Nordostengland und Borders 2016 – Teil 2

It’s not been such a bad day. In fact, it’s been a good day.“ (Campinggast bei Lower Wensleydale)

Am nächsten Morgen waren wir schon um sieben Uhr wach und stellten fest, dass die Eineinhalb-Stunden-Regel (die Zeit vom Wachwerden bis zum Losfahren) immer noch stimmt. Pünktlich um halb neun saßen wir auf den Leezen und versuchten, den richtigen Weg aus der Stadt zu finden. An einer Ampel kamen wir ins Gespräch mit einem Niederländer, dessen Freundin in York wohnte. Er gab uns eine kurze Wegbeschreibung für eine ruhige Strecke. Das Problem bei Radwegen in Städten ist, dass sie manchmal plötzlich aufhören und man sich dann auf dem Bürgersteig wiederfindet, wo man von indignierten Fußgängern angeblökt wird, aber da muss man wohl durch.

Bald fanden wir den richtigen Weg durch nette Ortschaften wie Tollerton, Helperby und Asenby. Zwischendurch machten wir gelegentlich Pause bei Kirchen, Kühen und Schafen.  Das Wetter war erst sonnig und später etwas bewölkt, was aber gar nicht schlecht war, denn die Gegend wurde immer hügliger.

Bei der A1 mussten wir uns durch ein ziemliches Gewurschtel an Kreiseln kämpfen, um die Autobahn zu überqueren, aber wir schafften es.

Später sollte das ein paarmal nicht  so gut gehen, aber das wussten wir zum Glück noch nicht, so dass wir die Fahrt noch in vollen Zügen genießen konnten. Die Hügel waren ganz gut zu meistern, und ich war recht stolz, dass ich nur selten schieben musste.

Kurz vor Leyburn mussten wir uns dann doch einen richtig steilen Hügel zum Campingplatz hochkämpfen, und zwar beide zu Fuß. Ironischerweise hieß der Campingplatz „Lower Wensleydale“. Wir checkten ein und stellten fest, dass man hier dieselben Duschvorhänge hat wie in York. Die Campinggäste waren nett und stellten Fragen wie: „Where did you start off this morning?“ oder „Heavy load on your bike, are you Dutch?“ Was das eine mit dem anderen zu tun hat, darüber kann man nur mutmaßen.

Der Campingplatz war recht nett, es gab einen Pfau, der gelegentlich sein Gefieder spreizte oder fürchterlichen Krach machte, und diverse andere Wasservögel mit Jungen. Nachdem wir aufgebaut hatten, fuhren wir nach Leyburn, wo wir einkaufen und dann in ein chinesisches Restaurant gingen. Dort hatten sie zwar auch chinesisches Bier auf der Karte, aber ich nahm trotzdem leiber das lokale „Black Sheep“. Nach dem ausgezeichneten Essen bekamen wir noch zwei Glückskekse. Auf Peters Zettel stand „Good news will come to you by mail.“, und mein Spruch lautete: „All your hard work will soon pay off.“ Das wäre sicher nicht schlecht.

Obwohl wir früh schlafen gegangen waren, wurden wir am nächsten Morgen erst um neun Uhr wach. Wir waren wohl nichts mehr gewöhnt, aber egal, wir hatten Urlaub und wollten heute sowieso nicht weiter, sondern die Aysgarth Falls besuchen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns auf den Weg. Wir fuhren über Leyburn vorbei an Bolton Castle, das in der Ferne auf einem Hügel thronte, und der Brunnen in der Ortschaft Caperby war bereits festlich für den Geburtstag der Queen dekoriert. Die Gegend war recht hüglig und es gab tolle Abfahrten, aber es ist auch ein Naturgesetz, dass man kurz danach wieder bergauf strampeln muss. Aber die Yorkshire Dales sind so schön und das Wetter war wunderbar, da nimmt man das ja gerne im Kauf.

Bei den Aysgarth Falls ketteten wir unsere Räder an den Zaun des Informationszentrums und schauten uns zuerst dort um. Bei unserer ersten gemeinsamen Radtour hatte Peter hier ein tolles T-shirt mit Ottern erstanden, aber leider gab es diese nicht mehr. Dass sich in zwanzig Jahren auch so viel verändern muss!

Wir machten einen Spaziergang zu den Upper, Middle und Lower Falls, und es erstaunte mich nicht, dass William Turner sie gemalt hatte. Auch einige Kampfszenen aus „Robin Hood – Prince of Thieves“ waren hier gefilmt worden.

Wir besuchten noch die St. Andrew’s Church und fuhren dann über Swinthwaite und Wensley wieder zurück nach Leyburn. Obwohl die Gegend recht ländlich ist, waren ziemlich viele Autofahrer unterwegs. Die idyllischen Zeiten der Serie „Downton Abbey“, wo sich Sir Robert über zu viel Verkehr beklagte („Five cars parked in the village and three passing“) waren definitiv vorbei.

In Leyburn deckten wir uns mit Vorräten für das Abendessen ein und fuhren dann zurück zum Campingplatz. Gerade als Peter auf die Zeltwiese einbiegen wollte, riss ihm die Kette. Zum Glück war er langsam unterwegs und es passierte weiter nichts. Gemeinsam machten wir uns an die Reparatur und stellten mal wieder fest, dass wir ein gutes Team waren.

Danach legten wir uns in die Sonne und lasen Zeitung. Dort wurden in zahlreichen Leserbriefen die Vor- und Nachteile eines möglichen Brexits debattiert, während der Artikel auf der Titelseite sich mit einer weiteren wichtigen Frage beschäftigte: „Will it rain on the Queen’s birthday?“  Dann verspeisten wir unser Abendessen, während sich dunkle Wolken über uns zusammenklumpten. Gerade, als wir fertig waren, begann es zu regnen, und wir verzogen uns mit unserer Zeitung ins Zelt.

Als der Regen nachgelassen hatte, wurde es Zeit für einen Pubbesuch. Wir folgten dem Trampelpfad zur „Pheasant Inn“, das wohl noch als Wohnzimmer des Dorfs fungierte und vor allem von „Locals“ frequentiert wurde. Während wir unser Bier tranken, hörten wir ihren Gesprächen über das Training von Rennpferden auf unterschiedlichem Untergrund zu und bekamen Fotos von „Douglas the Baby Meerkat“, der wohl in der Gegend berühmt ist, gezeigt.

Auf dem Rückweg machten wir noch einen Abstecher zum Harmby Waterfall, an dem wir am Vortag vorbeigeradelt waren. Da es aber schon recht dunkel war, sahen wir nicht allzuviel davon.

Brexit-Quote des Tages: „I want to keep our punds, ounces, inches, miles and pints and drive on the left. It may be quirky to the one-size-fits-all-brigade, but it’s British.“ (M. Elliot).

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Irgendwas ist immer, auch in der Synagoge

Vor einiger Zeit hatte ich euch ja ein Synagogen-Update versprochen. Bitte schön.

Vor gut drei Wochen hatte ich also meine Feuertaufe, eine Führung für eine deutsche Schulklasse (12 – 13 Jahre), bei der eine Ausbilderin mitging. Das Ganze war eine größere Aktion, vier Gruppen, von denen jeweils zwei gleichzeitig durch das Gebäude geführt werden sollten, während die anderen Kaffee tranken. Meine „Parallelgruppe“ wurde von einer erfahrenen Kollegin geführt, die meinte, dass ich mich einfach an die vorgegebene Reihenfolge der Räume (Klassenzimmer, Kleine Schul, Große Schul) halten sollte, sie würde ihre Pappenheimer um mich herum manövrieren. Das beruhigte mich schon mal.

Allerdings kam der Bus der Schule eine gute halbe Stunde zu spät, so dass ich doch einiges überschnitt und streckenweise ca. 80 Schüler gleichzeitig durch das Gebäude wuselten. Zum Glück hatte ich mich gut vorbereitet und konnte den Schülern (in meiner Gruppe waren nur Jungen) einige Dinge außerhalb der genannten Räume zeigen, wenn wir warten mussten, z. B. die Tische zu den verschiedenen Festen und die Thorarolle in der Vitrine.

Einige der Jungen waren schon einmal in der Synagoge gewesen und wussten einiges über das Gebäude und das Judentum. Und anders als die Gruppe meiner Kollegin waren sie sehr interessiert. Die ersten Fragen waren: „Sind Sie Niederländerin? Sind Sie Jüdin?“

Nach der Führung gab es noch eine Nachbesprechung, und meine Kollegin aus der Lerngruppe und ich dürfen jetzt selbstständig Schulklassen führen. Die erste „große“ Führung für Erwachsene ist auf unseren eigenen Wunsch noch mit Backup. Mit Stolz darf ich vermelden, dass ich jetzt nicht mehr das weiße Namensschild für Azubis, sondern ein blaues habe:

namensschild

Zur Zeit findet in der Synagoge auch die Ausstellung „Getuigen langs het spoorZeitzeugen entlang der Gleise“ statt. Hier sind Interviews mit Zeitzeugen zu sehen, die während des Zweiten Weltkriegs an der Bahnlinie wohnten, über die die Züge vom Durchgangslager Westerbork nach Deutschland und von dort weiter in die Vernichtungslager fuhren. Diese Ausstellung ist Teil des Projekts“Auf dem Weg von Anne Frank – Grenzübergreifend gegen das Vergessen„. Die Interviewten, von denen die meisten damals noch zur Schule gingen, erzählen, was sie über die „Judenzüge“ wussten, wie sie die Post aufsammelten und in den Briefkasten warfen, die die Insassen der Züge aus dem Fenster warfen, und wie sie die Zeit damals erlebt haben. Kopien von einigen dieser Postkarten werden ebenfalls gezeigt.

Für den größten Teil der Ausstellung braucht man Strom (für die Slideshow und die Interviews über Kopfhörer). Und natürlich musste gestern, als ich zum ersten Mal dort als Aufsicht eingeteilt war, der Strom teilweise ausfallen, und der eilends herbeitelefonierte Hausmeister konnte den Fehler nicht finden. Also war improvisieren angesagt. Zum Glück hatte ich mich vorher schon schlau gemacht, und so konnte ich für interessierte Besucher auf jeden Fall in groben Zügen zusammenfassen, was die interviewten Personen zu erzählen hatten. Ein Paar berichtete dann auch am Ausgang, dass das mit dem Stromausfall nicht sooo schlimm sei, eine freundliche Dame hätte ihnen alles erklärt. Immer gerne. 🙂

Als es Zeit zum Abschließen war, funktionierten die Ausstellungsstationen noch immer nicht. Dafür gingen einige Lampen im Klassenzimmer und in der Großen Schul nicht mehr aus. Ich bin ja gespannt, wie es nächsten Sonntag ist.

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Pieterpad-Nachlese 2016

Vorden – Ommen

Entgegen meinen guten Vorsätzen habe ich es letztes Jahr nicht geschafft, den Pieterpad zu Ende zu wandern. Aber nach dem Erreichen der Mitte war ich im Herbst doch noch drei einzelne Tage unterwegs, nämlich am 30. August, am 16. September und am 1. Dezember, und habe vier Etappen geschafft. Am ersten Tat bin ich gleich zwei Etappen, also ungefähr 28 Kilometer gelaufen. Nicht schlecht, oder?

Schlösser und Landgüter

Vor allem anfangs kommt man an einigen Schlössern und Landgütern vorbei, von denen es eine Menge in dieser Gegend gibt. Die Schulen hatten wieder angefangen, und bei dem herrlichen Wetter waren zahlreiche Schulkinder mit Rädern und Fragebögen unterwegs, um die Gegend zu erkunden. Bei Kasteel Den Bramel hörte ich, wie ein Kind fragte: „Oh, ein Schloss! Wohnt da der König?“ Ein anderes antwortete: „Ganz sicher nicht.“ – „Aber es ist ein Schloss!“ – „Dass es ein Schloss ist, heißt nicht, dass der König ausgerchnet hier wohnt. Es gibt viele Schlösser.“ Tja, wo das Kerlchen recht hat…

den-bramel

Ein ganzes Stück später, bei Huis Verwolde, machte ich einen Umweg, um „de dikke boom“ (den dicken Baum) zu bewundern. Diese monumtentale Eiche wurde wahrscheinlich rund 1500 gepflanzt, und der Stamm hat einen Umfang von 7,60 Metern. Ein ganz schöner Oschi, nicht wahr?

huis-verwolde dikke-boom-2 dikke-boom

Mythos Holterberg und andere Erhebungen

Diesmal führte der Weg über einige Berge – zumindest nennen die Niederländer sie so. Einer davon ist der Holterberg, auf dem ich in meinem ersten Jahr hier – angeblich – auch schon war. Damals machten wir mit einem Freund eine Wanderung von Rijssen nach Nijverdal (oder umgekehrt), und diese führte auch über den Holterberg. Es war eine schöne Waldwanderung, das auf jeden Fall, aber irgendwann waren wir am Zielbahnhof, wo ich etwas enttäuscht fragte: „Und wo ist jetzt der Holterberg, und warum waren wir doch nicht oben?“ Wenn man aus der Gegend von München kommt, hat man bei dem Wort „Berg“ einfach eine andere Vorstellung. Aber nach fast 20 Jahren hier bin ich wohl eingebürgert genug, um auch den Holterberg, der sich immerhin stolze 58 Meter über dem Meeresspiegel erhebt, zu erkennen:

holterberg2 holterberg

Die Aussicht hat schon was.

Später ging ich auch über den Haarlerberg und am letzten Tag über den schon sehr herbstlichen Archemerberg, an dessen Fuß ein großer Findling, der „Dikke Steen“ liegt:

dikkesteen

archemerberg archemerberg2

Geschichte am Weg

Bei Holten lief ich ein Stück auf dem Weltzeitpfad, auf dem sich in regelmäßigen Abständen Pfosten befinden. Jeder steht für ein Jahr, und auf dem befestigten Würfel steht Wissenswertes über dieses Jahr. Dazwischen befinden sich auch andere Objekte, wie hier die Schweinderl, die ich an dem Tag wohl spannender fand als die Geschichtswürfel.

schweinderl

Am Weg in der Nähe von Nijverdal befindet sich das Denkmal des Arbeitslagers Twilhaar, das 1941 gegründet wurde. Arbeitslose Fischer sollten dort Bäume pflanzen. 1942 wurde das Lager von den deutschen Besatzern übernommen und diente als Durchgangslager für jüdische Zwangsarbeiter, bevor sie nach Westerbork und von dort aus in die Vernichtungslager gebracht wurden.

twilhaar twilhaar2

Die beiden Fotos, das eine noch scharf, das andere nicht mehr, sollen eine Warnung vor dem Verblassen der Erinnerung sein.

Begegnungen

Auch diesmal hatte ich wieder jede Menge nette Begegnungen. Einmal fragte eine Frau mich auf der Hinfahrt, als ich meinen Reiseführer studierte, welche Etappe es heute werden würde, und es entspann sich ein angeregtes Gespräch über das Wandern im Allgemeinen und den Pieterpad im Besonderen.

Und einmal kam mir ein Schäfer mit zwei Hunden und einer großen Schafherde entgegen. Da kommst du nicht durch, wie auch die Rennradfahrer feststellen mussten. Ehrlich gesagt gönne ich es ihnen, denn gerade auf den letzten Abschnitten präsentierten sie sich als eine recht ungemütliche Spezies: Immer in Eile, kein Blick für die Umgebung und nicht besonders höflich.

schafherde schafherde2

Mein absolutes Highlight ist aber folgendes: Auf der Etappe zwischen Holten und Hellendoorn war es im Wald mal wieder soweit, ich hatte die Markierungen verloren. Eigentlich logisch, dass das mal wieder passieren musste, es war ja schon viel zu lange gut gegangen.

Ich schlurfte also erst mal einen endlosen Weg entlang und hatte nirgends einen Anhaltspunkt, wo ich nun eigentlich war. Aber irgendwann musste dieser Weg ja mal einen anderen Weg kreuzen, sooo groß ist das alles hier ja auch nicht. Und tatsächlich sah ich nach einer Weile in der Ferne einen Weg und Radfahrer. Also nichts wie hin, dort würde es sicher Schilder geben. An der Kreuzung war gegenüber auch wirklich ein Schild mit der Aufschrift „Eigen weg“, also Privatweg. Das half mir natürlich unheimlich weiter.

Dann kam ein etwa 15jähriges Mädchen auf dem Fahrrad an. Ich fragte sie, ob sie wüsste, wie der breite Weg heißt. Das konnte sie mir leider nicht beantworten, aber die nächste Auskunft, dass in der einen Richtung Holten lag und in der anderen Nijverdal, brachte mich schon weiter. In Holten war ich am Morgen aufgebrochen, also ging ich weiter in Richtung Nijverdal, was wenigstens ungefähr stimmte. Nachdem ich ein paar Minuten gegangen war, kam mir die Radfahrerin wieder entgegen: „Ich habe da vorne für Sie nachgeschaut, wie der Weg heißt. Es ist der Holterweg.“ Wunderbar, der stand auch auf meiner Karte, so dass ich wieder auf die Route finden würde. Ich hätte die Kleine knuddeln können!

Ein Stillleben

An meinem letzten Wandertag des letzen Jahres kam ich auch an der Ferienanlage „Hof van Salland“ vorbei, wo ein Schild mit der Aufschrift  „Broodje Pieterpad“ mich ins Restaurant lockte. Wie man unschwer an meinem liebevoll komponierten Stillleben erkennen kann, war es sehr lecker.

stillleben

Und jetzt juckt es mich in den Füßen, wieder weiter zu gehen. Mal sehen, ob ich mir in Bälde mal wieder einen Tag freischaufeln kann.

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Land in Sicht – Das Umzugsgedöns nähert sich dem Ende

Nachdem ich die letzten Wochen wegen Renovierung und Umzug etwas in Anspruch genommen war, komme ich jetzt mal wieder dazu, den Grenzwanderer mit neuen Informationen, Geschichten und Schwänken zu füttern. Wird auch Zeit, denn neben diversen Umzugsanekdoten liegen noch eine Pieterpad-Nachlese vom letzten Jahr, ein kurzes Synagogen-Update und die Fortsetzung des Sommer-Reiseberichts an.

Aber erst mal der Umzug: Als erstes musste zwischen Wohnzimmer und Anbau – meinem Unterrichtsraum – eine Trennwand eingezogen werden, in die meine Bücherregale eingepasst wurden. Dann wurden die Bücher teilweise aussortiert, eingepackt und ins neue Domizil verfrachtet. Es ist zwar noch keine Downton-Abbey-Bibliothek, aber es sieht gut aus:

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Zwischen den Jahren grasten wir Baumärkte, Einrichtungshäuser und Spezialgeschäfte ab, um eine Tür und Lampen für den Unterrichtsraum zu finden, da ich ihn nach den Weihnachtsferien in Betrieb nehmen wollte. Die Tür wurde bestellt, aber erst wurden nur die Gläser geliefert, da die Tür selbst noch nicht bei der Transportfirma angekommen war. Aber das war kein Problem, wir hatten auch so genug zu tun.

In der Zeit versuchte ich auch, einen Termin mit einem neuen Kunden zu machen. Er war nicht erreichbar und ich konnte nichts auf die Mailbox quasseln, aber er sah natürlich, dass ich angerufen hatte und rief zurück. Da ich gerade nicht da war, bekam er den Gatten an die Strippe, der von nichts wusste, und es entspann sich folgender Dialog, der schon fast Loriot-Format hatte: „Sie haben mich vorhin angerufen?“ – „Nein, aber vielleicht was das meine Frau?“ – „Keine Ahnung, kann sein.“ – „Haben Sie etwas mit Baumärkten, Transportunternehmen oder Türen zu tun?“ – „Äh – nein…“. Zum Glück konnten wir das Ganze bald klären, und wenn man mitten im Umzug steckt, sehen einem die Leute einiges nach.

Den Neujahrstag haben wir damit verbracht, ca. 30 Quadratmeter Schieferfußboden zu schrubben und zu polieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, aber den Händen tut sowas unheimlich gut. Aber Niveau war letztes Jahr, jetzt reicht’s nur noch für Nivea. *g*

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Dann wurden die Lampen im Unterrichtsraum montiert und die Möbel an ihren Platz gestellt.

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Wie man sieht, haben auch meine Quilts ein neues Zuhause gefunden, was ja auch wichtig ist. Und die Kursteilnehmer sind begeistert – viel mehr Licht und Platz.

In der Zwischenzeit wurde auch die Tür eingesetzt, zwar noch ohne Glas, da eins der Paneele leicht beschädigt ist, aber immerhin. Inzwischen nennen wir den Raum auch „The Library“ und trinken gelegentlich Kaffee dort. „James, please serve our coffee in the library today.“ Klingt doch gut, bloß einen Butler bräuchten wir noch…

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Vor zwei Wochen wurden die Schlafzimmermöbel hierher verfrachtet, und es zeigte sich ein merkwürdiger Effekt: Als ich die Fußbodenleisten abgeschliffen und lackiert hatte, erschien mir der Raum riesig, aber als die Möbel erst mal darin standen, passte es gut, aber mehr auch nicht. Der Schlafzimmerumzug hatte zur Folge, dass wir jeden Abend mit einer Flasche Wein bewaffnet zum Fernsehen ins alte Haus pilgerten, da die Wohnzimmermöbel noch drüben standen. Die Nachbarn werden sich ihren Teil gedacht haben.

In unserem neuen Wohnzimmer hatten wir einen offenen Kamin, aber da wir von den Dingern nicht so überzeugt sind und im alten Haus einen tollen Ofen hatten, bestellten wir einen Einbauofen. Dazu musste die Kaminöffnung etwas erweitert werden, und wir beschlossen in weiser Voraussicht, das erst machen zu lassen, bevor wir die Wohnzimmermöbel platzieren.

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Gestern haben wir endlich das Wohnzimmer umgezogen und sind jetzt nicht mehr „between homes“. Endlich war es soweit:  Downton Abbey im neuen Haus! Der Mitbewohner ist auch froh, dass er jetzt seinen Stammplatz wieder hat.

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Natürlich ist noch nicht alles perfekt, wir müssen uns an die andere Küchenaufstellung gewöhnen, bei der Neukonfiguration des WLAN hat es uns irgendwas zerschossen, so dass der Drucker nicht mehr drahtlos funktioniert und jetzt wegen zu kurzer Schnur etwas dämlich auf dem Schreibtisch steht, diverser Kleinkram muss noch sortiert und eingeräumt werden, Vorhänge braucht’s noch etc.

Aber der Unterrichtsraum – The Library – ist es auf jeden Fall wert und der Rest kommt noch.

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The same procedure as every year: Jahresrückblick

Wie in den letzten zwei Jahren werde ich auch diesmal das vergangene Jahr Revue passieren lassen. Eigentlich war es ein recht merkwürdiges Jahr, in dem es leider auch wieder einige Anschläge in verschiedenen Städten gab. Großbritannien will die EU verlassen und Donald Trump wurde zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Vor allem wird uns dieses Jahr wohl durch den Tod einiger Schauspieler (Alan Rickman, Carrie Fisher und kurz danach ihre Mutter Debbie Reynolds) und vor allem zahlreicher bekannter Musiker im Gedächtnis bleiben. Es begann mit David Bowie und endete mit George Michael. Dazwischen lagen u.a. Black, Prince, Wolfgang Rohde, Leonard Cohen, Rick Parfitt und andere. Irgendwo im Internet stieß ich auf den Spruch: „Wenn es einen Gott gibt, dann stellt der sich gerade eine richtig geile Band zusammen.“

Für mich persönlich aber war es ein wirklich gutes Jahr, in dem sich viel verändert hat. Teilweise hat es sich so ergeben, teilweise war es die Folge eigener Entscheidungen und des gelegentlichen Verlassens meiner „Comfort Zone“.

Und so beantworte ich wieder mal die Fragen der letzten Jahre:

Was war das Beste für Dich an diesem Jahr?
Dass die zahlreichen Veränderungen (nicht nur für mich)  in diesem Jahr fast durchweg positiv waren.

Hast Du 2016 etwas gemacht, das Du noch nie zuvor gemacht hast?
Ich habe eine Ausbildung zur Gästeführerin in unserer Synagoge gemacht und meine ersten inoffiziellen Führungen absolviert. Die Feuertaufe kommt im nächsten Jahr.

Hast Du all Deine guten Vorsätze aus dem Vorjahr beherzigt?
Die Herausforderung Smartphone habe ich gemeistert – war auch komischerweise nicht zu schwer. Den Pieterpad habe ich noch nicht zu Ende gebracht, mir fehlen noch ca. 175 km. Aber egal, dann laufe ich halt nächstes Jahr weiter.

Hast Du gute Vorsätze für das nächste Jahr?
Ich möchte es endlich mal hinkriegen, mir selbst etwas mehr zuzutrauen, so dass ich auch anderen leichter vertrauen kann.

Welche Länder hast Du 2016 besucht?
Deutschland, England, Schottland.

Was möchtest Du 2017 haben, was Du 2016 nicht hattest?
Ich hatte in diesem Jahr so viel, dass ich gar nicht das Gefühl habe, dass mir etwas fehlt.

Welches Datum aus 2016 wirst du nie vergessen?
Den Tag,  an dem die goldigste Nichte von allen das Licht der Welt erblickte.

Was war Dein größter Erfolg 2016?
Ich hatte endlich den Mut, mich im gegenseitigen Einvernehmen von einem Geschäftspartner zu trennen und ganz eigene Wege zu gehen.

Welches war Dein größter Fehler?
Kein wirklich großer, aber diverse kleinere. Wer ist schon fehlerfrei.

Hast Du eine Krankheit oder eine Verletzung gehabt?
Bis auf die üblichen Zipplerlein, die das Älterwerden mit sich bringt, ging und geht es mir gut.

Was war das Beste, was Du gekauft hast?
Unser neues Haus mit wunderbarem Unterrichtsraum/Büro, der sich langsam der Vollendung nähert.

Wessen Verhalten erschreckt Dich oder macht Dich traurig?
Das der Menschen, die diverse Anschläge verübt haben, und das derer, die diese Anschläge für ihre Ziele ausschlachten wollen.

Wofür ging das meiste Geld drauf?
Für unser neues Domizil.

Worüber warst Du so richtig aus dem Häuschen?
Über die goldigste Nichte von allen. 🙂

Welches Lied wird Dich immer an 2016 erinnern?
„Strong“ von London Grammar. Ich scheine wohl auch oft den Eindruck zu erwecken, dass ich alles im Griff habe und weiß, wo es langgeht, aber es gab durchaus diverse Momente, in denen ich mich ganz schön unsicher und orientierungslos fühlte.

Verglichen mit 2015, warst du im Jahr 2016

…glücklicher oder unglücklicher?
Vielleicht hatte ich etwas mehr Glücks- und weniger Stress- und Ärgermomente.

… reicher oder ärmer?
Ich denke, es bleibt ungefähr gleich.

Wovon hättest Du lieber mehr gemacht?
Gebloggt, es sind noch einige Themen liegengeblieben, aber ich hab ja schließlich auch meinen Haushalt. 😉

Wovon hättest Du lieber weniger gemacht?
Eigentlich nichts, es war gut so.

Wie hast Du Weihnachten verbracht?
Erst gemütlich mit dem Gatten zu Hause, dann mit unserem Chor in der Christmette in Gronau.

Hast Du Dich 2016 verliebt?
Nicht neu verliebt, aber immer wieder festgestellt, dass das Team P&P noch immer ein Super-Team ist.

Welches war Deine Lieblingssendung im Fernsehen?
Zwar nicht im Fernsehen, aber auf DVD: Downton Abbey – wir haben eine neue Sucht dazubekommen.

Hast Du jemanden oder etwas hassen gelernt?
Hassen ist zuviel gesagt, aber aus irgendwelchen Gründen gingen mir die Audi-Fahrer besonders auf den Senkel. Und die Rennradfahrer sind auch so ein unhöflicher Haufen.  Dass einige von ihnen am Pieterpad in eine Schafherde gerieten, habe ich ihnen gegönnt. *fiesgrins*

Welches war das beste Buch, das du 2016 gelesen hast?
The Road to Little Dribbling von Bill Bryson, ich bin nunmal Bryson-Fan. Außerdem ist schon der erste Satz einfach grandios: “One of the things that happen when you get older is that you discover lots of new ways to hurt yourself.”

Was war deine größte musikalische Überraschung 2016?
Diesmal keine.

Was hast Du Dir gewünscht und auch bekommen?
Eine Menge tolle und  interessante Momente und Erfahrungen, natürlich mit den Leuten, die diese zu etwas Besonderem machen. Seien es die Begenungen am Pieterpad und während unserer Großbritannien-Radtour, die gemütlich verquatschten Stunden, hitziges Diskutieren und viel Lachen bei Kursen und Besprechungen, Konzert-, Weihnachtsmarkt- und Museumbesuche, Downton-Abbey-Dauerglotzen – ohne euch würde es deutlich weniger Spaß machen.

Was hast Du Dir gewünscht und nicht bekommen?
Eigentlich nichts, ich wünsche mir nicht mehr so viel, sondern versuche mich über die Dinge zu freuen, die meinen  Weg kreuzen.

Welches war Dein Lieblingsfilm in diesem Jahr?
Hatte ich dieses Jahr nicht.

Was hast Du an Deinem Geburtstag getan und wie alt bist Du geworden?
Ich bin wieder ein Jahr älter geworden, habe gearbeitet und war mit dem Gatten schön essen. Nachgefeiert haben wir etwas später.

Welche eine Sache hätte Dein Jahr zufriedenstellender gemacht?
Vielleicht die Möglichkeit, mehr Zeit mit einigen Menschen zu verbringen, die mir am Herzen liegen. Aber auch so war es okay.

Was hielt Dich gesund?
Eine ganz gute Konstitution und sicher auch Glück.

Erzähle uns eine wertvolle Lebenslektion, die Du in diesem Jahr gelernt hast!
Wirklich glerent, alsi verinnerlicht habe ich es noch nicht, aber ich arbeite daran: Loslassen und vertrauen, gerade wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es mir vorstelle. Oft entwickeln sie sich in eine Richtung, die auch schön, gut und richtig ist.

Auf was freust Du Dich im Jahr 2017?
Ein Internet-Orakel hat mir prophezeit, dass ich im nächsten Jahr meine innere Ruhe finden werde. Wenn das klappt, kann das Jahr eigentlich nur gut werden.

Ich wünsche allen, die hier gelegentlich vorbeischauen, das Allerbeste für 2017. Und wie es einer Gästeführerin der Synagoge geziemt, stoße ich mit einem herzlichen „L’Chaim (Auf das Leben)“ mit euch an.

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Schöne Feiertage – Fijne feestdagen

Trotz Umzugs- und anderem Gedöns möchte ich euch doch noch, bevor wir uns auf das Käsefondue stürzen,  schöne und geruhsame Feiertage wünschen, was ihr auch in dieser Zeit feiert. Passend dazu noch dieses schöne Bild:

Ondanks gedoe met de verhuizing en andere dingen wil ik jullie toch nog, voordat we aan de kaasfondue gaan, fijne en rustige feestdagen wensen, wat jullie ook vieren. Hier past nog het mooie plaatje bij:

merry-hanukkah

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Synagogen-Update oder: Kürzere und längere Führungen und diverse Missverständnisse

Obwohl zur Zeit hier der übliche berufliche Jahresendstress herrscht und wir immer noch mit  Renovierungs- und Umzugsaktivitäten beschäftigt sind, wird es mal wieder Zeit für diverse Updates: besagter Umzug, der Pieterpad, vielleicht auch in absehbarer Zeit eine Fortsetzung des Reiseberichts und natürlich die Synagoge.

Als erstes kann ich vermelden, dass wir Teil 2 unserer Gästeführerausbildung mit Anstand zu Ende gebracht haben. Im Rahmen dieses Kurses mussten wir alle für unsere Lerngruppe eine Miniführung von zehn Minuten vorbereiten, die dann von der Gruppe bewertet wurde. Um das Ganze nicht zu einfach zu machen, sollte ich meine Miniführung auf Niederländisch halten und Peter seine auf Deutsch.

 In meinem Fall gab es erst ein ziemliches Missverständnis, mein Thema war die Südostwand. Beim Treffen vor der Themenvergabe hatten wir den Festsaal besprochen, und wenn man dort aus einem der Fenster schaut, sieht man die Südostwand von außen, und in dieser Wand befinden sich zwei Steinplatten aus der Vorgängersynagoge, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu klein geworden war. Ich dachte, dass ich darüber referieren sollte und fragte mich entsetzt, wie ich so meine zehn Minuten vollkriegen sollte. Zu meiner Ehrenrettung sie gesagt, dass ich nicht die Einzige war, die es falsch verstanden hatte. Einer unserer Ausbilder meinte dann, dass wahrscheinlich die Südostwand in der großen Schul  gemeint war, was zum Glück auch stimmte, denn da konnte ich aus dem Vollen schöpfen.

Natürlich hatte ich furchtbares Lampenfieber, denn man geht ja davon aus, dass die Lerngruppe besonders kritisch ist. Aber fast alles ging gut, außer dass ich mich ein paarmal verhaspelte und mein Rechts-Links-Problem mal wieder für Erheiterung sorgte. Auch Peter meisterte sein Thema, die Kirchenratskammer, sehr souverän und bat sogar unsere Lehrerin, doch bitte nicht auf dem Teppich zu stehen, was sie in Zukunft für ihre eigenen Führungen übernehmen möchte. Feedback und Nachbesprechung waren sehr gut und konstruktiv.

Danach hatte jeder von uns noch ein Einzelgespräch mit unseren Ausbildern, in dem wir gefragt wurden, wie wir jetzt weitermachen möchten. Wir einigten uns darauf, dass die „Azubis“ noch bei ein paar Führungen mitgehen und Teile davon übernehmen, so dass es nicht gleich so furchtbar viel ist. Von mir wollte man außerdem noch  wissen, ob ich denn auch Führungen für Schulklassen und eventuell englischsprachige Führungen machen möchte, und vielleicht könnte ich ja noch mal eben Französisch und Russisch lernen…. Im Prinzip möchte ich schon irgendwann die englischen Führungen und die für Schulklassen machen, aber erst mal möchte ich die Materie besser beherrschen, so dass ich mich sicherer fühle.  Soweit die Theorie, aber es kam mal wieder anders.

Aber erst mal wollte ich meiner altbekannten Neigung, alles vor mir her zu schieben und dann in Panik zu geraten, ein Schnippchen schlagen.  Deshalb fragte ich einen Freund, ob er sich als Versuchskarnickel zur Verfügung stellen und sich von mir das Gebäude zeigen lassen würde. Er fand die Idee gut, denn die Synagoge stand bei ihm schon lange auf der berüchtigten „Da-wollte-ich-immer-schon-hin-aber-man-kommt-ja-zu-nix“-Liste. Also musste ich meine Aufzeichnungen in Ordnung bringen, so etwas wie ein Gesamtkonzept entwickeln und eine Aufstellung der hebräischen Inschriften in den diversen Räumen erstellen, denn ich kann das Zeugs ja nicht lesen. Vielleicht hätte ich mir doch eine Kirche aussuchen sollen, lateinische Inschriften haben doch einen höheren Wiedererkennungswert.

Nachdem wir erst diverse terminliche Missverständnisse ausräumen mussten, schafften wir es tatsächlich, zur selben Zeit am selben Ort zu sein, was für so ein Unterfangen ja  nicht verkehrt ist. Eine reguläre Führung dauert eine Stunde und fünfzehn Minuten, und das heißt, dass man irgendwo was weglassen muss. Aber in diesem Fall machte ich das natürlich nicht, wir begannen bei der Außenfassade (Amsterdamer Architekturschule), dann führte ich ihn durch alle Räume, die ich auch betreten darf, und beendete den Rundgang zwei Stunden später auf der Frauenempore.

Für mich war es tatsächlich sehr hilfreich, denn ich weiß jetzt, bei welchen Punkten ich mich sicher fühle, wo ich noch ins Schwimmen gerate, was ich noch mal nachschlagen muss und wo ich straffen kann, wenn es notwendig ist. Und es hat Spaß gemacht, jemandem das Gebäude zu zeigen, der sich für die Mosaiken und Bleiglasfenster begeistern kann und jede Menge Fragen stellt.

Tja, und letzte Woche rief mich eine der Koordinatorinnen an, ob ich im neuen Jahr eine komplette deutschsprachige Führung für eine Schulklasse machen möchte. Meine Ausbilderin denkt, dass ich es schaffe. Sie wird das Ganze auf jeden Fall vorher mit mir durchgehen und außerdem dabei sein, falls ich komplett den Faden verliere. Am 26. Januar ist also meine Feuertaufe. Ein paar positive Gedanken könnten auf jeden Fall nicht schaden.

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Eine andere Kindheit und Jugend

Vor einigen Jahren, als meine Neffen noch sehr klein waren, hatte meine Schwiegermutter ein paar Kinderbücher vom Dachboden geholt, in denen ich interessiert blätterte. Meine Schwägerin fragte: „Ach, liest du Pinkeltje mal wieder?“ Wieso „mal wieder“? Für mich waren diese Geschichten Neuland. Wieder einmal wurde mir klar, dass ich viele Erinnerungen, die für meine Altersgenossen hier in den Niederlanden Gemeingut sind, nicht teile. An ihrer Stelle stehen andere, die mich für immer mit meinen Freunden aus der alten Heimat verbinden.

Alexandra von buurtaal geht es ähnlich, und da wir ungefähr gleich alt sind und sie im selben Jahr nach Deutschland zog, in dem ich in den Niederlanden ansässig wurde, entstand die Idee,  zu diesem Thema ein Doppelprojekt( die Niederländer haben dafür das schöne Wort „tweeluik“) zu machen. Sie schreibt über ihre Kindheit und Jugend in den Niederlanden, also über das Stück, das mir hier fehlt, und ich schreibe über meine deutsche Kindheit und Jugend, von der Geburt bis zum Ende der Schulzeit mit 18 bzw. 19 Jahren. Da ich noch etwas verfrüht finde,  meine Memoiren zu schreiben, greife ich nur ein paar Aspekte heraus, von denen ich denke, dass sie für deutsche Kinder meiner Generation typisch waren.

Als ich noch klein war…

An meine Kleinkinderzeit erinnere ich mich vor allem bruchstückhaft und anhand von Erzählungen und Fotos. Mein Vater ging anscheinend gern mit mir im Kinderwagen spazieren, was für Männer in dieser Zeit eher untypisch war. Meine Mutter saß mit mir im Garten bei Oma und wir pflückten Blumen. Ich ging gern in die Badewanne, was auch heute noch so ist.

Umständehalber verbrachte ich auch viel Zeit bei meinen Großeltern. Opa las mir die Kinderbuchserie von Gertrud Keussen über die beiden Zwerge Puk und Pat, das arme Einöhrchen (ein Kaninchen, das ein Ohr verloren hatte) und den Raben vom Felsenberg vor. Später kamen auch die Wilhelm-Busch-Klassiker „Max und Moritz“ und (zu Omas Entsetzen) „Die fromme Helene“ hinzu. Außerdem lernte ich von ihm das Zählen, die Uhr, die ersten Buchstaben und – mit weniger Erfolg – das Schuhezubinden. Oma brachte mir das Backen bei, und ich durfte beim Marmeladeeinkochen helfen.

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Anscheinend zeichnete sich mein heutiger Beruf schon früh ab

Der Kindergarten in München war grauenhaft, der in Erding, wo wir später hinzogen, war okay. Dort lernte ich die Pumuckl-Hörspiele von Ellis Kaut kennen und lieben. Nach und  nach bekamen wir die ganze Schallplattensammlung zusammen, die sich jetzt bei meinem Bruder befindet. Schließlich soll meine kleine Nichte ja nicht ohne Pumuckl aufwachsen.

Schulzeit

In Deutschland wird man in der Regel mit sechs Jahren eingeschult. Der erste Schultag ist sehr wichtig, die Zeit des sorglosen Spielens ist vorbei und der Ernst des Lebens beginnt. Um diesen Schritt etwas zu versüßen, erhalten die Kinder eine Schultüte mit Süßigkeiten und anderen Kleinigkeiten, die man in der Schule halt so braucht – Malstifte, Bastelzeugs und dergleichen. An diesem Tag lernte ich auch Silvia kennen, die Jahre später meine beste Freundin wurde. Diese Freundschaft besteht übrigens immer noch! Die Grundschule war für mich ganz in Ordnung, mal abgesehen vom Sportunterricht, der mir schon damals ein Graus war, und der Schriftnote, die mir mit schöner Regelmäßigkeit das Zeugnis versaute.

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Der Ernst des Lebens fängt an

Nach der vierten Klasse – wir waren damals zehn – wechselten wir auf das Gymnasium, wo wir uns gemeinsam bis zum Abitur durchkämpften. Unser „Gymmi“ hatte zwei Zweige im Angebot, den naturwissenschaftlich-mathematischen und den neusprachlichen. Bei mir wurde es letzterer (wundert das jemanden?), was mir die Fremdsprachen Englisch, Latein und Französisch bescherte. In Englisch war ich gut, Latein ging so und ich hielt tapfer bis zum Latinum durch, und mit Französisch konnte ich mich nicht anfreunden. Im Nachhinein war es aber gut, beide Sprachen gehabt zu haben, da sie Voraussetzung für das Anglistik-Studium sind.

In der siebten und achten Klasse fuhr man bei uns im Winter eine Woche ins Skilager, wir waren ja schließlich nah genug an den Alpen. Bei mir funktionierte das Ganze eher nach dem Motto „Runter kommt man immer“, aber nett war es schon. In der Zehnten fuhren wir auf Klassenfahrt nach Berlin (näheres siehe unter „Geteiltes Deutschland“) und in der Elften ging es nach Rom. Das bedeutete natürlich eine Menge Kultur, viel Wein, wenig Schlaf und den absoluten Höhepunkt auf der Rückfahrt: Unser Klassenlehrer schaffte es irgendwie, die Notbremse zu ziehen, so dass wir  mitten in der Nacht mit einem gewaltigen Ruck in den Feldern vor Florenz zum Stehen kamen. Dank der Eloquenz einer anderen Lehrerin, die fließend Italienisch sprach, kam er um eine Geldstrafe herum.

forumromanum

Forum Romanum

Vor einiger Zeit hatten wir zum 25jährigen Jubiläum ein Treffen unseres Abi-Jahrgangs. Natürlich besuchten wir auch das Schulgebäude, das mir jetzt um einiges kleiner vorkam. Interessant war auch, dass sich beim gemeinsamen Abendessen wieder dieselben Gruppen bildeten wie zu Schulzeiten, auch wenn ich einige Leute schon viele Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Geteiltes Deutschland

Bevor ich zu Büchern, Musik und dergleichen komme, erst noch ein Exkurs in die politische Situation. Damals bestand Deutschland noch aus zwei Teilen, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Irgendwo in der Rhön und bei Travemünde hörte für uns Kinder  die Welt auf, und was hinter dem Grenzstreifen mit seinen Wachtürmen, dem „Eisernen Vorhang“ lag, wussten wir nicht genau. Ich habe zwar Verwandtschaft in Thüringen, aber der Kontakt lief vor allem über meine Großeltern und deren Geschwister, die damals gelegentlich zu Besuch kamen. Außerdem erinnere ich mich an die Weihnachtspakete, die wir damals „nach drüben“ schickten, mit Plätzchen, Stollen, Schokolade, Kaffee und anderen Dingen, die damals dort schwer zu bekommen waren. Man musste eine genaue Aufstellung des Inhalts beilegen, und Bücher oder Zeitschriften waren nicht erlaubt. Wir bekamen ebenfalls Pakete zurück, und obwohl die „Ost-Süßigkeiten“  nicht besonders lecker waren, wussten wir die Geste zu schätzen. Gelegentlich schrieben meine Großcousine und ich uns einen Brief, aber das schlief recht schnell ein, da wir beide zu einer gewissen Schreibfaulheit neigten.

Als ich sechzehn war, fuhren wir auf Klassenfahrt in das damals noch geteilte Berlin. Zu diesem Zweck mussten wir uns einen Reisepass zulegen und bekamen genaue Instruktionen, wie wir uns bei den Grenzkontrollen zu verhalten hatten, schließlich waren die ostdeutschen Zollbeamten nicht gerade für ihre höfliche und zuvorkommende Art bekannt. Wir absolvierten das übliche Programm: Stadtrundfahrt, Kurfürstendamm, diverse Museen und ein Tag in Ostberlin.  Im Vorfeld hatte man uns gründlich eingeimpft, was wir zu tun und zu lassen hatten, und nachdem wir am Bahnhof Friedrichstrasse die Grenze passiert hatten, waren wir entsprechend eingeschüchtert. Auch an die geballte Unfreundlichkeit, mit der man uns Wessis dort begegnete, erinnere ich mich noch. Und heute kann ich verstehen, dass unsere Klassenlehrerin damals wohl Blut geschwitzt haben muss und mit uns undiszipliniertem Haufen lieber woanders hingefahren wäre.

Umweltschutz und Friedensbewegung

Sicher hat mich auch das politische Klima der 80er Jahre geprägt. 1982 wurde Helmut Kohl Bundeskanzler, und er sollte den Platz erst sechzehn Jahre später, als ich schon in den Niederlanden wohnte, wieder räumen. Ich brauchte damals eine ganze Weile, um mich daran zu gewöhnen, dass der Bundeskanzler nicht mehr Kohl hieß.

Im selben Jahr (1982) kamen auch die Grünen zum ersten Mal in den deutschen Bundestag, und das Drei-Parteien-System aus CDU/CSU, SPD und FDP war durchbrochen. Themen wie das Waldsterben, die Endlichkeit der fossilen Rohstoffvorräte und der Verdacht, dass Kernenergie wohl doch keine richtig saubere und sichere Lösung ist (was durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 eindrucksvoll bestätigt wurde), erhielten einen Platz auf der politischen Agenda. Auch wir versuchten, mit unseren bescheidenen Mitteln die Erde zu retten: Wir schrieben auf Umweltschutzpapier, boykottierten Plastiktüten, kauften in Umweltläden ein und Autofahren konnten wir ja sowieso noch nicht. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir damals auf dem Gebiet von Umweltschutz weiter waren als heute.

Auch der kalte Krieg und das Wettrüsten waren ständig Thema, was ja auch kein Wunder ist, wenn die Grenze zwischen den beiden Großmächten das Land, in dem man lebt, in zwei Stücke gehackt hat. Das hat natürlich auch Einfluss auch Literatur, Kunst und Musik.

 Das „Bayern-Eins-Trauma“, die Neue Deutsche Welle und sonstiges Musikalisches

Was ich „ganz früher“ an Musik mitgekriegt habe, weiß ich eigentlich nicht mehr so genau, die Schlager der früher 70er gingen irgendwie an mir vorbei, was im Nachhinein vielleicht nicht das Schlechteste war. Aber an den Radiosender „Bayern Eins“, den mein Vater beim sonntäglichen Mittagessen immer hört, erinnere ich mich noch gut – bayerische Volksmusik vom Feinsten! Meine Freundinnen litten genauso darunter wie ich, vermutlich wurde da eine ganze Generation traumatisiert.

Irgendwann fand ich, wie damals wohl fast jeder, Abba toll und hatte einige Alben von ihnen. Anders als die meisten anderen fand ich damals schon Frida besser als Agneta, und vor einigen Jahren wurde mir mal wieder klar, wie schön eigentlich das Lied „When All Is Said And Done“ ist.

Auch die Neue Deutsche Welle (Anfang der 80er) schwappte an mir nicht spurlos vorüber – Trio mit ihrem eintönigen „Da Da Da“, Nena und die 99 Luftballons, Peter Schilling, der völlig losgelöst durch die Gegend schwebte und – nicht wirklich typisch NDW – die Spider Murphy Gang und die Münchner Freiheit. So ganz ohne Lokalpatriotismus geht es halt doch nicht. Und Falcos Lied „Jeanny“ stand ja damals beim Bayerischen Rundfunk auf dem Index, da es die Entführung eines Mädchens aus der Sicht des Täters erzählte. Es wurde im Radio nicht gespielt, stand aber sehr lange auf Platz Eins der Hitparade am Freitagabend. Kein Wunder, jeder wollte das Lied natürlich haben. Auch ich überspielte es mir von einer Freundin (so machte man das damals), zusammen mit der Frank-Zander-Parodie.

Da ja irgendwann bei mir  das Interesse für Friedensbewegung und Umweltschutz erwachte, entwickelten sich auch meine musikalischen Vorlieben in diese Richtung und ich entdeckte die Liedermacher (auf gut Niederländisch „Singer-Songwriter“) Reinhard Mey, Hannes Wader, Konstantin Wecker, Bettina Wegener und andere. In dieser Zeit lernte ich auch ein bisschen Gitarre spielen, aber an Reinhard Meys Zupfmuster (dem sogenannten Mey-Zupfing) bin ich grandios gescheitert. Mir ist heute noch ein Rätsel, wie man das hinkriegt, ohne sich die Finger komplett zu verknoten. Manchmal überlege ich, ob ich meine Gitarre mal wieder vom Speicher holen, entstauben und loslegen sollte, aber ich bezweifle, ob das in diesem Leben noch was wird.

Film und Fernsehen – natürlich auf Deutsch

Während man in den Niederlanden Filme und Fernsehserien (vom Kinderprogramm abgesehen) im Original mit Untertiteln ausstrahlt, wird in Deutschland fast alles nachsynchronisiert. Bei Kinderserien wie „Wickie und die starken Männer“ oder „Biene Maja“ fiel das natürlich nicht weiter auf, aber auch bei den ganzen anderen Serien wie „Bonanza“, „Unsere kleine Farm“ etc. fanden wir es nie merkwürdig, dass man in den tiefsten USA Deutsch spricht. Was denn sonst, wir kannten es ja nicht anders.

Auch in unserem Kleinstadtkino gab es keine Filme im fremdsprachigen Original, dafür musste man nach München fahren, was für ca. 15jährige noch eine ziemliche Expedition war. Aber was tut man nicht alles.

Irgendwann fiel mir natürlich auf, dass gelegentlich ein Sprecher verschiedene Schauspieler synchronisiert, oder dass der Sprecher eines Schauspielers aus irgendwelche Gründen ausgetauscht wird. Und es fing an zu nerven, dass die Dialoge nicht lippensynchron sind.

Als ich mir später alles Mögliche im Original zu Gemüte führte, wunderte ich mich öfter, wie anders die echten Stimmen der Schauspieler oft klingen. Die deutsche Stimme von „Alf“ finde ich immer noch sympathischer als das Original.

 Leseratte

Ich hatte mir ja schon immer gern vorlesen lassen, und sobald ich lesen konnte, waren Bücher mein Ein und Alles. Unzählige Nachmittage verbrachte ich auf dem Wohnzimmersofa oder auf dem Teppich vor der Balkontür meines Zimmers, und zahllose Nächte lag ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, weil ich einfach wissen wollte, wie es weitergeht.  Ottfried Preussler, Astrid Lindgren, Enid Blyton, später Karl May, Michael Ende, mir gefiel vieles.

Eine Zeitlang hatte ich Reitunterricht, und in dieser Phase verschlang ich alles, was irgendwie mit Pferden zu tun hatte, von den typischen Serien „Mädchen mit Pferd“ bis zu Fachbüchern über Pferdehaltung (zu meiner Enttäuschung wollten meine Eltern das Wohnzimmer nicht zu einem Pferdestall umbauen) und einem Wälzer über Pferdekrankheiten, da ich damals noch Tierärztin werden wollte.

Später las ich neben der Pflichtlektüre in der Schule auch viel über die deutsche Vergangenheit, vor allem das Dritte Reich und die Judenverfolgung, Autobiografien und Romane mit sozialpolitischem Hintergrund, Entwicklungshilfe, Jugendliche mit Problemen (z.B. Christiane F.) etc. Damals wollten wir ja noch die Welt retten.

Schon früh entdeckte ich meine Leidenschaft für Krimis und Spukgeschichten, die mich heute noch begleitet. Wundert es jemanden, dass der Schauerroman des 18. und 19. Jahrhunderts später einer meiner Studienschwerpunkte war?

Zu guter Letzt: Reisen und Fernweh

Während meine Schulfreundinnen in den Ferien mit schöner Regelmäßigkeit mit ihren Eltern in den sonnigen Süden (Italien, Spanien, Jugoslawien) oder den hohen Norden (Schweden, Norwegen) gondelten, waren meine Eltern eher heimatverbunden. Das Ausland war ihnen nicht so ganz geheuer, also fuhren wir im Urlaub abwechselnd in die Berge oder an die Nord- oder Ostsee. Meine Liebe zum Meer stammt noch aus der Zeit.

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Urlaub am Meer

Und aus irgendwelchen Gründen zog es mich nach England, vermutlich wegen der Enid-Blyton-Romantik. Nach einem absolut genialen Urlaub mit einer guten Freundin und Namensvetterin in England und Schottland war es klar – dieses Land sollte mich nicht mehr loslassen. Und es war diese Faszination, die mich auf Umwegen in die Niederlande geführt hat – aber das ist eine andere Geschichte.

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Stolpersteine in Enschede

Zur niederländischen Version

Dieses Mal schreibe ich über ein ernsthaftes Thema, das mich schon eine ganze Weile beschäftigt, nämlich die Stolpersteine. Ich schiebe dieses Thema schon gut zwei Jahre vor mir her, denn ich möchte ihm die Aufmerksamkeit widmen, die es verdient. Aber der 9. November, der Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 ist wohl ein guter Moment, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen, so dass es nicht in Vergessenheit gerät.

Die Idee der Stolpersteine stammt von Gunter Demnig. Er lässt diese Gedenksteine auf dem Gehweg vor den Häusern der Menschen anbringen, die von den Nazis deportiert, ermordet, vertrieben oder zum Selbstmord gezwungen worden waren. Er nennt diese Steine Stolpersteine, da man wortwörtlich darüber stolpert und man sich herunterbeugen muss, um die Texte lesen zu können. Und was wohl am Wichtigsten ist, ein Mensch ist erst dann wirklich vergessen, wenn man seinen Namen vergessen hat.  Die Steine werden vor der letzten freiwillig ausgewählten Adresse der Opfer niedergelegt. In den Niederlanden wurden die ersten Steine am 29. November 2007 in Borne gelegt.

Sehr lange tat Gunter Demnig das selbst, aber wegen der großen Nachfrage lässt er sich inzwischen von einem Team unterstützen. Die ersten Steine in einer Gemeinde legt er grundsätzlich selbst, aber in manchen Ortschaften, wie z. B. auch in Enschede, werden sie inzwischen von Straßenarbeitern, die bei der Stadt angestellt sind, gelegt. Diese werden natürlich entsprechend ausgebildet und betreut, so dass sie dies mit dem notwendigen Respekt tun.

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Da der Bürgersteig Eigentum der Gemeinde, also öffentlicher Raum ist, ist es notwendig, die richtigen Genehmigungen anzufordern, wobei die Gemeinde Enschede das Projekt nach Kräften unterstützt. Außerdem ist es notwendig, die Eigentümer der Häuser, vor denen die Steine gelegt werden, und die übrigen Anwohner zu informieren. Dies geschieht durch Gespräche und Informationstreffen für alle Interessieren. Es ist wichtig, dass sie das Projekt mittragen, was meistens auch der Fall ist.

Außerdem wird die Geschichte der Opfer (Juden und Nicht-Juden) erforscht. Ihre Daten (Name, Geburtsdatum, Deportation, Ort und Datum ihres Todes) müssen sorgfältig überprüft werden. Auch versucht man, immer die richtige Bezeichnung zu wählen, wie das Opfer sein Ende gefunden hat (ermordet, hingerichtet, verschwunden etc.). Es geht schließlich um ein sehr sensibles Thema, also ist es wichtig, dass die Information auf dem Stein richtig ist. Dies erfordert genaue Nachforschung in Bevölkerungsregistern und Archiven, und manchmal widersprechen einige Quellen einander.

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Auch andere Aspekte spielen eine Rolle: Manchmal gibt es die Häuser dort nicht mehr, oder der Straßenverlauf wurde geändert.  Wo legt man dann den Stein?

Natürlich müssen auch die Hinterbliebenen kontaktiert werden, denn es ist wichtig, dass auch sie hinter der Legung eines Steins stehen.

Vor einer solchen Legung findet in Enschede immer eine Zeremonie statt, zu der die Hinterbliebenen eingeladen werden.  Ich durfte am ersten April 2014 dabei sein und war sehr beeindruckt.

Nach dem Willkommenswort und einer Erklärung zu den Hintergründen der Stolpersteine in Enschede von Bert Cras, Vorsitzender von Levend Verleden Oost-Nederland, und einer Rede des damaligen Bürgermeisters Peter den Oudsten trug einer der Hinterbliebenen das Gedicht „De laatste tocht“ vor.

Ein wichtiger Teil dieser Zeremonie ist es, dass die Namen der Menschen, für die die Steine gelegt werden, genannt werden. Aber es geht hier nicht nur um das Nennen der Namen, es wird auch immer eine kurze Geschichte über den Betreffenden erzählt: Sein oder ihr Hintergrund, Beruf, Familienstand, womit er oder sie sich sonst noch beschäftigt hat und natürlich, was über sein oder ihr Ende bekannt ist.  So wird noch einmal deutlich gemacht, dass es nicht um eine unbestimmte Gruppe geht, sondern dass, wie Bürgermeistern Ten Oudsten sagte, „hinter jedem Namen ein Mensch mit seiner eigenen Freude, Trauer, Familie und Karriere steht“. Hilde Agterbos und Suzanne Spenkelink führten diesen Teil mit Würde und Respekt durch.

Musikalisch wurde die Zeremonie von der Klezmerband Kozmozh umrahmt, und es wurden Gebete und Betrachtungen von Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen ausgesprochen. Rabbi Elijahoe Philipson betete den Kaddisch für die Trauernden. Dies ist nur möglich, wenn ein Minjan, eine Gruppe von minimal zehn im religiösen Sinne erwachsener jüdischer Männer, die also 13 Jahre oder älter sind, anwesend ist.

Margriet Meijling-Togtema, Vertreterin der humanistischen Bewegung, sprach über das Unrecht, das zu groß für Worte ist.  Sie betonte, wie wichtig es ist, dies nicht zu verschweigen und die Namen nicht zu vergessen. Dazu leisten die Stolpersteine einen großen Beitrag.

Die protestantische Pfarrerin Ellen Zonneveld erzählte vom Schicksal des Pfarrers Nanne Zwiep, für den im Thorbeckelaan 20 ein Stein gelegt wurde. Am 19. April 1942 sprach er sich in seiner sonntäglichen Predigt gegen den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung aus. Am nächsten Tag wurde er verhaftet und über Arnhem und Amersfoort ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er am 24. November 1942 starb.

Der katholische Pfarrer André Monninkhof erzählte über Kaplan Regnerus Aloysius de Hosson der Jacobuskirche in Enschede. Er setzte sich für untergetauchte Juden ein und wurde dafür am 31. Oktober 1944 in Gronau erschossen. Sein Stein liegt nun in der Langestraat 51 vor dem Pfarrhaus der Jacobuskirche. Pastor Monninkhof umschrieb es als eine Ehre, jetzt selbst dort wohnen zu dürfen.

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Es war eine sehr stimmungsvolle und beeindruckende Zeremonie.

Die Stolpersteine sind jedoch nicht unumstritten. Gegner finden es z. B. nicht gut, dass man praktisch über die Opfer hinwegläuft und so praktisch noch einmal auf ihnen herumtrampelt. Darum dürfen z. B. in München keine Steine gelegt werden.

Ich selbst finde das Konzept gut, denn wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, sieht man sie überall und hält kurz inne bei dem, was damals geschehen ist, auch wenn es nur in Gedanken ist.  Man stolpert, wie Demnig selbst sagt, nicht wörtlich mit seinen Füßen, sondern „mit dem Kopf und mit dem Herzen“.

Ein herzliches Dankeschön an Suzanne Spenkelink und Hilde Agterbos für die Informationen und Ergänzungen.

Weitere Informationen über die Stolpersteine und die Möglichkeiten, dieses Projekt zu unterstützen, finden Sie hier:  www.levendverledenoostnederland.nl.

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Lebenszeichen

Es ist ja jetzt schon eine Weile etwas ruhiger hier, und vielleicht hat sich der eine oder andere schon gefragt, wo ich denn abgeblieben bin. Ich kann euch beruhigen, es geht mir gut. Weder wurde ich von Seehunden gefressen, noch habe ich mich dauerhaft auf dem Pieterpad verlaufen oder ist mir die Inspiration ausgegangen. Nein, es ist einfach mal wieder schnöder Zeitmangel aus unterschiedlichen Gründen.

Für den Gästeführerkurs in der Synagoge muss ich einiges lernen, aber die erste Hürde habe ich inzwischen geschafft: Eine 10-Minuten-Führung zu einem Thema (in meinem Fall die Südostwand in der Großen Schul mit dem Heiligen Schrein und einigen interessanten Mosaiken und Bleiglasfenstern), die von unseren Ausbildern und unserer Lerngruppe bewertet wurde. Selbstverständlich bin ich vor Lampenfieber fast gestorben, aber ich habe es geschafft. Das Feedback war gut, und ich hoffe nicht, dass mir demnächst mitgeteilt wird, dass ich mir besser ein anderes Hobby suchen soll. Ich werde aber heute darum bitten, die erste „richtige“ Führung erst im neuen Jahr machen zu dürfen, denn es gibt noch eine andere Sache, die gerade viel Zeit kostet.

Wir haben letzten Montag den Schlüssel zu unserer neuen Bleibe bekommen. Das Haus ist ungefähr 30 – 40 Meter von unserem jetzigen entfernt (je nachdem, bei welcher Tür man hinein möchte), und es hat einen Anbau im Erdgeschoss, den ich als Unterrichtsraum / Büro nutzen möchte.

Neue BleibeUnterrichtsraum

Und wie es halt so ist, muss einiges gemacht werden: Ein paar Sachen umbauen, eine Menge subermachen und streichen usw. Gestern haben wir das Pflaumenbäumchen, das ich von einem ehemaligen Auftraggeber zum Abschied bekommen habe, sowie einige Brombeer- und Himbeersetzlinge in unseren neuen Garten gebracht. Dass man so nah dran wohnt, ist sehr praktisch, da man so auch zwischendurch einigen Kleinkram erledigen kann.

Außerdem kann ich mich zur Zeit nicht über Auftragsmangel beklagen, und das ist auch gut so. Irgendwo muss ja das Geld, das jetzt mit schöner Regelmäßigkeit in den Baumarkt wandert, ja herkommen. Dazu kommt noch mein Berufsblog, das gepflegt werden möchte, und die Website einer Sprachenschule im Norden der Niederlande, für die ich seit Kurzem regelmäßig schreibe, und zwar über alles, was irgendwie mit Sprache, Literatur, Kunst und Kultur zu tun hat. So kriege ich sogar ein bisschen Geld für mein Hobby, aber all das frisst natürlich Zeit, im Moment leider auf Kosten des Grenzwanderers.

Aber keine Angst, es liegen noch ein paar Sachen „auf Halde“, und wenn ich wieder etwas Luft habe, hört ihr wieder öfter von mir. Einige Pleiten, Pech und Pannen bei Renovierung und Umzug wird es mit Sicherheit auch geben. Man liest sich.

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