Kultur in Gronau: Nachteinblicke

Gestern waren wir mal wieder in kultureller Mission auf der anderen Seite der Grenze unterwegs. In Gronau fand nämlich das Kulturspektakel „Nachteinblicke“ statt. Das Konzept an sich ist schon sehr interessant: Von 19 Uhr bis 1 Uhr finden an dreizehn Veranstaltungsorten in Gronau und Epe kurze Auftritte aller Art statt: Musik, Tanz, Kabarett, Dichterlesungen etc. Jeder Teilnehmer tritt im Laufe des Abends an drei verschiedenen Orten auf.

Die meisten Orte liegen nicht weit auseinander, und nach Epe fährt ein Shuttlebus, so dass man einfach von einem Auftritt zum nächsten wechseln kann. Es ist aber auch möglich, den ganzen Abend an einem Ort zu bleiben, da überall ein vielseitiger Mix an Genres angeboten wird. Und da das Spektakel in der Nacht stattfindet, sind die „locations“ auch noch beleuchtet, was für eine besondere Stimmung sorgt.

Aus dem recht umfangreichen Programm hatten wir im Vorfeld drei Gruppen ausgesucht, die wir unbedingt sehen wollten: Das Saxohponensemble der Musikschule, den Frauenchor „Bella Donna“ und die Barbershop-Formation „Tafelrunde“. Außerdem wollte ich auf jeden Fall in die Bibliothek. Ausgehend von diesen Eckpunkten stellten wir unsere Route zusammen, und der Rest würde sich ergeben.

St. Antonius

Wir starteten also um 19 Uhr in der Antoniuskirche mit dem Orgel-Trompeten-Duo T. Szöcs und A. Sander, die unterschiedliche Musikrichtungen präsentierten. Ich mag die Kombination Orgel und Trompete. Auf Wunsch des Gatten blieben wir noch sitzen, um den Gronauer Männerchor zu hören. Die Herren boten das klassische Männcherchor-Repertoire von Liebe, Herz und Schmerz, aber auch eine schöne Version des Udo-Jürgens-Schlagers „Ein ehrenwertes Haus.

Dann wurde es Zeit, um zur Evangelischen Stadtkirche weiter zu ziehen, wo Ute mit dem Saxophon-Ensemble auftrat. Die neunköpfige Gruppe zeigte, wie vielfältig ein Saxophon sein kann. Sie spielten Klassik, Jazz, bekannte Hits und Gospels, und wir lernten auch noch einiges über die verschiedenen des Saxophons, das übrigens ein Holzblasinstrument ist.

Stadtkirche Stadtkirche2

Danach gingen wir zur Stadtbücherei, wo man schon von weitem das Perkussionsensemble der Musikschule hören konnte. Auch wer nicht wusste, wo die Bücherei ist, konnte sie unmöglich verfehlen. Normalerweise ist eine Bibliothek ja ein Ort der Stille, nur nicht an diesem Abend. Und die Bibliothekarinnen saßen an ihren Ausgabeschaltern, verkauften Getränke und freuten sich über das zahlreiche Publikum.

Bibliothek Bibliothek2

Nach dem Auftritt der Trommler wurde es wieder ruhiger. Der Schriftsteller Alfons Huckebrink aus Münster las einige seiner „Kürzestgeschichten“ vor. Dabei geht es um skurrile Begegnungen in der Bahn, Wortspiele mit Autokennzeichen, Beobachtungen im Museum und die Frage, wem nun eigentlich die Grünphase an der Ampel gehört.

Dann gingen wir wieder zurück zur Stadtkirche, wo nacheinander die Frauenchöre „Klangvoll“ und „Bella Donna“ auftraten. „Klangvoll“ sang bekannte Evergreens, während „Bella Donna“ einige klassische Stücke und eine wunderschöne Version von „Der Mond ist aufgegangen“ zu Gehör brachten. Hier sind wirklich ein paar sehr schöne Stimmen dabei.

Glashaus

Nun wurde es Zeit für einen uns noch unbekannten Veranstaltungsort, das Glashaus, wo wir Reinhold und die „Tafelrunde“ sehen wollten. Das Gebäude gibt es auch erst seit 2013, es kann also vorkommen, dass man es noch nicht kennt. Da es sich aber in der Nähe des rock’n’popmuseums befindet, war es nicht schwer zu finden. Und dort machten wir die Entdeckung des Abends: die Schriftstellerin (und Gymnasiallehrerin) Theresa Sperling aus Nordhorn. Unbelastet von jedem Vorwissen ließ ich ihre Texte auf mich wirken. Ich werde auch jetzt nicht googeln, wie andere sie einordnen, sondern ungefiltert meine Eindrücke und Assoziationen aufschreiben.

Ihre Texte, die voll aus dem Leben gegriffen sind, halten die Mitte zwischen Poesie und Prosa und lassen mich an Textil denken. Rhythmisch, wie ein Schiffchen durch den Webstuhl schießt, bilden sich die Zeilen, und wie das Flüchtlingsmädchen Amilija in einem ihrer Texte webt sie mit Sprache. Die häufig verwendeten Reime geben den Texten eine Struktur, die sich aber ständig ändert, so dass vor meinen geistigen Auge ein subtil changierendes Gewebe entsteht:

„Zu Hause ist es nicht leicht,
ihr neues Zuhause wird der Klassenraum.
Dass die anderen mit ihr spielen wollen,
wird ihr geheimer Zaubertraum,
Ihr noch weitmaschiges Wörternetz
Wirkt wie ein warmer, weicher Flaum,
ein unsichtbarer Sicherheitssaum,
lässt sie sicher sein, dass sie ein Recht darauf hat,
nach vorne zu schauen,
lässt ihre Augen ein gerechtes Land sehen
und in dieses Land vertrauen.“

Und ich glaube, ich bin nicht die einzige, die der Schluss dieses Textes tief berührt zurückgelassen hat:

„Ich weiß nicht wirklich viel,
bin ja nur ein Wirtschaftsflüchtlingskind
und wurde sehr schnell abgeschoben,
aber einige Worte habe ich mir
wie ein Fallnetz unter mein Herz gewoben.
Sie sind das Ende eines langen Fadens,
der dunkelrot ist und nie bricht.
Hier sind meine Worte,
bitte vergessen Sie sie nicht:
Menschen kann man abschieben,
ihre Träume aber nicht.“

Hier ist also wieder Lesestoff für meine Wunschliste, und wenn sie wieder hier in der Nähe liest und es zeitlich passt, möchte ich gerne wieder vorbeischauen.

Nach diesem wirklich tollen Auftritt gab es noch einen etwas leichteren Schluss, nämlich die Barbershop-Formation „Tafelrunde“. Sechs Herren mit viel Spaß am Singen trugen a capella launige Stücke wie „Ich wollt, ich wär ein Huhn“, „Lass mich dein Badewasser schlürfen“ und dergleichen vor.

Glashaus2

Danach war der Abend zu Ende, und wir begaben uns über den dunklen Weg zurück zur Stadt – Mindfulness purst! Das Konzept der kurzen Auftritte und verschiedenen „locations“ ist sehr gelungen, und jeder einzelne Auftritt war wirklich gut. Man kann an verschiedenen Genres schnuppern, und wenn einem etwas nicht so zusagt, kann man gehen, ohne dass es jemand übel nimmt, und es kommt auch bald wieder etwas Neues. Die „Nachteinblicke 2017“ sind auf jeden Fall schon vorgemerkt.

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