alles, was irgendwie mit Sprache, Literatur, Kunst und Kultur zu tun hat. So kriege ich sogar ein bisschen Geld für mein Hobby, aber all das frisst natürlich Zeit, im Moment leider auf Kosten des Grenzwanderers.

Aber keine Angst, es liegen noch ein paar Sachen „auf Halde“, und wenn ich wieder etwas Luft habe, hört ihr wieder öfter von mir. Einige Pleiten, Pech und Pannen bei Renovierung und Umzug wird es mit Sicherheit auch geben. Man liest sich.

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Südostengland 2010, Teil 3

Das Marschland und Eastbourne

Am Morgen brachen wir wieder auf und folgten der Stone Street in Richtung Süden. Wir nahmen an, dass es sich um eine Römerstraße handelte, nicht nur wegen ihres Namens, sondern auch weil  sie fast schnurgerade von Canterbury zu den Romney Marshes führt. Wikipedia bestätigte diese Vermutung. Die Bäume an der Straße bilden hier grüne Bögen, und gelegentlich passierten wir eine Hopfendarre mit ihrer charakteristischen Spitze, die an einen Hexenhut erinnert. Später erfuhren wir, dass diese Gebäude hier „oast houses“ genannt werden, und dass man den „Hexenhut“, der an einer Seite offen ist, drehen kann, um für die bestmögliche Ventilation zu sorgen, während der Hopfen über dem Feuer getrocknet wird. Sowohl Verkehr als auch Steigungen hielten sich in Grenzen, so dass das Radeln ein richtiger Genuss war.

In Lympne mussten wir ein Stück auf einer Hauptstraße fahren. Ein Rennradler fuhr an uns vorbei und rief uns über die Schulter zu: „You guys are tough!“ Gut, dass er uns vorgestern nicht gesehen hatte, aber so eine Bemerkung freut einen natürlich.

An den Linksverkehr hatten wir uns schnell gewöhnt, nur auf freiliegenden Radwegen ertappte ich mich manchmal dabei, bei Gegenverkehr nach rechts ausweichen zu wollen. Die Radwege sind allerdings ein Kapitel für sich. Die Organisation Sustrans, die sich für Radfahrer einsetzt, hat zwar in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet, vor allem, was die Radfernwege angeht, aber auch sie sind natürlich auf die Mithilfe der Grafschaften (counties) und Gemeinden angewiesen. Und deren Ideen sind manchmal etwas seltsam: So kann es vorkommen, dass der Radweg unvermittelt an der verkehrsreichsten Stelle abbricht, oder dass man alle paar hundert Meter die Straßenseite wechseln muss. Dies ist meiner Meinung nach der Verkehrssicherheit nicht wirklich dienlich.

Inzwischen hatten wir die Küste erreicht, dachten wir zumindest. Auf der Karte sah es auch so aus, als ob unsere Straße direkt am Strand entlang führt, aber in der Realität befand sich zwischen dem Weg und dem Strand ein militärisches Übungsgelände, das auf der Karte nicht verzeichnet war, und auf dem gelegentlich geschossen wurde. Das scheint öfter vor zu kommen, denn in ihrem Buch „Slow Coast Home“ beschreibt Josie Dew ein ähnliches Erlebnis.  Doch nach einer Weile hatte der Weg tatsächlich die Küste erreicht. Man konnte das Meer zwar hören und riechen, aber leider nicht sehen, da sich zwischen ihm und uns eine hohe Mauer befand. Bei einer Auffahrt fuhren wir darum auf die Küstenpromenade.

Der Blick über die See war phantastisch, nur leider kam auch der Wind ungebremst von derselben, so dass wir nicht besonders gut voran kamen. Die zahlreichen Baustellen, die wir dort umfahren mussten, taten ein übriges, und so beschlossen wir, als wir das Dorf St. Mary in the Marsh erreicht hatten, die Aussicht wieder gegen die relativ windgeschützte Straße einzutauschen.

Nach einer Weile erreichten wir das Dorf New Romney und bald darauf den Campingplatz Romney Farm. Ich betrat das Café, wo mich die Dame an der Theke nach meiner Reservierung fragte. Da wir diese aber nicht hatten, wurde der Chef herbei telefoniert, der uns „lots of pitches“ anbieten konnte. Auf einem klapprigen Fahrrad fuhr er voraus, um ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen zu suchen. Dies war auch notwendig, denn inzwischen wehte eine ziemlich steife Brise. Wir warfen alle Fahrradtaschen auf das Zelt, damit es nicht davonflog. Der Boden erwies sich als ziemlich hart, aber zum Glück lag auf dem Tisch vor dem Nachbarzelt ein Hammer, den wir uns ausborgten. Wir mussten uns ganz schön anstrengen, um das Zelt fest zu halten, bis es ordentlich mit Heringen verankert war, da sich der Wind sich immer wieder darin verfing und mit aller Kraft daran zerrte. Aber wir schafften es. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Wir fuhren zurück ins Dorf, um einzukaufen. Bei Sainsbury’s  gab es eine Art Dreikomponenten-mahlzeit für zwei Personen. Dabei konnte man für nur fünf Pfund bestimmte Salate, Hauptgerichte und Nachtische miteinander kombinieren. Um diese zu finden, musste man natürlich den gesamten Supermarkt absuchen, eine Art Schnitzeljagd also. Dass die Campingplatzküche sogar über eine Mikrowelle verfügte, vergrößerte die Auswahl.

Auf dem Weg zurück begann es zu tröpfeln, und als Peter mit seinem Duschzeug die Waschräume erreichte, brach ein Platzregen los. Dieser wurde von der Putzfrau mit einem fröhlichen „There you have your shower“ kommentiert.

Als der Regen nachgelassen hatte, schwangen wir uns noch einmal auf die Räder und erkundeten die Umgebung. Wir fuhren durch das pittoreske Dörfchen Lydd bis zur Dungeness Power Station.   Das flache, dünn besiedelte Marschland hatte in der Abenddämmerung etwas Unwirtliches und sogar Unheimliches. In dieser Gegend könnte Charles Dickens‘ kleiner Pip aufgewachsen und dem entflohenen Strafgefangenen Magwitch begegnet sein. Dann trieben uns der Wind und der Hunger zurück zum Campingplatz.

Am nächsten Morgen war es noch immer ziemlich windig. Wir brachen auf und fuhren über Camber nach Rye und passieren unterwegs die Grenze zwischen Kent und East Sussex.  In der kleinen Stadt, die laut unserem Lonely-Planet-Führer „so Olde Englishe it’s almost twee“ ist, wollten wir bei der Tourist Information eine Karte der regionalen Fahrradrouten erwerben, um zu wissen, ob es sich lohnt, den Schildern zu folgen. Leider war das, was sie dort im Angebot hatten, zu lokal für unsere Zwecke. Nach einer kurzen Mittagspause  beschlossen wir, nicht wie geplant über Battle nach Eastbourne zu fahren, sondern weiterhin der Küste zu folgen.

Zwischen Fairlight Cove und Hastings mussten wir uns noch den Battery Hill, eine lange Steigung, hinaufarbeiten. Die Straße war von hohen Bäumen gesäumt, und jedes Mal, wenn man Licht sah und dachte, dass man oben war, erwies es sich als eine Kurve, nach der es fröhlich weiter aufwärts ging. Doch endlich hatten wir es geschafft, und wir sausten hinunter in die Stadt.

Hastings ist nicht nur aufgrund des „Battle of Hastings“ im Jahre 1066 bekannt, sondern rühmt sich auch, die erste der „Cinque Ports“ zu sein. Dabei handelt es sich um einen Bund von ursprünglich fünf Hafenstädten in Kent und Sussex, der wohl schon vor der normannischen Invasion bestand. Außer Hastings gehören Dover, Hythe, New Romney (früher Roniney) und Sandwich zu den Gründungsmitgliedern. Inzwischen umfasst dieser Bund vierzehn Städte, u. a. Lydd, Deal und Rye. Gesehen hatten wir die Schilder an den Ortseingängen natürlich schon früher und sollten auch später immer wieder darauf stoßen.

Auf der Strandpromenade fuhren wir durch die sehr touristische Stadt, vorbei an den typischen Kirmesattraktionen englischer Seebäder, die von Scharen von Touristen frequentiert werden, weiter nach Bexhill. Der Ortsteil machte natürlich seinem Namen alle Ehre. Ich hätte den Hügel allerdings fast geschafft, wäre mir nicht so ein dämlicher Hund in die Quere gekommen. Laut Gatten hätte ich schneller fahren müssen, dann wäre das nicht passiert. Nee, ist klar.

Danach ging es weiter über flache Landwege nach Pevensey, wo sich in der Nähe des Schlosses der Campingplatz „Fairfield Farm“ befand. Da wir nur eine Nacht bleiben wollten, durften wir einchecken.  Als das Zelt stand, telefonierte ich mit Beate aus London, mit der wir uns am Wochenende in Brighton treffen wollten. Leider musste sie uns mitteilen, dass ihr etwas dazwischen gekommen war. Ob sich in diesem Urlaub noch eine Gelegenheit ergeben würde, wollten wir abwarten, da Peter und ich unsere Streckenführung nicht genau voraussagen konnten. Unterwegs hatten wir  auch gehört, dass in Brighton gerade die Pride Week, eine Festivalwoche, stattfand, und wohl alle Übernachtungsmöglichkeiten ausgebucht waren. Außerdem habe ich ein gestörtes Verhältnis zu großen Menschenansammlungen auf begrenztem Platz. Also beschlossen wir, noch einen Tag in Eastbourne zu bleiben und dann nach Norden zum Naherholungsgebiet Bewl Water zu fahren, das wir auf der Karte entdeckt hatten.

Dann gingen wir in ein nettes Pub mit einem Biergarten. Die Bedienung machte mich darauf aufmerksam, dass man hier das Chili auf einem Berg Pommes servierte. Eine interessante Variante, die gar nicht mal schlecht schmeckte. Danach gingen wir wieder zum Campingplatz und schauten einigen Familien beim Cricket zu. Sehr treffsicher waren sie nicht, einmal landete der Ball fast in unserem Zelt, aber sowohl die Spieler als auch die Zuschauer hatten eine Menge Spaß.

Am nächsten Morgen fragten wir an der Rezeption, ob wir noch eine Nacht bleiben durften, aber leider waren sie für dieses Wochenende „fully booked“. Aufgrund der Wirtschaftslage machten verständlicherweise sehr viele Engländer Urlaub im eigenen Land und bevölkerten die Campingplätze. Also mussten wir unser Zelt abbrechen und eine andere Bleibe suchen. Wir fuhren ein paar Kilometer zurück zum Campingplatz St. Norman’s Bay. Dort wurden wir freundlich empfangen, mussten aber mit dem Einchecken warten, bis die ersten Leute abgereist waren. Wir überquerten also die Straße, suchten uns ein nettes Plätzchen am Strand, rollten unsere Isomatten aus, lasen und machten ein Nickerchen in der Sonne. After all, we were at the seaside!

Nach einer Weile war wieder Raum in der Herberge, so dass wir aufbauen konnten. Der Platzwart suchte für uns ein geschütztes Plätzchen, da es im Lauf des Tages wieder sehr windig werden sollte. Irgendwie war das wohl typisch für diese Gegend.  Auch hier wurde Cricket gespielt, diesmal nicht mit einem richtigen Bat, sondern mit einer Bratpfanne.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und wir brachen auf Richtung Beachy Head, eine, eindrucksvollen Kreidefelsen auf der anderen Seite von Eastbourne, den man von St. Normans Bay gut sehen konnte. Dieser Felsen ragt 162 Meter über dem Meeresspiegel auf und bietet nicht nur eine phantastische Aussicht, sondern ist auch ein Anziehungspunkt für potentielle Selbstmörder. Leider war der Wind wirklich wieder ziemlich stark geworden, und auch mein Knie begann zu protestieren, so dass wir in Eastbourne aufgaben.

Wir suchten einen Supermarkt, und ich ging einkaufen, während Peter unsere Räder und Habseligkeiten bewachte. Es bot sich mir ein hochinteressantes Einkaufserlebnis. Der Tesco’s war so groß, dass man sich darin verlaufen konnte, und hatte eine Riesenauswahl. Außerdem war er bevölkert mit Gruppen von Einkäufern, von denen ein großer Teil ziemlich korpulent war. Nun habe ich auch nicht gerade die Figur einer Gazelle, aber hier fühlte ich mich mal wieder richtig schlank! Obwohl die Gänge wirklich sehr breit waren, wurde es doch manchmal schwierig, sich seinen Weg zu bahnen. Wenn eine fünfköpfige wohlbeleibte Familie vor dem Käseregal über das Abendessen debattiert, kommt man nicht vorbei, keine Chance. Da ich wohl auch noch eine der langsamsten Kassiererinnen  des Landes erwischt hatte, dauerte die Expedition ziemlich lange. Peter begann, sich Sorgen zu machen, und der vorfahrende Krankenwagen beruhigte ihn nicht wirklich. Gerade, als er sich hinein begeben wollte, kam ich jedoch wohlbehalten wieder zum Vorschein.

Als wir wieder auf dem Campingplatz waren, begann es zu regnen, und wir verkrochen uns in unser Zelt. Doch dann bekamen wir mit, dass zwei junge Frauen versuchten, ihr Zelt aufzubauen und heftig mit dem Wind zu kämpfen hatten. Wir zogen unsere Regenjacken an und kamen ihnen zur Hilfe. Zu viert schaffen wir es gerade, das Zelt festzuhalten und aufzubauen.

Dann gingen wir schlafen. Wegen der Windböen, die gegen das Zelt peitschten, schlief ich sehr unruhig und wurde von Alpträumen geplagt. An einen davon kann ich mich sogar noch erinnern: Ich unterrichtete gerade gemütlich meine Gruppe Studenten, als plötzlich von allen Seiten Handwerker in Schutzkleidung auftauchten, die überall Löcher bohrten und merkwürdige Stäbe hineinsteckten, die dann mit Kabeln verbunden worden. Auf meine Frage, was das sollte, erklärte man mir, dass das Gebäude am nächsten Tag gesprengt werden sollte und man schon mal dabei war, die Sprengsätze zu verlegen. Meine Studenten und ich rannten hinaus, und aus sicherem Abstand rief ich die Projektleitung an, die antwortete: „Oh, bist du immer noch dort? Dich haben wir total vergessen. Meinst du, du schaffst es noch, unsere Sachen zusammen zu packen und wegzubringen?“ Dann wachte ich auf und stellte erleichtert fest, dass es Morgen war und ich immer noch Urlaub hatte.

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