Strand6Daagse (Teil 4)

Dritter Tag: Noordwijk – IJmuiden (30 km)

 Da es heute heiß werden sollte, war das Frühstück eine Stunde vorverlegt worden. Sogar wir standen früher als normal auf und stellten uns an. „The same procedure as every day“, wir fingen an, uns an den Rhythmus zu gewöhnen.

Gegen halb acht gingen wir los zum Leuchtturm und von dort wieder an den Strand. Schon bald sahen wir die Hotels von Zandvoort aan Zee, die wie eine Festung an der Küste thronten. Dort würden wir etwas mehr als die Hälfte geschafft haben. Wie gestern und vorgestern am Vormittag war der Sand hart und das Laufen ging problemlos.

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Hin und wieder trafen wir auf Spaziergänger mit Hunden oder eine Gruppe Reiter. Gelegentlich mussten wir ein Stück Nacktbadestrand überqueren, aber zum Glück durften wir das in bekleidetem Zustand tun, sonst wäre das Ganze nämlich sher umständlich und zeitraubend geworden.

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Gegen Mittag erreichten wir Zandvoort und machten uns auf die Suche nach einem Restaurant, denn von dem Lunchpaket alleine wird man nicht satt. In einem Pfannkuchenrestaurant am Anfang der Promenade saßen schon einige Wanderer, und wir gesellten uns dazu. Mit ein paar alkoholfreien Bierchen wurde der Feuchtigkeitshaushalt wieder ausgeglichen, schließlich sollte man bei dieser Wanderung mindestens vier Liter pro Tag trinken. Peter hatte gehört, dass ein Herr wegen eines sonnenbrandartigen Ausschlags am Bein beim Erste-Hilfe-Zelt gewesen war. Dort wurde ihm erklärt, dass dies ein Anzeichen für Flüssigkeitsmangel sei, und dass er unbedingt mehr trinken müsse, da er sonst die nächsten Tage nicht schaffen würde. Das wollten wir auf gar keinen Fall!

Zum Essen gab es dicke, leckere Pfannkuchen mit Speck und Ananas, und so hatten wir die nötige Grundlage für die letzten Kilometer. Anstatt gleich auf den Strand zurück zu gehen, blieben wir bis Bloemendaal auf der Promenade, denn es tat gut, mal wieder auf anderem Untergrund zu gehen. Außerdem konnte man so die Badeurlauber, die sich inzwischen zahlreich eingefunden hatten, umgehen.

zandvoort

Dann gingen wir wieder zurück zum Strand, wo ich eine Weile barfuß durch das Wasser ging, um meine Füße abkühlen und wieder auf Normalgröße schrumpfen zu lassen. In der Ferne sah man inzwischen auch die Hochofen von Corus mit dem dazugehörigen Rauch, das Wahrzeichen von IJmuiden.

Gelegentlich liefen wir ein Stück mit anderen Wanderern, und so verging die Zeit ein bisschen schneller. Die Gespräche gestalteten sich meist wie folgt: „Wie geht es heute?“ – „Ganz gut.“ – „Läufst du zum erstem Mal?“ – „Ja.“ – „Ich zum dritten Mal. Der Sand ist heute gut, nicht wahr?“ – „Ja, sehr gut, kein Vergleich zu gestern Nachmittag.“

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Und so erreichten wir bald IJmuiden, wo wir den Strand wieder verließen. Beim Aufgang fand sich ein kleines Grüppchen, doch im Gegensatz zu gestern und vorgestern war diesmal keiner dabei, der sich auskannte, da dieses Jahr zum ersten Mal das Etappenziel nicht das fünf Kilometer nördlichere Velsen-Noord auf der anderen Seite des Nordseekanals, sondern eben IJmuiden war.

Der Grund für diese Änderung war wohl der Todesfall im letzten Jahr, bei dem ein Wanderer auf dem Weg zur Fähre unter einen Lastwagen gekommen war. Wir konnten uns gut vorstellen, wie so etwas passieren kann: Man muss durch ein Industriegebiet, um zur Fähre zu kommen und hat schon 30 Kilometer hinter sich. Man ist also müde und reagiert nicht mehr so schnell, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Dieser Unfall hatte die Einwohner von IJmuiden und natürlich auch die Wanderer ziemlich geschockt. Logisch, denn auch wenn man ihn nicht persönlich gekannt hatte, war er doch Teil der Gruppe, und vielleicht ist man ja ein Stück zusammen gegangen oder hat irgendwo im Nachbarzelt übernachtet. Auf jeden Fall sollte sich so etwas nicht wiederholen, und so übernachteten wir hier, und für den nächsten Tag wurde für uns eine Extrafähre organisiert, die uns vom Süd- zum Nordpier bringen würde, so dass wir nicht durch das Industriegebiet laufen mussten.

Ein paarmal mussten wir uns zum Sportplatz durchfragen, denn „IJmuiden ist groß“, wie uns eine Dame stolz erklärte. Doch nach einer Weile kamen wir an und wurden von dem Duft gebratener Hamburger und Zwiebeln empfangen. Der Sportverein IJmuiden hieß uns willkommen. Unser Gepäck war allerdings wieder noch nicht da. Wir werden noch richtig gut. Wir setzten uns in den Schatten und unterhielten uns mit anderen Wartenden. Einige beklagten sich, dass manche Leute fürchterlich schnarchten. Aber da diese sich in anderen Zelten befanden, konnte man wohl schlecht etwas dagegen machen. Wir kamen auf die Idee, ein „Snurkveldje“ (Schnarchfeld) einzurichten, für das man dann Leute nominieren konnte. Außerdem philosophierten wir über die verschieden Kombinationen von Zelten und Matratzen. Wie bringt man z. B. eine 50 cm hohe Luftmatratze für zwei Personen in ein winziges Quechua-Zelt? Alles schien hier möglich zu sein. Dann kamen die Lastwagen und wurden mit viel Brimborium ausgeladen.

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Dann ging ich duschen und machte auch gleich einen Termin bei einem der drei mitreisenden Sportmasseure, denn nach der ganzen Latscherei konnte man sich durchaus mal etwas Gutes tun. Auf der Ankündigungstafel stand, dass es heute um 16 Uhr zwei Schweigeminuten für die Insassen der abgestürzten Maschine MH 17 geben würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade in Zelt, aber es war tatsächlich sehr still auf dem Platz. Die Kirchenglocken, die anschließend läuteten, hörte man hier allerdings nicht.

Um 17 Uhr war es Zeit für meinen Massagetermin. Da ich keinen der drei Herren kannte, hatte ich mich einfach bei Ernesto in die Liste eingetragen. Ein freundlicher älterer Herr empfing mich und fragte: „Was kann ich für dich tun?“ – „Ich hätte gern die Beine massiert, wie man das im Fernsehen immer sieht, so bei den Fußballspielern vor der Verlängerung.“ Ich durfte auf der Liege Platz nehmen und dann wurden mir die Beine und Füße gründlich und fachkundig durchgeknetet. Dabei unterhielten wir uns eine Weile, und Ernesto fragte vorsichtig, wo ich denn ursprünglich herkomme, denn für einen Muttersprachler wäre mein Niederländisch nicht schlampig genug. Das ist doch mal ein nettes Kompliment. Nach der Massage hüpfte ich zwar noch nicht wie eine Gazelle durch die Gegend, aber die Beinmuskulatur war deutlich gelockert.

Der Held der Fußkranken war dieses Jahr ein gewisser Jean-Pierre, der in einem Zelt mit belgischer Flagge übernachtete und dort zahlreiche kleinere Verletzungen behandelte. Ich habe ihn nicht persönlich kennengelernt, doch sein Name wurde regelmäßig mit einer gewissen Ehrfurcht ausgesprochen. So hörte Peter, dass eine Frau die Wanderung abbrechen wollte, doch sie wollte sich unbedingt noch von Jean-Pierre verabschieden.

Dann wurde es Zeit zum Abendessen, heute Endivieneintopf mit Rauchwurst und viel Soße. Die Jungen an der Essensausgabe häuften uns einen Berg Eintopf auf den Teller, und bohren mit dem gefüllten Schöpflöffel fachkundig ein Loch, das sie mit derselben fließenden Bewegung mit Soße füllten. Zu ihrer Empörung schlugen wir die Orange allerdings diesmal aus.

In der Schlange vor der Essensausgabe vernahmen wir, dass der Kaffee und die Mahlzeiten in Den Helder zubereitet und mit einem Lastwagen zum jeweiligen Etappenziel gebracht wurden. Sie waren also jeden Tag ein bisschen wärmer. An den ersten zwei Tagen hatten Peter und ich noch fröhlich spekuliert, was es diesmal wohl geben würde, doch die Veteranen verdarben uns bald den Ratespaß: Das Menü ist jedes Jahr dasselbe.

Wir setzten uns auf den wunderbar weichen Rasen, genossen unser Essen und lauschten der Musik aus den Lautsprechern: Heb je even voor mij, Zelfs je naam is mooi, Het is een nacht und vieles andere, niederländisches Kulturgut pur also. Dann gingen wir schlafen, denn morgen würde es sicher wieder anstrengend werden.

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Strand6Daagse (Teil 3)

Zweiter Tag: Wassenaar – Noordwijk (20 km)

 Wieder wurden wir morgens von der Geschäftigkeit um uns herum wach. Wir zogen uns an und fingen an, schon ein bisschen einzupacken, bis es um sieben Uhr Frühstück geben sollte. Ungefähr eine Viertelstunde vorher bildete sich bereits wieder eine Schlange, der wir uns anschlossen. Eines hatten wir bereits gelernt: Wenn sich eine Schlange bildet, reiht man sich am Besten gleich ein, dann verpasst man nichts.

Wir zeigten wieder unsere Karten vor, dann erhielten wir jeder eine gelbe Tüte, in die die erfahrenen freiwilligen Helfer ein Päckchen mit Frühstücksstullen, eines mit Broten für unterwegs, eine Packung Capri-Sonne und einen Informationszettel eintüteten. Obst und Kekse sowie Kaffee konnten wir uns selbst nehmen. Wir setzten uns auf eine Bank und studierten eifrig die Informationen: Erst mal sollte es zum Strand zurück und dann am Wasser entlang bis Pfahl 81.250 und dann zum Sportplatz gehen. Außerdem wurden die für den Kaffee zuständigen Damen, die Nachtwächter und die Gepäckjungens namentlich erwähnt.

Nach dem Frühstück bauten wir das Zelt ab, wobei ich mit dem linken großen Zeh an einen Hering stieß. Mist! In der Unterseite klaffte ein dreieckiger Schnitt, der recht heftig zu bluten begann. Gut, dass ich genug Pflaster, Verband und natürlich Leukoplast mithatte. So konnte ich den Zeh selbst versorgen und brauchte nicht ins Erste-Hilfe-Zelt.

Wir gaben das Gepäck ab und verließen den Campingplatz. Da der Freizeitparkbetrieb noch nicht begonnen hatte, konnten wir den direkten, erstaunlich kurzen Weg zum Ausgang nehmen. Dann gingen wir wieder die vier Kilometer zum Strand zurück. Dieser war erst menschenleer und der Sand war fest, so dass wir gut voran kamen.

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Wie immer nach circa eineinhalb Stunden machte sich mein Magen bemerkbar, und wir setzten uns in den Sand und verputzen einen Teil unseres Lunchpaketes. Bis zum Abendessen würde das Zeugs aber nicht vorhalten! Bei der Gelegenheit wurde auch der Zeh neu verpflastert. Das Barfußlaufen im Sand war wohl heute keine gute Idee.

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Bei Katwijk mussten wir um die Wassersperre herum und dann wurde das Laufen auf dem Sand wieder mühsamer. Wenn mich mein Halbwissen hier nicht täuschte, hatte das mit den Gezeiten zu tun. Wenn sich das Wasser bei Ebbe grade zurückzieht, ist der Sand praktisch „gesättigt“ und richtig schön hart, doch wenn die Flut kommt, ist er trocken und weich, und das anspülende Wasser hilft auch nicht viel. Außerdem war es inzwischen ziemlich warm geworden und Sonne knallte erbarmungslos vom Himmel.

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Am frühen Nachmittag erreichten wir den ersten Strandzugang bei Noordwijk und beschlossen, dort den Strand zu verlassen und durch die Ortschaft zu gehen und etwas Essbares und Schatten zu suchen. Erst schien es nur vornehme Hotels und entsprechende Restaurants mit übersichtlichen Mahlzeiten und indirekt proportionalen Preisen zu geben, doch dann erreichten wir das Zentrum mit verschiedenen Snackbars. Wir verleibten uns eine große Portion Pommes ein und gingen dann im Schatten der Häuser zum Leuchtturm, von wo aus wir eine Wegbeschreibung zum Sportplatz hatten. Wir trafen bald auf andere Wanderer mit gelben Flaggen, und gemeinsam fanden wir den Sportplatz recht schnell.

Dort stellten wir fest, dass unser Gepäck noch nicht da war. Da wir morgens erst gefrühstückt und dann abgebaut hatten, waren unsere Taschen mit der zweiten Ladung transportiert worden. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich tatsächlich mal so flott unterwegs sein würde. Wir füllten unsere Wasserflaschen und setzten uns in den Schatten des Umkleidegebäudes.

Nach etwa einer halben Stunde kamen die Lkws, und das Gepäck wurde von kräftigen jungen Männern ausgeladen, und einzelne Utensilien wie lose Zeltstangen entsprechend kommentiert. Nachdem unsere Taschen aus dem Bauch eines Lkws zum Vorschein gekommen waren, suchten wir uns ein Plätzchen in ausreichender Entfernung zum Vereinsheim auf der einen und Den Dixi-Klos auf der anderen Seite. Als wir gerade mit dem Aufbauen beschäftigt waren, fragte uns ein Fotograf des dortigen Ortsbauernblattes, ob er von uns ein paar Fotos machen dürfte, es sähe so routiniert aus. Na ja, wir haben das ja auch lange genug geübt.

Danach ging es unter die Dusche, die diesmal herrlich warm war. Allerdings stellten wir im Laufe des Nachmittags fest, dass es für so viele Leute recht wenig Toiletten und Waschbecken gab, aber da muss man wohl durch. Irgendwann hieß es nur noch „Ich gehe jetzt nach Dixiland“, wenn man aufs Örtchen musste.

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Ich fühlte mich etwas steif, aber auch andere klagten über Muskelkater. Da es noch recht früh war, legten wir uns in unser Vorzelt und lasen. Dabei zog sich Peter, dessen untere Extremitäten aus dem Zelt ragten, einen Sonnenbrand an Füßen und Unterschenkeln zu. Später kratzte er sich auch noch an einem Hering. Irgendwie war das nicht so ganz unser Tag. Nach einer Weile gingen wir in die Kantine des Vereinsheims und gönnten uns ein Bierchen.

In der Zwischenzeit hatte sich der Platz gefüllt, und die Zelte standen dicht an dicht, wie auf dem T-shirt mit der Aufschrift „Where‘s my tent?“, das ich vor ein paar Jahren in England erstanden hatte und das ich hier als Abendgarderobe sehr passend fand.

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Dann war es Zeit zum Abendessen. Heute gab es eine Art Kassler mit Karotten, Erbsen und natürlich Kartoffeln, sowie die unvermeidliche Orange. Bei der Essensausgabe kündigte ein Schild an, dass das Frühstück wegen der sehr sommerlichen Temperaturen morgen schon ab sechs statt ab sieben Uhr ausgegeben werden sollte. Vielleicht sollten wir uns dann auch mal etwas früher auf die Socken machen, denn die Etappe nach IJmuiden war wieder 30 Kilometer lang.

Als wir uns später in unsere Schlafsäcke verkrochen, stellten wir fest, dass so ein Fußballfeld die ideale Zeltwiese ist. Man liegt völlig waagrecht, es gibt keinerlei Wurzeln oder Steine, die sich durch die Isomatte hindurch bemerkbar machen, und der Rasen ist wunderbar dick und saftig. Selten habe ich im Zelt so gut geschlafen.

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Strand6Daagse (Teil 2)

Erster Tag: Hoek van Holland – Wassenaar (30 km)

 Um sechs Uhr wurden wir wieder wach: Zahlreiche Nachbarn wühlten sich aus den Schlafsäcken, Zeltstangen klapperten, Menschen unterhielten sich leise. So früh hatten wir zwar nicht aufstehen wollen, aber angesteckt von der allgemeinen Geschäftigkeit beschlossen auch wir, unsere Sache zusammen zu packen und uns auf den Weg zum Startpunkt zu machen.

Nach einem schnellen Frühstück gingen wir zur Rezeption, wo sich schon eine lange Schlange gebildet hatte. Wir erfuhren, dass man sich für zwei Euro pro Person mit einem Sammeltaxi zum „Jagershuis“ bringen lassen konnte. Wir reihten uns ein, denn laufen würden wir ja später noch genug. Die pro Fuhre ungefähr zehn Leute mitkonnten und mehrere Taxis unterwegs waren, ging die Abfertigung recht schnell.

Am Start standen schon vier Lkws, mit denen das Gepäck nach Wassenaar transportiert werden sollte. Wir folgten dem Beispiel der anderen und legten unsere drei wasserdicht verpackten Gepäckstücke, an denen wir weisungsgemäß rote Bänder befestigt hatten, zu den zahlreichen anderen. Dann hieß es wieder Schlange stehen, diesmal vor einem roten Bus. Wir legten unsere ausgefüllten Teilnahmekarten vor und erhielten eine gelbe Flagge, ein ebensolches kleidsames Armband und einen Zettel mit den Informationen zum heutigen Tag. Wir befestigten die Flaggen an unseren Rucksäcken und studierten bei Kaffee und Brötchen, was uns erwartete. Die Route war an sich recht einfach: man geht immer gemütlich am Strand entlang bis Pfahl 92. Dann verlässt man den Strand und geht zum Campingplatz Duinrell. So weit die Theorie.

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Wir brachen auf, und die ersten Kilometer gingen auch sehr gut, denn der Sand war wunderbar fest. Vor uns sah man ein langes Band aus Wanderern mit flatternden Fähnchen an den Rucksäcken, das sich hinter uns fortsetzte. Einmal löste sich mein Fähnchen vom Rucksack, wurde aber von einer anderen Wanderin wieder eingefangen.

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Doch irgendwann wurde der Sand lockerer und das Gehen schwerer. Dies lag, laut unserer Tagesinfo an den Sandvorspülungen, die in dieser Gegend durchgeführt wurden, um die Küste zu stabilisieren. Bis sich der neue Sand richtig gesetzt hat, dauert es einige Jahre. Wir beschlossen, ein Stück barfuß zu gehen, da man dann besser an der Wasserlinie laufen kann. Das ging auch sehr gut, doch vor lauter Begeisterung übersah ich ein Loch und stand plötzlich ein Stück tiefer und ließ vor Schreck meine Schuhe fallen. Dies brachte mir also eine nasse Hose, nasse Schuhe und diverse Kommentare ein, denn wer den Schaden hat, braucht ja bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen. Sonne und Wind trockneten jedoch alles relativ schnell wieder.

Vor Scheveningen verließen wir und viele andere den Strand und gingen ein Stück über den befestigten Dünenweg. Unter uns pflügten sich einige Strandpuristen immer noch durch den weichen Sand, aber man kann es auch übertreiben. Die Dünen gehören ja schließlich auch irgendwie zum Strand.

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Am späten Vormittag erreichten wir eine Reihe von Strandlokalen und versuchten, eine Toilette zu finden, die bereits geöffnet hatte. Dies war gar nicht so einfach, die Strandlokale befanden sich größtenteils noch im Tiefschlaf. Irgendwann schafften wir es jedoch, und dann mussten sowieso kurz weg von der Küste, um den Hafen zu umrunden.

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Auf der Promenade machten wir Mittagspause, dann folgten wir noch ein Stück dem befestigten Weg zwischen den Strandlokalen. Dieser war jedoch irgendwann zu Ende, und wir mussten wieder durch den Sand. Unterwegs kamen wir immer wieder mit anderen Wanderern ins Gespräch: Einige waren die Strecke schon öfter gelaufen und kannten sich aus, andere gingen, wie wir, zum ersten Mal.

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Laut unseren Instruktionen mussten wir bei Pfahl 92 den Strand verlassen. Pfähle gab es genug, aber sie standen immer so weit weg, dass man sich ein ganzes Stück durch lockeren Sand pflügen müsste, um die Zahlen lesen zu können. Einmal schaute Peter doch nach, wir waren bei Pfahl 96 und 2/3 (oder so ähnlich). Also noch etwa eine Stunde beziehungsweise knapp fünf anstrengende Kilometer Fußmarsch, und die Möwen schienen schon auf die ersten Leute zu warten, die zusammenbrechen würden.

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Endlich erreichten wir besagten Pfahl und enterten erst einmal das dortige Strandlokal, wo wir uns mit Kaffee und Apfelkuchen für die letzten Kilometer stärkten. Und das war auch notwendig, denn diese zogen sich noch ganz schön lange hin. Zum Campingplatz Duinrell waren es noch ungefähr vier Kilometer, die wir in einer kleinen Gruppe gingen. Wir hofften, dass der Anführer sich auskannte und auch tatsächlich dasselbe Ziel hatte. Nicht, dass er erst noch seine Schwiegermutter besuchen will und dann mit fünfzehn erwartungsvollen Leuten vor einen Reihenhaus am Stadtrand steht.

Endlich erreichten wir den Eingang des Campingplatzes und Vergnügungsparks, doch die Marschiererei war damit noch nicht zu Ende. Damit wir den normalen Freizeitparkbetrieb möglichst wenig störten, wurden wir auf Schleichwegen um das Areal geleitet. Inzwischen war ich ziemlich erledigt, und die Organisatoren „were toying with my will to live“, wie Bill Bryson das einmal so schön formuliert hatte. Doch irgendwann war es tatsächlich geschafft, und wir standen vor einem riesigen Gepäckberg. Wie sollten wir hier nur unsere Taschen finden? Doch bald entdeckten wir, dass es drei Unterhaufen gab, einen mit weißen, einen mit blauen und einen mit roten Bändern. So wurden wir doch noch relativ schnell fündig.

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Wir bauten unser Zelt auf und machten uns auf die Suche nach einer Dusche. Im Sanitärgebäude, das am nächsten an unserer Zeltwiese lag, gab es zwar nur kaltes Wasser, aber egal. Auf keinen Fall wollte ich heute noch einen Schritt mehr gehen als unbedingt notwendig.

Nach der recht erfrischenden Dusche rollte ich mich in meinen Schlafsack und machte ein Schläfchen, bis sich wieder eine Schlange formierte. Das Abendessen wurde serviert, und zwar gar nicht weit weg von unserem Zelt. Das war gut, denn inzwischen nieselte es leicht. Wir stellten uns an, zeigten unsere Karten vor und erhielten je einen Plastikteller mit einer Frikadelle, grünen Bohnen und Kartoffeln. Als Nachtisch gab es eine Orange. Dies war wohl das erste Mal, dass wir im Zelt eine warme Mahlzeit einnahmen, während der Regen sanft auf das Zeltdach trommelte.

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Gegen halb neun gab es noch Kaffee, und wir konnten die Karten für die Fahrt am Donnerstag über den Nordseekanal bei IJmuiden abholen.Was es damit genau auf sich hat, würden wir später erfahren. Wo vor ein paar Stunden noch der Gepäckhaufen gewesen war, standen nun Zelte. Ein paar Gepäckstücke waren allerdings noch übrig und gaben Rätsel auf, doch blad darauf kamen die Besitzer. Wo sie so lange gewesen waren, erfuhren wir jedoch nicht. Da es inzwischen nicht mehr regnete, setzten wir uns zu zwei Herren auf eine Bank und unterhielten uns. Zwei Leute waren heute bereits ausgefallen, einer war in Hoek van Holland auf der Treppe zum Strand umgeknickt und hatte einen Meniskusriss davongetragen. Nicht schön, sowas.

Nach einer Weile gingen wir schlafen. Morgen sollte es weiter nach Noordwijk gehen.

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Weitere 52 Bücher (1+2) – “Man muss das Kind im Dorf lassen” von Monika Gruber

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Letzte Woche ging das Monsterprojekt “52 Bücher” in die dritte Runde. Auch wenn ich in der letzten Runde dramatisch wenig Bücher besprochen habe (ganze elf habe ich geschafft!), möchte ich doch auf jeden Fall wieder mitmischen. Denn gelesen habe ich in der Zeit ja trotzdem, und es gibt einiges, was sich vorzustellen lohnt. Um das Ganze aber etwas önkonomisch anzugehen (ich habe ja schließlich auch meinen Haushalt), habe ich beschlossen, das erste Buch gleich für die ersten ZWEI Themen zu verbraten. *g*

Das erste Thema ist ja, wie immer bie diesem Projekt, ein gemütlicher Einstieg, nämlich: Was liest du zurzeit? Und das zweite Motto Fußball-WM vorbei und nun? passt eigentlich auch irgendwie, denn ehrlich gesagt bin ich froh, dass das Gedöns vorbei ist und das Leben wieder gemütlich vor sich hinplätschert – ohne orangefarben dekorierte Straßen, lange Abende, Autokorsos und dergleichen.  Auch während der WM habe ich Bücher gelesen, und das tue ich jetzt immer noch.

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Zurzeit lese ich die Autobiografie der Kabarettistin Monika Gruber “Man muss das Kind im Dorf lassen – Meine furchtbar schöne Jugend auf dem Land” (München, 2014). Den Lesern aus meiner alten Heimat dürfte  sie sowieso ein Begriff sein, andere kennen sie vielleicht aus der bayerischen Vorabend-Krimiserie “Hubert und Staller”, wo sie die Lokalreporterin Barbara Hansen spielt.

Ich zitiere mal den Klappentext: “Was macht eine, die aus einem Ort namens Tittenkofen stammt, aber nicht so ausschaut? Die auf dem  Bauernhof aufwächst, aber eigentlich auf die Bühne will? Klar, sie nimmt es mit Humor und wird Komikerin.”

Eigentlich wollte sie die Menschheit nie mit einem Buch belästigen, aber anlässlich des 75jährigen Jubiläums ihres (und auch meines!) Gymnasiums wurde sie gebeten, einen Artikel für die Festschrift zu verfassen, was anscheinend die Schleusen des Schreibprozesses öffnete. Heraus kam ein flott lesbares Buch über ihre Kinder- und Jugendzeit im tiefsten Oberbayern. Dieses Thema wird ja in ihren Kabarettprogrammen mit schöner Regelmäßigkeit verbraten, wobei dort aufgrund des Klischees “Kind vom Land hat es schwer” manchmal der Eindruck entstehen mag, dass es keine allzu schöne Zeit war. Beim Lesen zeichnet sich jedoch das Bild einer normalen, recht liebevollen Kindheit bei bodenständigen Eltern, die auf ihre Art oberbayerische Originale sind.

Anders als andere (Auto-)Biografien ist das Buch nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut und behandelt Aspekte wie Heimat, Eltern und weitere Verwandtschaft (wobei dem Vater ein eigenes Kapitel gewidmet ist), Schule, den Kirchgang, Bauernhochzeiten, ihren Job als Kellnerin, die unvermeidlichen Preißn und was halt auf dem Dorf noch wichtig ist.

Sehr interessant finde ich ihre Beobachtung zu den feinen sprachlichen Unterschieden zwischen Land- und Stadtjugend:

Unser Dorf liegt zwar nur circa sechs Kilometer von der Kreisstadt entfernt, diese Entfernung reicht aber schon aus, um die Stadtkinder anders aussehen zu lassen. Und sie sahen nicht nur anders aus (kein Haferlhaarschnitt, Urlaubsbräune), sie redeten auch ganz anders: Einige sprachen zwar Dialekt, aber es war anders als unser dörfliches kerniges Bayerisch, es war dieses gepflegte Vorstadtbayerisch, dass ich heute sehr gern als Dallmayr-Bayerisch bezeichne.  (S. 37)

Zu diesen Stadtkindern gehörte auch meine Wenigkeit, auch wenn wir uns nie persönlich kennengelernt haben, da Monika Gruber zwei Jahrgänge unter mir war. Doch viele ihrer Erinnerungen decken sich mit meinen. Und wenn sie ihren Geschichtslehrer Herrn Zölch oder den Erdkundelehrer Herrn Hilburger beschreibt, sehe ich die Herren sofort wieder vor meinem geistigen Auge und habe den Duft von Herrn Hilburgers Aftershave in der Nase. Allerdings hatte ich die beiden in Biologie beziehungsweise in Deutsch und Geschichte. Meine Herrn, des warn Zeitn!

Auch die Frage, die ich mir schon seit langem stellte, warum ich sie nie bei Aufführungen der Theatergruppe des Gymnasiums gesehen hatte, wird beantwortet. Wegen ihres “Carolin-Reiber-Rs” traute sie sich nicht, dort vorzusprechen, da die anderen alle Hochdeutsch konnten. Schreiben tut sie sehr wohl auf Hochdeutsch mit gepflegtem oberbayerischen Einschlag. Das Buch ist also auch für Nichtbayern sehr gut lesbar.

Erst vorletzte Woche habe ich mit meiner Feundin S., mit der ich mich Seite an Seite durch 13 Jahre Schule gekämpft habe, in Erinnerungen geschwelgt. Monika Grubers Erinnerungen scheinen allerdings etwas akkurater zu sein als meine. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sie knapp drei Jahre jünger ist als ich, und da ist das Gedächtnis halt noch besser.  Ein weiterer Grund ist aber sicher auch, dass sie in der Gegend geblieben ist und zwischen ihr und ihren Erinnrungen keine 17 Jahre und 800 Kilometer liegen. Und so erfüllt mich die Lektüre mit leiser Wehmut.

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Strand6Daagse (Teil 1)

Prolog:

Die Strandzesdaagse (von den Organisatoren Strand6Daagse genannt) ist eine sechstägige Wanderung von Hoek van Holland nach Den Helder, die in der letzten Juliwoche stattfindet. Sie führt, wie der Name schon sagt, in sechs Tagen am Strand entlang, und die Etappenziele sind Wassenaar, Noordwijk, IJmuiden, Egmond aan Zee, Callantsoog und Den Helder. Die Länge der Tagesetappen variiert von 14 bis über 30 Kilometer. Übernachtet wird im Zelt, und das Gepäck wird von einem Etappenziel zum nächsten transportiert. Nach diversen Radurlauben kamen Peter und ich letzen Sommer auf die Idee, dass man diese Wanderung ja einmal mitmachen könnte, einfach nur, um herauszufinden, ob wir das auch können.

 Erst mussten wir natürlich eine der begehrten Teilnahmekarten ergattern. Die Anzahl der Wanderer ist aus organisatorischen Gründen auf 1000 begrenzt, und die Karten sind begehrt. Wir beantragten also ein Formular, das an einem bestimmten Stichtag im November mit der Post verschickt wird. Die ersten 1000 Leute, die das ausfüllte Formular zurückgeschickt und das Startgeld (160 Euro pro Person) überwiesen haben, erhalten eine Karte. Wer zu spät kommt, wird auf eine Warteliste gesetzt. Wie die Geier lauerten wir also an einem Samstag im November vor dem Briefkasten, um die Anmeldung rechtzeitig auszufüllen und am selben Tag zurück zu schicken.

 Zum Glück bekamen wir unsere Zusage sofort, und dann ging es ans Trainieren, denn 30 Kilometer läuft man nicht so aus dem Stand. Also unternahmen wir an den Wochenenden zahlreiche Wanderungen in die Umgebung und lernten so diverse nette Restaurants kennen. Und als wir einmal aufgrund einer falschen Abzweigung ungeplant 30 Kilometer gegangen waren, ohne das Gefühl zu haben, dass man uns durch den Fleischwolf gedreht hatte, nahmen wir an, dass wir uns ausreichend vorbereitet hatten. Da wir jedoch in Twente und nicht am Meer wohnen, hatten wir wenig Gelegenheit, auf Sand zu laufen. Aber so viel würde das wohl nicht ausmachen, dachten wir.

 Zwei Tage vor dem Start fuhren wir bereits nach Hoek van Holland, um Alltag und Arbeit hinter uns zu lassen und uns auf die Nordsee einzustimmen. Wir mussten in Utrecht umsteigen, wo wir die ersten Kilometer machten, da mehrfach das falsche Gleis angesagt wurde und wir jedes Mal wieder durch die Unterführung traben mussten. In Rotterdam trafen wir zwei Damen, die dasselbe Ziel hatten wie wir. Sie waren voriges Jahr schon einmal gelaufen, aber da damals der fünfte Tag von Egmond nach Callantsoog wegen schlechten Wetters ausgefallen war und man die Teilnehmer mit Bussen zum Etappenziel gebracht hatten, wollten sie die Tour diesmal komplett gehen.

 In Hoek van Holland nahmen wegen ihres unhandlichen Gepäcks ein Taxi zum Campingplatz, und so durften wir ihre Wegbeschreibung haben. Ich hatte den Weg zwar nachgeschaut, aber nicht ausgedruckt, da ich dachte, dass es vom Bahnhof schon Schilder zum Campingplatz geben würde. Gab es aber nicht. Als wir auf dem Campingplatz ankamen, erfuhren wir, dass große Teile für die Wanderer der Strand6daagse reserviert waren. Wir bekamen einen netten Eckplatz, und im Laufe der nächsten zwei Tage sollten sich die Zeltwiesen mehr und mehr füllen.

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 Wir begrüßten die Nordsee, wo es zuging wie am Stachus und erkundeten Dorf und Hafen. Letzteren kannten wir ja schon von diversen Englandurlauben, und auch diesmal lag eines der Stena-Line-Schiffe vor Anker, dass bald ohne uns nach Harwich fahren würde.

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 Schnell hatten wir auch das „Jagershuis“ gefunden, wo es am übernächsten Morgen losgehen sollte. Gerade als wir mit dem Abendessen auf einer netten Terrasse fertig waren, begann es zu regnen, und wir sprinteten zurück zum Campingplatz.

 Am nächsten Tag besuchte uns ein Freund aus Rotterdam und wir verbrachten einen netten Ratsch- und Kaffeenachmittag, während immer mehr Teilnehmer anreisten und wir alle möglichen Zelt- und Matratzenkonstuktionen bewundern konnten. Beliebt sind im Moment die Quechua-Zelte, die man einfach hinwirft und festspannt, bei denen sich das Zusammenlegen aber meist als sehr schwierig gestaltet. Als ich beim Zähneputzen war, kamen ein paar Mädchen mit einer riesigen Matratze in den Waschraum. Meine stumme Frage, was sie damit wollten, war schnell beantwortet: Sie suchten eine Steckdose.

 Mitten in der Nacht kamen ein paar Leute vorbei, die schon gut getankt hatten, und machten einen Höllenrabatz. Ein Mädchen rief immer wieder hysterisch: „Pass auf die Schüre auf, hier sind überall Schnüre!“ Dies ist ja der Schrecken eines jeden Campers, dass einem jemand in die Spannschnüre rennt und die ganze Pracht einreißt. Ein Junge trötete: „Hier ist der Weckservice! Es ist sechs Uhr und der Bus steht bereit!“ Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass es erst drei Uhr war. Vielleicht sollte ich den Leuten nachschleichen, um herauszufinden, wo ihr Zelt steht, und dann morgens um sechs Uhr daneben mit einer Gabel über einen Topfboden kratzen. Aber dazu war ich zu faul und schlief bald wieder ein. Ein paar Stunden blieben uns schließlich noch, bevor das Abenteuer beginnen sollte. Bleibt also dran!

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Ostengland 2013, Teil 12 (Schluss)

I like to be beside the seaside…

 Am nächsten Morgen strahlte die Sonne von einem blauen Himmel, der nur mit ein paar malerischen Wattewölkchen garniert war. Nach einem ausgiebigen Frühstück bauten wir ab und Peter brachte den Schlüssel zur Rezeption, wo die Wartenden ihn freundlicherweise vorließen. Als wir unsere Räder beluden, hörten wir die ersten Geräusche aus dem Nachbarzelt. Der Bewohner lebte also.

Inzwischen war es richtig warm geworden, so dass wir in kurzen Hosen und leichten T-shirts aufbrachen. Wir folgten dem Radweg über das Universitätsgelände und landeten auf der berühmten Route 66, die allerdings nicht von Chicago nach Santa Monica führt, sondern von Manchester nach Spurn Head.

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In Pocklington gönnten wir uns eine Mittagspause, und dann mussten wir den weiteren Verlauf der Strecke entscheiden, denn laut unserer Karte konnte man den Fluss Hull und einen namenlosen Kanal nur bei Wansford oder weiter südlich bei Beverley überqueren. Es wurde die Wansford-Variante, da uns die andere zu viele Hauptstraßen beschert hätte.

So fuhren wir über die Yorkshire Wolds, eine Hügelkette aus Kreidegestein, die von Hull erst nach Westen verläuft, um dann bei Filey wieder die Küste zu erreichen. Der Name „Wolds“, auch in Zusammensetzungen wie „Cotswolds“ zu finden, geht zurück auf das altenglische „wald“, was auch genau das bedeutet. Anscheinend wurde die Bezeichnung erst für hochgelegenes Waldland verwendet und bleib nach dem Verschwinden der Wälder erhalten.

Erst mussten wir uns (ich mal wieder zu Fuß) einen langen, recht steilen Hügel hocharbeiten, dann ging es langsam bergab in das malerische Dörfchen North Dalton und über schöne Landwege weiter Richtung Küste.

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Unterwegs kam Peter, der natürlich mal wieder weiter vorne war, ein Herr in einem Kleinbus entgegen und fragte ihn, ob er eine Gruppe Radfahrer in grünen T-shirts gesehen hatte. Peter erinnerte sich, dass irgendwo bei Pocklington einige gewesen waren, und der Herr fuhr weiter. Kurze Zeit später erreichte er mich und rief mit zu: „The gentleman is about five minutes ahead of you.“ Ich entgegnete, dass er es immer etwas eiliger hatte als ich und schon irgendwann warten würde, und schnäufelte weiter meines Weges.

Vor allem das letzte Viertel der Strecke fiel mir schwer, meine Beine wollten nicht mehr so recht. Dann erreichten wir die Ortschaft Beeford. Normalerweise steht auf den Ortsschildern meistens: „Nehter Addlethorpe – Please drive carefully“ oder „Middle Fritham welcomes careful drivers“, doch hier gab es die Variante „Beeford welcomes slow drivers!“ Wunderbar, hier werde ich hinziehen!

Dann erreichten wir Skipsea, einen netten kleinen Ort an der Küste mit einem riesigen Holiday Park und einen gemütlichen Campingplatz auf einem Bauernhof. Diesen steuerten wir an und fanden den Herrn des Hauses beim Heckenschneiden auf einer Leiter. Er begab sich zu uns herunter, und während wir auf seine Frau warteten, wollte er wissen, wo wir heute morgen gestartet wären und meinte dann: „York? You’ve done well then!“ Das hört man doch gerne. Dann fragte er mit verschwörerischem Blinzeln, ob wir bei dem Hügel am Anfang auch schieben mussten. „Ich schon“, gab ich zu. Das müsse er dort auch immer, meinte er darauf. Auch seine Frau empfing uns sehr freundlich und erzählte uns eine Menge über die Sehenswürdigkeiten und Ausflugsmöglichkeiten in dieser Gegend.

Nachdem wir das Zelt aufgebaut hatten, gingen wir an dem Holiday Park vorbei zur Küste. Auf dem Weg kündigte ein großes Schild einen Fish-and-Chips-Shop an, die jedoch schon lange geschlossen hatte. Die äußersten Ränder des Parks machten einen verwahrlosten Eindruck, und wir vermuteten, dass man sie bereits aufgegeben hatte, da auch hier die See dramatisch näher rückte. Wir setzten uns eine Weile auf die Absperrung und schauten über das Meer.

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Dann gingen wir ins Dorf zurück, wo wir auf der Hinfahrt ein nettes Pub gesehen hatten. Bei einem sehr guten Abendessen und etwas viel Bier ließen wir den Tag ausklingen. Als wir wieder ins Freie gingen, war es merklich abgekühlt – die Nacht würde wohl ziemlich kalt werden. Also wurde es wieder Zeit für Socken und Sweatshirt.

Am nächsten Morgen kriegte Peter beim Zähneputzen einen netten Dialog zweier Kinder mit. Ein Junge trödelte auf der Herrentoilette, während seine Schwester draußen auf ihn, beziehungsweise den Schlüssel wartete, denn sie wollte auf das Damenörtli. Da es ihr nicht schnell genug ging, rief sie, dass ihr Bruder sich beeilen sollte. Der zu Peter: „It’s only my stupid sister.“ Sie: „I can hear you!“

Heute war es mal wieder Zeit für einen Ausflug ohne Gepäck. Zwischen Hecken und Blumen fuhren wir durch über Bewholme nach Hornsea, einem netten Seestädtchen mit einer freundlichen Promenade. Natürlich gab es auch hier die unvermeidlichen „Amusenments“ (Spielhallen und dergleichen), aber sie waren nicht so zahlreich, dass es störte.

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Nach einem gemütlichen Bummel über die Promenade gingen wir einkaufen. Im Supermarkt im Zentrum befanden sich die Kopfschmerztabletten im selben Regal wie die Alkoholika. Eigentlich nachvollziehbar, aber ich finde es trotzdem etwas fragwürdig, da so der unvorsichtige Umgang mit Alkohol als etwas völlig Normales dargestellt wird, dessen Folgen durch den Griff zur Schmerztablette sofort behoben sind. Exzesse wie Komasaufen lassen grüßen.

Danach fuhren wir zum Hornsea Mere, dem größten Süßwassersee in Yorkshire. Wie das niederländische „meer“ bezeichnet das englische „mere“ keineswegs die salzige See, sondern ein Süßwasser. Deshalb sind Namen wie „Lake Windermere“ eigentlich doppelt gemoppelt, aber egal. Das Hornsea Mere ist ein hübscher See, an dessen Ufern sich viele wohlgenährte Wasservögel tummelten.

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Wir saßen eine Weile auf einer Bank, bis sich drohend schwarze Wolken am Horizont zusammenballten. Wir fuhren über den kürzesten Weg an der Küste zurück nach Skipsea und erreichten unser Zelt, bevor es zu regnen anfing.

Im Zelt machte ich erst mal ein ausgedehntes Nachmittagsschläfchen, mir war einfach danach. Als der Regen nachgelassen hatte, gingen wir ins Dorf. Bei der Rezeption trafen wir die Tochter des Platzwartes und fragten sie, wieviel Küste nun eigentlich pro Jahr abbröckelt. Sie erzählte uns, dass es im Durchschnitt ungefähr drei Meter pro Jahr sind, und dass die Ursache nicht, wie man vielleicht denkt, Sturmfluten sind, sondern lang anhaltende Regenfälle, durch die der Boden schwer wird und wegbricht. Die Farm ihrer Großeltern gibt es nicht mehr und „we know, it’s getting closer“. Kein Wunder, dass der Campingplatz an der Küste nicht mehr in den Fish-and-Chips-Shop investiert, da dieser wahrscheinlich als nächstes in den Fluten verschwinden wird. Nachdenklich trotteten wir ins Dorf, um den Tag im Pub ausklingen zu lassen.

Heimwärts

Der nächste Tag verlief sehr unspektakulär, da wir uns geistig schon auf dem Heimweg befanden. Bei strahlendem Sonnenschein fuhren wir nach Preston. Unterwegs kamen wir wieder an einem tollen Landhaus und jeder Menge Schafen vorbei.

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Den Campingplatz kannten wir ja schon, doch diesmal sausten dort keine graugewandeten Gestalten durch die Gegend, und die Hühner benahmen sich auch gut. In Hedon erledigten wir unsere letzten Einkäufe: Branston Pickles, Pork Pie und was man sonst noch so nach Hause mitnimmt. In diesem Supermarkt schien irgendein Deo oder Reinigungsmittel ausgelaufen zu sein, denn ich musste die ganze Zeit niesen, bis wir wieder im Freien standen. Am Abend gingen wir ins Nag’s Head, um dort unseren letzte Pubmahlzeit zu genießen.

An unserem letzten Morgen tat England sein Bestes, um uns den Abschied leicht zu machen: Es schüttete wie aus Eimern. Ich wollte ja einfach im Zelt das schlechte Wetter aussitzen, doch Peter wurde unruhig, da er zum Hafen wollte. Seiner Meinung nach hatte es keinen Zweck, auf Besserung zu warten. Also bauten wir gegen Mittag ab und fuhren das relativ kurze Stück zum Hafen. Dort stellten wir die Räder unter das Dach im Eingangsbereich und breiteten das nasse Regenzeugs zum Trocknen darüber.

Die „Pride of Hull“ war schon im Hafen, und gegenüber lag eines ihrer Schwesterschiffe, die „Pride of York“, die nach Zeebrugge fuhr. Im Laufe des Nachmittags trudelten alle möglichen Leute mit Musikinstrumenten, Kostümen und Theaterutensilien ein, die auf ein buntes abendliches Unterhaltungsprogramm hoffen ließen.

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Irgendwann konnten wir dann einchecken und vor der Rampe warten, bis wir an Bord durften. Dort kamen wir mit drei Radlern aus Rotterdam ins Gespräch, die in Lincolnshire (an ihrer Aussprache „Lincolnschaia“ erkannten wir die Experten) ein Ferienhaus gemietet hatten. Auch ihnen hatte es sehr gut gefallen. Wir tauschten angeregt Erfahrungen und Tipps aus, bis wir an Bord durften, wo wir gemeinsam unsere Räder ordentlich vertäuten.

Dann gingen wir nach oben zu unserer Kabine, wo ich mich mal wieder mit dieser dämlichen Key-Card abplagte, doch ich bekam die Tür nicht auf. Ein älteres Paar machte uns darauf aufmerksam, dass ich eben nicht die Key-Card, sondern den Boardingpass in der Hand hatte. Klar, so konnte das auch nichts werden!

Nach einer erfrischenden Dusche gingen wir an Deck. Der Regen hatte endlich nachgelassen. In der Ferne sahen wir die Humber Bridge, über die wir vor zwölf Tagen gefahren waren. Es kam uns viel länger vor, denn in der Zwischenzeit hatten wir so viel erlebt und gesehen.

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Dann enterten wir das Boardrestaurant, wo ein reichhaltiges Buffet auf uns wartete. Der Ober versuchte, uns noch alle möglichen Extras gegen einen Aufpreis anzudrehen, doch wir waren uns sicher, dass die Köstlichkeiten am Buffet reichen würden. Es gab Salate, Fischspezialitäten, warmes und kaltes Fleisch und einige indische Gerichte, die ich natürlich durchprobieren musste. Auch die Nachtischauswahl war gewohnt erstklassig: Eis, Trifle, Pudding und Gebäck. Trotz aller guten Vorsätze hatte ich mich mal wieder gründlich überfressen, und Peter ging es ähnlich.

Wir gingen in die Bar, wo schon eine Band spielte. Wir erkannten einige Leute vom Nachmittag wieder. Es klang nicht schlecht, aber wir hatten den Eindruck, dass sie noch nicht oft zusammen gespielt hatten. Jeder beherrschte seine Partei, und das war es. Auf der Tanzfläche waren einige Damen in engen schwarzen T-shirts, auf denen in knallpink ihre Namen standen: Dirty Diana, Swallowing Shirley, Kinky Kelly, Bouncing Barbara etc. Eines der Mädchen trug zu diesem Outfit noch einen Schleier. Es handelte sich also um eine „Hen Party“, einen Junggesellinnenabschied. An einem der Tische befand sich eine Gruppe junger Männer, von denen einige schon kräftig getankt hatten. Einer von ihnen scharwenzelte um die Damen auf der Tanzfläche herum und betatschte sie, bis ein Kellner eingriff und ihn auf seinen Platz zurückschickte.

Dann ging ein Ruck durch das Schiff: Abfahrt. Wir gingen an Deck und schauten zu, wie das Schiff den Hafen verließ. Hinter der Humber Bridge ging die Sonne unter, und hinter uns befand sich die „Pride of York“.

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Langsam fuhren wir am Spurn Head vorbei auf die offene See. Good bye, England! Wir kommen sicher wieder! Nach einem Absacker in der Bar gingen wir schlafen.

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Wir schliefen sehr gut, und am nächsten Morgen gingen wir erst einmal an Deck. Eines der Stena-Schiffe steuerte Hoel van Holland an, doch wir konnten nicht erkennen, ob es die „Stena Britannica“ war, mit der wir unsere Reise angetreten hatten, oder die „Stena Hollandica“. Aber das war ja nicht so wichtig, eines wie das andere, das ist Qualität.

Wir gingen wieder ins Restaurant, wo wir uns ein ausgiebiges Frühstück mit allem Drum und Dran gönnten, bevor es Zeit wurde, zu den Fahrrädern zu gehen. Beim Aufzug trafen wir die Damen der „Hen Party“, die heute in nautischen Kostümen Amsterdam unsicher machen wollten. Aber die Stadt ist ja Kummer gewöhnt, was „Hen Parties“ betrifft, wie man in David Parks Roman „The Light of Amsterdam“ nachlesen kann:

„But Indians, Shannon. Why Indians?“
„I think, it looks great. Look at your top with all the beading and put your feather on,“Shannon said, handing it to her […]. „In fact try on the whole costume.“
„Should I not keep it, till we get there?“
„Till we get there? We’re travelling like this.“
„We’re getting on the plane dessed like Indians?“
„That’s the whole idea of it – that’s what happens on a hen trip.“
(David Park, „The Light of Amsterdam, London 2012, S. 87 / 88)

 Bei den Fahrrädern stellten wir verwundert fest, dass die Räder der drei Rotterdammer weg waren. Wir hatten sie zwar gestern nicht mehr gesehen, aber auf so einem großen Schiff verläuft sich alles irgendwie, also hatten wir uns nichts weiter dabei gedacht. Aber in Maassluis konnten sie nicht von Bord gegangen sein, denn das Schiff legte gerade erst an. Waren sie doch in Hull geblieben? Wir werden es wohl nie erfahren.

Wir verließen das Schiff und radelten die etwa 14 Kilometer zum Bahnhof von Maassluis. Bei Rozenburg erwischten wir auch sofort die Fähre über die Maas und hofften, dass wir den Direktzug von Rotterdam nach Enschede kriegen würden. Doch leider machten uns diverse Umleitungen einen Strich durch die Rechnung, so dass wir am Bahnhof dem Bummelzug nach Rotterdam hinterher winken konnten. Aber der nächste kam in einer halben Stunde.

In Rotterdam herrschte das totale Chaos. Züge, die nicht fuhren, wurden angezeigt, angezeigte Züge fuhren von anderen Gleisen ab, über andere Strecken oder gleich gar nicht. Bei der Information konnte man uns zum Glück wenigstens sagen, dass wir in Gouda umsteigen mussten. Dort warteten beunruhigend viele Radler auf dem Bahnsteig, aber nicht alle wollten in unsere Richtung, so dass wir gleich mit konnten. Und dann waren wir wieder zu Hause!

Dort stellte ich fest, dass ich unterwegs, trotz Pork Pie und ähnlichem, ein paar Kilo leichter geworden war. Dieser Abwärtstrend hielt sogar noch eine Weile an, und jetzt hoffe ich, mein neues Gewicht halten zu können.

Es war also wieder ein rundum gelungener Urlaub, an den ich auch jetzt, gut ein Jahr später, noch immer gern zurück denke. Wir hatten diesmal genau das richtige Maß an Planung gefunden: Das einzige, was wir wirklich mussten, war am Nachmittag des 28. Juni in Hull sein. Und je nach Kondition und Wetterlage hätten wir die Runde in Yorkshire größer oder eben auch kleiner machen können. Es war also herrlich entspannend und ohne Zeitdruck.

So lange ich mich noch auf ein Fahrrad setzen, ein Zelt aufbauen und morgens wieder aus dem Schlafsack krauchen kann, möchte ich eigentlich gar nicht anders urlauben. Das Tempo ist genau richtig, um die Eindrücke wirklich in sich aufzunehmen, am Abend blickt man stolz auf die Strecke zurück, die man aus eigener Kraft geschafft hat, und man schätzt die kleinen Dinge wieder viel mehr: Wenn sich nach einem Regenschauer die Sonne wieder vorsichtig durch die Wolken wagt, den Duft der Wiesen und Wälder und des Meeres, die Sonnenuntergänge über wunderbarer Landschaft und die Menschen, denen man begegnet.

 Bevor wir losgefahren waren, hatten wir gerade mit unserem Chor das Lied „For the Beauty of the Earth“ von John Rutter einstudiert, und unterwegs musste ich oft an diese Zeilen denken:

„For the beauty of each hour,
of the day and of the night.
Hill and vale and tree and flower,
sun and moon and stars of night.
Lord of all, to thee we raise
this our joyful hymn of praise.“

 Die Welt und das Leben können so schön sein!

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Ostengland 2013 – Teil 11

Mal wieder in York

Als wir gegen acht Uhr wach wurden, war es schon hell und trocken. Eine Stunde später schien die Sonne, also bauten wir das Zelt ab und fuhren los. Über idyllische Landwege ging es durch die Howardian Hills. Die Bezeichnung „Hills“, also Hügel, ist hier vollkommen richtig, wenn man die Definition von Rennbiene anwendet: „Wenn ich absteigen und schieben muss, ist es ein Berg.“ Nun, ich musste nicht schieben.

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Ziel des heutigen Tages war York – einer unserer Lieblingsstädte, die wir schon mehrmals besucht hatten. Das letzte Mal waren wir vor acht Jahren hier gewesen. Wie die Zeit vergeht!

Leider hielt das Wetter nicht ganz, was es am Morgen versprochen hatte. Wir mussten immer wieder das Regenzeug an- und wieder ausziehen. Trotzdem war es eine schöne Strecke. In Sherrif Hutton gönnten wir uns ein Picknick, und dann wurde es deutlich urbaner: Sowohl die Bebauung als auch der Verkehr verdichteten sich.

Vom Norden her rollten wir in die Innenstadt von York, die zum größten Teil Fußgängerzone ist. Und das ist auch gut so, denn zu viel Verkehr würden die engen verwinkelten Gassen auf die Dauer nicht verkraften.

Ohne allzu große Schwierigkeiten fanden wir den Campingplatz am Ufer des Ouse, auf dem wir früher schon einmal gezeltet hatten. Wegen seiner zentralen Lage und der Tatsache, dass man von dort zu Fuß ins Zentrum gehen kann, hatte er uns gut gefallen. Vor der Rezeption stand eine längere Schlange Fahrzeuge, und auch im Inneren des Häuschens ging es turbulent zu. Vier Mitarbeiter des Campingplatzes waren an der Arbeit und wirkten irgendwie überfordert.

Ich stellte mich an und wurde nach kurzer Wartezeit von einem weiblichen Dragoner angebellt: „Have you come back for your pitch number?“ Wieso „back“? Ich erklärte ihr, dass wir gerade angekommen seien und gerne einchecken würden. Daraufhin sollte ich meine Clubkarte vorzeigen und erntete missbilligendes Kopfschütteln, da ich so etwas nicht besaß. Ich antwortete, dass wir nun schon über drei Wochen kreuz und quer durch England gegurkt waren, und noch nie hätte jemand uns nach so etwas gefragt. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Preis für Nichtkarteninhaber etwas höher sei, nämlich 30 Pfund. Mir blieb die Spucke weg. Fast 40 Euronen pro Nacht für ein Zweimannzelt und zwei Räder! Das ging mir doch etwas zu weit, gute Lage hin oder her.

Ich verließ die Rezeption und ging zurück zu Peter und den Leezen. Wir beratschlagten kurz und wollten schon weiterfahren, denn in York gibt es ja noch mehr Campingplätze, wenn auch nicht so zentral. Da kam einer der Herren aus dem Rezeptionsgebäude und rief uns zurück. Man hätte dort gedacht, dass wir zu dem Riesen-Wohnmobil vor der Schranke gehörten, das zwei Räder hintendrauf hatte. Der Preis für uns sei ewas über 18 Pfund pro Nacht. Das klang schon besser, und so folgte ich ihm hinein, erledigte die Formalitäten und erhielt einen Schlüssel für das Sanitärgebäude und die Hintertür des Platzes.

Die nette kleine Zeltwiese am Ende der langen Reihe gekiester Stellplätze war noch so, wie wir sie in Erinnerung hatten, und wir hatten sie für uns alleine. Nach dem Aufbauen gingen wir einkaufen. Wir fanden tatsächlich die Reihe Geschäfte wieder, die wir von unserem letzten Besuch vor acht Jahren noch in Erinnerung hatten. Damals mussten wir unsere Planung fast komplett umschmeißen, da ich mir vor der Abfahrt eine saftige Erkältung zugezogen hatte, die ich erst auskurieren wollte, bevor wir uns in ländlichere Gegenden begaben. Die Drogerie mit den abgefahrenen Sorten Halspastillen (Erdbeer, schwarze Johannisbeere etc.) konnten wir jedoch nicht mehr entdecken.

Auf einem Plakat stand der Aufruf „Support your local shops!“, dem wir auch prompt Folge leisteten: In dem netten kleinen Sainsbury’s deckten wir uns mit Vorräten ein.

Danach bummelten wir in die Innenstadt, wo gerade ein Art Festival stattfand. Über all gab es Musik und Kleinkunst, und es war eine Menge los. Wir ließen uns eine Weile durch die Gassen treiben und wanderten dann gemütlich am Fluss entlang zurück zum Campingplatz. Wir betraten den Platz durch den Hintereingang und waren immer noch die Einzigen auf der Zeltwiese. Wir überlegten, ob wir den Schlüssel nicht einfach behalten und irgendwann heimlich wiederkommen sollten. Nach dem Abendessen gingen wir schlafen, denn wir hatten uns für den nächsten Tag einiges an Kultur vorgenommen.

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Am nächsten Morgen ging ich nach dem Frühstück zum Abwaschen. In der Spülküche herrschte ziemliches Gedränge: Vier pensionierte Herren standen vor den Waschbecken, in denen sich größere Mengen Geschirr tummelten, gegen die sich mein Topf, zwei Teller, Becher und Löffel eher kümmerlich ausnahmen. Zwei von ihnen trugen kleidsame gelbe beziehungsweise rosa Gummihandschuhe und alle vier fachsimpelten über Teeflecken und Spülmittel. Hochinteressant.

Dann machten wir uns auf die Socken. Da wir nicht zum ersten Mal in York waren, wussten wir schon einiges über die Stadt und ihre bewegte Geschichte, die sich in ihren unterschiedlichen Namen wiederspiegelt: Die Römer nannten sie „Eboracum“, die Angelsachsen „Eoforwic“, und die Wikinger machten später „Jorvik“ daraus. Bei unserem letzten Besuch hatten wir eine Stadtführung durch die sogenannten “Snickelways” gemacht. Dieses Wort hatten wir damals zum ersten Mal gehört, es stammt nämlich von Mark Jones, dem Verfasser des Buches „The Snickelways of York“ und ist aus Teilen Wörter „snicket“ (wohl Yorkshire-Dialekt), „ginnel“ (wohl aus Lancashire) und des englischen Wortes „alleyway“ zusammegesetzt, die alle dasselbe bedeuten, nämlich „Gasse“. Es handelt sich hier um unauffällige, schmale Durchgänge und Querverbindungen verschiedener Straßen zwischen Häuserreihen hindurch, also eigentlich Schleichwege. Wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, sieht man sie überall, nicht nur in York!

Außer Snickelways gibt es in York noch „Gates”, womit aber nicht die Stadttore gemeint sind, sondern die Straßen, nach dem skandinavischen Wort „gata“. Die Tore hingegen heißen „Bars“, vom normannischen „barrière“ abgeleitet, und die Bars heißen auch in York schlicht und ergreifend „Pubs“.

Diesmal wollten wir eine Führung durch das York Minster mitmachen. Es ist die größte gotische Kathedrale in England, und die Bauzeit betrug ungefähr 250 Jahre. Unser Reiseführer „England per Rad“ schreibt darüber: „Aus der langen Bauzeit erklärt sich die eigentümliche Stilmischung, die sämtliche gotischen Formen einschließt, ohne dass sie das Auge des Betrachters zu irritieren vermag. Besonders stolz sind die Kirchenoberen auf die Verglasung, deren Kunstfertigkeit sie in allen Teilen der Kathedrale überprüfen können, besonders im östlichen Bereich, der Marienkapelle, wo das gewaltige Fenster mit dem größten Buntglas der Welt geschmückt ist.“

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Eine alte Dame mit einem Gehstock, eine begnadete Geschichtenerzählerin mit typisch englischem Humor, zeigte uns über eine Stunde lang viele interessante Details, die man von selbst nicht sofort entdeckt. Das Minster heißt ja offiziell „The Cathedral Church of St. Peter“, und entsprechend sind die drei Symbole des heiligen Petrus (Schlüssel, Hahn und Felsen) überall zu finden. Ein Detail in einem Fenster beim Eingang wird auch seine Kreuzigung mit dem Kopf nach unten dargestellt.

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Von dem berühmten East Window, das den Anfang und das Ende der Welt zeigt, war leider nicht allzu viel zu sehen, das es gerade renoviert wurde, doch es gab eine Ausstellung darüber.

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Das Rose Window erinnert an das Ende der Rosenkriege. Die roten und weißen Rosen symbolisieren die Hochzeit von König Heinrich VII. (Haus Lancaster, rote Rose) und Elisabeth von York (weiße Rose). Ein sehr großes Fenster ist dem heiligen Cuthbert von Lindisfarne gewidmet und zeigt sehr detailreich verschiedene Stationen seines Lebens. Unsere Führerin erzählte sehr lebendig, wie der kleine Cuthbert mit den anderen Kindern seines Dorfes spielte. Da er aber damals schon sehr tugendhaft war, fiel sein Gewand beim Handstand nicht nach unten, sondern stand, so will es die Überlieferung, stramm nach oben und bedeckte seine Körpermitte und Beine. Geschichten dieser Art sind einfach das Salz in der Suppe einer guten Führung.

Ein weiteres interessantes Detail befindet sich an der Decke. Eines der Gemälde dort zeigt Maria, die das Jesuskind füttert. Dieses Gemälde entstand in der viktorianischen Zeit, und damals konnte man unmöglich eine Frau zeigen, die ihr Baby stillt. Also muss sich Jesus wohl oder übel mit der Flasche begnügen.

Der Lettner aus dem 15. Jahrhundert, der Hauptschiff und Chor voneinander trennt, stellt die Könige von England (von Wilhelm I. bis Heinrich VI.) dar, die einander sehr ähnlich sehen.

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Immer wieder führen einige Stufen (meistens drei) nach oben oder unten, und unsere Führerin ließ es sich nicht nehmen, uns jedes Mal zur Vorsicht zu mahnen. Dies tat sie nicht, weil sie uns nicht zutraute, drei Stufen zu bewältigen, sondern sie hielt sich nur streng an die „health and safety regulations“, die Regeln der Gesundheitsbehörde, die sie für gründlich übertrieben hielt.

Um 11 Uhr wurde zu einem kurzen Augenblick der Besinnung aufgerufen und das Vaterunser in mehreren Sprachen gesprochen. Dann verabschiedete sich die Dame, und wir gingen ins „Undercroft Museum“, […] „das (wie unser Reiseführer schreibt) in Räumen untergebracht ist, die 1967 gefunden wurden, als zur Sicherung des Gebäudes die Fundamente überprüft werden sollten. Zur Verblüffung der Historiker stießen die Bauarbeiter auf Unterbauten aus der römischen Zeit, die nun den würdigen Rahmen für die Schatzkammer abgeben.” Außer den Kirchenschätzen befinden sich in diesem Museum noch Modelle der Kathedrale in verschiedenen Stadien, Reste eines römischen Wandfrieses, uralte Gräber und vieles mehr.

Wir hatten diesmal viel mehr gesehen als bei unseren früheren Besuchen, aber ich bin mir sicher, dass wir auch beim nächsten Mal wieder eine Menge Neues entdecken werden.

Dann gingen wir durch die Gassen über den „Monday Market“, der aber laut Schild auch dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags und samstags geöffnet hat, und wo sich die üblichen Verdächtigen versammeln: Lebensmittel, Kleidung, Souvenirs etc.

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Kultur macht ja bekanntlich hungrig, und so wurde es Zeit für einen Imbiss. Diesen gönnten wir uns auf einer Bank bei Clifford’s Tower, wo sich auch zahlreiche Gänse tummelten.

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Dann machten wir einen ausgedehnten Spaziergang auf der Stadtmauer. Auf diese Weise sieht man die Stadt aus einer anderen Perspektive.

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An strategisch wichtigen Stellen sind Plaketten im Boden eingelassen, die angeben, welche Sehenswürdigkeiten in der Nähe sind. Die Plakette „Jewbury“ zum Beispiel auf der Höhe des großen Sainsbury-Supermarkts weist auf den ehemaligen jüdischen Friedhof. Wir erinnerten uns daran, was wir bei unserem letzten Besuch bei einer Stadtrundfahrt gehört hatten: Als der Supermarkt gebaut werden sollte, wurden bei den Bauarbeiten die Überreste des Friedhofs entdeckt. Nach einigem hin und Her, was man damit machen sollte, beschloss man, sie dort wieder zu begraben, einen Rabbi die notwendigen Riten vollziehen zu lassen und den Supermarkt nebst Parkplatz wie geplant darüber zu bauen.

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Die Umrundung des Zentrums auf der Stadtmauer ist ein ganz schöner Spaziergang, und so verließen wir bei St. Olave’s Church die Mauer und machten eine Pause im angrenzenden Park.

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Danach gingen wir zurück zum Campingplatz. Dort stand inzwischen ein anderes Zelt neben unserem, an dessen Spannschnüren Wandersocken auslüfteten. Den Nachbarn bekamen wir jedoch nicht zu sehen. In der Zeitung ging die Soap um Nigella Lawson und ihren nichtsnutzigen Gatten fröhlich weiter. Außerdem wurde für den nächsten Tag gutes Wetter angekündigt, was uns sehr in den Kram passte: Wir wollten nämlich wieder an die Küste und die letzten Tage an der See verbringen.

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Ostengland 2013 – Teil 10

Die North York Moors

 In der Nacht hatte der Regen gemütlich auf das Zelt getrommelt, das bis jetzt zum Glück gut dicht hielt. Am Morgen regnete es leider immer noch, so dass wir im Vorzelt frühstückten – ohne Kaffee, da sich das Anzünden des Gaskochers im Zeltinneren nicht empfiehlt. Danach war immer noch keine Struktur in der Wolkendecke zu sehen, also hieß es nass abbauen und einpacken. Richard war weit und breit nirgends zu sehen. Treulose Tomate.

Wir brachen auf und glitschten vorsichtig den steilen Hügel vom Campingplatz zur Hauptstraße hinunter und fuhren zum Bahnhof. Da es bis zur Abfahrt der „North Yorkshire Moors Railway“ noch eine Weile dauerte, deckten wir uns im Supermarkt schon mal mit Verpflegung ein. Dann unterhielten wir uns mit einem Radfahrer aus der Gegend, der mit dem Zug nach Middlesborough und dann nach Norden radeln wollte. Als ich ihm erzählte, wo wir bisher gewesen waren, meinte er: „You‘ve done the easiest part then.“ Sooo deutlich hätte man das jetzt auch nicht formulieren müssen, auch wenn es stimmte. Dann bemerkte er, dass die Leute „vom Kontinent“ meistens mit Ortlieb-Packtaschen unterwegs seien. Richtig, sie sind zwar nicht billig, aber meine Hintertaschen habe ich schon zwölf Jahre, und sie sind immer noch tiptop in Ordnung: Sie sind noch absolut wasserdicht, und auch die Aufhängung ist noch so, wie sie sein soll.

Dann fuhr der Zug ein und die Dampflokomotive („Green Knight“, Baujahr 1956) wurde umgehängt.

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Ein Zugbegleiter in stilvoller Uniform half uns, die Räder ins Innere zu bugsieren, und wir suchten uns einen Fensterplatz in der Nähe unserer Leezen. Dann tuckerte die Bahn am Fluss Esk entlang aus Whitby heraus. Wir warfen noch einen letzten Blick auf die Abbey.

Als wir mit der Planung unseres ersten gemeinsamen Englandurlaubs beschäftigt waren, stieß ich in einem Reiseführer auf eine Beschreibung dieser Eisenbahnstrecke und erklärte zur Erheiterung der Verwandtschaft: „Dann weiß ich schon, wer Bahn fährt.“ Damals waren wir die Strecke in Gegenrichtung, von Pickering nach Whitby, gefahren und ich hatte einer alten Dame im Fahrrad- und Gepäckwagen Gesellschaft geleistet, das ihr Rollstuhl nicht durch die Abteiltür passte. Wir hatten uns sehr angenehm unterhalten.

Diesmal hatte ich einen schönen Sitzplatz am Fenster und genoss die Aussicht auf die dramatischen Hügel, während der Regen gegen die Scheiben schlug. Es war eine gute Entscheidung, mit der Bahn zu fahren.

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Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir Goathland, einen schnuckligen Bahnhof, wo die Abfahrtszeiten noch mit Kreide an eine Tafel geschrieben werden. Später las ich, dass es sich um den Bahnhof von Hogsmeade in den Harry-Potter-Filmen handelt. Schön, nicht?

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Wir fotografierten noch ein paar der steilen Hügel und waren froh, dass wir da nicht drüber mussten.

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Dann erreichten wir die Endstation Pickering. Einer der Schaffner brachte eilfertig eine Rampe, über die wir die Räder problemlos nach draußen befördern konnten. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, aber es war immer noch bewölkt und ungemütlich. Also beschlossen wir, heute nicht mehr allzuweit zu radeln. Zwischendurch kam auch die Sonne wieder vorsichtig hervor.

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In Great Barugh, das nur aus ein paar Gehöften besteht (der Nachbarort Little Barugh ist sogar noch kleiner), fanden wir den netten Campingplatz „Willow Garth“, den Weidengarten. Zum Einchecken mussten wir erst einmal um das Haus in den Garten, wo sich die Familie versammelt hatte, um die vier Sonnenstrahlen des heutigen Tages zu genießen. An der Rezeption konnte man auch Milch, Brot und die Zeitung bestellen, und sie hatten auch Spülmittel, Shampoo, Bratfett und dergleichen in handliche Minifläschchen abgefüllt, die für 50 p verkauft wurden.

Wir suchten uns ein nettes Plätzchen und bauten das nasse Zelt auf. Dann wollte ich duschen, was aber leichter gesagt als getan war. Man brauchte 20 p für drei Minuten Duschen, doch nachdem ich die Münze in den für den Münzeinwurf bestimmten Münzeinwurf geworfen hatte, leuchtete nur der rote Schriftzug „Reset“. Also musste ich mein Zeugs wieder zusammensuchen, mich in mein Handtuch wickeln und in die Nebenkabine umziehen, wo es dann zum Glück funktionierte.

Dann nahm ich diverse Broschüren und Umgebungskarten aus dem Kästchen im Vorraum und ging zurück zum Zelt. Inzwischen schien tatsächlich die Sonne, so dass der Tag doch mehr als vier Sonnenstrahlen aufweisen konnte. Wir studierten das Informationsmaterial und beschlossen, nicht gleich am nächsten Tag nach York weiter zu fahren, sondern das Freilichtmuseum in Hutton-le-Hole zu besuchen und diverse Aussichtspunkte zu erradeln.

Im Lauf des Nachmittags trudelten einige Familien ein – es war wieder Freitag. Wir machten ein Schläfchen, lasen weiter in unseren Kathedralbüchern und brutzelten irgendwann ein Abendessen. Dann verkrochen wir uns in unsere Schlafsäcke und wurden vom Blöken der Schafe in den Schlaf gewiegt. Es lebe das Landleben!

Nachts regnete es wieder, und morgens war es bewölkt, als wir nach Hutton-le-Hole aufbrachen. Erst war es noch schön sanftwellig und irgendwann passierten wir das Schild „North York Moors National Park“. Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn jetzt ging es kräftig bergauf. Wie es sich für einen Samstag gehört, waren auch die Rennradler wieder in Rudeln unterwegs. Wie so oft fiel es uns auf, das manche uns freundlich grüßten, andere aber schienen es für unter ihrer Würde zu halten, sich mit Tourenradlern zu befassen und glotzten stur geradeaus.

Hutton-le-Hole ist ein typisches idyllisches Yorkshire-Dorf mit einer kurzen Dorfstraße mit ein paar Läden, einigen Wohnhäusern und dem Ryedale Folk Museum, wo gerade das „Wonders of Wood Weekend“ stattfand.

Nachdem wir unseren Eintritt bezahlt hatten, wurden wir erst in die Kunstgalerie dirigiert, wo man verschiedene Landschaftsgemälde bewundern konnte. Dann ging es nach draußen durch eine Dorfstraße des frühen 20. Jahrhunderts: Schmied, Bäcker, Dorfladen, Drogerie und natürlich Bauernhöfe mit Haupt- und Nebengebäuden sind dort liebevoll aufgebaut und gestaltet.

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In einigen dieser Gebäude zeigten an diesem Wochenende alle möglichen Handwerker, was man alles aus Holz machen kann. Fasziniert schauten wir einem Drechsler bei der Arbeit zu, ließen uns erklären, wie man einen Bogen herstellt und beobachteten eine Dame beim Stuhlflechten. Ich finde (Kunst-)Handwerk faszinierend und könnte stundenlang zuschauen. Das Stuhlflechten würde ich auch gerne mal selbst ausprobieren.

Außerdem hat das Museum ein rekonstruiertes Rundhaus aus der Eisenzeit, das einen guten Eindruck des Lebens damals vermittelt. Alles spielte sich in einem einzigen Raum ab. Bei diesem Rundhaus gibt es auch ein Labyrinth, das der Gatte natürlich sofort durchwandern musste.

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Doch nicht nur die Vergangenheit spielt im Ryedale Folk Museum eine wichtige Rolle, sondern auch Landwirtschaft und Naturschutz in der Gegenwart. Wir lernten die beiden Minischweinderl Ethel und Maud kennen und sahen verschiedene Arten von Hühnern.

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Auch einen Obstgarten gibt es hier, wo anhand von Fotos der Fruchtzyklus des Apfelbaums erklärt wird, und man wird darauf hingewiesen, wie wichtig die traditionellen Obstgärten für unsere Umwelt sind. Auch gibt es dort eine Wiese mit alten Acker- und Wiesenblumen, die man leider nicht mehr so oft sieht: Kornblumen, Klatschmohn, Schafgarben, Margeriten, Springkraut und viele mehr.

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Doch nicht nur draußen gibt es einiges zu sehen. In einem der alten Gebäude befindet sich die Harrison Collection der Brüder Edward und Richard Harrison, die alles Mögliche aus fünf Jahrhunderten gesammelt hatten: Uhren, Puppen, Bücher, Spielzeug aller Art – es gibt eigentlich kaum etwas, was sie nicht sammelten.

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Mein persönlicher Höhepunkt war allerdings „The Model Village“. In den 50er Jahren begann ein gewisser John Hayton aus Harrogate, dieses Miniaturdorf zu bauen, und es beschäftigte ihn die nächsten 30 Jahre. Nach seinem Tod wurde das Dorf in den Harlow Carr Gardens in Harrogate ausgestellt, bis es im Jahr 2008 nicht mehr ins Konzept passte. Das Ryedal Folk Museum zeigte sich interessiert, doch leider überstanden die zahlreichen Gebäude den Transport nicht besonders gut und mussten erst aufwändig von einigen freiwilligen Helfern restauriert werden, bevor sie ein Jahr später wieder in voller Glorie ausgestellt werden konnten. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an den liebevoll und detailliert gestalteten Gebäuden: Kirche, Schloss, Pub, eine Windmühle und vieles mehr.

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Am Ende unseres Besuchs entdeckte ich noch ein Schmankerl für Alex und ihr Blog „Buurtaal“. Ort hat sie vor einiger Zeit einen Post über die verschiedenen Namen für das stille Örtchen verfasst. Hier gibt es die Nachbildung eines viktorianischen Außenklos. Wasserspülung gab es zu dieser Zeit natürlich noch nicht, und damit es in den Sommermonaten nicht gar so stinkt, pflanzte man einen Fliederstauch daneben, und so heißt das Häuschen passenderweise „Lilac Cottage“ (Fliederhäuschen).

lilaccottage

Es war ein rundum gelungener Besuch. Als wir das Museum verließen, kam mal wieder ein Regenschauer herunter, so dass wir uns unter einen großen Baum stellten und die Gänse auf der Dorfstraße beobachteten.

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Dann fuhren wir weiter, teilweise über Steigungen von 16%, zum Aussichtspunkt Gillmoor. Die Strampelei lohnte sich aber durchaus, die Aussicht ist toll! Dort befindet sich auch eine Bank, und in der Steinmauer daneben eine Tafel mit einem Gebet:

aussicht aussicht2

“Thou who hast given me eyes to see
And love this sight so fair,
Give me a heart to find out thee
And read thee everywhere.” (J. Keble)

Wer auch immer das Schild dort anbringen ließ, man kann ihm einfach nur Recht geben.

Wie die Aussicht hatten wir uns auch die Abfahrt ins Tal redlich verdient. Wir fuhren ins Dorf Normanby, nicht weit von unserem Campingplatz, wo wir auf den Hinweg ein nettes Pub für unser Abendessen entdeckt hatten. Dort wollte man mir erst nur ein halbes Pint andrehen, aber nach den vorangegangenen Anstrengungen bestand ich – gar nicht ladylike – auf einem ganzen Pint, was von den Leuten am Nebentisch mit einem „good for you“ kommentiert wurde. Geht doch. Nach einer einfachen, aber nahrhaften Mahlzeit fuhren wir zurück zum Campingplatz. Inzwischen hatte es wieder zu regnen angefangen. Einer der Dauercamper sah es philosophisch: „The weather is always like this, one minute sun, one minute rain, and we can’t do anything about it.“

Wir verkrochen uns ins Zelt und widmeten uns unserer Zeitungslektüre. Der Aufreger der Woche war diesmal ein Foto der Autorin und Fernsehköchin Nigella Lawson und ihrem Mann Charles Saatchi in einem Londoner Restaurant. Die beiden sind anscheinend in einen Streit verwickelt, und er würgt sie. Irgendwie stieß mir das Foto ziemlich auf, ich hätte es sympathischer, wenn auch weniger medienwirksam gefunden, wenn der Fotograf anstatt zu knipsen, dem sauberen Herrn erklärt hätte, dass man sich so einfach nicht benimmt. Das Ganze wurde noch eine Weile in der Presse breit getreten, und im Juli ließ Nigella sich scheiden.

Da die Wettervorhersage nicht sehr vielversprechend aussah, wollten am nächsten Morgen spätestens um 11 Uhr beschließen, ob wir noch bleiben oder weiterziehen würden.

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Mich gibt es noch – und wie!

Mein letzter Post ist schon wieder zwei Monate her – Grundgütiger, wie die Zeit vergeht! Die letzten Wochen waren einfach ein Tollhaus: Die Arbeit kam mal wieder geballt, und wenn ich dann etwas Freizeit hatte, wollte ich einfach nur da sitzen und mich entspannen. In den Abendstunden arbeiten wir uns  greade durch größere Teile der DVD-Box von “James Herriot” (Der Doktor und das liebe Vieh). Wie Peter so schön feststellte, passiert zwar dort auch einiges, aber trotzdem strahlen die Folgen eine gewisse Ruhe aus, was  nicht zuletzt an den weiten, dünn besiedelten Yorkshire Dales liegt.

Natürlich gibt es auch ein paar Dinge zu berichten. Am Pfingstwochenende war wieder die Kunstroute (Kunst und Landschaft), uns selbstverständlich habe ich wieder mitgeholfen: Zwei Schichten  an der Kasse. Auch dieses Jahr waren wieder ein paar schöne Kunstwerke und Installationen dabei:

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Die Darstellung der Lebensalter vom Dreirad zum Rollator inspirierten den Gatten zu einer eigenen Interpretation:

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Und die Seerosen im Teich im Roombeek sind zwar kein Kunstwerk, aber wunderschön:

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Auch sonst tut sich einiges. Im Kirschbaum vor unserem Schlafzimmerfenster befindet sich ein Taubennest. Es ist recht gut versteckt, aber wir haben schon entdeckt, dass der Nachwuchs inzwischen geschlüpft ist. Wie viele es sind, wissen wir aber leider nicht, da müsste man schon mit der Leiter nach oben, und das wollen wir der jungen Familie nicht antun. Wenn man genau hinschaut, kann man die damals noch brütende Taube erkennen:

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In den nächsten Tagen werde ich mich an die noch ausstehenden Reiseberichte machen, denn sonst sind wir schon wieder im Urlaub, und dann wird es ein ziemliches Durcheinander.

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Ostengland 2013 – Teil 9

Weltstadt Whitby

 Am Morgen war es mal wieder bewölkt, doch während des Frühstücks wagte sich die Sonne langsam und vorsichtig hinter den Wolken hervor.

Dieses Mal dauerte es etwas länger als die üblichen zwei Stunden nach dem Aufstehen, bis wir reisefertig waren, denn beim Betrachten unserer gepackten Taschen fand Peter, dass sie Ähnlichkeit mit „standing stones“ hatten, und dass man daraus einen wunderbaren Steinkreis bauen konnte. Also experimentierten wir mit verschiedenen Aufstellungen. Leute, vergesst Stonehenge, und Avebury war gestern! Die Touristenattraktion des 21. Jahrhunderts ist der Hunmanby Bag Circle.

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Dann machten wir uns auf den Weg nach Scarborough, und dreimal dürft ihr raten, welcher Ohrwurm mich an diesem Tag verfolgte. Tipp: Beim Kochen habe ich ihn auch gelegentlich.

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Unterwegs kamen wir an einem „Car Boot Sale“ vorbei, einer Art Flohmarkt, wobei viele der Artikel direkt aus dem Kofferraum der zahlreichen Autos verkauft wurde. Was wir im Vorbeifahren erspähten, weckte in uns nicht den Wunsch, sich das Ganze genauer anzuschauen. Wir hatten selten so viel Ramsch auf einem Haufen gesehen.

Als wir Scarborough erreichten, machten wir uns auf die Suche nach dem Anfang des „Cinder Track“, einer stillgelegten Eisenbahnstrecke, die jetzt ein Radweg ist. Vor knapp zwanzig Jahren waren wir schon einmal das Stück von Whitby bis Ravenscar gefahren, und zu meiner großen Freude hatte ich im Internet entdeckt, dass man den Weg inzwischen bis Scarborough durchgezogen hatte. Soweit ich mich erinnerte, war der Weg recht gut zu fahren und die Steigungen, die es in dieser Gegend in sich haben, hielten sich in Grenzen. Der einzige Nachteil war, dass man von der Schlacke, die als Bodenbelag verwendet wird (daher auch der Name „Cinder Track“), ziemlich schwarze Beine bekam, aber damit kann man ja leben.

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Der Eingang ist nicht gerade leicht zu finden, man muss irgendwie hintenrum über den Parkplatz des Superstore. Dort machten wir auf einer Bank Brotzeit, was zur Folge hatte, dass sich plötzlich sämtliche Hunde Scarboroughs mit ihren Herrchen und Frauchen im Schlepp zu uns gesellten. Auch ein Rudel Kindergartenkinder mit gelben Sicherheitswesten kam vorbei. Ihre Leiter hätten einen Schäferhund, der die Kleinen umkreist, gut gebrauchen können.

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Dann fuhren wir weiter und folgten den Totempfählen, die den „Cinder Track“ markieren. Am Anfang ging es noch wunderbar. Der Weg war zwar geschottert, und immer, wenn er eine Straße kreuzte, musste man mühsam ein Gatter öffnen oder umfahren (die Betonung liegt auf der zweiten Silbe, nicht auf der ersten), aber verglichen mit der Landschaft, durch die der Weg führt, ist er wirklich ziemlich flach.

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Wir kamen an schnuckligen Häuschen, Rapsfeldern und blühenden Ginstersträuchern vorbei und genossen die spektakuläre Aussicht über die Hügel und die Küste.

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Doch leider wurde die Oberfläche immer schlechter, und auf den an den Gattern angebrachten Hinweiszetteln konnte man lesen, dass die starken Regenfälle im Frühjahr den Belag zum größten Teil weggespült hatten. Die Folge waren tiefe Schlaglöcher, die man mit akrobatischem Geschick umfahren musste, und bei Gegenverkehr, von dem es hier eine ganze Menge gab, wurde es manchmal richtig gefährlich.

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Bei Ravenscar entschlossen wir uns dann, den Weg zu verlassen und über die steigungsreiche Hauptstraße weiter nach Whitby zu fahren.

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Es war mal wieder der Wahl zwischen Pest und Cholera, denn die Hügel haben es in sich, und die Autos, die hier unterwegs sind, fahren nicht gerade langsam. Deshalb waren wir froh, als wir die A 171 verlassen und über Sneaton und Ruswarp weiterfahren konnten. Die paar zusätzlichen Kilometer nahmen wir gerne in Kauf. Whitby konnten wir auf jeden Fall nicht verfehlen, denn schon eine ganze Weile sahen wir die alten Abteiruinen ehrfurchtgebietend auf den Klippen thronen.

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Kurz vor Whitby ging es jedoch mal wieder schief, denn bei der Brücke über den Fluss Esk gab es zwei Schilder, die einen Radweg in die Stadt anzeigten, und der Hausherr, der es mal wieder eilig hatte, war nirgendwo zu sehen. Ich fragte einen Radfahrer, der aus einem der Wege kam, ob Peter ihm entgegen gekommen war, doch er verneinte. Also fuhr ich vorsichtig ein Stück den anderen Weg entlang, und Peter, der wohl gemerkt hatte, dass ich nicht mehr da war, war inzwischen auch umgekehrt, und so machten wir uns zusammen auf den Weg in die Stadt, die in Bram Stokers Roman “Dracula” folgendermaßen beschreiben wird:

“This is a lovely place. The little river, the Esk, runs through a deep valley, which broadens out as it comes near the harbour. [...] The valley is beautifully green, and it is so steep that when you are on the high land on either side you look right across ist, unless you are near enough to see down. [...] Right over the town is the ruin of Whitby Abbey, which was sacked by the Danes [...]. (Seite 80)

Und steil ist es hier wirklich, manchmal sogar um die 20%, so dass ich mal wieder zum Schieben verdammt war. Bei einer scharfen Rechtskurve überkamen mich plötzlich Zweifel dass ich mein Rad da herum kriegen würde! Sollte ich jetzt etwa alles abladen und einzeln diesen verflixten Hang hochschleppen? Mit aller Kraft stemmte ich mich dagegen und schaffte die Kurve. Wir sahen ein Schild zu einem Campingplatz, dem wir folgten, und sahen einen Mann mit sehr muskulösen Oberarmen, der einen Kinderwagen nach oben schob. Diese Muskelpakete braucht man hier auch!

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Der Campingplatz befand sich noch im Aufbau, und der Platzwart war auf dem Gerüst eines Ferienhäuschens zu finden. Er rief uns zu, dass wir uns einen Platz aussuchen durften und später abrechnen sollten. Wir suchten uns ein Plätzchen auf der terrassenartig angelegten Wiese und bauten langsam auf. Mann, war ich geschafft.

Als unser Zelt stand, gingen wir den Hügel wieder hinunter ins Zentrum.

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Bei einem Mega-Coop am Bahnhof mit einer riesigen Kühlfront kauften wir ein, allerdings nicht für das heutige Abendessen. Auf dem Weg hatten wir einige Fish-and-Chips-Läden entdeckt, und da wir schon in einer Hafenstadt waren, konnte man sich auch mal wieder so etwas gönnen. In dem Landen überließ ich es Peter, das Essen zu besorgen, denn die Hitze dort drin und der Fisch- und Fritierfettgeruch hätten mich fast aus den Socken gehauen. Im spärlichen Schatten der Hauswand wartete ich und ärgerte mich im Stillen über einen ebenfalls wartenden Autofahrer, der die ganze Zeit den Motor laufen ließ. Ich überlegte, ob ich etwas sagen sollte, aber es erschien mir nicht ratsam, mich mit diesem tätowierten Kleiderschrank am Steuer anzulegen. Also grollte ich nur leise vor mich hin, bis Peter wieder aus dem Laden kam.

Wieder auf dem Campingplatz verspeisten wir mit Aussicht über die Stadt unsere Fish and Chips.

Danach machten wir einen Verdauungsspaziergang zur Abbey. Diese war im 7. Jahrhundert erbaut worden, doch bereits im Jahre 877 wurde sie von den damals noch heidnischen Dänen zerstört. Seit 1995, als wir unseren ersten gemeinsamen Englandradurlaub gemacht hatten, hatte sich dort einiges verändert. Um die Ruinen, die damals noch frei zugänglich waren, zog sich jetzt eine Mauer mit einem Abbey Experience Centre“. Fotgrafieren konnte man die Ruinen aber immer noch kostenlos. Den Campingplatz zwischen Ruinen und Steilküste, auf dem wir damals gestanden hatten, gab es nicht mehr. Dort hatte ich damals nachts immer wieder zur Abbey gespäht, ob die Äbtissin Hilda, die seit dem Überfall der Dänen regelmäßig an einem der Fenster erscheinen soll, oder eines der anderen Gespenster, die sich dort angeblich rumtreiben, zeigen würde, aber nichts war’s. Und diesmal war unser Campingplatz zu weit weg.

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Wir gingen noch ein Stück an der Steilküste spazieren, die auch hier sehr eindrucksvoll ist, und genossen den Blick über das Meer und die Aussicht über die Stadt.

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Auf einer Weide grasten vier Kühe, die sich extra für das Foto nebeneinander aufstellten.

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Dann gingen wir zurück zum Campingplatz, wo sich ein Amselmännchen bei unserem Zelt niedergelassen hatte, und bewunderten den Sonnenuntergang über der Stadt. Dann gingen wir schlafen.

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In der Nacht fing es an zu regnen, und der Regen hielt auch morgens noch an, so dass wir erst mal im Zelt herumtrödelten, lasen und Postkarten schrieben, von denen wir einige schon seit zwei Wochen mitschleppten. Bei unserem späten Frühstück leistete uns das Amselmännchen von gestern Gesellschaft und ließ sich zutraulich auf meinem Fahrradlenker nieder. Wir beschlossen, ihn Richard zu nennen, das passte irgendwie zu ihm.

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Endlich war es trocken genug, dass wir in die Stadt gehen konnten. Wie in Lincoln kann man auch hier 3D-Karten aus dem Automaten ziehen, aber da Whitby eher überschaubar ist, verzichteten wir diesmal darauf. Die Stadt ist nicht nur wegen ihrer Abteiruine einschließlich Gespenster bekannt, sondern auch wegen des Seefahrers James Cook, der hier im Jahre 1768 zu seiner Südseereise aufgebrochen war. Auch seine Schiffe wurden hier gebaut.

Außerdem schrieb Bram Stoker hier seinen Roman „Dracula“ und ließ den Vampir aus Transsylvanien in Whitby an Land gehen. Während des Studiums hatte ich das Buch zwar gelesen, aber erst jetzt erschien mir Whitby als Landeplatz denkbar unlogisch, wenn man mit dem Schiff aus Rumänien kommt. Wäre da ein südenglischer Hafen nicht naheliegender gewesen? Diese Frage ließ mir keine Ruhe, und so nahm ich mir zu Hause noch einmal den Roman vor. Und tatsächlich, das Schiff „Demeter“ war wegen eines Sturms vom Kurs abgekommen, und der Graf hatte unterwegs die Besatzung gnadenlos dezimiert. Als die „Demeter“ den Hafen von Whitby erreicht hatte, waren nur noch der ans Steuer gebundene tote Kapitän und ein schwarzer Hund an Bord. Letzterer sprang an Land und verschwand.

Als erstes gingen wir zum Bahnhof, um Karten für die „North York Moor Railway“, eine Dampfeisenbahn, die durch die raue Heidelandschaft nach Pickering fährt, zu erwerben. Dort wollten wir morgen hin und dann weiter nach York.

Danach bummelten wir durch die Stadt mit ihren schmalen steilen Gassen und besuchten die zahlreichen Geschäfte. Die gefühlten sieben Hügel der Stadt haben es in sich, da die Engländer anscheinend nicht viel von Serpentinen halten und die Straßen möglichst gerade den Berg hinauf legen.

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Im Hafen gingen wir bis zum Ende des Piers, wobei man gut aufpassen musste, wo man hin tritt, denn zwischen den Planken befinden sich breite Spalten, und es geht ziemlich tief runter. Am Anfang des Piers gibt es einige Fish-and-Chips-Läden und auch entsprechen viele Möwen, doch gegen Ende, wo weniger Menschen sind, verteilen sich die Vögel auch wieder. Misstrauisch beäugte ich die Möwen, denn bei meinem ersten Aufenthalt hier hatte mich eine so richtig erwischt – die Ladung landete mitten auf meinem Kopf! Ich hatte mich selten so beschissen gefühlt. Diesmal jedoch blieb mir ein solches Missgeschick erspart und ich konnte die Aussicht über den Hafen und zur Abbey auf dem gegenüberliegenden Hügel genießen.

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Nach einer Weile fing es wieder an zu regnen, und wir gingen zum Supermarkt und danach zurück zum Campingplatz, wo wir den Tag mit Salat, Pork Pie, Birnencider und Zeitungslektüre ausklingen ließen.

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