Ostseeradtour 2015 – Teil 7

Set your mind free, it’s the Year of Summer (aus “Year of Summer” von Niels Geusebroek)

Altefähr- Greifswald – Stubbenfelde Świnoujście (Swinmünde)Dargen – Stubbenfelde

In den letzten paar Tagen war es täglich ungefähr zwei Grad wärmer geworden. Unsere Nachbarn vom Campingplatz in Brunsbüttel würden jetzt sicher von angenehmen Temperaturen sprechen, aber wir fanden es inzwischen eine ziemliche Affenhitze. Temperatur ist je bekanntlich Geschmackssache.

Obwohl wir recht früh wach waren, schwitzten wir bereits beim Abbauen. Wir checkten aus und fuhren über den inzwischen vertrauten Kopfsteinpflastersandweg fuhren wir bis zur Brücke und dann über halbwegs gute Wege durch nette Dörfer nach Glewitz.

ostsee sandpiste

Dort nahmen wir die Fähre nach Stahlbrode. Außer uns waren noch einige Schwaben in Trikots der Stuttgarter Volksbank unterwegs, die auch noch Räder der Marke „Kästle“ fuhren. Hanoi, des isch aber jetz scho irgendwie luschdig.

Wir folgten den Wegweisern nach Greifswald, landeten aber bald auf einer Kopfsteinpflasterstecke, die einem alle Füllungen im Gebiss lockerte. Zwischendurch gab es mal ein paar hundert Meter Asphalt zur Erholung, aber dann wurden wir wieder fröhlich durchgeschüttelt. Es war fast so schön wie in dem dänischen Dorf Møgeltønder. Dass die Bundesstraße daneben im besten Zustand war, wirkte nicht gerade frustabbauend. Irgendwann fanden wir, dass es Schluss war mit lustig, und wir beschlossen, trotz der Hitze einen Umweg über Groß Karrendorf zu fahren.

Von der Topografie her erinnert die Gegend etwas an die irische Westküste: Die Dörfer sind so klein, dass man sie kaum als solche erkennt, dafür sind die Entfernungen zwischen ihnen größer. Wir fuhren durch idyllische Ortschaften wie Leist 1 bis 3 und machten irgendwann Pause in einem schattenspendenden Bushäuschen, das wohl vorwiegend von Schülern genutzt wird. Interessiert studierten wir die Inschriften an den Wänden und erfuhren, dass ein gewisser Basti der totale Heckenpenner und Kübi eine Torte ist. Auf dem Hausdach gegenüber thronte ein Storchenpaar in seinem Nest und klapperte friedlich vor sich hin.

Danach folgte wieder eine Rüttelstrecke, bis wir bei Neuenkirchen ein Einkaufszentrum entdeckten. Der Gatte, der mir mal wieder etwas voraus war, bog ab und sah dann aus dem Augenwinkel einen Radfahrer geradeaus weiterfahren. Er dachte, dass ich das wäre und wunderte sich nicht schlecht, als ich kurz danach aus der anderen Richtung zu ihm aufschloss. Wir kauften eine Riesenflasche Saft, die wir sofort vertilgten.

Dann fuhren wir weiter nach Greifswald, wo wir bald die Wolgaster Straße fanden. Wir hofften, dass diese irgendwann in die Wolgaster Landstraße übergehen würde, an der sich unser Campingplatz befinden sollte, der allerdings auf keiner Karte eingezeichnet war. Tatsächlich fanden wir ihn nicht weit von der Klosterruine Eldena entfernt, ein schöner Platz, der sich deutlich noch im Aufbau befand.

campinggreifswald

Wir fuhren zur unbesetzten Rezeption und lasen den Aushang, dass wir uns einen Platz suchen und aufbauen sollten. Als wir uns umsahen, fragte ein junger Mann: „Möchten Sie bleiben?“ Auf unser eifriges Nicken fuhr er fort: „Schatten?“ und zeigte uns dann, wo wir am besten stehen konnten. Wir bauten unser Zelt so auf, dass wir Aussicht auf die Dänische Wieck, eine schöne Bucht im Greifswalder Bodden, hatten. Danach gingen wir  duschen und kauften im nahegelegenen Supermarkt für das Abendessen ein – Brot, Salat, Häppchen und dergleichen, sowie eine Flasche Hugo, das Modegesöff der Saison, mit dem bei unserem Chor auch gerne mal angestoßen wird.

Danach packten wir unser Badezeug und gingen zur Dänischen Wieck. Für das Strandbad muss man zwar Eintritt zahlen, aber auf der anderen Seite des Zauns gibt es einen Naturstrand. Dort versammelte sich nach Feierabend die ganze arbeitende Bevölkerung Greifswalds zum Abkühlen. Hier nahm Peter sein erstes Bad in der Ostsee. Es geht sehr flach ins Meer, so dass wir ein ganzes Stück laufen mussten, aber dann war es sehr erfrischend.

daenischewiek daenischewiek2

Danach ließen wir uns unser Abendessen schmecken, und ich stellte fest, dass sich im Gras zahlreiche abgemähte Brennnesseln befanden. Barfuß sollte man hier besser nicht laufen. Als es zu dunkel zum Lesen wurde, gingen wir schlafen.

Am nächsten Morgen wachte ich mit leichten Kopfschmerzen auf, was sicher am Wetter lag, nicht am Hugo. Aber nach zwei Tassen Kaffee wurde es wieder besser, und wir fuhren nach Greifswald, wo wir die Räder bei der Touristeninformation am Markt parkten und eine Karte besorgten.

greifswaldmarkt greifswaldmarkt2

Dann erkundeten wir die Stadt zu Fuß. Um es gleich vorweg zu nehmen, viel kam dabei nicht herum, da es einfach zu heiß und eigentlich jede Bewegung zu viel war. Aber ein bisschen kann ich doch über die altehrwürdige Universitäts- und Hansestadt berichten.

Greifswald wurde im 12. Jahrhundert  gegründet und gehörte anfangs noch zum Kloster Eldena. Im 13. Jahrhundert wurde die Stadt Mitglied der Hanse, aber leider hatten sie das Problem, dass der Hafen langsam versandete, wodurch die Stadt gegenüber den anderen Hansestädten zurückfiel. Im 30jährigen Krieg machten sowohl die kaiserlichen Truppen als auch die Pest der Stadt schwer zu schaffen. Wie Wismar und Stralsund wurde auch Greifswald nach dem 30jährigen Krieg von Schweden regiert.

Als erstes besichtigten wir den Dom St. Nikolai. Dem heiligen Nikolaus sind in Norddeutschland ziemlich viele Kirchen geweiht, was wohl daran liegt, dass er der Schutzpatron der Seefahrer ist. Während unseres Besuches wurde er gerade renoviert.

greifswaldnicolai greifswaldnicolai2

Dann gingen wir weiter zur Jacobikirche mit ihrer weißen Decke und den roten Backsteinsäulen.

greifswaldjacobi greifswaldjacobi2

Aber wie gesagt, besonders aufnahmefähig waren wir heute nicht, und so bummelten wir  auf den  Credner-Anlagen, einem Wall um die Stadt herum, zum Museumshafen, wo wir uns eine nette Bank für eine Sitzbesichtigung suchten.

greifswaldhafen greifswaldhafen2

Dann machten wir uns auf den Weg zum Marktplatz, um das unvermeidliche Fischbrötchen zu verspeisen, bevor wir uns noch ein paar Gebäude der altehrwürdigen Ernst-Moritz-Arndt-Universität, die im Jahr 1456 gegründet worden war.

greifswalduni greifswalduni2

Nach einem kurzen Besuch in der Marienkirche beschlossen wir, dass es viel zu heiß war, um noch mehr zu unternehmen. Wir kauften uns eine Zeitung und einige Dinge zum Abendessen ein und fuhren dann zurück zum Campingplatz. Wir suchten uns ein schattiges Plätzchen und lasen. In der Zeitung stand, dass an diesem Freitag Abend in der Stadt eine „Critical-Mass“-Aktion stattfinden würde. Dabei fahren möglichst viele Radfahrer in einem großen Pulk durch die Stadt, da sie zeigen wollen, dass sie genauso wie die Autofahrer Teil des Straßenverkehrs sind. In Greifswald sind sie rücksichtsvoll genug, um diese Aktion nicht, wie in anderen Städten, in die Hauptverkehrszeit zu legen. Schade, dass wir am Freitag nicht mehr da sein würden, sonst hätte ich da selbstverständlich mitgemischt.

Nach einem kurzen, halbwegs erfrischenden Bad in der Dänischen Wiek war es Zeit zum Abendessen. Es gab unter anderem des Gatten revolutionäre Variante des Heringsbrötchens, an der er sich aber selbst die Zähne ausbeißen durfte.

heringsbroetchen

Dann kam die Platzwärtin zum Abkassieren und auf ein Schwätzchen vorbei. Wir erfuhren, dass es den Platz erst seit Juli 2014 gibt, und dass sie und ihr Mann noch jede Menge Pläne haben. Sie erinnerten uns an Linda und Fergus vom Campingplatz in Norwich, wo wir vor zwei Jahren gewesen waren.

Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Wolgast. Ziemlich schnell wurde es sehr heiß, und ich schwitzte friedlich vor mich hin, während ich über das Kopfsteinpflaster ratterte. Irgendwie war ich nicht amüsiert, das war deutlich nicht mein Tag.

schelchtelaune

Erst fuhren wir die Hauptstraße entlang, dann führte uns die Route über eine Sandpiste, die an den Campingplatz Elbstrand erinnerte, und wo wir uns zu Fuß durchpflügen mussten. Ich hatte den Eindruck dass wer auch immer hier in der Gegend für die Radwege verantwortlich war, uns Radfahrer aus tiefster Seele hassen musste, anders konnte ich mir das nicht erklären. Kurz vor Wolgast erklärte uns ein älterer Herr, dass der Weg bald neu gemacht werden würde (immerhin) und wie man am besten durch Wolgast kommt. Aber immerhin passierten wir unterwegs nette Gebäude.

unterwegs unterwegs2

Wir navigierten durch die Stadt und überquerten dann die Brücke über den Peenestrom auf die Insel Usedom. Dort folgten wir erst der Hauptstraße, und dann führte uns ein Radweg durch den Wald, wo es fröhlich auf und ab ging. Bei der Affenhitze hatte das schon fast Tour-de-France-Qualität. Kurz vor Stubbenfelde stärkten wir uns erst mal mit einem Fischbrötchen und suchten dann den Eingang zum Campingplatz.

An der Rezeption wurden wir von einer Dame in Empfang genommen, die es schaffte, gleichzeitig gelangweilt und überfordert zu wirken. Was für ein Kontrast zu den reizenden jungen Leuten von gestern! Wir bekamen einen Platz auf der Zeltwiese zugewiesen, wo wir uns aber auf gar keinen Fall falsch hinstellen durften, es könnten ja noch mehr von diesen merkwürdigen Leuten mit Zelt kommen.

Als wir die Zeltwiese erreichten, war uns auch klar, warum, auf diesem riesigen Wohnwagenpark hatte man grad mal ein paar schmale Streifen auf einem Plateau zwischen Bäumen für Zelte reserviert. In Millimeterarbeit stellten wir unser Zelt am Rand zwischen drei Bäumen auf, als schon die nächsten Camper kamen. Wir boten an die Fahrräder woanders abzustellen, aber „der Baum bleibt stehen“, wie der Gatte meinte.

milimeterarbeit

Aber das Sanitärgebäude machte wieder eine Menge gut, es scheint in dieser Gegend wohl üblich zu sein, dass sie wahre Wellness-Oasen sind.

Nach einer Dusche gingen wir am Kölpinsee entlang nach Loddin zum Einkaufen. Unterwegs sahen wir wieder ein liebevoll bemaltes Trafohäuschen, wie sie uns auch schon in Stralsund und Greifswald aufgefallen waren.

koelpinsee koelpinsee2

trafohaeuschen trafohaeuschen2

Dann gingen wir über eine lange Treppe hinunter zum Strand – auch hier ist die Steilküste wieder beeindruckend. Das Wasser war deutlich kühler als in der Dänischen Wiek, wunderbar erfrischend. Doch dann mussten wir die Treppe wieder hoch und der Erfrischungseffekt war dahin.

usedomstrand usedomstrand2

Auf einer Bank verspeisten wir eine Schale Erdbeeren und beobachteten Möwen und Touristen. Dann gingen wir ins Zelt, wo wir unser Abendessen verspeisten. Die Zeltwiese wurde inzwischen ziemlich voll, und fast neben uns baute ein junges Paar mit einem kleinen Mädchen, das gerade sitzen konnte, ihr Zelt auf. Die Mutter legte der Kleinen die Zeltstangen hin und meinte: „Jetzt hilf mal dem Papa“, worauf die Kleine tatsächlich die Stangen in die Hand nahm. Das Zusammensetzten klappte aber noch nicht so ganz.

Im Biergarten vor dem Restaurant ließen wir den Abend noch ausklingen. Urlaub ist schon schön.

Am nächsten Tag gönnten wir uns erst mal zwei Tassen Kaffee, es war ja schließlich Wochenende. Dann brachen wir auf und fuhren den Radweg vom Campingplatz aus an der Küste entlang in Richtung Kaiserbäder. So werden die drei Seebäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck genannt, und sie sind bekannt für ihre Bäderarchitektur, die fröhlich alle möglichen Stilelemente aus Rennaissance, Barock und Jugendstil kombiniert. Außerdem sind viele der Häuser noch mit Erkern und Türmchen ausgestattet.

bansin

Da wir an diesem Tag eine größere Runde geplant hatten, nahmen wir uns nicht allzuviel Zeit zum Fotografieren, sondern merkten uns diesen Teil von Usedom für einen späteren Zeitpunkt vor. Aber die berühmte Seebrücke von Ahlbeck, Kulisse für die letzten Szenen des Loriot-Films „Pappa ante portas“ („Wir gratuliehieren, Frau Hensel wird heute ahachtzig Jahr…“) musste natürlich aufs Foto.

ahlbeck

In Bansin erkundigten wir uns erst einmal bei einer Verkaufsstelle der Adler-Reederei, ob man denn auf die Fähre nach Rügen auch Fahrräder mitnehmen kann. Bisher hatten wir nämlich nirgendwo zuverlässige Informationen dazu gefunden, nur Aussagen wie „Manchmal, unter bestimmten Umständen, könnte es gehen, aber wir garantieren nichts“. Der nette Herr in seinem Häuschen erklärte uns aber, dass dies kein Problem sei, und somit war die weitere Streckenführung klar: Von Peenemünde aus mit dem Schiff nach Binz.

Da wir schon so nah an der polnischen Grenze waren, wollten wir auch mal kurz ins Nachbarland schnuppern, und so radelten wir weiter zum Grenzübergang und nach Świnoujście (Swinemünde).

grenze grenze2

Das erste Stück Radweg in Polen war vom Feinsten, wahrscheinlich ist er so eine Art EU-Vorzeigeprojekt. Aber auch nachher konnte man nicht nölen. Obwohl wir uns im Grenzgebiet befanden, merkte man sofort, dass man im Ausland ist: die Straßen haben merkwürdige Namen, alle offiziellen Schilder sind auf Polnisch, es gibt keinen Euro, aber wohl Bankomaten (ich liebe dieses Wort) und Skleps, also kleine Läden. Wir bummelten ein wenig durch das Zentrum und suchten uns dann eine Bank für eine Sitzbesichtigung. Der Baustil einiger Gebäude in der Innenstadt erinnerte an die Kaiserbäder.

swinemuende swinemuende2

Wir sahen, dass einige Schilder, die auf touristische Attraktionen hinwiesen, auf Polnisch und Schwedisch waren. Später entdeckte ich, dass man von  hier aus auch mit der Fähre nach Trelleborg fahren kann.

Dann fuhren wir hintenrum Ost nach Garz und von dort aus nach Dargen, wo wir ein nettes Restaurant fanden und erst einmal eine Menge Apfelschorle vernichteten und unsere Wasserflaschen nachfüllten. Es war nämlich wieder sehr warm geworden.

Nach einem leckeren Mittagessen gingen wir ins DDR-Museum. Kühler war es dort nicht, aber die Ausstellung war sehr interessant. Das „Technik- und Zweiradmuseum“ bietet einen guten Einblick in das Leben der ehemaligen DDR, was Wohnungseinrichtung, Geräte etc. anging. Auch kann man zahlreiche Verpackungen von Lebensmitteln bewundern, und das meiste, das damals im Westen vorhanden war, gab es auch in einer Ostvariante (wir erinnern uns an die Spreewaldgurken im Film „Good Bye, Lenin“), aber eben nicht immer, und geschmeckt hat es wohl auch anders.

 Ich musste an die Care-Pakete denken, die wir immer in der Vorweihnachtszeit an unsere Thüringer Verwandtschaft geschickt hatten (Kaffee, Zucker, Plätzchen, Schokolade). Alles in dem Paket musste genauestens dokumentiert werden, und Bücher und Zeitschriften konnte man besser nicht mitschicken, es könnte ja was Verbotenes dabei sein. Im Gegenzug bekamen wir immer Stollen, der lecker war, und Schokolade, die eher merkwürdig schmeckte.

Peter fand vor allem die Autos interessant, man hatte damals tatsächlich nicht nur Trabbis, während ich fasziniert die alten Schreibmaschinen, Saftpressen und andere Dinge betrachtete. Ich entdeckte die Kosmetikserie „Florena“, die es immer noch gibt, und aus der meine derzeitige Lieblingshandcreme ist.

Dann fuhren wir durch das Niedermoorgebiet Thurbruch, vorbei an einer Wasserschöpfmühle. Auf den Wegen war wenig los, die meisten Leute waren wohl am Strand. Recht hatten sie!

thurbruch thurbruch2

Wir fuhren erst noch an einem Supermarkt vorbei, wo wir uns mit Saft eindeckten, und dann gingen wir ebenfalls Schwimmen. Mei, war des schee!

Danach lasen wir Zeitung. Ein Paar, das auf Usedom zu Besuch gewesen war, äußerte sich begeistert über die Qualität der dortigen Radwege. Diese Einschätzung konnten wir allerdings nicht uneingeschränkt teilen, wir hatten wirklich das ganze Spektrum erlebt – von wunderbar bis schlichtweg katastrophal.

Dann lagen wir noch auf dem Rücken und starrten in die Baumwipfel, wo man kaum einen Hauch spürte, bis es zu dunkel wurde, und verkrochen uns dann in den Schlafsack.

wipfel

Kategorien: 2015 - Ostseeradtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Pieterpad – Nach der Winterpause

Swalmen – Vierlingsbeek

Die Winterpause ist vorbei, lange genug hat sie ja gedauert. Eigentlich wollte ich ja vor einem Monat schon lospilgern, wurde aber von einer fiesen Grippe heimgesucht. Als ich deshalb im letzten Moment bei meinen bereits reservierten Übernachtungsadressen (näheres siehe unten) absagte, wollte man bei beiden von meinem Angebot, trotzdem zu bezahlen, nichts hören und sagte: „Wird erst mal wieder gesund, und vielleicht sehen wir dich ja beim nächsten Versuch.“ Und so war es dann auch.

Da ich mit einem Text für mein Berufsblog nicht weiterkam und mich außerdem noch mit diversen anderen Fragen herumschlug, hoffte ich beim Wandern meine Gedanken ein wenig ordnen zu können. Und als ich unterwegs an einer Bank mit der Aufschrift „Bank vertelt – Bank erzählt“ (wenn man genau hinschaut, kann man es lesen) vorbeikam, bastelte ich das Stillleben „Wandern – suchen – schreiben“:

Stilleben

Wo steht, dass „Bag Art“ nur mit Fahrradtaschen geht?

Da ich seit Anfang des Jahres ein schickes Smartfon besitze, nervte ich auch fröhlich Freunde und Bekannte mit Fotos von unterwegs. Die Selfie-Funktion habe ich zwar inzwischen auch entdeckt, aber diese dämlichen Dinger, mit denen man bei jeder Gelegenheit vollgespammt wird, gehen mir so unglaublich auf den Senkel, dass ich meinen Mitmenschen wenigstens das ersparen möchte.

Etappen, Orientierung und Kondition

Diesmal hatte ich geplant, drei Tagesetappen zu laufen, und zwar so, wie sie im Reiseführer angegeben sind: Swalmen – Venlo (23 km), Venlo – Swolgen (21 km) und Swolgen – Vierlingsbeek (21 km). Und diesmal kamen eigentlich nur insgesamt drei oder vier Extrakilometer zwischen Bahnhof oder Übernachtungsplatz und Route dazu. Die Bahn braucht für diese Strecke eine knappe Dreiviertelstunde, aber wie sagte Goethe so schön? „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“

Erstaunlicherweise kam mir nur zwei- oder dreimal mein Rechts-Links-Problem in die Quere. Einmal geschah das gleich am Anfang, weil ich mich von Holzschnitzereien an der linken Seite ablenken ließ, während ich rechts hätte abbiegen müssen.

Kunst kunst2

Aber jedes Mal merkte ich es rechtzeitig, so dass sich der Schaden in Grenzen hielt. Und auch im Wald, wo ich beim letzten Mal so spektakulär im Kreis gelaufen war, klappte alles wunderbar. Nur einmal lief ich aus Versehen etwas zu weit nach Osten, stieß aber schnell wieder auf die Route. Entweder lerne ich tatsächlich, Reiseführer und Markierungen richtig zu lesen, oder die Strecke ist in dieser Gegend einfach besser beschildert, was natürlich auch möglich ist.

markierungen markierungen2

Auch was die Kondition betrifft, war ich angesichts meines winterlichen Couchpotato-Daseins angenehm überrascht: Die Tagesetappen waren gut zu schaffen, und selbst der berüchtigte dritte Tag ging ausgezeichnet. Nur am Tag nach der Wanderung hatte ich Muskelkater, was sich aber schnell wieder gab.

Allein wandern

Immer noch gehen die meisten Leute davon aus, dass wir im Doppelpack unterwegs sind, aber dem ist im Moment nicht so. Und das ist auch in Ordnung, auch wenn ich diesmal auf einen schwierigeren Aspekt stieß: Wenn man keine Ablenkung hat, ist es nicht so einfach, unliebsamen Gedanken auszuweichen, wenn sie einen anspringen, und das kann gelegentlich recht konfrontierend sein. Aber ich versuchte, mich diesen Gedanken zu stellen und sie wirklich zu Ende zu denken, auch wenn es  weh tat. Manchmal muss man da durch, und dann wird es besser.

einsamesland einsamesland2

Diesmal wurde mir auch bewusst, dass ich, wenn ich mit anderen unterwegs bin, eher geneigt bin, denen die Führung zu überlassen und einfach mit zu dackeln. Wenn man allein unterwegs ist, geht das nicht, man muss seinen Weg selbst finden. Und ich kann mit Stolz vermelden, dass es meistens recht gut funktioniert!

wegweiser2

Begegnungen und Übernachtungen

Da es noch früh im Jahr war und ich außerdem an einem Montag unterwegs war, hatte ich relativ wenig Gegenverkehr. Aber am Anfang der Strecke traf ich ein Paar aus Beesel, das in dieselbe Richtung lief. Wir gingen hin und wieder ein Stück miteinander, dann trennten sich unsere Wege, bis wir uns wieder begegneten. Sie hatten die Strecke auf einem Navi, was sicher sehr praktisch ist und uns tatsächlich einmal vor einem Umweg bewahrte, aber irgendwie überzeugt mich das Teil nicht ganz, es wird alles recht vorhersehbar.

Dann waren da noch die netten deutschen Radfahrer, die mir meinen Pullover, den ich nicht ordentlich am Rucksack befestigt hatte, brachten, ein Spaziergänger mit Hund in Swolgen, der fragte „Die letzten Meter für heute?“ und der einheimische Radfahrer, der mir versicherte, dass ich noch auf dem richtigen Weg sei.

Auch diesmal übernachtete ich bei „Vrienden op de fiets“, in Venlo bei einem Vater von zwei Kindern, die dieses Wochenende auch da waren. Er stellt sein Gästezimmer zur Verfügung und kocht für die Radfahrer und Wanderer gerne mit. Seine Vorliebe für deutsche Schlager der 70er und 80er Jahre hätte nicht unbedingt sein müssen, aber immerhin war die Lautstärke sozialverträglich. Aber das Essen war lecker, er hatte einen guten Weißwein, und so verging der Abend bei gepflegter Unterhaltung.

In Swolgen übernachtete ich bei einem älteren Paar, das schon mehrfach mit dem Rad und zu Fuß nach Santiago gepilgert ist. Ein selbst herausgegebenes Büchlein von ihrer ersten Radreise dorthin liegt wohl in jedem Schlafzimmer, eine interessante Lektüre. Sie vermieten drei Zimmer und ziehen das Ganze professioneller auf, eher wie ein B&B.

Grenzwanderungen

Auch diesmal schrammte die Route wieder wunderbar an der deutsch-niederländischen Grenze entlang. Manchmal hat man die Grenzsteine an der rechten Seite, befindet sich also in den Niederlanden, und wenn sie links von einem sind, ist man in Deutschland.

grenzstein

Nördlich von Swalmen gibt es auch ein Stück, an dem man praktisch am Abgrund entlang läuft. Oben ist man in Deutschland, wo man am Rand des ausgestreckten Brachter Walds entlanggeht, während sich unten in den Niederlanden (daher kommt das!) Sumpfland befindet.

wandernamabgrund

Natürlich musste ich auch im Café „De Grens“ einen Imbiss zu mir nehmen. Die Ansammlung von Häusern hier hat übrigens drei verschiedene Namen, je nachdem, wo man schaut: De witte steen, De witte Stein, Der weiße Stein.

degrens wittestein

Die Hansestadt Venlo ist ebenfalls eine typische Grenzstadt, die in ihrer bewegten Geschichte zu verschiedenen Ländern, Herzogtümern etc. gehörte. Heute ist sie aufgrund ihrer Lage sehr beliebt bei deutschen und belgischen Touristen.

venlo venlo2

Abwechslungsreiche Landschaft

Über Langeweile konnte ich mich bei diesem Stück wirklich nicht beklagen. Ich kam durch viele verschiedene Wälder und Waldrandgebiete.

wald wald2

Bei Venlo ging ich länger an der Maas entlang, die ich dann bei Velden – Grubbenvorst mit einer Fähre überquerte.

maas maas2

Dort machte ich beim Glockenspiel des ehemaligen Ursulinenklosters Pause, bis besagtes Glockenspiel die Melodie „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ von sich gab – ein dezenter Hinweis, dass es auch für mich Zeit war, um weiter zu ziehen.

glockenspiel

Dann kam ich durch eine Heidelandschaft, wo ein Schild mich darauf aufmerksam machte, dass hier Tiere grasten, die gelegentlich etwas ungehalten reagieren könnten. Man sollte also Abstand halten und  sie nicht streicheln oder füttern. Um welches Getier es sich handelte, wurde allerdings nicht gesagt: Schafe? Rehe? Auerochsen? Mammuts? Oder gar noch Schlimmeres? Ich begenete jedoch nichts und niemandem und konnte unbehelligt meinen Weg fortsetzen.

heide

Außerdem führte die Route durch das Flugsandgebeit Boschhuizer Bergen, ein sehr interesantes Naturgebiet mit Kiefern und Wacholdersträuchern.

stuifzand

Und irgendwo unterwegs stieß ich noch auf folgenden netten Wegweiser:

wegweiser

Pieterburen rückt näher.

Kategorien: 2015/16 - Pieterpad | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Hinter uns mein Land

Normalerweise reblogge ich nicht, aber diesmal muss es sein. Danke, Elvira.

Quilt-Traum

Mich hat schon lange nichts mehr so tief  berührt. Diesen Text sollte jeder bis zum Ende hören. Dann wird jeder ihn sicherlich ein zweites Mal auf sich wirken lassen.  Mein Mann hat mich auf diesen Beitrag aufmerksam gemacht, denn ich sehe schon seit einigen Monaten nicht mehr fern.

Ursprünglichen Post anzeigen

Kategorien: Was nirgends reinpasst / Wat verder nergens past | 3 Kommentare

Ostseeradtour 2015 – Teil 6

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer… (Sprichwort)

Bögerende – Prerow – Stralsund – Altefähr

… aber mehrere wohl schon, obwohl es erst noch nicht so aussah. In der Nacht hatte es ziemlich stark geregnet, und der kräftige Wind hatte das Wasser seitlich in unser Innenzelt gedrückt. Dort hatte sich das meiste in Peters Buch versammelt, das in den nächsten Tagen mühsam getrocknet werden musste. Inzwischen habe ich wieder ein neues Exemplar, und das verregnete kann verliehen werden. Gut, dass ich meinen E-Reader abends immer in eine dekorative Ampelmännchentüte packe.

buchmalheur

Während des Frühstücks ließen wir die restlichen Sachen in der Sonne trocknen und fuhren dann los. Gemütlich ging es am Deich entlang Richtung Warnemünde. Dort zeigte uns ein netter Herr den Weg zur Fähre über die Warnow.

warnemuende warnemuende2

Im Hafen lag gerade das Kreuzfahrtschiff MS Sinfonia der Reederei MSC Cruises, die zu einer Kreuzfahrt nach Norwegen und in die baltischen Staaten aufbrechen sollte. Mann, ist das ein gewaltiger Oschi!

mscsinfoniamscsinfonia2

 Mit der Fähre überquerten wir die Warnow und fuhren weiter Richtung Osten. Rostock ließen wir aus, da wir gerade zwei Städte besucht hatten und jetzt mal wieder ein bisschen radeln wollten. Außerdem liegen die Campingplätze dort etwas ungünstig für Stadtbesichtigungen.

Erst führte uns die Strecke vor allem durch den Wald, wo die Wege noch nass waren, und wir zwischen Bäumen und Schlaglöchern Slalom fahren mussten. Es ist sicher eine schöne Mountainbike-Strecke, aber für beladene Tourenräder etwas weniger geeignet. Dafür wiesen uns nette alte Holzschilder den Weg.

Nach einer Weile erreichten wir Gral-Müritz. Dies war also die fiktive Ortschaft Korslbüttel aus Erich Kästners Buch “Emil und die drei Zwillinge”, das ich als Kind gelesen hatte, als ich das Meer noch nicht kannte. Doch seine Beschreibung des Meeres fand ich damals schon sehr schön:

„Und dort, wo der Strand aufhörte, begann das Meer! Es nahm, wohin man auch blickte, kein Ende. Es lag da, als sei es aus flüssigem Quecksilber. Am Horizont, ganz hinten, fuhr ein Schiff in den Abend hinein. Ein paar Lichter blinkten. Und am Himmel, der von der Sonne, die längst untergegangen war, noch immer rosig widerstrahlte, hing die Mondsichel. Sie sah noch ganz blass aus. Als ob sie lange krank gewesen wäre. Und über das pastellfarbene Himmelsgewölbe glitten die ersten Lichtstreifen entfernter Leuchttürme. Weit draußen heulte ein Dampfer. Die Großmutter und die beiden Kinder standen überwältigt. Sie schwiegen und hatten das Empfinden, als ob sie nie im Leben wieder würden reden können.“

graalmueritz graalmueritz2

Wir fuhren weiter und erreichten die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst zwischen dem Bodden und der Ostsee. Was weiter westlich “Haff” genannt wird, heißt hier also Bodden: Ein flaches, buchtartiges Küstengewässer. Der Name kommt wohl aus dem Niederdeutschen und bedeutet “Boden” oder “Grund”. Sie sind durch langgestreckte Inseln und Halbinseln von der offenen See abgetrennt und bilden Lagunen.  Da der Salzgehalt der Ostsee sowieso nicht hoch ist, sind die Bodden eigentlich schon Süßwasserseen, was sich auch auf die Flora und Fauna auswirkt.

Die Wege auf dem Darß sind zum Teil sehr gut, zum Teil aber auch recht abenteuerlich. Einmal mussten wir uns sogar durch ein Stück Sand pflügen. Manche Dinge müssen eigentlich nicht sein, fanden wir. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine Ahnung dass dieser Zustand durchaus noch steigerungsfähig ist. Die Gegend ist jedoch sehr schön, wir kamen an netten reetgedeckten Ferienhäusern und interessanten Kunstobjekten in der Landschaft vorbei.

darss darss2

darss4 darss5

Gelegentlich passierten wir Schilder mit den Hinweisen, dass man hier doch bitte nicht alles zubauen soll. Das kann ich verstehen. Nach Ahrenshoop fuhren wir an der Boddenseite entlang, wo das ganze  Reet wächst, durch die Ortschaften Born und Wieck. Dort kam eine Pferdeparade vorbei. Ein wirklich netter Empfang, aber es wäre doch nicht nötig gewesen. Inzwischen war es recht warm geworden und die Kühe bei Prerow suchten Abkühlung.

darss6 drass7

Da es Wochenende war, waren auf den Uferwegen viele Radfahrer und Fußgänger unterwegs, was das Tempo ziemlich verlangsamte, aber wir waren ja im Urlaub und nicht auf der Flucht.

Bald erreichten wir den Campingplatz Am Freesenbruch kurz vor Zingst. Dort brachte uns ein netter Herr mit dem Fahrrad zur Zeltwiese, wo überdachte Picknicktische mit Wäscheleinen dazwischen standen. Wir nutzen das gute Wetter und hängten erst mal alles zum Durchlüften auf, während das Buch auf dem Tisch lag und langsam vor sich hintrocknete.

camping

Im Campingladen kauften wir ein, und nach einem Imbiss gingen wir zum Strand, wo ich die Wassertemperatur testete. Es wurde langsam wärmer, bald würden wir wohl schwimmen gehen können.

Dann gingen wir noch zum Biergarten, wo wir den Abend ausklingen ließen. Im Dachgebälk der Bühne befand sich ein Schwalbennest mit Jungen, es gab also einiges zu beobachten. Und der Sommer war wohl tatsächlich gekommen.

schwalben

Da es inzwischen auch wärmer geworden war, konnte man länger draußen sitzen. Wir holten uns ein zweites Bier, doch kurz danach begannen die Damen an der Bar mit dem Aufräumen. Auf unsere Reaktion, dass wir nicht auf die Öffnungszeiten geachtet hatten und dass wir uns beeilen würden (man will ja keine Umstände machen), meinten sie, dass wäre kein Problem und wir könnten uns ruhig Zeit lassen. Also tranken wir noch gemütlich unser Bierchen aus und verzogen uns dann ins Zelt.

Am nächsten Morgen unterhielten wir uns beim Frühstück mit einer anderen Radfahrerin, die in Gegenrichtung unterwegs war. Sie kam von Rügen und warnte uns, dass die Radwege dort teilweise von so katastrophaler Qualität waren, dass ihr Rücken das nicht mehr mitgemacht hatte. Das verhieß wenig Gutes, aber man würde sehen. Die Stecke nach Stralsund sollte jedenfalls neu und schön zu fahren sein.

Wir verließen die Halbinsel in Richtung Barth und folgten dann der Ostsee-Route in Richtung Stralsund. Dort ist die Strecke wirklich so, wie man es von einem Fernradweg erwartet: guter Straßenbelag, deutliche Beschilderung und dazu noch ein wunderbarer Blick über die Ostsee und weite Felder. Was will der Mensch mehr?

unterwegs2 unterwegs

Aber irgendwas ist ja immer, und so verließen wir bei Groß-Korlshagen die Strecke, da wir auch mal wieder Ortschaften sehen wollten. Unterwegs kam uns ein Fahrschulauto entgegen, und Peter stellte fest, dass wir bisher noch nicht viele davon gesehen hatten. Woran das wohl liegen mochte? Meine Theorie war, dass wir ja meistens auf Radwegen unterwegs waren, und die Chance, dass man da auf ein Fahrschulauto stößt, ist wohl eher gering – außer der Fahrlehrer hat einen noch katastrophaleren Orientierungssinn als ich, was ihn wohl für seinen Beruf disqualifizieren würde.

Die Dörfer dort in der Gegend sind nicht gerade groß, aber irgendwann fanden wir eins mit einem Supermarkt, wo wir einkauften. Dann fuhren wir über die Transitstraße nach Stralsund. Auf diesen Straßen durfte früher der Verkehr aus der Bundesrepublik und anderen Ländern durch die DDR fahren. Für diese Strecken gab es ein Visum, man durfte sie nicht verlassen und musste so schnell wie möglich zu seinem Zielort fahren. Als wir damals auf Klassenfahrt in Berlin waren, kamen wir wohl irgendwie über Franken in die DDR, und unsere Lehrer schwitzten an der Grenze Blut uns Wasser. Noch heute ziehe ich meinen Hut vor Frau S. und Herrn F., dass sie überhaupt mit uns undiszipliniertem Haufen nach Berlin gefahren sind.

transitstrasse

Wir erreichten den Stadtrand von Stralsund, wo die Straße von monumentalen, teils wunderbar renovierten Gebäuden, von denen ich vermute, dass es sich um Jugendstil handelt, gesäumt war. Aber als Ausgleich waren die Rad- und Fußwege in einem ziemlich grauenhaften Zustand.

Wir durchquerten die Stadt und kamen zum Strelasund, wo die Rügendammbrücke die Insel mit dem Festland verbindet. Wir mussten uns erst mal im Baustellenverkehr orientieren, aber dann konnte ich eine weitere Brücke zu meiner Sammlung hinzufügen.

ruegendamm

Die Warnung, die unsere Campingnachbarin vom Morgen ausgesprochen hatte, erwies sich als richtig. Der Weg zum Campingplatz Altefähr war die Wahl zwischen Pest und Cholera, nämlich recht lockerer Sand oder Kopfsteinpflaster. Leute, ich bin zu alt für den Scheiß!

Der Campingplatz war jedoch sehr nett, und wir reservierten gleich für die letzte Nacht unserer Reise, da wir von Stralsund aus wieder nach Hause fahren wollten. Nachdem wir aufgebaut hatten, schauten wir kurz den Kletterwald hinter dem Platz an. Dann erkundeten wir das Dorf und den Hafen, fanden einen kleinen Supermarkt und umrundeten die Kirche.

altefaehr altefaehr3

Dann ließen wir uns am Strand auf interessanten Sitzobjeckten nieder und genossen die Sonne und den Blick über den Strelasund und die Stralsunder Skyline.

altefaehr2 altefaehr4

Wir gingen wieder zum Campingplatz und verspeisten leckere Flammkuchen vom Kiosk. In der Zwischenzeit hatten wir mehrere Nachbarn bekommen: Eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern und einem winzigen Zelt. Wir fragten uns, wie sie alle dort hinein passten, aber es schien zu funktionieren. Auf der anderen Seite stand das Zelt eines recht kräftig gebauten Paares, sie mit und er ohne Haupthaar, aber beide gleichermaßen mit Tattoos geschmückt, die noch einmal weggingen, um sich in das Rügener Nachtleben zu stürzen. Außerdem tauchten noch verschiedene Radfahrer auf.

Irgendwann verzogen wir uns ins Zelt und schliefen schnell ein. Der Schlaf war jedoch von kurzer Dauer, unsere Nachbarn kamen heim und enterten ihr Zelt mit einem Mordskrach. Sehr ärgerlich, aber anscheinend verspürte keiner Lust, sich mit diesem tätowierten Kleiderschrank anzulegen. Bald kehrte auch wieder Ruhe ein. Dafür weckte uns dann im Morgengrauen eines der beiden Kinder auf der anderen Seite, das sich aber von seinen Eltern schnell wieder beruhigen ließ.

Am Morgen schliefen wir aus und ließen uns mit dem Frühstück Zeit. Dann fuhren wir nach Stralsund. Wenn man die Strecke kennt, ist so ein Kopfsteinpflaster-Sandweg auch nicht ganz so dramatisch, weil man ja weiß, dass er irgendwann zu Ende ist. Wir überquerten wieder die Brücke und fuhren zum Ozeanum, wo wir unsere Fahrräder abstellten. Dort würden wir sie auf jeden Fall wieder finden. Wir trabten zur Touristeninformation, besorgten uns einen Stadtplan und erkundeten dann die Stadt.

Stralsund, das 1234 Stadtrechte erhielt, war eines der Gründungsmitglieder der Hanse. Wegen seiner Lage wird die Stadt auch „das Tor zur Insel Rügen“ genannt. Im 14. Jahrhundert war sie nach Lübeck die wichtigste Hansestadt im südlichen Ostseeraum, aber sie verlor nach dem Niedergang der Hanse an Bedeutung.

Am Ende des 30jährigen Krieges gehörte Stralsund fast 200 Jahre zu Schweden, was man wie in Wismar noch an zahlreichen Dingen sehen kann, z. B. der schwedischen Post, dem Kommandantenhaus mit seinem Schwedenwappen im Giebel und herumstehenden Wikingern.

 stralsundschweden2 stralsundschweden

Das Wahrzeichen der Stadt ist das Rathaus, das im 13. Jahrhundert im Stil der norddeutschen Backsteingotik (was auch sonst) errichtet worden war.

stralsundrathaus

Unser Stadtbummel führte uns durch die Fußgängerzone mit ihren monumentalen Gebäuden, deren Baustil ich allerdings nicht einordnen kann, und durch schmalere Gassen.

stralsund stralsund2

Wir besichtigten die Kirche St. Marien, wo uns als erstes die beeindruckende Orgel des Orgelbaumeisters Friedrich Stellwagen ins Auge fiel.  Laut Wikipedia  ist diese Orgel nur noch teilweise erhalten und hat nur noch 550 Pfeifen. Wie viele hatte sie dann vorher?Außerdem hängt dort ein Nagelkreuz, dass an die Opfer der Bombardierung von Coventry erinnert.

stmarien stmarien2

Wir pilgerten weiter zur Kulturkirche St. Jacobi, die gerade renoviert wird. Dort gab es gerade eine Ausstellung über die Theatergruppe „Die Eckigen“, der nur Menschen mit einer geistigen Behinderung angehören. Im Vorjahr hatten sie ihre eigene Version von Shakespeares „Sturm“ aufgeführt, und die Fotos davon waren sehr eindrucksvoll.

Danach gönnten wir uns eine Pause am Knieperteich, einer wahren Oase der Ruhe gegenüber der Stadtmauer.

knieperteich

Dann gingen wir weiter zur Nikolai-Kirche wo wir gerade rechtzeitig zu einer Führung ankamen. Glück muss der Mensch haben. Dabei lernten wir, dass die älteste der drei großen Pfarrkirchen Stralsunds (13. Jahrhundert) auch als Ratskirche Dienst tat. Es wurden also nicht nur Gottesdienste, sondern auch Ratssitzungen, Zunftversammlungen und sogar Märkte abgehalten. Während der Messen war es allerdings nicht erlaubt, Tiere mitzubringen.

Während des gut einstündigen Rundgangs wurden wir auf viele Details aufmerksam gemacht, die uns alleine wahrscheinlich nicht aufgefallen wären. So sind zum Beispiel an den Säulen nicht nur die Figuren, sondern auch die Steinmetzzeichen, die man normalerweise in die Steine ritzt, aufgemalt.

stnikolai stnikolai2

Der mittlere Teil des gotischen Hochaltars mit ursprünglich sehr detaillierten Schnitzereien ist leider fast leer. Aus Angst vor Bombenangriffen wurden 1943 die Figuren herausgenommen und auf umliegenden Bauernhöfen versteckt. Im strengen Winter 1946/47 hatten die Leute allerdings andere Prioritäten, und die Figuren endeten als Heizmaterial. 1997 bekam der Hochaltar ein neues, modernes Kreuz.

Ein sehr interessantes Denkmal ist die Anna selbdritt aus dem 13. Jahrhundert. Sie zeigt die Heilige Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind. In ihrem Oberkörper befanden sich früher Reliquien.

Außerdem gibt es noch die Blaue Kapelle mit modernen Glasfenstern von Johannes Schreiter und eine Astronomisch Uhr, die aber leiser nicht mehr geht. Neu an dieser Uhr war, dass sie die Einteilung des Tages in 24 Stunden zeigt.

Die Führerin konnte sehr mitreißend erzähle, so dass die Zeit wie im Flug verging und wir die recht niedrige Temperatur in der Kirche kaum wahrnahmen. Natürlich gab es noch viel mehr zu sehen, aber irgendwann nimmt man nicht mehr so viel auf. Mehr Details und Fotos kann man aber hier finden.

Am Ende der Führung entdeckte ich, dass ich die ganze Zeit von einer falschen Annahme ausgegangen war. Da die Renovierungsarbeiten verglichen mit anderen Kirchen der ehemaligen DDR, die wir bisher besichtigt hatten, nicht so umfangreich waren und das Gebäude recht gut aussah, dachte ich, dass es im Krieg wohl weniger abgekriegt hatte. Doch dann hörten wir von einem Paar, dass sie seit 1991 jedes Jahr kommen, um zu sehen, wie die Renovierung fortschreitet, und dass sie sehr beeindruckt sind von dem, was bisher erreicht worden war. So kann man sich irren.

Nach der ganzen Kultur wurde es Zeit für das leibliche Wohl. Wir fanden einen schönen Platz vor einem Restaurant in der Sonne und ließen uns riesige Fischportionen und das Störtebeker-Bier schmecken. Da sich der Pirat Klaus Störtebeker (niederdeutsch „Stürz den Becher) angeblich wegen seiner Trinkfestigkeit verdient hat, finde ich es sehr passend, dass man ein Bier nach ihm benannt hat.

stralsundrathaus

Dann bummelten wir noch etwas durch die Stadt, und ich kaufte ein paar Postkarten. Gelegentlich verschicke ich diese altmodischen Dinger nämlich ganz gerne. Die Briefmarken dazu zu finden war jedoch nicht so einfach. Nicht, weil man keine „für den Kontinent“ hatte, wie es uns in England mal passiert war, sondern entweder waren sie gar nicht vorhanden oder nur im Zehnerpack. Dann gingen wir noch zum Hafen, wo das Segelschulschiff „Gorch Fock“ vor Anker liegt.

gorchfock stralsundhafen

Schließlich fuhren wir wieder zum Campingplatz, wo wir unsere Postkarten schrieben, Zeitung lasen und etwas Ordnung in unser Gepäck brachten. Ich schaffte es sogar, eine Müslipackung in eine verschließbare Tüte umzufüllen, ohne etwas daneben zu schütten. Allerdings freute ich mich zu früh, die blöde Tüte fiel nämlich um, bevor ich sie verschließen konnte.

Dann gingen wir noch eine Weile an den Strand, bevor wir uns in unsere Schlafsäcke verkrochen. Am nächsten Tag wollten wir ja ein ganzes Stück weiter.

Kategorien: 2015 - Ostseeradtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Kultur in Gronau: Nachteinblicke

Gestern waren wir mal wieder in kultureller Mission auf der anderen Seite der Grenze unterwegs. In Gronau fand nämlich das Kulturspektakel „Nachteinblicke“ statt. Das Konzept an sich ist schon sehr interessant: Von 19 Uhr bis 1 Uhr finden an dreizehn Veranstaltungsorten in Gronau und Epe kurze Auftritte aller Art statt: Musik, Tanz, Kabarett, Dichterlesungen etc. Jeder Teilnehmer tritt im Laufe des Abends an drei verschiedenen Orten auf.

Die meisten Orte liegen nicht weit auseinander, und nach Epe fährt ein Shuttlebus, so dass man einfach von einem Auftritt zum nächsten wechseln kann. Es ist aber auch möglich, den ganzen Abend an einem Ort zu bleiben, da überall ein vielseitiger Mix an Genres angeboten wird. Und da das Spektakel in der Nacht stattfindet, sind die „locations“ auch noch beleuchtet, was für eine besondere Stimmung sorgt.

Aus dem recht umfangreichen Programm hatten wir im Vorfeld drei Gruppen ausgesucht, die wir unbedingt sehen wollten: Das Saxohponensemble der Musikschule, den Frauenchor „Bella Donna“ und die Barbershop-Formation „Tafelrunde“. Außerdem wollte ich auf jeden Fall in die Bibliothek. Ausgehend von diesen Eckpunkten stellten wir unsere Route zusammen, und der Rest würde sich ergeben.

St. Antonius

Wir starteten also um 19 Uhr in der Antoniuskirche mit dem Orgel-Trompeten-Duo T. Szöcs und A. Sander, die unterschiedliche Musikrichtungen präsentierten. Ich mag die Kombination Orgel und Trompete. Auf Wunsch des Gatten blieben wir noch sitzen, um den Gronauer Männerchor zu hören. Die Herren boten das klassische Männcherchor-Repertoire von Liebe, Herz und Schmerz, aber auch eine schöne Version des Udo-Jürgens-Schlagers „Ein ehrenwertes Haus.

Dann wurde es Zeit, um zur Evangelischen Stadtkirche weiter zu ziehen, wo Ute mit dem Saxophon-Ensemble auftrat. Die neunköpfige Gruppe zeigte, wie vielfältig ein Saxophon sein kann. Sie spielten Klassik, Jazz, bekannte Hits und Gospels, und wir lernten auch noch einiges über die verschiedenen des Saxophons, das übrigens ein Holzblasinstrument ist.

Stadtkirche Stadtkirche2

Danach gingen wir zur Stadtbücherei, wo man schon von weitem das Perkussionsensemble der Musikschule hören konnte. Auch wer nicht wusste, wo die Bücherei ist, konnte sie unmöglich verfehlen. Normalerweise ist eine Bibliothek ja ein Ort der Stille, nur nicht an diesem Abend. Und die Bibliothekarinnen saßen an ihren Ausgabeschaltern, verkauften Getränke und freuten sich über das zahlreiche Publikum.

Bibliothek Bibliothek2

Nach dem Auftritt der Trommler wurde es wieder ruhiger. Der Schriftsteller Alfons Huckebrink aus Münster las einige seiner „Kürzestgeschichten“ vor. Dabei geht es um skurrile Begegnungen in der Bahn, Wortspiele mit Autokennzeichen, Beobachtungen im Museum und die Frage, wem nun eigentlich die Grünphase an der Ampel gehört.

Dann gingen wir wieder zurück zur Stadtkirche, wo nacheinander die Frauenchöre „Klangvoll“ und „Bella Donna“ auftraten. „Klangvoll“ sang bekannte Evergreens, während „Bella Donna“ einige klassische Stücke und eine wunderschöne Version von „Der Mond ist aufgegangen“ zu Gehör brachten. Hier sind wirklich ein paar sehr schöne Stimmen dabei.

Glashaus

Nun wurde es Zeit für einen uns noch unbekannten Veranstaltungsort, das Glashaus, wo wir Reinhold und die „Tafelrunde“ sehen wollten. Das Gebäude gibt es auch erst seit 2013, es kann also vorkommen, dass man es noch nicht kennt. Da es sich aber in der Nähe des rock’n’popmuseums befindet, war es nicht schwer zu finden. Und dort machten wir die Entdeckung des Abends: die Schriftstellerin (und Gymnasiallehrerin) Theresa Sperling aus Nordhorn. Unbelastet von jedem Vorwissen ließ ich ihre Texte auf mich wirken. Ich werde auch jetzt nicht googeln, wie andere sie einordnen, sondern ungefiltert meine Eindrücke und Assoziationen aufschreiben.

Ihre Texte, die voll aus dem Leben gegriffen sind, halten die Mitte zwischen Poesie und Prosa und lassen mich an Textil denken. Rhythmisch, wie ein Schiffchen durch den Webstuhl schießt, bilden sich die Zeilen, und wie das Flüchtlingsmädchen Amilija in einem ihrer Texte webt sie mit Sprache. Die häufig verwendeten Reime geben den Texten eine Struktur, die sich aber ständig ändert, so dass vor meinen geistigen Auge ein subtil changierendes Gewebe entsteht:

„Zu Hause ist es nicht leicht,
ihr neues Zuhause wird der Klassenraum.
Dass die anderen mit ihr spielen wollen,
wird ihr geheimer Zaubertraum,
Ihr noch weitmaschiges Wörternetz
Wirkt wie ein warmer, weicher Flaum,
ein unsichtbarer Sicherheitssaum,
lässt sie sicher sein, dass sie ein Recht darauf hat,
nach vorne zu schauen,
lässt ihre Augen ein gerechtes Land sehen
und in dieses Land vertrauen.“

Und ich glaube, ich bin nicht die einzige, die der Schluss dieses Textes tief berührt zurückgelassen hat:

„Ich weiß nicht wirklich viel,
bin ja nur ein Wirtschaftsflüchtlingskind
und wurde sehr schnell abgeschoben,
aber einige Worte habe ich mir
wie ein Fallnetz unter mein Herz gewoben.
Sie sind das Ende eines langen Fadens,
der dunkelrot ist und nie bricht.
Hier sind meine Worte,
bitte vergessen Sie sie nicht:
Menschen kann man abschieben,
ihre Träume aber nicht.“

Hier ist also wieder Lesestoff für meine Wunschliste, und wenn sie wieder hier in der Nähe liest und es zeitlich passt, möchte ich gerne wieder vorbeischauen.

Nach diesem wirklich tollen Auftritt gab es noch einen etwas leichteren Schluss, nämlich die Barbershop-Formation „Tafelrunde“. Sechs Herren mit viel Spaß am Singen trugen a capella launige Stücke wie „Ich wollt, ich wär ein Huhn“, „Lass mich dein Badewasser schlürfen“ und dergleichen vor.

Glashaus2

Danach war der Abend zu Ende, und wir begaben uns über den dunklen Weg zurück zur Stadt – Mindfulness purst! Das Konzept der kurzen Auftritte und verschiedenen „locations“ ist sehr gelungen, und jeder einzelne Auftritt war wirklich gut. Man kann an verschiedenen Genres schnuppern, und wenn einem etwas nicht so zusagt, kann man gehen, ohne dass es jemand übel nimmt, und es kommt auch bald wieder etwas Neues. Die „Nachteinblicke 2017“ sind auf jeden Fall schon vorgemerkt.

Kategorien: Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

„Seekrank in München“ von Hallgrímur Helgason

Eigentlich hatte ich vor, dieses Wochenende meine Pieterpad-Wanderung fortzusetzen, aber jetzt sitze ich mit Halsschmerzen und einer Triefnase zu Hause. Toll. Aber ich hatte mich sowieso schon gewundert, dass der Erkältungskelch bisher an mir vorbeigegangen war, und außerdem herrscht gerade Schietwetter vom Feinsten. Also werde ich mein freies langes Wochenende zum Lesen und Schreiben nutzen, was ja nicht verkehrt ist.

seekrankinmuenchen

Zu Weihnachten bekam ich ein Päckchen aus der alten Heimat mit „bayerisch-nordischem Kultugut“, darunter das Buch „Seekrank in München“ (Stuttgart, 2015) des isländischen Schriftstellers Hallgrímur Helgason. Der Klappentext las sich schon mal vielversprechend: „Von einer märchenhaften Insel im Norden kommt ein junger Mann, um in München Malerei zu studieren. Er kennt weder Sprache noch Bier, aber er weiß genau, was er werden möchte: Künstler.“ Etwas merkwürdig fand ich, dass im Impressum der Titel der Originalausgabe unterschlagen wurde, aber Google ist ja mein bester Freund, und hier ist er: „Sjöveíkur i München“.

Der Protagonist, ein junger Isländer, der auch noch Jung heißt, ist ein richtiger Antiheld, der fast nichts auf die Reihe kriegt. In München landet er nur, weil er die Bewerbungsfristen der anderen Hochschulen verbummelt hat. Die Aufnahmeprüfung für die Münchner Kunstakademie hält er für eine reine Formsache und zeichnet einfach irgendwas, während die anderen Kandidaten „an ihren Tischen rackerten, als ginge es um Leben und Tod. […] Der Isländer hatte diesen deutschen Ernst nicht.“ (S. 138) Trotzdem wird er aufgenommen, da die Lehrer finden, dass er Potenzial hat.

Die Stadt München scheint ihm überhaupt nicht gut zu tun, was sich darin zeigt, dass er in Stresssituationen eine merkwürdige, schwarze, lavaartige Substanz erbricht, die unter anderem einen Papierkorb in Brand setzt, Löcher in die Schuhe eines ziemlich arroganten anderen Isländers (der bezeichnenderweise Thor heißt) ätzt und die Kloschüssel seiner Vermieterin ruiniert. Das schwarze Zeugs versaut ihm seine „italienische Reise“, die ja seit Goethe irgendwie zur künstlerischen Bildung gehört, und die zarten Bande mit der netten Italienerin aus der Cafeteria. Und als er bei einem Besuch in Ostberlin im Gefängnis landet, weil er in seiner grenzenlosen Naivität einen Wachturm der Berliner Mauer fotografiert hat, bringt diese merkwürdige Masse ihn in zusätzliche Erklärungsnot.

Selbstverständlich ist in diesem Buch auch viel von (moderner) Kunst und der Frage, was nun eigentlich Kunst ist, die Rede. So überlegt Jung, ob sich aus dieser schwarzen Masse nicht irgendetwas machen ließe, immerhin hätten andere das ja auch schon getan: „Und Manzoni? War wirklich echte Kacke in seinen berühmten Dosen mit ‚Künstlerscheiße“? […] Sollte er den Klumpen nicht doch wieder an sich nehmen? Vielleicht ließe er sich ja für ein Kunstwerk verwenden. Vomito d’artista? Ach nein, das war nicht seine Abteilung.“(S. 79)

Getreu dem Gesetz der Serie (wenn man einmal auf etwas aufmerksam wurde, stolpert man kurz danach wieder darüber) hatte ich vor einige Wochen ein Skript zu diesem Thema Korrektur gelesen, und so konnte ich mich an Stellen wie diesen über einige Aha-Erlebnisse freuen.

Jungs großes Vorbild ist Marcel Duchamp, und vor allem dessen Projekt „Staubsammeln“ fasziniert ihn. „Um die vergängliche Lust im Netz der Zeit zu fangen, ließ der Meister das Glas monatelang unabgedeckt und unberührt im Atelier liegen, unter diesem Schneefall der Ewigkeit, bis die unerfüllte Lust zugedeckt war, dann fegte er den Staub zu bestimmten Formen zusammen. Was für eine Selbstdisziplin, welche Geduld!“ (S. 101) Auf die Gefahr hin, mich hier mal wieder als Ignorant zu outen, möchte ich dem Jungen raten, einfach drei Wochen den Haushalt zu vernachlässigen und sich ins wahre Leben zu stürzen, die Staubhäufchen kommen dann schon von selbst.

Ich finde das Buch vor allem deswegen faszinierend, weil ich ebenfalls in München studiert habe, wenn auch ungefähr zehn Jahre später. Sehr vieles erkenne ich wieder, aber diese Orte aus der Perspektive eines jungen Isländers beschreiben zu sehen, ist schon sehr interessant, z. B. die U-Bahn: „Die U-Bahnhöfe waren ebenfalls größer, in kräftigen Farben gefliest und trotzdem ohne jegliches Flair. Das Design war praktisch und gut gemeint: Wir wollen viel Platz, und alles in hellen Farben! – das Ergebnis fiel gleichwohl deprimierend aus. Unter dem Marienplatz fühlte sich der Fahrgast, als würde er in einer Brotzeitdose aus orangerotem Plastik stecken.“ (S. 41) So unrecht hat er damit nicht.

Sein Besuch des Oktoberfestes, bei dem er von einigen anderen Isländern nach Strich und Faden abgefüllt wird, ist natürlich ziemlich grauenhaft. Klar, die Wies’n war auch damals schon ein lautes, überteuertes Massenbesäufnis, und besser ist es sicher nicht geworden. Einfach herrlich ist hier Jungs Beobachtung beim Pinkeln: „Plötzlich stand ein Mann in Lederhosen neben ihm und ließ seinen Strahl ins Gras jenseits des Zauns plätschern. Jung bemerkte, dass der Kerl nicht einmal den Hosenlatz öffnen musste, sondern einfach unter dem kurzen Hosenbein hervorpinkelte. Ach so, deswegen die kurzen Hosen und darum keine Klos, das war das bayerische Nationaltrikot fürs Biertrinken, speziell entwickelt und sehr praktisch.“ (S. 132)

Den Englischen Garten meidet er, da er gehört hat, dass dort an manchen Plätzen die Leute nackt in der Sonne liegen. Er stellt sich darunter eine Kolonie Althippies vor, die er bekleidet schon peinlich genug findet. Schade eigentlich, denn vielleicht hätte er sich in München wohler gefühlt, wäre er öfter durch den riesigen Park im Herzen der Stadt und die Isarauen spaziert.

Wie sein Protagonist hat auch Hallgrímur Helgason Anfang der 80er Jahre in München Malerei studiert. In einem Interview sagt er über diese Zeit: „Einsamkeit ist das Gefühl, das mir zuerst in den Sinn kommt, wenn ich an meine Zeit in München denke. Ich bin so unschuldig und blauäugig in diese Stadt gekommen. Das Bier, das ich nie zuvor probiert hatte. Ich war vor München noch nie in einem Restaurant oder in einer Kneipe gewesen. Ich konnte praktisch kein Deutsch. Es war schrecklich. München wurde zu meinem Feind.“ Wenn man sich die Einwohnerzahlen im Jahr 1981 betrachtet (München: knapp 1.300.000. Island: 230.000), wundert es einen überhaupt nicht, dass sich sowohl Helgason als auch Jung hoffnungslos verloren vorkommen.

„Seekrank in München“ ist eine ziemlich gnadenlose Abrechnung mit der Stadt, geschrieben mit einer kräftigen Dosis schwarzem Humor, so dass auch ich als Müncher Kindl im Exil mich beim Lesen bestens amüsiert habe.

Kategorien: Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , | Ein Kommentar

Bjarnes “Beautiful Day”

Wie liever een deel van het verhaal in het Nederlands wil lezen, kan dit hier doen.

Knapp eine Woche, nachdem wir uns persönlich in Pieterburen von Bjarnes Wohlergehen überzeugt hatten, erhielten wir von Casperien eine Mail, dass unser Seehund wuchs, gedieh und ungefähr acht Kilo pro Woche zunahm. Inzwischen wog er gut 30 Kilo und konnte also am Freitag, den 26. Februar auf Vlieland freigelassen werden. Unsere „Elternzeit“ war also diesmal kürzer als bei Mara und Lewis, aber Hauptsache gesund!

Peter und ich schafften es auch diesmal, alle anstehenden Termine zu verschieben und sagten zu, dass wir kommen würden. Da Peters Mutter nicht weit von Harlingen, wo die Fähren nach Vlieland und Terschelling abfahren, entfernt wohnt, luden wir sie ein, uns zu begleiten. Als ich Casperien fragte, ob dies in Ordnung war, schrieb sie zurück, dass wir ja wohl gemerkt hatten, dass es kein Problem gewesen war und dass sie hoffte, dass wir trotz des stürmischen Wetters eine schöne Freilassung erlebt hatten. Bitte? Hatten wir irgendwie aneinander vorbei kommuniziert und hatten sie Bjarne ohne uns freigelassen? Nachfrage ergab, dass sie etwas verwechselt hatte und dass unser „Beautiful Day“ noch in der Zukunft lag. Grundgütiger, die Leute können einen aber auch erschrecken.

Wie vor zwei Jahren bei Lewis hieß es auch diesmal wieder um fünf Uhr aufstehen. Ich weiß, es gibt Leute, die das täglich machen, aber ich finde sowas barbarisch. Aber gut, was tut man nicht alles für einen Seehund. Auf der Autobahn war wenig Verkehr, und nachdem wir Peters Mutter aufgesammelt hatten, waren wir pünktlich am Hafen von Harlingen, wo wir uns wieder mit André treffen sollten. Dass wir ihn inzwischen kannten, machte das Ganze deutlich relaxter.

Als er auftauchte, schnappte er sich gleich den Gatten, der ihm beim Verladen der drei Seehunden helfen sollte, während Peters Mutter und ich uns ein Plätzchen mit Aussicht suchten.

Verladen verladen2

Nach dem Auslaufen stieß Peter zu uns, und später kam auch André, der uns erzählte, dass er eine sehr kurze Nacht gehabt hatte, da er stundenlang bei Bremen im Stau gestanden war. Später erfuhren wir, dass er seine Zeit zwischen der Arbeit im Robbenzentrum Föhr (Deutschland) und diversen Aktivitäten in den Niederlanden aufteilt.

Pünktlich kamen wir auf Vlieland an und begaben uns zu den Seehunden. Außer den jungen Kegelrobben Bjarne und Hetty wartete auch noch der etwa zweijährige Seehund Rachamim auf seine Freilassung. Obwohl er 70 Kilo auf die Waage brachte, war er für sein Alter immer noch zu leicht, aber weil er in der Seehundstation nicht weiter zunahm und man auch keinerlei Krankheiten entdecken konnte, hatte man beschlossen, ihn frei zu lassen, da er ja nicht ewig in Pieterburen bleiben konnte.

Als wir auf Vlieland angekommen waren, gab es erst ein paar Schwierigkeiten mit dem Tor zum Cardeck, doch die Seehunde verhielten sich verhältnismäßig ruhig. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass man sie nicht irgendwie medizinisch ruhigstellte, da sie ja sofort im Wasser zurechtkommen müssen. Aber anscheinend sind sie Kummer gewöhnt.

cardeck

Dort verfrachtete André die Adoptiveltern in den Bus, und fuhr zusammen mit Peter mit ihm auf dem Trecker mit Anhänger mitfahren durfte.

transport

Beim Badhuys mussten wir den Bus verlassen und auf dem Vliehorsexpress Platz nehmen, der uns an das westlichste Ende der Insel bringen sollte, wo im Sommer die Fähre nach Texel ablegt. Außer uns fuhren noch eine ganze Menge „Zaungäste“ mit, und André rekrutierte erst einmal vier kräftige Mannsbilder, die die Seehunde auf den Vliehorsexpress verfrachteten.

vliehorsexpress vliehorsexpress2

Dann nutzte er die Gelegenheit, im Aufklärungsarbeit zu leisten und Fragen zu beantworten. Ich glaube, es gibt wenig, was er nicht über das Watt und die Seehunde weiß. So erfuhren wir, dass die Seehunde eher Einzelgänger sind, während die Kegelrobben recht gesellige, soziale Tiere sind.

vliehorsexpress3

Die Fahrt dauerte eine ganze Weile, und vor allem Bjarne wurde langsam unruhig. Als wir endlich angekommen waren, wurden die Kisten wieder herunter gewuchtet und ziemlich nah am Wasser platziert. Dann durften die Adoptiveltern Fotos von vorne machen, während die anderen Gäste hinter einer Linie warten mussten. Da ich beim letzten Mal die Kiste öffnen durfte, übernahm ich diesmal das Fotografieren.

vorbereitung vorbereitung2

Auf Andrés Zeichnen wurden die Kisten geöffnet.

freilassen

Rachamim schoss wie eine Rakete auf das Wasser zu und verschwand auf Nimmerwiedersehen in den Fluten.

Rachamim Rachamim2

Hetty und Bjarne ließen sich deutlich mehr Zeit, robbten erst mal gemütlich auf das Wasser zu, begaben sich dann wieder ein Stückchen zurück und Bjarne posierte noch einmal sehr nah vor meiner Kamera.

Bjarne7 Hetty

Dann spielten die beiden noch eine ganze Weile am Strand und gaben gewissermaßen eine Abschiedsvorstellung. Die beiden kurzen Filme hat mir Marleen zur Verfügung gestellt – vielen Dank dafür.

Erst als die meisten Zuschauer sich wieder zum Vliehorsexpress begaben, fanden sie ihren Weg ins Wasser und schwammen in Richtung Texel. Möge es euch gut gehen da draußen! Vielleicht trefft ihr ja Lewis und Mara noch.

Bjarne&Hetty Bjarne&Hetty2

Da ich ohne Handschuhe fotografiert hatte, waren meine Hände inzwischen eiskalt geworden, denn es hatte immer noch nur ein paar Grad über Null. Aber das war es auf jeden Fall wert. Unter kräftigen Gerüttel ging es wieder über den Vliehors zurück zum Badhuys, von wo aus wir zu Fuß ins Dorf gingen. Nach einem guten Essen und Kaffee spazierten wir noch durch das Dorf und am Watt entlang zum Hafen. Vlieland ist im Februar herrlich ruhig, kein Vergleich zu den Sommermonaten.

Dorpsstraat

Dann war es Zeit, um wieder heimwärts zu fahren. Es war ein langer und rundum gelungener Tag mit Sonne, Strand und Seehunden.

Kategorien: Ganz "normaler" Alltag | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Krabbeldecke

Diese Woche bin ich Tante geworden. Da ich meiner kleinen Nichte etwas schenken wollte, habe ich mich von Elviras Krabbeldecken inspirieren lassen.

Nachdem ich im Laden meines Vertrauens einige nette Stoffe gefunden hatte, die sich auch gut mit meinen eigenen Vorräten kombinieren ließen, machte ich mich also an die Arbeit, und das ist das Ergebnis:

Krabbeldecke

Die Decke ist ungefähr 1,50 mal 1,20 m groß. Gepatcht habe ich das Top mit der Maschine und das Durchquilten geschah mit der Hand, während ich zahlreiche Krimis guckte, die ich schon x Mal gesehen habe. Hier ein paar Details:

Krabbeldecke-Details Krabbeldecke-Details2

Und so sieht sie von hinten aus:

Krabbeldecke-Rückseite

Ich habe jede Menge positive Gedanken und gute Wünsche für Eltern und Kind hineingearbeitet, so dass die diversen Schönheitsfehler hoffentlich nicht ins Gewicht fallen.

Selbstverständlich hat unser Mitbewohner bereits probegesessen und die für gut befunden:

Krabbeldeckentest

Gestern ist die Decke an ihrem Bestimmungsort angekommen, wo man sich sehr darüber gefreut hat und sie gleich in Gebrauch genommen hat.:):):)

Kategorien: Steckenpferde / stokpaardjes | Schlagwörter: , , , , , , , | 4 Kommentare

Ostseeradtour 2015 – Teil 5

Auf Regen folgt Sonnenschein (deutsches Sprichwort)

Lübeck – Zierow – Wismar – Bögerende

Am nächsten Morgen war es bewölkt, und einzelne Regentropfen fielen auf das Zeltdach. Wir frühstückten gemütlich und beobachteten diverse Nachbarn beim Aufbruch. Der schwedische Vater, der mit seinen zwei Söhnen schräg gegenüber uns stand, begrüßte uns mit einem fröhlichen „Hejhej!“, was Peter zu der Bemerkung veranlasste: „Im Fernsehen sagen sie das auch immer, und meistens wird kurz danach eine Leiche gefunden.“

Dies blieb uns allerdings erspart, und nachdem wir abgebaut und noch etwas an den Rädern herumgeschraubt hatten, brachen wir auf. Da der Campingplatz westlich vom Stadtzentrum liegt, und wir nach Osten wollten, mussten wir vom Holstentor aus immer geradeaus mitten durch die Stadt mit ihrem Verkehr, dem Kopfsteinpflaster und den Fußgängern, die vor allem dann überhaupt nicht auf den Verkehr achten, wenn sie zu ihrem Auto wollen. Aber bald fuhren wir über die Rehderbrücke in Richtung Schlutup.

Da wir vorgestern ja schon mit Kurt in Travemünde gewesen waren, kürzten wir etwas ab und überquerten die Grenze nicht beim Priwall, sondern bei Schlutup. Nun waren wir also auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, doch wirklich gravierende Unterschiede konnten wir hier nicht entdecken. Wir folgten der Hauptstraße nach Dassow und fuhren ein Stück am Dassower See entlang, wo wir uns wieder über eine wunderschöne Blumenwiese am Seeufer freuten.

DassowerSee

Die Beschilderung war immer noch ein wenig merkwürdig. Eigentlich sollten die zuständigen Beamten oder wer auch immer die Dinger aufstellt, einen ortsunkundigen Radfahrer mitnehmen. Und immer, wenn der „Und jetzt?“ sagt, stellt man einen Wegweiser auf. Immerhin konnten wir erfreut feststellen, dass man mit dem Bau von Radwegen beschäftigt war.

Inzwischen war die Gegend immer ländlicher geworden. Wir machten eine kurze Pause in einem einsamen Bushäuschen, an dem aber immerhin sechsmal am Tag ein Bus vorbeikommt. Dann kamen wir an einer Windmühle und einer netten Kirche vorbei.

unterwegs unterwegs2

Irgendwie merkte man es doch, dass wir jetzt in Ostdeutschland waren, aus irgendwelchen Gründen fühlte sich die Gegend nicht mehr vertraut an. Wir überlegten und kamen zu dem Schluss, dass es wohl einerseits an den weiten Kornfeldern lag, zu denen kein Bauernhof gehört. Man sah auch niemanden dort arbeiten, was aber auch nicht notwendig war, das Getreide reifte gemütlich vor sich hin. Außerdem sehen die Häuser dort auch etwas anders aus, quadratisch, praktisch, gut. Einige dieser wohl klassischen DDR-Häuser waren inzwischen wunderschön saniert, andere jedoch noch nicht.

Weiter ging es am Rand des Lenorenwalds entlang einen Hügel hinauf nach Hohenschönberg. Dieser Ort macht seinem Namen natürlich alle Ehre, und Mecklenburg-Vorpommern ist also genauso wenig flach wie Schleswig-Holstein. Doch dann gab es eine wunderschöne lange Abfahrt bis fast nach Klütz.

unterwegs3

Dann wollte ich endlich wieder ans Meer, und wir bogen ab Richtung Boltenhagen. Der Gatte war allerdings mit meiner Wahl nicht einverstanden, denn “hier ist doch nichts”. Gar nicht wahr, es gibt dort einen netten Hafen, und – noch besser – ein Kiosk mit sehr leckeren, sehr würzigen Fischbrötchen!

boltenhagen boltenhagen2

So gestärkt fuhren wir weiter und fanden tatsächlich die Ostseeroute wieder. Bald waren wir auf dem Weg nach Zierow, unserem heutigen Ziel. Unterwegs kamen wir am “Kuriosen Muschelmuseum” und an einem Laden mit der Aufschrift “Lebensmittel, Nützliches und Schnickschnack” vorbei.

Über eine recht lange Anfahrt vorbei an einem Reiterhof und diversen Ferienhäusern erreichten wir den Campingplatz. In dem gepflegten Blumenbeet vor der Rezeption begrüßte uns eine etwas kitschige Skulptur zweier springender Delfine. Da noch nicht viel los war, durften wir uns einen Platz auf der Familienzeltwiese aussuchen. Natürlich positionierten wir unser Zelt so, dass wir auf das Meer schauen konnten und hofften, dass uns nicht später noch ein Wohnmobil die Aussicht verstellen würde. Und nach diesem eher wolkenverhangenen Tag schien auch wieder die Sonne, was will der Mensch mehr?

Hier waren wir auf einem Campingplatz mit allen Schikanen gelandet: Schwimmbad, Indoorspielplatz, Restaurant, und die Sanitäranlagen waren so groß, dass wir uns fast darin verliefen und, wie es bei Loriot so schön heißt, “sehr sauber”.

Nach unserem abendlichen Restaurantbesuch wollten wir zum Strand, aber es dauerte eine Weile, bis wir den richtigen Ausgang gefunden hatten. Am Wasser setzten wir uns auf eine Bank und beobachteten zwei junge Leute, die auf einer Art Schlauchbooten stehend auf die andere Seite der Bucht stakten. Respekt. Ich hätte es wahrscheinlich nicht mal geschafft, auf so einem kippligen Ding aufzustehen. Als es dann doch etwas kühl wurde, verzogen wir uns in unser Zelt.

zierowstrand zierowstrand2

Am nächsten Morgen schien die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Wir frühstückten ausgiebig mit zwei Tassen Kaffee, denn es war Freitag und unser Ruhetag. Dann fuhren wir nach Wismar. Die Radstrecke war teilweise wunderschön zu fahren, teilweise führte sie über schlaglochreiche Feldwege. Hin und wieder hatten wir eine tolle Aussicht über die Bucht, und zahlreiche Schilder warnten vor den Gefahren der abbröckelnden Steilküste.

Wir kamen an einer Kleingartensiedlung “mit Seeblick”, in diesem Fall Aussicht auf die Werft, vorbei und rollten ins Zentrum. Bei der neuen Kirche parkten wir die Leezen. Diesmal hatten wir keine Premium-Stadtführung, sondern mussten Wismar selbst erkunden. Auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz mit der Wasserkunst begannen wir unseren Rundgang. Dieser Brunnen wurde am Ende des 16.Jahrhunderts vom Utrechter Baumeister Philipp Brandin im Stil der niederländischen Renaissance erbaut und gilt als Wahrzeichen der Stadt.

wismarmarktplatz wismarwasserkunst

Als erstes besichtigten wir die Kirche St. Georgen, die wie so viele Bauwerke im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war. Da man in der ehemaligen DDR andere Prioritäten hatte als Sakralbauten zu renovieren, hatte man erst nach der Wiedervereinigung mit der Restaurierung begonnen. Als jedoch im Januar 1990 ein Orkan den Giebel des nördlichen Querhauses herunterriss, war eindeutig Handlungsbedarf gegeben, und es kamen nach und nach die nötigen Gelder zusammen, um die Kirche zu renovieren. Die wichtigsten Arbeiten waren im Jahr 2010 beendet, und die Kirche wird jetzt als Sakral- und Kulturgebäude genutzt. Während unseres Besuchs wurde gerade die Kulisse für das Stück „Jedermann“ aufgebaut.

wismarstgeoregen2 wismarstgeorgen

Wie die anderen größeren Kirchen in Wismar ist auch St. Georgen ein Beispiel der norddeutschen Backsteingotik, die wir bereits in Kiel und Lübeck bewundern durften. Hier mal ein bisschen mehr darüber: Bereits im 12. Jahrhundert wurden Backsteine als Baumaterial eingesetzt, so dass die ältesten Bauwerke eigentlich zur Backsteinromanik gehören. Der Begriff „Backsteingotik“ wird vor allem für Norddeutschland und die Länder um die Ostsee verwendet, obwohl man Gebäude dieser Art auch in den Niederlanden, Belgien und sogar in England finden kann. Wikipedia schreibt dazu:

„Charakteristisch ist einerseits das überwiegende Fehlen von figurativen Bauplastiken, die mit Backsteinen nicht zu realisieren waren, andererseits die reiche Gliederung durch gemauerte Ornamente und Flächenstrukturierungen durch den Wechsel von roten und glasierten Ziegeln und weiß gekalkten Wandflächen.“

Danach gingen wir zur Marienkirche, von der nur der Turm übrig ist. Das ebenfalls im Krieg schwer beschädigte Kirchenschiff wurde 1960 gesprengt – auch eine Lösung. In den vergangen Jahren wurde der Turm so weit restauriert, dass man ihn für Veranstaltungen nutzen kann, und der Grundriss der ehemaligen Kirche wurde durch niedrige Mauern wieder sichtbar gemacht.

wismarstmarien2 wismarstmarien

Danach besuchten wir die Ausstellung „Bilder einer Stadt“ im Keller des Rathauses. Die Ausstellung bietet einen Einblick in die Stadtgeschichte, aber auch der Ratskeller selbst ist sehenswert. Wir lernten, wie sich Wismar seit dem 13. Jahrhundert von einer Handwerkssiedlung zu einer bedeutenden Hansestadt entwickelte und dann im 30jährigen Krieg schwer verwüstet wurde. Beim Westfälischen Frieden im Jahr 1648 wurde die Stadt den Schweden zugeschlagen, die sie in den nächsten 150 Jahren zu einer mächtigen Festung ausbauten. Viele Namen in der Stadt, wie das Restaurant „Alter Schwede“ oder das „Schwedeneck“ zeugen noch von dieser Zeit. Im 19. Jahrhundert war Wismar eine wichtige Hafenstadt und um die Jahrhundertwende auch eine bedeutende Industriestadt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden große Teile der Stadt durch Bombenangriffe zerstört. Heute steht die größtenteils renovierte Altstadt unter Denkmalschutz.

wismarrathaus wismarratsapotheke

Nach der ganzen Kultur setzen wir uns erst mal auf den Marktplatz und beobachteten die Leute. Wir stellten fest, dass die Tattoos sowohl zahlen- als auch oberflächenmäßig zunahmen, aber das musste nicht unbedingt mit der geografischen Lage zusammenhängen, es konnte auch am schönen Wetter liegen.

Dann gingen wir einkaufen und begaben uns zurück zum Campingplatz, wo wir nach einem selbstfabrizierten Abendessen im Schatten des Gruselbaums noch ein Pfund Erdbeeren verspeisten, Postkarten schrieben und lasen. Als es zu regnen begann, verkrochen wir uns ins Zelt.

gruselbaum

Am nächsten Tag war es so warm, dass ich zum ersten Mal die kurze Hose anziehen konnte. Wir gaben unsere Postkarten an der Rezeption ab und brachen auf. Erst fuhren wir wieder die bekannte Strecke nach Wismar und dort auf einem Radweg um das Zentrum herum. Leider lag dort viel Glas, so dass wir extra vorsichtig fahren mussten. Was ich diesen Halbdackeln wünsche, die die Radwege mit Glas verzieren, habe ich ja an anderer Stelle schon mal geschrieben. Wir mussten durch ein Industriegebiet, und dann gab es Schilder Richtung Insel Poel.

weitesland

Wir fuhren am Salzhaff entlang durch nette Ortschaften und vorbei an weiten Getreide- und Rapsfeldern, deren Sinn und Zweck uns durch Schilder mit der Auschrift “Hier wächst Ihr Sonntagskuchen” oder “Unsere Ölfelder blühen gelb” erklärt wurde. Ein “Haff” ist übrigens ein Brackwasserbereich, der durch eine Nehrung (Landzunge) oder vorgelagerte Inseln vom tieferen Meer getrennt ist. Weiter ostwärts heißt diese Erscheinung “Bodden” und ist wohl typisch für die Ostsee, denn an der Nordsee habe ich so etwas noch nicht entdeckt. Und auch hier konnen wir wieder die für die deutsche und niederländische Nordsee so untypische Steilküste bewundern.

steilküste steilküste2

Wie schon einmal erwähnt ist es auch hier nicht wirklich flach, aber schön zu fahren. Die langen Anstiege sind nicht besonders steil, und bei den Abfahrten muss man nicht einmal bremsen, falls nicht gerade jemand mit Hund im Weg herumdackelt.

Unterwegs sahen wir ein liebevoll bemaltes Transformatorenhäuschen, von denen wir später noch viel mehr entdecken sollten. Bis Rerik fuhren wir noch durchs Landesinnere, und beim Leuchtturm von Bastorf landeten wir wieder an der See.

trafohäuschen leuchtturmbastorf

Inzwischen war es ziemlich warm geworden, und der Ortsname “Kühlungsborn” klang angenehm erfrischend. Wir fuhren durch das Seebad mit seiner schön sanierten Bäderarchitektur und steuerten am Ortsrad einen Supermarkt an. Während Peter einkaufte, kam die Erfrischung in Form eines Regenschauers. Ich stellte mich im Parkhaus unter und kam dort mit zwei ebenfalls radelnden Osnabrückern in Gespräch. Sie waren für ein paar Tage hier und machten von Kühlungsborn aus Radtouren. Dabei hatten sie festgestellt, dass es hier bei weitem nicht so flach war wie im Osnabrücker Land, und dass so ein E-Bike keine schlechte Erfindung ist.

Als der Regen nachgelassen hatte und der Gatte mit den Einkäufen zurückgekehrt war, fuhren wir weiter zum Campingplatz nach Bögerende. Der Zeltbereich dort ist an einem Teich mit vor sich hinquakenden Fröschen. Uglaublich, wieviel Lärm aus so kleinen Tieren rauskommt, aber idyllisch ist es schon.

Der Campingplatz hat absolute Luxusfacilities, erst dachte ich, dass ich mich auf der Suche nach der Dusche in irgendeinen Kur- und Wellnesbereich verlaufen hätte! Ich mache ja nicht oft Fotos vom Sanitärbereich, aber hier musste das wirklich sein.

facilities facilities2

Nachdem wir unsere Klamotten gewaschen hatten, machten wir einen Spaziergang über den Strand nach Bögerende, wo ein neues Feriengebiet entstand: eine Eisdiele, das Fischrestaurant “Zum Fasan”, ein Fahrradverleih und zahlreiche neue Appartements warteten auf den Touristenansturm in der Hauptreisezeit.

Dann kehrten wir wieder zurück auf den Campingplatz und verspeisten unser Abendessen im Restaurant “Deichhus”. Das “Rostocker Dunkel” schmeckte dazu sehr gut. Danach saßen wir noch eine Weile auf der Bank auf der Zeltwiese, wo inzwischen viele Radfahrer eingetrudelt waren, bis es uns zu kühl wurde. Wir verkrochen uns in die Schlafsäcke und schliefen zu den Klängen eines Froschkozerts ein.

Kategorien: 2015 - Ostseeradtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Er gaat niets boven Groningen – Seehunde, ein Stadtbesuch und Erinnerungen

Gestern waren wir mal wieder in Pieterburen, da wir uns persönlich vom Wohlergehen unseres Seehunds Bjarne überzeugen wollten. Ich hatte uns ordnungsgemäß vorher angemeldet, und der nette Mitarbeiter an der Rezeption wusste Bescheid.

Sobald seine Kollegin ihn ablöste, ging er mit uns zum „Buitenbad“, einem Außenbecken, wo sieben Kegelrobben (grijze zeehonden) friedlich vor sich hin plantschten. Aber welcher davon war Bjarne? Sie sehen sich ja alle recht ähnlich, und das Hochhalten der Adoptionsurkunde half auch nichts – keiner winkte uns begeistert zu.

Buitenbad3

Der Mitarbeiter, der uns begleitete, ging nach dem Ausschlussprinzip vor: Die mit einem lila Etikett in der Schwanzflosse konnten es nicht sein, denn die waren letztes Jahr gefunden worden, der eine mit dem roten Etikett, der so elegant am Ufer lag, war es auch nicht, denn der hatte noch eine Wunde an der Schwanzflosse und so weiter. Irgendwann kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass Bjarne der Seehund in der vorderen Ecke sein musste.

BuitenbadBuitenbad2

Als „Adoptiveltern“ kriegt man hier eine richtige VIP-Behandlung, man darf zusammen mit einem Mitarbeiter über die Absperrung, und er erklärt einem alles über unseren Seehund. So erfuhren wir, dass Bjarne in dem Monat, den er schon in Pieterburen ist, knapp zehn Kilo zugenommen hat und jetzt also 23 Kilo wiegt. Seine Gesundheit macht gute Fortschritte. Er scheint ein recht eigenwilliger Zeitgenosse mit einem ausgezeichneten Gebiss zu sein, das er uns auch mehrmals zeigte. Seehunde sehen zwar sehr knuddelig aus, aber es bleiben Raubtiere, und wenn einer zuschnappt, dann tut das weh, wie uns versichert wurde.

Da ich mich noch immer in der Smartphone-Lernphase befinde, machte ich einige Fotos mit meinem schicken Gerät und schickte sie gnadenlos an Freunde und Bekannte. Und ich habe sogar rausgekriegt, wie ich die Dinger auf den heimischen PC kriege. Toll, nicht wahr?

Im Kino der Seehundstation wurde passenderweise ein kurzer Film über Kegelrobben gezeigt. Die jungen Kegelrobben werden mitten im Winter geboren und haben ein dickes weißes Fell. Darum können sie auch in ihren ersten Lebenswochen noch nicht ins Wasser, denn das Fell würde sich sofort vollsaugen. Die Mutter säugt ihr Junges also an Land, und nach etwa fünf Wochen, wenn es groß genug ist, wird das weiße Fell durch normales Fell ersetzt. Dann verlässt die Mutter das Junge, und es muss sich allein durchschlagen. Zwischendurch muss die Mutter jedoch selbst mal auf Jagd, und in dieser Zeit ist das Junge dann allein an Land. Wenn Menschen dann zu nah heran kommen, verstößt die Mutter ihr Kind. Wenn es Glück hat, wird es, wie unser Bjarne, gefunden und in der Seehundstation aufgepäppelt, aber es ist natürlich viel besser, die Seehunde in Ruhe zu lassen, so dass es gar nicht notwendig ist.

Nach diesem lehrreichen Besuch fuhren wir nach Groningen, wo Peter seine Studentenzeit verbracht hatte. Wir parkten unser Auto in Beijum hinter Peters ehemaligem Studentenhaus und fuhren mit dem Bus ins Zentrum. Inzwischen ist es Linie 4 und nicht mehr Linie 6 – immer diese Veränderungen!

Groningen war die erste niederländische Stadt, die ich kennengelernt und auch oft besucht hatte, und auf unserem Weg durch die Stadt wurde ich von zahlreichen Erinnerungen eingeholt: So radelte ich einmal allein mit einer Karte bewaffnet von Beijum nach Paddepoel, um einen Freund zu besuchen, der in einer ziemlich hohen Hausnummer wohnte. Von meiner deutschen Geografie ausgehend erwartete ich eine unendlich lange Straße und war erstaunt, dass ich sehr schnell vor meinem Ziel stand, da man hier die Wohnungen in einem Hochhaus einzeln durchnummeriert. Ist ja auch viel praktischer.

Und einmal traf ich mich mit einer Freundin am Grote Markt beim Warenhaus V&D, was mir damals noch gar nichts sagte. Doch sie erklärte mir: „You will find it. Everybody meets at the V&D.“ Dass besagte Warenhauskette vor Kurzem Konkurs angemeldet hat und wohl bald von der Bildfläche verschwunden sein wird, bedeutet irgendwie das Ende einer Ära.

Aber viele Dinge gibt es noch immer: So steht der Martinitoren (d’Olle Grieze), den ich damals im Schweiße meines Angesichts erklommen hatte, immer noch da, wo er hingehört, und auch das Café „Ugly Duck“, wi wir uns gnadenlos an Spareribs überfressen hatten, gibt es noch.

Groningen2

Diesmal aßen wir keine Spareribs (man wird ja vernünftig), sondern die typisch Groninger Mosterdsoep und Broodjes. Dabei musste ich mal wieder an den herrlichen Dialogausschnitt aus dem Lehrbuch „In de startblokken – Nederlands voor Duitstaligen“ denken: „Dan neem ik ook een voorgerecht. De mosterdsoep is hier altijd erg lekker.“ Da diese Unterrichtsmethode an der Universität Groningen entwickelt wurde, muss so ein Satz natürlich hinein.

Groningen

Danach gingen wir durch die Herestraat, die Einkaufsstraße schlechthin, zum Bahnhof. Dieses monumentale Gebäude hat einfach was.

Bahnhof2Bahnhof2

Zu meiner Groninger Zeit war die Decke in der Bahnhofshalle leider nicht zu sehen, da sie renoviert wurde, aber diesmal konnten wir sie in ihrer ganzen Pracht bewundern. Leute, so muss ein Bahnhof aussehen!

Bahnhof4Bahnhof5Bahnhof3

Mein Verhältnis zu diesem Bahnhof war damals eher ambivalent, denn wie oft war ich hier angekommen, um relativ kurze Zeit später wieder Abschied nehmen zu müssen. Aber jetzt, wo ich meinen Platz hier gefunden habe, freue ich mich darauf, bei meiner Pieterpad-Wanderung in Groningen anzukommen und von dort aus auch wieder nach Hause zu fahren.

Kategorien: Ganz "normaler" Alltag, Streifzüge | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com. Das Adventure Journal-Theme.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 49 Followern an