Eine andere Kindheit und Jugend

Vor einigen Jahren, als meine Neffen noch sehr klein waren, hatte meine Schwiegermutter ein paar Kinderbücher vom Dachboden geholt, in denen ich interessiert blätterte. Meine Schwägerin fragte: „Ach, liest du Pinkeltje mal wieder?“ Wieso „mal wieder“? Für mich waren diese Geschichten Neuland. Wieder einmal wurde mir klar, dass ich viele Erinnerungen, die für meine Altersgenossen hier in den Niederlanden Gemeingut sind, nicht teile. An ihrer Stelle stehen andere, die mich für immer mit meinen Freunden aus der alten Heimat verbinden.

Alexandra von buurtaal geht es ähnlich, und da wir ungefähr gleich alt sind und sie im selben Jahr nach Deutschland zog, in dem ich in den Niederlanden ansässig wurde, entstand die Idee,  zu diesem Thema ein Doppelprojekt( die Niederländer haben dafür das schöne Wort „tweeluik“) zu machen. Sie schreibt über ihre Kindheit und Jugend in den Niederlanden, also über das Stück, das mir hier fehlt, und ich schreibe über meine deutsche Kindheit und Jugend, von der Geburt bis zum Ende der Schulzeit mit 18 bzw. 19 Jahren. Da ich noch etwas verfrüht finde,  meine Memoiren zu schreiben, greife ich nur ein paar Aspekte heraus, von denen ich denke, dass sie für deutsche Kinder meiner Generation typisch waren.

Als ich noch klein war…

An meine Kleinkinderzeit erinnere ich mich vor allem bruchstückhaft und anhand von Erzählungen und Fotos. Mein Vater ging anscheinend gern mit mir im Kinderwagen spazieren, was für Männer in dieser Zeit eher untypisch war. Meine Mutter saß mit mir im Garten bei Oma und wir pflückten Blumen. Ich ging gern in die Badewanne, was auch heute noch so ist.

Umständehalber verbrachte ich auch viel Zeit bei meinen Großeltern. Opa las mir die Kinderbuchserie von Gertrud Keussen über die beiden Zwerge Puk und Pat, das arme Einöhrchen (ein Kaninchen, das ein Ohr verloren hatte) und den Raben vom Felsenberg vor. Später kamen auch die Wilhelm-Busch-Klassiker „Max und Moritz“ und (zu Omas Entsetzen) „Die fromme Helene“ hinzu. Außerdem lernte ich von ihm das Zählen, die Uhr, die ersten Buchstaben und – mit weniger Erfolg – das Schuhezubinden. Oma brachte mir das Backen bei, und ich durfte beim Marmeladeeinkochen helfen.

schreiben

Anscheinend zeichnete sich mein heutiger Beruf schon früh ab

Der Kindergarten in München war grauenhaft, der in Erding, wo wir später hinzogen, war okay. Dort lernte ich die Pumuckl-Hörspiele von Ellis Kaut kennen und lieben. Nach und  nach bekamen wir die ganze Schallplattensammlung zusammen, die sich jetzt bei meinem Bruder befindet. Schließlich soll meine kleine Nichte ja nicht ohne Pumuckl aufwachsen.

Schulzeit

In Deutschland wird man in der Regel mit sechs Jahren eingeschult. Der erste Schultag ist sehr wichtig, die Zeit des sorglosen Spielens ist vorbei und der Ernst des Lebens beginnt. Um diesen Schritt etwas zu versüßen, erhalten die Kinder eine Schultüte mit Süßigkeiten und anderen Kleinigkeiten, die man in der Schule halt so braucht – Malstifte, Bastelzeugs und dergleichen. An diesem Tag lernte ich auch Silvia kennen, die Jahre später meine beste Freundin wurde. Diese Freundschaft besteht übrigens immer noch! Die Grundschule war für mich ganz in Ordnung, mal abgesehen vom Sportunterricht, der mir schon damals ein Graus war, und der Schriftnote, die mir mit schöner Regelmäßigkeit das Zeugnis versaute.

schultuete

Der Ernst des Lebens fängt an

Nach der vierten Klasse – wir waren damals zehn – wechselten wir auf das Gymnasium, wo wir uns gemeinsam bis zum Abitur durchkämpften. Unser „Gymmi“ hatte zwei Zweige im Angebot, den naturwissenschaftlich-mathematischen und den neusprachlichen. Bei mir wurde es letzterer (wundert das jemanden?), was mir die Fremdsprachen Englisch, Latein und Französisch bescherte. In Englisch war ich gut, Latein ging so und ich hielt tapfer bis zum Latinum durch, und mit Französisch konnte ich mich nicht anfreunden. Im Nachhinein war es aber gut, beide Sprachen gehabt zu haben, da sie Voraussetzung für das Anglistik-Studium sind.

In der siebten und achten Klasse fuhr man bei uns im Winter eine Woche ins Skilager, wir waren ja schließlich nah genug an den Alpen. Bei mir funktionierte das Ganze eher nach dem Motto „Runter kommt man immer“, aber nett war es schon. In der Zehnten fuhren wir auf Klassenfahrt nach Berlin (näheres siehe unter „Geteiltes Deutschland“) und in der Elften ging es nach Rom. Das bedeutete natürlich eine Menge Kultur, viel Wein, wenig Schlaf und den absoluten Höhepunkt auf der Rückfahrt: Unser Klassenlehrer schaffte es irgendwie, die Notbremse zu ziehen, so dass wir  mitten in der Nacht mit einem gewaltigen Ruck in den Feldern vor Florenz zum Stehen kamen. Dank der Eloquenz einer anderen Lehrerin, die fließend Italienisch sprach, kam er um eine Geldstrafe herum.

forumromanum

Forum Romanum

Vor einiger Zeit hatten wir zum 25jährigen Jubiläum ein Treffen unseres Abi-Jahrgangs. Natürlich besuchten wir auch das Schulgebäude, das mir jetzt um einiges kleiner vorkam. Interessant war auch, dass sich beim gemeinsamen Abendessen wieder dieselben Gruppen bildeten wie zu Schulzeiten, auch wenn ich einige Leute schon viele Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Geteiltes Deutschland

Bevor ich zu Büchern, Musik und dergleichen komme, erst noch ein Exkurs in die politische Situation. Damals bestand Deutschland noch aus zwei Teilen, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Irgendwo in der Rhön und bei Travemünde hörte für uns Kinder  die Welt auf, und was hinter dem Grenzstreifen mit seinen Wachtürmen, dem „Eisernen Vorhang“ lag, wussten wir nicht genau. Ich habe zwar Verwandtschaft in Thüringen, aber der Kontakt lief vor allem über meine Großeltern und deren Geschwister, die damals gelegentlich zu Besuch kamen. Außerdem erinnere ich mich an die Weihnachtspakete, die wir damals „nach drüben“ schickten, mit Plätzchen, Stollen, Schokolade, Kaffee und anderen Dingen, die damals dort schwer zu bekommen waren. Man musste eine genaue Aufstellung des Inhalts beilegen, und Bücher oder Zeitschriften waren nicht erlaubt. Wir bekamen ebenfalls Pakete zurück, und obwohl die „Ost-Süßigkeiten“  nicht besonders lecker waren, wussten wir die Geste zu schätzen. Gelegentlich schrieben meine Großcousine und ich uns einen Brief, aber das schlief recht schnell ein, da wir beide zu einer gewissen Schreibfaulheit neigten.

Als ich sechzehn war, fuhren wir auf Klassenfahrt in das damals noch geteilte Berlin. Zu diesem Zweck mussten wir uns einen Reisepass zulegen und bekamen genaue Instruktionen, wie wir uns bei den Grenzkontrollen zu verhalten hatten, schließlich waren die ostdeutschen Zollbeamten nicht gerade für ihre höfliche und zuvorkommende Art bekannt. Wir absolvierten das übliche Programm: Stadtrundfahrt, Kurfürstendamm, diverse Museen und ein Tag in Ostberlin.  Im Vorfeld hatte man uns gründlich eingeimpft, was wir zu tun und zu lassen hatten, und nachdem wir am Bahnhof Friedrichstrasse die Grenze passiert hatten, waren wir entsprechend eingeschüchtert. Auch an die geballte Unfreundlichkeit, mit der man uns Wessis dort begegnete, erinnere ich mich noch. Und heute kann ich verstehen, dass unsere Klassenlehrerin damals wohl Blut geschwitzt haben muss und mit uns undiszipliniertem Haufen lieber woanders hingefahren wäre.

Umweltschutz und Friedensbewegung

Sicher hat mich auch das politische Klima der 80er Jahre geprägt. 1982 wurde Helmut Kohl Bundeskanzler, und er sollte den Platz erst sechzehn Jahre später, als ich schon in den Niederlanden wohnte, wieder räumen. Ich brauchte damals eine ganze Weile, um mich daran zu gewöhnen, dass der Bundeskanzler nicht mehr Kohl hieß.

Im selben Jahr (1982) kamen auch die Grünen zum ersten Mal in den deutschen Bundestag, und das Drei-Parteien-System aus CDU/CSU, SPD und FDP war durchbrochen. Themen wie das Waldsterben, die Endlichkeit der fossilen Rohstoffvorräte und der Verdacht, dass Kernenergie wohl doch keine richtig saubere und sichere Lösung ist (was durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 eindrucksvoll bestätigt wurde), erhielten einen Platz auf der politischen Agenda. Auch wir versuchten, mit unseren bescheidenen Mitteln die Erde zu retten: Wir schrieben auf Umweltschutzpapier, boykottierten Plastiktüten, kauften in Umweltläden ein und Autofahren konnten wir ja sowieso noch nicht. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir damals auf dem Gebiet von Umweltschutz weiter waren als heute.

Auch der kalte Krieg und das Wettrüsten waren ständig Thema, was ja auch kein Wunder ist, wenn die Grenze zwischen den beiden Großmächten das Land, in dem man lebt, in zwei Stücke gehackt hat. Das hat natürlich auch Einfluss auch Literatur, Kunst und Musik.

 Das „Bayern-Eins-Trauma“, die Neue Deutsche Welle und sonstiges Musikalisches

Was ich „ganz früher“ an Musik mitgekriegt habe, weiß ich eigentlich nicht mehr so genau, die Schlager der früher 70er gingen irgendwie an mir vorbei, was im Nachhinein vielleicht nicht das Schlechteste war. Aber an den Radiosender „Bayern Eins“, den mein Vater beim sonntäglichen Mittagessen immer hört, erinnere ich mich noch gut – bayerische Volksmusik vom Feinsten! Meine Freundinnen litten genauso darunter wie ich, vermutlich wurde da eine ganze Generation traumatisiert.

Irgendwann fand ich, wie damals wohl fast jeder, Abba toll und hatte einige Alben von ihnen. Anders als die meisten anderen fand ich damals schon Frida besser als Agneta, und vor einigen Jahren wurde mir mal wieder klar, wie schön eigentlich das Lied „When All Is Said And Done“ ist.

Auch die Neue Deutsche Welle (Anfang der 80er) schwappte an mir nicht spurlos vorüber – Trio mit ihrem eintönigen „Da Da Da“, Nena und die 99 Luftballons, Peter Schilling, der völlig losgelöst durch die Gegend schwebte und – nicht wirklich typisch NDW – die Spider Murphy Gang und die Münchner Freiheit. So ganz ohne Lokalpatriotismus geht es halt doch nicht. Und Falcos Lied „Jeanny“ stand ja damals beim Bayerischen Rundfunk auf dem Index, da es die Entführung eines Mädchens aus der Sicht des Täters erzählte. Es wurde im Radio nicht gespielt, stand aber sehr lange auf Platz Eins der Hitparade am Freitagabend. Kein Wunder, jeder wollte das Lied natürlich haben. Auch ich überspielte es mir von einer Freundin (so machte man das damals), zusammen mit der Frank-Zander-Parodie.

Da ja irgendwann bei mir  das Interesse für Friedensbewegung und Umweltschutz erwachte, entwickelten sich auch meine musikalischen Vorlieben in diese Richtung und ich entdeckte die Liedermacher (auf gut Niederländisch „Singer-Songwriter“) Reinhard Mey, Hannes Wader, Konstantin Wecker, Bettina Wegener und andere. In dieser Zeit lernte ich auch ein bisschen Gitarre spielen, aber an Reinhard Meys Zupfmuster (dem sogenannten Mey-Zupfing) bin ich grandios gescheitert. Mir ist heute noch ein Rätsel, wie man das hinkriegt, ohne sich die Finger komplett zu verknoten. Manchmal überlege ich, ob ich meine Gitarre mal wieder vom Speicher holen, entstauben und loslegen sollte, aber ich bezweifle, ob das in diesem Leben noch was wird.

Film und Fernsehen – natürlich auf Deutsch

Während man in den Niederlanden Filme und Fernsehserien (vom Kinderprogramm abgesehen) im Original mit Untertiteln ausstrahlt, wird in Deutschland fast alles nachsynchronisiert. Bei Kinderserien wie „Wickie und die starken Männer“ oder „Biene Maja“ fiel das natürlich nicht weiter auf, aber auch bei den ganzen anderen Serien wie „Bonanza“, „Unsere kleine Farm“ etc. fanden wir es nie merkwürdig, dass man in den tiefsten USA Deutsch spricht. Was denn sonst, wir kannten es ja nicht anders.

Auch in unserem Kleinstadtkino gab es keine Filme im fremdsprachigen Original, dafür musste man nach München fahren, was für ca. 15jährige noch eine ziemliche Expedition war. Aber was tut man nicht alles.

Irgendwann fiel mir natürlich auf, dass gelegentlich ein Sprecher verschiedene Schauspieler synchronisiert, oder dass der Sprecher eines Schauspielers aus irgendwelche Gründen ausgetauscht wird. Und es fing an zu nerven, dass die Dialoge nicht lippensynchron sind.

Als ich mir später alles Mögliche im Original zu Gemüte führte, wunderte ich mich öfter, wie anders die echten Stimmen der Schauspieler oft klingen. Die deutsche Stimme von „Alf“ finde ich immer noch sympathischer als das Original.

 Leseratte

Ich hatte mir ja schon immer gern vorlesen lassen, und sobald ich lesen konnte, waren Bücher mein Ein und Alles. Unzählige Nachmittage verbrachte ich auf dem Wohnzimmersofa oder auf dem Teppich vor der Balkontür meines Zimmers, und zahllose Nächte lag ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, weil ich einfach wissen wollte, wie es weitergeht.  Ottfried Preussler, Astrid Lindgren, Enid Blyton, später Karl May, Michael Ende, mir gefiel vieles.

Eine Zeitlang hatte ich Reitunterricht, und in dieser Phase verschlang ich alles, was irgendwie mit Pferden zu tun hatte, von den typischen Serien „Mädchen mit Pferd“ bis zu Fachbüchern über Pferdehaltung (zu meiner Enttäuschung wollten meine Eltern das Wohnzimmer nicht zu einem Pferdestall umbauen) und einem Wälzer über Pferdekrankheiten, da ich damals noch Tierärztin werden wollte.

Später las ich neben der Pflichtlektüre in der Schule auch viel über die deutsche Vergangenheit, vor allem das Dritte Reich und die Judenverfolgung, Autobiografien und Romane mit sozialpolitischem Hintergrund, Entwicklungshilfe, Jugendliche mit Problemen (z.B. Christiane F.) etc. Damals wollten wir ja noch die Welt retten.

Schon früh entdeckte ich meine Leidenschaft für Krimis und Spukgeschichten, die mich heute noch begleitet. Wundert es jemanden, dass der Schauerroman des 18. und 19. Jahrhunderts später einer meiner Studienschwerpunkte war?

Zu guter Letzt: Reisen und Fernweh

Während meine Schulfreundinnen in den Ferien mit schöner Regelmäßigkeit mit ihren Eltern in den sonnigen Süden (Italien, Spanien, Jugoslawien) oder den hohen Norden (Schweden, Norwegen) gondelten, waren meine Eltern eher heimatverbunden. Das Ausland war ihnen nicht so ganz geheuer, also fuhren wir im Urlaub abwechselnd in die Berge oder an die Nord- oder Ostsee. Meine Liebe zum Meer stammt noch aus der Zeit.

meer

Urlaub am Meer

Und aus irgendwelchen Gründen zog es mich nach England, vermutlich wegen der Enid-Blyton-Romantik. Nach einem absolut genialen Urlaub mit einer guten Freundin und Namensvetterin in England und Schottland war es klar – dieses Land sollte mich nicht mehr loslassen. Und es war diese Faszination, die mich auf Umwegen in die Niederlande geführt hat – aber das ist eine andere Geschichte.

Kategorien: Ganz "normaler" Alltag, Typisch Nederlands - typisch deutsch (?) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Stolpersteine in Enschede

Zur niederländischen Version

Dieses Mal schreibe ich über ein ernsthaftes Thema, das mich schon eine ganze Weile beschäftigt, nämlich die Stolpersteine. Ich schiebe dieses Thema schon gut zwei Jahre vor mir her, denn ich möchte ihm die Aufmerksamkeit widmen, die es verdient. Aber der 9. November, der Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 ist wohl ein guter Moment, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen, so dass es nicht in Vergessenheit gerät.

Die Idee der Stolpersteine stammt von Gunter Demnig. Er lässt diese Gedenksteine auf dem Gehweg vor den Häusern der Menschen anbringen, die von den Nazis deportiert, ermordet, vertrieben oder zum Selbstmord gezwungen worden waren. Er nennt diese Steine Stolpersteine, da man wortwörtlich darüber stolpert und man sich herunterbeugen muss, um die Texte lesen zu können. Und was wohl am Wichtigsten ist, ein Mensch ist erst dann wirklich vergessen, wenn man seinen Namen vergessen hat.  Die Steine werden vor der letzten freiwillig ausgewählten Adresse der Opfer niedergelegt. In den Niederlanden wurden die ersten Steine am 29. November 2007 in Borne gelegt.

Sehr lange tat Gunter Demnig das selbst, aber wegen der großen Nachfrage lässt er sich inzwischen von einem Team unterstützen. Die ersten Steine in einer Gemeinde legt er grundsätzlich selbst, aber in manchen Ortschaften, wie z. B. auch in Enschede, werden sie inzwischen von Straßenarbeitern, die bei der Stadt angestellt sind, gelegt. Diese werden natürlich entsprechend ausgebildet und betreut, so dass sie dies mit dem notwendigen Respekt tun.

stolpersteine

Da der Bürgersteig Eigentum der Gemeinde, also öffentlicher Raum ist, ist es notwendig, die richtigen Genehmigungen anzufordern, wobei die Gemeinde Enschede das Projekt nach Kräften unterstützt. Außerdem ist es notwendig, die Eigentümer der Häuser, vor denen die Steine gelegt werden, und die übrigen Anwohner zu informieren. Dies geschieht durch Gespräche und Informationstreffen für alle Interessieren. Es ist wichtig, dass sie das Projekt mittragen, was meistens auch der Fall ist.

Außerdem wird die Geschichte der Opfer (Juden und Nicht-Juden) erforscht. Ihre Daten (Name, Geburtsdatum, Deportation, Ort und Datum ihres Todes) müssen sorgfältig überprüft werden. Auch versucht man, immer die richtige Bezeichnung zu wählen, wie das Opfer sein Ende gefunden hat (ermordet, hingerichtet, verschwunden etc.). Es geht schließlich um ein sehr sensibles Thema, also ist es wichtig, dass die Information auf dem Stein richtig ist. Dies erfordert genaue Nachforschung in Bevölkerungsregistern und Archiven, und manchmal widersprechen einige Quellen einander.

stolperstein

Auch andere Aspekte spielen eine Rolle: Manchmal gibt es die Häuser dort nicht mehr, oder der Straßenverlauf wurde geändert.  Wo legt man dann den Stein?

Natürlich müssen auch die Hinterbliebenen kontaktiert werden, denn es ist wichtig, dass auch sie hinter der Legung eines Steins stehen.

Vor einer solchen Legung findet in Enschede immer eine Zeremonie statt, zu der die Hinterbliebenen eingeladen werden.  Ich durfte am ersten April 2014 dabei sein und war sehr beeindruckt.

Nach dem Willkommenswort und einer Erklärung zu den Hintergründen der Stolpersteine in Enschede von Bert Cras, Vorsitzender von Levend Verleden Oost-Nederland, und einer Rede des damaligen Bürgermeisters Peter den Oudsten trug einer der Hinterbliebenen das Gedicht „De laatste tocht“ vor.

Ein wichtiger Teil dieser Zeremonie ist es, dass die Namen der Menschen, für die die Steine gelegt werden, genannt werden. Aber es geht hier nicht nur um das Nennen der Namen, es wird auch immer eine kurze Geschichte über den Betreffenden erzählt: Sein oder ihr Hintergrund, Beruf, Familienstand, womit er oder sie sich sonst noch beschäftigt hat und natürlich, was über sein oder ihr Ende bekannt ist.  So wird noch einmal deutlich gemacht, dass es nicht um eine unbestimmte Gruppe geht, sondern dass, wie Bürgermeistern Ten Oudsten sagte, „hinter jedem Namen ein Mensch mit seiner eigenen Freude, Trauer, Familie und Karriere steht“. Hilde Agterbos und Suzanne Spenkelink führten diesen Teil mit Würde und Respekt durch.

Musikalisch wurde die Zeremonie von der Klezmerband Kozmozh umrahmt, und es wurden Gebete und Betrachtungen von Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen ausgesprochen. Rabbi Elijahoe Philipson betete den Kaddisch für die Trauernden. Dies ist nur möglich, wenn ein Minjan, eine Gruppe von minimal zehn im religiösen Sinne erwachsener jüdischer Männer, die also 13 Jahre oder älter sind, anwesend ist.

Margriet Meijling-Togtema, Vertreterin der humanistischen Bewegung, sprach über das Unrecht, das zu groß für Worte ist.  Sie betonte, wie wichtig es ist, dies nicht zu verschweigen und die Namen nicht zu vergessen. Dazu leisten die Stolpersteine einen großen Beitrag.

Die protestantische Pfarrerin Ellen Zonneveld erzählte vom Schicksal des Pfarrers Nanne Zwiep, für den im Thorbeckelaan 20 ein Stein gelegt wurde. Am 19. April 1942 sprach er sich in seiner sonntäglichen Predigt gegen den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung aus. Am nächsten Tag wurde er verhaftet und über Arnhem und Amersfoort ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er am 24. November 1942 starb.

Der katholische Pfarrer André Monninkhof erzählte über Kaplan Regnerus Aloysius de Hosson der Jacobuskirche in Enschede. Er setzte sich für untergetauchte Juden ein und wurde dafür am 31. Oktober 1944 in Gronau erschossen. Sein Stein liegt nun in der Langestraat 51 vor dem Pfarrhaus der Jacobuskirche. Pastor Monninkhof umschrieb es als eine Ehre, jetzt selbst dort wohnen zu dürfen.

pastorie stolpersteinpastorie

Es war eine sehr stimmungsvolle und beeindruckende Zeremonie.

Die Stolpersteine sind jedoch nicht unumstritten. Gegner finden es z. B. nicht gut, dass man praktisch über die Opfer hinwegläuft und so praktisch noch einmal auf ihnen herumtrampelt. Darum dürfen z. B. in München keine Steine gelegt werden.

Ich selbst finde das Konzept gut, denn wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, sieht man sie überall und hält kurz inne bei dem, was damals geschehen ist, auch wenn es nur in Gedanken ist.  Man stolpert, wie Demnig selbst sagt, nicht wörtlich mit seinen Füßen, sondern „mit dem Kopf und mit dem Herzen“.

Ein herzliches Dankeschön an Suzanne Spenkelink und Hilde Agterbos für die Informationen und Ergänzungen.

Weitere Informationen über die Stolpersteine und die Möglichkeiten, dieses Projekt zu unterstützen, finden Sie hier:  www.levendverledenoostnederland.nl.

Kategorien: Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , , | 2 Kommentare

Lebenszeichen

Es ist ja jetzt schon eine Weile etwas ruhiger hier, und vielleicht hat sich der eine oder andere schon gefragt, wo ich denn abgeblieben bin. Ich kann euch beruhigen, es geht mir gut. Weder wurde ich von Seehunden gefressen, noch habe ich mich dauerhaft auf dem Pieterpad verlaufen oder ist mir die Inspiration ausgegangen. Nein, es ist einfach mal wieder schnöder Zeitmangel aus unterschiedlichen Gründen.

Für den Gästeführerkurs in der Synagoge muss ich einiges lernen, aber die erste Hürde habe ich inzwischen geschafft: Eine 10-Minuten-Führung zu einem Thema (in meinem Fall die Südostwand in der Großen Schul mit dem Heiligen Schrein und einigen interessanten Mosaiken und Bleiglasfenstern), die von unseren Ausbildern und unserer Lerngruppe bewertet wurde. Selbstverständlich bin ich vor Lampenfieber fast gestorben, aber ich habe es geschafft. Das Feedback war gut, und ich hoffe nicht, dass mir demnächst mitgeteilt wird, dass ich mir besser ein anderes Hobby suchen soll. Ich werde aber heute darum bitten, die erste „richtige“ Führung erst im neuen Jahr machen zu dürfen, denn es gibt noch eine andere Sache, die gerade viel Zeit kostet.

Wir haben letzten Montag den Schlüssel zu unserer neuen Bleibe bekommen. Das Haus ist ungefähr 30 – 40 Meter von unserem jetzigen entfernt (je nachdem, bei welcher Tür man hinein möchte), und es hat einen Anbau im Erdgeschoss, den ich als Unterrichtsraum / Büro nutzen möchte.

Neue BleibeUnterrichtsraum

Und wie es halt so ist, muss einiges gemacht werden: Ein paar Sachen umbauen, eine Menge subermachen und streichen usw. Gestern haben wir das Pflaumenbäumchen, das ich von einem ehemaligen Auftraggeber zum Abschied bekommen habe, sowie einige Brombeer- und Himbeersetzlinge in unseren neuen Garten gebracht. Dass man so nah dran wohnt, ist sehr praktisch, da man so auch zwischendurch einigen Kleinkram erledigen kann.

Außerdem kann ich mich zur Zeit nicht über Auftragsmangel beklagen, und das ist auch gut so. Irgendwo muss ja das Geld, das jetzt mit schöner Regelmäßigkeit in den Baumarkt wandert, ja herkommen. Dazu kommt noch mein Berufsblog, das gepflegt werden möchte, und die Website einer Sprachenschule im Norden der Niederlande, für die ich seit Kurzem regelmäßig schreibe, und zwar über alles, was irgendwie mit Sprache, Literatur, Kunst und Kultur zu tun hat. So kriege ich sogar ein bisschen Geld für mein Hobby, aber all das frisst natürlich Zeit, im Moment leider auf Kosten des Grenzwanderers.

Aber keine Angst, es liegen noch ein paar Sachen „auf Halde“, und wenn ich wieder etwas Luft habe, hört ihr wieder öfter von mir. Einige Pleiten, Pech und Pannen bei Renovierung und Umzug wird es mit Sicherheit auch geben. Man liest sich.

Kategorien: Ganz "normaler" Alltag, Was nirgends reinpasst / Wat verder nergens past | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

Neues aus der Synagoge oder: So entstehen Gerüchte

Wie man vielleicht mitgekriegt hat, bin ich ja vor einiger Zeit in einem Anfall von Größenwahn auf die Idee gekommen, Gästeführerin in unserer Synagoge zu werden. Hier ein kurzes Update:

Vor den Sommerferien haben der Gatte und ich Teil eins des Kurses abgeschlossen, in dem wir einen Überblick über die Räume erhielten und instruiert wurden, was man am Empfang alles beachten muss. Inzwischen hat Teil zwei angefangen, und hier hat man mich eigentlich bei der deutschsprachigen Gruppe eingeteilt, und Peter bei der niederländischsprachigen. Aber, Streber die wir sind, versuchen wir wenn möglich, zu beiden Treffen zu gehen, denn doppelt hält besser. Außerdem schauen wir, so oft es sich zeitlich einrichten lässt, den erfahrenen Kollegen über die Schulter. Im November muss jeder von uns eine „Mini-Führung“ für seine Lerngruppe geben, für die uns – hoffentlich bald – ein Raum zugewiesen wird.

Es gibt Phasen, da denke ich: Das muss gehen, inzwischen habe ich mir doch einiges über das Gebäude, das Judentum und die Geschichte der Juden in unserer Stadt angeeignet. Aber dann denke ich wieder: Hilfeeee, worauf hab ich mich da bloß eingelassen. Was waren auch wieder die Kennzeichen der Amsterdamer Schule, wann genau hat Architekt Karel de Bazel gelebt, und welcher der diversen Menkos hat die Synagoge in Auftrag gegeben? Vor allem die Jahreszahlen sind ein echtes Problem, da muss ich mir noch einen geeigneten Spickzettel basteln.

Vor kurzem hatten wir wieder ein Treffen, und da wurde ich Zeuge, wie mehr oder weniger absurde Gerüchte entstehen können. Diesem Treffen war eine Führung für einen Landfrauenverein vorausgegangen, bei der ich leider nicht anwesend war, aber das „Nachspiel“ hatte genug Unterhaltungswert.

Wir sprachen gerade darüber, wo und wie man am Besten mit der Führung anfängt, als unser Judentums-Experte zu unserem Tisch kam: „Ich habe gerade von einigen aus der Gruppe gehört, dass man die Thorarolle in die Mikwe (das rituelle Bad) taucht, bevor der Name Gottes an den fehlenden Stellen eingetragen wird. Ich schließe nicht aus, dass es irgendwo Gruppen gibt, die so etwas machen, aber ich habe davon bisher noch nie etwas gehört. Leute, denkt dran, wenn ihr nicht ganz sicher seid, dass so etwas stimmt, erzählt es bitte nicht in der Führung.“

Unser Ausbilder, der die Führung gegeben hatte, und die beiden Mitstudentinnen, die dabei gewesen waren, waren völlig perplex. Niemand hatte etwas derartiges behauptet! Nach und nach rekonstruierten sie den Hergang. Was wohl stimmt, und auch bei jeder Führung erzählt wird, ist, dass die Thorarolle, die die fünf Bücher Mose enthält, mit der Hand beschrieben wird, und dass beim Namen Gottes keine Fehler gemacht werden dürfen. Darum werden die Stellen freigelassen, und der Sofer (Schreiber) trägt sie zum Schluss nach. Bevor er das tut, wäscht er sich rituell die Hände. Kurz danach wies der Gästeführer darauf hin, dass unsere Synagoge auch eine Mikwe hat. Wegen der Hitze hatten einige aus dem Publikum nicht ganz aufmerksam zugehört und die Funktion des Tauchbades fröhlich mit dem Schreiben der Thora zusammengeschmissen.

Das kann also auch bei einer Führung passieren.

Kategorien: Ganz "normaler" Alltag, Literarisches und Kulturelles, Steckenpferde / stokpaardjes | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Nordostengland und Borders 2016 – Teil 1

Irgendwas ist immer – Nordostengland und die Borders, 5. Juni – 1. Juli 2016

Wie immer begann unser Urlaub schon lange vorher mit dem Schmieden und Verwerfen von Plänen. Mit dem Auto nach Irland und dann einen Wander- und Kultururlaub machen? Nee, Auto ist irgendwie doof, das können wir noch machen, wenn wir zu tattrig zum Radeln sind. Dann Englands Südwesten mit dem Rad, also Stonhenge, Avebury, Glastonbury, Winchester usw.? Na ja, irgendwie ist alles zu nah an London, zu viele Straßen und zu viel Verkehr. Aber irgendwann mussten wir mal Nägel mit Köpfen machen, und so beschlossen wir, dort weiter zu fahren, wo wir vor drei Jahren aufgehört hatten, nämlich in Hull, von dort aus Richtung Edinburgh und über Newcastle wieder zurück zu fahren. Am Anfang ging auch wirklich alles wunderbar, aber schon nach ein paar Tagen kristallisierte sich unser Urlaubsmotto deutlich heraus: „Irgendwas ist immer“.

Frühstücksbrett "Irgendwas ist immer"

… und manchmal geht (bzw. fährt) der Weg sich wie von selbst (Nils Koppruch, “Kirschen”)

Am Sonntag ging es los. Wir mussten zwar erst gegen 19.00 Uhr beim Terminal in Maassluis sein, aber die tiefverwurzelte Angst, die Fähre zu verpassen, ließ uns doch schon am späten Vormittag aufbrechen. Bevor wir losfuhren, musste Peter allerdings erst seinen Fahrradschlüssel suchen, der sich irgendwie ins Schlafzimmer verirrt hatte. Trotzdem kamen wir pünktlich weg.

Wegen Gleisarbeiten konnten wir nicht bis Rotterdam durchfahren, sondern mussten in Utrecht umsteigen. Dabei hätte ich fast eine Vordertasche (die mit dem Übernachtungskram für die Fähre) vergessen, da wir die Räder teilweise abgepackt hatten. Zum Glück hatte der Zug eine Weile Aufenthalt, und eine Radfahrerin, die eingestiegen und unseren Platz eingenommen hatte, rannte mir hinterher und brachte mir die Tasche. Oh Mann, nicht auszudenken, wenn der Zug mit meinem Nachtzeug von dannen gefahren wäre, das wäre schon etwas doof gewesen.

Das Umsteigen in Rotterdam war schon immer eine problemlose Angelegenheit. Früher konnte man gemütlich mit einem uralten scheppernden Lastenaufzug nach oben und unten tuckern, und heute hat man schicke, geräumige Glaslifte. Während wir auf den Zug nach Hoek van Holland warteten, fotografierte Peter mein Rad von unten durch die durchscheinende Decke zwischen Bahnsteig und Untergeschoss.

Rad von unten

Gerade, als sich die Zugtüren schlossen, sprang eine Frau noch in den Zug. Ihr Mann schaffte es allerdings nicht mehr, worüber sie etwas angefressen war. Während sie den Zugbegleiter suchte, um sich zu beschweren, entspannen sich in unserem Wagen sofort angeregte Gespräche, wie lange so ein Zug in solchen Fällen warten muss, wo wir denn hin wollten, und Radfahren im Allgemeinen.

In Maassluis stiegen wir aus und fuhren mit der Fähre über den „Nieuwe Waterweg“ nach Rozenburg, wo wir erst mal bei einer Snackbar etwas zu essen holten. Dann ging es weiter zum Fährterminal. Von gesunder Seeluft war hier allerdings nichts zu merken, dank diverser Raffinerien und Industrieanlagen stank es ziemlich.

Beim Terminal angekommen fotografierte ich erst einmal die „Pride of Rotterdam“, die bereits auf uns wartete. Vor drei Jahren waren wir mit ihrem Schwesterschiff, der „Pride of Hull“, nach Hause gefahren.

Pride of Rotterdam Pride of Rotterdam

Dann konnten wir schon einchecken, mussten aber noch eine Weile warten, bevor wir an Bord durften. In der Schlange standen viele Motorräder und Wohnmobile. Eine Frau nutzte die Wartezeit, um ein Foto von ihrem Mann am Steuer eines solchen zu machen: „Heinz, lach doch mal!“ Dann durften wir nach und nach an Bord, was diesmal recht lange dauerte, da das Sicherheitspersonal alle Fahrzeuge ziemlich genau unter die Lupe nahm und teilweise von einem Drogenhund beschnüffeln ließ. Auch unsere Ausweise wurden genau geprüft.

Dann rollen wir an Bord und wurden mit einigen Motorrädern in einen abgetrennten Bereich gewinkt, wo wir die Räder in aller Ruhe festbinden konnten. Wir gingen die steile Treppe nach oben zu unserer Kabine. Nach dem üblichen Gepfriemel mit der Key-Card gelang es uns, die Tür zu öffnen. Nach einer erfrischenden Dusche (nach mehreren Stunden in dieser Hafenluft fühlt man sich einfach nicht mehr besonders sauber) gingen wir zum Essen.

Mann, war das wieder mal lecker! Fleisch- und Fischspezialitäten, Currygerichte, unzählige Beilagen und dann die Nachtische! Gerade bei letzteren konnte ich mich nicht entscheiden, und da die einzelnen Stücke nicht so groß waren, nahm ich ein Stück Brownie, ein Lemon Meringue und einen Raspberry Cheesecake. Dann war mit allerdings nicht mehr ganz so wohl, vielleicht war einer von ihnen nicht ganz in Ordnung gewesen.

Inzwischen fuhr das Schiff an, und wir gingen auf das Sonnendeck, um uns von der niederländischen Küste zu verabschieden. Bei Hoek van Holland lag ein Schiff der Stena Line, das bald nach Harwich fahren würde, und wir fuhren nach Westen in den Sonnenuntergang.

 Hoek van Holland mit Stena-Line-Fähre Sonnenuntergang

Die frische Luft tat mir ausgesprochen gut. Nach ein paar Irrwegen fanden wir  die Bar, wo wir uns bei einem Bierchen das Entertainment zu Gemüte führten: Eine Sängerin und ein Keyboardspieler, die die üblichen Hits zum Besten gaben. Dann zogen wir uns in unsere Kabine zurück.

Wir schliefen wunderbar, wurden aber schon recht früh von einem Autoalarm geweckt. Dabei waren die Autofahrer ausdrücklich darauf hingewiesen worden, dass man diesen ausschalten sollte, da plötzliche Bewegungen des Schiffs ihn auslösen können. Für die Batterie ist sowas natürlich nicht gut, was mich mit einer gewissen Schadenfreude erfüllte. Wenn man mich aus dem Schlaf reißt, bin ich kein netter Mensch.

Da wir schon wach waren, konnten wir auch gleich aufstehen. Ich überreichte Peter erst sein Geburtstagsgeschenk und wir schlachteten zwei Minitörtchen. Dann gingen wir an Deck, um England zu begrüßen.  Doch die englische Küste, die uns beim letzten Mal mit einem wunderschönen Sonnenuntergang hinter der Humber Bridge verabschiedet hatte, war in dichten Nebel gehüllt. Nachdem wir eine Weile die nicht vorhandene Aussicht bewundert hatten, gingen wir frühstücken, denn für die Fahrt nach York brauchten wir eine vernünftige Grundlage, und was eignet sich besser als ein „Full English Breakfast“?

Dann wurden wie Fahrgäste in mehreren Sprachen aufgefordert, sich zu ihren Fahrzeugen zu begeben, und auf ihr Gepäck zu achten. Bei der deutschen Version klang mit einem wunderschönen Rudi-Carell-Akzent durch das Schiff: „Bitte behalten Sie Ihnen Gepäck bei Ihnen.“ Schön, nicht?

Um halb acht ließ man ein paar Autos warten, so dass wir gemütlich von Bord rollen konnten. Wir mussten noch an der Zollstelle vorbei, wo ein junger Beamter mein Foto und mich kritisch beäugte, trotz Fahrradhelm genug Ähnlichkeit feststellte und mich durchwinkte. Durch diverse gelbe Gatter verließen wir den Hafen.

Wir kamen gut durch Hull, und der Linksverkehr fühlte sich schnell wieder vertraut an. Allerdings landeten wir nicht wie geplant auf der Straße nach Cottingham, sondern auf der nach Beverley, aber egal, so hatten wir das nette Städtchen mit der imposanten Kathedrale auch mal wieder gesehen.

Beverley Minster im Nebel

Dann stießen wir auf die Radroute durch die Yorkshire Wolds, und bei Market Weighton fing auch der Nebel an, sich aufzulösen. Geht doch! Bei inzwischen wunderbarem Radlerwetter fuhren wir durch idyllische Dörfer, vorbei an Pubs mit typisch englischen Namen wie „The Rose and Crown“, „The Grey Horse“ etc., über nicht allzu steile Hügel.

Durch die Yorkshire Wolds Pub "The Grey Horse"

Wir waren im „White Rose Country“, wie man unschwer an der weißen Rose auf den Ortsschildern erkennen konnte. I love England! Und das Foto bei der winzigen Ortschaft Melbourne musste natürlich sein.

Melbourne in Yorkshire

Die Meilen verflogen praktisch unter unseren Rädern, und am Nachmittag erreichten wir York. Zur Sicherheit studierten wir, wie wir das ja jedes Mal machen, auf der Umgebungskarte auf dem Marktplatz und fuhren dann Zum Campingplatz am Ufer des Ouse. Alles war sofort wieder vertraut, auch das übliche Gedöns beim Einchecken. Mit Radfahrern, die auf die Zeltwiese wollen, sind sie wohl immer etwas überfordert.

Wir bekamen wieder die Schlüssel zum Sanitärgebäude und zur Hintertür, bauten unser Zelt auf und sprühten es erst mal gründlich mit Imprägnierspray ein. Dann erledigten wir unsere Einkäufe in den Shops ein paar Straßen weiter. Irgendwie ist es schön, wenn man den Campingplatz und die Umgebung schon kennt. Danach ruhten wir uns erst mal aus, denn wir waren ja schon im Morgengrauen von Bord komplimentiert worden.

Später machten wir uns auf den Weg in die Stadt, die von hier aus wunderbar zu Fuß zu erreichen ist.

Brücke über den Ouse

Das Minster findet man ja sofort. Es wird noch immer renoviert, und an einer Seite kann man die Arbeiten der Stone Masons (Steinmetze) bewundern. Auf einigen Steinen sind auch ihre individuellen Zeichen zu sehen. Schon beim letzten Englandbesuch war mir aufgefallen, dass trotz aller Technik der größte Teil einer Kirchenrenovierung das gute alte Handwerk ist. Morgen würden wir sehen, wie weit sie innen inzwischen sind.

Steinmetzarbeiten am Minster Steine mit Steinmetzzeichen

Wir bummelten durch die Shambles, einer Straße mit überhängenden Fachwerkhäusern, in der früher Fleisch verkauft wurde. Der Name leitet sich wohl vom angelsächsischen „fleshammels“ (Schlachtbank) ab. Allerdings gibt es heutzutage keinen Metzgerladen mehr hier. Wir sahen, dass einige Läden wegen der heftigen Überschwemmung im Winter geschlossen hatten. Auf den ersten Blick wirkt es zwar so, als ob die Stadt sich erholt hat, aber ganz so einfach geht das ja nie. Auch unser Campingplatz hatte einiges abbekommen, aber da die Gebäude dort auf Pfählen stehen, hat sich der Schaden in Grenzen gehalten.

Dann besuchten wir das Pub „Snickelway Inn“. Über die York-typischen Bezeichnungen von Straßen, Gassen, Stadttoren usw. sowie die lange und bewegte Geschichte dieser Stadt habe ich mich ja hier bereits ausführlich ausgelassen. Das „Snickelway Inn“ hieß früher „Anglers‘ Arms“ und ist angeblich „the most houted pub in York“. Zu den zahlreichen Gespenstern gehören eine Katze, die um die Tische streicht, ein kleines Mädchen, das von einer Kutsche überfahren wurde und seitdem hin und wieder auf der Treppe sitzt, eine Frau auf der oberen Galerie und ein Mann in der Passage zwischen dem vorderen und hinteren Teil. Auch scheint irgendwer regelmäßig Chaos im Keller zu verursachen. Das Schild, von dem ich diese Informationen habe, schließt mit folgendem Hinweis: „It is worthy for a visit, although visitations cannot be guaranteed.“ Und auch wir sahen kein Gespenst.

 Snickelway Inn von außen Snickelway Inn von innen

Nach einem leckeren Bierchen gingen wir zurück zum Campingplatz, wo wir traditionsgemäß die „Daily Mail“ lasen. Natürlich war das bevorstehende Referendum Thema Nummer eins, und Alt-Premier John Major hatte sich wohl ziemlich daneben benommen. Das konnte noch interessant werden.

Am nächsten Morgen gingen wir erst zur Tourist Information und zum Minster, um uns nach Führungen zu erkundigen, aus denen wir dann ein Tagesprogramm bastelten.

Wir begannen mit einer Stadtführung, die uns erst am King’s Manor vorbeiführte, das jetzt zur Universität gehört. Dann gingen wir zur alten Stadtmauer, wo wir noch Teile der ursprünglichen römischen Überreste bewundern konnten.

Alte Stadtmauer (römische Überreste) Alte Stadtmauer

Dann gingen wir weiter in die Museum Gardens, wo sich die Ruinen der St. Mary’s Abbey befinden. Sie wurde 1055 erbaut und galt lange als eine der reichsten Abteien im Norden Englands. Wie so viele andere Klöster und Abteien wurde sie im Jahre 1539 unter Heinrich VIII aufgelöst.

St. Mary's Abbey

Dann ging es weiter auf der Stadtmauer, wo wir erfuhren, dass es früher nicht besonders attraktiv war, ein Grundstück an der Mauer zu besitzen, da man dann auch für den Unterhalt derselben verantwortlich war. Die Führung endete in der Minster Area, wo früher das Kirchenrecht galt. Wenn man sich nach einem Vergehen durch das Tor beim National Trust Gift Shop flüchten konnte, wurde man milder bestraft. Wieder was gelernt.

Tor zur Minster Area

Wir hatten noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Führung durch das Minster. Diese nutzten wir für einen sanitären Zwischenstopp und Proviantkauf bei Marks und Spencer. Auf einer Bank verspeisten wir unsere Sandwiches, und dann ging es weiter mit der Kultur.

Die Führung dauerte anstatt einer Stunde eineinhalb Stunden, und wir wurden wieder auf eine Menge Details aufmerksam gemacht. Angeblich befindet sich die Hälfte aller Bleiglasfenster in England hier. Mit der Renovierung des East Window war man inzwischen ein gutes Stück weiter gekommen.

East Window in der Kathedrale

Auch bei dieser Kathedrale gilt wohl das Motto „Irgendwas ist immer. So stürzte im Jahr 1407 der Hauptturm ein und musste wieder aufgebaut werden, im Jahr 1829 zündete ein gewisser Jonathan Martin die Orgelempore an, da ihm beim Abendgottesdienst ein brummender Ton der Orgel auf die Nerven gegangen war, und 1984 legte ein Blitzschlag das südliche Querschiff in Schutt und Asche.

Unsere Führerin wies uns darauf hin, dass das Muster der  Säulen unten in der Krypta auch bei der Kathedrale in Durham zu finden sei. Das interessierte uns natürlich, denn Durham stand dieses Jahr auch auf unserem Programm.

Säule mit Rautenmuster

Da zur Zeit die „York Minster Mystery Plays“ stattfanden, standen überall Kulissen und Requisiten herum. Das sah zwar sehr interessant aus, aber von unserer Stattführerin hatten wir gehört, dass es nur noch wenige und entsprechend teure Karten gab. Na ja, wir kriegen auch so genug Kultur mit.

Requisiten für Mysterienspiele - Sterne und zwei Schweinderl

Dann besuchten wir noch das Yorkshire Museum und begaben uns auf eine Zeitreise durch die bewegte Geschichte der Stadt: Kelten, Römer, Angelsachsen, Wikinger, Normannen, der Rosenkrieg und vieles mehr. Das Gebäude, in dem das Museum untergebracht ist, gehört der Philosophical Society und beherbergt auch die Historic Library. Diese kann man besichtigen, die Bücher befinden sich allerdings hinter Gittern. Besser ist das.

York ist einfach eine tolle Stadt, obwohl ich schon sieben oder acht Mal dort war, entdecke und lerne ich immer wieder etwas Neues.

Wir kauften ein und gingen zurück zum Campingplatz. Dort stellten wir fest, dass wir offenbar ungebetenen Besuch gehabt hatten: Irgendein Viech hatte meine Müslipackung umgekippt und den Inhalt im Vorzelt verstreut. Wir retteten, was zu retten war, und verschlossen die Packung sicher in der Vordertasche.

Bei der Zeitungslektüre stellten wir fest, dass das Leave-Camp in Führung lag. Ich kam auf die Idee, jeden Tag ein „Brexit Quote of teh Day“ aufzuschreiben. Hier die von heute:

„Now that I’ve heard both sides of the argument on the Referendum my mind is finally made up – I’ll toss a coin.“(Valerie Ashton, London)

Kategorien: 2016 - Nordostengland und Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Pieterpad – Teil eins ist geschafft

Leuth – Vorden

Inzwischen bin ich nah genug an meinem Zuhause, dass ich einzelne Tagesetappen gehen kann und nicht unbedingt unterwegs überachten muss. Und so bin ich das nächste Stück in drei Einzeltagen gegangen. Im Moment kann ich auch zwischendurch einen Tag mitten in der Woche freischaufeln, und das ist auch gut so, denn der Bus nach Elten fährt am Wochenende nicht. Gut, ich könnte mich ja von Peter irgendwo hinbringen und wieder abholen lassen, aber ich empfinde es als Teil der sportlichen Herausforderung, um das Ganze mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinzukriegen.

Wasser, Wasser und nochmals Wasser

Nein, das hat jetzt nichts mit dem Wetter zu tun, das war, von kleinen Schauern und einem bisschen Nieselregen abgesehen, fantastisch. Nein, der Weg führte diesmal sehr oft über das Wasser und am Wasser entlang, aber zum Glück nicht durch das Wasser.

Von Leuth aus ging ich nach Millingen aan de Rijn, wo ich mit der Fußgängerfähre den Bijlandsch Kanaal überquerte. Diese Fähre verkehrt im Sommer stündlich, im Winter seltener, so dass es sinnvoll ist, sich über die Abfahrtszeiten zu informieren und die Wanderung einzuteilen. Bei diesem Superwetter war sie voll mit Radfahrern.

Fähre Fähre2

Dann ging es am Naherholungsgebiet De Bijland und am Bovenrijn entlang nach Tolkamer mit seiner Schiffswerft und weiter nach Spijk.

De Bijland Schiffswerft Tolkamer

Zwischen Spijk und Braamt war erst mal Ruhe mit dem Wasser, doch dann wurde der Pieterpad umgeleitet und führt jetzt an einem Teil der Kläranlage Etten vorbei. Das ist keinesfalls so unappetitlich, wie es sich liest, man kommt an Teichen, einer Fischtreppe und einer Schleuse vorbei. Eigentlich ist es ein schönes Naturgebiet und die Streck wird etwas kürzer und kurzweiliger, da ein langweiliges Stück an einer Hauptstraße entlang wegfällt.

Weg über Kläranlage Fischtreppe

Endpunkt des zweiten und Startpunkt des dritten Tages war das Wasserschloss Kasteel Slangenburg aus dem 14. Jahrhundert.

kasteel slangenburg Schloss Slangenburg 2

Und die dritte Etappe führte am Wasserschloss Vorden vorbei.

Schl;oss Vorden

 Grenzland

Auch hier führt der Weg immer wieder an der Grenze entlang und gelegentlich ins Nachbarland. Oft merkt man es nur an den Grenzsteinen oder daran, dass die Häuser doch ein bisschen anders aussehen. Manchmal ist es aber auch deutlicher, wie bei diesem Haus, an dessen Mauer bekannte Goethe-Zitat prangt: „Nur, wo man zu Fuß war, war man wirklich.“ An dieser Stellen einen herzlichen Gruß an Vivian und Alexandra, meine Wanderkolleginnen, auch wenn wir nicht zusammen laufen.

Goethe-Zitat

Die Ortschaft Tolkamer (Zollkammer) heißt nicht umsonst so, dort wurden im späten 18. Jahrhundert die Zölle für die Schiffe erhoben, die den Rhein (Rijn) hinunterfuhren. Der Zoll wurde zwar 1868 abgeschafft, aber der Papierkram blieb.

Tolkamer2

Am Ende des ersten Tages kam ich nach Elten auf der deutschen Seite, eine typische Grenzortschaft: Die Sparkasse befindet sich neben der „Slijterij“ (Spirituosenhandel), und zahlreiche Niederländer kaufen dort ein.

Ein paar Tage später ging setzte ich meinen Weg von hier aus fort und gelangte über den „Noaberpad“, der von Bad Nieuweschans nach Kleve führt, wieder auf den Pieterpad. Dieser kreuzt sich gelegentlich mit dem Barfußpfad, aber ich liess die Schuhe an, denn ich kenne mein Talent, in irgendwas reinzutreten, man erinnere sich nur an den blöden Zelthering bei der Strad6daagse.

Barfußpfad

Der Drususbrunnen hatte noch nicht geöffnet, schade, ich hätte gern „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel“ in die Tiefe gebrüllt.

Drususbrunnen

Aber dafür kam ich an einem tollen Aussichtspunkt vorbei, der in meinem niederländischen Wanderführer „Belvedere“ genannt wird, aber die deutschen Schilder sagen deutlich was Sache ist: „Schöne Aussicht“.

Schöne Aussicht

Brennnesseln, Stacheldraht und anderes Ungemach

Immer wieder führte der Weg durch hohes Gras und Gestrüpp, so dass ich öfter als mir lieb war, mit Brennnesseln Bekanntschaft machte. Aber das Zeugs soll ja angeblich die Durchblutung anregen.

Bei Tolkamer ging die Route über ein Stück Deichvorland, eine Art Überlaufgebiet. Man muss dort über einen Zaunübertritt klettern und dann ein Stück durch die  Wiese latschen – Pfade gibt es dort fast keine. Ich stieg über den Zaun, vorbei an ein paar freundlichen Pferden und folgte dem kaum sichtbaren Trampelpfad. Auf einem Hügel standen einige Kühe, die neugierig zu mir hinüber schauten. Ich versuchte, nicht an Bill Brysons Überlegungen zum Thema „Cow attacks“ zu denken und hoffte, dass die Rindviecher in sicherer Entfernung blieben.

Pferde Rindviecher

Dann erreichte ich einen anderen Zaunübertritt, wo ich die Wiese verlassen konnte. Doch das Holzbrett, auf das man steigen muss, war so schmal und wackelig, dass ich am Stacheldraht hängenblieb. Der riss ein Stück aus meiner Hose und zerkratzte mir den Oberschenkel. Hätte ich die Wegbeschreibung doch bloß bis zum Ende gelesen, bevor ich mich in dieses Überlaufgebiet stürzte! Da stand nämlich, dass dieses Gebiet bei Hochwasser unpassierbar ist und man dann den Radweg nach Tolkamer nehmen kann.

Dagegen waren die Mücken, die mich gelegentlich erwischten, kaum noch der Rede wert.

Begegnungen

Auch diesmal ergaben sich wieder nette Begegnungen und Gespräche. Auf der Promenade bei Spijk sprach mich ein Motorradfahrer an, der auf einer Bank in der Sonne saß: „Ist die Vierdaagse (die viertägige Monsterwanderung in und um Nijmegen) noch nicht vorbei?“ Ich erklärte ihm, dass ich damit nix zu tun hatte, sondern den Pieterpad laufen würde. „Du hast einen ganz flotten Schritt drauf!“ Er wollte wissen, wo ich wohne und konnte sich eine Bemerkung zum desolaten Zustand des hiesigen Fußballvereines nicht verkneifen, was mich aber nicht weiter störte. Vielleicht habt ja schon mitgekriegt, dass ich es nicht so mit Fußball habe.

Spijk

In Elten musste ich mich zur Bushaltestelle durchfragen, da diese zwar „Markt“ heißt, aber gut in einer Seitenstraße versteckt ist. Dies tat ich erst mal auf Deutsch, erwischte aber zwei Niederländerinnen, mit denen ich mich noch gemütlich unterhielt, während wir auf den Bus warteten.

Markt Elten

Wegen meines immer noch vorhandenen Akzents fragen mich die Leute gelegentlich, ob ich aus Deutschland komme. Dies bejahe ich natürlich und füge meistens hinzu, dass ich auch Niederländisch spreche und das sie es sich aussuchen dürfen, in welcher Sprache sie sich unterhalten wollen. Manche reden dann lieber Niederländisch, andere freuen sich über die Gelegenheit, ein bisschen Deutsch zu üben.

Bei der Kläranlage Etten begegnete ich einem Paar, das ohne Wanderführer unterwegs war, da dieser gerade neu aufgelegt wird. Sie versuchen, die Route nur anhand der Wegweiser zu laufen – ein mutiges Unterfangen, das ich mir nicht zutraue. Es scheint auch bei ihnen nicht immer zu funktionieren, denn sie wollten von mir wissen, ob sie noch auf dem richtigen Weg waren. Mir passiert es auch gelegentlich, dass ich trotz Buch nicht mehr sicher bin, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin, und ich kenne daher das beruhigende Gefühl, wenn man auf Gegenverkehr trifft.

Interessantes

In der Nähe von Braamt führte der Weg zwischen den zwei kulinarisch klingenden Dörfern Vethuizen und Wijnbergen durch, aber leider gab es dort kein Café in der Nähe.

Ortsschild Vethuizen Ortsschild Wijnbergen

In Zelhem war die Hauptstraße mit Hexen dekoriert, die allerdings etwas merkwürdig auf ihren Besen saßen: Das Gestrüpp zeigte nach vorne. Bei Harry Potter machen sie das doch anders.  Der Wirt des Cafés, wo ich Mittagspause machte, konnte mir allerdings nicht sage, was das für eine Bedeutung hatte, und auch mir hilft Google nicht weiter: Es gibt zwar einige Geschichten über die weise Frau Smoks Hanne, aber warum sie so auf ihrem Besen sitzt, wird nicht erklärt. Vielleicht ist das in der Achterhoek ja normal?

Hexe in Zelhem

Kurz vor dem Wasserschloss Vorden kommt man am Pieterpad-Denkmal vorbei: Die Fußspuren von Toos Goorhuis-Tjasma und Bertje Jens, die den Weg praktisch „gegründet“ hatten, sind hier in Beton in den Weg eingelassen:

Pieterpad-Denkmal

Der erste Teil des Pieterpad endet in Vorden bei einem Wegweiser: St. Pietersberg 256 km, Bergen aan Zee 323 km, Enschede 61 km und Pieterburen 232 km. Hier kreuzt der Pieterpad den Trekvogelpad, den ich mir wohl als nächstes vornehmen werde. Aber erst mal kommt der zweite Teil. Hoffentlich kriege ich auch da noch etwas von der blühenden Heide mit.

Blühende Heide

 

 

Kategorien: 2015/16 - Pieterpad | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Sommer am Pieterpad

Vierlingsbeek – Leuth

Der Sommerurlaub ist inzwischen vorbei, und am Bericht wird gearbeitet. Aber letztes Wochenende war ich mal wieder wandern, diesmal allerdings nur zwei Tage. Da im Moment an verschiedenen Stellen die Gleise repariert werden, hatte ich zwischen Arnhem und Nijmegen Schienenersatzverkehr, aber die Bahn hatte das sehr gut im Griff. Man konnte nämlich zwischen einem Bus, der an jeder Milchkanne hält, und einem Direktbus wählen. Da ich letzteren genommen hatte, erreichte ich in Nijmegen sogar den planmäßigen Anschluss nach Vierlingsbeek.

Abstecher, Pausen und Übernachtung

Soweit wie möglich folgte ich der Route, wie sie im Buch steht. Zweimal machte ich allerdings einen kurzen Abstecher.

In Vierlingsbeek schaute ich mir kurz den jüdischen Friedhof an, der fast am Weg liegt. Da ich ja irgendwann mal Gästeführerin in unserer Synagoge werden möchte, interessiert mich so etwas natürlich. Die meisten Gräber sind schon älter, aber ziemlich nah an der Mauer gibt es eins von 2009.

Jüdischer Friedhof in Vierlingsbeek

Und nördlich von Groesbeek beim Duivelsbergh (Teufelsberg) latschte ich die Treppen hoch zu einem Aussichtspunkt, um dann fest zu stellen, dass man um die Plattform eine gut mannshohe Hecke gepflanzt hatte. Etwas seltsam sind sie manchmal schon, die Niederländer.

Aussichtspunkt mit Hecke - seltsam.

Natürlich luden unterwegs wieder zahlreiche Bänke zur Rast am Wege ein.

Bank am Weg mit Aussicht über Felder

Und am ersten Tag gönnte ich mir in einem Teegarten an der Route bei Afferden einen herrlichen Milchkaffee mit Obstkuchen. Das Paar, dem der Garten gehört, macht alle Speisen und Getränke selbst und gibt den Wanderern auch gute Tipps für unterwegs (geänderte Streckenführung, Sehenswürdigkeiten usw.).

Eingang zum Teegarten Teegarten - Pause

Auch der „Gegenverkehr“ machte hier Pause, und so hörte ich, dass noch ein paar wunderschöne Streckenabschnitte vor mir lagen, was sich auch bewahrheitete.

In Gennep war gerade „Summertime“, und auf dem Marktplatz spielte ein Folkduo, dem ich eine Weile zuhörte. Hach, Sommer ist was Schönes!

Gennep - Rathaus und Musikfest Summertime

Diesmal übernachtete ich in Milsbeek, wieder bei „Vrienden op de fiets“. Ich wurde von Titia und Theo, einem sehr netten Ehepaar in Empfang genommen und gleich mit Kaffee und Keksen bewirtet. Das Zimmer war auch klasse, ich schlief dort so gut, dass ich selbst den Lärm der Steinkäuze nicht mitbekam. Die 27 km dieses Tages hatten es auch in sich gehabt. Wenn es geht, frühstücken die beiden zusammen mit den Gästen, worüber ich mich sehr freute. Bei gepflegter Unterhaltung verging die Zeit wie im Flug, und ich kam mal wieder  später weg als ich vorhatte, aber der Tag war ja trotzdem noch lang.

Wald, Berg und Tal

Diesmal hatten es die beiden Tage in sich. Ein größerer Teil der Strecke führte durch die Gemeinde Berg en Dal, und diese Gegend macht ihrem Namen alle Ehre. Ständig ging es rauf und runter, und es machte richtig Spaß, da die Landschaft sehr abwechslungsreich ist.

Blumen am Wegrand See im Wald

Anders als bei meinen ersten Wanderungen auf dem Pieterpad hatte ich diesmal auch im Wald keine Probleme mit der Orientierung, auch wenn mich hin und wieder die beiden gekreuzten Streifen an den Bäumen davor bewahrten, einen falschen Weg einzuschlagen. Manchmal sind die Beschreibungen auch nicht ganz einfach: Bei dem Fünfsprung geradeaus – wie macht man das eigentlich? Aber alles funktionierte wunderbar, und die einzigen Extrakilometer waren die von der Route zu meinem Quartier.

Der Untergrund war gelegentlich etwas seltsam, so dass man gut aufpassen musste. Ein Wegstück ging über Sand mit Bauschutt und wurde von einem entgegenkommenden Wanderer mit Recht als einer der schlechtesten Wege der Niederlande bezeichnet. Zum Glück war das Stück nicht lang.

Schlechtester Weg der Niederlande

Hin und wieder, vor allem im Wald, war der Weg recht matschig. Wenn es länger am Stück regnet, ist dieser Abschnitt wohl kein reines Vergnügen.

Durch den Matsch

Aber die Landschaft, die ich durchquerte, machte es auf jeden Fall wieder wett.

Da gibt es z. B. das „Quin“ zwischen Afferden und Gennep, eine wunderschöne Heidelandschaft mit kleinen Seen.

Quin - Heidelandschaft mit Seen Quin - Heidelandschaft mit Seen

Außerdem führt der Weg ein Stück über die Siebenhügelroute, was eine Menge Aussicht mit sich bringt.

Alter Weg über die sieben Hügel

Genervt

Am Sonntagnachmittag hatte ich kurz vor Leuth, von wo aus ich heimfahren wollte, einen Durchhänger. Aus irgendwelchen Gründen ging mir einfach alles unglaublich auf den Senkel. Selbstverständlich musste es zu regnen anfangen, als nirgendwo eine Unterstellmöglichkeit in der Nähe war. Das deutsche Dorf Zyfflich, langgereckt an einer Straße ohne Abwechslung oder einem Zentrum, schien kein Ende zu nehmen. Wahrscheinlich wohnen hier auch haufenweise Niederländer, weil der Baugrund so billig ist, aber, mit Verlaub, hier möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen. An einem Haus hing ein Schild mit der Aufschrift „Hier wohnt ein FC-Bayern-Fan“. Klar, wollte ich immer schon wissen. Fußball ist gnadenlos überbewertet.

Zyfflich - endlos langes Dorf

Müssen die entgegenkommenden Radfahrer immer erst im letzten Moment ausweichen? Und mein Fuß tut auch weh, und natürlich ist gerade jetzt nirgendwo eine Bank zu sehen. Typisch. Wenn man allein wandert, muss man halt auch die eigene schlechte Laune aushalten.

Doch als ich in Leuth ankam und feststellte, dass der Bus in zehn Minuten kommen würde, ging es mir sofort wieder besser. Es war eben doch ein rundum gelungenes Wochenende. Knapp 50 km in zwei Tagen ist doch auch keine schlechte Leistung, oder? Und ich bin sogar ein Stück auf dem Jakobsweg gelaufen.

Jakobsweg

Kategorien: 2015/16 - Pieterpad | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

The Borders 2004 – Teil 5

Zurück nach Newcastle mit wenig „Coast,“ aber ein paar „Castles“

 Mit dem schönen Wetter der letzten Tage schien es wohl vorbei zu sein. Als wir am Morgen aufbrachen, war es zwar trocken, aber bewölkt. Wir hatten zwar beschlossen, nicht auf der „Coast & Castles Route“ weiter zu fahren, aber um vom Campingplatz weg zu kommen, mussten wir doch noch über Feldwege nach Beal. Unterwegs mussten wir eine „Private Railway Crossing“ überqueren. Dabei handelte es sich um einen Bahnübergang, der grundsätzlich geschlossen ist.   Auf einem Schild wird genau erklärt, dass man erst beide Gatter öffnen muss, dann schnell mit Sack und Pack über die Gleise, wobei man ständig in beiden Richtungen nach Zügen Ausschau halten muss. Danach müssen beide Gatter wieder geschlossen werden. Das Offenlassen derselben ist ein teurer Spaß, ein paar hundert Pfund Strafe sind schon drin, wenn man erwischt wird.

Bei Beal machten wir einen kurzen Abstecher zum Damm nach Lindisfarne, den man zwar nicht mehr überqueren konnte, aber so hätten wir die Insel wenigstens aus der Ferne gesehen – dachten wir. Da aber inzwischen ein sanfter Nieselregen oder „Drizzle“, wie die Briten das nennen, eingesetzt hatte, konnten wir sie bestenfalls noch erahnen.

coast

Während wir über gemütliche Landstraßen nach Alnwick fuhren, wurde der Regen immer stärker. Gut, dass die Etappe nicht so lang war und dass wir von der Küstenroute abgewichen waren. Bei gutem Wetter wäre der Blick über die Hügel sicher wunderbar gewesen, aber auch so bekam man einen Eindruck von der Schönheit dieser Gegend. Auch wurde meine Stimmung durch die Ortsnamen, die wir unterwegs entdeckten, etwas aufgehellt: Chillingham, Harehope, West Ditchburn und andere. Bill Bryson mit seiner Begeisterung für britische Ortsnamen hätte seine helle Freude an dieser Gegend gehabt.

In Eglingham machten wir in einem Pub Mittagspause. Dort versuchte ich, meine Schuhe und Socken unter dem Händetrockner ansatzweise trocken zu blasen. Wie Peter trockene Socken anziehen wollte ich nicht, da die wohl sowieso gleich wieder nass geworden wären, und dann bleiben auf die Dauer nicht mehr viele übrig.

In Alnwick fuhren wir am Schloss vorbei in das nette, aber sehr volle  Stadtzentrum, und Peter erkundigte sich  bei der Tourist Information nach dem Campingplatz. Ein weiser Entschluss, denn einfach so hätten wir ihn nie gefunden, da er sich auf dem hinteren Feld des Rugbyclubs befindet. Als wir dort ankamen, standen eine Menge Wohnwagen, Busse und Lastwagen auf dem Parkplatz und das Clubhaus war verwaist. Was nun? Nachdem wir zweimal das Gebäude umrundet hatten, kam ein junger Mann aus einem der Wohnwagen und erklärte uns, dass wir bis ans Ende der Wiese gehen sollten und dort unser Zelt aufstellen konnten. Anmelden sollten wir uns später in der Bar. Die ganzen Fahrzeuge auf dem Parkplatz waren von einer Fernsehcrew, die hier „some television drama“ filmten.

Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und wir machten uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Nicht weit vom Rugbyclub entfernt ist der alte Bahnhof, in dem sich jetzt „Barter Books“ befindet, einer der größten Second-Hand-Buchläden Großbritanniens, in dem auch Modelleisenbahnfans auf ihre Kosten kommen, da im vorderen Teil eine solche über den Regalen ihre Runden dreht. Die Autoren, nach denen ich suchte (unter anderem Bill Bryson, Tony Hawks und natürlich Phil Rickman) waren leider entweder gar nicht oder nur mit Büchern, die ich schon habe, vertreten, aber ich hätte trotzdem stundenlang wühlen können.

Nachdem ich doch noch fündig geworden war, gingen wir zum Schloss, um dort festzustellen, dass wir zu spät dran waren. Angesichts der £ 9,50 Eintritt waren wir darüber aber nicht besonders unglücklich, obwohl dort Teile von „Harry Potter“ und „Robin Hood, Prince of Thieves“ gefilmt worden waren. Immerhin konnten wir von außen doch noch ein paar Blicke auf das Gebäude erhaschen.

alnwickcastle alnwickcastle2

Den inzwischen sonnigen Rest des Tages verbrachten wir auf dem Campingplatz, wo meine Schuhe und Socken friedlich vor sich hin trockneten,  und in der Bar des Rugbyclubs, wo wir leider nicht fürs Fernsehen entdeckt wurden.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, und wir machten uns auf den Weg nach Ashington, dem letzten Campingplatz vor Newcastle. Unterwegs kamen wir an „Mowick’s Ice Cream Parlour“ vorbei. Diese Eisdiele, die zu einem Bauernhof gehört und, wie eine Plakette stolz verkündete, mit EU-Subventionen errichtet worden war, befindet sich praktisch „in the middle of nowhere“. Trotzdem ging es schon eine Viertelstunde nachdem sie geöffnet hatten, zu wie am Stachus. Das liebevoll zubereitete Eis ist aber auch ausgezeichnet.

Dann kamen wir mal wieder an einem Schloss vorbei, nämlich Warkworth Castle, das eindrucksvoll auf einem Hügel thront.

castle

In Acklington suchten wir ein Schild nach Chevington, aber das einzige, das in südliche Richtung wies, trug die Aufschrift  „HM (Her Majesty’s) Prison“. Dies klang nach einer Einbahnstraße, und so machten wir unfreiwillig einen Umweg, an dessen Ende wir bei eben diesem Gefängnis landeten und feststellten, dass der Weg doch der richtige gewesen wäre.

In Ashington wurden wir gleich um die Stadt herum zum Campingplatz dirigiert, der gesteckt voll war, da viele Familien das lange Wochenende ausgenützt hatten. Entsprechend ging es dort rund. Eine Familie hatte ein „Mini Quad“ oder wie das heißt, mitgebracht, so eine Art motorisierter Rasenmäher, aber zum Glück ohne Schneidwerk, mit dem die Kids fröhlich ihre Runden drehten.  Das konnte ja heiter werden.

So schlimm, wie wir befürchtet hatten, wurde es jedoch nicht. Überhaupt waren bisher alle Campingplätze sehr schön und aufgrund der Jahreszeit noch nicht allzu voll gewesen, und bei den meisten Besuchern hatte es sich um ältere englische Paare gehandelt. Eines davon hatte sich als „birdwatchers“ vorgestellt. Peter meinte dazu: „Die sagen das, als ob es sich  um eine Gruppe Auserwählter handelt. Und warum eigentlich ‚birds‘? Niemand sagt doch ‚We are hedgehog watchers‘, oder?“

Als wir ins Stadtzentrum fuhren, mussten wir erst durch einen dieser endlosen Vororte mit unzähligen „Drives“, „Courts“ und „Closes“, deren Häuser alle irgendwie gleich aussahen. Am Anfang der Fußgängerzone stand auf einer Plakette: „Ashington – the biggest former mining village in the world“. Aha. Bill Bryson schreibt in seinen „Notes from a Small Island“ über die Stadt: „Ashington was nothing like I expected it to be. In the photographs from David’s book it appeared to be a straggly, overgrown village, surrounded by filthy waste heaps and layered with smoke from three local pits, a place of muddy lanes hunched under a perpetual wash of sooty drizzle, but what I found instead was a modern, busy community swimming in clean, clear air.“ Unter der Woche mag das stimmen, aber an einem regnerischen Sonntagnachmittag ist wohl jede englische Kleinstadt deprimierend.  Wir suchten Schutz auf einer überdachten Bank, und als der Regen nachließ, sahen wir uns kurz im Zentrum um, in dem wir allerdings nichts interessantes entdeckten. Dann mussten wir unseren Weg durch die endlose Vorstadt zum Campingplatz zurück finden. Ich hätte das wohl im Leben nicht hingekriegt, aber Peter schaffte es! Wozu so ein Geographiestudium doch gut ist.

Die letzten 20 Kilometer nach Newcastle waren kein Problem, der Verkehr hielt sich aufgrund des Feiertags in Grenzen und mit der Beschilderung funktionierte auch alles bestens, bis auf das letzte Stück natürlich. So landeten wir erst zu weit östlich und sahen bereits die Tynemouth Priory vor uns, aber dann fanden wir den Fährhafen doch. Da wir noch Zeit hatten, erkundeten wir die Royal Quay Shopping Mall, wo ich diesmal keinen Pullover, sondern ein Paar Schuhe kaufte.

Dann setzten wir uns am Hafen in die Sonne und beobachteten die Leute, die nach und nach eintrudelten. Besonders auffällig war ein Paar aus Oldenburg, das einen MG Cabrio fuhr. Die beiden waren anscheinend zum Erwerb eines weiteren Fahrzeugs in Großbritannien gewesen, denn ein Lkw brachte einen weiteren, sehr eleganten MG zum Terminal, wo die beiden ihn in Empfang nahmen.

Nach einer Weile konnten wir einchecken, und die Fahrzeugschlange bewegte sich langsam Richtung Schiff. Doch plötzlich blieb der neue MG stehen und verweigerte jeden weiteren Dienst. Ein paar Motorradfahrer aus dem Achterhoek probierten es mit Anschieben, aber ohne Erfolg. Der Fahrer stieg aus, während seine Freundin mit ihrem Wagen am Rand wartete, ging zu einem anderen Auto weiter hinten in der Schlange und kam dann mit einem Benzinkanister wieder zurück. Da kauft man ein Auto für was weiß ich wieviel tausend Euro, und dann ist das Teil noch nicht mal vollgetankt. Unter Applaus der anderen Wartenden rollten die beiden dann auf das Schiff.

Der erste Teil der Rückfahrt verlief ähnlich wie die Hinfahrt: Abendessen, Showprogramm und dergleichen. Auf die Tabletten verzichteten wir diesmal und tranken stattdessen ein paar Bierchen, was auch bestens funktionierte. Dann gingen wir schlafen.

Nachts gegen drei Uhr wurden wir von einem fürchterlichen Lärm geweckt: Ein wahrlich nicht mehr nüchterner Engländer versuchte, zuerst erfolglos, seine Kabinentür aufzubekommen. Als er es endlich geschafft hatte, wollte ich mich umdrehen und weiter schlafen, da ertönte plötzlich laute Musik. Das ging mir doch etwas weit, und so tappte ich in den Gang, um den Urheber des Lärms darauf aufmerksam zu machen, dass man das vier Kabinen weiter noch hören konnte. Er war ziemlich leicht zu finden, da seine Tür noch sperrangelweit offen war. Kein Wunder, wie Peter später meinte, schließlich hatte er sich so viel Mühe gegeben, sie auf zu bekommen. Auf meine Bitte, seinen Discman, den er an einen Laptop angeschlossen hatte, etwas leiser zu drehen, glotzte er mich ziemlich indigniert an und fragte, wieso zum Teufel, ob ich denn etwa schlafen wolle. Ist das so ein abwegiges Anliegen, nachts um drei? Einer der Sicherheitskräfte, der dazu kam, brachte ihn dann dazu, die Musik leise zu drehen, und wir konnten weiter schlafen.

Am nächsten Morgen ging es uns auch ohne Tabletten bestens. Pünktlich kamen wir in IJmuiden an und radelten, über gepflegte Radwege auf der rechten Seite, nach Driehuis, wo wir den Zug gerade noch erwischten. In Amsterdam entdeckten wir diesmal die Rolltreppe, was die Operation doch etwas vereinfachte und erreichten problemlos den Intercity nach Enschede.

Und dann waren wir, nach zwölf erlebnisreichen Tagen, wieder zu Hause. Wir kamen zu dem Schluss, dass die Monate Mai und Juni eine gute Zeit sind, um Großbritannien zu besuchen, da die Chancen auf schönes Wetter schon recht gut sind. Außerdem sind dann  noch nicht so viele Leute unterwegs, und auf den Campingplätzen trifft man vor allem Briten.

Der nächste Britannien-Urlaub kommt bestimmt, denn dort gibt es noch so viel zu entdecken und, im wahrsten Sinne des Wortes, zu erfahren.

Kategorien: 2004 - Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

The Borders 2004 – Teil 4

Durch East Lothian nach Berwick-on-Tweed

 Für die Etappe von Edinburgh nach Dunbar hatten wir eigentlich den „Coastal Trail“ ins Auge gefasst, der im Prospekt folgendermaßen beschrieben wird: „Weaving through a panorama of breathtaking shoreline and unspoilt coutryside, the Coastal Trail reveals attractive seaside towns, fine castles and some of the world’s greatest golf links.“ Allerdings hatten wir beim Studium der Unterlagen zu Edinburgh eine Whiskybrennerei entdeckt, deren Besichtigung nicht in das Programm der letzten zwei  Tage integriert werden konnte, da sie zu weit außerhalb lag. Und so wurde es dann eine andere Strecke: „Hugging the lower slopes of the Lammermuir Hills, the Hillfoots Trail takes you through a romantic landscape of outstanding scenery interrupted only by the handful of pristine villages that make perfect stopping-off points.“  Man ist ja flexibel.

Die Glenkinchie-Destillery liegt zwar „in the middle of nowhere“, ist aber ab Pencaitland recht gut ausgeschildert. Die Brennerei ist klein und überschaubar, und unsere Gruppe bei der Führung war es auch: vier Leute. Wir wurden durch die verschiedenen Räume an unterschiedlichen Kesseln vorbei geführt und bekamen die Herstellung, Lagerung und alles, was damit zusammenhängt, genau erläutert.

glenkinchie2 glenkinchie3

Am Schluss durften wir natürlich auch das Endprodukt probieren, das auch Peter, der mit Whisky nicht viel am Hut hat, recht gut schmeckte.

glenkinchie

Die Einladung, noch andere Marken zu testen, schlugen wir allerdings aus, da wir dann wohl besser gleich das Zelt im Vorgarten aufgebaut hätten.

Weiter ging es durch winzige und idyllische Dörfer nach Dunbar. Dort besichtigten wir die Ruinen der Burg direkt am Hafen und das „John Muir House“. Dieser John Muir war uns zwischen Edinburgh und Dunbar ständig begegnet, in Form von Wanderwegen und einem Naturgebiet, die nach ihm benannt waren, also nutzten wir die Gelegenheit, herauszufinden, wer der Herr eigentlich war. Er wurde 1838 in Dunbar geboren und emigrierte in die USA, wo er sich für den Erhalt der Natur und für die Nationalparks einsetzte. Wieder was gelernt.

dunbar dunbar2

Dann versuchten wir, herauszufinden, wie man am besten nach Berwick-on-Tweed weiterfahren kann. Unser Radführer schlug uns eine Strecke vor, die „in Ermangelung sinnvoller Alternativen fast ausschließlich Hauptstraßen benutzt.“  Aber vielleicht hatten sie ja bei der Tourist Information eine bessere Idee. Nun ja, der Herr nahm sich die Karte der Umgebung vor und kam mit einigen Vorschlägen, von denen aber einer absurder als der andere war. Wir warteten nur noch darauf, dass er uns nach Edinburgh zurückschicken wollte. Also mussten wir wohl in den sauren Apfel beißen.

Am Abend wollten wir uns in einem Pub in der Nähe des Campingplatzes etwas zu essen gönnen. Es sollte der kurioseste Pub-Besuch unserer Reise werden. Peter bestellte erst zwei Pints des lokalen Biers „Belhaven Best“. Da sie zwei Zapfhähne hatten, wollte er natürlich den Unterschied wissen, und die Dame an der Bar erklärte ihm, dass aus dem einen Hahn die extra gut gekühlte Variante kam, „for Americans“, wie einer der Gäste meinte. Allerdings kamen beide aus demselben Faß, also war uns nicht so ganz klar, wie sie das mit der extra Kühlung bewerkstelligen wollten. Und siehe da, trotz sorgfältigen Probierens konnten wir keinen Unterschied feststellen.

Inzwischen hatten wir auch unser Essen gewählt, und ich begab mich zur Bar, um die Bestellung aufzugeben. Doch ich kam nicht weit, da die Dame erst nachschauen musste, ob an diesem Abend überhaupt Mahlzeiten serviert werden konnten. Sie begab sich in eine Ecke der Bar und verrichtete irgendwelche Handlungen, deren Art mir verborgen blieb. Ich hörte nur gelegentlich ein Schnarren und Klingeln. Schließlich kam sie wieder zurück und erklärte: „The chef hasn’t come back yet. She might come in later.“ Alle Versuche meinerseits, dieses „later“ etwas einzugrenzen, waren zum Scheitern verurteilt. Entweder kam die Köchin später oder eben nicht. Also warteten wir noch eine Weile. In der Zwischenzeit kam die neue Schicht für die Bar, aber keine Köchin. Nach einer knappen Stunde kamen wir zu dem Schluss, dass es wohl nichts mehr werden würde. Auf meine Nachfrage, was denn nun los sei, meinte der Junge nur: „The chef just hasn’t come back.“

Also gingen wir zum Campingplatz zurück und brutzelten uns etwas aus unseren Notvorräten zusammen. Danach statteten wir dem Strand einen Besuch ab und ließen uns kräftig durchblasen.

Der nächste Tag war einer dieser Tage, an denen alles Mögliche schiefgeht. Erst begaben wir uns über die oben erwähnten Hauptstraßen in Richtung Berwick-on-Tweed. Zwischendurch gab es zwar einmal ein paar Schilder mit einer Alternativstrecke für Radfahrer, die dann aber doch wieder auf der A1 endete. Dies erinnerte mich an die Internet-Seite „50 Antworten auf die Frage ‚Warum fahren Radfahrer oft nicht auf dem Radweg?'“ Für Großbritannien sind wohl folgende fünf Antworten am zutreffendsten:

Weil der Radweg hundert Meter weiter plötzlich aufhört, ohne erkennbare Möglichkeit zur Weiterfahrt.
Weil sie bislang noch keine Stelle gefunden haben, wo der Bordstein genügend abgesenkt war, um gefahrlos aufzufahren.
Weil man gerade keinen Besen dabei hat, um die seit letzter Woche auf dem Radweg liegende zerbrochene Flasche wegzukehren.
Weil sie ein empfindliches Transportgut in der Packtasche mitführen, dem sie das Gerüttel durch die Schlaglöcher, Frostaufbrüche und durch Baumwurzeln verursachten Bodenwellen nicht zumuten können und deswegen auf dem glatten, gepflegten Asphalt der Straße fahren.
Welcher Radweg?

Zumindest haben die größeren Hauptstraßen einen ausreichend breiten Seitenstreifen, aber Spaß macht es trotzdem nicht. Immerhin sind die Autos in den letzten Jahren erheblich besser geworden, was den Abgasausstoß angeht.

Bei Cocksburnpath verließen wir die A1, um zumindest vorübergehend etwas weniger Verkehr zu haben. Erst ging es eine Nebenstraße an der Küste entlang an einem Wohnwagenpark vorbei. Die Straße war ziemlich schmal, führte über recht steile Hügel, und  im Tal mussten wir durch eine Art Wasserloch, das aber zum Glück nicht zu tief war. Ich hatte schon befürchtet, bis zur  Hüfte ins Wasser zu müssen.

Doch als ich mich mühsam schiebenderweise den nächsten Hügel hinaufgearbeitet hatte und an einer Kreuzung stand, war Peter, der wohl zu faul zum Schieben und deshalb schneller war,  plötzlich verschwunden. Sacklzement, hätte er nicht warten können?  Welchen der beiden Wege hatte er nun genommen? Ich entschied mich dafür, den rechten Weg bergauf  auszuprobieren und brüllte dazu aus vollem Hals seinen Namen. Darauf kam er hinter dem Gebüsch nach der nächsten Kurve hervor. Man kann sich vorstellen, dass ich nicht allzu amüsiert war. Er meinte zwar, dass es doch sonnenklar war, dass der linke Weg ein Privatweg ist. Sicher, aber das schließt nicht aus, dass er nicht doch aus irgendwelchen Gründen dort unterwegs ist. Ich bat ihn, in Zukunft immer, wenn es mehr als eine Möglichkeit gibt, in Sichtweite zu warten.

Bei der Weiterfahrt gab es einen weiteren Punkt, der uns Sorgen bereitete: Waren wir noch auf dem richtigen Weg? Die Gegend war dermaßen verlassen, dass es keinerlei Anhaltspunkte gab, wo wir uns befanden. Die wenigen Schilder, die wir sahen, trugen die Namen von Gehöften, die so klein waren, dass sie nicht auf der Karte vermerkt waren. Laut Peters Kompass fuhren wir zwar in die richtige Richtung, aber das beruhigte mich nicht wirklich. Endlich sahen wir zu meiner Erleichterung ein Schild nach Coldingham. Dort besuchten wir unser letztes schottisches Pub.

Danach ging es über Eyemouth und Burnmouth wieder auf die A1 nach Berwick. Dort gingen wir erst einkaufen, danach suchten wir nach Schildern der National Cycle Route 1, auch bekannt als „Coast & Castles Route“, die uns zu unserem Campingplatz bei Goswick bringen sollte. Im „Lonely-Planet“-Radführer stand etwas von „flat, coastal terrain“, was recht gut klang. Zwar war die Rede von „bumpy bridleways“, aber dass der Untergrund zu großen Teilen aus scharfkantigen Steinen bestand, an denen man sich in kürzester Zeit die Reifen kaputtfährt, wurde nicht mitgeteilt. Und kurz hinter Berwick war es dann auch soweit: Ich hatte einen Platten. Der Schaden hielt sich zwar in Grenzen und war recht schnell zu beheben, aber wir beschlossen doch, die „Coast & Castles Route“ aus dem Programm zu nehmen, da wir davon ausgingen, dass die Beschaffenheit des Weges sich nicht erheblich bessern würde.

Doch erst einmal mussten wir den Campingplatz finden. Nach längerem Geholper und mehrfachem Überqueren der Bahnlinie kamen wir in ein Dorf, in dem wir ein Schild fanden. Doch der Campingplatz kam einfach nicht. Bei einem Golfplatz fragte ich dann, ob wir noch auf dem richtigen Weg waren. Zum Glück mussten wir nur noch anderthalb Meilen weiter. Endlich erreichten wir den Zeltplatz, der sich auf einem Reiterhof befand. Wir hatten also grasende Pferde, Schafe und Kühe um uns herum als Nachbarn, zum Glück mit einem Zaun dazwischen.

Für den nächsten Tag standen Berwick-on-Tweed und Lindisfarne, auch „Holy Island“ genannt, auf dem Programm. Da auf einem Zettel an der Rezeption angegeben war, dass es aufgrund der Gezeiten an diesem Tag zwischen 12 und 21 Uhr möglich sei, den Damm zur Insel zu überqueren, fuhren wir erst nach Berwick, der nördlichsten Stadt Englands.

 berwick3

Als erstes kauften wir dort in einem Fahrradladen einen Ersatzschlauch für den Fall, dass der geflickte doch noch den Geist aufgeben sollte. Dann erkundeten wir die Stadt. Aufgrund ihrer Lage hat sie eine bewegte Geschichte, da sie von Engländern und Schotten hart umkämpft wurde. Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert wechselte sie 13 Mal den Besitzer. Im 16. Jahrhundert wurden umfangreiche Festungsanlagen errichtet, die zu einem großen Teil noch erhalten sind. Die Stadtmauer, auf der man um das Zentrum spazieren kann, stammt aus dem 13. Jahrhundert.

berwick2 berwick

Gegen Mittag speisten wir im Fischrestaurant „Rob Roy“ in der Dock Road am Hafen, ein Tipp, den wir dankenswerterweise von Glufamichel bekommen haben, und den ich hiermit weitergebe. Das Essen dort ist wirklich ausgezeichnet.

Danach machten wir uns auf den Weg Richtung Lindisfarne. Es sollte jedoch anders kommen, da sich der Himmel immer mehr eintrübte und ein starker Wind aufkam. Als wir kurz vor dem Campingplatz waren, beschlossen wir, erst mal eine Pause zu machen, und kaum waren wir dort, begann es zu regnen, so dass unser Ausflug zur „Wiege des Christentums“ buchstäblich ins Wasser fiel. Ihn auf den nächsten Tag zu verschieben, war aufgrund der „safe crossing times“ ebenfalls nicht möglich, denn dann hätten wir vor halb zehn auf der Insel sein müssen und wären dort bis zum frühen Nachmittag nicht mehr weggekommen.

Kategorien: 2004 - Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

The Borders 2004 – Teil 3

Edinburgh

In den nächsten zwei Tagen besichtigten wir verschiedene Museen und Ausstellungen und fuhren mit dem Bus kreuz und quer durch die Stadt. Auf diese Weise erfuhren wir eine Menge über die Geschichte Schottlands und seiner Hauptstadt.

 Auf dem Campingplatz wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Busse in Edinburgh und Umgebung eine Tageskarte für zwei Pfund gibt, den sogenannten „Day Saver“. So beschlossen wir, nicht mit dem Rad in die Stadt zu fahren, was sich als weise Entscheidung herausstellen sollte. Wie in allen Großstädten gibt es nämlich auch hier recht viel Verkehr, und die Regeln erschlossen sich uns, wenn überhaupt, nur bedingt. Ich hatte meistens den Eindruck, dass jeder in der Gegend herum fährt, latscht oder steht, wie er lustig ist. Vom oberen Deck des Doppeldecker-Busses sahen wir des Öfteren haarsträubende Szenarios, wenn die Busfahrer im Slalom zwischen parkenden Autos und anderen Hindernissen hindurch fuhren. Wie sie es schafften, nirgendwo dagegen zu schrammen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Wenn man Edinburgh zu Fuß erkunden möchte, braucht man eine recht gute Kondition, denn die Stadt ist auf sieben vulkanischen Hügeln erbaut, so dass es ständig bergauf und bergab geht. Die Einheimischen machen das wie nix, aber wir als Flachlandtiroler gerieten auf den langen, steilen Treppen der „Closes“ doch gelegentlich aus der Puste.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zu den Straßen und Gebäuden der Stadt: Es gibt die „Streets“, also die größeren Straßen, die durch die „Closes“ miteinander verbunden sind. Diese sind oft steil und von Treppen versehen und dienen als Abkürzungen. Die Gebäude selbst wurden früher „Lands“ genannt, was in manchen Namen noch zu sehen ist, z. B. in „Gladstone’s Land“ oder „Websters Land“. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Häuser recht hoch gebaut, da Platz schon damals knapp war. Die ärmsten Bewohner der Häuser wohnten ganz oben und ganz unten, und die wohlhabenderen Leute in den mittleren Stockwerken zogen es außerdem vor, nach hinten hinaus zu wohnen, da die Straßen vor den Häusern sehr schmutzig waren. Kein Wunder, schließlich war es üblich, den Eimer, den man zur Verrichtung seiner Notdurft verwendete, mit dem Ruf „Gardyloo!“ (vom französischen „Gardez l’eau!“ – „Vorsicht, Wasser!“) einfach aus dem Fenster zu kippen.

Dies und noch vieles mehr erfuhren wir bei unseren Streifzügen durch die Stadt, den Besuchen des Stadtmuseums und des „People’s Museum“ und bei der Führung durch „Mary King’s Close„, die weiter unten noch ausführlich beschrieben wird.

Auf eine Besichtigung der Burg verzichteten wir, da es im Radführer hieß: „Unter den historischen Gebäuden der Stadt ist das meistbesuchte und zugleich uninteressanteste: die Burg, die architektonisch nichtssagend und zudem mit militärischen Exponaten gefüllt ist.“ Wir beschränkten uns also auf den Burghof und die Aussicht.

Dafür besichtigten wir neben den bereits erwähnten Dingen noch St. Giles Cathedral und die „Tartan Weaving Mill & Exhibition“, eine Weberei, in der man sehen kann, wie die Stoffe für Kilts hergestellt werden. Dort gibt es auch eine Ausstellung über die Geschichte und Entwicklung der „Highland Dresses“. Außerdem fuhren wir auch in das Hafengebiet von  Newhaven und Leith, wo es furchtbar windig war.

Wie überall hat auch in Edinburgh der öffentliche Nahverkehr seine Tücken. Als wir am Abend zurück zum Campingplatz wollten, waren  wir am Levenham Roundabout, ein paar Haltestellen vor unserer, die letzten Fahrgäste im Bus. Dort wurden wir gebeten, den Bus zu verlassen, da dies die Endstation sei. Der Bus würde um den Kreisverkehr herum und dann wieder zurück fahren. Wir stiegen aus und gingen eine Haltestelle weiter. Dort stellten wir fest, dass der nächste Bus in ein paar Minuten kommen sollte, also warteten wir. Als er dann kam, trauten wir unseren Augen nicht! Es war nämlich derselbe Bus, den wir verlassen mussten, mit demselben Fahrer und zum Teil denselben Fahrgästen, die allerdings vor uns ausgestiegen waren. Das sehr junge Paar mit dem kleinen Kind nebst Mc-Donalds-Luftballon hatte sich mir nämlich eingeprägt. Was wir falsch gemacht hatten, oder welches geheimnisvolle Prinzip dieser Begebenheit zugrunde lag, werden wir wohl nie erfahren.

Einmal wurden wir auch des „queue-jumping“ bezichtigt. Selbstverständlich ist uns bekannt, dass man sich an Haltestellen ordentlich anstellt und nicht vordrängelt, aber man möge uns zugute halten, dass unser ungeübtes Auge das ungeordnete Häuflein nicht als Reihe wahrgenommen hatte. Nett fanden wir übrigens die Schilder über den Türen: „You should not get off the bus between two stops. Doing so is both dangerous and illegal.“ Das klingt doch viel schöner als „Aussteigen zwischen den Haltestellen verboten“.

Am nächsten Morgen ging es mir nicht gerade gut. Ob das am chinesischen Essen vom Vorabend lag oder am Cider, den wir von unseren Nachbarn geschenkt bekommen hatten, weiß ich nicht. Auf jeden Fall verbrachte ich einen größeren Teil  der ersten Hälfte des Vormittags auf der Keramik. Gut, dass wir uns ein relativ ruhiges Programm vorgenommen hatten.

Wir begannen mit dem Besuch des Prestongrange Museum, das sich in direkter Nachbarschaft des Campingplatzes befindet. Unser Radführer beschreibt es als „…ungewöhnliches Museum, das den Ursprung der Stadtgeschichte betrifft: Prestonpans ist eine frühindustrielle Stadtgründung, die sich auf Kohle- und Salzförderung stützte. Als Zentrum des Museums ist ein Förderturm (bzw. ein Steingebäude mit Fördereinrichtungen) restauriert worden.“ Wir wurden von einem netten Herrn durch die Anlagen geführt und konnten den Turm mit seiner riesigen Pumpe sowie den Brennofen für Backsteine auch von innen bewundern. Außerdem machte unser Führer uns auch auf die Stellen aufmerksam, an denen sich früher ebenfalls Gebäude befunden hatten, und auf den Hafen, der wieder ausgegraben werden sollte.

Da sich der Zustand meiner Eingeweide inzwischen wieder normalisiert hatte, wagten wir die halbstündige Busfahrt in die Stadt. Dort investierten wir sieben Pfund pro Person für eine Führung durch Mary King’s Close, und das war es auch wirklich wert. Diese „Close“ befand sich dort, wo jetzt die „City Chambers“ sind, die am Ende des 19. Jahrhunderts auf den Fundamenten und Wänden der alten Gebäude errichtet wurden, die praktisch „geköpft“ wurden. Aufgrund der Hanglage sind jedoch Teile der alten „Close“ noch erhalten. Diese wurden restauriert und hergerichtet, so dass man einen Eindruck des Lebens verschiedener Familien zwischen dem 16. und 19. Jahrhunderts erhält.

Der Prospekt kündigte an, dass wir von einer der Figuren, die früher dort gelebt hatten, durch die Gebäude geführt werden sollten. Unser „guide“ war Walter King, ein „foulis cleaner“, dessen Aufgabe es war, die Wohnungen der Pestopfer zu reinigen. Wir wurden durch die verschiedenen Räume geleitet, die nur sehr dürftig beleuchtet waren, und unser Führer erzählte uns von den Lebensumständen damals, der Pest und den Gespenstern, die immer noch durch die „Close“ irren. Da er wunderbar anschaulich erzählte, konnten wir uns da unten gepflegt gruseln, und bei der Beschreibung der Pestsymptome wurde mir ganz anders. Es war wirklich eine gelungene Führung.

Dann besuchten wir noch das „Writers‘ Museum“ in einem wunderschönen alten Gebäude, dass sich vor allem mit Sir Walter Scott, Robert Burns und Robert Louis Stevenson befasst.

Außerdem bummelten wir durch die verschiedenen Geschäfte und beobachteten ein paar Maurer, die hoch oben auf den Burgberg ein Gerüst für Reparaturen an der Burgmauer errichteten. Die Leute sind wirklich schwindelfrei.

Natürlich gibt es in Edinburgh und Umgebung noch viel mehr, aber man muss immer eine Auswahl treffen, und wir hatte eine Menge Dinge dieser faszinierenden Stadt gesehen.

Kategorien: 2004 - Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.