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Ostseeradtour 2015 – Teil 9

Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen. (Aristoteles)

Lietzow und alles drumherum: Schloss Spycker, Königsstuhl, Sassnitz, Kreidefelsen, Bergen

Am nächsten Morgen schliefen wir nach der Frühaufsteherei des Vortages erst mal aus. In der Nacht hatte es wohl ein Gewitter gegeben, aber wir hatten davon mal wieder nichts mitgekriegt.

Nach dem Frühstück fuhren wir los, um die Gegend zu erkunden. Über teilweise richtig schöne Radwege (die gibt es da tatsächlich) fuhren wir erst zum idyllisch am Spyckerschen See gelegenen Schloss Spycker, das bereits im 14. Jahrhundert gebaut worden war. Damals hatte es sogar noch einen Burggraben. Im 17. Jahrhundert wurde es zum Renaissanceschloss umgestaltet und im für Schweden typischen Falunrot gestrichen. Wegen seiner Ecktürme sieht es immer noch aus wie eine mittelalterliche Burg.

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Am See entlang ging es weiter über  Glowe, wo sich am Strand zahlreiche Leute in der Sonne aalten, und dann über wunderschöne Alleen nach Lohme, wo wir uns eine Pause nebst Sitzbesichtigung der Ferienhäuser mit Ostseeblick gönnten.

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Dann ging es durch den Wals und über Kopfsteinpflaster bergauf zum Königsstuhl, doch dort wimmelte es so von Reisebussen und Touristen, dass wir beschlossen, die Flucht zu ergreifen – Aussicht hin oder her. Da sind wir wohl etwas eigen. Wir fuhren ein weiteres Stück durch den Wald und landeten auf einer Strecke, die nur von den Pendelbussen zum Nationalpark befahren wird. Da dieser Weg nicht gerade breit ist, klebte eine ganze Weile einer dieser Busse hinter mir, bis er eine Möglichkeit zum Überholen fand. Dann erreichten wir die Hauptstraße nach Sassnitz, auf der sich der Verkehr zum Glück in Grenzen hielt. Wir hatten eine tolle, kilometerlange Abfahrt, bis wir am Ortseingang von Sassnitz – wie sollte es auch anders sein – sanft von Kopfsteinpflaster abgebremst wurden.

Im Ort gingen wir einkaufen und gönnten uns auf der Bank vor der Rügentherme einen Imbiss. Dann machte sich Peter auf die Socken, um Reisetabletten zu besorgen, da wir am nächsten Tag mit dem Schiff zu den Kreidefelsen fahren wollten und die Ostsee noch immer gemütlich vor sich hin brodelte. Die Besichtigung von Sassnitz wurde ebenfalls für den nächsten Tag eingeplant.

Dann fuhren wir denselben Weg wie am Vortag zurück zum Campingplatz. Auf unserer Karte war an der Strecke ein Riesengrab eingezeichnet, aber obwohl wir aufpassten wie die Schießhunde, gelang es uns weder an diesem noch am nächsten Tag, es zu finden. Wahrscheinlich ist ein einfach zu groß. Später hörte ich, dass es wohl nicht so einfach ist, die Hünengräber auf Rügen zu finden.

Auch diesmal musste ich auf der Anfahrt zum Campingplatz kapitulieren, aber ich kam schon ein Stück weiter als gestern. Wir brutzelten uns ein Abendessen und rekonstruierten den heutigen Tag. Wenn jemand wissen möchte, wie das aussieht, bitte schön:

Tagebuch

Dann lasen wir in der Zeitung, dass Wind und Wetter uns morgen wohlgesonnen sein würden, und dass die Tour de France gerade durch die kopfsteingepflasterte  „Holle des Nordens“ fuhr. Ach, die waren hier unterwegs? Gut, Rügen liegt nicht in Frankreich, aber letztes Jahr sind sie ja auch durch Yorkshire gegurkt. Wer bei der Truppe wohl fürs Kartenlesen verantwortlich ist?

Im Campingplatzrestaurant tranken wir noch ein Bierchen und verzogen uns dann in unsere Schlafsäcke.

In der Nacht gab es Regen und Gewitter, und morgens wehte wieder ein frisches Lüftchen. Über die 274 m lange, fast freischwingende Fußgänger-Hängebrücke erreichten wir den Hafen von Sassnitz und gingen dort an Bord des Schiffes, das uns zu den Kreidefelsen bringen sollte.

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Während wir den Hafen verließen, erzählte uns der Kapitän einiges über die Stadt, die sich übrigens bis zum 2. Februar 1993 noch mit scharfem s schrieb. Sie geht zurück auf eine alte Ansiedlung der Jungsteinzeit und der Bronzezeit.

Erst verleif die Entwicklung des Ortes wohl eher unspektakulär, man lebt weitgehend vom Fischfang. Im Jahr 1871 wurde die Straße nach Sassnitz ausgebaut, 1891 wurde der Ort von Bergen aus an das Eisenbahnnetz angeschlossen, ab 1878 gab es eine Schiffsverbindung nach Stettin  (Szczecin), 1889 dazu den Hafen in Sassnitz und bald darauf Seeverbindungen nach Rønne auf der dänischen Insel Bornholm, Trelleborg und Memel (Klaipeda). Durch die bessere Anbindung wuchs der Orst recht schnell, die Kreideindustrie und die Fischerei wurden ausgebaut und der Tourismus entwickelte sich.

Im Jahr 1906 wurden das Bauerndorf Crampas, nach dem Fontane einen der Charaktere in „Effi Briest“ benannt hat, und das Fischerdorf Sassnitz zu einer Gemeinde zusammengefasst, und im Jahr 1957 erhielt Sassnitz Stadtrechte. Die Fischerei wurde weiter ausgebaut, aber der Tourismus ging zurück, da die Urlauber die Strände im Norden der Insel bevorzugten.

Auch heute lebt die Stadt größtenteils vom Fischfang und dem Tourismus. Sie ist bekannt für ihre Bäderarchitektur im Kurviertel und als Hafenstadt.

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Der Kapitän, ein Scherzkeks, wies uns auf das Haus des Bürgermeisters, das vom Wasser aus zu sehen war, und forderte uns auf, ihm später einen Besuch abzustatten, der Mann würde sich sicher freuen.

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Dann erreichten wir die Kreidefelsen, die teilweise bis zu 120 m hoch sind. Der bekannteste ist der Königsstuhl, und es wird erzählt, dass derjenige, der ihn vom Strand aus erklimmen kann, zum König von Rügen gekrönt wird. Im letzten Jahr hatten es, laut Kapitän, zwei Jugendliche versucht und mussten von der Feuerwehr aus der Wand befreit werden. Tja, König von Rügen wird man halt nicht einfach so!

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Die Kreidefelsen sind übrigens vor mehr als 50 Millionen Jahren aus kalkhaltigen Schalen, Skeletten und Panzern von Kleinlebewesen entstanden. Allerdings bestehen sie nicht nur aus Kalk, sondern auch aus Sand, Lehm und Mergelgestein. Dennoch ist der Reinheitsgehalt der Jasmunder Kreide besonders hoch. Und sie sehen schon sehr beeindruckend aus, wenn man so daran vorbeischippert.

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Da es immer noch fröhlich wehte, war die See etwas unruhig, und das Wasser spritzte in hohem Bogen an Deck. Wir verzogen uns nach drinnen, und ich schaute leicht neiderfüllte einem jungen Maler zu, der sein Skizzenbuch mit der Ausbeute des heutigen Tages durchblätterte. Toll, wenn man so etwas kann.

Nach ungefähr eineinhalb Stunden kehrten wir wieder in den Hafen zurück, der sich gerade auf die Hafentage vorbereitete. Zahlreiche Budenbesitzer und Schausteller bauten ihre Stände und Fahrgeschäfte auf. Zeit für eine kurze Sitzbesichtigung also.Danach kauften wir in einem Andenkenladen einige Souvenirs und gingen dann zur Promenade, wo wir  ein nettes italienisches Restaurant fanden.

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Nachdem wir uns gestärkt hatten, bummelten wir durch die Altstadt, wo wir von einem kräftigen Regenschauer erwischt wurden. Wir stellten uns unter ein Vordach, bis der Spuk vorbei war.

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Dann kauften wir für das Abendessen ein und fuhren zurück zum Campingplatz. Diesmal schaffte ich die Steigung und war ziemlich stolz auf mich, obwohl ich es schon etwas enttäuschend fand, dass oben niemand mit dem gepunkteten Trikot auf mich wartete. Außerdem stellte mich meine Leistung vor ein Definitionsproblem. Wenn ich schieben muss, ist die Anhöhe ja kein Hügel mehr, sondern ein Berg. Da ich diesmal aber ohne Absteigen hinaufgefahren war, hatte ich dann den Berg zum Hügel degradiert? Ich musste an die Silvesterfolge der Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“ denken, in der Alfred Tetzlaff seiner Frau erklärt, dass Punsch heiß ist und Bowle kalt, worauf sein Schwiegersohn fragt: „Und wenn der Punsch abkühlt, wird er dann automatisch Bowle?“ Manchmal kann das Leben recht kompliziert sein.

Nach dem Abendessen unterhielt ich mich mit einem anderen Radfahrer, der die Störtebeker-Festspiele auf der Naturbühne in Ralswieck besuchen wollte. Ich weiß nicht, ob er es geschafft hat, das Wetter sah jedenfalls nicht besonders gut aus. Er und seine Freunde hatten ihre Tour auf Rügen begonnen und wollten nun weiter ostwärts fahren. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich nicht besonders freuen würden, denn es wehte wieder ein kräftiger Westwind, und ich war froh, dass wir uns für die West-Ost-Variante entschieden hatten, die uns recht wenig Gegenwind beschert hatte.

Am nächsten Morgen war das frische Lüftchen vom Vortag sich zu einer steifen Brise der Stärke 6 angeschwollen. Wir trödelten erst mal beim Frühstück herum und beschlossen dann, in den Nachbarort Bergen zu radeln. Mal sehen, wie weit wir kommen würden.

Das Wasser im Jasmunder Bodden brodelte, und der Wind kam schräg von vorne. Lustig war das nicht. Und die Strecke morgen nach Altefähr würde bestimmt noch schlimmer werden, mit dem Wind größtenteils von vorne und mit voller Bepackung. Also war es Zeit für Plan B, denn wie wir von Pete McCarthy wissen: „It’s important to have a plan B, especially when there is no plan A.“

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Wir parkten die Leezen auf dem Marktplatz an einer geschützten Stelle und gingen dann zum Bahnhof, um uns nach den Zugverbindungen nach Altefähr zu erkundigen. In Lietzow gibt es tatsächlich im Stundentakt einen Zug dorthin, und die Karten konnte man dort am Automaten erwerben. Dann stärkten wir uns in dem netten Restaurant „Puk op’n Balk“, wo es sehr leckere, rustikale Spezialitäten und eine literarische Speisekarte gab.

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Danach schauten wir uns die Stadt an und erfuhren, dass die dortige Marienkirche mit einer Kirche auf Texel verpartnert ist.

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Nachdem wir wieder einen Regenschauer unter einem Vordach abgewartet hatten, fuhren wir zurück, was diesmal recht flott ging, da wir den Wind schräg im Rücken hatten. Und wieder schaffte ich den Hügel zum Campingplatz, ich werde noch richtig gut!

Wir gingen zur Rezeption, um abzurechnen, da wir ja am nächsten Tag weiterfahren wollten. Der Herr an der Kasse erkundigte sich nach unserem Namen und meinte dann: „Ach so, sie stehen im Wald!“ Wo er recht hat…

Da es unser letzter Tag war, speisten wir im Restaurant und tranken noch ein paar Bierchen – Störtebeker natürlich. Dann gingen wir schlafen.

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Ostseeradtour 2015 – Teil 8

Wenn ich die Tür aufmache, und der Wind reißt mit die Klinke aus der Hand, dann weiß ich, dass ich wieder zu Hause bin.  (Radfahrer auf Rügen)

Stubbenfelde – Peenemünde – Lietzow

Mitten in der Nacht wurde ich von lauten Geplätscher wach – jemand pinkelte ins Gebüsch. Tja, sowas kriegt man, wenn das Sanitärgebäude geschlossen ist, aus welchen Gründen auch immer. Zum Glück war das Geplätscher nicht ansteckend. Ein paar Stunden später, im Morgengrauen, weckte mich lautes Donnergrollen, aber das Gewitter war nicht sehr stark und zog auch bald weiter, so dass ich schnell wieder einschlief.

Zu einer zivilen Zeit standen wir auf, frühstückten und bauten ab. Wir unterhielten uns noch mit unseren Nachbarn, zwei niederländischen Männern, die beide an Georg „Käthe“ Eschweiler aus der Lindenstraße erinnerten. Sie wollten noch in Stubbenfelde bleiben und mit dem Zug nach Peenemünde fahren, um dort das Historisch-Technische Museum zu besuchen. Peenemünde war auch unser Ziel, da wir am nächsten Tag von dort mit dem Schiff nach Rügen fahren wollen.

Wir fuhren erst an der Hauptstraße an zahlreichen Autos vorbei, die dort gemütlich im Stau standen. Radfahren hat manchmal seine Vorteile. Bei Zinnowitz gab es eine Umleitung, die uns aber nicht allzuweit außenrum  führte, so dass wir bald Peenemünde erreichten. Und es war immer noch sehr heiß – japs!

Auf unserer Karte war ein Campingplatz eingezeichnet, doch wir konnten ihn nicht finden, und Peter meinte, es gäbe ihn nicht mehr. Wir fragten eine Dame in einem Andenkenlanden am Hafen, und sie zeigte uns, dass es einen neuen Platz auf der anderen Seite des Hafenbeckens gab. Man musste irgendwie hinter dem Museumsgelände vorbei und kam dann zu einem Anglerhotel. Erst sahen wir nur Wohnmobile, und Peter war überzeugt, dass es sich um einen Wohnmobilhafen handelte, wo Zelte nicht willkommen waren. Doch ich war erst bereit, das zu glauben, wenn man uns tatsächlich wegschicken würde. Dann könnten wir immer noch nach Karlshagen zurück fahren.

Wir fanden ein Schild, dass wir bei einem Der Boote einchecken konnten, und suchten uns dann ein halbwegs schattiges Plätzchen. Duschen und unsere Klamotten waschen konnten wir im benachbarten Anglerhotel. Wir installierten uns und widmeten uns dann im Schatten unserer Lektüre. Mehr war bei der Hitze wirklich nicht drin. Aber immerhin hatten wir Aussicht.

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Später, als es etwas abgekühlt war, fuhren wir wieder auf die andere Hafenseite, um zu erkunden, wo unsere Fähre nach Rügen abfahren würde. Auf einen Besuch des Museums und des U-Boots U-461 verzichteten wir und gingen lieber Pizza essen, natürlich mit Blick auf den Hafen.

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Später kam die Fähre an, und es waren tatsächlich nur wenig Leute und zwei Fahrräder darauf. Dieser Zipfel ist für die Adler-Reederei wohl nicht sehr lukrativ, aber wahrscheinlich bedienen sie die Strecke, um dafür zu sorgen, dass es kein anderer macht. Dann kehrten wir zurück zum Campingplatz und schauten uns die netten Ferienhäuser an, die dort gerade gebaut wurden, und genossen den Sonnenuntergang über dem Peenestrom.

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Irgendwann wurde es zu dunkel, und wir holten unser Zahnputzzeugs. Bei den Damenduschen traf ich ein ziemliches Chaos an: Zwei Frauen mit gefühlt zehn Kindern hatten den gesamten Nachwuchs in zwei Duschkabinen gesteckt, um Duschmünzen zu sparen. Allerdings hatten sie sich in der Zeit verschätzt, und kaum war die Rasselbande eingeseift, ging das Wasser aus, und mehr Duschmünzen hatten sie nicht. Also mussten die Kids irgendwie an den Waschbecken abgespült werden, was natürlich mit riesigem Geschrei verbunden war. Man kann sich vorstellen, dass ich mir das schadenfrohe Grinsen nicht wirklich verkneifen konnte, ich bin wohl kein besonders netter Mensch. Dann verkroch ich mich in meinen Schlafsack.

In der Nacht regnete es, und aus dem Baum, unter dem wir standen, fiel merkwürdiges Gebrösel auf unser Zelt. Außerdem hörte man aus der Ferne immer wieder Rufe und Musik, was dazu führte, dass ich höchst eigenartig träumte, nämlich von einem Neonazitreffen, dass ausgerechnet auf unserem Campingplatz stattfand.

Da unsere Fähre schon gegen acht Uhr fahren sollte, standen wir früh auf. Es war recht windig, doch wir schafften es, mit Hilfe des Steingrills unser Kaffeewasser zu erhitzen.Wir haben doch alles.

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Nach dem Frühstück bauten wir ab und fuhren zum Hafen, natürlich wieder viel zu früh. Also konnten wir beobachten, wie das Schiff beladen wurde. Dann durften wir an Bord. Die Crewmitglieder waren sehr hilfsbereit beim Verstauen der Räder, und der Caterer meinte bewundernd angesichts unseres Gepäcks: „Und das alles ohne Motor!“

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Dann ging es los. Erst war die Fahrt noch ruhig, und wir bestellten Kaffee und Kuchen. Doch je weiter wir uns von Peenemünde wegbegaben, umso windiger wurde es, und die See schwappte entsprechend, so dass das Essen gar nicht so einfach war. Dann wollte Peter das Tablett mit dem Geschirr nach unten bringen. Ich fragte noch, ob er Hilfe bräuchte, doch er war sicher, das allein hinzukriegen und ging die Treppe hinunter. Nach wenigen Augenblicken hörte man ein lautes Klirren, das Tassenpfand konnten wir hiermit vergessen.

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Nach einer Weile legte die Fähre beim Ostseebad Göhren an, wo eine Menge Leute zustiegen, die zu den Kreidefelsen wollten. Wir gingen auf das windige Oberdeck und beobachteten, wie der Kapitän mit einer Stange die Mütze eines zusteigenden Passagiers aus dem Wasser fischte. Tja, so eine steife Brise hat es in sich. Wir beschlossen, nicht für die Kreidefelsen nachzulösen, sondern diesen Ausflug auf später zu verschieben, da uns irgendwie nicht so ganz wohl war.  Wir sind halt doch Landratten.

Die Fähre legte noch einmal bei Sellin an und dann erreichten wir Binz, wo wir von Bord gingen. Auch diesmal war die Crew uns behilflich, die Räder die steile Landungsbrücke hoch zu bekommen. Oben bewunderten wir erst einmal ausgiebig die Sandskulptur, die dem monumentalen Bauwerk an der Promenade verblüffend ähnlich sah, und schoben dann die Leezen durch die Fußgängerzone, bis wir den Radweg nach Prora fanden.

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Der riesige Urlaubskomplex Prora wurde im Dritten Reich gebaut. Hier sollten durch die Organisation „Kraft durch Freude“ 20.000 Menschen gelichzeitig Urlaub machen können. Die Standortwahl ist nicht unlogisch, da die Insel Rügen angeblich die meisten Sonnenstunden im Jahr hat. Heraus kam ein gigantischer Koloss van fünf (ursprünglich waren acht geplant) Gebäuden nebeneinander über eine Länge von 4,5 Kilometer. In der DDR wurden die Gebäude als stalinistische Großkaserne genutzt. Heute befindet sich in einem der Gebäude eine Jugendherberge, und in den anderen werden Ferienwohnungen gebaut.

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Wir verschafften uns einen kurzen Überblick über die Anlange. Beeindruckend ist dieses Bauwerk ja schon, aber es hat wirklich den Charme einer Kaserne. Inzwischen hatten unsere Mägen einstimmig beschlossen, dass sie wieder eine Bratwurst vertragen würden. Wie sagte Hildegunst von Mythenmetz doch so schön? „Es ist nicht das Gehirn, das unser Bewusstsein bestimmt. Es ist der Magen.“ (Walter Moers, Die Stadt der Träumenden Bücher). Ich stellte mich am Bratwurststand an, und während ich wartete, wurde ich Zeuge des folgenden Dialogs zwischen dem Wurstbrater und einem Touristen: „Wie komme ich zum Naturerbezentrum?“ – „Meine Güte, da sind Sie ganz falsch! Da müssen Sie zurück zur letzten Kreuzung, und dann den Schildern folgen.“ – „Schilder? Habe ich nicht gesehen.“ Darauf der Wurstbrater: „Wie machen Sie das eigentlich im Ausland, wenn Sie etwas suchen?“ – „Da ist es leichter, egal wo.“ Ich verstand den Touristen voll und ganz, wir hatten schließlich auch schon genug Irrfahrten hinter uns.

Nach unserer Stärkung ging es weiter über Neu Mukran zum Großen Jasmunder Bodden. Gut, das  war ein kleiner Umweg, aber der kürzeste Weg hätte uns laut Karte wieder eine Mountainbikestrecke vom Feinsten beschert, wie sie die Leute hier so lieben. Da nimmt man doch lieber ein paar Extrakilometer in Kauf.

Ein einheimischer Radfahrer gesellte sich zu uns und unterhielt sich mit Peter über das Woher und Wohin. Dabei fragte er auch, wie das Wetter bisher auf unserer Tour gewesen war. Peter erklärte, außer Schnee und Hagel hätten wir so ziemlich alles gehabt: Kühle Temperaturen, Regen, Sonne, Hitze. Darauf der Herr:  „Und vergessen Sie den Wind nicht! Wenn ich die Tür aufmache, und der Wind reißt mit die Klinke aus der Hand, dann weiß ich, dass ich wieder zu Hause bin.“  Da war wohl was dran.

Kurz vor Lietzow fuhren wir ein Stück durch den Wald, und plötzlich, nach einer Kurve, steht man vor dem Jasmunder Bodden! Einfach nur schön, wenn man plötzlich, umrahmt von Bäumen, das Wasser sieht, in dem sich die Sonne spiegelt. Leider können die Fotos diesen Wow-Effekt nur bedingt wiedergeben.

Jasmunderbodden

Der Campingplatz liegt oben auf einer steilen Anhöhe, und ich musste meine Leeze nach oben schieben. Hier greift deutlich die Definition von Rennbiene von @heinzi: „Wenn ich absteigen und mein Rad schieben muss, dann ist es kein Hügel, sondern ein Berg!“ Beim Einchecken dauerte es etwas länger, da gerade ein neuer Mitarbeiter eingearbeitet wurde, aber wir hatten ja Zeit.

Wir durften uns ein Plätzchen im Waldstück am Ende des Platzes aussuchen, wo wir einigermaßen geschützt stehen konnten. Bevor wir aufbauten, war es erst mal wieder Zeit für unser Projekt „Bag Art“: Diesmal versuchten wir, einen Leuchtturm zu bauen. Das Ergebnis überzeugte uns nicht ganz, und die Statik war diesmal auch etwas problematisch, so dass wir schnell zum Fotoapparat greifen mussten, bevor die ganze Pracht einstürzte. Aber Kunst ist eben „vallen en opstaan“, wie man bei uns so schön sagt.

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Nachdem wir aufgebaut hatten, fuhren wir ins benachbarte Sagard zum Einkaufen. Was erst ein schöner Radweg war, wurde plötzlich wieder eine wunderbare Schlaglochpiste, und wir waren froh, ohne Gepäck unterwegs zu sein.

Nachdem wir bei einem Supermarkt am Ortsrand unsere Einkäufe getätigt hatten, schauten wir uns noch in der Ortschaft um. Doch als wir wieder zurück wollten, hatten wir große Schwierigkeiten, an der richtigen Seite wieder hinaus zu kommen und fuhren mehrmals über kopfsteingepflasterte Straßen im Kreis. Manchen Ortschaften haben das an sich, wie wollen einen einfach nicht loslassen. Am Jasmunder Bodden machten wir Pause und sahen der Sonne zu, wie sie sich langsam auf das Wasser senkte.

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Dann fuhren wir zurück zum Campingplatz, wo wir uns dem Abendessen und der Zeitungslektüre widmeten. Dann wurde es Zeit, sich in die Schlafsäcke zu verkriechen.

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Momente einer Reise – musikalisch unterlegt

Auf einem meiner Streifzüge durch die Bloglandschaft stieß ich auf Marcs Blogparade mit dem Thema: Musikalische Erinnerungen – der Sound des Reisens. Ich denke, viele Leute verbinden eine bestimmte Reise mit einem bestimmten Musikstück, das  sie vielleicht auf dieser Reise gehört haben oder das sonst irgendwie passt. Ich möchte dieses Thema aber ein kleines bisschen anders aufziehen.

Meine Leser wissen ja, dass mein Mann und ich meistens mit Fahrrad und Zelt unterwegs sind und dass ich vor Kurzem auch das Wandern entdeckt habe. Und dabei habe ich keinerlei Musikabspielgerät mit, da ich die Klänge meiner Umgebung hören möchte: die brüllenden Vögel, das Rauschen des Meeres, das leise Rascheln des Windes in den Gräsern – das alles möchte ich auf keinen Fall missen. Aber wie kann man dann ein passendes Lied zu einer Reise haben? Ganz einfach, es gibt immer wieder Momente, in denen sich ein bestimmtes Musikstück in meinen Kopf schleicht, weil es gerade so gut passt. Und ein paar typische Momente und die dazugehörige Musik wiederholen sich auf jeder Reise der letzten paar Jahre.

Fangen wir mit dem Anfang an. Dazu gehört Das Lied „Omarm“ der niederländischen Band Bløf. Der Sänger wird vom Fernweh gepackt, kann nichts dagegen machen und bittet die geliebte Person, doch mit ihm zu gehen.

Der Anfang „Hoe ver je gaat heeft met afstand niets te maken, hoogstens met de tijd (Wie weit man geht, hat nichts mit Entfernung zu tun, höchstens mit der Zeit)“  passt perfekt zu unserer Reiseplanung. Wir haben uns schon lange von der Idee verabschiedet, eine ganz bestimmte Strecke zurückzulegen, weil das meistens doch nicht funktioniert. Wir haben eine bestimmte Zeitspanne und dann sehen wir schon, wie weit wir kommen, denn Wind und Wetter tragen ja das Ihrige dazu bei. Damit sind wir bei den letzten Zeilen des Bløf-Liedes: „Hoe recht je staat heeft met zwaarte niets te maken, hoogstens met de Wind. (Wie aufrecht man steht, hat nichts mit der Schwere zu tun, höchstens mit dem Wind)“.

Und zu jeder Reise gehört natürlich auch eine gewisse Portion Schietwetter, nach der ich mich immer besonders freue, wenn sich die Sonne wieder zaghaft zwischen den Wolken hervorwagt. Dann denke ich eigentlich immer an den bekannten Beatles-Song : „Here comes the sun and I  say it’s all right.“ Recht haben sie.

Vor unserer England-Radtour vor zwei Jahren hatten wir mit unserem Chor das Lied „For the Beauty of the Earth“ von John Rutter einstudiert. Dieses Lied summe ich seitdem immer wieder, wenn ich unterwegs bin:

„For the beauty of each hour,
of the day and of the night.
Hill and vale and tree and flower,
sun and moon and stars of night.
Lord of all, to thee we raise
this our joyful hymn of praise.“

Gerade beim langsamen Reisen wird mir immer wieder bewusst, wie schön doch die Welt das Leben sein können.

Auch die längste Reise ist irgendwann einmal zu Ende, und es naht der Moment der Heimkehr. Und so gerne ich unterwegs bin, so gerne komme ich auch wieder nach Hause, denn ich liebe die Stadt, in der ich wohne, und ich fühle mich wohl in meinem Haus, wo der Mitbewohner gemütlich auf dem Sofa sitzt. Dieses Gefühl, nach Hause zu kommen, hat bisher noch niemand besser umgesetzt als Dotan:

„The sound of the wind is whispering in your head.
Can you feel it coming back?
Through the warmth, through the cold, keep running till we’re there.
We’re coming home now, we’re coming home now.“

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Südostengland 2010, Teil 3

Das Marschland und Eastbourne

Am Morgen brachen wir wieder auf und folgten der Stone Street in Richtung Süden. Wir nahmen an, dass es sich um eine Römerstraße handelte, nicht nur wegen ihres Namens, sondern auch weil  sie fast schnurgerade von Canterbury zu den Romney Marshes führt. Wikipedia bestätigte diese Vermutung. Die Bäume an der Straße bilden hier grüne Bögen, und gelegentlich passierten wir eine Hopfendarre mit ihrer charakteristischen Spitze, die an einen Hexenhut erinnert. Später erfuhren wir, dass diese Gebäude hier „oast houses“ genannt werden, und dass man den „Hexenhut“, der an einer Seite offen ist, drehen kann, um für die bestmögliche Ventilation zu sorgen, während der Hopfen über dem Feuer getrocknet wird. Sowohl Verkehr als auch Steigungen hielten sich in Grenzen, so dass das Radeln ein richtiger Genuss war.

In Lympne mussten wir ein Stück auf einer Hauptstraße fahren. Ein Rennradler fuhr an uns vorbei und rief uns über die Schulter zu: „You guys are tough!“ Gut, dass er uns vorgestern nicht gesehen hatte, aber so eine Bemerkung freut einen natürlich.

An den Linksverkehr hatten wir uns schnell gewöhnt, nur auf freiliegenden Radwegen ertappte ich mich manchmal dabei, bei Gegenverkehr nach rechts ausweichen zu wollen. Die Radwege sind allerdings ein Kapitel für sich. Die Organisation Sustrans, die sich für Radfahrer einsetzt, hat zwar in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet, vor allem, was die Radfernwege angeht, aber auch sie sind natürlich auf die Mithilfe der Grafschaften (counties) und Gemeinden angewiesen. Und deren Ideen sind manchmal etwas seltsam: So kann es vorkommen, dass der Radweg unvermittelt an der verkehrsreichsten Stelle abbricht, oder dass man alle paar hundert Meter die Straßenseite wechseln muss. Dies ist meiner Meinung nach der Verkehrssicherheit nicht wirklich dienlich.

Inzwischen hatten wir die Küste erreicht, dachten wir zumindest. Auf der Karte sah es auch so aus, als ob unsere Straße direkt am Strand entlang führt, aber in der Realität befand sich zwischen dem Weg und dem Strand ein militärisches Übungsgelände, das auf der Karte nicht verzeichnet war, und auf dem gelegentlich geschossen wurde. Das scheint öfter vor zu kommen, denn in ihrem Buch „Slow Coast Home“ beschreibt Josie Dew ein ähnliches Erlebnis.  Doch nach einer Weile hatte der Weg tatsächlich die Küste erreicht. Man konnte das Meer zwar hören und riechen, aber leider nicht sehen, da sich zwischen ihm und uns eine hohe Mauer befand. Bei einer Auffahrt fuhren wir darum auf die Küstenpromenade.

Der Blick über die See war phantastisch, nur leider kam auch der Wind ungebremst von derselben, so dass wir nicht besonders gut voran kamen. Die zahlreichen Baustellen, die wir dort umfahren mussten, taten ein übriges, und so beschlossen wir, als wir das Dorf St. Mary in the Marsh erreicht hatten, die Aussicht wieder gegen die relativ windgeschützte Straße einzutauschen.

Nach einer Weile erreichten wir das Dorf New Romney und bald darauf den Campingplatz Romney Farm. Ich betrat das Café, wo mich die Dame an der Theke nach meiner Reservierung fragte. Da wir diese aber nicht hatten, wurde der Chef herbei telefoniert, der uns „lots of pitches“ anbieten konnte. Auf einem klapprigen Fahrrad fuhr er voraus, um ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen zu suchen. Dies war auch notwendig, denn inzwischen wehte eine ziemlich steife Brise. Wir warfen alle Fahrradtaschen auf das Zelt, damit es nicht davonflog. Der Boden erwies sich als ziemlich hart, aber zum Glück lag auf dem Tisch vor dem Nachbarzelt ein Hammer, den wir uns ausborgten. Wir mussten uns ganz schön anstrengen, um das Zelt fest zu halten, bis es ordentlich mit Heringen verankert war, da sich der Wind sich immer wieder darin verfing und mit aller Kraft daran zerrte. Aber wir schafften es. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Wir fuhren zurück ins Dorf, um einzukaufen. Bei Sainsbury’s  gab es eine Art Dreikomponenten-mahlzeit für zwei Personen. Dabei konnte man für nur fünf Pfund bestimmte Salate, Hauptgerichte und Nachtische miteinander kombinieren. Um diese zu finden, musste man natürlich den gesamten Supermarkt absuchen, eine Art Schnitzeljagd also. Dass die Campingplatzküche sogar über eine Mikrowelle verfügte, vergrößerte die Auswahl.

Auf dem Weg zurück begann es zu tröpfeln, und als Peter mit seinem Duschzeug die Waschräume erreichte, brach ein Platzregen los. Dieser wurde von der Putzfrau mit einem fröhlichen „There you have your shower“ kommentiert.

Als der Regen nachgelassen hatte, schwangen wir uns noch einmal auf die Räder und erkundeten die Umgebung. Wir fuhren durch das pittoreske Dörfchen Lydd bis zur Dungeness Power Station.   Das flache, dünn besiedelte Marschland hatte in der Abenddämmerung etwas Unwirtliches und sogar Unheimliches. In dieser Gegend könnte Charles Dickens‘ kleiner Pip aufgewachsen und dem entflohenen Strafgefangenen Magwitch begegnet sein. Dann trieben uns der Wind und der Hunger zurück zum Campingplatz.

Am nächsten Morgen war es noch immer ziemlich windig. Wir brachen auf und fuhren über Camber nach Rye und passieren unterwegs die Grenze zwischen Kent und East Sussex.  In der kleinen Stadt, die laut unserem Lonely-Planet-Führer „so Olde Englishe it’s almost twee“ ist, wollten wir bei der Tourist Information eine Karte der regionalen Fahrradrouten erwerben, um zu wissen, ob es sich lohnt, den Schildern zu folgen. Leider war das, was sie dort im Angebot hatten, zu lokal für unsere Zwecke. Nach einer kurzen Mittagspause  beschlossen wir, nicht wie geplant über Battle nach Eastbourne zu fahren, sondern weiterhin der Küste zu folgen.

Zwischen Fairlight Cove und Hastings mussten wir uns noch den Battery Hill, eine lange Steigung, hinaufarbeiten. Die Straße war von hohen Bäumen gesäumt, und jedes Mal, wenn man Licht sah und dachte, dass man oben war, erwies es sich als eine Kurve, nach der es fröhlich weiter aufwärts ging. Doch endlich hatten wir es geschafft, und wir sausten hinunter in die Stadt.

Hastings ist nicht nur aufgrund des „Battle of Hastings“ im Jahre 1066 bekannt, sondern rühmt sich auch, die erste der „Cinque Ports“ zu sein. Dabei handelt es sich um einen Bund von ursprünglich fünf Hafenstädten in Kent und Sussex, der wohl schon vor der normannischen Invasion bestand. Außer Hastings gehören Dover, Hythe, New Romney (früher Roniney) und Sandwich zu den Gründungsmitgliedern. Inzwischen umfasst dieser Bund vierzehn Städte, u. a. Lydd, Deal und Rye. Gesehen hatten wir die Schilder an den Ortseingängen natürlich schon früher und sollten auch später immer wieder darauf stoßen.

Auf der Strandpromenade fuhren wir durch die sehr touristische Stadt, vorbei an den typischen Kirmesattraktionen englischer Seebäder, die von Scharen von Touristen frequentiert werden, weiter nach Bexhill. Der Ortsteil machte natürlich seinem Namen alle Ehre. Ich hätte den Hügel allerdings fast geschafft, wäre mir nicht so ein dämlicher Hund in die Quere gekommen. Laut Gatten hätte ich schneller fahren müssen, dann wäre das nicht passiert. Nee, ist klar.

Danach ging es weiter über flache Landwege nach Pevensey, wo sich in der Nähe des Schlosses der Campingplatz „Fairfield Farm“ befand. Da wir nur eine Nacht bleiben wollten, durften wir einchecken.  Als das Zelt stand, telefonierte ich mit Beate aus London, mit der wir uns am Wochenende in Brighton treffen wollten. Leider musste sie uns mitteilen, dass ihr etwas dazwischen gekommen war. Ob sich in diesem Urlaub noch eine Gelegenheit ergeben würde, wollten wir abwarten, da Peter und ich unsere Streckenführung nicht genau voraussagen konnten. Unterwegs hatten wir  auch gehört, dass in Brighton gerade die Pride Week, eine Festivalwoche, stattfand, und wohl alle Übernachtungsmöglichkeiten ausgebucht waren. Außerdem habe ich ein gestörtes Verhältnis zu großen Menschenansammlungen auf begrenztem Platz. Also beschlossen wir, noch einen Tag in Eastbourne zu bleiben und dann nach Norden zum Naherholungsgebiet Bewl Water zu fahren, das wir auf der Karte entdeckt hatten.

Dann gingen wir in ein nettes Pub mit einem Biergarten. Die Bedienung machte mich darauf aufmerksam, dass man hier das Chili auf einem Berg Pommes servierte. Eine interessante Variante, die gar nicht mal schlecht schmeckte. Danach gingen wir wieder zum Campingplatz und schauten einigen Familien beim Cricket zu. Sehr treffsicher waren sie nicht, einmal landete der Ball fast in unserem Zelt, aber sowohl die Spieler als auch die Zuschauer hatten eine Menge Spaß.

Am nächsten Morgen fragten wir an der Rezeption, ob wir noch eine Nacht bleiben durften, aber leider waren sie für dieses Wochenende „fully booked“. Aufgrund der Wirtschaftslage machten verständlicherweise sehr viele Engländer Urlaub im eigenen Land und bevölkerten die Campingplätze. Also mussten wir unser Zelt abbrechen und eine andere Bleibe suchen. Wir fuhren ein paar Kilometer zurück zum Campingplatz St. Norman’s Bay. Dort wurden wir freundlich empfangen, mussten aber mit dem Einchecken warten, bis die ersten Leute abgereist waren. Wir überquerten also die Straße, suchten uns ein nettes Plätzchen am Strand, rollten unsere Isomatten aus, lasen und machten ein Nickerchen in der Sonne. After all, we were at the seaside!

Nach einer Weile war wieder Raum in der Herberge, so dass wir aufbauen konnten. Der Platzwart suchte für uns ein geschütztes Plätzchen, da es im Lauf des Tages wieder sehr windig werden sollte. Irgendwie war das wohl typisch für diese Gegend.  Auch hier wurde Cricket gespielt, diesmal nicht mit einem richtigen Bat, sondern mit einer Bratpfanne.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und wir brachen auf Richtung Beachy Head, eine, eindrucksvollen Kreidefelsen auf der anderen Seite von Eastbourne, den man von St. Normans Bay gut sehen konnte. Dieser Felsen ragt 162 Meter über dem Meeresspiegel auf und bietet nicht nur eine phantastische Aussicht, sondern ist auch ein Anziehungspunkt für potentielle Selbstmörder. Leider war der Wind wirklich wieder ziemlich stark geworden, und auch mein Knie begann zu protestieren, so dass wir in Eastbourne aufgaben.

Wir suchten einen Supermarkt, und ich ging einkaufen, während Peter unsere Räder und Habseligkeiten bewachte. Es bot sich mir ein hochinteressantes Einkaufserlebnis. Der Tesco’s war so groß, dass man sich darin verlaufen konnte, und hatte eine Riesenauswahl. Außerdem war er bevölkert mit Gruppen von Einkäufern, von denen ein großer Teil ziemlich korpulent war. Nun habe ich auch nicht gerade die Figur einer Gazelle, aber hier fühlte ich mich mal wieder richtig schlank! Obwohl die Gänge wirklich sehr breit waren, wurde es doch manchmal schwierig, sich seinen Weg zu bahnen. Wenn eine fünfköpfige wohlbeleibte Familie vor dem Käseregal über das Abendessen debattiert, kommt man nicht vorbei, keine Chance. Da ich wohl auch noch eine der langsamsten Kassiererinnen  des Landes erwischt hatte, dauerte die Expedition ziemlich lange. Peter begann, sich Sorgen zu machen, und der vorfahrende Krankenwagen beruhigte ihn nicht wirklich. Gerade, als er sich hinein begeben wollte, kam ich jedoch wohlbehalten wieder zum Vorschein.

Als wir wieder auf dem Campingplatz waren, begann es zu regnen, und wir verkrochen uns in unser Zelt. Doch dann bekamen wir mit, dass zwei junge Frauen versuchten, ihr Zelt aufzubauen und heftig mit dem Wind zu kämpfen hatten. Wir zogen unsere Regenjacken an und kamen ihnen zur Hilfe. Zu viert schaffen wir es gerade, das Zelt festzuhalten und aufzubauen.

Dann gingen wir schlafen. Wegen der Windböen, die gegen das Zelt peitschten, schlief ich sehr unruhig und wurde von Alpträumen geplagt. An einen davon kann ich mich sogar noch erinnern: Ich unterrichtete gerade gemütlich meine Gruppe Studenten, als plötzlich von allen Seiten Handwerker in Schutzkleidung auftauchten, die überall Löcher bohrten und merkwürdige Stäbe hineinsteckten, die dann mit Kabeln verbunden worden. Auf meine Frage, was das sollte, erklärte man mir, dass das Gebäude am nächsten Tag gesprengt werden sollte und man schon mal dabei war, die Sprengsätze zu verlegen. Meine Studenten und ich rannten hinaus, und aus sicherem Abstand rief ich die Projektleitung an, die antwortete: „Oh, bist du immer noch dort? Dich haben wir total vergessen. Meinst du, du schaffst es noch, unsere Sachen zusammen zu packen und wegzubringen?“ Dann wachte ich auf und stellte erleichtert fest, dass es Morgen war und ich immer noch Urlaub hatte.

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