Der Trend geht zum Zweitkissen

Am Anfang dieses Jahres hatte ich für unseren Mitbewohner ein Sofakissen in Gelb- und  Orangetönen genäht. Eine Weile war er auch sehr zufrieden damit, doch im Sommer hatte er irgendwo aufgeschnappt, dass der Trend zum Zweitkissen geht. Also wollte er auch eins.

Da ich auch mal wieder Lust hatte, etwas zu nähen, sichtete ich meine Stoffvorräte und beschloss, ein weiteres Kissen in Rottönen zusammen zu setzen, in dem auch Stoffe aus dem Erstkissen verwendet werden. Ich überlegte, ob ich die Blöcke diesmal anders anordnen sollte, doch das wäre wahrscheinlich zu unruhig geworden.

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Der Mitbewohner ist jedenfalls sehr zufrieden.

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Und ich habe genug Stoffe in meiner Vorratsbox, um auch noch ein Dritt- und Viertkissen zu machen, wenn ich wieder dazu komme.

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Weitere 52 Bücher (14) – “Memoiren eines mittelmäßigen Schülers” von Alexander Spoerl

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Und wieder gibt es ein interessantes Monstermotto: “Ein Buch, bei dem du (zumindest teilweise) dachtest, der Autor hätte dich oder dein Leben als Vorbild genommen! (und warum! :P )

Dieses Motto hat mich erst ganz schön ins Grübeln gebracht, denn mein Leben ist nicht besonders aufregend. Ich wurschtle halt einfach so vor mich hin und fahre gelegentlich in Urlaub. Welcher Autor sollte sich sowas als Vorbild nehmen?

Aber dann fiel mir ein, dass es ein Buch gibt, bei dem ich an diversen Stellen dachte: “Genau! That’s me!” Nämlich Alexander Spoerls “Memoiren eines mittelmäßigen Schülers”. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Ich habe das Buch vor vielen Jahren, nämlich gegen Ende meiner Schulzeit von jemandem geliehen, gelesen und natürlich brav wieder zurückgegeben. Also ist mir lang nicht mehr alles präsent, so dass ich bei der Inhaltsangabe auf Tante Wiki verweisen muss. Man möge mir das bitte nachsehen.

Anders als der Protagonist Jakob van Tast, der zwischen den beiden Weltkriegen aufwuchs und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten mit allen fatalen Folgen miterlebte, hatte ich jedoch das Glück, in einer friedlicheren Zeit und in Freiheit aufwachsen zu dürfen, was man gar nicht genug würdigen kann.

Die Übereinstimmung ist aber der “mittelmäßige Schüler”. An ein paar Textstellen, in denen ich mich wieder erkannte, erinnere ich mich noch gut. So sagt Jakob über seinen schulischen Einsatz sinngemäß, dass er versuchte, mit geringstmöglicher Anstrengung das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. In der Physik nenne man das den “Optimalen Wirkungsgrad” und in der Schule “Genügend”. So ungefähr sah es bei mir auch aus, und mir wurde auch gelegentlich mitgeteilt: “Dumm bist du ja nicht, aber du  hast so gar keinen Ehrgeiz.”

So isses, ich bewege mich gemütlich im Mittelfeld und habe mich dort inzwischen eingerichtet, wie Jakob van Tast es auch getan hat (jedenfalls soweit ich mich erinnere). Es können ja nicht alle Überflieger sein. Mittelmaß rulez!

In England war Jakob übrigens auch, eine weitere Parallele.

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Oktobermelancholie

Sauweda, greisligs! Hier gießt es schon den ganzen Tag wie aus Eimern.  An so einem Tag kann man so richtig nachvollziehen, warum Bløf den Oktober als “de wreedste maand (den grausamsten Monat)” bezeichnet. Zeit, sich etwas in herbstlicher Melancholie zu suhlen.

Für die Textliebhaber gibt es hier das Original. Die Übersetzung unten ist von mir.

Oktober überfällt uns jedes Jahr.
We sehen uns an nach einem übervollen Sommer.
Und wir haben uns wieder verändert, aber es fühlt sich nicht mehr vertraut an,
jetzt, wo wir plötzlich erkennen, dass wir nicht wir selbst sind
im Oktober.

Oktober ist der grausamste Monat, Oktober.
Mit den Dingen, die vorübergehen,
aber doch irgendwo hängenbleiben, sie kommen immer wieder zu uns zurück,
irgendwann im Oktober.

Oktober überfällt uns jedes Jahr.
Wir bleiben zusammen nach einem viel zu kurzen Sommer.
Und wir haben uns wieder verändert, nicht zum Guten, nicht zum Schlechten,
aber trotzdem verändert
im Oktober.

Oktober ist der grausamste Monat, Oktober.
Mit den Dingen, die vorübergehen,
aber doch irgendwo hängenbleiben, sie kommen immer wieder zu uns zurück,
meistens im Oktober.
Meistens im Oktober.

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Weitere 52 Bücher (11) – “Notes from a Small Isand” von Bill Bryson

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Die Zeit rast dahin, und schon sind wir wieder bei Woche 11 (oder eigentlich 12) des Monsterprojekts. Ein paar unbearbeitete Themen liegen noch dazwischen, und ob ich das mit dem Nachholen schaffe, weiß ich noch nicht, aber … I’ll do my very best.

Das Motto dieser Woche ist jedenfalls nicht allzu kompliziert: Das Buch hätte ich gerne geschrieben. Die einzige Schwierigkeit ist vielleicht die riesige Auswahl, denn geschrieben hätte ich manches gern, z. B. (wie die Weltherrscherin auch) die Zamonien-Romane von Walter Moers. Aber man muss ja eine Auswahl treffen, und man muss hier wahrscheinlich nicht allzu aufmerksam mitlesen, um festzustellen, dass ich – gelinde gesagt – eine Schwäche für die britischen Inseln habe. Also wurde es eines meiner absoluten Lieblingsbücher, nämlich Bill Brysons “Notes from a Small Island” (London, 1995). Der deutsche Titel lautet übrigens “Reif für die Insel, England für Anfänger und Fortgeschrittene”.

notesfromasmallisland

Als Bill Bryson etwa zwanzig Jahre in Großbritannien gelebt hatte, fand er, dass es Zeit wurde, seiner Frau und seinen Kindern auch mal seine alte Heimat, die Vereinigten Staaten, zu zeigen. Doch bevor er den Umzug angeht, möchte er noch einmal eine Art Abschiedsrunde durch England machen und dabei Orte, die er kennt und solche, die noch auf seiner Wunschliste stehen, besuchen, und zwar zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Schließlich sind diese gar nicht mal so schlecht, und außerdem gibt es sowieso viel zu viele Autos, was für die Umwelt ja auch nicht gut ist usw. “They are horrible and awful and I wanted nothing to do with them on this trip. And besides, my wife wouldn’t let me have the car.” (Seite 66)

Und so beginnt er seine Reise in Calais, wo er 1973 zum erstem Mal mit der Fähre nach Dover gefahren war, läßt sich dort in einem Andenkenladen eine grauenvoll kitschige mit Muscheln und Lämpchen verzierte Marienfigur andrehen und verläuft sich auf dem Weg zum Terminal. So etwas lese ich einfach gerne, denn es ist doch ein schönes Gefühl, zu wissen, dass man nicht der einzige ist, dem solche Sachen passieren.

Seine Reise führt ihn auf ziemlich unlogischen Wegen, was seiner Spontaneität und den Grillen der öffentlichen Verkehrsmittel geschuldet ist, durch England, Wales und Schottland. Dabei hat er ein gutes Auge für Land und Leute und findet immer die richtige Mischung aus eigenen Erlebnissen und Hintergrundinformationen. Auch fließen immer wieder Erinnerungen an frühere Reisen mit ein.

Zum Autofahren hat er (wie ich übrigens auch) wirklich nicht das beste Verhältnis. Dies zeigt sich, als er seinen Prinzipien untreu wird und für ein paar Tage ein solches mietet, m die Cotswolds zu besuchen: “Some people are made for cars and some aren’t. It’s as simple as that. [...] This car had its usual array of switches and toggles, each illustrated with a symbol designed to confound. Really now, what is one to make of a switch labelled |Ø|? How can anyone be expected to work out htat a rectangle that looks like a television set with poor reception indicates the rear window heater? In the middle of this dashboard were two circular dials of equal size. One clearly indicated speed, but the other totally mystified me. It had two pointers on it, one which advanced very slowly and the other of which didn’t appear to move at all. I looked at it for ages before it finally dawned on me – this is true – that it was a clock.” (Seite 163/164) Dieses Gefühl kenne ich und würde es wohl auch so beschreiben, wäre er mir nicht zuvorgekommen.

Er besucht malerische und touristische Orte wie Lincoln mit seiner Kathedrale, Oxford und Edinburgh, aber auch “New Towns” wie Milton Keynes, wo man versucht hat, für alle Arten von Verkehrsteilnhemern (Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger) eigene Wege anzulegen. Dies beschert ihm eine längere einsame Wanderung, bei der er sich natürlich verläuft und keinen anderen Fußgänger findet, den er fragen kann.

Bei einer Wanderung  im Lake District, bei der immer wieder hinter seinen Freunden zurückfiel, die dann gemütlich auf ihn warteten, um sofort wieder los zu marschieren, sobald er aufgeholt hatte, steht auch dieser wunderschöne Satz, den ich bei Radurlauben gerne bemühe, wenn es der Gatte mal wieder eilig hat: “John and his chums toyed with my will to live in the cruellest possible way: [...]“. (Seite 282)

Am Ende kommt er zu der Schlussfolgerung, dass er Großbritannien mag: “I like it here. I like it here more than I can tell you. And then I turned from the gate and got in the car and knew without doubt that I would be back.” (Seite 352) Inzwischen ist er wieder nach England zurückgekeht und wohnt in einem alten Pfarrhaus in Norfolk.

Gut, dieses Buch habe ich nicht geschrieben, aber einer meiner treuen Leser hat mir einmal “bryson-artigen Humor” bescheinigt, und darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

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Weitere 52 Bücher (4) – „Die Farbe Blau“ von Jörg Kastner

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Urlaubsbedingt hatte ich ein paar Mottos verpasst, aber beim Nachlesen habe ich eins entdeckt, zu dem ich noch etwas habe,  “was mit Kunst“. Den Post habe ich zwar schon vor einiger Zeit verfasst, aber ich erlaube mir, ihn nach oben zu zerren, da er sonst doch nur unverdienterweise in der Versenkung bleibt. *flöt*

farbeblau

Kann eine Farbe einen Menschen so weit in den Wahnsinn treiben, dass er jemanden umbringt? Diese Frage stellt sich Gefängniswärter Cornelis Suythof, nachdem im Amsterdamer Männergefängnis „Rasphuis“ der angesehene Färbermeister Melchers eingeliefert wird, der seine Frau und seine Kinder auf brutale Weise ermordet hat. Zum Tathergang befragt, schweigt er und begeht kurz darauf Selbstmord. Suythofs Freund und Kollege Ossel Jeuken hatte ihm vorher auf seinen Wunsch ein Gemälde in die Zelle geschmuggelt, das ihn im Kreise seiner Familie zeigt. Der Einsatz von Licht und Schatten lässt darauf schließen, dass das Bild von Rembrandt van Rijn ist, aber die Hauptfarbe ist ein intensives Blau, und Rembrandt verwendet kein Blau.

Bevor die Gefängnisleitung das Bild entdeckt, lässt Ossel es verschwinden und nimmt es mit nach Hause. Am nächsten Tag wird er ins Gefängnis eingeliefert, nachdem seine Freundin auf bestialische Weise umgebracht worden war. Das Einzige, was Suythof aus ihm herausbringt, ist das Wort „Blau“. Als das „Todesbild“ aus Ossels Wohnung verschwindet, beschließt Suythof, die Unschuld seines Freundes zu beweisen und geht bei Rembrandt in die Lehre. Dort entwickeln sich zwischen ihm und Rembrandts Tochter Cornelia zarte Bande.

Von dem reichen Kunsthändler Van der Meulen erhält er den Auftrag, von einigen jungen Damen Aktgemälde anzufertigen. Zu seinem Entsetzen findet er seine Gemälde in einem Bordell wieder, und kurz darauf entdeckt er, dass es sich bei einem seiner Modelle um die Kaufmannstochter Louisa van Riebeeck handelt. Als er Van der Meulen mit seinem Wissen konfrontiert, teilt dieser ihm mit, dass er der Familie inzwischen ein blaues Gemälde zukommen ließ. Und tatsächlich passiert ein weiterer Mord, für den Suythof ins Gefängnis kommt. Gerade noch rechtzeitig gelingt es Gerichtsinspektor Jeremias Katoen, seine Unschuld zu beweisen und ihn frei zu lassen.

Doch inzwischen ist Rembrandt spurlos verschwunden. Suythof macht sich auf die Suche und gerät in einen Strudel von Gewalt, Verschwörungen, und den Kampf fanatischer Katholiken gegen die herrschenden Calvinisten. Dabei gerät nicht nur er selbst, sondern auch Cornelia in Lebensgefahr.

„Die Farbe Blau“ ist ein historischer Krimi mit einem guten Schuss Fantasy. Die Handlung ist spannend und man bekommt einen ganz guten Eindruck von Amsterdam zur Zeit Rembrandts. Andererseits passiert so unglaublich viel, dass ich beim Lesen immer wieder den Überblick verloren habe. Die Stadt Amsterdam und die handelnden Personen werden zwar beschrieben, bleiben aber blass und wirken nicht richtig lebendig. Auch die Anhäufung von Verbrechen, Komplotten und Gewalt trug meiner Meinung nach nicht gerade zur atmosphärischen Dichte bei. Hier wäre weniger mehr gewesen. Bei der „Engelstrilogie“, die ich vor ein paar Jahren gelesen habe, hat Kastner die Balance zwischen Spannung und Atmosphäre besser hingekriegt.

Jörg Kastner wurde 1964 in Minden an der Weser geboren. Er ist Volljurist mit Befähigung zum Richteramt, machte aber aus seinem Hobby, dem Schreiben, seinen Beruf. Er schreibt historische Romane, Fantasy und Thriller, wobei sich die Genres häufig vermischen. Zu seinen Werken gehören die Vatikan-Thriller “Engelspapst”, “Engelsfluch” und “Engelsfürst”. Mehr über ihn findet sich auf seiner Homepage.

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Weitere 52 Bücher (7) – “Don Fernando erbt Amerika” von Ewald Arenz

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So, jetzt muss ich doch auch mal wieder was Neues von der Bücherfront berichten, und zwar zum Motto der 7. Woche: “Was mit Physik (Solarzellen, Akkus, Glühbirnen oder ähnl.) …“. Na toll, Physik, und das mir! Seinerzeit in der Kollegstufe sagte mein Physiklehrer zu mir: “Bei Ihnen ist die ganze Physik verschwendet”, um dann bei der Abiturprüfung des Deutsch-Leistungskurses, wo er Aufsicht hatte, festzustellen:  “Hier sind also die ganzen Physiknieten versammelt.” Man kann nichts beschönigen, wo er recht hat, hat er recht.

Deshalb zweifelte ich erst einmal, ob ich “irgendwas mit Physik” überhaupt in meinem Bücherschrank habe, und tatsächlich wurde ich fündig.

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Der phantastische Roman “Don Fernando erbt Amerika” von Ewald Arenz (Nürnberg, 1996) ist eine wunderbar skurrile und brüllkomische Geschichte, und eine der Hauptfiguren ist der Physiker Christoph, der ein Büro für Problemlösungen aller Art betreibt und tatsächlich mit einem riesigen Problem konfrontiert wird: Er soll dem Außerirdischen Gilead helfen, nach Hause zurück zu kehren.

Besagter Gilead war von seinem Heimatplaneten Siron, der aufgrund extremer Umweltverschmutzung so verstrahlt ist, dass die Bewohner quasi unsterblich geworden sind, verbannt und dann vergessen worden. Wegen eines Fehlers seines unfähigen Piloten landete sein Raumschiff nicht wie geplant in Mexiko, sondern stürzte irgendwo in Schwaben ab. Und dies blieb nicht ohne Folgen: Verschiedene historische Figuren, die auch nur ansatzweise in der Nähe waren oder später in die Nähe dieses Flugobjekts gerieten, wurden ebenfalls “langlebig”. Zu diesen gehören der Wikinger Erik der Rote und sein Bruder Leif der Barde, Fernando Colon, Sohn von Christoph Kolumbus mit seinen Weggefährten sowie eine Truppe Azteken.

Don Fernando ist mal wieder pleite und möchte von den Vereinigten Staaten von Amerika sein Erbe einklagen, nämlich ein Zehntel aller Waren, die die von Kolumbus neuentdeckten Länder der spanischen Krone einbringen sollten. Dazu benötigt er das Originaldokument des spanischen Königs, das sich jedoch im Nürnberger Stadtarchiv befindet, woran Gilead nicht ganz unschuldig ist. Da die Archivare es nicht herausrücken wollen, entführt Don Fernando den Nürnberger Bürgermeister.

Bei der Jagd nach dem Dokument helfen ihm nicht nur  die Journalistin Kathrin (Christophs Exfreundin), sondern auch diverse Wikinger und Azteken, während Christoph und sein Freund, der Rockmusiker Bébé außerdem Gileads Problem zu lösen versuchen. Dabei entstehen die merkwürdigsten Zusammentreffen, herrlich absurde Szenen und brüllkomische Dialoge, gespickt mit diversen Asterix-Zitaten. Wenn man also bereit ist, die ganzen nicht sehr wahrscheinlichen Voraussetzungen einfach zu akzeptieren, hat man eine ganze Menge zu lachen:

Bébé und Christoph saßen im Café Querschnitt und hielten sich an ihren Kaffeetassen fest. Christoph hatte sich, um seinem, Kater zu zeigen, wer der Boß ist, ein Frühstück bestellt. Das stand jetzt vor ihm und schmollte.
„Du willst dein Frühstück nicht essen, oder?” fragte Bébé, der angestrengt versuchte, nicht auf den Tisch zu sehen, und sagte, als Christoph nicht antwortete: “Dann stell es bitte irgendwohin, wo ich es nicht sehen kann, ja?”
„Ich muss mich erst mit ihm anfreunden. Ich kann das nicht so plötzlich wie du, einfach über das Essen herfallen, wenn es auf den Tisch gebracht wird.”
„Ich werde nie wieder über Essen herfallen”, murmelte Bébé düster, “ich bin wahrscheinlich tot.” (Seite 32)

Für kurze Zeit waren Ewald Arenz und ich sogar Kollegen, nämlich während unseres Referendariats in Nürnberg, und so ziert die erste Seite meines Exemplars folgende Widmung: “Für Petra in kollegialem Streben nach höheren (!) Zielen. Ewald Arenz”

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Strand6Daagse (Teil 7)

Sechster und letzter Tag: Callantsoog – Den Helder (14 km)

Der letzte Tag unserer Wanderung war gekommen, und die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Zum letzten Mal wachten wir im Zelt, umgeben von hunderten anderer Wanderer, auf und versorgten unsere Wehwehchen. Inzwischen hatte fast jeder hier auf dem Platz irgendwas, und das Wort „pleisterplaats“ (Rastplatz), wie die Etappenziele auf der Website der Stand6daagse genannt werden, ist hier sehr wörtlich zu nehmen (pleister = Pflaster). Doch man trägt seine Pflaster, Tapes und Bandagen mit einem gewissen Stolz, schließlich hat man sie sich schwer erarbeitet.

Zum letzten Mal standen wir in der Schlange für das Frühstück. Dort erfuhren wir, dass man offiziell bis 15 Uhr in Den Helder einlaufen durfte, wo wir das letzte Mal unsere Teilnahmekarte knipsen lassen und ein Andenken abholen konnten. Bis 15 Uhr klang gut, das würde selbst ich mit meinem lädierten Bein hinkriegen. Der Frühstückskaffee war diesmal sehr heiß, da er frisch in Den Helder zubereitet worden war.

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Nach dem Frühstück hieß es zum letzten Mal das Zelt abbauen, verpacken und das Gepäck auf dem großen Haufen zurücklassen. Beim Füllen der Wasserflaschen gab es erst ein Problem, denn ein Scherzkeks hatte den Haupthahn des Waschbeckens auf der Zeltwiese, das ein bisschen an eine Viehtränke erinnerte, zugedreht. Dies war jedoch schnell gelöst, und wir gingen los.

Beim Strandaufgang sahen wir, dass ein Teil der Gruppe nicht zum Strand ging, sondern den Dünenweg nahm. Wir schlossen uns ihnen an – bloß kein Sand! Ich hatte meinen Unterschenkel bandagiert und ein Aspirin genommen, also ging das Laufen einigermaßen, aber man musste es ja nicht übertreiben. Die Dünenvariante ist zwar etwas länger, aber angenehmer und abwechslungsreicher. Zu diesem Schluss kamen immer mehr Teilnehmer, denn bei jedem Strandaufgang gesellten sich wieder einige zu uns.

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Bald kam der Leuchtturm von Den Helder in Sicht und irgendwann wurde er tatsächlich größer. Wir näherten uns dem Ziel. Bei einem Wegweiser, der nur noch eineinhalb Kilometer zum Zielort Huisduinen, wo sich am Strand Pfahl 1 befindet, kam uns eine Joggerin entgegen und rief uns zu: „Gut gemacht, den Rest schafft ihr auch noch!“

leuchtturmdenhelder huisduinen

Gegen Mittag erreichten wir den Strandaufgang bei Pfahl 1, wo ein Fotograf die offiziellen Finishfotos machte. Wir erklärten, dass wir hintenrum gekommen waren und bekamen auch unser Foto.

finishfoto

Dort befindet sich auch ein Gedenkstein für Henk Horstman, der 1959 den Grundstein zu dieser Wanderung legte. Damals wurde sie noch von Norden nach Süden gegangen, doch da es angenehmer ist, die Sonne im Rücken zu haben und der Wind meistens aus dem Süden weht, wurde irgendwann die Richtung geändert. Vom Rückenwind hatten wir dieses Jahr allerdings nichts, der Wind kam immer aus dem Norden. Aber beim Radfahren finde ich das schlimmer.

gedenkstein

Dann gingen wir zum Dorfplatz, wo wunderbar passend das Lied „Het feest kan beginnen, want wij zijn binnen“ aus den Lautsprechern schallte. Wir gingen zum Finishstand, wo man unsere Karten zum letzten Mal knipste, und erhielten ein mit Sand gefülltes Gläschen und eine Getränkemarke, die wir gleich am Bierstand einlösten. Außerdem erstand ich noch ein T-shirt mit der Aufschrift „Enjoy 6 days at the beach“ als Andenken.

Später lasen wir, dass zwei Wanderer sich vom Ziel direkt in die Dorfkirche begeben hatten, um dort zu heiraten. Sie hatten sich vor sechs Jahren bei der Strand6Daagse kennengelernt und waren sie seitdem jedes Jahr gelaufen. Ist das nicht romantisch? *schnüff* Am Tag selbst bekamen wir in all dem Trubel am Ziel jedoch nichts davon mit.

Dann wurde es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Zum letzten Mal warteten wir auf unser Gepäck, und dann brachte uns ein Pendelbus zum Bahnhof von Den Helder. Für diesen Service waren wir sehr dankbar, denn das sind doch noch einige Kilometer. Ohne Probleme oder Verspätungen fuhren wir nach Hause.

Mein rechter Fuß war inzwischen ein unförmiger Klumpen geworden – ganz klar überanstrengt. Doch ich befolgte brav die Anweisungen „Kühlen, schonen, vorläufig nicht joggen (als ob ich das jemals freiwillig machen würde!) und langsam mit Schwimmen und Radfahren wieder aufbauen.“ Inzwischen ist er längst wieder normal groß, wenn auch noch ein bisschen empfindlich, aber sowas zieht sich halt.

Zum Schluss zitiere ich noch die Abschiedsworte der Organisatoren auf unserem letzten Routenzettel: „Im Namen der Organisation danken wir Ihnen für Ihre Teilnahme und wünschen Ihnen eine gute Heimreise. Wir hoffen, dass Sie die sechstägige Wanderung an der Grenze zwischen Land und Wasser genossen haben. Vielleicht bis nächstes Jahr.“

Es war tatsächlich eine Grenzwanderung, und zwar nicht nur zwischen Land und Wasser, sondern auch gelegentlich an der Grenze der Leistungsfähigkeit. Schon bei der Vorbereitung musste ich immer wieder mit dem inneren Schweinehund kämpfen, wenn ich am Wochenende lieber mit einem Buch auf dem Sofa sitzen wollte, anstatt durch die Gegend zu dackeln. Aber wir können mit Stolz auf diese sechs Tage zurückblicken – wir haben es geschafft.

Unser Dank gilt den Organisatoren und den vielen ehrenamtlichen Helfern, die dieses Ereignis so reibungslos wir möglich über die Bühne gehen ließen. Es war wirklich ein tolles Erlebnis! Allerdings werden wir im nächsten Jahr nicht mehr mitlaufen, denn es gibt noch so viele andere Dinge zu tun. Und wir wissen ja jetzt, dass wir es schaffen können.

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Und jetzt, wo ihr euch tapfer bis ans Ende meiner Ausführungen durchgeschlagen habt, kann ich euch ja verraten, dass es bei buurtaal auch eine Kurzfassung gibt. *grins*

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Strand6Daagse (Teil 6)

Fünfter Tag: Egmond aan Zee – Callantaoog (27 km)

 Für den heutigen Tag hatte der Wetterbericht Regen angekündigt, also mussten wir besonders darauf achten, dass unser Gepäck wasserdicht verpackt war. Wenn man nämlich Pech hat, liegt es eine ganze Weile im strömenden Regen spazieren. Die Regenkleidung hatten wir sowieso im Marschgepäck, da mussten wir nicht viel ändern.

wetterbericht

Auf dem Weg zum Strand gingen wir noch einmal bei Peters Bruder vorbei, um sein inzwischen wieder aufgeladenes Handy abzuholen. Der gestern noch so volle Strand war kaum wieder zu erkennen: Das Wasser hatte sich zurückgezogen und die Badegäste lagen noch gemütlich in den Federn.

Bis Bergen aan Zee ging das Laufen noch gut, doch dann meldete sich mein rechter Unterschenkel wieder lautstark zu Wort, bei jedem Schritt zog es schmerzhaft im Schienbein. Da der Strand zur See hin abfällt, und da wir nach Norden gingen, liefen wir mit dem rechten Bein immer ein bisschen höher als mit dem linken, und dies nahm mir mein rechtes Bein inzwischen übel. Von anderen Wanderern hörten übrigens von ähnlichen Problemen oder auch von schmerzenden Knien und Hüften. Der Wetterbericht schien übrigens Recht zu behalten, denn der Himmel war nicht mehr blau und mit netten Wattewölkchen garniert, sondern grau und verhangen. Auch die Nordsee sah nicht mehr so freundlich und einladen aus wie an den letzten Tagen.

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Bei Schoorl kam uns ein Herr in einem T-shirt der Vierdaagse von Nijmegen entgegen. Auf einem Tablett hatte er Lakritze, Bonbons und Salzstangen, die er uns anbot, wobei er jedem von uns noch viel Erfolg wünschte. Bei solchen netten Gesten verbeißt man sich den Schmerz und schafft wieder ein Stück.

Dann erreichten wir die Hondsbossche Zeewering bei Petten, einen der dicksten Seedeiche von Westeuropa. Hier hatte im Mittelalter eine Sturmflut ein Stück der Dünen herausgerissen, das später durch einen Deich ersetzt wurde. Inzwischen gilt dieser Deich als nicht mehr sicher genug und wird im Moment mit Sandvorspülungen verstärkt.

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Bevor wir um die Bauarbeiten herumgingen, stärkten wir uns in einem Strandcafé mit Kaffee und Apfelkuchen. Dann ging es weiter auf dem Deich.

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Ich hatte gehofft, dass es meinem Bein besser gehen würde, wenn wir nicht mehr auf Sand laufen, aber leider war das nicht der Fall. Eine andere Wanderin gab mir den Rat, es mit einem Aspirin zu versuchen. Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen, für mich gehören Aspirin und Paracetamol zu Kopfschmerzen. Aber klar, Schmerzen sind Schmerzen, vielleicht half es ja. Und tatsächlich ging es nach einer Weile besser.

Als wir Petten erreichten, beschlossen wir, nicht auf den Strand zurück zu gehen, da sich die Sandvorspülungen nicht besonders gut auf die Trittfestigkeit des Sandes auswirken. Von einem Kurzurlaub im Frühjahr kannten wir die Gegend ein bisschen und wussten, dass man nach einem Stück durch die Dünen auf die Hauptstraße nach Callantsoog mit einem freiliegenden Rad- und Fußweg kommt. Ein anderes Paar folgte unserem Beispiel, da sie ebenfalls keinen Sand mehr sehen konnten.

wegweiser

Bei einem Supermarkt besorgten wir uns ein paar Muffins, die wir sofort auf der Bank davor vertilgten. Dann begann es zu regnen, also Regenzeug an und weiter. Ein paar Kilometer vor Callantsoog überholte uns eine Autofahrerin, ließ das Fenster hinunter und rief uns zu, dass wir durchhalten sollten, denn es sei nicht mehr weit. Klar, die meisten Einheimischen kennen die Stand6Daagse und wissen, wo wir hinmüssen. Je nach Wohnort kriegen sie sicher ein unterschiedliches Bild von der Wanderung: Sind die Wanderer bei Wassenaar und Noordwijk noch gut aufgelegt und schwungvoll unterwegs, so werden sie, je weiter sie nach Norden kommen, erschöpfter und leiden stumm vor sich hin.

Irgendwann erreichten wir das Zentrum von Callantsoog, wo wir auf weitere nasse Wanderer stießen. Gemeinsam machten wir uns auf die Suche nach dem Sportplatz, wobei wir aufpassen mussten, dass der Regen nicht unsere Wegbeschreibung unleserlich machte. Bald hatten wir den Platz erreicht und mussten nur noch unser Gepäck finden. Mein Rucksack war tatsächlich nicht mehr trocken, gut, dass ich den Inhalt in Plastiktüten verpackt hatte.

Zwischendurch ließ der Regen nach, so dass wir wenigstens vernünftig aufbauen konnten. Nach einer warmen Dusche ging es mir auch wieder besser, und ich beschloss, noch einen Termin bei Ernesto zu machen. Der war allerdings heute nicht da, und seine beiden Kollegen waren fast ausgebucht. Da aber zwei Leute abgesagt hatten, hatte Wim gegen acht Uhr abends für mich noch eine Lücke.

Dann kam unser letztes Abendessen. Da es Freitag war, gab es zum Abendessen Fisch mit Remouladensauce, aber nicht mit gedünstetem Kohlrabi, sondern mit Karotten und Kartoffeln. Zur Feier des Tages bekam auch jeder ein Glas Weißwein. Wie am ersten Abend wurde die Mahlzeit im Zelt verspeist, und meine Wanderschuhe waren gut als Halter für die Weingläser zu gebrauchen.

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Nach dem Essen hatte ich meinen Massagetermin. Während Wim mir die Beine durchknetete, erzählte er, dass eine Menge Leute ziemlich erledigt waren. Sie hatten zwar das Wandern trainiert, aber was sie laut Wim nicht trainiert hatten, war das Aufbauen des Zeltes, das Schlafen im Zelt und die langen Partys im Sportlerheim. Nun, daran konnte es bei uns nicht liegen: In unserem gesetzten Alter lässt man die Partys doch eher aus, im Zelt schlafen sind wir gewöhnt und wenn wir etwas können, dann ist es des Zeltaufbauen. Da sich mein Unterschenkel warm anfühlte, bekam ich noch eine kühlende Salbe darauf, doch Wim meinte, dass ich den letzten Tag noch schaffen würde. Und das hatte ich auch vor, und wenn ich mich bis zur Halskrause mit Aspirin dopen musste!

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Strand6Daagse (Teil 5)

Vierter Tag: IJmuiden – Egmond aan Zee (24 km)

 Heute war das Frühstück wieder auf sechs Uhr vorverlegt worden. Doch wir konnten etwas länger schlafen, da wir erst für die Fähre um halb zehn vom Südpier eingeteilt waren und deshalb erst gegen halb neun los mussten. Nicht weit von der Frühstücksausgabe entfernt verkauften unsere Gastgeber frische Pfannkuchen, also reihte ich mich in die Schlange ein. Ich fragte sie, ob sie nicht ein bisschen Show veranstalten könnten, Pfannkuchen werfen und fangen und dergleichen. Das Mädchen hinter dem Plattenkocher meinte schlagfertig: „Pfannkuchen mit Show kostet zwei Euro.“ Die Hamburger gestern und die Pfannkuchen heute sind eine gute Idee: Der Verein bessert seine Kasse auf und die Wanderer fühlen sich wirklich willkommen.

Dann bauten wir in Ruhe unser Zelt ab und machten uns gegen viertel vor acht auf die Socken Richtung Südpier, von wo aus wir mit einem Rundfahrtschiff zum Nordpier gebracht werden sollten. Einer der Organisatoren versuchte, uns aufzuhalten, da wir erst für später eingeteilt waren, und „wenn jeder zu früh da ist, gibt es beim Pier so ein Chaos“. Da wir aber erst noch zum Supermarkt wollten, durften wir passieren. Zwei Leute gingen mit ihrem gesamten Gepäck zur Bushaltestelle, denn „die Beine wollen einfach nicht mehr“. Wir hatten inzwischen auch entdeckt, dass es nicht mehr besser wird, wenn der Wurm in Form von Blasen, offenen Stellen, Muskelschmerzen und dergleichen erst mal drin ist. Da man jeden Tag weiter muss, kann sich der Körper nicht wirklich erholen. Aber uns ging es noch gut, und darüber waren wir sehr froh.

Im Supermarkt deckten wir uns mit Semmeln, Muffins und anderen Kalorienspendern ein, da das Lunchpaket ja bekanntlich nicht reicht. Einige Leute fragten uns interessiert über die Route aus und erzählten uns, dass der Unfall im letzten Jahr gar nicht weit weg von diesem Einkaufszentrum passiert war und auch die Leute in IJmuiden ziemlich erschüttert hatte. Auf unserem heutigen Tageszettel wurden wir extra darauf hingewiesen, dass wir doch bitte den ersten Zebrastreifen benutzen sollten, an dem extra „Schülerlotsen“ für uns bereitstanden.

Bald hatten wir, natürlich wieder zu früh, den Südpier erreicht, und tatsächlich ging es dort recht chaotisch zu. Das lag aber nicht an uns, sondern daran, dass die Überfahrt vor unserem plötzlich voll war und ein paar Leute trotz Ticket nicht mitkonnten. Ihnen war dann ein Platz auf „unserer“ Fähre garantiert worden, doch nun würde sich das Problem wohl weiter nach hinten verlagern, da jeweils 125 Leute auf das Schiff passten und acht Fahrten geplant waren. Wie das Problem gelöst wurde, erfuhren wir allerdings nicht mehr.

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Während wir mal wieder in der Schlange standen, hatten wir genügend Unterhaltung, denn vor uns standen ein paar begnadete Geschichtenerzähler, die ein paar nette Schwänke von vergangenen Wanderungen zum Besten gaben. Bald kam das Schiff und wir setzten zum Nordpier über.

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Von dort aus war es nur ein kurzes Stück zum Strand, wo der Sand wieder angenehm hart war.

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Als es Zeit war für eine Mittagspause, setzten wir uns in den Schatten bei der Rettungsbrigade Heemskerk. Nach dem Essen wollten wir diverse Pflaster erneuern und fragten, ob wir uns zu diesem Zweck auf ihre Treppe setzen dürften, oder ob wir dann im Weg sitzen würden. Die netten Jungen brachten uns sofort einen Stuhl und fragten, ob wir selbst genug Pflaster dabei hatten oder ob wir noch welche benötigen würden. Wir hatten noch genug, aber wir fanden das Angebot sehr nett. Nachdem wir eine kleine Spende in ihrer Kasse zurückgelassen hatten, gingen wir weiter.

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Natürlich wurde der Sand wieder lockerer, und da die Flut kam, wurde das Stück Strand auch immer schmaler. Je mehr wir uns Egmond näherten, um so schwieriger wurde es, sich einen Weg durch all die Badegäste, Handtücher, Liegestühle uns Sandburgen zu bahnen, und das bei dem weichen Sand! Das letzte Stück war echt Schwerstarbeit. Zwei Mädchen kamen uns mit einer Schüssel entgegen, in der appetitlich angerichtete Melonenstücke lagen, ein Euro pro Stück – die Egmonder Jugend ist geschäftstüchtig. Auch wir bedienten uns und genossen die Erfrischung, bei diesen Temperaturen eine wahre Wohltat.

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Dann erreichten wir Pfahl 38 und steuerten als erstes die wohlbekannte Eisdiele an. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung zu Peters Bruder, wo wir einen sanitären Zwischenstopp einlegten (mal wieder etwas anderes als Dixiland) und ein Kaffeepäuschen machten. Wir verabredeten, dass wir in Ruhe unser Zelt aufbauen und dann gegen sechs Uhr zum Abendessen auf der Matte stehen würden.

Diesmal war unser Gepäck schon da, und schnell hatten wir das Zelt aufgebaut. Doch als ich vom Duschen zurückkam, konnte ich das Zelt auf einmal nicht mehr finden, mein T-shirt passte also, wie die Faust aufs Auge. Nachdem ich eine Weile ratlos durch die Gegend geschlurft war, wusste ich, dass ich mich von den zwei Aufgängen zum Vereinsgebäude hatte verwirren lassen. Trotzdem erschien mir das ganze Layout hier irgendwie unlogisch, keine Ahnung, warum.

Wir ließen das heutige Abendessen (Bratwurst mit Blumenkohl und Kartoffeln) ausfallen und machten uns auf den Weg zu Schwager und Schwägerin. Im Supermarkt um die Ecke mussten wir erst unsere Pflastervorräte aufstocken. So viele brauchen wir beim Radfahren nie. Bei unseren Gastgebern gab es Reis mit Krabben und Wokgemüse, eine angenehme Abwechslung. Über den Joghurt zum Nachtisch freuten wir uns besonders, denn den gab es auf den Campingplätzen logischerweise nicht.

Wir unterhielten uns gemütlich bis zum späten Abend, dann wurde es Zeit für uns, um zurück zu gehen. Unsere Gastgeber begleiteten uns zum Sportplatz, da sie auch einmal sehen wollten, wie es dort aussieht. Eigentlich sind Besuche nicht erwünscht, aber vom Eingang gucken dürfte wohl kein Problem sein. Als wir aufbrachen, spürte ich ein leichtes Ziehen im rechten Unterschenkel. Hoffentlich würde sich das bis zum nächsten Tag wieder geben.

Mitten in der Nacht musste ich mal raus. Das ist normalerweise kein Problem, aber auf diesem Platz hatte ich ernsthafte Orientierungsschwierigkeiten. Wie sollte ich im Dunkeln das Zelt wiederfinden? Das Handy mitnehmen und Peter im Notfall anrufen hatte keinen Sinn, denn sein Handy hing noch bei seinem Bruder an der Steckdose. Also weckte ich den Gatten und bat ihn, aus dem Zelt zu kommen und zu winken, wenn ich in einer Viertelstunde noch nicht zurück sein sollte. Unterwegs prägte ich mir einige Orientierungspunkte wie das riesige Familienzelt und einen Laternenpfahl an der Ecke ein und schaffte es tatsächlich, wieder zurück zu finden. Danach schlief ich problemlos bis zum nächsten Morgen.

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Strand6Daagse (Teil 4)

Dritter Tag: Noordwijk – IJmuiden (30 km)

 Da es heute heiß werden sollte, war das Frühstück eine Stunde vorverlegt worden. Sogar wir standen früher als normal auf und stellten uns an. „The same procedure as every day“, wir fingen an, uns an den Rhythmus zu gewöhnen.

Gegen halb acht gingen wir los zum Leuchtturm und von dort wieder an den Strand. Schon bald sahen wir die Hotels von Zandvoort aan Zee, die wie eine Festung an der Küste thronten. Dort würden wir etwas mehr als die Hälfte geschafft haben. Wie gestern und vorgestern am Vormittag war der Sand hart und das Laufen ging problemlos.

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Hin und wieder trafen wir auf Spaziergänger mit Hunden oder eine Gruppe Reiter. Gelegentlich mussten wir ein Stück Nacktbadestrand überqueren, aber zum Glück durften wir das in bekleidetem Zustand tun, sonst wäre das Ganze nämlich sher umständlich und zeitraubend geworden.

moewen strandreiter

Gegen Mittag erreichten wir Zandvoort und machten uns auf die Suche nach einem Restaurant, denn von dem Lunchpaket alleine wird man nicht satt. In einem Pfannkuchenrestaurant am Anfang der Promenade saßen schon einige Wanderer, und wir gesellten uns dazu. Mit ein paar alkoholfreien Bierchen wurde der Feuchtigkeitshaushalt wieder ausgeglichen, schließlich sollte man bei dieser Wanderung mindestens vier Liter pro Tag trinken. Peter hatte gehört, dass ein Herr wegen eines sonnenbrandartigen Ausschlags am Bein beim Erste-Hilfe-Zelt gewesen war. Dort wurde ihm erklärt, dass dies ein Anzeichen für Flüssigkeitsmangel sei, und dass er unbedingt mehr trinken müsse, da er sonst die nächsten Tage nicht schaffen würde. Das wollten wir auf gar keinen Fall!

Zum Essen gab es dicke, leckere Pfannkuchen mit Speck und Ananas, und so hatten wir die nötige Grundlage für die letzten Kilometer. Anstatt gleich auf den Strand zurück zu gehen, blieben wir bis Bloemendaal auf der Promenade, denn es tat gut, mal wieder auf anderem Untergrund zu gehen. Außerdem konnte man so die Badeurlauber, die sich inzwischen zahlreich eingefunden hatten, umgehen.

zandvoort

Dann gingen wir wieder zurück zum Strand, wo ich eine Weile barfuß durch das Wasser ging, um meine Füße abkühlen und wieder auf Normalgröße schrumpfen zu lassen. In der Ferne sah man inzwischen auch die Hochofen von Corus mit dem dazugehörigen Rauch, das Wahrzeichen von IJmuiden.

Gelegentlich liefen wir ein Stück mit anderen Wanderern, und so verging die Zeit ein bisschen schneller. Die Gespräche gestalteten sich meist wie folgt: „Wie geht es heute?“ – „Ganz gut.“ – „Läufst du zum erstem Mal?“ – „Ja.“ – „Ich zum dritten Mal. Der Sand ist heute gut, nicht wahr?“ – „Ja, sehr gut, kein Vergleich zu gestern Nachmittag.“

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Und so erreichten wir bald IJmuiden, wo wir den Strand wieder verließen. Beim Aufgang fand sich ein kleines Grüppchen, doch im Gegensatz zu gestern und vorgestern war diesmal keiner dabei, der sich auskannte, da dieses Jahr zum ersten Mal das Etappenziel nicht das fünf Kilometer nördlichere Velsen-Noord auf der anderen Seite des Nordseekanals, sondern eben IJmuiden war.

Der Grund für diese Änderung war wohl der Todesfall im letzten Jahr, bei dem ein Wanderer auf dem Weg zur Fähre unter einen Lastwagen gekommen war. Wir konnten uns gut vorstellen, wie so etwas passieren kann: Man muss durch ein Industriegebiet, um zur Fähre zu kommen und hat schon 30 Kilometer hinter sich. Man ist also müde und reagiert nicht mehr so schnell, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Dieser Unfall hatte die Einwohner von IJmuiden und natürlich auch die Wanderer ziemlich geschockt. Logisch, denn auch wenn man ihn nicht persönlich gekannt hatte, war er doch Teil der Gruppe, und vielleicht ist man ja ein Stück zusammen gegangen oder hat irgendwo im Nachbarzelt übernachtet. Auf jeden Fall sollte sich so etwas nicht wiederholen, und so übernachteten wir hier, und für den nächsten Tag wurde für uns eine Extrafähre organisiert, die uns vom Süd- zum Nordpier bringen würde, so dass wir nicht durch das Industriegebiet laufen mussten.

Ein paarmal mussten wir uns zum Sportplatz durchfragen, denn „IJmuiden ist groß“, wie uns eine Dame stolz erklärte. Doch nach einer Weile kamen wir an und wurden von dem Duft gebratener Hamburger und Zwiebeln empfangen. Der Sportverein IJmuiden hieß uns willkommen. Unser Gepäck war allerdings wieder noch nicht da. Wir werden noch richtig gut. Wir setzten uns in den Schatten und unterhielten uns mit anderen Wartenden. Einige beklagten sich, dass manche Leute fürchterlich schnarchten. Aber da diese sich in anderen Zelten befanden, konnte man wohl schlecht etwas dagegen machen. Wir kamen auf die Idee, ein „Snurkveldje“ (Schnarchfeld) einzurichten, für das man dann Leute nominieren konnte. Außerdem philosophierten wir über die verschieden Kombinationen von Zelten und Matratzen. Wie bringt man z. B. eine 50 cm hohe Luftmatratze für zwei Personen in ein winziges Quechua-Zelt? Alles schien hier möglich zu sein. Dann kamen die Lastwagen und wurden mit viel Brimborium ausgeladen.

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Dann ging ich duschen und machte auch gleich einen Termin bei einem der drei mitreisenden Sportmasseure, denn nach der ganzen Latscherei konnte man sich durchaus mal etwas Gutes tun. Auf der Ankündigungstafel stand, dass es heute um 16 Uhr zwei Schweigeminuten für die Insassen der abgestürzten Maschine MH 17 geben würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade in Zelt, aber es war tatsächlich sehr still auf dem Platz. Die Kirchenglocken, die anschließend läuteten, hörte man hier allerdings nicht.

Um 17 Uhr war es Zeit für meinen Massagetermin. Da ich keinen der drei Herren kannte, hatte ich mich einfach bei Ernesto in die Liste eingetragen. Ein freundlicher älterer Herr empfing mich und fragte: „Was kann ich für dich tun?“ – „Ich hätte gern die Beine massiert, wie man das im Fernsehen immer sieht, so bei den Fußballspielern vor der Verlängerung.“ Ich durfte auf der Liege Platz nehmen und dann wurden mir die Beine und Füße gründlich und fachkundig durchgeknetet. Dabei unterhielten wir uns eine Weile, und Ernesto fragte vorsichtig, wo ich denn ursprünglich herkomme, denn für einen Muttersprachler wäre mein Niederländisch nicht schlampig genug. Das ist doch mal ein nettes Kompliment. Nach der Massage hüpfte ich zwar noch nicht wie eine Gazelle durch die Gegend, aber die Beinmuskulatur war deutlich gelockert.

Der Held der Fußkranken war dieses Jahr ein gewisser Jean-Pierre, der in einem Zelt mit belgischer Flagge übernachtete und dort zahlreiche kleinere Verletzungen behandelte. Ich habe ihn nicht persönlich kennengelernt, doch sein Name wurde regelmäßig mit einer gewissen Ehrfurcht ausgesprochen. So hörte Peter, dass eine Frau die Wanderung abbrechen wollte, doch sie wollte sich unbedingt noch von Jean-Pierre verabschieden.

Dann wurde es Zeit zum Abendessen, heute Endivieneintopf mit Rauchwurst und viel Soße. Die Jungen an der Essensausgabe häuften uns einen Berg Eintopf auf den Teller, und bohren mit dem gefüllten Schöpflöffel fachkundig ein Loch, das sie mit derselben fließenden Bewegung mit Soße füllten. Zu ihrer Empörung schlugen wir die Orange allerdings diesmal aus.

In der Schlange vor der Essensausgabe vernahmen wir, dass der Kaffee und die Mahlzeiten in Den Helder zubereitet und mit einem Lastwagen zum jeweiligen Etappenziel gebracht wurden. Sie waren also jeden Tag ein bisschen wärmer. An den ersten zwei Tagen hatten Peter und ich noch fröhlich spekuliert, was es diesmal wohl geben würde, doch die Veteranen verdarben uns bald den Ratespaß: Das Menü ist jedes Jahr dasselbe.

Wir setzten uns auf den wunderbar weichen Rasen, genossen unser Essen und lauschten der Musik aus den Lautsprechern: Heb je even voor mij, Zelfs je naam is mooi, Het is een nacht und vieles andere, niederländisches Kulturgut pur also. Dann gingen wir schlafen, denn morgen würde es sicher wieder anstrengend werden.

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