Wandern in Zeiten der Corona

Man könnte annehmen, dass ich gerade während des Lockdown und des daraus resultieren Homeoffice Zeit zum Wandern finden würde, aber dem war nicht so. Erstens stellte ich nämlich fest, das Fernunterricht, und vor allem der Kurs an der Universität, auch eine ganze Menge Zeit kostet.  Klar spare ich mir die Fahrzeit und den Puffer, den ich immer einplane, aber so eine Unterrichtseinheit muss ganz anders vorbereitet werden, da durch das Fehlen des direkten Kontakts auch die Möglichkeit des Improvisierens zu einem großen Teil wegfällt.

Zweitens war man ja sowieso angehalten, so viel wie möglich zu Hause zu bleiben und die öffentlichen Verkehrsmittel nur zu benutzen, wenn es unbedingt notwendig ist. In den Wanderforen und -gruppen gab es dazu auch regelmäßig Zoff: „Bewegung an der frischen Luft, also auch Wandern, ist gesund“ versus „Wir sollen doch zu Hause bleiben!“

Da wir bereits Mitte März angehalten waren, den öffentlichen Nahverkehr zu meiden, beschloss ich, mit dem „Hilligenpad (Heiligenpfad)“ hier in der Umgebung zu beginnen. Der ist mit den Öffis sowieso etwas schwierig, und man muss sich zu den Etappenstarts und -zielen doch bringen und abholen lassen. Das widerspricht zwar irgendwie meinen Prinzipien, aber das sei nun einmal so. Am 15. März ließ ich mich also von Peter beim Hof Espelo absetzen, um von dort aus bis hinter Lonneker und  nach Hause zu laufen.

So etwas wie einen Startpunkt fand ich dort nicht, aber nach einigem Suchen stieß ich auf die ersten violett-weißen Markierungen. Dass es sich um eine „Besinnungsroute“ handelt, merkt man schon am Wanderführer. Normalerweise bekommt man deutliche Richtungsangaben („An der dritten Kreuzung links“), während es hier recht verschwurbelt hieß: „So, nun hast du also wirklich deine Pilgerreise angefangen.“ Oder: „Du befindest dich in der Nähe eines besonderen Ortes“. Doof nur, wenn man den nicht findet oder erkennt, aber gut. Ich beschloss, mich darauf einzulassen oder es zumindest zu versuchen.

Ich kam am Fischweiher des Hof Espelo vorbei (früher aßen Katholiken am Freitag Fisch), und dann ging es weiter durch ein Neubaugebiet mit Häusern, in denen in Krimis meistens die reicheren Schurken oder zumindest Verdächtigen wohnen: Schuhschachteln mit viel Glas.

Dann stellte ich fest, dass ich Station 2, die Kapelle des Heiligen Jakobus des Älteren, verpasst hatte. Sollte ich umkehren? Ich beschloss, erst mal weiter zu gehen und die Kapelle ein andermal zu suchen. Doch bald kam ich an einen Pfad, der aufgrund der Regenfälle der vergangenen Woche so schlammig war, dass an ein Weitergehen erst mal nicht zu denken war. Ich nahme es – ganz im spirituellen Modus – als Zeichen des Heiligen Jakobus, dass ich erst mal seine Kapelle suchen sollte.

Auf dem Rückweg nach Lonneker bewunderte ich die Stromverteilerkästen und schaute im „Urinoir bezet“ vorbei, dem wohl einzigen Museum, das während des Lockdown geöffnet blieb.

Obwohl man schon angehalten war, Abstand zu halten, waren die Terrassen der Restaurants gut besucht, doch ich verzichtete darauf, dort einen Kaffee zu trinken. Am selben Tag sollten dann Schulen und Restaurants geschlossen werden.

Kurz darauf entdeckte ich tatsächlich die Kapelle, die von hier aus nicht zu übersehen war. Wenn man von der anderen Seite kam, dann allerdings schon. Von dort aus ging ich nach Hause.

Am 22. März ging ich dann wieder zum Matschpfad, der inzwischen zwar immer noch matschig, aber immerhin wieder begehbar war.

Ich kam an einem Wegkreuz und Resten des ehemaligen Landwehrs vorbei, aber weiterhin war es wenig spektakulär. Außerdem begenete ich im Gegensatz zur letzten Woche wenig Leuten. Die waren wohl alle am Strand, zumindest sah es in den Nachrichten so aus. Am nächsten Tag wurden die Maßnahmen verschärft.

Danach verlief das „Abenteuer Hilligenpad“ erst mal im Sande, aber vielleicht mache ich demnächst damit weiter. In den nächsten Wochen machten Peter, der inzwischen im Homeoffice saß, einen Mittagsspaziergang. Oft gingen wir zu dem Weiher, wo ich vor zwei Jahren mühsam mit Krücken unterwegs war, um die diversen Wasservögel zu beobachten. Oder ich unternahm Steifzüge durch die Straßen in der Umgebung und suchte mit Blumen bemalte Stromveteilerkästen, die ich irgendwann in den sozialen Medien und meinem Berufsblog verbraten möchte.

Aber am 19. Juni war mal wieder Gelegenheit für eine längere Wanderung, da Peter nach Kampen musste und mich mitnehmen konnte. Ich ließ mich von ihm bei der IJsselbrücke in Zwolle absetzen und dackelte gemütlich bei Premiumwetter am Fluss entlang (ca. 18 km).

Auf den ersten Blick erschien es sehr einfach: Bei der Brücke rechts abbiegen und dann dem Fluss folgen. Aber erst muss man um die Katerveer- und die Spoolderschleuse rum, danach kann man tatsächlich am Fluss entlang wandern.

Der Weg führt zum Teil direkt am Ufer durch das Überlaufgebiet (uiterwaarden), zum Teil über den Radweg auf dem Deich. Unterwegs gab es eine Menge zu sehen: Storchennester, diverse Wasservögel, badende Kühe, grasende Pferde und Schafe, zahlreiche Boote und Schiffe etc.

Gelegentlich blieb ich auf einer Bank sitzen und ließ mir die Sonne auf den Pelz scheinen, und bei Wilsum gönnte ich mir eine ausgiebige Rast mit Fußbad. Dass ich mich beim Aufstehen volle Kanne in eine Brennessel stützte, war etwas weniger geschickt, aber das ist ja bekanntlich gut für die Durchblutung.

Am Nachmittag erreichte ich das Ziel meiner Wanderung, die Stadtbrücke von Kampen, wo ich von Peter wieder aufgesammelt wurde.


Fazit: Eine schöne Strecke, genug Zeit und bestes Wetter – was will der Mensch mehr? Ich hoffe, dass in diesem Sommer noch mehr Gelegenheiten zum Wandern kommen.

 

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Kreativität in Zeiten der Corona

Noch immer sind die Zeiten etwas merkwürdig, aber ich kann mich noch immer nicht beklagen. Ich habe zwar im Moment etwas weniger Arbeit, aber das ist eigentlich nicht verkehrt. So bleibt mal wieder Zeit, um mehr oder weniger kreativ zu werden. Da man in Deutschland jetzt in den Geschäften und dergleichen Masken tragen muss und sie auch bei uns in den öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht werden, habe ich schon mal vorgesorgt und für Peter und mich je zwei nach dem Muster von Nähfrosch genäht:

Als ich mich mit der ersten präsentierte, fragte Peter vorsichtig: „Ist das jetzt unhöflich, wenn ich sage, dass sie dir gut steht?“ So langsam entsteht eine neue Etikette.

In den nächsten Wochen kamen noch einige für Familie und Freunde dazu. Da ich noch einen umfangreichen Vorrat an Quiltstoffen habe, kann ich etwas aussuchen, das auf irgendeine Art mit den Empfängern zu tun hat.

Die Masken mit den Instrumenten gingen an zwei befreundete Musiker, die Nordsee-Masken an Schwager und Schwägerin, die ebendort leben und die mit den Kastanien ist für meine Mutter, die – wie ich auch – immer die erste Kastanie aufhebt und in die Jackentasche steckt, etc.

Außerdem entdeckte ich die Initiative „Een mooi gebaar“ (Eine nette Geste), wo man das Muster für einen gehäkelten Krankenhausbären herunterladen kann. Auf Facebook sah ich zahlreiche Abwandlungen des Grundmusters und häkelte auch einen Krankenhausbären und einen Handwerkerbären. Die beiden leisteten erst Struppie am Fenster Gesellschaft und reisten dann nach Deutschland. Dort sind sie inzwischen angekommen und wurden von meiner Nichte und meinem Neffen begeistert in Empfang genommen.

Ein Raumpflegebär für eine Kollegin aus der Synagoge, die auf der Intensivstation saubermacht, ist noch in Arbeit. Ihr seht also, langweilig ist es nicht, obwohl ich brav so viel wie möglich zu Hause bleibe.

 

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Lebenszeichen zu Ostern

Liebe Leser,

ich hoffe, euch geht es gut in diesen merkwürdigen Zeiten.

Wie schon vielerorts festgestellt ist Ostern dieses Jahr anders als sonst. Und nicht nur Ostern, vieles geht seit einiger Zeit nicht mehr seinen gewohnten Gang: Ich bleibe so viel wie möglich zu Hause (im Moment ist das auch nicht so tragisch, da mir draußen zu viele Pollen herumschwirren), experimentiere mit verschiedenen Formen von Fernunterricht, wobei ich eine Menge lerne und bin vor allem froh, dass meine Lieben und ich selbst gesund sind.

Unser Mitbewohner hat eine wichtige Aufgabe übernommen: Er nimmt an der sogenannten Bärenjagd teil. Dabei sitzen Teddybären am Fenster, so dass Spaziergänger (nicht nur Kinder) etwas zu sehen haben. In diesen Zeiten sind die Bären auch ein Zeichen der Verbundenheit. Selbstverständlich hat sich Struppie mit Feuereifer in diese Aufgabe gestürzt.

Und voriges Jahr hat der Gatte dieses Osterei gestaltet – ein Meisterwerk von bestechender Schlichtheit gepaart mit großer Aussagekraft. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, es ist perfekt.

In diesem Sinne: Frohe Ostern euch allen, lasst euch nicht unterkriegen und macht das Beste draus! Bleibt zu Hause und bleibt vor allem gesund.

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Und wieder ist ein Jahr vorbei – Jahresrückblick 2019

So ein Jahr vergeht schnell, und wieder ist es Zeit, das letzte Jahr Revue passieren zu lassen. Der Fuß machte in diesem Jahr immer noch Fortschritte, d. h. plötzlich gingen Sachen wie das Betreten der Galerie in meinem Arbeitszimmer über die recht schmale Leiter, zum Zug sprinten und dergleichen wieder. Eine Kollegin, die sich vor einigen Jahren eine ernsthafte Knieverletzung zugezogen hatte, konnte dies bestätigen – so ein Heilungsprozess dauert halt.

Was war das Beste für Dich an diesem Jahr?
Dass es mal wieder ein recht normales Jahr ohne allzuviel Gedöns war. Manche Dinge braucht man einfach nicht.

Hast Du 2019 etwas gemacht, das Du noch nie zuvor gemacht hast?
Nichts Spektakuläres, auf jeden Fall bis jetzt. Aber seit einigen Jahren bin ich Mitglied bei der Organisation „Vrienden op de fiets (Freunde auf dem Fahrrad)“, wo man zu einem günstigen Preis in Privathaushalten übernachten kann. Beim Pieterpad habe ich das des Öfteren getan, und jetzt sind wir selbst Gasthaushalt geworden. Wir hatten zwar bisher zwei Anfragen, die wir jedoch nicht annehmen konnten, weil wir dann selbst nicht da waren, aber vielleicht wird es nächstes Jahr besser.

Hast Du all Deine guten Vorsätze aus dem Vorjahr beherzigt?
Auf dem Overijssels Havezatenpad bin ich ein ganzes Stück weitergekommen, ungefähr 125 km, beim Trekvogelpad waren es etwas weniger, nämlich 37. Daneben habe ich ein paar kleinere Wanderungen auf der Runde von Enschede, dem Hanzestedenpad und dem Twentepad gemacht. Das Loswerden der Frustkilos und der Verbessern der Kondition hätte besser gehen können, aber das geht nächstes Jahr ja auch noch.

Hast Du gute Vorsätze für das nächste Jahr?
Dasselbe wie im Jahr davon, nämlich weiterhin regelmäßig wandern gehen, vor allem auf dem Overijssels Havezatenpad und dem Trekvogelpad. Einen der beiden würde ich auch ganz gern zu Ende laufen, aber das ist vielleicht ein bisschen zu ehrgeizig.

Welche Länder hast Du 2019 besucht?
Deutschland, Frankreich, Belgien und Irland.

Was möchtest Du 2020 haben, was Du 2019 nicht hattest?
Eine Badewanne (siehe unten).

Welches Datum aus 2019 wirst du nie vergessen?
Kein bestimmtes Datum, aber eine schöne Reise auf die grüne Insel.

Was war Dein größter Erfolg 2019?
Dass ich den ganz normalen Alltag einigermaßen überstanden habe.

Welches war Dein größter Fehler?
Keine größeren Fehler, das übliche Kleinzeugs und diverse Fehleinschätzungen halt.

Hast Du eine Krankheit oder eine Verletzung gehabt?
Im Januar eine Grippe, gepaart mit einem hartnäckigen Husten, der mir mehrere Wochen treu blieb. Ansonsten die üblichen Zipperlein.

Was war das Beste, was Du gekauft hast?
Diverse Bücher, in elektronischer und in Papierform.

Wessen Verhalten erschreckt Dich oder macht Dich traurig?
Diesmal das der zahlreichen AfD-Wähler in Thüringen. Das verheißt wenig Gutes.

Wofür ging das meiste Geld drauf?
Wir haben die Terrasse und den Vorplatz neu herrichten lassen. Schon nach zwei Tagen sah es so ordentlich aus, dass sich einige Kursteilnehmer fragten, ob sie vor dem richtigen Haus standen. Und die Irlandreise war auch nicht gerade billig.

Worüber warst Du so richtig aus dem Häuschen?
Vielleicht über die wunderschönen Ausblicke bei unserer Irlandreise. Bei Aussichts-punkten haben wir ja normalerweise Pech, entweder regnet es oder es herrscht dicker Nebel.

Welches Lied wird Dich immer an 2018 erinnern?
Im Zusammenhang mit besagter Irlandreise „Galway Girl“ von Ed Sheeran. In Galway hat es auch diesmal wieder geregnet.

Verglichen mit 2018, warst du im Jahr 2019

…glücklicher oder unglücklicher?
Glücklicher, es ging mir ja wieder deutlich besser.

… reicher oder ärmer?
Um einiges reicher, das letzte Jahr war ja in dieser Hinsicht nicht ganz so der Brüller. Wir haben auch gleich ein neues Badezimmer bestellt, mit seniorenfreundlicher Badewanne. Gemacht werden soll das Ganze nächstes Jahr im April. Schaun mer mal.

Wovon hättest Du lieber mehr gemacht?
Gewandert natürlich, und gebloggt, wie auch letztes Jahr. Die Ideen habe ich ja, aber mit der Umsetzung hapert es des öfteren.

Wovon hättest Du lieber weniger gemacht?
Nichts, des basst scho.

Wie hast Du Weihnachten verbracht?
Am Heiligabend hatten wir Frühschicht in der Synagoge, wo es gleich mal Geburtstagstorte gab. Die hatte aber nichts Christi Geburt zu tun. Abends hat unser Chor in der Christmette gesungen, wo wir fast ausgeräuchert wurden. Der Pastor findet Weihrauch nunmal so schön. Hätten die Drei Könige dem Kind nicht was anderes mitbringen können, z. B. Glühweingewürz? Die restlichen Feiertage ruhig mit Spaziergängen und dergleichen.

Hast Du Dich 2019 verliebt?
Alles wie gehabt.

Welches war Deine Lieblingssendung im Fernsehen?
„Sterren op het doek“, bei dem drei Künstler jeweils einen Promi malen, während der Moderator (in dieser Saison Kolumnist Özcan Akyol, den ich sehr gern lese) sie interviewt.

Hast Du jemanden oder etwas hassen gelernt?
Nö, hassen finde ich immer noch zu viel gesagt. Gelegentlich rege ich mich über jemanden auf, aber wer tut das nicht?

Welches war das beste Buch, das du 2019 gelesen hast?
Am amüsantesten fand ich diesmal „Gray“ von Leonie Swann (die mit den Schafskrimis). Diesmal ist der Held allerdings ein Graupapagei, der einem recht weltfremden Professor aus Cambridge bei der Aufklärung eines Mordes hilft. Da das Tier auch noch recht musikalisch ist, gibt’s einen Ohrwurm inklusive: „Ra ra ranana, ga ga ulala, we’re in a bad romance …“

Was war deine größte musikalische Überraschung 2019?
Der Opern- und Musiclasänger Henk Poort. Wir entdeckten ihn bei dem Fernsehprogramm „Beste Zangers“, wo verschiedene Sänger das Repertoire der jeweils anderen singen. Mir ging es dabei so ähnlich wie einem Kommentator auf YouTube: „I watched it for Floor Jansen and I discovered Henk Poort“. Nur war ich eher zufällig in das Programm gestolpert und fand Floor Jansen, die stimmgewaltige Frontfrau der finnischen Metalband Nightwish, interessant genug, um die Folge, die ihr gewidmet war, anzuschauen. Und während die anderen Teilnehmer eher auf safe spielten und eher Balladen coverten, die irgendwann mal für Floor wichtig waren, wagte sich Henk Poort am weitesten aus seiner Comfort Zone und sang die Disturbed-Version von „Sound of Silence“. Später sang er zusammen mit Floor „The Phantom of the Opera“, ein Duett, das einen aus den Socken haut! Aber am schönsten finde ich seine Interpretation von „Vincent“ in der niederländischen Übersetzung von Martine Bijl. Schon der Satz „En in die warme zomernacht heb je het eindelijk opgebracht wanhopig van de wereld weg te gaan“ ist mehrerer Literaturpreise würdig.

Was hast Du Dir gewünscht und auch bekommen?
Dass sich die Auftragslage gegenüber dem letzten Jahr wieder stabilisiert hat.

Was hast Du Dir gewünscht und nicht bekommen?
Hier wiederhole ich den Satz vom letzten und vorletzten Jahr: Eigentlich nichts, ich wünsche mir nicht mehr so viel, sondern versuche mich über die Dinge zu freuen, die meinen  Weg kreuzen.

Welches war Dein Lieblingsfilm in diesem Jahr?
Downton Abbey – what else?

Was hast Du an Deinem Geburtstag getan und wie alt bist Du geworden?
Nichts besonderes, wir haben in aller Ruhe zu Hause gefeiert. Und ich bin wieder etwas älter, wenn auch nicht unbedingt weiser geworden.

Welche eine Sache hätte Dein Jahr zufriedenstellender gemacht?
Eine Badewanne, die fehlt mir schon eine ganze Weile.

Was hielt Dich gesund?
Das weiß ich nicht genau, vielleicht Glück?

Erzähle uns eine wertvolle Lebenslektion, die Du in diesem Jahr gelernt hast!
Dieselbe wie im letzten Jahr: Es kommt, wie es kommt, und manchmal braucht es sehr viel Geduld.

Auf was freust Du Dich im Jahr 2020?
Unser neues Badezimmer (einschließlich seniorenfreundlicher Badewanne), neue Wanderungen und vieles mehr.

Und nun lasse ich dieses Jahr etwas nachdenklicher mit „Vincent“, gesungen von Henk Poort ausklingen und wünsche euch allen ein gutes, gesundes und glückliches Jahr 2020.

 

 

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Frohe Weihnachten!

Da wir morgen die Frühschicht in der Synagoge haben (Gäste willkommen heißen, Eintrittkarten verkaufen, Fragen beantworten etc.), habe ich den Baum heute schon gebastelt. Wie letztes Jahr ist es ein Bücherbaum geworden:

Christbaum19

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten, Chanukkah oder was ihr an diesen Tagen feiert. Danke für euren Besuch hier beim Grenzwanderer.

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Overijssels Havezatenpad: Etappe 5 und 6 (Rijssen – Ommen)

Eigentlich hatte ich die beiden Etappen schon im August zurückgelegt, aber man kommt ja zu nix! Auch diesmal bin ich zwei Etappen in drei Tagen gelaufen.

Ich fuhr wieder mit der Bahn nach Rijssen, wo ich erst auf die Suche nach dem Landgut Oosterhof ging, das ich beim letzten Mal ja verfehlt hatte. Die Strecke vom Bahnhof auf die Route war einigermaßen gut markiert und führte durch den Volkspark, wo auch einige Stationen des Weltzeitpfades sind. Dieser führt von Rijssen nach Holten, und auf dem Pieterpad hatte ich ein Stück des anderen Endes gesehen. Außerdem kam ich an einem Gehege mit Pfauen uns sonstigem Getier vorbei. Grundgütiger, die Viecher machen einen Krach!

Dann kam ich übe eine idyllische Brücke zum  Gutshaus Oosterhof, das auch das Museum von Rijssen und das Feuerwehrmusem beherbergt. Es hatte zwar noch nicht geöffnet, aber immerhin standen ein paar Feuerwehrautos in der Einfahrt.

Inzwischen befand ich mich wieder auf der Route, aber in welche Richtung musste ich jetzt? Meinem untrüglichen Instinkt folgend ging ich erst in die falsche, aber zum Glück merkte ich meinen Irrtum schnell. Bei Premiumwetter ging es an der Windmühle Pelmolen vorbei, wo auch Bootsfahrten angeboten werden. Der Weg führt wieder am Wasser entlang, und es ist sicher gut, dass es eine Wegmarkierung nach rechts gibt, bevor man geradeaus in den Bach latscht.

Unterwegs sah ich noch einige kuriose Dinge. Der Fußweg führte unter einer Brücke mit variabler Durchgangshöhe hindurch, die Holzbohlen bewegten sich also mit dem Wasserstand. Dieser war zum Glück nicht so hoch, sonst wäre es eng geworden. Dann musste ich über einen Zaunübertritt auf eine Weide, die so matschig war, dass ich beschloss, barfuß weiterzugehen. Die Weide wird von einem Bach durchquert, durch den man über drei Steine muss. Diese stehen jedoch etwas schief, so dass ich befürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren und mit Rucksack und allem im Wasser zu landen. Also prüfte ich vorsichtig, wie tief der Bach ist (knapp knietief) und ging hindurch. Danach lief ich ein ganzes Stück barfuß auf einem Feldweg weiter, bis meine Füße wieder trocken waren – Mindfulness purst!

Außerdem passierte ich das Gehöft Rectum, das tatsächlich recht weit draußen liegt.  Am Wegesrand wurden gelegentlich leckere Dinge feilgeboten, wie zum Beispiel Kürbisse oder Marmeladen. Gut, Kürbissuppe könnte ich gelegentlich mal wieder machen, aber einen Kürbis etliche Kilometer mitzuschleppen ging mir doch etwas weit. Und Marmelade hatten wir noch genug.

Nach einer Weile ging es durch das Naturgebiet Wierdense Veld, wo Schafe aller Art grasten und die Heide fröhlich blühte. Es war recht warm, und so freute ich mich über einen Ruhepunkt (rustpunt) unterwegs, wo ich mir ein Eis gönnte, bevor ich zum Bahnhof Nijverdal ging und den Heimweg antrat.

Am nächsten Tag ging es von Nijverdal aus weiter. Dort kam ich an einer Textilfabrik vorbei durch eine verwunschene Gasse. Schon bald hatte ich die Ortschaft verlassen und war draußen am Wasser.

Nach einigen wunderschönen Kilometern an der Midden Regge entlang erreichte ich den ehemaligen Gutshof Schuilenburg, von dem nur noch die Scheune übrig ist. Diese tut jetzt Dienst als „Sagenscheune“ und wird von einem Ritter bewacht, dessen rechter Arm abgebrochen ist und hinter ihm auf dem Boden liegt. Ein wahrlich armer Ritter.

Das Wetter war wohl ideal zum Angeln, und ich entdeckt auch ein nettes Schild mit der Aufschrift: „Manchmal wollte ich, dass ich ein Fisch wäre, dann hätte ich immer was zum Saufen.“ Nette Gegend hier.

Die letzten Kilometer ging ich anhand von Fahrradknotenpunkten zur Bushaltestelle in Noord-Meer, von wo aus ich den Heimweg antrat.

Eine Woche später ging es dann weiter. Von Nord-Meer aus erreichte ich schnell wieder die Route. Ich kam am Schloss Eerde vorbei, von dem ich aus unerfindlichen Gründen kein Foto habe. Vielleicht habe ich aus Versehen mal zu gut aufgeräumt, denn ich bilde mir ein, noch um das Schloss rumgelaufen zu sein. Aber dafür habe ich ein paar vom Pfadfindercampingplatz Eerde, wo die Zeltwiesen so nette Namen haben wie „Birkenfeld“, „Vogelweide“ oder „Bei der Buche“. Auf dem Feld „Wespenlust“ möchte ich mein Zelt aber lieber nicht aufstellen.

Dann erreichte ich das Steile Oever, wo ich auf einer Bank eine Semmel und die Aussicht über den Fluss genoss. Es geht da schon recht steil runter.

Bald darauf kreuzte sich der Havezatenpad mit dem Pieterpad. Am 1. Dezember 2016 war ich also schon mal an dieser Stelle.  Damals steckten wir gerade mitten im Umzug – wie die Zeit vergeht.

Ich folgte der Route weiter nach Ommen, wo ich noch am Landgut Het Laer vorbeikam. Dieses Landgut verfügt auch über einen Eiskeller, in dem jetzt Fledermäuse hausen, die allerdings erst bei Einbruch der Dunkelheit aktiv werden.

So bin ich also wieder ungefähr 65 km weiter gewandert und dieses Jahr noch bis Ommen gekommen. Das reimt sich, und was sich reimt, ist wahr (Pumuckl).

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Anne Frank – A Living Voice

Vor Kurzem haben Peter und ich eine Erstaufführung besucht, und zwar gleich zweimal. Es handelt sich um das Musikstück „Anne Frank – A Living Voice“ der amerikanischen Komponisten Linda Tutta Haugen. Das Stück wurde insgesamt dreimal vom Gronauer Frauenchor „BellaDonna“ unter der Begleitung des Streichquartetts „Voirin“ (benannt nach dem französischen Bogenbauers Nicholas Voirin) aufgeführt: In der Evangelischen Stadtkirche in Gronau, der Synagoge Münster und im Festsaal der Synagoge Enschede. Eigentlich wollten wir nur die Aufführung in der Stadtkirche anschauen, aber es hat uns so gut gefallen, dass wir noch wissen wollten, wie sich das Ganze in „unserem“ Festsaal anhört. Kurz gesagt: Der Chor klang besser in der Stadtkirche, während die Musiker mit Schuberts Streichquartett Nr. 13 in der intimen Atmosphäre des Festsaals besser zur Geltung kamen. Kammermusik eben.

Für „Anne Frank – A Living Voice“ Linda Tutas Haugen im Jahr 2004 ausgewählte Tagebuchauszüge von Anne Frank für Frauenchor und Streichquartett vertont. Die Tagebuchauszüge wurden jeweils erst von Schülerinnen und Schülern der unterschiedlichen Aufführungsorte vorgelesen, in Gronau und Münster auf Deutsch und in Enschede auf Niederländisch. Dann wurde dieselbe Passage auf Englisch gesungen. Die Kinder lasen die Texte wirklich wunderschön vor, und die Musik hat mir gut gefallen. Beide Aufführungen, die wir gesehen haben, waren gut besucht, in Enschede mussten wir sogar einige Leute wegschicken. Vielleicht kann das Konzert ja irgendwann wiederholt werden. Schön fand ich auch, dass bei der letzten Vorstellung Frau Tutas Haugen persönlich anwesen war, um das Projekt zusammen mit den Sängerinnen abzuschließen.

Ein paar Auszüge aus dem Text zeigen, dass Anna Franks Tagebuch noch immer aktuell – „a living voice“ – ist:

„Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das Ende dieser Misere abzuwarten. Die Juden warten, die Christen warten, der ganze Erdball wartet, und viele warten auf ihren Tod.“

„Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein.“

„Und dennoch, wenn ich zum Himmel schaue, fühle ich irgendwie, dass alles sich zum Guten wenden wird, dass diese Grausamkeit ein Ende haben wird, dass der Friede zurückkommen wird. Inzwischen muss ich meine Ideale hochhalten. Vielleicht wird der Tag kommen, an dem ich sie verwirklichen kann.“

Sie selbst hat es nicht mehr erlebt. Gerade jetzt, wo die Zeitzeugen immer weniger werden, angesichts des Anschlags auf die Synagoge in Halle, des furchtbaren Wahlergebnisses in Thüringen, der rassistischen Sprechchöre beim Fußballspiel Den Bosch – Excelsior Rotterdam und vielem mehr ist es wichtig, die Erinnerung an sie und viele andere lebendig zu halten. Denn es ist unsere Verantwortung, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Gegen das Vergessen.

 

 

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Overijssels Havezatenpad: Etappe 3 und 4 (Delden – Rijssen)

Diese beiden Etappen wanderte ich über drei Tage verteilt, da 35 und 28 Kilometer schlichtweg zu lang sind, auch wenn es meinem Fuß wieder besser geht. Der erste Teil, von Delden zum Wiener Benteler Scheidingsweg, war sowieso eine Art Nagelprobe, da sich die erste Bushaltestelle bei acht Kilomtern befand, und die zweite erst bei 20. Dazwischen gab es nichts. Immerhin war Peter an diesem Tag zu Hause und könnte mich notfalls abholen, aber ich würde es halt auch gerne so schaffen.

Also fuhr ich am längsten Tag des Jahres mit dem Zug nach Delden, wo ich voriges Jahr aufgehört hatte. Der Weg führte nicht durch die Ortschaft selbst, sondern am Zentrum vorbei Richtung Landgut Twickel. Hier müsste man eigentlich die Route in Gegenrichtung laufen, so dass man sich auf das Schloss zubewegt.

Twickel

Eine Weile ging es gemütlich am Wasser entlang an der Noordmolen, einer restaurierten Ölmühle, vorbei.

Twickeler Vaart Noordmolen

Unterwegs grasten Pferde und Kühe, und ein Bauer verkaufte nicht nur Marmelade und dergleichen, sondern man konnte dort auch Bücher tauschen. Die Wespe, die mich dort unter dem Auge gestochen hatte, hätte es allerdings nicht gebraucht.

Boekenkast Landschap

Nach einer Weile erreichte ich das Pfannkuchenrestaurant Markenrichter. Nach meiner Erfahrung in Rheeze am Pieterpad hatte ich diesmal die Öffnungszeiten vorher überprüft und konnte mir einen leckeren Pfannkuchen einverleiben und meine Wasserflaschen nachfüllen.

Pannenkoek

Dann ging es weiter zur Bushaltestelle, wo der Bus allerdings so nah an den Rand fuhr, dass ich fast im Graben gelandet wäre. Trotzdem war es ein schöner Tag, und ich war rechtschaffen stolz, dass ich die 20 Kilometer geschafft hatte.

Gut sechs Wochen später, als die Temperaturen mal wieder etwas weniger sommerlich waren,  ging es dann weiter. Das Aussteigen aus dem Bus erwies sich als nicht ganz so gefährlich, oder vielleicht war ich einfach vorgewarnt?

Auf dem ersten Teil der Strecke wimmelte es nur so von Schlössern und Landgütern. Erst ging es an Huize Wegdam und wenig später Schloss Weldam vorbei.

Wegdam Weldam

Dann näherte ich mich dem Landgut Het Nijenhuis, und die Route führte praktisch dreiviertel um das Gebäude herum, so dass ich es von mehreren Seiten bewundern konnte.

Nijenhuis Nijenhuis2

Um Diepenheim herum gibt es sogar so viele Schlösser, dass die Straßenschilder Richtung „Huis te Diepenheim“ und „Overige kastelen (Weitere Schlösser)“ anzeigten. Am Huis te Diepenheim kam ich auch vorbei, aber Schloss Warmelo hätte einen Umweg bedeutet, zu dem ich an diesem Tag keine Lust hatte. Nicht nur bei Huis te Diepenheim mit den grasenden Gänsen, auch bei den Waldwegen konnte man sehen, wie trocken es in der letzten Zeit gewesen war.

Diepenheim Waldweg

Doch plötzlich war es vorbei mit dem schönen Wetter und der Himmel öffnete seine Schleusen. Aber ich gönnte der Natur den Regenguss, und es gibt ja auch kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung, und so stapfte ich in meinem Umhang weiter.

Regen Regen2

Ich kam noch an dem Herrenhaus Westervlier vorbei, wo man angeblich Wegegeld bezahlen musste. Aber von mir wollte niemand etwas, und so schlurfte ich weiter meines Weges.

Westervlier Weggeld

Beim Restaurant De Viersprong hätte ich eigentlich zum Schipbeek abbiegen und meinen Weg am Ufer fortsetzen sollen. Aber im Regen am Wasser entlang wandern ist nicht wirklich ein Vergnügen, also beschloss ich, hier den direkten Weg nach Markelo zu nehmen, wo ich sowieso in den Bus nach Hause einsteigen wollte.

Am nächsten Tag regnete es erst mal nicht, dafür wehte ein frisches Lüftchen, und zwar genau in die Richtung, in die ich wollte. Das erste Stück ging also recht flott. Und am Wegesrand blühten Blumen neben dem Mais, sehr schön.

Akkerrand Lüftchen

Danach ging es eine Weile über Sandwege durch die Borkelder Heide, die entgegen aller Erwartungen trotz der Trockenperiode wunderschön blühte.

Heide

Zwischendruch regnete es mal wieder, aber diesmal waren es eher kürzere Schauer. Gelegentlich war es etwas schwierig, die Markierungen zu finden, da mein Wanderführer nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand war und ich wohl nicht alle Updates im Internet erwischt hatte. So kam es, dass ich im Wald mal wieder falsch abbog und mich unversehens auf einer Mountainbike-Strecke wiederfand. Nichts wie weg, denn wenn da ein ganzes Rudel ankommt, gibt es eine Katrastrophe! Zum Glück konnte ich die Spur nach relativ kurzer Zeit wieder verlassen, kam aber dummerweise da wieder aus dem Wald heraus, wo ich hineingegangen war. Eine Wiederholung des Experiments schien mir nicht gerade erstrebenswert, und so fragte ich zwei Radfahrerinnen, in welcher Richtung Rijssen lag und ging um den Wald herum.

Auf diese Weise erreichte ich nach einer Weile den Ortsrand von Rijssen und ging durch ein endlos scheinendes Wohngebiet ins Zentrum, das mir aber nicht besonders gut gefiel, eine Einkaufsstraße mit den üblichen Geschäften halt. Und da ich auf der falschen Seite in den Ort gekommen war, verfehlte ich das einzige Landgut dieses Tages. Das würde ich beim nächsten Mal nachholen.

Nach einer Weile fand ich den Bahnhof, dessen schönes Gebäude allerdings nicht mehr genutzt wird, auf jeden Fall nicht als Bahnhofsgebäude. Durch den Tunnel trabte ich auf das richtige Gleis, wo ich zum Glück nicht lange auf den Zug warten musste.

Rijssen

Ich war wieder gute 60 Kilometer weitergekommen.

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Ostern am Trekvogelpad

Da der Hausherr mit den Passiespelen in Hertme beschäftigt war, wo er einen Pharisäer spielte, und ich ihn schon zweimal in dieser Rolle bewundert hatte, beschloss ich, an den Osterfeiertragen auf dem Trekvogelpad weiter zu wandern und hoffentlich wieder längere Etappen als im Vorjahr zu schaffen.

Tag 9, Hoenderlo – Otterlo: Nationalpark Hoge Veluwe

Nach acht Monaten, am 20. April, begab ich mich also am frühen Morgen zum Bahnhof. Die Stadtreinigung war noch nicht aktiv gewesen, und es fiel mir auf, wieviel Müll doch nach so einem Freitagabend auf den Straßen rumliegt. Können die Leute nicht einfach ihren Krempel mitnehmen und zu Hause entsorgen, zefix? Ich nahm mal wieder den Zug nach Apeldoorn, und der Bahnhof dort kam mir immer noch sehr bekannt vor, den hatte ich ja letztes Jahr öfter gesehen.

In Hoenderlo war strahlender Sonnenschein, und ich setzte meinen Weg fort, wo ich letztes Jahr aufgehört hatte. Am Eingang zum Nationalpark Hoge Veluwe reihte ich mich in die Schlange ein und entrichtete meinen Obulus. Es war recht viel los, doch die meisten Leute stürzten sich auf die Leihräder, so dass ich auf dem Wanderweg recht schnell meine Ruhe hatte. Gar nicht schlecht, in so einen populären Gebiet die Rad- und Fußwege unterschiedlich zu führen. Noch immer konnte man sehen, wie die lange Trockenheit im letzten Jahr der Landschaft zugesetzt hatte.

Da es in dieser Gegend wenig Bänke gab, machte ich mein Päuschen nebst Rucksackfie auf einem Baumstumpf.

Nach einer Weile erreichte ich das Jagdschloss St. Hubertus, wo wieder mehr los war, da das Seeufer und die zahlreichen Bänke zum Verweilen einluden. Das Schloss war im Auftrag der Familie Kröller-Müller von dem Architekten Berlage entworfen worden. Dieser hatte die Neue Sachlichkeit mit der Legende des Heiligen Hubertus verknüpft, in der ein grausamer Jäger bekehrt wurde, nachdem er einen gewaltigen Hirschen mit einem brennenden Kreuz zwischen dem Geweih gesehen hatte. Der Grundriss des Gebäudes stellt ein Geweih dar, aber das kann man von außen nicht so gut sehen. Spektakulär ist es aber auf jeden Fall.

Dann ging es weiter über gewundene Pfade zum Besucherzentrum und Museum Museonder, wo man sich die Veluwe von unten anschauen kann. Dort wurde gerade ein riesiger Parkplatz angelegt, und auch am Besucherzentrum wird eifrig gebaut. Auch ein Restaurant gibt es dort, aber angesichts der zahlreichen Besucher verzichtete ich darauf, dort einzukehren, sondern füllte nur meine Wasserflaschen nach und ging dann ins Museonder.

Schon der Eingang mit dem bekannten Dantezitat („Lasst alle Hoffnung fahren“) hatte es mir angetan, und auch die Baumwurzeln sind sehr beeindruckend. Ein Animationsfilm zeigt Geschichte dieses Gebietes. „Veluwe“ bedeutet „schlechtes Land“ (man denke hier auch an das englische „“fallow – brachliegend“). Das Gebiet hatte sich in der Eiszeit geformt (Moränenhügel und Schmelzwassertäler), danach hatte sich dort Wald angesiedelt, der jedoch von den Menschen abgeholzt wurde. Dadurch kam es zu Erosion und Sandverstiebungen, die man heute noch an vielen Stellen sieht. Die Veluwe wurde für die Holzproduktion wieder aufgeforstet, und heute ist es eine Landschaft aus Wäldern, Heide und Sandverwehungen.

Nach dieser informativen Pause ging es weiter zum Kröller-Müller-Museum. Da ich in der „falschen“ Richtung unterwegs bin, näherte ich mich dem Museum von hinten über Sanddünen und Treppen.

Im Gebäude wimmelte es von Menschen, vor allem Asiaten. Deren Kleidung bestand größtenteils aus einem schwindelerregenden Mustermix, neben dem sogar Van Goghs Sonnenblumen verblassten. Da ich ja, wie man weiß, kein Freund von Menschenmassen bin, beschränkte sich mein Rundgang auf die Van-Gogh-Gemälde, die man ja vor allem von Postern und Kunstkalendern kennt. Dann suchte ich mir ein halbwegs ruhiges Plätzchen im Garten und dachte daran, wie ich vor Jahren einmal mit zwei Freundinnen aus der alten Heimat hier gewesen war. Es war damals auch um Ostern herum, aber es herrschte deutlich weniger Betrieb. Auf Leihrädern waren wir vom Eingang Otterlo hierher gefahren, und dreimal dürft ihr raten, wer das Rad mit dem durchweichten Sattel erwischt hat. Im Museum befand sich auch einiges modernes Gedöns, und mitten im Gang stand ein Eimer. Dieser gab uns besonders viele Rätsel auf. Warum ein Eimer, und warum stand er genau da, wo jeder vorbei muss? Was wollte uns der Künstler damit sagen? Die Antwort konnte banaler nicht sein: An dieser Stelle war das Dach undicht.

Ich verließ das Museum wieder – dank meiner Jahreskarte kann ich auch hier umsonst rein – und setzte meinen Weg nach Otterlo fort. Nicht weit von der Bushaltestelle gönnte ich mir in einem Eiscafé einen Riesenmilkshake und fuhr dann ohne weitere Vorkommnisse nach Hause.

Tag 10, Otterlo – Ede: Ein warmer Tag

Am nächsten Tag fuhr ich morgens wieder nach Otterlo, wo ich von der Bushaltestelle ins Zentrum ging. Wie in Hoenderlo hält man auch hier Bürgersteige für überbewertet. Ich kam an einem Fliesenmuseum vorbei, das aber leider noch nicht geöffnet hatte.

Dann war ich wieder im Wald, genauer im Naturgebiet Planken Wambuis. Ich betrachtete die teilweise bizarren umgestürzten Bäume und konnte mir vorstellen, dass es abends hier ganz schön unheimlich sein könnte.

Irgendwann kam ich an Kunstwerken von einem gewissen Adri Verhoeven vorbei. Ich taufte die Serie spontan „Hinkelsteine am Wegesrand“, aber der Künstler hatte seinen Objekten andere Namen wie „Zweeds Verlangen“ oder „Groene Blaadjes, Oude Stenen“ gegeben. Nett fand ich auch die Hochlandrinder, die teilweise gemütlich zwischen den Steinen grasten. Kunst und Landschaft pur!

 

Erst verlief die Route noch über Waldwege, dann ging es ein ganzes Stück über einen fast schnurgeraden Radweg zur Mosselboerderij. Inzwischen war es ganz schön warm geworden.  Vor mir schob ein Mann einen Rollstuhl mit einer Frau darin. Er hatte ein ganz schön flottes Tempo drauf, Respekt. Bei der Gastwirtschaft setzte ich mich zu zwei Radfahrerinnen an eine Picknickbank, wo ich erst mal Schuhe und Socken auszog. Wir unterhielten uns gemütlich, und als ich meine Semmeln verspeist hatte, füllte ich meine Wasserflaschen nach und setzte meinen Weg fort.

Weiter ging es zum Naturgebiet Ginkelsche Heide, wo ich mir beim Restaurant Juffrouw Tok wieder eine Pause und einen kleinen Imbiss gönnte. Fast hätte ich dort meinen Sonnenhut vergessen, was ziemlich unpraktisch gewesen wäre. Da die Bäume noch nicht sehr belaubt waren, gab es unterwegs doch weniger Schatten als erhofft.

Über ausgedehnte Heidefelder mit eingen Grabhügeln ging es weiter Richtung Bahnlinie. Unterwegs verpasste ich mal wieder eine Markierung, kam aber nicht so weit von der Strecke wieder heraus wie befürchtet. Auf einem Rastplatz stand ein Eisverkäufer, an dem ich natürlich nicht einfach so vorbeigehen konnte. Dann folgte ich den Gleisen bis zum Bahnhof Ede-Wageningen. In diesen zwei Tagen hatte ich doch 37 km zurückgelegt.

Ab jetzt muss ich wieder übernachten, mal sehen, wann es weiter geht. Im der Facebookgruppe zum Trekvogelpad meinte allerdings jemand, dass ich den schönsten Teil schon hinter mir habe. Aber ich denke doch, dass ich irgendwann weiterlaufen werde. Im Moment bin ich allerdings noch mit dem Havezatenpad beschäftigt.

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Der 4. Mai in den Niederlanden

Heute, am 5. Mai, wird in den Niederlanden der Bevrijdingsdag (Befreiungstag) gefeiert, an dem die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg beendet war. Am Vorabend, dem 4. Mai also, findet die Nationale Dodenherdenking (Nationaler Totengedenktag) statt. Dabei wird der niederländischen Kriegsopfer gedacht, die im Zweiten Weltkrieg und danach im Krieg und bei Friedensmissionen ihr Leben verloren haben.

Dies ist für das ganze Land ein Moment, um bei den Gräueln des Krieges und der Bedeutung von Frieden und Freiheit still zu stehen – und zwar wörtlich: Um acht Uhr werden zwei Schweigeminuten eingehalten, in denen auch der Verkehr im ganzen Land stillsteht. In den letzten Jahren scheint dieses Konzept jedoch weniger breit getragen zu werden. Es gibt Diskussionen, welcher Opfer man jetzt genau gedenken soll, jüngere Leute sagen, dass das doch alles schon lange her ist, und voriges Jahr wollten die Ladenbesitzer in Rotterdam nicht, wie sonst üblich, gegen 19 Uhr schließen. Dagegen erhob sich in den sozialen Netzwerken Protest, viele versahen ihr Profilfoto mit dem Banner „4 mei – ik ben 2 minuten stil“. Die Gemeinde Rotterdam hob die verkürzten Ladenöffnungszeiten nicht auf, und das ist auch gut so. Manche Dinge sind wichtiger als der schnöde Mammon.

Jede Gemeinde begeht diesen Abend feierlich auf ihre eigene Art. In Enschede spielte ab 17.00 Uhr Esther Schopman auf dem Glockenspiel der Grote Kerk, und um 18.00 Uhr gab es in dieser Kirche ein Gedenkkonzert. Vom Glockenspiel bekamen wir nicht so viel mit, da es gerade ziemlich schüttetete und wir und deshalb schon im Vorraum der Kirche unterstellten. Das Konzert war aber sehr schön und bewegend: Der Chor „Capella Enschede“ sang das Requiem von Fauré, der Kinderchor „Capella Junior“ sang jiddische Lieder, die ca. 15jährige Violinistin Dora Raykova spielte u.a. den Kaddisch von Maurice Ravel und die ehemalige Stadtdichterin Moes Wagenaar las Fragmente aus „De schuilplaats (Und im Fenster der Himmel)“ von Johanna Reiss vor. Das Buch hatte ich, als ich 14 oder so war, auf Deutsch gelesen. Die Ortsnamen sagten mir damals wenig: Winterswijk, Enschede, Usselo – irgendwo in Holland halt. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass diese Gegend meine Wahlheimat werden sollte.

Nach dem Konzert formierte sich eine lange Reihe Menschen, die schweigend vom Rathaus zum Volkspark gingen, wo beim Kriegsdenkmal die Kranzniederlegung stattfand.  Das Kriegsdenkmal wurde von Mari Andriessen gestaltet und zeigt sechs verschiedene Personengruppen, die im Krieg „ohne dass sie es wollten, Held oder Opfer geworden sind“: Der Soldat, die KZ-Insassen, die Widerstandskämpfer, die Mutter mit ihrem toten Kind, die jüdische Mutter mit Kind auf der Flucht und die Geisel.

Die Menschen stellten sich in einem weiten Kreis um die Figuren auf, und während das Valerius-Ensemble spielte und Nicholas Mansfield, Direktor und Dirigent der Nederlandse Reisopera,  eine bewegende Rede über Freiheit und die damit einhergehende Verantwortung hielt, kamen immer mehr Leute durch die verschiedenen Eingänge in den Park. Um 20.00 Uhr läutete eine Glocke ein einziges Mal, und dann war es zwei Minuten still. Nur die Vögel sangen unbeirrbar weiter, aber die dürfen das.

Danach, nach dem „Last Post“,  wurden die Kränze niedergelegt. Der Bürgermeister legte den ersten bei der Geisel nieder, die Vertreter des Verteidigungsministeriums ihren beim Soldaten und die der Polizei wählten die Gruppe der Widerstandskämpfer. Dies ist hier durchaus passend, das sich in Enschede mehrere Polizisten im Widerstand engagiert und die Juden gewarnt hatten, wenn mal wieder eine Razzia geplant war. Die jüdische Gemeinde hatte wegen des Sabbats bereits am Vortag ihren Kranz zur jüdischen Frau gebracht. Nach den verschiedenen Würdenträgern legten Pfadfinder, Studenten und viele andere Gruppen und Vereine sowie viele  andere Leute Blumen nieder, wobei jeder ein anderes Monument auswählte.

Es war eine sehr bewegende und vor allem würdevolle Veranstaltung, und ich finde es beruhigend, dass noch immer so viele Menschen und vor allem auch junge Leute daran teilnehmen. Denn wenn wir eines nicht dürfen, dann ist es vergessen.

Kategorien: Literarisches und Kulturelles, Typisch Nederlands - typisch deutsch (?) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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