Bag Art

Aufmerksame Leser haben ja mitgekriegt, dass Peter und ich in den letzten Jahren das Projekt „Bag Art“ entwickelt haben: Kunstwerke aus Fahrrad- und anderen Taschen. Diese habe ich auf einer eigenen Seite zusammengestellt. Falls jemand Lust hat, bei dieser netten Spielerei mitzumachen, immer gerne! Hinterlasst dann einfach einen Kommentar, so dass ich eure Kunstwerken finden kann.

Viel Spaß!

Attente lezers hebben inmiddels zeker gemerkt, dat Peter en ik in den afgelopen jaren het project „Bag Art“ ontwikkelt hebben: Kunstwerken van fiets- en andere tassen. Deze heb ik nu op een aparte pagina samengesteld. Mocht iemand zin hebben, om bij dit leuke spelletje mee te doen, graag. Laat dan gewoon een commentaar achter, zodat ik jullie kunstwerken kan vinden.

Veel plezier!

Kategorien: Literair en cultureel, Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Nordostengland und Borders 2016 – Teil 1

Irgendwas ist immer – Nordostengland und die Borders, 5. Juni – 1. Juli 2016

Wie immer begann unser Urlaub schon lange vorher mit dem Schmieden und Verwerfen von Plänen. Mit dem Auto nach Irland und dann einen Wander- und Kultururlaub machen? Nee, Auto ist irgendwie doof, das können wir noch machen, wenn wir zu tattrig zum Radeln sind. Dann Englands Südwesten mit dem Rad, also Stonhenge, Avebury, Glastonbury, Winchester usw.? Na ja, irgendwie ist alles zu nah an London, zu viele Straßen und zu viel Verkehr. Aber irgendwann mussten wir mal Nägel mit Köpfen machen, und so beschlossen wir, dort weiter zu fahren, wo wir vor drei Jahren aufgehört hatten, nämlich in Hull, von dort aus Richtung Edinburgh und über Newcastle wieder zurück zu fahren. Am Anfang ging auch wirklich alles wunderbar, aber schon nach ein paar Tagen kristallisierte sich unser Urlaubsmotto deutlich heraus: „Irgendwas ist immer“.

Frühstücksbrett "Irgendwas ist immer"

… und manchmal geht (bzw. fährt) der Weg sich wie von selbst (Nils Koppruch, “Kirschen”)

Am Sonntag ging es los. Wir mussten zwar erst gegen 19.00 Uhr beim Terminal in Maassluis sein, aber die tiefverwurzelte Angst, die Fähre zu verpassen, ließ uns doch schon am späten Vormittag aufbrechen. Bevor wir losfuhren, musste Peter allerdings erst seinen Fahrradschlüssel suchen, der sich irgendwie ins Schlafzimmer verirrt hatte. Trotzdem kamen wir pünktlich weg.

Wegen Gleisarbeiten konnten wir nicht bis Rotterdam durchfahren, sondern mussten in Utrecht umsteigen. Dabei hätte ich fast eine Vordertasche (die mit dem Übernachtungskram für die Fähre) vergessen, da wir die Räder teilweise abgepackt hatten. Zum Glück hatte der Zug eine Weile Aufenthalt, und eine Radfahrerin, die eingestiegen und unseren Platz eingenommen hatte, rannte mir hinterher und brachte mir die Tasche. Oh Mann, nicht auszudenken, wenn der Zug mit meinem Nachtzeug von dannen gefahren wäre, das wäre schon etwas doof gewesen.

Das Umsteigen in Rotterdam war schon immer eine problemlose Angelegenheit. Früher konnte man gemütlich mit einem uralten scheppernden Lastenaufzug nach oben und unten tuckern, und heute hat man schicke, geräumige Glaslifte. Während wir auf den Zug nach Hoek van Holland warteten, fotografierte Peter mein Rad von unten durch die durchscheinende Decke zwischen Bahnsteig und Untergeschoss.

Rad von unten

Gerade, als sich die Zugtüren schlossen, sprang eine Frau noch in den Zug. Ihr Mann schaffte es allerdings nicht mehr, worüber sie etwas angefressen war. Während sie den Zugbegleiter suchte, um sich zu beschweren, entspannen sich in unserem Wagen sofort angeregte Gespräche, wie lange so ein Zug in solchen Fällen warten muss, wo wir denn hin wollten, und Radfahren im Allgemeinen.

In Maassluis stiegen wir aus und fuhren mit der Fähre über den „Nieuwe Waterweg“ nach Rozenburg, wo wir erst mal bei einer Snackbar etwas zu essen holten. Dann ging es weiter zum Fährterminal. Von gesunder Seeluft war hier allerdings nichts zu merken, dank diverser Raffinerien und Industrieanlagen stank es ziemlich.

Beim Terminal angekommen fotografierte ich erst einmal die „Pride of Rotterdam“, die bereits auf uns wartete. Vor drei Jahren waren wir mit ihrem Schwesterschiff, der „Pride of Hull“, nach Hause gefahren.

Pride of Rotterdam Pride of Rotterdam

Dann konnten wir schon einchecken, mussten aber noch eine Weile warten, bevor wir an Bord durften. In der Schlange standen viele Motorräder und Wohnmobile. Eine Frau nutzte die Wartezeit, um ein Foto von ihrem Mann am Steuer eines solchen zu machen: „Heinz, lach doch mal!“ Dann durften wir nach und nach an Bord, was diesmal recht lange dauerte, da das Sicherheitspersonal alle Fahrzeuge ziemlich genau unter die Lupe nahm und teilweise von einem Drogenhund beschnüffeln ließ. Auch unsere Ausweise wurden genau geprüft.

Dann rollen wir an Bord und wurden mit einigen Motorrädern in einen abgetrennten Bereich gewinkt, wo wir die Räder in aller Ruhe festbinden konnten. Wir gingen die steile Treppe nach oben zu unserer Kabine. Nach dem üblichen Gepfriemel mit der Key-Card gelang es uns, die Tür zu öffnen. Nach einer erfrischenden Dusche (nach mehreren Stunden in dieser Hafenluft fühlt man sich einfach nicht mehr besonders sauber) gingen wir zum Essen.

Mann, war das wieder mal lecker! Fleisch- und Fischspezialitäten, Currygerichte, unzählige Beilagen und dann die Nachtische! Gerade bei letzteren konnte ich mich nicht entscheiden, und da die einzelnen Stücke nicht so groß waren, nahm ich ein Stück Brownie, ein Lemon Meringue und einen Raspberry Cheesecake. Dann war mit allerdings nicht mehr ganz so wohl, vielleicht war einer von ihnen nicht ganz in Ordnung gewesen.

Inzwischen fuhr das Schiff an, und wir gingen auf das Sonnendeck, um uns von der niederländischen Küste zu verabschieden.Bei Hoek van Holland lag ein Schiff der Stena Line, das bald nach Harwich fahren würde, und wir fur-hren nach Westen in den Sonnenuntergang.

 Hoek van Holland mit Stena-Line-Fähre Sonnenuntergang

Die frische Luft tat mir ausgesprochen gut. Nach ein paar Irrwegen fanden wir  die Bar, wo wir uns bei einem Bierchen das Entertainment zu Gemüte führten: Eine Sängerin und ein Keyboardspieler, die die üblichen Hits zum Besten gaben. Dann zogen wir uns in unsere Kabine zurück.

Wir schliefen wunderbar, wurden aber schon recht früh von einem Autoalarm geweckt. Dabei waren die Autofahrer ausdrücklich darauf hingewiesen worden, dass man diesen ausschalten sollte, da plötzliche Bewegungen des Schiffs ihn auslösen können. Für die Batterie ist sowas natürlich nicht gut, was mich mit einer gewissen Schadenfreude erfüllte. Wenn man mich aus dem Schlaf reißt, bin ich kein netter Mensch.

Da wir schon wach waren, konnten wir auch gleich aufstehen. Ich überreichte Peter erst sein Geburtstagsgeschenk und wir schlachteten zwei Minitörtchen. Dann gingen wir an Deck, um England zu begrüßen.  Doch die englische Küste, die uns beim letzten Mal mit einem wunderschönen Sonnenuntergang hinter der Humber Bridge verabschiedet hatte, war in dichten Nebel gehüllt. Nachdem wir eine Weile die nicht vorhandene Aussicht bewundert hatten, gingen wir frühstücken, denn für die Fahrt nach York brauchten wir eine vernünftige Grundlage, und was eignet sich besser als ein „Full English Breakfast“?

Dann wurden wie Fahrgäste in mehreren Sprachen aufgefordert, sich zu ihren Fahrzeugen zu begeben, und auf ihr Gepäck zu achten. Bei der deutschen Version klang mit einem wunderschönen Rudi-Carell-Akzent durch das Schiff: „Bitte behalten Sie Ihnen Gepäck bei Ihnen.“ Schön, nicht?

Um halb acht ließ man ein paar Autos warten, so dass wir gemütlich von Bord rollen konnten. Wir mussten noch an der Zollstelle vorbei, wo ein junger Beamter mein Foto und mich kritisch beäugte, trotz Fahrradhelm genug Ähnlichkeit feststellte und mich durchwinkte. Durch diverse gelbe Gatter verließen wir den Hafen.

Wir kamen gut durch Hull, und der Linksverkehr fühlte sich schnell wieder vertraut an. Allerdings landeten wir nicht wie geplant auf der Straße nach Cottingham, sondern auf der nach Beverley, aber egal, so hatten wir das nette Städtchen mit der imposanten Kathedrale auch mal wieder gesehen.

Beverley Minster im Nebel

Dann stießen wir auf die Radroute durch die Yorkshire Wolds, und bei Market Weighton fing auch der Nebel an, sich aufzulösen. Geht doch! Bei inzwischen wunderbarem Radlerwetter fuhren wir durch idyllische Dörfer, vorbei an Pubs mit typisch englischen Namen wie „The Rose and Crown“, „The Grey Horde“ etc., über nicht allzu steile Hügel.

Durch die Yorkshire Wolds Pub "The Grey Horse"

Wir waren im „White Rose Country“, wie man unschwer an der weißen Rose auf den Ortsschildern erkennen konnte. I love England! Und das Foto bei der winzigen Ortschaft Melbourne musste natürlich sein.

Melbourne in Yorkshire

Die Meilen verflogen praktisch unter unseren Rädern, und am Nachmittag erreichten wir York. Zur Sicherheit studierten wir, wie wir das ja jedes Mal machen, auf der Umgebungskarte auf dem Marktplatz und fuhren dann Zum Campingplatz am Ufer des Ouse. Alles war sofort wieder vertraut, auch das übliche Gedöns beim Einchecken. Mit Radfahrern, die auf die Zeltwiese wollen, sind sie wohl immer etwas überfordert.

Wir bekamen wieder die Schlüssel zum Sanitärgebäude und zur Hintertür, bauten unser Zelt auf und sprühten es erst mal gründlich mit Imprägnierspray ein. Dann erledigten wir unsere Einkäufe in den Shops ein paar Straßen weiter. Irgendwie ist es schön, wenn man den Campingplatz und die Umgebung schon kennt. Danach ruhten wir uns erst mal aus, denn wir waren ja schon im Morgengrauen von Bord komplimentiert worden.

Später machten wir uns auf den Weg in die Stadt, die von hier aus wunderbar zu Fuß zu erreichen ist.

Brücke über den Ouse

Das Minster findet man ja sofort. Es wird noch immer renoviert, und an einer Seite kann man die Arbeiten der Stone Masons (Steinmetze) bewundern. Auf einigen Steinen sind auch ihre individuellen Zeichen zu sehen. Schon beim letzten Englandbesuch war mir aufgefallen, dass trotz aller Technik der größte Teil einer Kirchenrenovierung das gute alte Handwerk ist. Morgen würden wir sehen, wie weit sie innen inzwischen sind.

Steinmetzarbeiten am Minster Steine mit Steinmetzzeichen

Wir bummelten durch die Shambles, einer Straße mit überhängenden Fachwerkhäusern, in der früher Fleisch verkauft wurde. Der Name leitet sich wohl vom angelsächsischen „fleshammels“ (Schlachtbank) ab. Allerdings gibt es heutzutage keinen Metzgerladen mehr hier. Wir sahen, dass einige Läden wegen der heftigen Überschwemmung im Winter geschlossen hatten. Auf den ersten Blick wirkt es zwar so, als ob die Stadt sich erholt hat, aber ganz so einfach geht das ja nie. Auch unser Campingplatz hatte einiges abbekommen, aber da die Gebäude dort auf Pfählen stehen, hat sich der Schaden in Grenzen gehalten.

Dann besuchten wir das Pub „Snickelway Inn“. Über die York-typischen Bezeichnungen von Straßen, Gassen, Stadttoren usw. sowie die lange und bewegte Geschichte dieser Stadt habe ich mich ja hier bereits ausführlich ausgelassen. Das „Snickelway Inn“ hieß früher „Anglers‘ Arms“ und ist angeblich „the most houted pub in York“. Zu den zahlreichen Gespenstern gehören eine Katze, die um die Tische streicht, ein kleines Mädchen, das von einer Kutsche überfahren wurde und seitdem hin und wieder auf der Treppe sitzt, eine Frau auf der oberen Galerie und ein Mann in der Passage zwischen dem vorderen und hinteren Teil. Auch scheint irgendwer regelmäßig Chaos im Keller zu verursachen. Das Schild, von dem ich diese Informationen habe, schließt mit folgendem Hinweis: „It is worthy for a visit, although visitations cannot be guaranteed.“ Und auch wir sahen kein Gespenst.

 Snickelway Inn von außen Snickelway Inn von innen

Nach einem leckeren Bierchen gingen wir zurück zum Campingplatz, wo wir traditionsgemäß die „Daily Mail“ lasen. Natürlich war das bevorstehende Referendum Thema Nummer eins, und Alt-Premier John Major hatte sich wohl ziemlich daneben benommen. Das konnte noch interessant werden.

Am nächsten Morgen gingen wir erst zur Tourist Information und zum Minster, um uns nach Führungen zu erkundigen, aus denen wir dann ein Tagesprogramm bastelten.

Wir begannen mit einer Stadtführung, die uns erst am King’s Manor vorbeiführte, das jetzt zur Universität gehört. Dann gingen wir zur alten Stadtmauer, wo wir noch Teile der ursprünglichen römischen Überreste bewundern konnten.

Alte Stadtmauer (römische Überreste) Alte Stadtmauer

Dann gingen wir weiter in die Museum Gardens, wo sich die Ruinen der St. Mary’s Abbey befinden. Sie wurde 1055 erbaut und galt lange als eine der reichsten Abteien im Norden Englands. Wie so viele andere Klöster und Abteien wurde sie im Jahre 1539 unter Heinrich VIII aufgelöst.

St. Mary's Abbey

Dann ging es weiter auf der Stadtmauer, wo wir erfuhren, dass es früher nicht besonders attraktiv war, ein Grundstück an der Mauer zu besitzen, da man dann auch für den Unterhalt derselben verantwortlich war. Die Führung endete in der Minster Area, wo früher das Kirchenrecht galt. Wenn man sich nach einem Vergehen durch das Tor beim National Trust Gift Shop flüchten konnte, wurde man milder bestraft. Wieder was gelernt.

Tor zur Minster Area

Wir hatten noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Führung durch das Minster. Diese nutzten wir für einen sanitären Zwischenstopp und Proviantkauf bei Marks und Spencer. Auf einer Bank verspeisten wir unsere Sandwiches, und dann ging es weiter mit der Kultur.

Die Führung dauerte anstatt einer Stunde eineinhalb Stunden, und wir wurden wieder auf eine Menge Details aufmerksam gemacht. Angeblich befindet sich die Hälfte aller Bleiglasfenster in England hier. Mit der Renovierung des East Window war man inzwischen ein gutes Stück weiter gekommen.

East Window in der Kathedrale

Auch bei dieser Kathedrale gilt wohl das Motto „Irgendwas ist immer. So stürzte im Jahr 1407 der Hauptturm ein und musste wieder aufgebaut werden, im Jahr 1829 zündete ein gewisser Jonathan Martin die Orgelempore an, da ihm beim Abendgottesdienst ein brummender Ton der Orgel auf die Nerven gegangen war, und 1984 legte ein Blitzschlag das südliche Querschiff in Schutt und Asche.

Unsere Führerin wies uns darauf hin, dass das Muster der  Säulen unten in der Krypta auch bei der Kathedrale in Durham zu finden sei. Das interessierte uns natürlich, denn Durham stand dieses Jahr auch auf unserem Programm.

Säule mit Rautenmuster

Da zur Zeit die „York Minster Mystery Plays“ stattfanden, standen überall Kulissen und Requisiten herum. Das sah zwar sehr interessant aus, aber von unserer Stattführerin hatten wir gehört, dass es nur noch wenige und entsprechend teure Karten gab. Na ja, wir kriegen auch so genug Kultur mit.

Requisiten für Mysterienspiele - Sterne und zwei Schweinderl

Dann besuchten wir noch das Yorkshire Museum und begaben uns auf eine Zeitreise durch die bewegte Geschichte der Stadt: Kelten, Römer, Angelsachsen, Wikinger, Normannen, der Rosenkrieg und vieles mehr. Das Gebäude, in dem das Museum untergebracht ist, gehört der Philosophical Society und beherbergt auch die Historic Library. Diese kann man besichtigen, die Bücher befinden sich allerdings hinter Gittern. Besser ist das.

York ist einfach eine tolle Stadt, obwohl ich schon sieben oder acht Mal dort war, entdecke und lerne ich immer wieder etwas Neues.

Wir kauften ein und gingen zurück zum Campingplatz. Dort stellten wir fest, dass wir offenbar ungebetenen Besuch gehabt hatten: Irgendein Viech hatte meine Müslipackung umgekippt und den Inhalt im Vorzelt verstreut. Wir retteten, was zu retten war, und verschlossen die Packung sicher in der Vordertasche.

Bei der Zeitungslektüre stellten wir fest, dass das Leave-Camp in Führung lag. Ich kam auf die Idee, jeden Tag ein „Brexit Quote oft eh Day“ aufzuschreiben. Hier die von heute:

„Now that I’ve heard both sides of the argument on the Referendum my mind is finally made up – I’ll toss a coin.“(Valerie Ashton, London)

Kategorien: 2016 - Nordostengland und Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

Pieterpad – Teil eins ist geschafft

Leuth – Vorden

Inzwischen bin ich nah genug an meinem Zuhause, dass ich einzelne Tagesetappen gehen kann und nicht unbedingt unterwegs überachten muss. Und so bin ich das nächste Stück in drei Einzeltagen gegangen. Im Moment kann ich auch zwischendurch einen Tag mitten in der Woche freischaufeln, und das ist auch gut so, denn der Bus nach Elten fährt am Wochenende nicht. Gut, ich könnte mich ja von Peter irgendwo hinbringen und wieder abholen lassen, aber ich empfinde es als Teil der sportlichen Herausforderung, um das Ganze mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinzukriegen.

Wasser, Wasser und nochmals Wasser

Nein, das hat jetzt nichts mit dem Wetter zu tun, das war, von kleinen Schauern und einem bisschen Nieselregen abgesehen, fantastisch. Nein, der Weg führte diesmal sehr oft über das Wasser und am Wasser entlang, aber zum Glück nicht durch das Wasser.

Von Leuth aus ging ich nach Millingen aan de Rijn, wo ich mit der Fußgängerfähre den Bijlandsch Kanaal überquerte. Diese Fähre verkehrt im Sommer stündlich, im Winter seltener, so dass es sinnvoll ist, sich über die Abfahrtszeiten zu informieren und die Wanderung einzuteilen. Bei diesem Superwetter war sie voll mit Radfahrern.

Fähre Fähre2

Dann ging es am Naherholungsgebiet De Bijland und am Bovenrijn entlang nach Tolkamer mit seiner Schiffswerft und weiter nach Spijk.

De Bijland Schiffswerft Tolkamer

Zwischen Spijk und Braamt war erst mal Ruhe mit dem Wasser, doch dann wurde der Pieterpad umgeleitet und führt jetzt an einem Teil der Kläranlage Etten vorbei. Das ist keinesfalls so unappetitlich, wie es sich liest, man kommt an Teichen, einer Fischtreppe und einer Schleuse vorbei. Eigentlich ist es ein schönes Naturgebiet und die Streck wird etwas kürzer und kurzweiliger, da ein langweiliges Stück an einer Hauptstraße entlang wegfällt.

Weg über Kläranlage Fischtreppe

Endpunkt des zweiten und Startpunkt des dritten Tages war das Wasserschloss Kasteel Slangenburg aus dem 14. Jahrhundert.

kasteel slangenburg Schloss Slangenburg 2

Und die dritte Etappe führte am Wasserschloss Vorden vorbei.

Schl;oss Vorden

 Grenzland

Auch hier führt der Weg immer wieder an der Grenze entlang und gelegentlich ins Nachbarland. Oft merkt man es nur an den Grenzsteinen oder daran, dass die Häuser doch ein bisschen anders aussehen. Manchmal ist es aber auch deutlicher, wie bei diesem Haus, an dessen Mauer bekannte Goethe-Zitat prangt: „Nur, wo man zu Fuß war, war man wirklich.“ An dieser Stellen einen herzlichen Gruß an Vivian und Alexandra, meine Wanderkolleginnen, auch wenn wir nicht zusammen laufen.

Goethe-Zitat

Die Ortschaft Tolkamer (Zollkammer) heißt nicht umsonst so, dort wurden im späten 18. Jahrhundert die Zölle für die Schiffe erhoben, die den Rhein (Rijn) hinunterfuhren. Der Zoll wurde zwar 1868 abgeschafft, aber der Papierkram blieb.

Tolkamer2

Am Ende des ersten Tages kam ich nach Elten auf der deutschen Seite, eine typische Grenzortschaft: Die Sparkasse befindet sich neben der „Slijterij“ (Spirituosenhandel), und zahlreiche Niederländer kaufen dort ein.

Ein paar Tage später ging setzte ich meinen Weg von hier aus fort und gelangte über den „Noaberpad“, der von Bad Nieuweschans nach Kleve führt, wieder auf den Pieterpad. Dieser kreuzt sich gelegentlich mit dem Barfußpfad, aber ich liess die Schuhe an, denn ich kenne mein Talent, in irgendwas reinzutreten, man erinnere sich nur an den blöden Zelthering bei der Strad6daagse.

Barfußpfad

Der Drususbrunnen hatte noch nicht geöffnet, schade, ich hätte gern „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel“ in die Tiefe gebrüllt.

Drususbrunnen

Aber dafür kam ich an einem tollen Aussichtspunkt vorbei, der in meinem niederländischen Wanderführer „Belvedere“ genannt wird, aber die deutschen Schilder sagen deutlich was Sache ist: „Schöne Aussicht“.

Schöne Aussicht

Brennnesseln, Stacheldraht und anderes Ungemach

Immer wieder führte der Weg durch hohes Gras und Gestrüpp, so dass ich öfter als mir lieb war, mit Brennnesseln Bekanntschaft machte. Aber das Zeugs soll ja angeblich die Durchblutung anregen.

Bei Tolkamer ging die Route über ein Stück Deichvorland, eine Art Überlaufgebiet. Man muss dort über einen Zaunübertritt klettern und dann ein Stück durch die  Wiese latschen – Pfade gibt es dort fast keine. Ich stieg über den Zaun, vorbei an ein paar freundlichen Pferden und folgte dem kaum sichtbaren Trampelpfad. Auf einem Hügel standen einige Kühe, die neugierig zu mir hinüber schauten. Ich versuchte, nicht an Bill Brysons Überlegungen zum Thema „Cow attacks“ zu denken und hoffte, dass die Rindviecher in sicherer Entfernung blieben.

Pferde Rindviecher

Dann erreichte ich einen anderen Zaunübertritt, wo ich die Wiese verlassen konnte. Doch das Holzbrett, auf das man steigen muss, war so schmal und wackelig, dass ich am Stacheldraht hängenblieb. Der riss ein Stück aus meiner Hose und zerkratzte mir den Oberschenkel. Hätte ich die Wegbeschreibung doch bloß bis zum Ende gelesen, bevor ich mich in dieses Überlaufgebiet stürzte! Da stand nämlich, dass dieses Gebiet bei Hochwasser unpassierbar ist und man dann den Radweg nach Tolkamer nehmen kann.

Dagegen waren die Mücken, die mich gelegentlich erwischten, kaum noch der Rede wert.

Begegnungen

Auch diesmal ergaben sich wieder nette Begegnungen und Gespräche. Auf der Promenade bei Spijk sprach mich ein Motorradfahrer an, der auf einer Bank in der Sonne saß: „Ist die Vierdaagse (die viertägige Monsterwanderung in und um Nijmegen) noch nicht vorbei?“ Ich erklärte ihm, dass ich damit nix zu tun hatte, sondern den Pieterpad laufen würde. „Du hast einen ganz flotten Schritt drauf!“ Er wollte wissen, wo ich wohne und konnte sich eine Bemerkung zum desolaten Zustand des hiesigen Fußballvereines nicht verkneifen, was mich aber nicht weiter störte. Vielleicht habt ja schon mitgekriegt, dass ich es nicht so mit Fußball habe.

Spijk

In Elten musste ich mich zur Bushaltestelle durchfragen, da diese zwar „Markt“ heißt, aber gut in einer Seitenstraße versteckt ist, musste ich mich durchfragen. Dies tat ich erst mal auf Deutsch, erwischte aber zwei Niederländerinnen, mit denen ich mich noch gemütlich unterhielt, während wir auf den Bus warteten.

Markt Elten

Wegen meines immer noch vorhandenen Akzents fragen mich die Leute gelegentlich, ob ich aus Deutschland komme. Dies bejahe ich natürlich und füge meistens hinzu, dass ich auch Niederländisch spreche und das sie es sich aussuchen dürfen, in welcher Sprache sie sich unterhalten wollen. Manche reden dann lieber Niederländisch, andere freuen sich über die Gelegenheit, ein bisschen Deutsch zu üben.

Bei der Kläranlage Etten begegnete ich einem Paar, das ohne Wanderführer unterwegs war, da dieser gerade neu aufgelegt wird. Sie versuchen, die Route nur anhand der Wegweiser zu laufen – ein mutiges Unterfangen, das ich mir nicht zutraue. Es scheint auch bei ihnen nicht immer zu funktionieren, denn sie wollten von mir wissen, ob sie noch auf dem richtigen Weg waren. Mir passiert es auch gelegentlich, dass ich trotz Buch nicht mehr sicher bin, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin, und ich kenne daher das beruhigende Gefühl, wenn man auf Gegenverkehr trifft.

Interessantes

In der Nähe von Braamt führte der Weg zwischen den zwei kulinarisch klingenden Dörfern Vethuizen und Wijnbergen durch, aber leider gab es dort kein Café in der Nähe.

Ortsschild Vethuizen Ortsschild Wijnbergen

In Zelhem war die Hauptstraße mit Hexen dekoriert, die allerdings etwas merkwürdig auf ihren Besen saßen: Das Gestrüpp zeigte nach vorne. Bei Harry Potter machen sie das doch anders.  Der Wirt des Cafés, wo ich Mittagspause machte, konnte mir allerdings nicht sage, was das für eine Bedeutung hatte, und auch mir hilft Google nicht weiter: Es gibt zwar einige Geschichten über die weise Frau Smoks Hanne, aber warum sie so auf ihrem Besen sitzt, wird nicht erklärt. Vielleicht ist das in der Achterhoek ja normal?

Hexe in Zelhem

Kurz vor dem Wasserschloss Vorden kommt man am Pieterpad-Denkmal vorbei: Die Fußspuren von Toos Goorhuis-Tjasma und Bertje Jens, die den Weg praktisch „gegründet“ hatten, sind hier in Beton in den Weg eingelassen:

Pieterpad-Denkmal

Der erste Teil des Pieterpad endet in Vorden bei einem Wegweiser: St. Pietersberg 256 km, Bergen aan Zee 323 km, Enschede 61 km und Pieterburen 232 km. Hier kreuzt der Pieterpad den Trekvogelpad, den ich mir wohl als nächstes vornehmen werde. Aber erst mal kommt der zweite Teil. Hoffentlich kriege ich auch da noch etwas von der blühenden Heide mit.

Blühende Heide

 

 

Kategorien: 2015/16 - Pieterpad | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Sommer am Pieterpad

Vierlingsbeek – Leuth

Der Sommerurlaub ist inzwischen vorbei, und am Bericht wird gearbeitet. Aber letztes Wochenende war ich mal wieder wandern, diesmal allerdings nur zwei Tage. Da im Moment an verschiedenen Stellen die Gleise repariert werden, hatte ich zwischen Arnhem und Nijmegen Schienenersatzverkehr, aber die Bahn hatte das sehr gut im Griff. Man konnte nämlich zwischen einem Bus, der an jeder Milchkanne hält, und einem Direktbus wählen. Da ich letzteren genommen hatte, erreichte ich in Nijmegen sogar den planmäßigen Anschluss nach Vierlingsbeek.

Abstecher, Pausen und Übernachtung

Soweit wie möglich folgte ich der Route, wie sie im Buch steht. Zweimal machte ich allerdings einen kurzen Abstecher.

In Vierlingsbeek schaute ich mir kurz den jüdischen Friedhof an, der fast am Weg liegt. Da ich ja irgendwann mal Gästeführerin in unserer Synagoge werden möchte, interessiert mich so etwas natürlich. Die meisten Gräber sind schon älter, aber ziemlich nah an der Mauer gibt es eins von 2009.

Jüdischer Friedhof in Vierlingsbeek

Und nördlich von Groesbeek beim Duivelsbergh (Teufelsberg) latschte ich die Treppen hoch zu einem Aussichtspunkt, um dann fest zu stellen, dass man um die Plattform eine gut mannshohe Hecke gepflanzt hatte. Etwas seltsam sind sie manchmal schon, die Niederländer.

Aussichtspunkt mit Hecke - seltsam.

Natürlich luden unterwegs wieder zahlreiche Bänke zur Rast am Wege ein.

Bank am Weg mit Aussicht über Felder

Und am ersten Tag gönnte ich mir in einem Teegarten an der Route bei Afferden einen herrlichen Milchkaffee mit Obstkuchen. Das Paar, dem der Garten gehört, macht alle Speisen und Getränke selbst und gibt den Wanderern auch gute Tipps für unterwegs (geänderte Streckenführung, Sehenswürdigkeiten usw.).

Eingang zum Teegarten Teegarten - Pause

Auch der „Gegenverkehr“ machte hier Pause, und so hörte ich, dass noch ein paar wunderschöne Streckenabschnitte vor mir lagen, was sich auch bewahrheitete.

In Gennep war gerade „Summertime“, und auf dem Marktplatz spielte ein Folkduo, dem ich eine Weile zuhörte. Hach, Sommer ist was Schönes!

Gennep - Rathaus und Musikfest Summertime

Diesmal übernachtete ich in Milsbeek, wieder bei „Vrienden op de fiets“. Ich wurde von Titia und Theo, einem sehr netten Ehepaar in Empfang genommen und gleich mit Kaffee und Keksen bewirtet. Das Zimmer war auch klasse, ich schlief dort so gut, dass ich selbst den Lärm der Steinkäuze nicht mitbekam. Die 27 km dieses Tages hatten es auch in sich gehabt. Wenn es geht, frühstücken die beiden zusammen mit den Gästen, worüber ich mich sehr freute. Bei gepflegter Unterhaltung verging die Zeit wie im Flug, und ich kam mal wieder  später weg als ich vorhatte, aber der Tag war ja trotzdem noch lang.

Wald, Berg und Tal

Diesmal hatten es die beiden Tage in sich. Ein größerer Teil der Strecke führte durch die Gemeinde Berg en Dal, und diese Gegend macht ihrem Namen alle Ehre. Ständig ging es rauf und runter, und es machte richtig Spaß, da die Landschaft sehr abwechslungsreich ist.

Blumen am Wegrand See im Wald

Anders als bei meinen ersten Wanderungen auf dem Pieterpad hatte ich diesmal auch im Wald keine Probleme mit der Orientierung, auch wenn mich hin und wieder die beiden gekreuzten Streifen an den Bäumen davor bewahrten, einen falschen Weg einzuschlagen. Manchmal sind die Beschreibungen auch nicht ganz einfach: Bei dem Fünfsprung geradeaus – wie macht man das eigentlich? Aber alles funktionierte wunderbar, und die einzigen Extrakilometer waren die von der Route zu meinem Quartier.

Der Untergrund war gelegentlich etwas seltsam, so dass man gut aufpassen musste. Ein Wegstück ging über Sand mit Bauschutt und wurde von einem entgegenkommenden Wanderer mit Recht als einer der schlechtesten Wege der Niederlande bezeichnet. Zum Glück war das Stück nicht lang.

Schlechtester Weg der Niederlande

Hin und wieder, vor allem im Wald, war der Weg recht matschig. Wenn es länger am Stück regnet, ist dieser Abschnitt wohl kein reines Vergnügen.

Durch den Matsch

Aber die Landschaft, die ich durchquerte, machte es auf jeden Fall wieder wett.

Da gibt es z. B. das „Quin“ zwischen Afferden und Gennep, eine wunderschöne Heidelandschaft mit kleinen Seen.

Quin - Heidelandschaft mit Seen Quin - Heidelandschaft mit Seen

Außerdem führt der Weg ein Stück über die Siebenhügelroute, was eine Menge Aussicht mit sich bringt.

Alter Weg über die sieben Hügel

Genervt

Am Sonntagnachmittag hatte ich kurz vor Leuth, von wo aus ich heimfahren wollte, einen Durchhänger. Aus irgendwelchen Gründen ging mir einfach alles unglaublich auf den Senkel. Selbstverständlich musste es zu regnen anfangen, als nirgendwo eine Unterstellmöglichkeit in der Nähe war. Das deutsche Dorf Zyfflich, langgereckt an einer Straße ohne Abwechslung oder einem Zentrum, schien kein Ende zu nehmen. Wahrscheinlich wohnen hier auch haufenweise Niederländer, weil der Baugrund so billig ist, aber, mit Verlaub, hier möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen. An einem Haus hing ein Schild mit der Aufschrift „Hier wohnt ein FC-Bayern-Fan“. Klar, wollte ich immer schon wissen. Fußball ist gnadenlos überbewertet.

Zyfflich - endlos langes Dorf

Müssen die entgegenkommenden Radfahrer immer erst im letzten Moment ausweichen? Und mein Fuß tut auch weh, und natürlich ist gerade jetzt nirgendwo eine Bank zu sehen. Typisch. Wenn man allein wandert, muss man halt auch die eigene schlechte Laune aushalten.

Doch als ich in Leuth ankam und feststellte, dass der Bus in zehn Minuten kommen würde, ging es mir sofort wieder besser. Es war eben doch ein rundum gelungenes Wochenende. Knapp 50 km in zwei Tagen ist doch auch keine schlechte Leistung, oder? Und ich bin sogar ein Stück auf dem Jakobsweg gelaufen.

Jakobsweg

Kategorien: 2015/16 - Pieterpad | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

The Borders 2004 – Teil 5

Zurück nach Newcastle mit wenig „Coast,“ aber ein paar „Castles“

 Mit dem schönen Wetter der letzten Tage schien es wohl vorbei zu sein. Als wir am Morgen aufbrachen, war es zwar trocken, aber bewölkt. Wir hatten zwar beschlossen, nicht auf der „Coast & Castles Route“ weiter zu fahren, aber um vom Campingplatz weg zu kommen, mussten wir doch noch über Feldwege nach Beal. Unterwegs mussten wir eine „Private Railway Crossing“ überqueren. Dabei handelte es sich um einen Bahnübergang, der grundsätzlich geschlossen ist.   Auf einem Schild wird genau erklärt, dass man erst beide Gatter öffnen muss, dann schnell mit Sack und Pack über die Gleise, wobei man ständig in beiden Richtungen nach Zügen Ausschau halten muss. Danach müssen beide Gatter wieder geschlossen werden. Das Offenlassen derselben ist ein teurer Spaß, ein paar hundert Pfund Strafe sind schon drin, wenn man erwischt wird.

Bei Beal machten wir einen kurzen Abstecher zum Damm nach Lindisfarne, den man zwar nicht mehr überqueren konnte, aber so hätten wir die Insel wenigstens aus der Ferne gesehen – dachten wir. Da aber inzwischen ein sanfter Nieselregen oder „Drizzle“, wie die Briten das nennen, eingesetzt hatte, konnten wir sie bestenfalls noch erahnen.

coast

Während wir über gemütliche Landstraßen nach Alnwick fuhren, wurde der Regen immer stärker. Gut, dass die Etappe nicht so lang war und dass wir von der Küstenroute abgewichen waren. Bei gutem Wetter wäre der Blick über die Hügel sicher wunderbar gewesen, aber auch so bekam man einen Eindruck von der Schönheit dieser Gegend. Auch wurde meine Stimmung durch die Ortsnamen, die wir unterwegs entdeckten, etwas aufgehellt: Chillingham, Harehope, West Ditchburn und andere. Bill Bryson mit seiner Begeisterung für britische Ortsnamen hätte seine helle Freude an dieser Gegend gehabt.

In Eglingham machten wir in einem Pub Mittagspause. Dort versuchte ich, meine Schuhe und Socken unter dem Händetrockner ansatzweise trocken zu blasen. Wie Peter trockene Socken anziehen wollte ich nicht, da die wohl sowieso gleich wieder nass geworden wären, und dann bleiben auf die Dauer nicht mehr viele übrig.

In Alnwick fuhren wir am Schloss vorbei in das nette, aber sehr volle  Stadtzentrum, und Peter erkundigte sich  bei der Tourist Information nach dem Campingplatz. Ein weiser Entschluss, denn einfach so hätten wir ihn nie gefunden, da er sich auf dem hinteren Feld des Rugbyclubs befindet. Als wir dort ankamen, standen eine Menge Wohnwagen, Busse und Lastwagen auf dem Parkplatz und das Clubhaus war verwaist. Was nun? Nachdem wir zweimal das Gebäude umrundet hatten, kam ein junger Mann aus einem der Wohnwagen und erklärte uns, dass wir bis ans Ende der Wiese gehen sollten und dort unser Zelt aufstellen konnten. Anmelden sollten wir uns später in der Bar. Die ganzen Fahrzeuge auf dem Parkplatz waren von einer Fernsehcrew, die hier „some television drama“ filmten.

Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und wir machten uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Nicht weit vom Rugbyclub entfernt ist der alte Bahnhof, in dem sich jetzt „Barter Books“ befindet, einer der größten Second-Hand-Buchläden Großbritanniens, in dem auch Modelleisenbahnfans auf ihre Kosten kommen, da im vorderen Teil eine solche über den Regalen ihre Runden dreht. Die Autoren, nach denen ich suchte (unter anderem Bill Bryson, Tony Hawks und natürlich Phil Rickman) waren leider entweder gar nicht oder nur mit Büchern, die ich schon habe, vertreten, aber ich hätte trotzdem stundenlang wühlen können.

Nachdem ich doch noch fündig geworden war, gingen wir zum Schloss, um dort festzustellen, dass wir zu spät dran waren. Angesichts der £ 9,50 Eintritt waren wir darüber aber nicht besonders unglücklich, obwohl dort Teile von „Harry Potter“ und „Robin Hood, Prince of Thieves“ gefilmt worden waren. Immerhin konnten wir von außen doch noch ein paar Blicke auf das Gebäude erhaschen.

alnwickcastle alnwickcastle2

Den inzwischen sonnigen Rest des Tages verbrachten wir auf dem Campingplatz, wo meine Schuhe und Socken friedlich vor sich hin trockneten,  und in der Bar des Rugbyclubs, wo wir leider nicht fürs Fernsehen entdeckt wurden.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, und wir machten uns auf den Weg nach Ashington, dem letzten Campingplatz vor Newcastle. Unterwegs kamen wir an „Mowick’s Ice Cream Parlour“ vorbei. Diese Eisdiele, die zu einem Bauernhof gehört und, wie eine Plakette stolz verkündete, mit EU-Subventionen errichtet worden war, befindet sich praktisch „in the middle of nowhere“. Trotzdem ging es schon eine Viertelstunde nachdem sie geöffnet hatten, zu wie am Stachus. Das liebevoll zubereitete Eis ist aber auch ausgezeichnet.

Dann kamen wir mal wieder an einem Schloss vorbei, nämlich Warkworth Castle, das eindrucksvoll auf einem Hügel thront.

castle

In Acklington suchten wir ein Schild nach Chevington, aber das einzige, das in südliche Richtung wies, trug die Aufschrift  „HM (Her Majesty’s) Prison“. Dies klang nach einer Einbahnstraße, und so machten wir unfreiwillig einen Umweg, an dessen Ende wir bei eben diesem Gefängnis landeten und feststellten, dass der Weg doch der richtige gewesen wäre.

In Ashington wurden wir gleich um die Stadt herum zum Campingplatz dirigiert, der gesteckt voll war, da viele Familien das lange Wochenende ausgenützt hatten. Entsprechend ging es dort rund. Eine Familie hatte ein „Mini Quad“ oder wie das heißt, mitgebracht, so eine Art motorisierter Rasenmäher, aber zum Glück ohne Schneidwerk, mit dem die Kids fröhlich ihre Runden drehten.  Das konnte ja heiter werden.

So schlimm, wie wir befürchtet hatten, wurde es jedoch nicht. Überhaupt waren bisher alle Campingplätze sehr schön und aufgrund der Jahreszeit noch nicht allzu voll gewesen, und bei den meisten Besuchern hatte es sich um ältere englische Paare gehandelt. Eines davon hatte sich als „birdwatchers“ vorgestellt. Peter meinte dazu: „Die sagen das, als ob es sich  um eine Gruppe Auserwählter handelt. Und warum eigentlich ‚birds‘? Niemand sagt doch ‚We are hedgehog watchers‘, oder?“

Als wir ins Stadtzentrum fuhren, mussten wir erst durch einen dieser endlosen Vororte mit unzähligen „Drives“, „Courts“ und „Closes“, deren Häuser alle irgendwie gleich aussahen. Am Anfang der Fußgängerzone stand auf einer Plakette: „Ashington – the biggest former mining village in the world“. Aha. Bill Bryson schreibt in seinen „Notes from a Small Island“ über die Stadt: „Ashington was nothing like I expected it to be. In the photographs from David’s book it appeared to be a straggly, overgrown village, surrounded by filthy waste heaps and layered with smoke from three local pits, a place of muddy lanes hunched under a perpetual wash of sooty drizzle, but what I found instead was a modern, busy community swimming in clean, clear air.“ Unter der Woche mag das stimmen, aber an einem regnerischen Sonntagnachmittag ist wohl jede englische Kleinstadt deprimierend.  Wir suchten Schutz auf einer überdachten Bank, und als der Regen nachließ, sahen wir uns kurz im Zentrum um, in dem wir allerdings nichts interessantes entdeckten. Dann mussten wir unseren Weg durch die endlose Vorstadt zum Campingplatz zurück finden. Ich hätte das wohl im Leben nicht hingekriegt, aber Peter schaffte es! Wozu so ein Geographiestudium doch gut ist.

Die letzten 20 Kilometer nach Newcastle waren kein Problem, der Verkehr hielt sich aufgrund des Feiertags in Grenzen und mit der Beschilderung funktionierte auch alles bestens, bis auf das letzte Stück natürlich. So landeten wir erst zu weit östlich und sahen bereits die Tynemouth Priory vor uns, aber dann fanden wir den Fährhafen doch. Da wir noch Zeit hatten, erkundeten wir die Royal Quay Shopping Mall, wo ich diesmal keinen Pullover, sondern ein Paar Schuhe kaufte.

Dann setzten wir uns am Hafen in die Sonne und beobachteten die Leute, die nach und nach eintrudelten. Besonders auffällig war ein Paar aus Oldenburg, das einen MG Cabrio fuhr. Die beiden waren anscheinend zum Erwerb eines weiteren Fahrzeugs in Großbritannien gewesen, denn ein Lkw brachte einen weiteren, sehr eleganten MG zum Terminal, wo die beiden ihn in Empfang nahmen.

Nach einer Weile konnten wir einchecken, und die Fahrzeugschlange bewegte sich langsam Richtung Schiff. Doch plötzlich blieb der neue MG stehen und verweigerte jeden weiteren Dienst. Ein paar Motorradfahrer aus dem Achterhoek probierten es mit Anschieben, aber ohne Erfolg. Der Fahrer stieg aus, während seine Freundin mit ihrem Wagen am Rand wartete, ging zu einem anderen Auto weiter hinten in der Schlange und kam dann mit einem Benzinkanister wieder zurück. Da kauft man ein Auto für was weiß ich wieviel tausend Euro, und dann ist das Teil noch nicht mal vollgetankt. Unter Applaus der anderen Wartenden rollten die beiden dann auf das Schiff.

Der erste Teil der Rückfahrt verlief ähnlich wie die Hinfahrt: Abendessen, Showprogramm und dergleichen. Auf die Tabletten verzichteten wir diesmal und tranken stattdessen ein paar Bierchen, was auch bestens funktionierte. Dann gingen wir schlafen.

Nachts gegen drei Uhr wurden wir von einem fürchterlichen Lärm geweckt: Ein wahrlich nicht mehr nüchterner Engländer versuchte, zuerst erfolglos, seine Kabinentür aufzubekommen. Als er es endlich geschafft hatte, wollte ich mich umdrehen und weiter schlafen, da ertönte plötzlich laute Musik. Das ging mir doch etwas weit, und so tappte ich in den Gang, um den Urheber des Lärms darauf aufmerksam zu machen, dass man das vier Kabinen weiter noch hören konnte. Er war ziemlich leicht zu finden, da seine Tür noch sperrangelweit offen war. Kein Wunder, wie Peter später meinte, schließlich hatte er sich so viel Mühe gegeben, sie auf zu bekommen. Auf meine Bitte, seinen Discman, den er an einen Laptop angeschlossen hatte, etwas leiser zu drehen, glotzte er mich ziemlich indigniert an und fragte, wieso zum Teufel, ob ich denn etwa schlafen wolle. Ist das so ein abwegiges Anliegen, nachts um drei? Einer der Sicherheitskräfte, der dazu kam, brachte ihn dann dazu, die Musik leise zu drehen, und wir konnten weiter schlafen.

Am nächsten Morgen ging es uns auch ohne Tabletten bestens. Pünktlich kamen wir in IJmuiden an und radelten, über gepflegte Radwege auf der rechten Seite, nach Driehuis, wo wir den Zug gerade noch erwischten. In Amsterdam entdeckten wir diesmal die Rolltreppe, was die Operation doch etwas vereinfachte und erreichten problemlos den Intercity nach Enschede.

Und dann waren wir, nach zwölf erlebnisreichen Tagen, wieder zu Hause. Wir kamen zu dem Schluss, dass die Monate Mai und Juni eine gute Zeit sind, um Großbritannien zu besuchen, da die Chancen auf schönes Wetter schon recht gut sind. Außerdem sind dann  noch nicht so viele Leute unterwegs, und auf den Campingplätzen trifft man vor allem Briten.

Der nächste Britannien-Urlaub kommt bestimmt, denn dort gibt es noch so viel zu entdecken und, im wahrsten Sinne des Wortes, zu erfahren.

Kategorien: 2004 - Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

The Borders 2004 – Teil 4

Durch East Lothian nach Berwick-on-Tweed

 Für die Etappe von Edinburgh nach Dunbar hatten wir eigentlich den „Coastal Trail“ ins Auge gefasst, der im Prospekt folgendermaßen beschrieben wird: „Weaving through a panorama of breathtaking shoreline and unspoilt coutryside, the Coastal Trail reveals attractive seaside towns, fine castles and some of the world’s greatest golf links.“ Allerdings hatten wir beim Studium der Unterlagen zu Edinburgh eine Whiskybrennerei entdeckt, deren Besichtigung nicht in das Programm der letzten zwei  Tage integriert werden konnte, da sie zu weit außerhalb lag. Und so wurde es dann eine andere Strecke: „Hugging the lower slopes of the Lammermuir Hills, the Hillfoots Trail takes you through a romantic landscape of outstanding scenery interrupted only by the handful of pristine villages that make perfect stopping-off points.“  Man ist ja flexibel.

Die Glenkinchie-Destillery liegt zwar „in the middle of nowhere“, ist aber ab Pencaitland recht gut ausgeschildert. Die Brennerei ist klein und überschaubar, und unsere Gruppe bei der Führung war es auch: vier Leute. Wir wurden durch die verschiedenen Räume an unterschiedlichen Kesseln vorbei geführt und bekamen die Herstellung, Lagerung und alles, was damit zusammenhängt, genau erläutert.

glenkinchie2 glenkinchie3

Am Schluss durften wir natürlich auch das Endprodukt probieren, das auch Peter, der mit Whisky nicht viel am Hut hat, recht gut schmeckte.

glenkinchie

Die Einladung, noch andere Marken zu testen, schlugen wir allerdings aus, da wir dann wohl besser gleich das Zelt im Vorgarten aufgebaut hätten.

Weiter ging es durch winzige und idyllische Dörfer nach Dunbar. Dort besichtigten wir die Ruinen der Burg direkt am Hafen und das „John Muir House“. Dieser John Muir war uns zwischen Edinburgh und Dunbar ständig begegnet, in Form von Wanderwegen und einem Naturgebiet, die nach ihm benannt waren, also nutzten wir die Gelegenheit, herauszufinden, wer der Herr eigentlich war. Er wurde 1838 in Dunbar geboren und emigrierte in die USA, wo er sich für den Erhalt der Natur und für die Nationalparks einsetzte. Wieder was gelernt.

dunbar dunbar2

Dann versuchten wir, herauszufinden, wie man am besten nach Berwick-on-Tweed weiterfahren kann. Unser Radführer schlug uns eine Strecke vor, die „in Ermangelung sinnvoller Alternativen fast ausschließlich Hauptstraßen benutzt.“  Aber vielleicht hatten sie ja bei der Tourist Information eine bessere Idee. Nun ja, der Herr nahm sich die Karte der Umgebung vor und kam mit einigen Vorschlägen, von denen aber einer absurder als der andere war. Wir warteten nur noch darauf, dass er uns nach Edinburgh zurückschicken wollte. Also mussten wir wohl in den sauren Apfel beißen.

Am Abend wollten wir uns in einem Pub in der Nähe des Campingplatzes etwas zu essen gönnen. Es sollte der kurioseste Pub-Besuch unserer Reise werden. Peter bestellte erst zwei Pints des lokalen Biers „Belhaven Best“. Da sie zwei Zapfhähne hatten, wollte er natürlich den Unterschied wissen, und die Dame an der Bar erklärte ihm, dass aus dem einen Hahn die extra gut gekühlte Variante kam, „for Americans“, wie einer der Gäste meinte. Allerdings kamen beide aus demselben Faß, also war uns nicht so ganz klar, wie sie das mit der extra Kühlung bewerkstelligen wollten. Und siehe da, trotz sorgfältigen Probierens konnten wir keinen Unterschied feststellen.

Inzwischen hatten wir auch unser Essen gewählt, und ich begab mich zur Bar, um die Bestellung aufzugeben. Doch ich kam nicht weit, da die Dame erst nachschauen musste, ob an diesem Abend überhaupt Mahlzeiten serviert werden konnten. Sie begab sich in eine Ecke der Bar und verrichtete irgendwelche Handlungen, deren Art mir verborgen blieb. Ich hörte nur gelegentlich ein Schnarren und Klingeln. Schließlich kam sie wieder zurück und erklärte: „The chef hasn’t come back yet. She might come in later.“ Alle Versuche meinerseits, dieses „later“ etwas einzugrenzen, waren zum Scheitern verurteilt. Entweder kam die Köchin später oder eben nicht. Also warteten wir noch eine Weile. In der Zwischenzeit kam die neue Schicht für die Bar, aber keine Köchin. Nach einer knappen Stunde kamen wir zu dem Schluss, dass es wohl nichts mehr werden würde. Auf meine Nachfrage, was denn nun los sei, meinte der Junge nur: „The chef just hasn’t come back.“

Also gingen wir zum Campingplatz zurück und brutzelten uns etwas aus unseren Notvorräten zusammen. Danach statteten wir dem Strand einen Besuch ab und ließen uns kräftig durchblasen.

Der nächste Tag war einer dieser Tage, an denen alles Mögliche schiefgeht. Erst begaben wir uns über die oben erwähnten Hauptstraßen in Richtung Berwick-on-Tweed. Zwischendurch gab es zwar einmal ein paar Schilder mit einer Alternativstrecke für Radfahrer, die dann aber doch wieder auf der A1 endete. Dies erinnerte mich an die Internet-Seite „50 Antworten auf die Frage ‚Warum fahren Radfahrer oft nicht auf dem Radweg?'“ Für Großbritannien sind wohl folgende fünf Antworten am zutreffendsten:

Weil der Radweg hundert Meter weiter plötzlich aufhört, ohne erkennbare Möglichkeit zur Weiterfahrt.
Weil sie bislang noch keine Stelle gefunden haben, wo der Bordstein genügend abgesenkt war, um gefahrlos aufzufahren.
Weil man gerade keinen Besen dabei hat, um die seit letzter Woche auf dem Radweg liegende zerbrochene Flasche wegzukehren.
Weil sie ein empfindliches Transportgut in der Packtasche mitführen, dem sie das Gerüttel durch die Schlaglöcher, Frostaufbrüche und durch Baumwurzeln verursachten Bodenwellen nicht zumuten können und deswegen auf dem glatten, gepflegten Asphalt der Straße fahren.
Welcher Radweg?

Zumindest haben die größeren Hauptstraßen einen ausreichend breiten Seitenstreifen, aber Spaß macht es trotzdem nicht. Immerhin sind die Autos in den letzten Jahren erheblich besser geworden, was den Abgasausstoß angeht.

Bei Cocksburnpath verließen wir die A1, um zumindest vorübergehend etwas weniger Verkehr zu haben. Erst ging es eine Nebenstraße an der Küste entlang an einem Wohnwagenpark vorbei. Die Straße war ziemlich schmal, führte über recht steile Hügel, und  im Tal mussten wir durch eine Art Wasserloch, das aber zum Glück nicht zu tief war. Ich hatte schon befürchtet, bis zur  Hüfte ins Wasser zu müssen.

Doch als ich mich mühsam schiebenderweise den nächsten Hügel hinaufgearbeitet hatte und an einer Kreuzung stand, war Peter, der wohl zu faul zum Schieben und deshalb schneller war,  plötzlich verschwunden. Sacklzement, hätte er nicht warten können?  Welchen der beiden Wege hatte er nun genommen? Ich entschied mich dafür, den rechten Weg bergauf  auszuprobieren und brüllte dazu aus vollem Hals seinen Namen. Darauf kam er hinter dem Gebüsch nach der nächsten Kurve hervor. Man kann sich vorstellen, dass ich nicht allzu amüsiert war. Er meinte zwar, dass es doch sonnenklar war, dass der linke Weg ein Privatweg ist. Sicher, aber das schließt nicht aus, dass er nicht doch aus irgendwelchen Gründen dort unterwegs ist. Ich bat ihn, in Zukunft immer, wenn es mehr als eine Möglichkeit gibt, in Sichtweite zu warten.

Bei der Weiterfahrt gab es einen weiteren Punkt, der uns Sorgen bereitete: Waren wir noch auf dem richtigen Weg? Die Gegend war dermaßen verlassen, dass es keinerlei Anhaltspunkte gab, wo wir uns befanden. Die wenigen Schilder, die wir sahen, trugen die Namen von Gehöften, die so klein waren, dass sie nicht auf der Karte vermerkt waren. Laut Peters Kompass fuhren wir zwar in die richtige Richtung, aber das beruhigte mich nicht wirklich. Endlich sahen wir zu meiner Erleichterung ein Schild nach Coldingham. Dort besuchten wir unser letztes schottisches Pub.

Danach ging es über Eyemouth und Burnmouth wieder auf die A1 nach Berwick. Dort gingen wir erst einkaufen, danach suchten wir nach Schildern der National Cycle Route 1, auch bekannt als „Coast & Castles Route“, die uns zu unserem Campingplatz bei Goswick bringen sollte. Im „Lonely-Planet“-Radführer stand etwas von „flat, coastal terrain“, was recht gut klang. Zwar war die Rede von „bumpy bridleways“, aber dass der Untergrund zu großen Teilen aus scharfkantigen Steinen bestand, an denen man sich in kürzester Zeit die Reifen kaputtfährt, wurde nicht mitgeteilt. Und kurz hinter Berwick war es dann auch soweit: Ich hatte einen Platten. Der Schaden hielt sich zwar in Grenzen und war recht schnell zu beheben, aber wir beschlossen doch, die „Coast & Castles Route“ aus dem Programm zu nehmen, da wir davon ausgingen, dass die Beschaffenheit des Weges sich nicht erheblich bessern würde.

Doch erst einmal mussten wir den Campingplatz finden. Nach längerem Geholper und mehrfachem Überqueren der Bahnlinie kamen wir in ein Dorf, in dem wir ein Schild fanden. Doch der Campingplatz kam einfach nicht. Bei einem Golfplatz fragte ich dann, ob wir noch auf dem richtigen Weg waren. Zum Glück mussten wir nur noch anderthalb Meilen weiter. Endlich erreichten wir den Zeltplatz, der sich auf einem Reiterhof befand. Wir hatten also grasende Pferde, Schafe und Kühe um uns herum als Nachbarn, zum Glück mit einem Zaun dazwischen.

Für den nächsten Tag standen Berwick-on-Tweed und Lindisfarne, auch „Holy Island“ genannt, auf dem Programm. Da auf einem Zettel an der Rezeption angegeben war, dass es aufgrund der Gezeiten an diesem Tag zwischen 12 und 21 Uhr möglich sei, den Damm zur Insel zu überqueren, fuhren wir erst nach Berwick, der nördlichsten Stadt Englands.

 berwick3

Als erstes kauften wir dort in einem Fahrradladen einen Ersatzschlauch für den Fall, dass der geflickte doch noch den Geist aufgeben sollte. Dann erkundeten wir die Stadt. Aufgrund ihrer Lage hat sie eine bewegte Geschichte, da sie von Engländern und Schotten hart umkämpft wurde. Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert wechselte sie 13 Mal den Besitzer. Im 16. Jahrhundert wurden umfangreiche Festungsanlagen errichtet, die zu einem großen Teil noch erhalten sind. Die Stadtmauer, auf der man um das Zentrum spazieren kann, stammt aus dem 13. Jahrhundert.

berwick2 berwick

Gegen Mittag speisten wir im Fischrestaurant „Rob Roy“ in der Dock Road am Hafen, ein Tipp, den wir dankenswerterweise von Glufamichel bekommen haben, und den ich hiermit weitergebe. Das Essen dort ist wirklich ausgezeichnet.

Danach machten wir uns auf den Weg Richtung Lindisfarne. Es sollte jedoch anders kommen, da sich der Himmel immer mehr eintrübte und ein starker Wind aufkam. Als wir kurz vor dem Campingplatz waren, beschlossen wir, erst mal eine Pause zu machen, und kaum waren wir dort, begann es zu regnen, so dass unser Ausflug zur „Wiege des Christentums“ buchstäblich ins Wasser fiel. Ihn auf den nächsten Tag zu verschieben, war aufgrund der „safe crossing times“ ebenfalls nicht möglich, denn dann hätten wir vor halb zehn auf der Insel sein müssen und wären dort bis zum frühen Nachmittag nicht mehr weggekommen.

Kategorien: 2004 - Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

The Borders 2004 – Teil 3

Edinburgh

In den nächsten zwei Tagen besichtigten wir verschiedene Museen und Ausstellungen und fuhren mit dem Bus kreuz und quer durch die Stadt. Auf diese Weise erfuhren wir eine Menge über die Geschichte Schottlands und seiner Hauptstadt.

 Auf dem Campingplatz wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Busse in Edinburgh und Umgebung eine Tageskarte für zwei Pfund gibt, den sogenannten „Day Saver“. So beschlossen wir, nicht mit dem Rad in die Stadt zu fahren, was sich als weise Entscheidung herausstellen sollte. Wie in allen Großstädten gibt es nämlich auch hier recht viel Verkehr, und die Regeln erschlossen sich uns, wenn überhaupt, nur bedingt. Ich hatte meistens den Eindruck, dass jeder in der Gegend herum fährt, latscht oder steht, wie er lustig ist. Vom oberen Deck des Doppeldecker-Busses sahen wir des Öfteren haarsträubende Szenarios, wenn die Busfahrer im Slalom zwischen parkenden Autos und anderen Hindernissen hindurch fuhren. Wie sie es schafften, nirgendwo dagegen zu schrammen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Wenn man Edinburgh zu Fuß erkunden möchte, braucht man eine recht gute Kondition, denn die Stadt ist auf sieben vulkanischen Hügeln erbaut, so dass es ständig bergauf und bergab geht. Die Einheimischen machen das wie nix, aber wir als Flachlandtiroler gerieten auf den langen, steilen Treppen der „Closes“ doch gelegentlich aus der Puste.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zu den Straßen und Gebäuden der Stadt: Es gibt die „Streets“, also die größeren Straßen, die durch die „Closes“ miteinander verbunden sind. Diese sind oft steil und von Treppen versehen und dienen als Abkürzungen. Die Gebäude selbst wurden früher „Lands“ genannt, was in manchen Namen noch zu sehen ist, z. B. in „Gladstone’s Land“ oder „Websters Land“. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Häuser recht hoch gebaut, da Platz schon damals knapp war. Die ärmsten Bewohner der Häuser wohnten ganz oben und ganz unten, und die wohlhabenderen Leute in den mittleren Stockwerken zogen es außerdem vor, nach hinten hinaus zu wohnen, da die Straßen vor den Häusern sehr schmutzig waren. Kein Wunder, schließlich war es üblich, den Eimer, den man zur Verrichtung seiner Notdurft verwendete, mit dem Ruf „Gardyloo!“ (vom französischen „Gardez l’eau!“ – „Vorsicht, Wasser!“) einfach aus dem Fenster zu kippen.

Dies und noch vieles mehr erfuhren wir bei unseren Streifzügen durch die Stadt, den Besuchen des Stadtmuseums und des „People’s Museum“ und bei der Führung durch „Mary King’s Close„, die weiter unten noch ausführlich beschrieben wird.

Auf eine Besichtigung der Burg verzichteten wir, da es im Radführer hieß: „Unter den historischen Gebäuden der Stadt ist das meistbesuchte und zugleich uninteressanteste: die Burg, die architektonisch nichtssagend und zudem mit militärischen Exponaten gefüllt ist.“ Wir beschränkten uns also auf den Burghof und die Aussicht.

Dafür besichtigten wir neben den bereits erwähnten Dingen noch St. Giles Cathedral und die „Tartan Weaving Mill & Exhibition“, eine Weberei, in der man sehen kann, wie die Stoffe für Kilts hergestellt werden. Dort gibt es auch eine Ausstellung über die Geschichte und Entwicklung der „Highland Dresses“. Außerdem fuhren wir auch in das Hafengebiet von  Newhaven und Leith, wo es furchtbar windig war.

Wie überall hat auch in Edinburgh der öffentliche Nahverkehr seine Tücken. Als wir am Abend zurück zum Campingplatz wollten, waren  wir am Levenham Roundabout, ein paar Haltestellen vor unserer, die letzten Fahrgäste im Bus. Dort wurden wir gebeten, den Bus zu verlassen, da dies die Endstation sei. Der Bus würde um den Kreisverkehr herum und dann wieder zurück fahren. Wir stiegen aus und gingen eine Haltestelle weiter. Dort stellten wir fest, dass der nächste Bus in ein paar Minuten kommen sollte, also warteten wir. Als er dann kam, trauten wir unseren Augen nicht! Es war nämlich derselbe Bus, den wir verlassen mussten, mit demselben Fahrer und zum Teil denselben Fahrgästen, die allerdings vor uns ausgestiegen waren. Das sehr junge Paar mit dem kleinen Kind nebst Mc-Donalds-Luftballon hatte sich mir nämlich eingeprägt. Was wir falsch gemacht hatten, oder welches geheimnisvolle Prinzip dieser Begebenheit zugrunde lag, werden wir wohl nie erfahren.

Einmal wurden wir auch des „queue-jumping“ bezichtigt. Selbstverständlich ist uns bekannt, dass man sich an Haltestellen ordentlich anstellt und nicht vordrängelt, aber man möge uns zugute halten, dass unser ungeübtes Auge das ungeordnete Häuflein nicht als Reihe wahrgenommen hatte. Nett fanden wir übrigens die Schilder über den Türen: „You should not get off the bus between two stops. Doing so is both dangerous and illegal.“ Das klingt doch viel schöner als „Aussteigen zwischen den Haltestellen verboten“.

Am nächsten Morgen ging es mir nicht gerade gut. Ob das am chinesischen Essen vom Vorabend lag oder am Cider, den wir von unseren Nachbarn geschenkt bekommen hatten, weiß ich nicht. Auf jeden Fall verbrachte ich einen größeren Teil  der ersten Hälfte des Vormittags auf der Keramik. Gut, dass wir uns ein relativ ruhiges Programm vorgenommen hatten.

Wir begannen mit dem Besuch des Prestongrange Museum, das sich in direkter Nachbarschaft des Campingplatzes befindet. Unser Radführer beschreibt es als „…ungewöhnliches Museum, das den Ursprung der Stadtgeschichte betrifft: Prestonpans ist eine frühindustrielle Stadtgründung, die sich auf Kohle- und Salzförderung stützte. Als Zentrum des Museums ist ein Förderturm (bzw. ein Steingebäude mit Fördereinrichtungen) restauriert worden.“ Wir wurden von einem netten Herrn durch die Anlagen geführt und konnten den Turm mit seiner riesigen Pumpe sowie den Brennofen für Backsteine auch von innen bewundern. Außerdem machte unser Führer uns auch auf die Stellen aufmerksam, an denen sich früher ebenfalls Gebäude befunden hatten, und auf den Hafen, der wieder ausgegraben werden sollte.

Da sich der Zustand meiner Eingeweide inzwischen wieder normalisiert hatte, wagten wir die halbstündige Busfahrt in die Stadt. Dort investierten wir sieben Pfund pro Person für eine Führung durch Mary King’s Close, und das war es auch wirklich wert. Diese „Close“ befand sich dort, wo jetzt die „City Chambers“ sind, die am Ende des 19. Jahrhunderts auf den Fundamenten und Wänden der alten Gebäude errichtet wurden, die praktisch „geköpft“ wurden. Aufgrund der Hanglage sind jedoch Teile der alten „Close“ noch erhalten. Diese wurden restauriert und hergerichtet, so dass man einen Eindruck des Lebens verschiedener Familien zwischen dem 16. und 19. Jahrhunderts erhält.

Der Prospekt kündigte an, dass wir von einer der Figuren, die früher dort gelebt hatten, durch die Gebäude geführt werden sollten. Unser „guide“ war Walter King, ein „foulis cleaner“, dessen Aufgabe es war, die Wohnungen der Pestopfer zu reinigen. Wir wurden durch die verschiedenen Räume geleitet, die nur sehr dürftig beleuchtet waren, und unser Führer erzählte uns von den Lebensumständen damals, der Pest und den Gespenstern, die immer noch durch die „Close“ irren. Da er wunderbar anschaulich erzählte, konnten wir uns da unten gepflegt gruseln, und bei der Beschreibung der Pestsymptome wurde mir ganz anders. Es war wirklich eine gelungene Führung.

Dann besuchten wir noch das „Writers‘ Museum“ in einem wunderschönen alten Gebäude, dass sich vor allem mit Sir Walter Scott, Robert Burns und Robert Louis Stevenson befasst.

Außerdem bummelten wir durch die verschiedenen Geschäfte und beobachteten ein paar Maurer, die hoch oben auf den Burgberg ein Gerüst für Reparaturen an der Burgmauer errichteten. Die Leute sind wirklich schwindelfrei.

Natürlich gibt es in Edinburgh und Umgebung noch viel mehr, aber man muss immer eine Auswahl treffen, und wir hatte eine Menge Dinge dieser faszinierenden Stadt gesehen.

Kategorien: 2004 - Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

The Borders 2004 – Teil 2

Lang und hüglig ist der Weg nach Edinburgh

 Nachdem wir von Bord gegangen waren, konnte es losgehen. Allerdings kamen wir nicht besonders weit, da Peters Fahrradschloss am Reifen scheuerte und abgeschraubt werden musste. Zum Ausgleich fanden wir jedoch sofort die ersten Schilder des C2C-Radwegs, der uns durch Newcastle bringen sollte. Dieser Radweg war zwar, wie angekündigt, über weite Strecken „traffic-free“, aber auch sehr abenteuerlich. Er führte hinter ziemlich trostlos wirkenden Industriegebieten vorbei mal mehr, mal weniger dicht am Tyne-Ufer entlang über Feld- und Schotterwege, die teilweise auch noch mit Glasscherben garniert und von Zäunen und Gattern unterbrochen waren. Aber immerhin kamen wir so durch die Stadt und schafften es sogar rechtzeitig, die Strecke zu verlassen und auf unsere geplante Route nach Bellingham zu kommen.

Inzwischen hatte es auch zu regnen begonnen, und gelegentliche Schauer sollten uns den ganzen Weg begleiten. Die Strecke führte uns erst am Hadrian’s Wall entlang. Man muss jedoch ziemlich genau hinschauen, um die Reste dieser ehemaligen Grenzbefestigung zu entdecken. In Heddon-on-the-Wall hätte man noch römische Überreste besichtigen können, aber angesichts des Wetters und der Strecke, die noch vor uns lag, verzichteten wir darauf, diese zu suchen.  Wie erwartet war es recht hüglig, und zu allem Überfluss bekam ich auch noch einen Krampf im Oberschenkel, der sich aber zum Glück schnell wieder legte.

Am späten Nachmittag erreichten wir den Campingplatz am Ortseingang von Bellingham. Zusammen mit einem Schwall Regenwasser schwappten wir in die Rezeption, wo man uns fragte, was mit dem Wetter passiert sei, immerhin war doch Sonnenschein angekündigt. Na ja, ein paar Sonnenstrahlen hatten wir unterwegs ja gesehen, man durfte also nicht klagen.

Bellingham selbst ist ein nettes Dorf, das eine ideale Kulisse für einen im Norden Englands angesiedelten Spin-Off der Krimiserie „Midsomer Murders“ abgeben würde. Diese Serie spielt in idyllischen Dörfern, in denen es hinter den Kulissen ganz schön brodelt. Da Barnabys Assistent Troy nach Nordengland versetzt wurde, könnte Bellingham in seinen Zuständigkeitsbereich fallen.

Wie wir hier und auch auf anderen Campingplätzen feststellten, haben es die Briten immer noch nicht so mit Mischbatterien, sie halten an ihren getrennten Hähnen für heißes und kaltes Wasser fest. Heinz Ohff beschreibt dieses Phänomen in seiner „Gebrauchsanweisung für England“ folgendermaßen: „Mischbatterien finden sich selbst in Luxushotels selten. Wenn man sich nicht entweder die Hände verbrühen oder eiskalt waschen will – zudem sind Warm- und Kaltwasserhahn meist so dicht am Beckenrand ange-bracht, dass es unmöglich ist, die Hände darunter zu halten -, muss man den Stöpsel in den Abfluss des Beckens stecken und die gewünschte Wassertemperatur durch den gleichzeitigen oder wechselseitigen Gebrauch beider Hähne herstellen. Beim Waschbecken bedeutet diese Unvollkommenheit natürlich nur eine mäßige Unbequemlichkeit. Schlimmer gestaltet sich das Duschen, denn das heiße und das kalte Wasser vermischen sich erst im Duschkopf, beziehungsweise: es mischt sich nur unvollkommen. Entweder man genießt ein wahres Wechselbad à la Sebastian Kneipp: mal heiß, dann wieder eher kalt, was stets unvorbereitet und in so jähen Übergängen geschieht, dass man nicht mehr ausweichen kann: oder mitten im eiskalten Wasserstrahl befindet sich ein brühheißer (natürlich auch umgekehrt möglich).“  Diese kleinen Unannehmlichkeiten nimmt man aber gerne in Kauf, irgendwie gehört das dazu.

Die Nacht war etwas kühl, und ich war froh, dass ich meinen wärmsten Schlafanzug sowie ein paar dicke, von meiner Oma gestrickte Socken dabei hatte. Am nächsten Morgen schien jedoch die Sonne, und das sollte auch die nächsten paar Tage so bleiben. Wir machten uns auf den Weg nach Norden „durch die schönsten Teile der englisch-schottischen Grenzregion zu den historischen Stätten des Tweed-Tales“, wie es im Reiseführer hieß. Die Etappe führte uns erst durch den Kielder Forest am Kielder Water, einem der größten Stauseen Großbritanniens entlang, und wir bekamen einen Vorgeschmack auf die Hügel dieser Gegend.

Auf dem Weg sahen wir ein Reh, einen Fasan und natürlich jede Menge Schafe und Lämmer.

Außerdem waren recht viele große Lastwagen, die Holz transportierten, unterwegs. Bei einem Gehöft mit dem nicht allzu vielversprechend klingenden Namen Deadwater passierten wir die Grenze und waren in Schottland. Diese Fotos hat wohl jeder, der an dieser Stelle war:

Richtig anstrengend wurde es dann auf dem Stück zwischen Saughtree und Bonchester Bridge. Im Führer las es sich noch recht harmlos: „Auf dieser Straße überqueren Sie die bewaldeten Hügel des Wauchhope Forest“, und auf der Karte sah es auch nicht besonders dramatisch aus. Allerdings sind die Hügel hier sehr langgestreckt, und die Fahrt hinauf schien kein Ende zu nehmen. Es kam uns vor, als ob wir den Col de Pomtiddlipom, oder wie diese Berge bei der Tour de France heißen, bezwingen mussten. Ich kann mich zwar nicht erinnern, dass Jan Ullrich sein Rad dort hinauf geschoben hat, aber das lag sicher daran, dass er sein Gepäck nicht selbst mitschleppen musste. Aber die Aussicht und der blüende Ginster entschädigten uns etwas Für die Mühen, und danach gab es eine herrlich lange Abfahrt, bei der einem richtig schön der Wind um die Ohren pfiff.

Am späten Nachmittag erreichten wir Jedburgh, „eine alte Stadt mit etlichen Häusern im schottischen Treppengiebel-Stil.“ Im Zentrum befinden sich eine Abtei aus dem 12. Jahrhundert, ein Schloss und das Haus, in dem Maria Stuart kurze Zeit gewohnt hat, worauf die Stadt besonders stolz ist. Im Prospekt wird besonders darauf hingewiesen, dass sie gesagt haben soll „Would that I had died in Jedburgh“. Außerdem befindet sich am südlichen Ortsausgang „The last shop in Scotland“.

Ein paar Rennradfahrer musterten uns respektvoll, als wir in die Ortschaft rollten, und fragten: „Have you come over the hill?“

Beim Einkaufen bekamen wir auch erstmals schottische Geldscheine zurück. Es gibt drei schottische Banken, die das Recht haben, Banknoten auszugeben: Die „Bank of Scotland“, die „Royal Bank of Scotland“ und die „Clydesdale Bank“. Diese Banknoten unterscheiden sich nicht nur von denen der „Bank of England“, sondern auch voneinander. Wie soll man da als Tourist noch wissen, welche echt sind? Ich würde mir vielleicht sogar einen Dreißig-Pfund-Schein andrehen lassen, ohne mich groß zu wundern. In England werden die Scheine theoretisch akzeptiert, allerdings habe ich gehört, dass es weiter im Süden praktisch nicht immer der Fall ist. Im Grenzgebiet gibt es da jedoch keine Schwierigkeiten. Die Ein-Pfund-Scheine, die es vor zehr Jahren auch noch gab, haben wir allerdings nicht mehr entdeckt.

Abends gingen wir noch in einem netten Pub essen, probierten die lokalen Biersorten aus und ich gedachte der Voll- und Teilzeit-Creatures, die sich an diesem Tag in Münster trafen – ohne mich. Mit einem guten Essen und ein paar Bierchen im Bauch schafften wir den Anstieg zum Campingplatz auch ohne Probleme. Allerdings ist der Biergenuss nur bedingt hilfreich, da sich bei mir kurz danach immer recht schnell eine gewisse Bettschwere einstellt.

Bei Heinz Ohff entdeckte ich übrigens eine kurze Einführung zum Thema Bier: „Dem deutschen Pils am ähnlichsten ist das Lager, das wenigstens gekühlt serviert wird und eine Andeutung von Schaumbildung aufweist. Die englischen Standardsorten Stout und Bitter, … werden lauwarm und ohne jeden Schaum (der als absolut unfein gilt) ins Glas gefüllt. Wenn Sie nur Beer bestellen, bekommen Sie übrigens nie Lager, sondern waschechtes Ale, das in England nach wie vor eigentliche Bier, das Bier aller Biere! Damen, die sich nach meinen Erfahrungen schwerer an das englische Bier gewöhnen als Männer, sei ein Shandy empfohlen, ein apartes Mischgetränk aus Bier und Limonade. Damit ist wohl bewiesen, was einige schon vermutet haben, die Verfasserin dieses Berichts ist keine Dame! Ich trinke die englischen Biere ausgesprochen gern, vor allem die dunkleren Sorten, und mit Limonade wird nicht gepanscht!

Am nächsten Morgen brachen wir ziemlich früh auf, da wir an diesem Tag unbedingt noch die schottische Hauptstadt erreichen wollten. Unterwegs statteten wir der Dryburgh Abbey, wo Sir Walter Scott begraben liegt, einen Besuch ab, und ich überlegte, ob ich vielleicht doch noch einmal einen Versuch unternehmen sollte, den Roman „Waverley“ zu lesen, ein Unterfangen, das ich während des Studiums, nachdem ich mehrmals den Faden verloren hatte und dann eingeschlafen war, aufgegeben hatte.

Nicht nur an diesem Tag fiel uns auf, dass zahlreiche Leute das schöne Wetter ausnützten und ihre Fensterrahmen und Türen strichen und ihre Dächer reparierten. Auch stellten wir fest, dass es noch ziemlich viele „echte“ rote Telefonzellen in dieser Gegend gibt. Sehr lobenswert.

Danach ging es weiter über Melrose und Galashiels auf die A7, die der kürzeste Weg nach Edinburgh war. Die Straße windet sich gemütlich am Gala Water entlang und die Steigungen halten sich einigermaßen in Grenzen. Auch der Verkehr war nicht allzu schlimm, was wohl vor allem daran lag, dass es Sonntag war.

Gegen Mittag sahen wir den Kirchturm des Dorfes Stow und dachten: „Wo Kirchen sind, sind auch Pubs nicht weit.“ Theoretisch war das auch so, doch das eine Pub existierte nicht mehr, und das andere war nicht geöffnet. Also kein Pub Lunch.

Wir schafften es tatsächlich, den Vorort Musselburgh zu finden, ohne in das Zentrum von Edinburgh zu geraten. Zum Campingplatz mussten wir uns allerdings durchfragen, da wie üblich erst kurz davor ein Schild stand. Es wird behauptet, dass Musselburgh die älteste Rennbahn und den ältesten Golfplatz der britischen Inseln besitzt. Ob es nun stimmt oder nicht, auf jeden Fall wurde der vorhandene Platz sehr effizient ausgenutzt. Der Golfplatz befindet sich nämlich in der Mitte der Anlage, und die Pferde rennen außen herum. Allerdings nehme ich nicht an, dass während der Rennen auch Golf gespielt werden darf.

Kategorien: 2004 - Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

The Borders 2004 – Teil 1

Seit einigen Tagen bin ich wieder aus dem Urlaub zurück: Nordostengland und die Borders. Einen Teil des diesjährigen Gebiets haben wir vor 12 Jahren schon einmal erkundet. Inzwischen habe ich den damaligen Bericht vervollständigt, und da ich öfter darauf verweisen möchte, zerre ich ihn mal nach oben und stelle den Rest ein.  Da ich die Fotos, die aus der Prä-Digital-Ära stammen, erst einscannen muss, habe ich das Ganze immer vor mit hergeschoben. Viel Spaß mit der Grenzwanderung durch die englisch-schottischen Borders.

The Borders: 20. Mai – 1. Juni 2004 (Newcastle – Edinburgh und zurück)

 Eigentlich hatten wir dieses Jahr nicht die Absicht gehabt, nach Großbritannien zu fahren. Doch irgendwie zog es mich halt wieder dorthin, und ich schlug Peter vor, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten einen Kurzurlaub zu machen, mit dem Rad natürlich. Erst hatten wir überlegt, von Newcastle nach Hull zu radeln, doch dann entdeckte ich in einem „Lonely-Planet“-Radführer ein paar Routenvorschläge, die sich gut mit denen in dem Buch „Schottland per Rad“ (Kettler-Verlag) zu einer Tour nach Edinburgh und zurück kombinieren ließen. Und notfalls könnten wir ja immer noch ein Stück mit der Bahn fahren.

Die größten Sorgen bereiteten mir die Strecken durch Newcastle und die im Lonely-Planet-Führer dargestellte Coast-and-Castle-Route. Newcastle ist eine große Stadt mit viel Verkehr und nicht als allzu radfahrerfreundlich bekannt, und die Küstenroute war so kompliziert beschrieben, dass wir sie in Gegenrichtung unmöglich finden würden. Doch im Internet wurde ich fündig: Es gibt einen ausgeschilderten „traffic-free“ Radweg am Tyne-Ufer entlang, und auch die Küstenstrecke ist beschildert, in beiden Richtungen, wie man mir versicherte. Also alles wunderbar – oder?

Die große Überfahrt

Am Morgen des Himmelfahrtstages fuhren wir mit dem Zug nach Driehuis, dem Bahnhof, der dem Fährhafen am nächsten liegt. Das Umsteigen in Amsterdam war etwas kompliziert, da sie die Rolltreppen umbauten und  der Bahnsteiglift so klein ist, dass man sein Rad hochkant hineinstellen muss, was mit Gepäck nicht gerade einfach ist. Auf der Rückfahrt entdeckten wir, dass es am anderen Ende des Bahnsteigs durchaus funktionierende Rolltreppen gibt.

Von Driehuis aus fuhren wir über zahlreiche Umwege zum Hafen, wo die Hochöfen von Corus auch am Feiertag ihren nicht allzu gesund aussehenden und riechenden Rauch in die Lüfte bliesen. Da wir mal wieder alle möglichen Probleme, die nicht auftraten, eingeplant hatten, waren wir viel zu früh am Terminal und mussten dementsprechend lange warten. Unser Schiff, die „Duke of Scandinavia“ der Reederei DFDS Seaways, lag schon im Hafen.  Währenddessen rollten unheimlich viele Motorräder aus allen möglichen Gegenden in allen Größen, Farben und Varianten an. Erst dachten wir an ein Bikertreffen, aber die Leute, die wir fragten, wussten von nichts und machten nur Urlaub, und auch später auf der Insel konnten wir keinen Hinweis auf ein derartiges Ereignis entdecken.

Endlich ging das Einschiffen los, aber anders als in Hoek van Holland oder Rotterdam, wo man als erstes die Fahrräder reinrollen lässt, mussten wir hier bis fast zum Schluss warten. An Bord gab es noch eine ziemliche Schlepperei, da wir die Räder abpackten und alles mit in die Kabine nahmen. Später stellten wir fest, dass das Cardeck während der Fahrt abgeschlossen wird, und beschlossen, bei der Rückfahrt alles so einzupacken, dass wir nur noch eine Tasche mitnehmen mussten.

Da wir Weihnachten 1998 auf dieser Strecke in die „Boxing Day Storms“ geraten und entsprechend seekrank geworden waren, hatte Peter diesmal Tabletten mitgenommen. Das Bierchen zum Abendessen musste allerdings gestrichen werden, da man das Zeugs nicht zusammen mit Alkohol einnehmen soll.

Das Abendessen, ein „Skandinavisches Bufett“, war jedenfalls phantastisch. Nach dem Essen begaben wir uns in die Bar, wo es diverse Showeinlagen mit Gesang und Tanz gab. Wie so oft wusste ich bei einigen Beiträgen nicht, ob sie eine Parodie sein sollten oder ernst gemeint waren. Unterhaltsam war es auf jeden Fall. Gegen Mitternacht zogen wir uns dann in unsere Kabine zurück.

Wir schliefen recht gut, bis wir um sieben Uhr von einer Lautsprecherstimme geweckt wurden, die uns mitteilte, dass das Frühstück serviert wurde. Sie klang wie eine meiner Kolleginnen, so dass mein erster Gedanke war: „Nicht jetzt, ich habe Urlaub“. Wegen der nicht allzu guten Luft im unteren Deck fühlte ich mich etwas unwohl, und so nahm ich eine von Peters Tabletten. Ich habe keine Ahnung, ob sie bei mir nicht geholfen hat oder ob es mir ohne noch schlechter gegangen wäre, auf jeden Fall war ich gar nicht in Form, was das Frühstück anging. Allerdings steht auch nirgends in der Packungsbeilage, dass man nach der Einnahme sofort ein „Full English Breakfast“ verspeisen kann. Daran könnte noch gearbeitet werden.

Nach dem Frühstück wurde auch das Cardeck wieder geöffnet, und wir konnten unsere Räder wieder bepacken. Kurz danach konnten wir das Schiff verlassen.

Kategorien: 2004 - Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub

Seit einer Woche sind wir wieder zurück von unserem Urlaub in Nordengland und den schottischen Borders. Es war sehr schön und auch ziemlich aufregend. Wir hatten das Vergnügen, das ganze Brexit-Gedöns live und in Farbe mitverfolgen zu dürfen. Inzwischen wissen wir ja, wie das Referendum ausgegangen ist, aber in meinen Aufzeichnungen für den Reisebericht finden sich zahlreiche „Brexit-Quotes of the Day“, die die Entwicklung recht gut illustrieren.

Das Wetter war durchwachsen, aber immerhin besser als hier. Selbstverständlich hatten wir auch die üblichen Pleiten, Pech und Pannen (Schaden an den Rädern, unnötige Extrakilometer, eine saftige Erkältung und dergleichen mehr), aber auch wunderschöne Fahrten durch atemberaubende Landschaft bei Premiumwetter, tolle Kathedralen, Schlösser und Museen, interessante Städte und viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Die Gegend, die wir durchradelt haben, ist alles mögliche, aber nicht flach, so dass das Radeln (oder Schieben) oft eine ganz schöne Viecherei war. Die Stimmung variierte dann von „Mann, ich bin zu alt für den Scheiß“ bis „Ha! Und wo ist mein gepunktetes Trikot?“ und allen Zwischenstufen.

Insgesamt kann man den Urlaub wohl mit den Worten „Irgendwas ist immer“ zusammenfassen.

Frühstücksbrett "Irgendwas ist immer"

Selbstverständlich haben wir auch unser Bag-Art-Projekt weitergeführt.

Im Lauf der nächsten Wochen werde ich hoffentlich dazu kommen, meinen Reisebericht zu basteln. Aber damit ihr euch nicht langweilt, zerre ich erst mal den inzwischen kompletten Borders-Reisebericht von 2004 nach oben, da ich öfter darauf verweisen werde. Die Fotos sind noch analog und eingescannt, die Qualität ist also nicht die allerbeste, und sie sind auch nicht sehr zahlreich. Aber der gute Wille zählt.

Einige der Strecken von 2004 sind wir diesmal wieder gefahren, aber irgendwie kamen sie uns damals einfacher vor. Wahrscheinlich verklärt die Erinnerung die Strapazen. Einen direkten Zusammenhang mit der Tatsache, dass besagte Tour 12 Jahre her ist, möchte ich allerdings nicht komplett ausschließen.😉

Kategorien: 2016 - Nordostengland und Borders | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 50 Followern an