Ostseeradtour 2015 – Teil 10 / Schluss (Zeit wird’s)

Through the warmth, through the cold, keep running till we’re there.
We’re coming home now, we’re coming home now.
(aus „Home“ von Dotan)

Altefähr – Stralsund – Gronau – Enschede

Und wieder waren die letzten Tage angebrochen, an denen man im Geiste schon fast wieder zu Hause ist. Eine gewisse Wehmut wegen des bevorstehenden Urlaubsendes mischst sich mit der Vorfreude auf die vertrauten vier Wände.

Als wir am nächsten Morgen wach wurden, war es trocken, und auch der Wind hatte nachgelassen. Wir überlegten, doch nach Altefähr zu radeln, doch als wir abgebaut hatten und zum letzten Mal die Anhöhe hinunter sausten, Stellten wir fest, dass der erste Eindruck täuschte. Es war zwar nicht mehr ganz so dramatisch wie am Vortag, aber der Jasmunder Bodden war immer noch recht aufgewühlt.

bahnundbodden

Also fuhren wir zum Bahnhof, wo uns ein Aushang darauf aufmerksam machte, dass wir die Karten im Zug erwerben konnten. Die Fahrt verlief ohne Probleme, aber in Altefähr mussten wir mit den vollbepackten Leezen eine Treppe hinunter. Da kommt doch mal wieder Freude auf!

Über den altbekannte Kopfsteinpflaster-Sandweg ging es zum Campingplatz, wo wir vor zehn Tagen reserviert hatten. Diese Zeit kam uns wie eine Ewigkeit vor, so viel hatten wir gesehen und erlebt. Wir bauten unser Zelt diesmal in einer windgeschützten Ecke auf und gingen dann am Sund spazieren, wo wir kräftig durchgepustet wurden.

stralsundskyline stralsundskyline2

Dann widmeten wir uns unseren Büchern, bis der Kiosk mit den leckeren Flammkuchen geöffnet hatte. Mit einer Flasche Weißwein ließen wir unseren letzten Urlaubsabend ausklingen.

Am nächsten Morgen waren wir schon früh wach, und wie es sich für einen Abreisetag gehört, strahlte die Sonne vom Himmel, und der Wind regte sich kaum. Wir legten die Bodenplanen in die Sonne und sahen ihnen während des Frühstücks beim Trocknen zu. Dann bauten wir ab.

Gemütlich fuhren wir über den Strelasund nach Stralsund und zum Bahnhof, wo wir natürlich wieder viel zu früh waren. Wir kauften uns einen Zeitung und Kaffee und setzten uns an einen der netten Tische dort. Wir lasen und beobachteten Leute, bis es Zeit wurde, zu unserem Gleis zu gehen.

Im Gegensatz zur Hinfahrt war die Wagenreihung diesmal korrekt, doch als wir mit unseren Leezen ins Fahrradabteil wollten, gab es Platz Nummer 148, den ich reserviert hatte, nicht. Irgendwas ist ja immer! Dafür war ein anderer Platz nicht reserviert, den ich dann okkupierte. Die Schaffnerin nahm ihre Aufgabe sehr ernst, und wir hatten das beruhigende Gefühl, dass sie in einem Notfall unsere Räder mit Leib und Leben bewachen würde.

Wir unterhielten uns mit einer Radlergruppe aus Heidelberg, die die Mecklenburger Seenplatte erkundet hatte. Am Vortag waren sie noch in Wolgast gewesen und hatten sich dort wegen Wind und Wetter ebenfalls für den Zug entschieden.

In Rostock hatte der Zug eine halbe Stunde planmäßigen Aufenthalt, und wir dachten, dass die Bahn doch eine kurze Stadtrundfahrt in so einem Golfwagerl organisieren könnte, um die Wartezeit zu überbrücken. Aber es gab auch so genug Unterhaltung: Auf den Bahnsteigen sahen wir bunt gekleidete Leute und hörten, dass diese zum Schlagermove nach Hamburg wollten. Mal wieder ein Beweis, dass wir wohl älter werden, wir hatten keine Ahnung, was das ist. Aber Google ist ja mein bester Freund, und ich fand Folgendes: „Der „Schlagermove“ Hamburg ist das selbsternannte „Festival der Liebe“ und feiert jährlich in der Hansestadt den Karneval des Nordens mit bunt-bizarren Kostümen, schrägen Brillen und natürlich viel, viel Schlagermusik. Mittlerweile sind bei der Veranstaltung rund 45 Party-Trucks unterwegs, die rund 500.000 Besucher bespaßen.“ Also, ich glaube nicht, dass ich da unbedingt hinmuss.

Eine fünfköpfige Familie stieg mit ihren Rädern zu, und wie wir wollten sie bis Münster. Die kleinere der beiden Töchter stürmte auf einen Tisch bei uns auf der anderen Seite es Ganges los und trötete: „Ich hab ’nen Tihisch!“, und als alle saßen, ging es sofort weiter: „Wann fahren wir endlich los?“ Da hatte sie zweifellos recht.

Dann ging es tatsächlich weiter, und wir erfuhren, dass die Familie in der Umgebung von Rostock unterwegs gewesen war. Allerdings war bei der Hinfahrt ihr reservierter Intercity wegen defekter Klimaanlage ausgefallen, so dass sich ihre Route erst mal aus Nahverkehrszughopping und ungeplanten Radstrecken zusammen setzte. Senk ju fot träweling wis Deutsche Bahn.

Wir kamen planmäßig in Münster an, wo wir knapp 10 Minuten zum Umsteigen hatten. Wir halfen uns gegenseitig beim Ausladen der Räder und des Gepäcks, als das kleine Mädchen plötzlich Angst bekam, dass ihre Eltern, die draußen mit dem Aufpacken beschäftigt waren, sie im Zug zurück lassen würden. Ich hob sie aus dem Zug und setzte sie beim Rest der Familie ab. Dann gingen wir zum Aufzug.

Peter und ich hatten nicht vor, uns abzuhetzen, trotzdem erwischten wir unseren Anschlusszug noch und konnten uns zu den Fahrrädern, die dort bereits standen, dazuquetschen. Für die Familie, die nach Steinfurt wollte, war jedoch beim besten Willen kein Platz mehr, doch die Mutter hatte den Kindern schon im Vorfeld versprochen, dass sie in so einem Fall Eis essen gehen würden. So war die Stunde Wartezeit für sie hoffentlich nicht zu schlimm.

In Gronau stiegen wir aus und radelten die letzten Kilometer nach Hause. Und – oh Wunder – als wir die Grenze passierten, schien die Sonne. Normalerweise werde ich, wenn ich von einem längeren Deutschlandaufenthalt zurück komme, mit Regen empfangen.

Es war wieder eine tolle Reise mit vielen Erinnerungen und neuen Eindrücken. Und wir haben einige Orte entdeckt, die wir sicher irgendwann noch näher erkunden werden, z. B. die Halbinsel Darß-Zingst und auf jeden Fall Rügen, da wir davon ja höchstens ein Viertel gesehen haben.

Und wo gefällt es mir nun besser, an der Nordsee, oder an der Ostsee? Die beiden Meere sind so unterschiedlich, dass ich es eigentlich nicht sagen kann. Die Nordsee mit ihren ausgeprägten Gezeiten ist auf jeden Fall dramatischer, aber die gewundene Küstenlinie der Ostsee mit ihren zahlreichen Halbinseln, Buchten, Wieken und Bodden hat auch etwas. Auf jeden Fall werde ich das Meer immer lieben und es wird mich immer wieder dorthin ziehen, egal ob an die Nord- oder Ostsee.

Und bald stehen ja wieder neue Abenteuer an, zur Abwechslung mal wieder England und ein bisschen Schottland, natürlich mit dem Rad, wie auch sonst?

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Ostseeradtour 2015 – Teil 9

Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen. (Aristoteles)

Lietzow und alles drumherum: Schloss Spycker, Königsstuhl, Sassnitz, Kreidefelsen, Bergen

Am nächsten Morgen schliefen wir nach der Frühaufsteherei des Vortages erst mal aus. In der Nacht hatte es wohl ein Gewitter gegeben, aber wir hatten davon mal wieder nichts mitgekriegt.

Nach dem Frühstück fuhren wir los, um die Gegend zu erkunden. Über teilweise richtig schöne Radwege (die gibt es da tatsächlich) fuhren wir erst zum idyllisch am Spyckerschen See gelegenen Schloss Spycker, das bereits im 14. Jahrhundert gebaut worden war. Damals hatte es sogar noch einen Burggraben. Im 17. Jahrhundert wurde es zum Renaissanceschloss umgestaltet und im für Schweden typischen Falunrot gestrichen. Wegen seiner Ecktürme sieht es immer noch aus wie eine mittelalterliche Burg.

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Am See entlang ging es weiter über  Glowe, wo sich am Strand zahlreiche Leute in der Sonne aalten, und dann über wunderschöne Alleen nach Lohme, wo wir uns eine Pause nebst Sitzbesichtigung der Ferienhäuser mit Ostseeblick gönnten.

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Dann ging es durch den Wals und über Kopfsteinpflaster bergauf zum Königsstuhl, doch dort wimmelte es so von Reisebussen und Touristen, dass wir beschlossen, die Flucht zu ergreifen – Aussicht hin oder her. Da sind wir wohl etwas eigen. Wir fuhren ein weiteres Stück durch den Wald und landeten auf einer Strecke, die nur von den Pendelbussen zum Nationalpark befahren wird. Da dieser Weg nicht gerade breit ist, klebte eine ganze Weile einer dieser Busse hinter mir, bis er eine Möglichkeit zum Überholen fand. Dann erreichten wir die Hauptstraße nach Sassnitz, auf der sich der Verkehr zum Glück in Grenzen hielt. Wir hatten eine tolle, kilometerlange Abfahrt, bis wir am Ortseingang von Sassnitz – wie sollte es auch anders sein – sanft von Kopfsteinpflaster abgebremst wurden.

Im Ort gingen wir einkaufen und gönnten uns auf der Bank vor der Rügentherme einen Imbiss. Dann machte sich Peter auf die Socken, um Reisetabletten zu besorgen, da wir am nächsten Tag mit dem Schiff zu den Kreidefelsen fahren wollten und die Ostsee noch immer gemütlich vor sich hin brodelte. Die Besichtigung von Sassnitz wurde ebenfalls für den nächsten Tag eingeplant.

Dann fuhren wir denselben Weg wie am Vortag zurück zum Campingplatz. Auf unserer Karte war an der Strecke ein Riesengrab eingezeichnet, aber obwohl wir aufpassten wie die Schießhunde, gelang es uns weder an diesem noch am nächsten Tag, es zu finden. Wahrscheinlich ist ein einfach zu groß. Später hörte ich, dass es wohl nicht so einfach ist, die Hünengräber auf Rügen zu finden.

Auch diesmal musste ich auf der Anfahrt zum Campingplatz kapitulieren, aber ich kam schon ein Stück weiter als gestern. Wir brutzelten uns ein Abendessen und rekonstruierten den heutigen Tag. Wenn jemand wissen möchte, wie das aussieht, bitte schön:

Tagebuch

Dann lasen wir in der Zeitung, dass Wind und Wetter uns morgen wohlgesonnen sein würden, und dass die Tour de France gerade durch die kopfsteingepflasterte  „Holle des Nordens“ fuhr. Ach, die waren hier unterwegs? Gut, Rügen liegt nicht in Frankreich, aber letztes Jahr sind sie ja auch durch Yorkshire gegurkt. Wer bei der Truppe wohl fürs Kartenlesen verantwortlich ist?

Im Campingplatzrestaurant tranken wir noch ein Bierchen und verzogen uns dann in unsere Schlafsäcke.

In der Nacht gab es Regen und Gewitter, und morgens wehte wieder ein frisches Lüftchen. Über die 274 m lange, fast freischwingende Fußgänger-Hängebrücke erreichten wir den Hafen von Sassnitz und gingen dort an Bord des Schiffes, das uns zu den Kreidefelsen bringen sollte.

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Während wir den Hafen verließen, erzählte uns der Kapitän einiges über die Stadt, die sich übrigens bis zum 2. Februar 1993 noch mit scharfem s schrieb. Sie geht zurück auf eine alte Ansiedlung der Jungsteinzeit und der Bronzezeit.

Erst verleif die Entwicklung des Ortes wohl eher unspektakulär, man lebt weitgehend vom Fischfang. Im Jahr 1871 wurde die Straße nach Sassnitz ausgebaut, 1891 wurde der Ort von Bergen aus an das Eisenbahnnetz angeschlossen, ab 1878 gab es eine Schiffsverbindung nach Stettin  (Szczecin), 1889 dazu den Hafen in Sassnitz und bald darauf Seeverbindungen nach Rønne auf der dänischen Insel Bornholm, Trelleborg und Memel (Klaipeda). Durch die bessere Anbindung wuchs der Orst recht schnell, die Kreideindustrie und die Fischerei wurden ausgebaut und der Tourismus entwickelte sich.

Im Jahr 1906 wurden das Bauerndorf Crampas, nach dem Fontane einen der Charaktere in „Effi Briest“ benannt hat, und das Fischerdorf Sassnitz zu einer Gemeinde zusammengefasst, und im Jahr 1957 erhielt Sassnitz Stadtrechte. Die Fischerei wurde weiter ausgebaut, aber der Tourismus ging zurück, da die Urlauber die Strände im Norden der Insel bevorzugten.

Auch heute lebt die Stadt größtenteils vom Fischfang und dem Tourismus. Sie ist bekannt für ihre Bäderarchitektur im Kurviertel und als Hafenstadt.

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Der Kapitän, ein Scherzkeks, wies uns auf das Haus des Bürgermeisters, das vom Wasser aus zu sehen war, und forderte uns auf, ihm später einen Besuch abzustatten, der Mann würde sich sicher freuen.

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Dann erreichten wir die Kreidefelsen, die teilweise bis zu 120 m hoch sind. Der bekannteste ist der Königsstuhl, und es wird erzählt, dass derjenige, der ihn vom Strand aus erklimmen kann, zum König von Rügen gekrönt wird. Im letzten Jahr hatten es, laut Kapitän, zwei Jugendliche versucht und mussten von der Feuerwehr aus der Wand befreit werden. Tja, König von Rügen wird man halt nicht einfach so!

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Die Kreidefelsen sind übrigens vor mehr als 50 Millionen Jahren aus kalkhaltigen Schalen, Skeletten und Panzern von Kleinlebewesen entstanden. Allerdings bestehen sie nicht nur aus Kalk, sondern auch aus Sand, Lehm und Mergelgestein. Dennoch ist der Reinheitsgehalt der Jasmunder Kreide besonders hoch. Und sie sehen schon sehr beeindruckend aus, wenn man so daran vorbeischippert.

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Da es immer noch fröhlich wehte, war die See etwas unruhig, und das Wasser spritzte in hohem Bogen an Deck. Wir verzogen uns nach drinnen, und ich schaute leicht neiderfüllte einem jungen Maler zu, der sein Skizzenbuch mit der Ausbeute des heutigen Tages durchblätterte. Toll, wenn man so etwas kann.

Nach ungefähr eineinhalb Stunden kehrten wir wieder in den Hafen zurück, der sich gerade auf die Hafentage vorbereitete. Zahlreiche Budenbesitzer und Schausteller bauten ihre Stände und Fahrgeschäfte auf. Zeit für eine kurze Sitzbesichtigung also.Danach kauften wir in einem Andenkenladen einige Souvenirs und gingen dann zur Promenade, wo wir  ein nettes italienisches Restaurant fanden.

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Nachdem wir uns gestärkt hatten, bummelten wir durch die Altstadt, wo wir von einem kräftigen Regenschauer erwischt wurden. Wir stellten uns unter ein Vordach, bis der Spuk vorbei war.

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Dann kauften wir für das Abendessen ein und fuhren zurück zum Campingplatz. Diesmal schaffte ich die Steigung und war ziemlich stolz auf mich, obwohl ich es schon etwas enttäuschend fand, dass oben niemand mit dem gepunkteten Trikot auf mich wartete. Außerdem stellte mich meine Leistung vor ein Definitionsproblem. Wenn ich schieben muss, ist die Anhöhe ja kein Hügel mehr, sondern ein Berg. Da ich diesmal aber ohne Absteigen hinaufgefahren war, hatte ich dann den Berg zum Hügel degradiert? Ich musste an die Silvesterfolge der Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“ denken, in der Alfred Tetzlaff seiner Frau erklärt, dass Punsch heiß ist und Bowle kalt, worauf sein Schwiegersohn fragt: „Und wenn der Punsch abkühlt, wird er dann automatisch Bowle?“ Manchmal kann das Leben recht kompliziert sein.

Nach dem Abendessen unterhielt ich mich mit einem anderen Radfahrer, der die Störtebeker-Festspiele auf der Naturbühne in Ralswieck besuchen wollte. Ich weiß nicht, ob er es geschafft hat, das Wetter sah jedenfalls nicht besonders gut aus. Er und seine Freunde hatten ihre Tour auf Rügen begonnen und wollten nun weiter ostwärts fahren. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich nicht besonders freuen würden, denn es wehte wieder ein kräftiger Westwind, und ich war froh, dass wir uns für die West-Ost-Variante entschieden hatten, die uns recht wenig Gegenwind beschert hatte.

Am nächsten Morgen war das frische Lüftchen vom Vortag sich zu einer steifen Brise der Stärke 6 angeschwollen. Wir trödelten erst mal beim Frühstück herum und beschlossen dann, in den Nachbarort Bergen zu radeln. Mal sehen, wie weit wir kommen würden.

Das Wasser im Jasmunder Bodden brodelte, und der Wind kam schräg von vorne. Lustig war das nicht. Und die Strecke morgen nach Altefähr würde bestimmt noch schlimmer werden, mit dem Wind größtenteils von vorne und mit voller Bepackung. Also war es Zeit für Plan B, denn wie wir von Pete McCarthy wissen: „It’s important to have a plan B, especially when there is no plan A.“

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Wir parkten die Leezen auf dem Marktplatz an einer geschützten Stelle und gingen dann zum Bahnhof, um uns nach den Zugverbindungen nach Altefähr zu erkundigen. In Lietzow gibt es tatsächlich im Stundentakt einen Zug dorthin, und die Karten konnte man dort am Automaten erwerben. Dann stärkten wir uns in dem netten Restaurant „Puk op’n Balk“, wo es sehr leckere, rustikale Spezialitäten und eine literarische Speisekarte gab.

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Danach schauten wir uns die Stadt an und erfuhren, dass die dortige Marienkirche mit einer Kirche auf Texel verpartnert ist.

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Nachdem wir wieder einen Regenschauer unter einem Vordach abgewartet hatten, fuhren wir zurück, was diesmal recht flott ging, da wir den Wind schräg im Rücken hatten. Und wieder schaffte ich den Hügel zum Campingplatz, ich werde noch richtig gut!

Wir gingen zur Rezeption, um abzurechnen, da wir ja am nächsten Tag weiterfahren wollten. Der Herr an der Kasse erkundigte sich nach unserem Namen und meinte dann: „Ach so, sie stehen im Wald!“ Wo er recht hat…

Da es unser letzter Tag war, speisten wir im Restaurant und tranken noch ein paar Bierchen – Störtebeker natürlich. Dann gingen wir schlafen.

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Kommt Pfingsten, kommt KunstenLandschap

Manche Dinge sind so sicher wie das Amen in der Kirche: Am Pfingstwochenende findet die Kunstroute statt.

Aufmerksame Leser wissen ja, dass ich seit ein paar Jahren als freiwillige Helferin mitarbeite, und es mach t immer noch eine Menge Spaß. Diesmal hatte ich nichts mit der Beschilderung der Route zu tun, wenn sich also jemand verfahren hat, beschwert euch bitte nicht bei mit.

Ich war am Samstag eingeteilt, um beim Aufbau der Installation von Bart Ensing zu helfen. Er hatte eine Menge Äste an Schnüren vorbereietet, die er an einem über den Teich hängenden Ast befestigen wollte. Das sah nach einer Menge Arbeit aus, aber er meinte, wenn er es am Samstag nicht fertig bekommt, macht er am Sonntag weiter und deklariert das Ganze zur Performance.

Aber erst mal musste der Teich einigermaßen sauber gemachte werden, wobei ich mithalf, wenn ich nicht gerade fotografierte.

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Dann wurden vom Baum und vom Wasser aus die Schnüre befestigt. Dies war wahrlich ein Spektakel, dass allerdings nur einigen Eingeweihten vorbehalten blieb.

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Und so sah es aus, als es fertig war (die Leiter, bei der ich mich noch fragte, ob sie Teil des Objekts oder Werkzeug war, wurde nicht mehr gebraucht):

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Irgendwie habe ich einen ziemlichen Respekt vor den Künstlern, die hier mitmachen. Die meisten sind sympathische Leute mit einem gesunden Spieltrieb, aber hier konnte man mal wieder sehen, dass sie auch unheimlich viel Einsatz und Durchsetzungsvermögen haben. Am Montag erfuhr ich, dass das Kunstwerk im Beun hängenbleiben darf, dem Besitzer des Landguts, auf dem sich der Weiher befindet, gefällt es.

Am Montag verkaufte ich wieder einmal Karten, aber davor hatten Peter und ich noch Zeit, uns die Higlights anzuschauen. Besonders schön fangen wir die Tänzerin aus Machendraht, den Ruheplatz für Rehe, die Bank und die verlorenen Handschuhe, die wieder zu neuen Paaren zusammengeführt worden waren:

taenzerin ruheplatz

Bank handschuhe

Und die Spiegelkugeln im Gras luden zum Experimentieren mit der Kamera ein – die alte Form der Selfies zozusagen.

spiegel

Und dieses Kunstwerk im Wald ist einfach so traurig wahr, Pflastersteine sind der Tod der Natur.

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Diesmal war nicht nur die Kirche von Lonneker ein Ausstellungsraum, auch unser Beigeordneter für Kultur hatte seinen Garten zur Verfügung gestellt.

kirche hatenboer

Ich war wieder einmal beeindruckt, wie die Künstler es schafften, ihre Werke in die Umgebung einzufügen. Es erfordert wirklich einen etwas anderer Blick auf seine Umgebung, dass man einen Ort sieht und dann auf solche Ideen kommt. Schade nur, dass das Wetter diesmal nicht so gut war, was sicher viele davon abgehalten hat, sich die Route anzuschauen (die heutige Jugend hält ja nix mehr aus). Sie haben auf jeden Fall einiges verpasst!

Nachtrag: Mehr Fotos gibt es hier.

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Ostseeradtour 2015 – Teil 8

Wenn ich die Tür aufmache, und der Wind reißt mit die Klinke aus der Hand, dann weiß ich, dass ich wieder zu Hause bin.  (Radfahrer auf Rügen)

Stubbenfelde – Peenemünde – Lietzow

Mitten in der Nacht wurde ich von lauten Geplätscher wach – jemand pinkelte ins Gebüsch. Tja, sowas kriegt man, wenn das Sanitärgebäude geschlossen ist, aus welchen Gründen auch immer. Zum Glück war das Geplätscher nicht ansteckend. Ein paar Stunden später, im Morgengrauen, weckte mich lautes Donnergrollen, aber das Gewitter war nicht sehr stark und zog auch bald weiter, so dass ich schnell wieder einschlief.

Zu einer zivilen Zeit standen wir auf, frühstückten und bauten ab. Wir unterhielten uns noch mit unseren Nachbarn, zwei niederländischen Männern, die beide an Georg „Käthe“ Eschweiler aus der Lindenstraße erinnerten. Sie wollten noch in Stubbenfelde bleiben und mit dem Zug nach Peenemünde fahren, um dort das Historisch-Technische Museum zu besuchen. Peenemünde war auch unser Ziel, da wir am nächsten Tag von dort mit dem Schiff nach Rügen fahren wollen.

Wir fuhren erst an der Hauptstraße an zahlreichen Autos vorbei, die dort gemütlich im Stau standen. Radfahren hat manchmal seine Vorteile. Bei Zinnowitz gab es eine Umleitung, die uns aber nicht allzuweit außenrum  führte, so dass wir bald Peenemünde erreichten. Und es war immer noch sehr heiß – japs!

Auf unserer Karte war ein Campingplatz eingezeichnet, doch wir konnten ihn nicht finden, und Peter meinte, es gäbe ihn nicht mehr. Wir fragten eine Dame in einem Andenkenlanden am Hafen, und sie zeigte uns, dass es einen neuen Platz auf der anderen Seite des Hafenbeckens gab. Man musste irgendwie hinter dem Museumsgelände vorbei und kam dann zu einem Anglerhotel. Erst sahen wir nur Wohnmobile, und Peter war überzeugt, dass es sich um einen Wohnmobilhafen handelte, wo Zelte nicht willkommen waren. Doch ich war erst bereit, das zu glauben, wenn man uns tatsächlich wegschicken würde. Dann könnten wir immer noch nach Karlshagen zurück fahren.

Wir fanden ein Schild, dass wir bei einem Der Boote einchecken konnten, und suchten uns dann ein halbwegs schattiges Plätzchen. Duschen und unsere Klamotten waschen konnten wir im benachbarten Anglerhotel. Wir installierten uns und widmeten uns dann im Schatten unserer Lektüre. Mehr war bei der Hitze wirklich nicht drin. Aber immerhin hatten wir Aussicht.

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Später, als es etwas abgekühlt war, fuhren wir wieder auf die andere Hafenseite, um zu erkunden, wo unsere Fähre nach Rügen abfahren würde. Auf einen Besuch des Museums und des U-Boots U-461 verzichteten wir und gingen lieber Pizza essen, natürlich mit Blick auf den Hafen.

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Später kam die Fähre an, und es waren tatsächlich nur wenig Leute und zwei Fahrräder darauf. Dieser Zipfel ist für die Adler-Reederei wohl nicht sehr lukrativ, aber wahrscheinlich bedienen sie die Strecke, um dafür zu sorgen, dass es kein anderer macht. Dann kehrten wir zurück zum Campingplatz und schauten uns die netten Ferienhäuser an, die dort gerade gebaut wurden, und genossen den Sonnenuntergang über dem Peenestrom.

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Irgendwann wurde es zu dunkel, und wir holten unser Zahnputzzeugs. Bei den Damenduschen traf ich ein ziemliches Chaos an: Zwei Frauen mit gefühlt zehn Kindern hatten den gesamten Nachwuchs in zwei Duschkabinen gesteckt, um Duschmünzen zu sparen. Allerdings hatten sie sich in der Zeit verschätzt, und kaum war die Rasselbande eingeseift, ging das Wasser aus, und mehr Duschmünzen hatten sie nicht. Also mussten die Kids irgendwie an den Waschbecken abgespült werden, was natürlich mit riesigem Geschrei verbunden war. Man kann sich vorstellen, dass ich mir das schadenfrohe Grinsen nicht wirklich verkneifen konnte, ich bin wohl kein besonders netter Mensch. Dann verkroch ich mich in meinen Schlafsack.

In der Nacht regnete es, und aus dem Baum, unter dem wir standen, fiel merkwürdiges Gebrösel auf unser Zelt. Außerdem hörte man aus der Ferne immer wieder Rufe und Musik, was dazu führte, dass ich höchst eigenartig träumte, nämlich von einem Neonazitreffen, dass ausgerechnet auf unserem Campingplatz stattfand.

Da unsere Fähre schon gegen acht Uhr fahren sollte, standen wir früh auf. Es war recht windig, doch wir schafften es, mit Hilfe des Steingrills unser Kaffeewasser zu erhitzen.Wir haben doch alles.

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Nach dem Frühstück bauten wir ab und fuhren zum Hafen, natürlich wieder viel zu früh. Also konnten wir beobachten, wie das Schiff beladen wurde. Dann durften wir an Bord. Die Crewmitglieder waren sehr hilfsbereit beim Verstauen der Räder, und der Caterer meinte bewundernd angesichts unseres Gepäcks: „Und das alles ohne Motor!“

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Dann ging es los. Erst war die Fahrt noch ruhig, und wir bestellten Kaffee und Kuchen. Doch je weiter wir uns von Peenemünde wegbegaben, umso windiger wurde es, und die See schwappte entsprechend, so dass das Essen gar nicht so einfach war. Dann wollte Peter das Tablett mit dem Geschirr nach unten bringen. Ich fragte noch, ob er Hilfe bräuchte, doch er war sicher, das allein hinzukriegen und ging die Treppe hinunter. Nach wenigen Augenblicken hörte man ein lautes Klirren, das Tassenpfand konnten wir hiermit vergessen.

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Nach einer Weile legte die Fähre beim Ostseebad Göhren an, wo eine Menge Leute zustiegen, die zu den Kreidefelsen wollten. Wir gingen auf das windige Oberdeck und beobachteten, wie der Kapitän mit einer Stange die Mütze eines zusteigenden Passagiers aus dem Wasser fischte. Tja, so eine steife Brise hat es in sich. Wir beschlossen, nicht für die Kreidefelsen nachzulösen, sondern diesen Ausflug auf später zu verschieben, da uns irgendwie nicht so ganz wohl war.  Wir sind halt doch Landratten.

Die Fähre legte noch einmal bei Sellin an und dann erreichten wir Binz, wo wir von Bord gingen. Auch diesmal war die Crew uns behilflich, die Räder die steile Landungsbrücke hoch zu bekommen. Oben bewunderten wir erst einmal ausgiebig die Sandskulptur, die dem monumentalen Bauwerk an der Promenade verblüffend ähnlich sah, und schoben dann die Leezen durch die Fußgängerzone, bis wir den Radweg nach Prora fanden.

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Der riesige Urlaubskomplex Prora wurde im Dritten Reich gebaut. Hier sollten durch die Organisation „Kraft durch Freude“ 20.000 Menschen gelichzeitig Urlaub machen können. Die Standortwahl ist nicht unlogisch, da die Insel Rügen angeblich die meisten Sonnenstunden im Jahr hat. Heraus kam ein gigantischer Koloss van fünf (ursprünglich waren acht geplant) Gebäuden nebeneinander über eine Länge von 4,5 Kilometer. In der DDR wurden die Gebäude als stalinistische Großkaserne genutzt. Heute befindet sich in einem der Gebäude eine Jugendherberge, und in den anderen werden Ferienwohnungen gebaut.

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Wir verschafften uns einen kurzen Überblick über die Anlange. Beeindruckend ist dieses Bauwerk ja schon, aber es hat wirklich den Charme einer Kaserne. Inzwischen hatten unsere Mägen einstimmig beschlossen, dass sie wieder eine Bratwurst vertragen würden. Wie sagte Hildegunst von Mythenmetz doch so schön? „Es ist nicht das Gehirn, das unser Bewusstsein bestimmt. Es ist der Magen.“ (Walter Moers, Die Stadt der Träumenden Bücher). Ich stellte mich am Bratwurststand an, und während ich wartete, wurde ich Zeuge des folgenden Dialogs zwischen dem Wurstbrater und einem Touristen: „Wie komme ich zum Naturerbezentrum?“ – „Meine Güte, da sind Sie ganz falsch! Da müssen Sie zurück zur letzten Kreuzung, und dann den Schildern folgen.“ – „Schilder? Habe ich nicht gesehen.“ Darauf der Wurstbrater: „Wie machen Sie das eigentlich im Ausland, wenn Sie etwas suchen?“ – „Da ist es leichter, egal wo.“ Ich verstand den Touristen voll und ganz, wir hatten schließlich auch schon genug Irrfahrten hinter uns.

Nach unserer Stärkung ging es weiter über Neu Mukran zum Großen Jasmunder Bodden. Gut, das  war ein kleiner Umweg, aber der kürzeste Weg hätte uns laut Karte wieder eine Mountainbikestrecke vom Feinsten beschert, wie sie die Leute hier so lieben. Da nimmt man doch lieber ein paar Extrakilometer in Kauf.

Ein einheimischer Radfahrer gesellte sich zu uns und unterhielt sich mit Peter über das Woher und Wohin. Dabei fragte er auch, wie das Wetter bisher auf unserer Tour gewesen war. Peter erklärte, außer Schnee und Hagel hätten wir so ziemlich alles gehabt: Kühle Temperaturen, Regen, Sonne, Hitze. Darauf der Herr:  „Und vergessen Sie den Wind nicht! Wenn ich die Tür aufmache, und der Wind reißt mit die Klinke aus der Hand, dann weiß ich, dass ich wieder zu Hause bin.“  Da war wohl was dran.

Kurz vor Lietzow fuhren wir ein Stück durch den Wald, und plötzlich, nach einer Kurve, steht man vor dem Jasmunder Bodden! Einfach nur schön, wenn man plötzlich, umrahmt von Bäumen, das Wasser sieht, in dem sich die Sonne spiegelt. Leider können die Fotos diesen Wow-Effekt nur bedingt wiedergeben.

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Der Campingplatz liegt oben auf einer steilen Anhöhe, und ich musste meine Leeze nach oben schieben. Hier greift deutlich die Definition von Rennbiene von @heinzi: „Wenn ich absteigen und mein Rad schieben muss, dann ist es kein Hügel, sondern ein Berg!“ Beim Einchecken dauerte es etwas länger, da gerade ein neuer Mitarbeiter eingearbeitet wurde, aber wir hatten ja Zeit.

Wir durften uns ein Plätzchen im Waldstück am Ende des Platzes aussuchen, wo wir einigermaßen geschützt stehen konnten. Bevor wir aufbauten, war es erst mal wieder Zeit für unser Projekt „Bag Art“: Diesmal versuchten wir, einen Leuchtturm zu bauen. Das Ergebnis überzeugte uns nicht ganz, und die Statik war diesmal auch etwas problematisch, so dass wir schnell zum Fotoapparat greifen mussten, bevor die ganze Pracht einstürzte. Aber Kunst ist eben „vallen en opstaan“, wie man bei uns so schön sagt.

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Nachdem wir aufgebaut hatten, fuhren wir ins benachbarte Sagard zum Einkaufen. Was erst ein schöner Radweg war, wurde plötzlich wieder eine wunderbare Schlaglochpiste, und wir waren froh, ohne Gepäck unterwegs zu sein.

Nachdem wir bei einem Supermarkt am Ortsrand unsere Einkäufe getätigt hatten, schauten wir uns noch in der Ortschaft um. Doch als wir wieder zurück wollten, hatten wir große Schwierigkeiten, an der richtigen Seite wieder hinaus zu kommen und fuhren mehrmals über kopfsteingepflasterte Straßen im Kreis. Manchen Ortschaften haben das an sich, wie wollen einen einfach nicht loslassen. Am Jasmunder Bodden machten wir Pause und sahen der Sonne zu, wie sie sich langsam auf das Wasser senkte.

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Dann fuhren wir zurück zum Campingplatz, wo wir uns dem Abendessen und der Zeitungslektüre widmeten. Dann wurde es Zeit, sich in die Schlafsäcke zu verkriechen.

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Die schönste Synagoge der Niederlande oder: Warum der Gatte und ich wieder die Schulbank drücken

Oh Mann, da habe ich mir wieder ein Ei gelegt! Dabei fing alles recht harmlos an, nämlich mit einem Zeitungsartikel, dass sich immer mehr deutschsprachige Besucher für die Synagoge in unserer Stadt interessieren, und dass deswegen Leute gesucht werden, die sich zum Gästeführer ausbilden lassen möchten. Wenn’s weiter nichts ist – Deutsch kann ich. Auch Peter hatte Lust, mitzumachen, und so schrieb ich eine Mail an das Sekretariat der Stiftung um unser Interesse zu bekunden. Ich fragte auch, ob es ein Problem sei, dass wir nicht jüdisch sind.

Kurz darauf rief eine Dame von der Stiftung an und lud uns zu einem Gespräch ein. Dort fühlte man uns ganz schön auf den Zahn. Als erstes mussten wir einen Fragebogen ausfüllen. Darin wurde u.a. gefragt, was wir besonders interessant finden: Die Architektur des Gebäudes, die Geschichte des Judentums in Twente, die jüdische Religion, Kunst, Kultur und Religion im Allgemeinen. Auch wollten sie wissen, was für Arbeiten wir erledigen wollten (Empfang, Führungen, Café und Laden), was wir beruflich machten und besondere Kenntnisse.

Im anschließenden Gespräch kam natürlich auch die Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ (Goethe, Faust I). Ich würde mich wohl am ehesten als Agnostikerin mit protestantischem (lies: evangelischem) Hintergrund bezeichnen. Und es ist mir klar, dass ich hier wieder mit einigen Vorurteilen aufräume, nicht jeder, der in Bayern geboren ist, ist automatisch katholisch. Ich interessiere mich aber durchaus für Religion im Allgemeinen (hatte ich auch angekreuzt) und habe mich erst neulich in die keltische und nordische Mythologie vertieft. Da kann man das Judentum auch noch dazupacken.

Dies war kein Problem, die jüdische Gemeinde ist seit dem zweiten Weltkrieg sehr geschrumpft, und nur wenige freiwillige Helfer der Synagoge sind jüdischen Glaubens.  Wir wurden allerdings wiederholt darauf hingewiesen, dass das Ganze richtig harte Arbeit werden würde, wir müssen ja immerhin eine Menge lernen. Och, das geht schon – dachten wir…

Man schickte uns eine Mail mit den Unterlagen für Gästeführer, und zwar in deutscher als auch in niederländischer Sprache, und wir fingen begeistert mit der Lektüre an, um uns auf die erste Stunde vorzubereiten.

Bevor man uns auf die ahnungslosen Touristen loslässt, kriegen wir eine richtige Ausbildung. In den ersten vier Treffen lernen wir das Gebäude kennen und erfahren alles Nötige für den Empfang. Denn auch wenn wir eigentlich Führungen machen wollen, kann es sein, dass wir mal dort einspringen müssen.

Tja, und für die erste Stunde hatte ich brav alles über die kleine Schul (Tagesschul) gelesen, und es erschien mir auch wunderbar einleuchtend. Aber dann saßen wir im besagten Raum, und die Kursleiterin fragte uns, was wir darüber jetzt wissen. Au weia, lesen geht ja noch, aber das Reproduzieren ist wieder eine ganz andere Sache. Ich bekam richtig Mitleid mit meinen eigenen Kursteilnehmern!

Da die Leute vor mit schon alles über den Heiligen Schrein, die Thora und das Lesepult (die Bima) erzählt hatten, war kaum noch etwas übrig, als ich an der Reihe war. Aber bevor ich mich vollends blamierte, fiel mir zum Glück noch etwas über die Bleiglasfenster ein, auf denen die Ausgangspunkte jüdischen Lebens (Gott fürchten, Wahrheit, Friede und Liebe, Gutes und Gerechtes tun und das Gebet) dargestellt sind. Darunter sind auch noch die Symbole des gelobten Landes: Palme, Wasserstrom, Kornähre, Trauben und gesprengte Ketten als Symbol für die Freiheit. Immerhin etwas, auch wenn es natürlich noch viel mehr gibt.

Diese ganze Zahlensymbolik ist auch unheimlich faszinierend. Die Zahl 18 steht für das Leben, und deshalb ist die große Schul auch jeweils 18 Meter lang und breit und in der Kuppel sogar 18 Meter hoch. 10 steht für die Vollkommenheit (siehe auch die 10 Gebote), 7 für Säuberung und Reinheit, weshalb auch sieben Stufen in die Mikwe, das rituelle Tauchbad, führen. Mehr weiß ich zwar im Moment noch nicht, aber den Rest lerne ich sicher noch irgendwann.

In der nächsten Zeit wird man mich wohl häufiger mit meinen Unterlagen in der Synagoge finden, wo ich versuche, den Text und alles um mich herum in Einklang zu bringen. Gut ist ja, das Peter und ich den Kurs zusammen machen, da können wir uns auch mal gegenseitig abfragen. Ich halte euch auf dem Laufenden.

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Ostseeradtour 2015 – Teil 7

Set your mind free, it’s the Year of Summer (aus “Year of Summer” von Niels Geusebroek)

Altefähr- Greifswald – Stubbenfelde Świnoujście (Swinemünde)Dargen – Stubbenfelde

In den letzten paar Tagen war es täglich ungefähr zwei Grad wärmer geworden. Unsere Nachbarn vom Campingplatz in Brunsbüttel würden jetzt sicher von angenehmen Temperaturen sprechen, aber wir fanden es inzwischen eine ziemliche Affenhitze. Temperatur ist je bekanntlich Geschmackssache.

Obwohl wir recht früh wach waren, schwitzten wir bereits beim Abbauen. Wir checkten aus und fuhren über den inzwischen vertrauten Kopfsteinpflastersandweg fuhren wir bis zur Brücke und dann über halbwegs gute Wege durch nette Dörfer nach Glewitz.

ostsee sandpiste

Dort nahmen wir die Fähre nach Stahlbrode. Außer uns waren noch einige Schwaben in Trikots der Stuttgarter Volksbank unterwegs, die auch noch Räder der Marke „Kästle“ fuhren. Hanoi, des isch aber jetz scho irgendwie luschdig.

Wir folgten den Wegweisern nach Greifswald, landeten aber bald auf einer Kopfsteinpflasterstecke, die einem alle Füllungen im Gebiss lockerte. Zwischendurch gab es mal ein paar hundert Meter Asphalt zur Erholung, aber dann wurden wir wieder fröhlich durchgeschüttelt. Es war fast so schön wie in dem dänischen Dorf Møgeltønder. Dass die Bundesstraße daneben im besten Zustand war, wirkte nicht gerade frustabbauend. Irgendwann fanden wir, dass es Schluss war mit lustig, und wir beschlossen, trotz der Hitze einen Umweg über Groß Karrendorf zu fahren.

Von der Topografie her erinnert die Gegend etwas an die irische Westküste: Die Dörfer sind so klein, dass man sie kaum als solche erkennt, dafür sind die Entfernungen zwischen ihnen größer. Wir fuhren durch idyllische Ortschaften wie Leist 1 bis 3 und machten irgendwann Pause in einem schattenspendenden Bushäuschen, das wohl vorwiegend von Schülern genutzt wird. Interessiert studierten wir die Inschriften an den Wänden und erfuhren, dass ein gewisser Basti der totale Heckenpenner und Kübi eine Torte ist. Auf dem Hausdach gegenüber thronte ein Storchenpaar in seinem Nest und klapperte friedlich vor sich hin.

Danach folgte wieder eine Rüttelstrecke, bis wir bei Neuenkirchen ein Einkaufszentrum entdeckten. Der Gatte, der mir mal wieder etwas voraus war, bog ab und sah dann aus dem Augenwinkel einen Radfahrer geradeaus weiterfahren. Er dachte, dass ich das wäre und wunderte sich nicht schlecht, als ich kurz danach aus der anderen Richtung zu ihm aufschloss. Wir kauften eine Riesenflasche Saft, die wir sofort vertilgten.

Dann fuhren wir weiter nach Greifswald, wo wir bald die Wolgaster Straße fanden. Wir hofften, dass diese irgendwann in die Wolgaster Landstraße übergehen würde, an der sich unser Campingplatz befinden sollte, der allerdings auf keiner Karte eingezeichnet war. Tatsächlich fanden wir ihn nicht weit von der Klosterruine Eldena entfernt, ein schöner Platz, der sich deutlich noch im Aufbau befand.

campinggreifswald

Wir fuhren zur unbesetzten Rezeption und lasen den Aushang, dass wir uns einen Platz suchen und aufbauen sollten. Als wir uns umsahen, fragte ein junger Mann: „Möchten Sie bleiben?“ Auf unser eifriges Nicken fuhr er fort: „Schatten?“ und zeigte uns dann, wo wir am besten stehen konnten. Wir bauten unser Zelt so auf, dass wir Aussicht auf die Dänische Wieck, eine schöne Bucht im Greifswalder Bodden, hatten. Danach gingen wir  duschen und kauften im nahegelegenen Supermarkt für das Abendessen ein – Brot, Salat, Häppchen und dergleichen, sowie eine Flasche Hugo, das Modegesöff der Saison, mit dem bei unserem Chor auch gerne mal angestoßen wird.

Danach packten wir unser Badezeug und gingen zur Dänischen Wieck. Für das Strandbad muss man zwar Eintritt zahlen, aber auf der anderen Seite des Zauns gibt es einen Naturstrand. Dort versammelte sich nach Feierabend die ganze arbeitende Bevölkerung Greifswalds zum Abkühlen. Hier nahm Peter sein erstes Bad in der Ostsee. Es geht sehr flach ins Meer, so dass wir ein ganzes Stück laufen mussten, aber dann war es sehr erfrischend.

daenischewiek daenischewiek2

Danach ließen wir uns unser Abendessen schmecken, und ich stellte fest, dass sich im Gras zahlreiche abgemähte Brennnesseln befanden. Barfuß sollte man hier besser nicht laufen. Als es zu dunkel zum Lesen wurde, gingen wir schlafen.

Am nächsten Morgen wachte ich mit leichten Kopfschmerzen auf, was sicher am Wetter lag, nicht am Hugo. Aber nach zwei Tassen Kaffee wurde es wieder besser, und wir fuhren nach Greifswald, wo wir die Räder bei der Touristeninformation am Markt parkten und eine Karte besorgten.

greifswaldmarkt greifswaldmarkt2

Dann erkundeten wir die Stadt zu Fuß. Um es gleich vorweg zu nehmen, viel kam dabei nicht herum, da es einfach zu heiß und eigentlich jede Bewegung zu viel war. Aber ein bisschen kann ich doch über die altehrwürdige Universitäts- und Hansestadt berichten.

Greifswald wurde im 12. Jahrhundert  gegründet und gehörte anfangs noch zum Kloster Eldena. Im 13. Jahrhundert wurde die Stadt Mitglied der Hanse, aber leider hatten sie das Problem, dass der Hafen langsam versandete, wodurch die Stadt gegenüber den anderen Hansestädten zurückfiel. Im 30jährigen Krieg machten sowohl die kaiserlichen Truppen als auch die Pest der Stadt schwer zu schaffen. Wie Wismar und Stralsund wurde auch Greifswald nach dem 30jährigen Krieg von Schweden regiert.

Als erstes besichtigten wir den Dom St. Nikolai. Dem heiligen Nikolaus sind in Norddeutschland ziemlich viele Kirchen geweiht, was wohl daran liegt, dass er der Schutzpatron der Seefahrer ist. Während unseres Besuches wurde er gerade renoviert.

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Dann gingen wir weiter zur Jacobikirche mit ihrer weißen Decke und den roten Backsteinsäulen.

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Aber wie gesagt, besonders aufnahmefähig waren wir heute nicht, und so bummelten wir  auf den  Credner-Anlagen, einem Wall um die Stadt herum, zum Museumshafen, wo wir uns eine nette Bank für eine Sitzbesichtigung suchten.

greifswaldhafen greifswaldhafen2

Dann machten wir uns auf den Weg zum Marktplatz, um das unvermeidliche Fischbrötchen zu verspeisen, bevor wir uns noch ein paar Gebäude der altehrwürdigen Ernst-Moritz-Arndt-Universität, die im Jahr 1456 gegründet worden war.

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Nach einem kurzen Besuch in der Marienkirche beschlossen wir, dass es viel zu heiß war, um noch mehr zu unternehmen. Wir kauften uns eine Zeitung und einige Dinge zum Abendessen ein und fuhren dann zurück zum Campingplatz. Wir suchten uns ein schattiges Plätzchen und lasen. In der Zeitung stand, dass an diesem Freitag Abend in der Stadt eine „Critical-Mass“-Aktion stattfinden würde. Dabei fahren möglichst viele Radfahrer in einem großen Pulk durch die Stadt, da sie zeigen wollen, dass sie genauso wie die Autofahrer Teil des Straßenverkehrs sind. In Greifswald sind sie rücksichtsvoll genug, um diese Aktion nicht, wie in anderen Städten, in die Hauptverkehrszeit zu legen. Schade, dass wir am Freitag nicht mehr da sein würden, sonst hätte ich da selbstverständlich mitgemischt.

Nach einem kurzen, halbwegs erfrischenden Bad in der Dänischen Wiek war es Zeit zum Abendessen. Es gab unter anderem des Gatten revolutionäre Variante des Heringsbrötchens, an der er sich aber selbst die Zähne ausbeißen durfte.

heringsbroetchen

Dann kam die Platzwärtin zum Abkassieren und auf ein Schwätzchen vorbei. Wir erfuhren, dass es den Platz erst seit Juli 2014 gibt, und dass sie und ihr Mann noch jede Menge Pläne haben. Sie erinnerten uns an Linda und Fergus vom Campingplatz in Norwich, wo wir vor zwei Jahren gewesen waren.

Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Wolgast. Ziemlich schnell wurde es sehr heiß, und ich schwitzte friedlich vor mich hin, während ich über das Kopfsteinpflaster ratterte. Irgendwie war ich nicht amüsiert, das war deutlich nicht mein Tag.

schelchtelaune

Erst fuhren wir die Hauptstraße entlang, dann führte uns die Route über eine Sandpiste, die an den Campingplatz Elbstrand erinnerte, und wo wir uns zu Fuß durchpflügen mussten. Ich hatte den Eindruck dass wer auch immer hier in der Gegend für die Radwege verantwortlich war, uns Radfahrer aus tiefster Seele hassen musste, anders konnte ich mir das nicht erklären. Kurz vor Wolgast erklärte uns ein älterer Herr, dass der Weg bald neu gemacht werden würde (immerhin) und wie man am besten durch Wolgast kommt. Aber immerhin passierten wir unterwegs nette Gebäude.

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Wir navigierten durch die Stadt und überquerten dann die Brücke über den Peenestrom auf die Insel Usedom. Dort folgten wir erst der Hauptstraße, und dann führte uns ein Radweg durch den Wald, wo es fröhlich auf und ab ging. Bei der Affenhitze hatte das schon fast Tour-de-France-Qualität. Kurz vor Stubbenfelde stärkten wir uns erst mal mit einem Fischbrötchen und suchten dann den Eingang zum Campingplatz.

An der Rezeption wurden wir von einer Dame in Empfang genommen, die es schaffte, gleichzeitig gelangweilt und überfordert zu wirken. Was für ein Kontrast zu den reizenden jungen Leuten von gestern! Wir bekamen einen Platz auf der Zeltwiese zugewiesen, wo wir uns aber auf gar keinen Fall falsch hinstellen durften, es könnten ja noch mehr von diesen merkwürdigen Leuten mit Zelt kommen.

Als wir die Zeltwiese erreichten, war uns auch klar, warum, auf diesem riesigen Wohnwagenpark hatte man grad mal ein paar schmale Streifen auf einem Plateau zwischen Bäumen für Zelte reserviert. In Millimeterarbeit stellten wir unser Zelt am Rand zwischen drei Bäumen auf, als schon die nächsten Camper kamen. Wir boten an die Fahrräder woanders abzustellen, aber „der Baum bleibt stehen“, wie der Gatte meinte.

milimeterarbeit

Aber das Sanitärgebäude machte wieder eine Menge gut, es scheint in dieser Gegend wohl üblich zu sein, dass sie wahre Wellness-Oasen sind.

Nach einer Dusche gingen wir am Kölpinsee entlang nach Loddin zum Einkaufen. Unterwegs sahen wir wieder ein liebevoll bemaltes Trafohäuschen, wie sie uns auch schon in Stralsund und Greifswald aufgefallen waren.

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Dann gingen wir über eine lange Treppe hinunter zum Strand – auch hier ist die Steilküste wieder beeindruckend. Das Wasser war deutlich kühler als in der Dänischen Wiek, wunderbar erfrischend. Doch dann mussten wir die Treppe wieder hoch und der Erfrischungseffekt war dahin.

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Auf einer Bank verspeisten wir eine Schale Erdbeeren und beobachteten Möwen und Touristen. Dann gingen wir ins Zelt, wo wir unser Abendessen verspeisten. Die Zeltwiese wurde inzwischen ziemlich voll, und fast neben uns baute ein junges Paar mit einem kleinen Mädchen, das gerade sitzen konnte, ihr Zelt auf. Die Mutter legte der Kleinen die Zeltstangen hin und meinte: „Jetzt hilf mal dem Papa“, worauf die Kleine tatsächlich die Stangen in die Hand nahm. Das Zusammensetzten klappte aber noch nicht so ganz.

Im Biergarten vor dem Restaurant ließen wir den Abend noch ausklingen. Urlaub ist schon schön.

Am nächsten Tag gönnten wir uns erst mal zwei Tassen Kaffee, es war ja schließlich Wochenende. Dann brachen wir auf und fuhren den Radweg vom Campingplatz aus an der Küste entlang in Richtung Kaiserbäder. So werden die drei Seebäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck genannt, und sie sind bekannt für ihre Bäderarchitektur, die fröhlich alle möglichen Stilelemente aus Rennaissance, Barock und Jugendstil kombiniert. Außerdem sind viele der Häuser noch mit Erkern und Türmchen ausgestattet.

bansin

Da wir an diesem Tag eine größere Runde geplant hatten, nahmen wir uns nicht allzuviel Zeit zum Fotografieren, sondern merkten uns diesen Teil von Usedom für einen späteren Zeitpunkt vor. Aber die berühmte Seebrücke von Ahlbeck, Kulisse für die letzten Szenen des Loriot-Films „Pappa ante portas“ („Wir gratuliehieren, Frau Hensel wird heute ahachtzig Jahr…“) musste natürlich aufs Foto.

ahlbeck

In Bansin erkundigten wir uns erst einmal bei einer Verkaufsstelle der Adler-Reederei, ob man denn auf die Fähre nach Rügen auch Fahrräder mitnehmen kann. Bisher hatten wir nämlich nirgendwo zuverlässige Informationen dazu gefunden, nur Aussagen wie „Manchmal, unter bestimmten Umständen, könnte es gehen, aber wir garantieren nichts“. Der nette Herr in seinem Häuschen erklärte uns aber, dass dies kein Problem sei, und somit war die weitere Streckenführung klar: Von Peenemünde aus mit dem Schiff nach Binz.

Da wir schon so nah an der polnischen Grenze waren, wollten wir auch mal kurz ins Nachbarland schnuppern, und so radelten wir weiter zum Grenzübergang und nach Świnoujście (Swinemünde).

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Das erste Stück Radweg in Polen war vom Feinsten, wahrscheinlich ist er so eine Art EU-Vorzeigeprojekt. Aber auch nachher konnte man nicht nölen. Obwohl wir uns im Grenzgebiet befanden, merkte man sofort, dass man im Ausland ist: die Straßen haben merkwürdige Namen, alle offiziellen Schilder sind auf Polnisch, es gibt keinen Euro, aber wohl Bankomaten (ich liebe dieses Wort) und Skleps, also kleine Läden. Wir bummelten ein wenig durch das Zentrum und suchten uns dann eine Bank für eine Sitzbesichtigung. Der Baustil einiger Gebäude in der Innenstadt erinnerte an die Kaiserbäder.

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Wir sahen, dass einige Schilder, die auf touristische Attraktionen hinwiesen, auf Polnisch und Schwedisch waren. Später entdeckte ich, dass man von  hier aus auch mit der Fähre nach Trelleborg fahren kann.

Dann fuhren wir hintenrum Ost nach Garz und von dort aus nach Dargen, wo wir ein nettes Restaurant fanden und erst einmal eine Menge Apfelschorle vernichteten und unsere Wasserflaschen nachfüllten. Es war nämlich wieder sehr warm geworden.

Nach einem leckeren Mittagessen gingen wir ins DDR-Museum. Kühler war es dort nicht, aber die Ausstellung war sehr interessant. Das „Technik- und Zweiradmuseum“ bietet einen guten Einblick in das Leben der ehemaligen DDR, was Wohnungseinrichtung, Geräte etc. anging. Auch kann man zahlreiche Verpackungen von Lebensmitteln bewundern, und das meiste, das damals im Westen vorhanden war, gab es auch in einer Ostvariante (wir erinnern uns an die Spreewaldgurken im Film „Good Bye, Lenin“), aber eben nicht immer, und geschmeckt hat es wohl auch anders.

 Ich musste an die Care-Pakete denken, die wir immer in der Vorweihnachtszeit an unsere Thüringer Verwandtschaft geschickt hatten (Kaffee, Zucker, Plätzchen, Schokolade). Alles in dem Paket musste genauestens dokumentiert werden, und Bücher und Zeitschriften konnte man besser nicht mitschicken, es könnte ja was Verbotenes dabei sein. Im Gegenzug bekamen wir immer Stollen, der lecker war, und Schokolade, die eher merkwürdig schmeckte.

Peter fand vor allem die Autos interessant, man hatte damals tatsächlich nicht nur Trabbis, während ich fasziniert die alten Schreibmaschinen, Saftpressen und andere Dinge betrachtete. Ich entdeckte die Kosmetikserie „Florena“, die es immer noch gibt, und aus der meine derzeitige Lieblingshandcreme ist.

Dann fuhren wir durch das Niedermoorgebiet Thurbruch, vorbei an einer Wasserschöpfmühle. Auf den Wegen war wenig los, die meisten Leute waren wohl am Strand. Recht hatten sie!

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Wir fuhren erst noch an einem Supermarkt vorbei, wo wir uns mit Saft eindeckten, und dann gingen wir ebenfalls Schwimmen. Mei, war des schee!

Danach lasen wir Zeitung. Ein Paar, das auf Usedom zu Besuch gewesen war, äußerte sich begeistert über die Qualität der dortigen Radwege. Diese Einschätzung konnten wir allerdings nicht uneingeschränkt teilen, wir hatten wirklich das ganze Spektrum erlebt – von wunderbar bis schlichtweg katastrophal.

Dann lagen wir noch auf dem Rücken und starrten in die Baumwipfel, wo man kaum einen Hauch spürte, bis es zu dunkel wurde, und verkrochen uns dann in den Schlafsack.

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Pieterpad – Nach der Winterpause

Swalmen – Vierlingsbeek

Die Winterpause ist vorbei, lange genug hat sie ja gedauert. Eigentlich wollte ich ja vor einem Monat schon lospilgern, wurde aber von einer fiesen Grippe heimgesucht. Als ich deshalb im letzten Moment bei meinen bereits reservierten Übernachtungsadressen (näheres siehe unten) absagte, wollte man bei beiden von meinem Angebot, trotzdem zu bezahlen, nichts hören und sagte: „Wird erst mal wieder gesund, und vielleicht sehen wir dich ja beim nächsten Versuch.“ Und so war es dann auch.

Da ich mit einem Text für mein Berufsblog nicht weiterkam und mich außerdem noch mit diversen anderen Fragen herumschlug, hoffte ich beim Wandern meine Gedanken ein wenig ordnen zu können. Und als ich unterwegs an einer Bank mit der Aufschrift „Bank vertelt – Bank erzählt“ (wenn man genau hinschaut, kann man es lesen) vorbeikam, bastelte ich das Stillleben „Wandern – suchen – schreiben“:

Stilleben

Wo steht, dass „Bag Art“ nur mit Fahrradtaschen geht?

Da ich seit Anfang des Jahres ein schickes Smartfon besitze, nervte ich auch fröhlich Freunde und Bekannte mit Fotos von unterwegs. Die Selfie-Funktion habe ich zwar inzwischen auch entdeckt, aber diese dämlichen Dinger, mit denen man bei jeder Gelegenheit vollgespammt wird, gehen mir so unglaublich auf den Senkel, dass ich meinen Mitmenschen wenigstens das ersparen möchte.

Etappen, Orientierung und Kondition

Diesmal hatte ich geplant, drei Tagesetappen zu laufen, und zwar so, wie sie im Reiseführer angegeben sind: Swalmen – Venlo (23 km), Venlo – Swolgen (21 km) und Swolgen – Vierlingsbeek (21 km). Und diesmal kamen eigentlich nur insgesamt drei oder vier Extrakilometer zwischen Bahnhof oder Übernachtungsplatz und Route dazu. Die Bahn braucht für diese Strecke eine knappe Dreiviertelstunde, aber wie sagte Goethe so schön? „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“

Erstaunlicherweise kam mir nur zwei- oder dreimal mein Rechts-Links-Problem in die Quere. Einmal geschah das gleich am Anfang, weil ich mich von Holzschnitzereien an der linken Seite ablenken ließ, während ich rechts hätte abbiegen müssen.

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Aber jedes Mal merkte ich es rechtzeitig, so dass sich der Schaden in Grenzen hielt. Und auch im Wald, wo ich beim letzten Mal so spektakulär im Kreis gelaufen war, klappte alles wunderbar. Nur einmal lief ich aus Versehen etwas zu weit nach Osten, stieß aber schnell wieder auf die Route. Entweder lerne ich tatsächlich, Reiseführer und Markierungen richtig zu lesen, oder die Strecke ist in dieser Gegend einfach besser beschildert, was natürlich auch möglich ist.

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Auch was die Kondition betrifft, war ich angesichts meines winterlichen Couchpotato-Daseins angenehm überrascht: Die Tagesetappen waren gut zu schaffen, und selbst der berüchtigte dritte Tag ging ausgezeichnet. Nur am Tag nach der Wanderung hatte ich Muskelkater, was sich aber schnell wieder gab.

Allein wandern

Immer noch gehen die meisten Leute davon aus, dass wir im Doppelpack unterwegs sind, aber dem ist im Moment nicht so. Und das ist auch in Ordnung, auch wenn ich diesmal auf einen schwierigeren Aspekt stieß: Wenn man keine Ablenkung hat, ist es nicht so einfach, unliebsamen Gedanken auszuweichen, wenn sie einen anspringen, und das kann gelegentlich recht konfrontierend sein. Aber ich versuchte, mich diesen Gedanken zu stellen und sie wirklich zu Ende zu denken, auch wenn es  weh tat. Manchmal muss man da durch, und dann wird es besser.

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Diesmal wurde mir auch bewusst, dass ich, wenn ich mit anderen unterwegs bin, eher geneigt bin, denen die Führung zu überlassen und einfach mit zu dackeln. Wenn man allein unterwegs ist, geht das nicht, man muss seinen Weg selbst finden. Und ich kann mit Stolz vermelden, dass es meistens recht gut funktioniert!

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Begegnungen und Übernachtungen

Da es noch früh im Jahr war und ich außerdem an einem Montag unterwegs war, hatte ich relativ wenig Gegenverkehr. Aber am Anfang der Strecke traf ich ein Paar aus Beesel, das in dieselbe Richtung lief. Wir gingen hin und wieder ein Stück miteinander, dann trennten sich unsere Wege, bis wir uns wieder begegneten. Sie hatten die Strecke auf einem Navi, was sicher sehr praktisch ist und uns tatsächlich einmal vor einem Umweg bewahrte, aber irgendwie überzeugt mich das Teil nicht ganz, es wird alles recht vorhersehbar.

Dann waren da noch die netten deutschen Radfahrer, die mir meinen Pullover, den ich nicht ordentlich am Rucksack befestigt hatte, brachten, ein Spaziergänger mit Hund in Swolgen, der fragte „Die letzten Meter für heute?“ und der einheimische Radfahrer, der mir versicherte, dass ich noch auf dem richtigen Weg sei.

Auch diesmal übernachtete ich bei „Vrienden op de fiets“, in Venlo bei einem Vater von zwei Kindern, die dieses Wochenende auch da waren. Er stellt sein Gästezimmer zur Verfügung und kocht für die Radfahrer und Wanderer gerne mit. Seine Vorliebe für deutsche Schlager der 70er und 80er Jahre hätte nicht unbedingt sein müssen, aber immerhin war die Lautstärke sozialverträglich. Aber das Essen war lecker, er hatte einen guten Weißwein, und so verging der Abend bei gepflegter Unterhaltung.

In Swolgen übernachtete ich bei einem älteren Paar, das schon mehrfach mit dem Rad und zu Fuß nach Santiago gepilgert ist. Ein selbst herausgegebenes Büchlein von ihrer ersten Radreise dorthin liegt wohl in jedem Schlafzimmer, eine interessante Lektüre. Sie vermieten drei Zimmer und ziehen das Ganze professioneller auf, eher wie ein B&B.

Grenzwanderungen

Auch diesmal schrammte die Route wieder wunderbar an der deutsch-niederländischen Grenze entlang. Manchmal hat man die Grenzsteine an der rechten Seite, befindet sich also in den Niederlanden, und wenn sie links von einem sind, ist man in Deutschland.

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Nördlich von Swalmen gibt es auch ein Stück, an dem man praktisch am Abgrund entlang läuft. Oben ist man in Deutschland, wo man am Rand des ausgestreckten Brachter Walds entlanggeht, während sich unten in den Niederlanden (daher kommt das!) Sumpfland befindet.

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Natürlich musste ich auch im Café „De Grens“ einen Imbiss zu mir nehmen. Die Ansammlung von Häusern hier hat übrigens drei verschiedene Namen, je nachdem, wo man schaut: De witte steen, De witte Stein, Der weiße Stein.

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Die Hansestadt Venlo ist ebenfalls eine typische Grenzstadt, die in ihrer bewegten Geschichte zu verschiedenen Ländern, Herzogtümern etc. gehörte. Heute ist sie aufgrund ihrer Lage sehr beliebt bei deutschen und belgischen Touristen.

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Abwechslungsreiche Landschaft

Über Langeweile konnte ich mich bei diesem Stück wirklich nicht beklagen. Ich kam durch viele verschiedene Wälder und Waldrandgebiete.

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Bei Venlo ging ich länger an der Maas entlang, die ich dann bei Velden – Grubbenvorst mit einer Fähre überquerte.

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Dort machte ich beim Glockenspiel des ehemaligen Ursulinenklosters Pause, bis besagtes Glockenspiel die Melodie „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ von sich gab – ein dezenter Hinweis, dass es auch für mich Zeit war, um weiter zu ziehen.

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Dann kam ich durch eine Heidelandschaft, wo ein Schild mich darauf aufmerksam machte, dass hier Tiere grasten, die gelegentlich etwas ungehalten reagieren könnten. Man sollte also Abstand halten und  sie nicht streicheln oder füttern. Um welches Getier es sich handelte, wurde allerdings nicht gesagt: Schafe? Rehe? Auerochsen? Mammuts? Oder gar noch Schlimmeres? Ich begenete jedoch nichts und niemandem und konnte unbehelligt meinen Weg fortsetzen.

heide

Außerdem führte die Route durch das Flugsandgebeit Boschhuizer Bergen, ein sehr interesantes Naturgebiet mit Kiefern und Wacholdersträuchern.

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Und irgendwo unterwegs stieß ich noch auf folgenden netten Wegweiser:

wegweiser

Pieterburen rückt näher.

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Hinter uns mein Land

Normalerweise reblogge ich nicht, aber diesmal muss es sein. Danke, Elvira.

Quilt-Traum

Mich hat schon lange nichts mehr so tief  berührt. Diesen Text sollte jeder bis zum Ende hören. Dann wird jeder ihn sicherlich ein zweites Mal auf sich wirken lassen.  Mein Mann hat mich auf diesen Beitrag aufmerksam gemacht, denn ich sehe schon seit einigen Monaten nicht mehr fern.

Ursprünglichen Post anzeigen

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Ostseeradtour 2015 – Teil 6

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer… (Sprichwort)

Bögerende – Prerow – Stralsund – Altefähr

… aber mehrere wohl schon, obwohl es erst noch nicht so aussah. In der Nacht hatte es ziemlich stark geregnet, und der kräftige Wind hatte das Wasser seitlich in unser Innenzelt gedrückt. Dort hatte sich das meiste in Peters Buch versammelt, das in den nächsten Tagen mühsam getrocknet werden musste. Inzwischen habe ich wieder ein neues Exemplar, und das verregnete kann verliehen werden. Gut, dass ich meinen E-Reader abends immer in eine dekorative Ampelmännchentüte packe.

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Während des Frühstücks ließen wir die restlichen Sachen in der Sonne trocknen und fuhren dann los. Gemütlich ging es am Deich entlang Richtung Warnemünde. Dort zeigte uns ein netter Herr den Weg zur Fähre über die Warnow.

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Im Hafen lag gerade das Kreuzfahrtschiff MS Sinfonia der Reederei MSC Cruises, die zu einer Kreuzfahrt nach Norwegen und in die baltischen Staaten aufbrechen sollte. Mann, ist das ein gewaltiger Oschi!

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 Mit der Fähre überquerten wir die Warnow und fuhren weiter Richtung Osten. Rostock ließen wir aus, da wir gerade zwei Städte besucht hatten und jetzt mal wieder ein bisschen radeln wollten. Außerdem liegen die Campingplätze dort etwas ungünstig für Stadtbesichtigungen.

Erst führte uns die Strecke vor allem durch den Wald, wo die Wege noch nass waren, und wir zwischen Bäumen und Schlaglöchern Slalom fahren mussten. Es ist sicher eine schöne Mountainbike-Strecke, aber für beladene Tourenräder etwas weniger geeignet. Dafür wiesen uns nette alte Holzschilder den Weg.

Nach einer Weile erreichten wir Gral-Müritz. Dies war also die fiktive Ortschaft Korslbüttel aus Erich Kästners Buch “Emil und die drei Zwillinge”, das ich als Kind gelesen hatte, als ich das Meer noch nicht kannte. Doch seine Beschreibung des Meeres fand ich damals schon sehr schön:

„Und dort, wo der Strand aufhörte, begann das Meer! Es nahm, wohin man auch blickte, kein Ende. Es lag da, als sei es aus flüssigem Quecksilber. Am Horizont, ganz hinten, fuhr ein Schiff in den Abend hinein. Ein paar Lichter blinkten. Und am Himmel, der von der Sonne, die längst untergegangen war, noch immer rosig widerstrahlte, hing die Mondsichel. Sie sah noch ganz blass aus. Als ob sie lange krank gewesen wäre. Und über das pastellfarbene Himmelsgewölbe glitten die ersten Lichtstreifen entfernter Leuchttürme. Weit draußen heulte ein Dampfer. Die Großmutter und die beiden Kinder standen überwältigt. Sie schwiegen und hatten das Empfinden, als ob sie nie im Leben wieder würden reden können.“

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Wir fuhren weiter und erreichten die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst zwischen dem Bodden und der Ostsee. Was weiter westlich “Haff” genannt wird, heißt hier also Bodden: Ein flaches, buchtartiges Küstengewässer. Der Name kommt wohl aus dem Niederdeutschen und bedeutet “Boden” oder “Grund”. Sie sind durch langgestreckte Inseln und Halbinseln von der offenen See abgetrennt und bilden Lagunen.  Da der Salzgehalt der Ostsee sowieso nicht hoch ist, sind die Bodden eigentlich schon Süßwasserseen, was sich auch auf die Flora und Fauna auswirkt.

Die Wege auf dem Darß sind zum Teil sehr gut, zum Teil aber auch recht abenteuerlich. Einmal mussten wir uns sogar durch ein Stück Sand pflügen. Manche Dinge müssen eigentlich nicht sein, fanden wir. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine Ahnung dass dieser Zustand durchaus noch steigerungsfähig ist. Die Gegend ist jedoch sehr schön, wir kamen an netten reetgedeckten Ferienhäusern und interessanten Kunstobjekten in der Landschaft vorbei.

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Gelegentlich passierten wir Schilder mit den Hinweisen, dass man hier doch bitte nicht alles zubauen soll. Das kann ich verstehen. Nach Ahrenshoop fuhren wir an der Boddenseite entlang, wo das ganze  Reet wächst, durch die Ortschaften Born und Wieck. Dort kam eine Pferdeparade vorbei. Ein wirklich netter Empfang, aber es wäre doch nicht nötig gewesen. Inzwischen war es recht warm geworden und die Kühe bei Prerow suchten Abkühlung.

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Da es Wochenende war, waren auf den Uferwegen viele Radfahrer und Fußgänger unterwegs, was das Tempo ziemlich verlangsamte, aber wir waren ja im Urlaub und nicht auf der Flucht.

Bald erreichten wir den Campingplatz Am Freesenbruch kurz vor Zingst. Dort brachte uns ein netter Herr mit dem Fahrrad zur Zeltwiese, wo überdachte Picknicktische mit Wäscheleinen dazwischen standen. Wir nutzen das gute Wetter und hängten erst mal alles zum Durchlüften auf, während das Buch auf dem Tisch lag und langsam vor sich hintrocknete.

camping

Im Campingladen kauften wir ein, und nach einem Imbiss gingen wir zum Strand, wo ich die Wassertemperatur testete. Es wurde langsam wärmer, bald würden wir wohl schwimmen gehen können.

Dann gingen wir noch zum Biergarten, wo wir den Abend ausklingen ließen. Im Dachgebälk der Bühne befand sich ein Schwalbennest mit Jungen, es gab also einiges zu beobachten. Und der Sommer war wohl tatsächlich gekommen.

schwalben

Da es inzwischen auch wärmer geworden war, konnte man länger draußen sitzen. Wir holten uns ein zweites Bier, doch kurz danach begannen die Damen an der Bar mit dem Aufräumen. Auf unsere Reaktion, dass wir nicht auf die Öffnungszeiten geachtet hatten und dass wir uns beeilen würden (man will ja keine Umstände machen), meinten sie, dass wäre kein Problem und wir könnten uns ruhig Zeit lassen. Also tranken wir noch gemütlich unser Bierchen aus und verzogen uns dann ins Zelt.

Am nächsten Morgen unterhielten wir uns beim Frühstück mit einer anderen Radfahrerin, die in Gegenrichtung unterwegs war. Sie kam von Rügen und warnte uns, dass die Radwege dort teilweise von so katastrophaler Qualität waren, dass ihr Rücken das nicht mehr mitgemacht hatte. Das verhieß wenig Gutes, aber man würde sehen. Die Stecke nach Stralsund sollte jedenfalls neu und schön zu fahren sein.

Wir verließen die Halbinsel in Richtung Barth und folgten dann der Ostsee-Route in Richtung Stralsund. Dort ist die Strecke wirklich so, wie man es von einem Fernradweg erwartet: guter Straßenbelag, deutliche Beschilderung und dazu noch ein wunderbarer Blick über die Ostsee und weite Felder. Was will der Mensch mehr?

unterwegs2 unterwegs

Aber irgendwas ist ja immer, und so verließen wir bei Groß-Korlshagen die Strecke, da wir auch mal wieder Ortschaften sehen wollten. Unterwegs kam uns ein Fahrschulauto entgegen, und Peter stellte fest, dass wir bisher noch nicht viele davon gesehen hatten. Woran das wohl liegen mochte? Meine Theorie war, dass wir ja meistens auf Radwegen unterwegs waren, und die Chance, dass man da auf ein Fahrschulauto stößt, ist wohl eher gering – außer der Fahrlehrer hat einen noch katastrophaleren Orientierungssinn als ich, was ihn wohl für seinen Beruf disqualifizieren würde.

Die Dörfer dort in der Gegend sind nicht gerade groß, aber irgendwann fanden wir eins mit einem Supermarkt, wo wir einkauften. Dann fuhren wir über die Transitstraße nach Stralsund. Auf diesen Straßen durfte früher der Verkehr aus der Bundesrepublik und anderen Ländern durch die DDR fahren. Für diese Strecken gab es ein Visum, man durfte sie nicht verlassen und musste so schnell wie möglich zu seinem Zielort fahren. Als wir damals auf Klassenfahrt in Berlin waren, kamen wir wohl irgendwie über Franken in die DDR, und unsere Lehrer schwitzten an der Grenze Blut uns Wasser. Noch heute ziehe ich meinen Hut vor Frau S. und Herrn F., dass sie überhaupt mit uns undiszipliniertem Haufen nach Berlin gefahren sind.

transitstrasse

Wir erreichten den Stadtrand von Stralsund, wo die Straße von monumentalen, teils wunderbar renovierten Gebäuden, von denen ich vermute, dass es sich um Jugendstil handelt, gesäumt war. Aber als Ausgleich waren die Rad- und Fußwege in einem ziemlich grauenhaften Zustand.

Wir durchquerten die Stadt und kamen zum Strelasund, wo die Rügendammbrücke die Insel mit dem Festland verbindet. Wir mussten uns erst mal im Baustellenverkehr orientieren, aber dann konnte ich eine weitere Brücke zu meiner Sammlung hinzufügen.

ruegendamm

Die Warnung, die unsere Campingnachbarin vom Morgen ausgesprochen hatte, erwies sich als richtig. Der Weg zum Campingplatz Altefähr war die Wahl zwischen Pest und Cholera, nämlich recht lockerer Sand oder Kopfsteinpflaster. Leute, ich bin zu alt für den Scheiß!

Der Campingplatz war jedoch sehr nett, und wir reservierten gleich für die letzte Nacht unserer Reise, da wir von Stralsund aus wieder nach Hause fahren wollten. Nachdem wir aufgebaut hatten, schauten wir kurz den Kletterwald hinter dem Platz an. Dann erkundeten wir das Dorf und den Hafen, fanden einen kleinen Supermarkt und umrundeten die Kirche.

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Dann ließen wir uns am Strand auf interessanten Sitzobjeckten nieder und genossen die Sonne und den Blick über den Strelasund und die Stralsunder Skyline.

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Wir gingen wieder zum Campingplatz und verspeisten leckere Flammkuchen vom Kiosk. In der Zwischenzeit hatten wir mehrere Nachbarn bekommen: Eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern und einem winzigen Zelt. Wir fragten uns, wie sie alle dort hinein passten, aber es schien zu funktionieren. Auf der anderen Seite stand das Zelt eines recht kräftig gebauten Paares, sie mit und er ohne Haupthaar, aber beide gleichermaßen mit Tattoos geschmückt, die noch einmal weggingen, um sich in das Rügener Nachtleben zu stürzen. Außerdem tauchten noch verschiedene Radfahrer auf.

Irgendwann verzogen wir uns ins Zelt und schliefen schnell ein. Der Schlaf war jedoch von kurzer Dauer, unsere Nachbarn kamen heim und enterten ihr Zelt mit einem Mordskrach. Sehr ärgerlich, aber anscheinend verspürte keiner Lust, sich mit diesem tätowierten Kleiderschrank anzulegen. Bald kehrte auch wieder Ruhe ein. Dafür weckte uns dann im Morgengrauen eines der beiden Kinder auf der anderen Seite, das sich aber von seinen Eltern schnell wieder beruhigen ließ.

Am Morgen schliefen wir aus und ließen uns mit dem Frühstück Zeit. Dann fuhren wir nach Stralsund. Wenn man die Strecke kennt, ist so ein Kopfsteinpflaster-Sandweg auch nicht ganz so dramatisch, weil man ja weiß, dass er irgendwann zu Ende ist. Wir überquerten wieder die Brücke und fuhren zum Ozeanum, wo wir unsere Fahrräder abstellten. Dort würden wir sie auf jeden Fall wieder finden. Wir trabten zur Touristeninformation, besorgten uns einen Stadtplan und erkundeten dann die Stadt.

Stralsund, das 1234 Stadtrechte erhielt, war eines der Gründungsmitglieder der Hanse. Wegen seiner Lage wird die Stadt auch „das Tor zur Insel Rügen“ genannt. Im 14. Jahrhundert war sie nach Lübeck die wichtigste Hansestadt im südlichen Ostseeraum, aber sie verlor nach dem Niedergang der Hanse an Bedeutung.

Am Ende des 30jährigen Krieges gehörte Stralsund fast 200 Jahre zu Schweden, was man wie in Wismar noch an zahlreichen Dingen sehen kann, z. B. der schwedischen Post, dem Kommandantenhaus mit seinem Schwedenwappen im Giebel und herumstehenden Wikingern.

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Das Wahrzeichen der Stadt ist das Rathaus, das im 13. Jahrhundert im Stil der norddeutschen Backsteingotik (was auch sonst) errichtet worden war.

stralsundrathaus

Unser Stadtbummel führte uns durch die Fußgängerzone mit ihren monumentalen Gebäuden, deren Baustil ich allerdings nicht einordnen kann, und durch schmalere Gassen.

stralsund stralsund2

Wir besichtigten die Kirche St. Marien, wo uns als erstes die beeindruckende Orgel des Orgelbaumeisters Friedrich Stellwagen ins Auge fiel.  Laut Wikipedia  ist diese Orgel nur noch teilweise erhalten und hat nur noch 550 Pfeifen. Wie viele hatte sie dann vorher?Außerdem hängt dort ein Nagelkreuz, dass an die Opfer der Bombardierung von Coventry erinnert.

stmarien stmarien2

Wir pilgerten weiter zur Kulturkirche St. Jacobi, die gerade renoviert wird. Dort gab es gerade eine Ausstellung über die Theatergruppe „Die Eckigen“, der nur Menschen mit einer geistigen Behinderung angehören. Im Vorjahr hatten sie ihre eigene Version von Shakespeares „Sturm“ aufgeführt, und die Fotos davon waren sehr eindrucksvoll.

Danach gönnten wir uns eine Pause am Knieperteich, einer wahren Oase der Ruhe gegenüber der Stadtmauer.

knieperteich

Dann gingen wir weiter zur Nikolai-Kirche wo wir gerade rechtzeitig zu einer Führung ankamen. Glück muss der Mensch haben. Dabei lernten wir, dass die älteste der drei großen Pfarrkirchen Stralsunds (13. Jahrhundert) auch als Ratskirche Dienst tat. Es wurden also nicht nur Gottesdienste, sondern auch Ratssitzungen, Zunftversammlungen und sogar Märkte abgehalten. Während der Messen war es allerdings nicht erlaubt, Tiere mitzubringen.

Während des gut einstündigen Rundgangs wurden wir auf viele Details aufmerksam gemacht, die uns alleine wahrscheinlich nicht aufgefallen wären. So sind zum Beispiel an den Säulen nicht nur die Figuren, sondern auch die Steinmetzzeichen, die man normalerweise in die Steine ritzt, aufgemalt.

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Der mittlere Teil des gotischen Hochaltars mit ursprünglich sehr detaillierten Schnitzereien ist leider fast leer. Aus Angst vor Bombenangriffen wurden 1943 die Figuren herausgenommen und auf umliegenden Bauernhöfen versteckt. Im strengen Winter 1946/47 hatten die Leute allerdings andere Prioritäten, und die Figuren endeten als Heizmaterial. 1997 bekam der Hochaltar ein neues, modernes Kreuz.

Ein sehr interessantes Denkmal ist die Anna selbdritt aus dem 13. Jahrhundert. Sie zeigt die Heilige Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind. In ihrem Oberkörper befanden sich früher Reliquien.

Außerdem gibt es noch die Blaue Kapelle mit modernen Glasfenstern von Johannes Schreiter und eine Astronomisch Uhr, die aber leiser nicht mehr geht. Neu an dieser Uhr war, dass sie die Einteilung des Tages in 24 Stunden zeigt.

Die Führerin konnte sehr mitreißend erzähle, so dass die Zeit wie im Flug verging und wir die recht niedrige Temperatur in der Kirche kaum wahrnahmen. Natürlich gab es noch viel mehr zu sehen, aber irgendwann nimmt man nicht mehr so viel auf. Mehr Details und Fotos kann man aber hier finden.

Am Ende der Führung entdeckte ich, dass ich die ganze Zeit von einer falschen Annahme ausgegangen war. Da die Renovierungsarbeiten verglichen mit anderen Kirchen der ehemaligen DDR, die wir bisher besichtigt hatten, nicht so umfangreich waren und das Gebäude recht gut aussah, dachte ich, dass es im Krieg wohl weniger abgekriegt hatte. Doch dann hörten wir von einem Paar, dass sie seit 1991 jedes Jahr kommen, um zu sehen, wie die Renovierung fortschreitet, und dass sie sehr beeindruckt sind von dem, was bisher erreicht worden war. So kann man sich irren.

Nach der ganzen Kultur wurde es Zeit für das leibliche Wohl. Wir fanden einen schönen Platz vor einem Restaurant in der Sonne und ließen uns riesige Fischportionen und das Störtebeker-Bier schmecken. Da sich der Pirat Klaus Störtebeker (niederdeutsch „Stürz den Becher) angeblich wegen seiner Trinkfestigkeit verdient hat, finde ich es sehr passend, dass man ein Bier nach ihm benannt hat.

stralsundrathaus

Dann bummelten wir noch etwas durch die Stadt, und ich kaufte ein paar Postkarten. Gelegentlich verschicke ich diese altmodischen Dinger nämlich ganz gerne. Die Briefmarken dazu zu finden war jedoch nicht so einfach. Nicht, weil man keine „für den Kontinent“ hatte, wie es uns in England mal passiert war, sondern entweder waren sie gar nicht vorhanden oder nur im Zehnerpack. Dann gingen wir noch zum Hafen, wo das Segelschulschiff „Gorch Fock“ vor Anker liegt.

gorchfock stralsundhafen

Schließlich fuhren wir wieder zum Campingplatz, wo wir unsere Postkarten schrieben, Zeitung lasen und etwas Ordnung in unser Gepäck brachten. Ich schaffte es sogar, eine Müslipackung in eine verschließbare Tüte umzufüllen, ohne etwas daneben zu schütten. Allerdings freute ich mich zu früh, die blöde Tüte fiel nämlich um, bevor ich sie verschließen konnte.

Dann gingen wir noch eine Weile an den Strand, bevor wir uns in unsere Schlafsäcke verkrochen. Am nächsten Tag wollten wir ja ein ganzes Stück weiter.

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Kultur in Gronau: Nachteinblicke

Gestern waren wir mal wieder in kultureller Mission auf der anderen Seite der Grenze unterwegs. In Gronau fand nämlich das Kulturspektakel „Nachteinblicke“ statt. Das Konzept an sich ist schon sehr interessant: Von 19 Uhr bis 1 Uhr finden an dreizehn Veranstaltungsorten in Gronau und Epe kurze Auftritte aller Art statt: Musik, Tanz, Kabarett, Dichterlesungen etc. Jeder Teilnehmer tritt im Laufe des Abends an drei verschiedenen Orten auf.

Die meisten Orte liegen nicht weit auseinander, und nach Epe fährt ein Shuttlebus, so dass man einfach von einem Auftritt zum nächsten wechseln kann. Es ist aber auch möglich, den ganzen Abend an einem Ort zu bleiben, da überall ein vielseitiger Mix an Genres angeboten wird. Und da das Spektakel in der Nacht stattfindet, sind die „locations“ auch noch beleuchtet, was für eine besondere Stimmung sorgt.

Aus dem recht umfangreichen Programm hatten wir im Vorfeld drei Gruppen ausgesucht, die wir unbedingt sehen wollten: Das Saxohponensemble der Musikschule, den Frauenchor „Bella Donna“ und die Barbershop-Formation „Tafelrunde“. Außerdem wollte ich auf jeden Fall in die Bibliothek. Ausgehend von diesen Eckpunkten stellten wir unsere Route zusammen, und der Rest würde sich ergeben.

St. Antonius

Wir starteten also um 19 Uhr in der Antoniuskirche mit dem Orgel-Trompeten-Duo T. Szöcs und A. Sander, die unterschiedliche Musikrichtungen präsentierten. Ich mag die Kombination Orgel und Trompete. Auf Wunsch des Gatten blieben wir noch sitzen, um den Gronauer Männerchor zu hören. Die Herren boten das klassische Männcherchor-Repertoire von Liebe, Herz und Schmerz, aber auch eine schöne Version des Udo-Jürgens-Schlagers „Ein ehrenwertes Haus.

Dann wurde es Zeit, um zur Evangelischen Stadtkirche weiter zu ziehen, wo Ute mit dem Saxophon-Ensemble auftrat. Die neunköpfige Gruppe zeigte, wie vielfältig ein Saxophon sein kann. Sie spielten Klassik, Jazz, bekannte Hits und Gospels, und wir lernten auch noch einiges über die verschiedenen des Saxophons, das übrigens ein Holzblasinstrument ist.

Stadtkirche Stadtkirche2

Danach gingen wir zur Stadtbücherei, wo man schon von weitem das Perkussionsensemble der Musikschule hören konnte. Auch wer nicht wusste, wo die Bücherei ist, konnte sie unmöglich verfehlen. Normalerweise ist eine Bibliothek ja ein Ort der Stille, nur nicht an diesem Abend. Und die Bibliothekarinnen saßen an ihren Ausgabeschaltern, verkauften Getränke und freuten sich über das zahlreiche Publikum.

Bibliothek Bibliothek2

Nach dem Auftritt der Trommler wurde es wieder ruhiger. Der Schriftsteller Alfons Huckebrink aus Münster las einige seiner „Kürzestgeschichten“ vor. Dabei geht es um skurrile Begegnungen in der Bahn, Wortspiele mit Autokennzeichen, Beobachtungen im Museum und die Frage, wem nun eigentlich die Grünphase an der Ampel gehört.

Dann gingen wir wieder zurück zur Stadtkirche, wo nacheinander die Frauenchöre „Klangvoll“ und „Bella Donna“ auftraten. „Klangvoll“ sang bekannte Evergreens, während „Bella Donna“ einige klassische Stücke und eine wunderschöne Version von „Der Mond ist aufgegangen“ zu Gehör brachten. Hier sind wirklich ein paar sehr schöne Stimmen dabei.

Glashaus

Nun wurde es Zeit für einen uns noch unbekannten Veranstaltungsort, das Glashaus, wo wir Reinhold und die „Tafelrunde“ sehen wollten. Das Gebäude gibt es auch erst seit 2013, es kann also vorkommen, dass man es noch nicht kennt. Da es sich aber in der Nähe des rock’n’popmuseums befindet, war es nicht schwer zu finden. Und dort machten wir die Entdeckung des Abends: die Schriftstellerin (und Gymnasiallehrerin) Theresa Sperling aus Nordhorn. Unbelastet von jedem Vorwissen ließ ich ihre Texte auf mich wirken. Ich werde auch jetzt nicht googeln, wie andere sie einordnen, sondern ungefiltert meine Eindrücke und Assoziationen aufschreiben.

Ihre Texte, die voll aus dem Leben gegriffen sind, halten die Mitte zwischen Poesie und Prosa und lassen mich an Textil denken. Rhythmisch, wie ein Schiffchen durch den Webstuhl schießt, bilden sich die Zeilen, und wie das Flüchtlingsmädchen Amilija in einem ihrer Texte webt sie mit Sprache. Die häufig verwendeten Reime geben den Texten eine Struktur, die sich aber ständig ändert, so dass vor meinen geistigen Auge ein subtil changierendes Gewebe entsteht:

„Zu Hause ist es nicht leicht,
ihr neues Zuhause wird der Klassenraum.
Dass die anderen mit ihr spielen wollen,
wird ihr geheimer Zaubertraum,
Ihr noch weitmaschiges Wörternetz
Wirkt wie ein warmer, weicher Flaum,
ein unsichtbarer Sicherheitssaum,
lässt sie sicher sein, dass sie ein Recht darauf hat,
nach vorne zu schauen,
lässt ihre Augen ein gerechtes Land sehen
und in dieses Land vertrauen.“

Und ich glaube, ich bin nicht die einzige, die der Schluss dieses Textes tief berührt zurückgelassen hat:

„Ich weiß nicht wirklich viel,
bin ja nur ein Wirtschaftsflüchtlingskind
und wurde sehr schnell abgeschoben,
aber einige Worte habe ich mir
wie ein Fallnetz unter mein Herz gewoben.
Sie sind das Ende eines langen Fadens,
der dunkelrot ist und nie bricht.
Hier sind meine Worte,
bitte vergessen Sie sie nicht:
Menschen kann man abschieben,
ihre Träume aber nicht.“

Hier ist also wieder Lesestoff für meine Wunschliste, und wenn sie wieder hier in der Nähe liest und es zeitlich passt, möchte ich gerne wieder vorbeischauen.

Nach diesem wirklich tollen Auftritt gab es noch einen etwas leichteren Schluss, nämlich die Barbershop-Formation „Tafelrunde“. Sechs Herren mit viel Spaß am Singen trugen a capella launige Stücke wie „Ich wollt, ich wär ein Huhn“, „Lass mich dein Badewasser schlürfen“ und dergleichen vor.

Glashaus2

Danach war der Abend zu Ende, und wir begaben uns über den dunklen Weg zurück zur Stadt – Mindfulness purst! Das Konzept der kurzen Auftritte und verschiedenen „locations“ ist sehr gelungen, und jeder einzelne Auftritt war wirklich gut. Man kann an verschiedenen Genres schnuppern, und wenn einem etwas nicht so zusagt, kann man gehen, ohne dass es jemand übel nimmt, und es kommt auch bald wieder etwas Neues. Die „Nachteinblicke 2017“ sind auf jeden Fall schon vorgemerkt.

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